»Ja,« sagte er, »das ist alles, und es ist eine wundervolle Befreiung,
es gesagt zu haben. Und Sie sind nicht böse?«
»Ich weiß noch nicht,« antworte ich. »Es liegt natürlich eine
Beleidigung darin, besonders in dem ›unglaublich‹, das eine böse
Nebenbedeutung haben kann. Aber diesmal will ich's nicht so nehmen und
Ihnen sogar gestehen, daß es für eine Frau nichts Wohltuenderes und
Erwärmenderes gibt, als das Bewußtsein, schön gefunden zu werden. Alle
Bewunderung für unsere Tugenden, ja sogar für unsere Liebenswürdigkeit
und unseren Geist läßt uns kalt, denn sie ist nicht das Primäre.«
»Ich sehe, Sie sind nicht böse,« sagt er vergnügt, »dann darf ich mehr
sagen.«
»Davon möchte ich abraten,« antworte ich, »jedes Mehr müßte den guten
Eindruck stören, den Sie bis jetzt gemacht haben.« --
»So finden Sie also wirklich, daß für eine Frau Schönheit das Höchste
und Begehrenswerteste ist?« fragt er kopfschüttelnd, »von Ihnen hätte
ich das nicht gedacht.«
»Warum nicht von mir?« frage ich ein wenig erstaunt.
»Nun,« erklärt er mir, indem er versucht, seine langen Glieder in eine
etwas bequemere Lage zu bringen, »ich hatte bis jetzt immer gefunden,
daß nur die mehr klugen als schönen Frauen dieser Ansicht waren, während
umgekehrt die mehr schönen lieber für klug --.« Hier lache ich so
herzlich, daß er erschrocken innehält.
»Und da komme ich nun, mehr dumm als häßlich und doch immer noch klug
genug, nicht klug sein zu wollen und werfe Ihr ganzes schönes Schema über
den Haufen.«
»Habe ich wirklich so was Dummes gesagt?« fragte er kleinlaut.
»Ach nein,« beruhige ich ihn, »wenn ich von dem zweifelhaften Kompliment
für mich absehe, war es sogar eine sehr feine Beobachtung; Sie dürfen
sie aber nicht jeder Frau verraten, denn sie ist ein Messer, das auf beiden
Seiten schneidet. Wahr ist es übrigens schon, die Frauen, die sich ihrer
Schönheit bewußt sind, wollen für klug gelten, denn zwei Vorzüge sind
mehr als einer, und man überschätzt bekanntlich den Wert dessen, was man
nicht hat. Die Klugen sind klüger und wollen gern schön sein, denn sie
wissen, was das bedeutet und welche Macht darin liegen kann. Kann -- sage
ich, denn es gibt sehr viel Schönheit, die ungenutzt verlorengeht.«
»Ja,« antwortet er nachdenklich, »ich kenne zum Beispiel eine junge
Frau, die jeden Abend, wenn sie vorm Spiegel steht und ihr Haar bürstet,
›Schade, schade!‹ sagt.«
»Ich will nicht indiskret sein,« versichere ich, »welche Bemerkung
man übrigens immer voraus schickt, wenn man eine große Indiskretion
beabsichtigt, aber ich möchte mir doch die Frage gestatten: Hat die junge
Frau Ihnen das selbst erzählt?«
»Ich muß mit Oskar Wilde antworten,« sagt Georg Wendringer, »eine Frage
ist niemals indiskret, nur die Antwort kann es sein.«
»Gut geantwortet, Georg Wendringer und Oskar Wilde,« sage ich. »Und da
das Fragen nicht indiskret sein kann, so frage ich also getrost weiter: Hat
sie wirklich so schöne Schultern?«
»Ich glaube, ja,« antwortet Georg mit seinem verschmitzten Lächeln und
setzt, plötzlich ernst werdend, hinzu: »Übrigens sind wir nur sehr gut
befreundet ohne jeden erotischen Beigeschmack.«
Ich muß ein wenig ungläubig dreingeschaut haben, denn er fragt schnell:
»Aber Sie glauben vielleicht nicht an Freundschaft zwischen Mann und
