Was man von geschmackvollen Menschen verlangen darf

[Illustration]

Ich komme von Franz Lindners Trauung und steige langsam und nachdenklich

die Treppe der eleganten schwiegerelterlichen Villa hinunter. Neben, vor

und hinter mir drängt sich die Schar der übrigen Gäste, und plötzlich

sagt jemand halblaut in der Nähe meines Ohres: »Eine schöne Leich'.«

Ich blicke ein wenig empört zur Seite und gerade in Doktor Paulsens

blasses und scharfes Gesicht.

»Noch nicht auf der Treppe,« wehre ich ab. »Wissen Sie nicht, daß es

guter Ton ist, erst vor dem Haus anzufangen?«

»Wohin gehen wir?« fragt er unten angelangt und sieht mir durch seinen

Kneifer ernst und erwartungsvoll ins Gesicht. Ich muß lachen.

»Ich hatte die Absicht, allein zu gehen. Hab' allerlei durchzudenken

und durchzufühlen. Ein Freund, der einem soeben endgültig aus der Hand

geglitten ist, Sie verstehen --«

Paulsen zuckt die Achseln. »Ich erlaube mir zu bemerken, daß uns die

Dinge meist nur aus der geöffneten Hand gleiten.«

»Nun ja,« antworte ich, »aber manchmal rät der Verstand, die Hand

rechtzeitig zu öffnen.«

Paulsen verzieht das Gesicht zu einer wehmütig-spöttischen Grimasse.

»Tja, ja, der Verstand!« bemerkt er tiefsinnig, und ich fahre fort:

»Übrigens können Sie auch mitkommen, denn wenn ich mir's recht

überlege, sind Sie einer der wenigen Menschen, mit denen sich's fast

ebensogut geht wie allein.«

Er zieht den Hut und streckt mir abschiednehmend die Hand hin: »Nach

diesem Hymnus auf die Einsamkeit --«

»Ach, keine Fissimatenten,« sage ich und schiebe ihn mit dem Ellenbogen

vorwärts, »kommen Sie mit. Sie wissen ja, es ist ein schönes Ding um die

Einsamkeit, aber man muß einen haben, dem man sagen kann: ›Es ist ein

schönes Ding um die Einsamkeit‹!«

»Gut und weise!« lobt er und geht langsam neben mir weiter. »Nur

daß Sie mich damit zum Spiegel Ihrer schönen Gefühle erniedrigen! Und

außerdem hätten Sie an Stelle des unpersönlichen Fürworts unbedingt

›die Frau‹ sagen müssen, denn wir Männer ertragen die Einsamkeit auch

ohne Spiegel.«

»Das ist ein unliebenswürdiger Zug von euch,« behaupte ich, »und

außerdem glaube ich's nicht. Ihr braucht euer Publikum so gut wie wir.«

»Ja,« antwortet er, »aber nur von Zeit zu Zeit. Verhältnismäßig

selten. -- Eine Frau kann aber nicht leben ohne Spiegel. Sie kann weder

Kunst noch Natur allein genießen, sie braucht immer einen, der ihre

Bewunderung bewundert. Ja, ich behaupte sogar, eine Frau allein in einem

Zimmer, in dem sie weder gehört noch gesehen werden kann, hört auf zu

existieren. Sie erlischt wie eine Kerze im luftleeren Raum.«

»Hören Sie, Paulsen,« sage ich und bleibe stehen, »wirken Trauungen

immer so beunruhigend auf Sie? Dann hätten Sie mich doch lieber allein

gehen lassen sollen, selbst auf die Gefahr hin, daß ich wie eine Kerze im

luftleeren Raum verlösche.«

»Man muß sich austoben,« brummt er.

»Und damit scheint einer der seltenen Momente gekommen zu sein, in denen

selbst der Mann ein Publikum braucht. Was hat Sie übrigens, wenn ich

fragen darf, in diese erfrischende Stimmung versetzt? Vielleicht der

famose Geistliche, gegen den Franz sich noch bis zum letzten freien Atemzug

gewehrt hat und von dem er mir eben noch schnell und mit seiner wütendsten

Grimasse zuflüstern mußte, daß er ein idiotischer Wanderprediger sei!

