»Ach nein,« sage ich, »ich weiß mich frei von der Schwäche
psychologischer Neugier und danke Gott täglich, daß er den Menschen
die Gabe verliehen hat, ihre wahren Gesichter zu verbergen. Denn Erich,
wirklich, bei Licht besehen, es ist ein Pack.«
»Und nur wir beide nicht?« fragt er.
»Ach, wir beide auch,« antworte ich, »aber von den Anwesenden spricht
man nicht gern, und deshalb sagt man auch immer, sie sind ausgeschlossen.«
Wir fahren eine Weile schweigend weiter, endlich sagt Erich, wie mir
scheint, etwas verdrossen: »Eins begreife ich nicht und ärgere mich
darüber, -- nämlich, was Sie zu dem abfälligen Urteil über Ihre
Mitmenschen berechtigt. Die Erfahrungen, die Sie bisher gemacht haben,
sollten doch gerade danach angetan sein --«
»Lieber Freund,« unterbreche ich ihn, »was wissen Sie von meinen
Erfahrungen, da Sie nur die Seite von mir und meinem Leben kennen, die
Ihnen zugekehrt ist? -- Aber selbst, wenn Sie recht hätten, wäre es doch
nichts als Bestechlichkeit, wenn ich Welt und Menschen deshalb im rosigen
Schein sehen wollte, weil mir's gut geht, und weil man mich nach mancherlei
Richtung hin verwöhnt hat. Es wäre eine ziemlich oberflächliche
Bestechlichkeit, deren ich mich nicht schuldig machen will; trotzdem
ich mich ganz gewiß nicht für unbestechlich halte. -- Ebensowenig wie
irgendeinen Menschen auf der Welt.«
Erich schüttelt ungeduldig den Kopf: »Ich weiß, daß es Ihre Gewohnheit
ist, große Worte gelassen auszusprechen, aber ich glaube, dies große
Wort von der Bestechlichkeit aller Erdenkinder werden Sie doch nicht
aufrechterhalten können. Sie werden trotz Ihrer pessimistischen
Weltanschauung zugeben müssen, daß es Menschen unter uns gibt, die
niemand bestechen kann.«
»Ja,« sage ich, »das gebe ich ohne weiteres zu. Niemand kann sie
bestechen, weil niemand ihnen den Preis bieten kann, für den sie zu haben
wären. Ich spreche natürlich nicht von Geld, denn es gibt ja Leute genug,
die so viel Geld haben, daß sie damit nicht zu ködern sind. -- Aber wir
alle haben Wünsche, die so brennend und tief sind, daß wir für ihre
Erfüllung unsere Ehre und unsere sogenannte Seligkeit über Bord
würfen. -- Da aber ein Mensch dem anderen niemals das geben oder auch nur
versprechen kann, was dieses Opfer lohnt, so bleiben wir unbestochen bis an
unser Lebensende, Gott sei's geklagt. --«
»Vielleicht Gott sei gelobt,« meint Erich altklug, »denn wir wissen es
ja, daß erfüllte Wünsche meist eine grausame Strafe sind. -- Und doch,«
fährt er nachdenklich fort, »Sie haben recht. Trotzdem wir es wissen,
wir gäben Ehre und Seligkeit und ein paar Jahre unseres Lebens für die
Erfüllung.«
»Ja,« antworte ich zögernd, »Ehre und Seligkeit gewiß, -- aber ein
paar Jahre meines Lebens? -- Oder,« füge ich plötzlich ganz erleichtert
hinzu, »wenn es vielleicht ein paar aus meiner Vergangenheit sein
dürften?«
Erich lacht herzlich. »So fassen Frauen das selbstverständlich immer auf,
wenn sie für irgend etwas Jahre ihres Lebens zu opfern bereit sind. --
Aber sind Sie wirklich so ängstlich besorgt um die zukünftigen?«
»Ach ja, Erich, denn es ist ohnehin immer schon später als wir glauben.«
Erich hat das Ruder eingezogen, und wir treiben jetzt in dem kleinen,
fast ganz von Gärten eingeschlossenen See langsam im Kreise. Ich habe die
Zigarette über Bord geworfen und die Hände um die Knie geschlungen.