Frau?«
»O Gott!« seufze ich, »seit meinem sechzehnten Jahr quält man mich mit
dieser Doktorfrage.«
»So haben Sie gewiß genügend darüber nachgedacht und können mir das
Resultat mitteilen.«
»Nein,« sage ich, »das werde ich nicht tun, denn ich habe mir
geschworen, auf diese Frage nicht mehr einzugehen, seitdem ein vorlauter
Jüngling mir auf meine Antwort hin die noch heiklere Frage gestellt hat:
Und was ist es also, was zwischen uns beiden besteht?«
Georg lacht: »Ich hatte nicht die Absicht, Sie in eine solche Falle zu
locken, aber ich möchte für mein Leben gern wissen, welche Antwort der
naseweise junge Mann bekam.«
»Die Antwort, die ich allen jungen Männern gebe, sobald sie anfangen,
naseweis zu werden. Ich habe gelacht, ihm die Zigaretten gereicht und
gefragt, ob er sich nicht zum Abschied noch bedienen wolle.«
»Das war hart,« sagt Georg, »denn seine Frage lag so nah, die
Gelegenheit war so günstig.«
»Was wäre denn Takt,« antworte ich, »wenn es nicht die Fähigkeit und
der Wille wäre, gute Gelegenheiten ungenützt zu lassen.«
Georg seufzt: »Schweigen ist aber oft sehr schwer!« und sieht so
bekümmert aus, daß ich lachen muß. -- »Ja, es muß sehr schwer sein.
Allein wenn ich bedenke, wie früh man sprechen lernt und wie spät erst
schweigen.«
Georg schüttelt den Kopf: »Das stimmt nicht ganz, so hübsch es klingt.
Denn es kann sich ja nur um das richtige Sprechen und das richtige
Schweigen handeln, und das lernt sich wohl gleich schwer und ist im Grunde
genommen dasselbe, denn eins ohne das andere ist wertlos und eben nicht das
Rechte.«
»Natürlich,« stimme ich bei, »Ihre Gründlichkeit hat wieder mal recht,
und ich muß es zugeben, trotzdem Sie mir damit meine schöne Sentenz
einfach totgeschlagen haben. Es muß auch das rechte Schweigen sein, denn
es gibt Menschen, die nur darum für verschlossen und abgründig tief
gelten, weil sie einfach nichts zu sagen haben, und weil man sich gar nicht
vorzustellen vermag, daß jemand wirklich so gar nichts zu sagen haben
kann. Ihre ganze Klugheit besteht darin, zu verbergen, daß sie nichts zu
verbergen haben, und es kann lange dauern, bis man dahinter kommt,
daß nichts dahinter ist, und daß sie durch und durch oberflächliche
Geschöpfe sind. Denn, so paradox es klingen mag, es gibt wirklich
Menschen, die durch und durch oberflächlich sind.«
Georg lacht: »Sie haben heute Ihren paradoxen Tag, aber es klingt wieder
sehr hübsch, und ich werde mich diesmal hüten, Ihre schönen Sentenzen zu
zerstören, so leicht und verlockend es wäre.«
»Ich kenne aber noch eine andere Art von falschen Schweigsamen,« fahre
ich fort, »das sind die, die in Gesellschaft mürrisch und verschlossen
sind und selten den Mund auftun, außer zum Gähnen, weil es nur ein
einziges Thema für sie gibt, und das ist ihre eigene Person. Wie
gesprächig werden sie aber, wenn sie auf dies Thema kommen! Es ist ihnen
gleichgültig, wer zuhört, es liegt ihnen auch nichts daran, sich in ein
besonders gutes Licht zu setzen, ja, sie verleumden sich lieber, ehe sie
eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, von sich zu sprechen, und sie
können in einer Viertelstunde mehr von sich preisgeben, als andere gerne
plaudernde Menschen in Jahren.«
