[Illustration]
Ein unbeschreiblicher Reiz liegt über der Alster, wenn sie an warmen
Sommerabenden mit unzähligen kleinen Fahrzeugen übersät ist, wenn die
Ruder- und Segelboote, Punts und Kanus lustig durcheinanderschießen, und
junge Gestalten in bunten Sportgewändern einander zurufen und nicken und
plaudern und lachen und flirten, als wäre die Welt ein großer Festplatz
und Leben der entzückendste Sport.
Aber ein anderer, feinerer Reiz liegt über der Alster, wenn man an lieben
Sommermorgenden langsam durch ihre stillen Kanäle fährt. Gärten rechts
und links, Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hängen, Schwäne, die
sich langsam dem Boot nähern, und die ein leichter Ruderschlag wieder
vertreibt. Hier und da Kinder in den Gärten und ein kleiner Hund, der ans
Ufer kommt und bellt. Und wir gleiten an all dem vorbei, und es ist wie im
Märchenland.
»Andersens Märchen,« sage ich, und Erich Halpern sieht nach dem Ufer
hinüber und nickt. Er sitzt an der Spitze des Punts, in weißem Sportanzug
mit bunter Krawatte und braunem Wildledergürtel, frisch, klug und
hamburgisch aussehend. Langsam und wie zum Spiel läßt er das leichte
Ruder durchs Wasser gleiten, während ich mir am Boden des Fahrzeuges
zwischen den unzähligen bunten Kissen und Polstern mein bequemes Lager
hergerichtet habe. --
»Hier müßte man Märchen erleben,« sagt er lächelnd.
»Märchen erlebt man nicht,« antworte ich ein bißchen faul und blicke
den Wölkchen meiner Zigarette nach, »man erzählt sie höchstens seinen
Freunden.«
»Womit Sie hoffentlich nicht sagen wollen, daß alle Erlebnisse, die man
seinen Freunden erzählt, Märchen sind?« -- »Das will ich doch hoffen,«
entgegne ich, »denn sobald sie aufhören, Märchen zu sein, sind sie schon
Indiskretionen.«
»Müssen es denn immer Liebesgeschichten sein?« fragt er lachend.
»Ach bitte ja,« antworte ich, »alle anderen sind doch wirklich gar
zu langweilig. Oder können Sie sich etwas Tödlicheres denken, als wenn
jemand seine Abenteuer auf anderem Gebiet zum besten gibt. Beispielsweise
Reiseerlebnisse: Man kann mir die Besteigung des Montblanc in den
glühendsten Farben schildern, man kann mir die Kämpfe mit Buschmännern
und Moskitofliegen noch so reizvoll ausmalen, es wird mich alles
gleichgültig lassen der Frage gegenüber, ob die unglückliche Liebe,
der man auf seiner Reise um die Welt entfliehen wollte, erkaltet ist oder
nicht. Aber leider ist es die traurige Eigentümlichkeit der unglücklichen
Lieben, daß sie auch in der Entfernung nicht erkalten.«
»Haben Sie diese betrübliche Erfahrung aktiver- oder passiverweise
gemacht?« fragt Erich, »wenn es nicht indiskret ist, sich danach zu
erkundigen.«
»Es ist indiskret,« antworte ich, »aber ich will Ihnen trotzdem
antworten, daß ich in unglücklichen Liebesfällen meistens die leidende
Form bevorzugt habe.«
»Bei der Sie anscheinend nicht allzuviel litten,« meint er trocken.
»Ach, ein Vergnügen ist auch das Unglücklichgeliebtwerden nicht,«
antworte ich, »und vor allem ist es bedeutend schwerer, jemanden heraus
als hinein zu verlieben.«
»Vielleicht weil man sich dieser Arbeit nicht mit der gleichen Hingabe
unterzieht,« vermutet er, und ich kann ihm nicht ganz unrecht geben. »Es
ist eine zu langweilige und trübselige Arbeit,« nicke ich. --
»Und zudem eine, die mir die moralischen Kräfte einer Frau bedeutend zu
übersteigen scheint,« sagt Erich und beugt sich einen Augenblick nieder,
um unter den Weidenzweigen durchzuschlüpfen, die fast bis ins Wasser
hängen.
»Ach, man kann es schon, wenn man ernstlich will,« antworte ich
zerstreut, denn es ist zu herrlich in der grüngoldnen Dämmerung, durch
die wir fahren, als daß ich so recht zur Unterhaltung aufgelegt sein
könnte.