»Wissen Sie, Erich,« seufze ich, »es ist sonderbar mit dem Altwerden, es
ist das leichteste und das schwerste Ding zugleich.« Er nickt. -- »Aber
mir ist's doch immer so, als müßte es nicht sein, daß fast alle Menschen
vom dreißigsten Jahr an geistig zu schrumpfen anfangen,« sagt er, »denn
leider tun sie das.«
»Nun ja,« antworte ich, »man hält zu oft für Temperament oder
Begabung, was nur Jugend ist und schnell verschwindet, sobald der Mann
Amt und Brot, und die Frau einen Mann gefunden hat. Erst wenn ein Mensch
darüber hinaus den Schwung seines Wesens bewahrt hat, kann man sagen, daß
er echt gewesen ist. Wie ja auch die körperliche Anmut einer Frau erst
dann mehr ist als etwas zufällig Angeflogenes, wenn sie die Jugend
überdauert, weil sie sich immer wieder von innen heraus durch seelische
Kräfte erneut.«
»Ja,« sagt Erich seufzend, »wenn es so eine Art seelische Kosmetik oder
Massage gäbe --«
»Die gibt es sicher,« tröste ich ihn, »eine sehr gute Seelenmassage
ist zum Beispiel schon die Liebe. Aber um Himmels willen keine glückliche,
denn die bewirkt gerade das Gegenteil --, führt leicht zu Ehe, Schlafrock
und Kinderkriegen, und unmerklich aber sicher ins Himmelreich der
Philister. Aber so eine recht unglückliche Liebe, sehen Sie --«
Ich breche erschrocken ab, denn Erich lächelt gar zu wehmütig und
schelmisch zugleich.
»Erich,« sage ich und starre ihn entsetzt an, »um Himmels willen, Sie
auch?«
Er wendet mir langsam sein liebes und ehrliches Gesicht zu und nickt ...
»Wie habe ich meine Maske getragen?« fragt er leise.
»Das ist nun mal mein Fimmel --«
[Illustration]
Die Mittagstafel im Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete geht ihrem
Ende zu. Ja, der Doktor ist sogar schon aufgestanden, und während ein Teil
der Gäste noch mit dem Pudding beschäftigt ist, steht er, die Hände
auf die Lehne gestützt, hinter seinem Stuhl im Gespräch mit dem großen
Dichter und der interessanten Frau, die ihm täglich gegenüber sitzen.
Er spricht lebhaft und angeregt, bricht aber plötzlich mittendrin ab,
überfliegt die Tafel mit einem zerstreuten Blick, der scheinbar nichts
aufnimmt und zieht sich zurück, ohne sich von jemandem zu verabschieden.
Gleich darauf erheben sich auch die Gäste, und während man sich dem
Ausgang zudrängt, vermischen sich die zwei sonst streng geschiedenen
Tische, der Tisch der Geistigen und der Tisch der Harmlosen, und das
Stimmengeschwirr geht lauter hin und her.
»Hie weise Reden, hie Gelalle, -- ich leg' mich in die Liegehalle,« sagt
jemand neben mir, und da ich den Schüttelreimfimmel des sehr gesprächigen
kleinen Assessors schon seit Wochen kenne, sage ich nur gewohnheitsmäßig:
»Schauderhaft!« und füge gleich hinzu: »Ich komme aber mit hinauf, muß
jetzt auch liegehallen.«
Bald darauf haben wir's uns mit Hilfe von Kissen und Decken in unseren
Liegestühlen bequem gemacht, und Fritz Burmeister sagt: »Na, bei Ihnen da
drüben am Tisch der Berufenen und Auserwählten ging's ja heute wieder mal
verflucht kriegerisch zu. Mir dröhnen noch die Ohren. Um welche heiligsten
Güter wogte denn der Kampf so geräuschvoll hin und her?«
»Sie hatten heute Dostojewsky vor,« berichte ich seufzend und streife
die Asche von meiner Zigarette. »Die Brüder Karamasow waren dran, und
sie stritten darüber, ob das Buch mehr typisch russisch oder mehr
typisch menschlich sei. Und dabei kamen sie auf das typisch Menschliche
im allgemeinen zu sprechen, und der große und der kleine Dichter gerieten
einander in die Haare, und da ich gerade zwischen den beiden sitze, geriet
ich in die Gefahr, im Interesse der typischen Menschlichkeit zerquetscht
oder erschlagen zu werden.«
»Traurig, traurig,« sagt der kleine Assessor, »aber warum krakehlen
Sie nicht mit? Das ist gewöhnlich die einzige Rettung. Ich könnte es ja