Wobei mir nur eines unklar geblieben ist: warum gerade Wanderprediger?«

»Es fiel ihm wohl im Moment nichts Beschimpfenderes ein,« vermutet

Paulsen. »Aber der ist ja nur nebenbei, gewissermaßen als ein Symbol

dieser ganzen irrsinnigen Heiraterei.«

»Wieso irrsinnig?« frage ich sanft. »Ich habe noch nie eine Heirat

gesehen, die -- wenigstens von einer Seite aus -- von so idealer

Vernünftigkeit getragen war wie diese. Man könnte sagen, Herz und

Verstand halten sich bei Franz die Wage, und sieht fast die zwei

gleichstehenden Schalen vor sich. Von Gertruds Seite muß übrigens

wirklich nur leidenschaftliche Liebe vorliegen, denn soviel ich mir auch

den Kopf zerbreche, sogenannte Verstandesgründe für diese Heirat sind

nicht aufzufinden.

Aber Paulsen, Sie können sagen, was Sie wollen und lächeln, wie Sie

wollen, für euch Männer gibt es ja allerlei Glücksmöglichkeiten und

allerlei Arten von Vernunftheiraten, aber für uns gibt es nur eine Art von

Glück und nur eine Vernunftheirat, und das ist die Heirat aus Liebe.«

Paulsen lächelt grimmig: »Es gibt für euch Frauen nur einen absolut

sicheren Weg zum Unglücklichwerden: das ist eine Heirat aus sogenannter

leidenschaftlicher Liebe. Mit einem ungeliebten oder gleichgültigen Mann

kann eine Frau ja ein ähnliches Ziel erreichen, aber der Weg ist nicht

halb so sicher. Da gibt es noch Seitenpfade, in die sie abbiegen kann,

womit ich nicht allein die illegitimen gemeint haben will. Frauenstimmrecht

und Wohlfahrtspflege sind sogar extra dazu angelegte, gesellschaftlich

sanktionierte Nebenstraßen. Für die leidenschaftlich liebende Frau gibt

es aber keine Nebenstraßen, ihr Weg führt direkt und unbedingt in die

Hölle.«

»Ja, Paulsen, denn eure Unzulänglichkeit schreit zu Himmel und Hölle.

Aber selbst wenn Sie die Liebe als Vernunftgrund verwerfen, so müssen

Sie doch zugeben, daß sie das einzig anständige Motiv zur Eheschließung

ist.«

Aber Paulsen ist heute durchaus nicht in der Zugebelaune und erklärt

verbissen:

»Ich will Ihnen etwas sagen, gnädige Frau, es gibt nur eine anständige

Art von Liebe, und das ist die, von der's im Volksliede heißt: ›Kein

Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß‹, nämlich die heimliche, von

der ›niemand nichts weiß‹. -- Und wenn zwei Menschen es über sich

gewinnen, mündlich und schriftlich und mit Blicken und Mienen stolz vor

aller Welt zu verkünden, daß sie einander leidenschaftlich lieben und

deshalb heiraten wollen, so nenne ich das eine unanständige Handlung. Von

geschmackvollen Menschen sollte man verlangen dürfen, daß sie, wenigstens

der Welt gegenüber, die Komödie der Vernunftehe aufrechterhalten.«

Hier muß ich so herzlich lachen, daß Paulsen mich durch seinen Kneifer

erstaunt betrachtet, denn ihm ist's, wie immer, bitter ernst.

»Paulsen,« sage ich, »haben Sie wirklich keine Ahnung davon, wie viele

Komödien uns durch diese Komödie erspart blieben? -- Aber bis jetzt haben

Sie nur um die Sache herumgeredet und mir immer noch nicht erzählt, warum

Sie gerade heute Ihre Grantigkeit so wenig bändigen konnten, daß sie

schon auf der Treppe mit Ihnen durchging? Und was sollte das heißen:

›Eine schöne Leich'‹?«

»Nun, das soll heißen, daß wir heute unseren guten Franz Lindner mit

Harmoniumklängen und Feierreden sanft eingesargt und begraben haben. Nicht

nur für uns, was selbstverständlich und nicht von Bedeutung ist, sondern

auch für die Welt, und -- wie ich fürchte, für ihn selbst.«

»Für einen Toten fand ich ihn unverhältnismäßig zufrieden und

glücklich aussehend,« bemerke ich etwas trivial, und Paulsen fährt denn

auch auf: »Ein Mann und noch dazu ein Künstler, der mit fünfundzwanzig

Jahren zufrieden und glücklich aussieht, der gehört unbesehen zu den

Toten, denn er ist das jämmerlichste von allen Geschöpfen.«

»Lieber Freund,« sage ich beschwichtigend, »ich hoffe, daß das nur

einer Ihrer bekannten rethorischen Superlative ist, die wirklich immer

superlativischer und rethorischer werden.«

Aber Paulsen schüttelt den Kopf. »Alles darf ein Künstler wollen,« sagt

er nachdrücklich, »das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das

Gemeinste, nur das armselige Glücklichsein, das darf er nicht wollen,

das muß er den Philistern und den Weibern überlassen, sonst hat er

ausgespielt -- versungen und vertan.«

»Ich verstehe das nicht,« antworte ich. »Sollte eines Mannes großes,

vielleicht überschwängliches Glück nicht auch Kunstwerke schaffen

helfen?«

»Glück!« sagt Paulsen und verzieht das Gesicht, als habe er unversehens

auf ein Pfefferkorn gebissen. »Nehmen Sie bitte das Wort einmal in die

Hand, wie Schnee wird's darin zerfließen.«

Ich schüttle langsam den Kopf, aber er fährt fort: »Jawohl, ich kenne

allerlei angenehme Dinge, die dem Glück zum Verwechseln ähnlich

sehen. Erstens und vor allem befriedigte Eitelkeit, dann vielleicht noch

Sorglosigkeit und Behagen. Ich kenne auch allerlei Räusche, aber immer,

wenn man Glück dazu sagen will, zerfließen sie wie Schnee zu Wasser und

zu Dreck. -- Nein, das sogenannte überschwängliche Glück hat noch keine

großen Werke geschaffen, und wenn dazu überhaupt ein Empfinden helfen

kann, dann kann es nur ein überschwängliches Leid. Aber im allgemeinen

bin ich der prosaischen Ansicht, daß die großen Werke keine

Stimmungsprodukte sind, sondern Arbeitsprodukte.«

Wir schweigen einen Augenblick, dann fügt er hinzu: »Und wer arbeiten

will, muß die Arme frei haben und ohne Verantwortung sein oder ohne

Gewissen. Und wenn Kraft dazu gehört, die Einsamkeit zu ertragen, so

gehört Größe dazu, sich als Künstler in der Zweisamkeit zu behaupten,

die man bürgerliche Ehe nennt, und die meist alles andere als nur

Zweisamkeit bedeutet.«

»Mag sein,« antworte ich nachdenklich. »Aber glauben Sie nicht, daß

die Unzufriedenheit und innere Einsamkeit, die Ihnen zum Künstlertum

unerläßlich scheinen, bei Franz schnell wieder die Oberhand gewinnen

werden, sobald das Neue, das ihn jetzt noch berauscht wie alles Neue,

alltäglich geworden ist?«

»Vielleicht,« nickt Paulsen. »Nur daß es dann nicht mehr die rechte

Unzufriedenheit ist und nicht mehr die rechte Einsamkeit. Nicht mehr das

Leid, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt. -- Es wird die

ganz alltägliche Qual sein, die einen feinnervigen Menschen im Zwang des

immerwährenden Beisammenseins mit einem anderen zerreiben muß. Wie ja

überhaupt die Frage, ob jemand in der Ehe unglücklich wird oder nicht,

immer nur die Frage ist, wieviel er aushalten kann, im letzten Grund also

nichts anderes als eine Nervenfrage.«

Ich nicke und lächle vor mich hin, denn Paulsens Art, die kompliziertesten

Dinge auf die einfachste Formel zu bringen, amüsiert mich immer von neuem.

»Übrigens,« fährt er fort, »ist diese Frage absolut nebensächlich,

und es ist möglich, daß wir Franzens Anpassungsgabe und Nervenstärke

unterschätzen; vielleicht wird er sich bald wohl fühlen in der

Philisterei, die er dann vornehmes Bürgertum nennen wird oder so ähnlich.