»Ja,« entgegnet Erich, »man kann bekanntlich alles, was man ernstlich
will, es fragt sich immer nur, ob man es ernstlich wollen kann. Und --
ich muß gestehen -- ich traue einer Frau jede Selbstlosigkeit und
Opferfreudigkeit zu, nur die eine nicht, einen Anbeter wissentlich und
willentlich zu ernüchtern. Es wäre fast übermenschlich.«
»Wenn er uns ganz gleichgültig ist,« werfe ich dazwischen; aber Erich
antwortet: »Ein Mensch, der uns anbetet, ist uns nie ganz gleichgültig,
und außerdem sind wir so eitel, daß uns sogar an der Schätzung der
Menschen, an denen uns gar nichts liegt, noch viel gelegen ist. Ich weiß
nicht, wer das einmal gesagt hat, aber es wird wohl eine Frau gewesen
sein.«
Ich nicke. »Die Ebner-Eschenbach, und sie hatte recht. Aber unbesorgt,
die Ernüchterung wird schon selbsttätig eintreten, denn die Eitelkeit
der Männer ist so stark, daß ihre heißeste Liebe der Gleichgültigkeit
gegenüber erlischt. Und wenn es schon schwer ist, den Haß oder die Liebe
zu verkleiden, -- die Gleichgültigkeit zu verbergen, ist uns einfach
unmöglich.«
»Heil, heil!« ruft Erich vergnügt, »eine der schwierigsten
Menschheitsfragen ist gelöst, und unglücklich liebende Männer laut
Beschluß von heute aufgehoben. O du glückliche Welt, in der sich alles so
spielend löst.«
Ich liege auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und schaue in den Himmel
und die ziehenden weißen Wolken hinein.
»Mir scheint alles so spielend leicht, wenn ich auf dem Wasser bin,« sage
ich, »fast als ob dies Gleiten und Wiegen die Körper- und Seelenschwere
zugleich aufgehoben hätte. Und dann all die Schönheit ringsum. Nein, es
ist mir heute schlechterdings unmöglich, unglücklich liebende Männer
tragisch zu nehmen.« -- Erich lacht. »Wenn ich gewußt hätte, daß der
Wassersport auch seelisch abhärtend wirkt, dann hätte ich Ihnen nicht so
leidenschaftlich zur Anschaffung dieses Punts geraten.«
»Was verlieren Sie dabei?« frage ich und drehe den Kopf nach ihm
hin, »Sie sind ja Gott sei Dank der einzige meiner Freunde, der nicht
unglücklich liebt, und Sie glauben nicht, wie wohltuend das auf mich
wirkt.«
»Und auf mich erst!« lacht er. »Übrigens verspreche ich Ihnen, falls
mich das Malheur doch mal ereilen sollte, meinen Seelenschmerz männlich
vor Ihnen zu verschließen. Denn erstens sind Sie mitleidslos --« -- »Nur
auf dem Wasser,« werfe ich dazwischen.
»Nun, Sie werden nicht leugnen, daß Sie auch auf dem festen Land die
Leiden anderer, und wären es die schmerzlichsten, mit bedeutend mehr
Fassung tragen als zum Beispiel --« -- »Als zum Beispiel meine eigenen,
und wären sie auch viel geringfügiger. Aber ich behaupte, damit keine
unrühmliche Ausnahme zu machen, denn -- wenn Sie mir ein unpoetisches Wort
in dieser poetischen Umgebung gestatten wollen, -- der eigne Rock ist uns
allen immer noch bedeutend näher als andrer Leute Hemd. -- Übrigens,
lieber Erich, glauben Sie ja nicht, mir jemals Ihre Seelenstimmung oder
Verstimmung verbergen zu können. Sie sind durchsichtig wie Glas --«
»Ich werde eine undurchdringliche Maske wählen,« verspricht er.
»Ungefähr so, wie einer meiner Bekannten, der immer wenn er
Unannehmlichkeiten erlebt hat, fröhlich trällernd zu seiner Frau
ins Zimmer kommt, um sie über seinen Seelenzustand zu täuschen. Sie
erschrickt denn auch jedesmal zu Tod, wenn sie sein Trällern hört.«
»Wie schade,« sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick werde ich
also schon verzichten müssen. Und ich bin nun wirklich selbst neugierig,
welche Maske ich mir vorbinden muß, um Sie zu täuschen. Was meinen Sie,
wenn ich das Raffinement so weit triebe, mir die Durchsichtigkeit als Maske
zu wählen?«
»Eine gewisse kühle Durchsichtigkeit, ja. Das wäre ein sehr feiner Zug,
der besondere Schlauheit verrät. Sie müssen nämlich wissen, daß der
wahre Psychologe den Menschen am besten an der Maske erkennt, die er sich
wählt. Und man könnte daher den sehr veralteten Spruch mit Recht dahin
umändern: ›Ich weiß, wer du scheinen willst und sage dir, wer du
bist‹.«
»Und damit wäre die Maske wieder nur ein Teil von uns selbst, und es
bedürfte einer zweiten und dritten, um die erste zu verbergen. Nein,«
sagt Erich energisch, »da bin ich doch schon aus Klugheits- und
Ventilationsgründen für offenes Visier.«
»Das nützt auch nichts,« entgegne ich bekümmert, »denn es gibt
Menschenkenner, die so niederträchtig fein sind, daß sie uns selbst ohne
Maske durchschauen.«