natürlich nicht, denn ich lese keine russischen Romane. Nicht etwa aus
irgendeinem patriotischen oder moralischen Prinzip heraus, nein einfach
nur, weil ich die Namen darin nicht behalten kann. Wenn nämlich der eine
Fedor Alexandrowitsch heißt und ein anständiger Mann ist, dann heißt der
andere unfehlbar Alexander Fedorowitsch und ist ein Schurke, und ich bin
mir am Schluß des Buches immer noch unklar darüber, wer der eine und wer
der andere war. Aber Sie mit Ihrem glänzenden Namengedächtnis --«
»Ach, darauf kommt es nicht an,« sage ich, »und Sie hätten ruhig
mitreden können. Man kann nämlich das Blödsinnigste sagen, ohne daß
einer es merkt. Heute tat ich nur deshalb nicht mit, weil ich essen
wollte.«
»Was sicher das typisch Menschlichste an der Sache war,« entscheidet
er und fährt fort: »Ich begreife überhaupt nicht, wie man die
Geschmacklosigkeit haben kann, bei Tisch Welträtsel zu lösen!«
»Ach, wenn die Beefsteaks so hart sind wie gestern abend, dann löse
ich gern mit,« erkläre ich ihm. »Es war einfach unerhört, die reinen
Schuhsohlen! Der große Dichter war auch empört und mußte kohlensaures
Natron hinterher nehmen.«
Burmeister schweigt einen Augenblick, und ich sehe ihn erstaunt ob der
ungewohnten Pause an. Da hebt er aber auch schon den Zeigefinger und
deklamiert pathetisch:
»Er sprach, ich bin kein Sohlenkauer, drauf nahm er Natron kohlensauer.«
-- »Schauderhaft,« sage ich, und er antwortet mit dem treuherzigen
Sanatoriumspruch, der hier all unsere Sünden decken muß:
»Das ist nun mal mein Fimmel, deshalb bin ich hier! --
Übrigens,« fährt er fort, »zeigt es sich nach Ihrer Aussage wieder
einmal deutlich, daß die Lösung des Welträtsels nur eine Magenfrage
ist, und wer weiß, wie nahe wir morgen mit Hilfe des Beefsteaks
der endgültigen Entscheidung kommen. -- Wie verhält sich aber Ihre
Tischgesellschaft zu dem schwierigen Problem der gleichzeitigen geistigen
und leiblichen Ernährung?«
»Sie löst es spielend,« antworte ich. »Der große Dichter spricht immer
kauend, wodurch der Sinn seiner Reden nicht klarer wird, der kleine ist
für sehr reichliche Nahrungsaufnahme, aber er beeilt sich kolossal,
schiebt mir oder seiner Nachbarin zur Linken schnell seine abgegessenen
Teller hin und stürzt sich kopfüber ins Gespräch. Der Doktor ißt ja
überhaupt fast nichts aus lauter Zerstreutheit und ist zufrieden und
glücklich, wenn er, wie jener sagenhafte Heinrich, jeden Mittag wenigstens
einen Dichter im Topf hat.«
»Erlauben Sie,« wendet Burmeister höflich ein, »es war ein Huhn, das
jener sagenhafte und ziemlich weltfremde Heinrich jeden Sonntag im Topf
seiner Untertanen zu sehen wünschte; und ich hege einen zu großen Respekt
vor allem, was sich dichtend betätigt, um diese Verwechslung gutheißen zu
können. -- Ich als simpler Bürger --«
»Ich bitte Sie, ein preußischer Regierungsassessor,« erinnere ich ihn,
aber er wehrt nervös ab: »Ach bitte, bitte! Ich bin, wie Sie wissen, ohne
jeden Standeshochmut. Und überhaupt, preußischer Assessor, das höre ich
gern! Welche gräßlichen Vorstellungen knüpfen sich an dieses Wort! Ein
unsympathischer und streberhafter Geselle ohne Gemüt und Idealismus, so
leben wir in jedem deutschen Roman, so laufen wir durch jedes deutsche
Drama.
Immer müssen wir die undankbaren Episodenrollen spielen, sind sozusagen
die Schlagschatten, durch die die Lichtgestalt des Helden um so leuchtender
erscheint. Und ich weiß nicht einmal, warum die Volksseele auf diese
frevelhafte Weise vergiftet wird. -- Wir sind eben die Stiefkinder der
Literatur,« setzt er in so tragischem Ton hinzu, daß ich gerührt
werde und ihm verspreche, demnächst ein Drama zu schreiben, das
eine Ehrenrettung sämtlicher Assessoren der Welt mit besonderer
Berücksichtigung Preußens werden solle.