Denn Leute, die ein bißchen journalistisch verseucht sind, finden

bekanntlich immer ein rettendes Wort.«

Wir sind an der Alster angelangt und gehen eine Weile schweigend

nebeneinander her, bis ich endlich ein wenig kleinlaut frage: »So

wäre also für den Künstler die Frage, glücklich oder unglücklich

verheiratet? immer nur die Frage nach dem kleineren Übel und eine

ungelöste, wie mir scheint.«

Paulsen nickt zerstreut und deutet nach der sonnenglitzernden Alster und

den Gärten rechts und links, von denen der Duft herüberstreift.

»Da ist er wieder, der große Betrüger,« sagt er, »dem wir in unserer

Dummheit jedes Jahr von neuem auf den Leim gehen.«

Ich sehe ihn fragend an, und er fährt grimmig fort: »Oder hat Ihnen der

Frühling vielleicht schon einmal gehalten, was er Ihnen versprochen hat?«

»Nein, Paulsen,« sage ich, »er hat mir noch nie gehalten, was er mir

versprochen hat. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich nie dumm genug

war, ihm ganz zu glauben.«

»Tja, ja,« nickt Paulsen, und sein Gesicht verzieht sich wieder zu der

wehmütig-spöttischen Grimasse, und nach einer kleinen Pause noch einmal

langsam: »Tja, ja.«

»Ich weiß, Paulsen,« sage ich seufzend und reiche ihm die Hand zum

Abschied, denn wir sind vor meinem Hause angelangt. »Ich weiß es schon

lange, das Dümmste, was wir haben, ist allemal unser Verstand!«

Von klugen und törichten Jungfrauen, himmelblauen Kleidern und schlechten

Gewohnheiten

[Illustration]

Dufaure und ich laufen durch den Wald, das heißt wir laufen nicht so, wie

die Kinder laufen, obwohl wir's gerne möchten, aber wir gehen auch nicht

so kur- und promenadenmäßig, wie sich's für verheiratete und ernst zu

nehmende Leute ziemt. Denn wir sind beide ungeduldig. Wir haben schon viel

zu lange bei der Table d'hote stillsitzen müssen, und während die anderen

Gäste in ihren Liegestühlen schmökern und gähnen, kommt über uns

beide manchmal das fast unbezwingliche Verlangen, ziellos in der Welt

herumzulaufen.

»Fast so, als ob wir vor etwas davonrennen müßten, dem wir doch nicht

entgehen werden,« sagt Dufaure, und ich nicke nur und spreche dann weiter

über das vorher begonnene Thema und höre plötzlich ganz erstaunt mir

selbst zu, als wär's ein fremder Mensch, der da voll Eifer Vorträge über

Kindererziehung und Volksaufklärung hält.