Georg zieht nachdenklich den Rauch seiner Zigarette ein, bläst ein paar
Ringe und fragt dann: »Steckt nicht in den meisten von uns etwas von
dieser Leidenschaft? Und bedeutet sie nicht eigentlich nur eine übergroße
Ehrlichkeit?«
»Nun ja,« sage ich, »insoweit ein gewisser Mangel an Schamgefühl
Ehrlichkeit bedeutet.« -- »So meinte ich's nicht,« unterbricht er mich,
»ich meinte die Ehrlichkeit, die darin liegt, kein Interesse heucheln zu
wollen. Und ist es nicht fast immer Heuchelei, wenn wir vorgeben, es
könne uns irgend etwas auf der Welt mehr interessieren als unsere eigene
Person?«
Ich muß lachen, »eine Unterhaltung zwischen mehreren solcher
Ehrlichkeitsfanatiker stelle ich mir sehr reizvoll vor. Übrigens müssen
sie doch bedenken, daß wir mit jedem Wort, das wir sprechen, von unserer
eigenen Person ausgehen und deshalb, streng genommen, immer nur von
uns reden. -- Das sollte selbst dem unersättlichsten auf diesem Gebiet
genügen.«
Wir schweigen eine Weile, und ich sehe, daß Georg, trotzdem er scheinbar
seine Rauchringe aufmerksam verfolgt, mit einem Entschluß kämpft.
Plötzlich blickt er auf und sagt: »Verzeihen Sie, daß ich so zerstreut
bin -- aber -- ich habe eine Bitte.«
»Zerstreutheit ist bekanntlich immer der höchste Grad von Aufmerksamkeit,
nämlich für eine andere Sache,« antworte ich, »und deshalb dachte
ich mir's gleich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Also -- herunter
damit.«
»Ja,« sagt er ein bißchen stockend, »es ist vielleicht eine sonderbare
Bitte, aber Sie werden mich nicht mißverstehen: Ich möchte Sie für mein
Leben gern mit meiner Freundin bekannt machen.«
Ich schweige einen Augenblick und frage dann, um Zeit zu gewinnen: »Ist es
die junge Frau mit den schönen Schultern?«
Er nickt und seine blauen Augen blicken mich treuherzig ernsthaft an.
»Lieber Freund,« sage ich und drücke mein Zigarettenstümpfchen langsam
aus, »was versprechen Sie sich für Ihre Freundin und mich davon?«
»Oh, sehr viel,« antwortet er lebhaft, »vor allem für Lilly. Sehen Sie,
sie hat nicht den richtigen Verkehr, -- wenigstens ich finde das, sie
ist ja leider ganz zufrieden damit, aber ich hoffe, wenn sie Sie
kennenlernt --«
»Hat sie denn den Wunsch geäußert?« frage ich und sehe, wie eine kleine
Verlegenheit über sein ehrliches Gesicht schleicht.
»Das nun gerade nicht,« sagt er, »es ist eigentlich mehr ein Wunsch von
mir. Aber ich bin sicher --«
»Ganz gewiß,« antworte ich, »aber wenn die junge Frau mit ihrem Verkehr
zufrieden ist --«
»Aber ich sage Ihnen ja, ihr Verkehr ist nicht der richtige,« unterbricht
mich Georg erregt. --
»Der Verkehr, mit dem man zufrieden ist, ist eigentlich immer der
richtige,« antworte ich, »und vielleicht wäre ich ganz und gar der
unrichtige. Sie überschätzen mich sicher, trotzdem Sie mir vor ein paar
Minuten den Verstand so ziemlich abgesprochen haben.« -- »Das habe ich
nicht getan,« verteidigt er sich, »Sie wissen es recht gut, und was Sie
jetzt sagen, entspringt wieder Ihrer übergroßen Bescheidenheit!«
»Bescheidenheit ist ein Ding, das ich überhaupt nicht kenne, weder bei
mir noch bei anderen,« antworte ich, »und ich behaupte, es ist ein Wort,
dessen Inhalt nicht existiert.«
»Das ist eine kuriose Behauptung,« kopfschüttelt Georg.