»Ich danke Ihnen,« antwortet er und verbeugt sich, soweit der Liegestuhl
es zuläßt. »Es wird eine befreiende Tat sein. -- Apropos befreiende
Tat,« fährt er lebhaft fort, »hat sich denn immer noch niemand im
Sanatorium dazu bereit finden können, die interessante Frau, die an Ihrer
Tischecke da oben sitzt und in eminenter Geistigkeit macht, geräuschlos
aus der Welt zu schaffen?«
»Ach nein,« antworte ich, »Sie vergessen, daß wir leider alle noch
nicht in dem vorgeschrittenen Stadium sind, in dem der Staatsanwalt und die
Geschworenen auf Freisprechung erkennen müssen.«
»Traurig, traurig!« sagt er und überlegt. »Was ist denn alles hier an
schönen Sachen? Vollkommene Geistesgestörtheit? Nein. Totaler Stumpfsinn?
Schon eher, aber das gibt höchstens lumpige mildernde Umstände.
Vielleicht ginge es mit sinnlosen Wutanfällen. Und ich bin sicher, vor
jedem Gerichtshof der Welt Verständnis zu finden, wenn ich behaupte, daß
diese Trägerin eminenter Geistigkeit und noch eminenterer Dummheit
mich täglich in sinnlose Wut versetzt, wenn sie ihre unkontrollierbaren
indischen und chinesischen Weisen in den Himmel hebt und mit verächtlich
herabgezogenen Mundwinkeln von dem langweiligen Moralphilister Kant, dem
verwirrten Schwätzer Nietzsche und dem salbadernden Geheimrat Goethe
spricht. Kein Gerichtshof der Welt --«
»Tun Sie's trotzdem nicht,« unterbreche ich ihn. »Ihr Klaps ist leider
noch nicht vorgeschritten genug, um vor den Sachverständigen zu bestehen.
Und schließlich, was tut sie Schlimmes? Wenn sie nicht gerade ihre
Verachtung für alles Europäische kundgibt, oder mit dem kleinen Dichter
über Fragen des Unterbewußtseins diskutiert, ist sie harmlos. Sie spielt
die Kosmopolitin, seitdem sie mit ihrem Mann ein paar Wochen in China war
oder in Australien, was ja schließlich dasselbe ist. --«
»Erlauben Sie mal!« fährt er entsetzt in seinem Stuhl hoch. »Ich
meine ja nur, was den Effekt betrifft,« beruhige ich ihn. -- »Und das
Unterbewußte, das ist nun einmal des kleinen Dichters Steckenpferd.«
»Ich weiß,« sagt Burmeister bekümmert, »Ihr Tischgenosse Janssen
hat mir erzählt, daß er ihn schon zweimal mit der Frage nach seinem
unterbewußten Empfinden in die tödlichste Verlegenheit versetzt hat.
Janssen fand das gemein und anstößig, noch dazu in Gegenwart von
Damen und nennt den kleinen Dichter seitdem nur noch ›Mayer mit dem
Unterbewußten‹.«
Hier muß ich so laut herauslachen, daß eine der Hausdamen den Kopf zur
Tür hereinsteckt und daran erinnert, daß Ruhezeit ist, und daß man uns
im ganzen Haus hören könne.
»Das spricht für die Harmlosigkeit unserer Unterhaltung,« versichert
Burmeister treuherzig, schiebt aber mit Rücksicht auf das ganze
Haus unsere Stühle so dicht wie möglich zusammen und fragt mich im
Flüsterton, ob ich Janssens Auffassung nicht sehr berechtigt fände.
»Mir scheint,« sage ich, »der Gute sucht sich an der ganzen Literatur
dafür zu rächen, daß die Worte ›Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist
schwer‹ nicht in der Jungfrau von Orleans vorkommen, wie er neulich
behauptet und beinahe beschworen hat.«
»Sie könnten auch ganz gut da vorkommen,« verteidigt der Assessor seinen
Freund. »Und überhaupt, Schiller oder Goethe, so feine Nuancen braucht
man wirklich nicht zu kennen. Mich quält aber schon seit Wochen eine
andere Frage und zwar, welchen Befähigungsnachweis Janssen erbracht hat,
um an Ihrem Tisch aufgenommen zu werden.«
»Es war wohl hohe Protektion dabei im Spiel, wie bei mir auch,« antworte
ich. »Der Doktor glaubte, mir damit gutzutun, und dabei blicke ich doch
immer voll Sehnsucht zu Ihnen hinüber --«
Burmeister verneigt sich. »Ich meine natürlich zu Ihrem Tisch, dem Tisch
der Harmlosen, dem Tisch der holden Gewöhnlichkeit, wie Thomas Mann alias
Tonio Kröger sagen würde. Es ist oft so abspannend bei uns.«
»Ach, glauben Sie ja nicht, daß es bei uns leichter ist,« warnt er
eifrig. »Es ist ein aufreibendes Stück Arbeit, bis zum Beispiel jeder
Kurgast jeden Kurgast davon überzeugt hat, was für eine vornehme
Persönlichkeit er in Berlin oder Stettin oder Frankfurt ist, und ich weiß
nicht, ob die Sache dadurch einfacher oder komplizierter wird, daß jeder
nur zuhört, solange er selber redet und voll Sehnsucht diesem Moment
entgegenlebt, solange ein anderer das Wort hat.«
»Ich finde, Sie sind ein bißchen überheblich, Burmeister,« sage ich.
