Wir stehen einen Augenblick, und dann sagt Frank:
»Ob wohl alle Menschen ihr typisches Erlebnis haben?«
»Ich glaube wohl,« antworte ich, »aber die wenigsten sind sich dessen
bewußt. Und es gibt auch viele Menschen, deren typisches Erlebnis
›Nichterleben‹ heißt.«
Und da er mich fragend ansieht, setze ich hinzu: »Das will ich Ihnen
noch sagen, Frank, weil es vielleicht ein Trost für Sie ist: Nicht das
Unglück, das uns trifft, schafft uns das bitterste Leid. Viel schwerer als
das traurigste Erlebnis belasten uns die unerlebten Dinge, die Ahnung der
tausend Möglichkeiten, für die wir uns bestimmt und gerüstet fühlen,
und die sich uns niemals ereignen.«
Es ist eine Weile still im Zimmer, dann fragt Frank Meinert:
»Wann darf ich wiederkommen?«
»Sobald Sie wollen,« antworte ich.
»Dann darf ich Ihnen morgen ausführlich erzählen, wie das alles kam, mit
Margot und mir?«
»Gewiß,« antworte ich und lächle erst, nachdem die Tür sich hinter ihm
geschlossen hat.
»Hat sie wirklich so schöne Schultern?«
[Illustration]
»Gnädige Frau,« sagt der sehr hübsche junge Mann, »ich möchte Ihnen
für mein Leben gerne etwas sagen. Es quält mich, seit ich hier sitze und
Sie ansehe, aber ich wage es nicht.«
»Ist es etwas so Schlimmes?« frage ich, »dann verschweigen Sie es
lieber. Sie wissen, ich lasse mir meine Kaffeestunde nicht gerne stören.«
»Es ist nichts Schlimmes,« antwortete er, »aber es brennt mir auf der
Zunge.«
»Dann hoffe ich, daß es eine brennend pikante Geschichte ist. Aber ich
warne Sie, je amüsanter sie ist, um so schwerer werde ich sie für
mich behalten können. Verschwiegenheit gehört nun einmal nicht zu
den Tugenden, die ich von mir verlange, denn man muß auch sich selbst
gegenüber in seinen Ansprüchen maßvoll sein.«
Georg Wendringer lacht: »Zum Glück beansprucht das, was ich Ihnen sagen
will, keine Diskretion. Es ist nicht einmal neu, und eigentlich ist es nur
_ein_ Satz: -- Gnädige Frau, Sie sind unglaublich schön.«