»Sehr einfach,« erkläre ich ihm, »entweder ein Mensch kennt seine
Vorzüge nicht, dann ist seine Bescheidenheit nicht Bescheidenheit, sondern
die selbstverständliche Folge seiner Selbsteinschätzung. Oder ein Mensch
kennt seine Vorzüge, dann kann seine Bescheidenheit nichts anderes sein,
als Heuchelei, im besten Falle Anstandsgefühl oder Rücksichtnahme auf
Schwächere, alles, nur keine Bescheidenheit.«
»Auf diese Weise läßt sich alles aus der Welt wegdisputieren,« sagt
Georg verstimmt, »aber ich bin optimistisch genug zu behaupten, --« --
»Ich muß Sie noch weiter ärgern,« unterbreche ich ihn lachend, »und
behaupte, daß es mit dem Optimismus fast dieselbe Sache ist. So sicher
Sie nämlich in dem Moment unbescheiden sind, in dem Sie sich Ihrer
Bescheidenheit bewußt werden, so sicher sind Sie nicht mehr optimistisch
in dem Augenblick, in dem Sie sich so nennen. -- Ich will das erst
beweisen,« fahre ich fort, da er versucht, Einwendungen zu machen.
»Optimistisch sind Sie, solange Sie die Welt schöner und besser sehen,
als sie ist. Sobald Sie aber wissen, daß Sie die Welt besser sehen, als
sie ist, wissen Sie auch, daß sie eigentlich schlechter ist, als Sie sie
sehen, und mit diesem Wissen stehen Sie schon auf der anderen Seite der
Weltanschauung und können fast für einen Pessimisten durchgehen. -- Und
jetzt dürfen Sie antworten.«
Aber Georg ist verdrießlich: »Daß ich kein Pessimist bin, weiß ich,
trotz Ihrer philosophischen Purzelbäume, und ich verwahre mich entschieden
dagegen.«
»Weshalb denn?« frage ich, »mir sind die Pessimisten sehr viel lieber
als die frischfröhlichen ›Lebensbejaher‹, wie es jetzt modern aber
etwas unklar heißt. Nur über eins habe ich manchmal nachgegrübelt und
weiß es nicht: Ist es das traurige oder das tröstliche Moment im Leben
der Pessimisten und Skeptiker, daß Sie zum Schluß immer recht behalten?«
Georg sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann sagt er:
»Sie haben mir noch keine endgültige Antwort auf meine Bitte gegeben, und
ich müßte dümmer sein als ich bin, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß
all Ihr Philosophieren nur den Zweck hatte, mich davon abzulenken. Aber ich
bestehe darauf, daß Sie --«
»Lieber Herr Wendringer,« sage ich ein wenig gedehnt und greife nach
dem Zigarettenetui, das ich ihm langsam hinüberreiche, »wollen Sie
nicht --.«
Georg ist rot geworden, er springt auf.
»Jawohl -- zum Abschied, ich verstehe.«
Aber schon im nächsten Augenblick geht ein spitzbübisches Lächeln über
sein Gesicht. »Liebe gnädige Frau, ich war naseweis; aber ich hoffe, Sie
machen mir das nicht zum Vorwurf, denn da bekanntlich die Bescheidenheit
ins Reich der Fabel gehört, wäre es doch unbescheiden, zu verlangen, daß
gerade ich --« -- »Jawohl,« sage ich lachend, »und ich werde bis zu
Ihrem nächsten Besuch darüber nachgrübeln, wie es kommt, daß es zwar
keine Bescheidenheit gibt, daß sich aber an Dreistigkeit vorerst noch kein
Mangel fühlbar gemacht hat.«
»Wann darf ich annehmen, daß Sie die Frage gelöst haben?« erkundigt
sich Georg.
»Das kommt darauf an, wie hoch Sie meinen Verstand einschätzen,«
antworte ich, und er verbeugt sich tief und sagt galant:
»Fast so hoch wie Ihre Schönheit.«