»Sie müssen doch immer bedenken, daß wir uns in einem Sanatorium für
Nervöse und Überarbeitete aufhalten.«
»Ja richtig,« antwortet er, »und dabei fällt mir ein, daß ich Sie
schon lange etwas fragen wollte, und zwar etwas sehr Plumpes und Taktloses,
wie ich vorausschicken muß. Ich fühle mich dabei lebhaft in die Zeit
meiner ersten Kinderkostümfeste versetzt, bei denen ich es, trotz
mütterlicher Ermahnungen, nie unterlassen konnte, an alle mich umgebenden
Masken mit der taktlosen Frage heranzutreten: ›Als was bist du eigentlich
hier?‹ Was die verschiedenen Spanier, Rotkäppchen und Schornsteinfeger
jedesmal in peinliche Verwirrung versetzte. Also, gnädige Frau, nehmen
Sie's nicht übel, Sie sind so staunenswert unnervös, eine Wortbildung,
die es eigentlich nicht gibt, und für die demnach kein starkes Bedürfnis
vorzuliegen scheint, und vor dem Gedanken, daß Sie sich jemals im Leben
überarbeitet haben, schreckt die kühnste Phantasie zurück. Also, ich
kann nicht anders: Als was sind Sie eigentlich hier?«
»Lieber Herr Burmeister,« sage ich, »ich wußte natürlich, daß diese
Frage kommen würde, und habe mir während Ihrer schönen Einleitung
überlegt, ob ich sie beantworten darf. Es ist nämlich ein Geheimnis dabei
im Spiel.«
»Oh, ein Geheimnis?« fragt er eifrig. »Rätsel zu lösen, war von jeher
meine Spezialität. Hat man etwa die Absicht, Sie langsam durch kohlensaure
Bäder, Hypnose und schwedische Heilgymnastik aus der Welt zu schaffen, um
einer ungeheuren Erbschaft oder gemeingefährlicher Dokumente willen?
Oder sind Sie vielleicht als Polizeispitzel tätig und beauftragt, einer
Eheirrung aus allerhöchsten Kreisen auf die Spur zu kommen? Oder in
diplomatischer Mission, um etwas über die Stärke unserer Militärmacht
oder über den Stand unserer auswärtigen Beziehungen auszukundschaften?
Oder hat man --«
»Um Gottes willen Schluß!« rufe ich, »ich hänge den Hörer an. Und ich
will's Ihnen lieber anvertrauen, ehe Sie sich ganz und gar ins Reich der
unbegrenzten Möglichkeiten verlieren: Ich bin wirklich partiell gesund,
ich bin nur hier, um Studien zu machen --«
»Ah,« macht er verständnisvoll, »für das Drama, das eine Ehrenrettung
der preußischen Justizbeamten werden soll. Ich muß gestehen, Sie hätten
sich für Ihre Studien keinen besseren Platz wählen können. Und jetzt
begreife ich auch, warum Ihr alter Freund, der Doktor, Sie mitten zwischen
die Dichter und Denker gesetzt hat. Er nimmt an, daß die Dichtkunst eine
Art ansteckender Krankheit sei, vielmehr ein Bazillus, der bei häufiger
Berührung der Ellenbogen, oder so, von einem zum anderen überspringt und
eine verheerende Wirkung ausübt. Traurig, traurig! Mich tröstet nur
die Gewißheit, daß es Menschen gibt, die gegen die entsetzlichsten
Krankheiten immun sind, und -- ohne Ihnen schmeicheln zu wollen -- ich
halte Sie für immun gegen alles, was mit Dichtkunst zusammenhängt.«
»Traurig, traurig!« sage ich. »So könnte ich also mit Domingo aus dem
Don Carlos, oder wenn Sie lieber wollen aus der Iphigenie sprechen: ›Wir
sind vergebens hier gewesen‹.«