Und mitten drin fragt Dufaure ruhig und sanft: »Wollen wir nicht lieber

von etwas sprechen, was Sie interessiert?«

Da lache ich und sage: »Sie sind ein feiner Seelenkenner, Hänschen

Dufaure. Mir ist's wirklich im Moment vollkommen gleichgültig, ob das Volk

aufgeklärt wird oder dumm bleibt.«

»Mir nicht,« sagt er, »aber ich glaube, selbst wenn Ihnen ernstlich

darum zu tun wäre, kämen wir der Lösung nicht näher, solange Sie

solchen Kuddelmuddel darüber reden wie eben jetzt. Denn -- Verzeihung, das

haben Sie wirklich getan.«

»Ach Hänschen,« seufze ich, »es ist doch unglaublich gleichgültig, was

man redet. Wenn man nur nicht zu denken braucht.«

»Merkwürdig,« sagt er kopfschüttelnd, »diese Maßnahme der

meisten, selbst der klügsten weiblichen Wesen, beim Sprechen das Denken

auszuschalten! Übrigens begreife ich nicht, was es für Gedanken sein

können, die Sie so quälen, denn daß Sie sich über die Kinder- und

Volkserziehung keine Sorge machen, ist mir soeben klar geworden, während

Sie so leidenschaftlich darüber sprachen.«

Und da ich schweige, fährt er fort: »Wenn ich ganz ehrlich sein soll,

glaube ich überhaupt nicht, daß Sie sich über irgend etwas in der Welt

Kummer machen. Mir scheint es so, als ob das Leben vor und hinter Ihnen

läge wie ein schöngepflegter Park, durch den Sie in wundervollen

himmelblauen Gewändern wandeln. Und über Ihnen schwebt so etwas wie ein

Schutzgeist, der paßt auf Ihre himmelblauen Gewänder auf.«

»Hänschen,« sage ich, »Sie sind wirklich nicht dumm.«

»Wie hübsch, daß Sie das finden,« antwortet er, »noch hübscher, daß

Sie's so überzeugend sagen, denn ich halte mich manchmal für verzweifelt

dumm. Ja, wenn ich uns zwei so betrachte, scheint mir's immer, als wären

wir die lebendige Illustration zu der Geschichte von der klugen Jungfrau

und dem dummen Hans. -- Sie kennen doch die Geschichte?«

»Nein,« sage ich, »aber mir scheint, Sie werden sie gleich erzählen,

sie brennt Ihnen schon auf der Zunge.«

»Nur den Anfang,« sagt er zögernd, »denn die Geschichte hat noch keinen

Schluß.«

»Sie wird auch keinen bekommen,« sage ich.

Und dann sehen wir uns einen Augenblick an, und dann frage ich, ob er gute

Nachrichten von zu Hause habe.

»Ich danke,« sagt er, »die Kinder kommen täglich an die Luft und sehen

gut aus. Und Baby hat jetzt den zweiten Zahn, und die Amme will fortgehen.

Und der Große hat gestern zweimal gehustet, aber der Doktor sagt, es ist

nichts. -- Ich nehme an, daß Sie sich hierfür brennend interessieren.«

-- »Nicht so sehr für die Details,« antworte ich, und wir gehen eine

Weile schweigend nebeneinander her, bis er plötzlich fragt:

»Wird Ihnen das Kleid nicht über, wenn Sie es immerfort tragen?« --

»Welches Kleid?« frage ich erstaunt. -- »Das himmelblaue,« antwortet

er.

»Mein Gott, ob es mir über wird!« seufze ich. »Aus dem himmelblauen

Gewand ist ja schon richtig eine Zwangsjacke geworden! Aber was nützt's,

wenn ich auch heraus will, mein Schutzgeist zieht mir's immer wieder über

den Kopf, und so hab' ich mich abgefunden und werde himmelblau ins Grab

steigen, verlassen Sie sich darauf, Hänschen.«

»Daran glauben Sie also wie an ein unabwendbares Fatum, das Ihr Leben

bestimmt?«

»Ich glaube, daß unsere Natur das Fatum ist, das unser Leben bestimmt, --

ein unentrinnbares Fatum.«

»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,« zitiert er, »aber

wie wird es, wenn unsere Natur in Konflikt gerät mit der Natur und dem

tiefsten Wesen eines anderen, das doch für ihn ebenso lebenbestimmend sein

muß wie unseres für uns? Wenn zum Beispiel ein Mensch, der, sagen wir,

vom Gesetz der Trägheit regiert wird, -- ja, jetzt lachen Sie --,«

unterbricht er sich, »aber seien Sie ehrlich: Heißt das, was wir

Schutzgeist und Natur und Fatum nannten, nicht wirklich so ähnlich wie

Trägheit?«

»Nennen Sie es so, wenn Sie wollen,« antworte ich, »und wenn Sie noch

einen Namen dafür brauchen. Die meisten Menschen finden sich ja leichter

mit einer Erscheinung ab, sobald sie erst einen Namen dafür gefunden

haben. Und so hoffe ich, daß Sie sich endlich mit meiner Trägheit

abfinden werden.«

»Hoffen Sie das ernstlich?« fragt er, und wir stehen einen Augenblick

still und sehen einander in die Augen.

»Ja,« sage ich.

»Nein,« sagt er, »Sie hoffen es nicht, und Sie glauben es auch nicht.

Denn Sie wissen, ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich abfinden und

sich abfinden lassen. --«

»Ich hoffe es doch,« antworte ich, »denn niemand kann mit dem Kopf durch

die Wand, -- es sei denn, er gehörte zur Kategorie derer, mit denen man

Wände einrennt, und dazu habe ich Sie nie gezählt. -- Aber jetzt sagen

Sie mir bitte, wann wir heute Tennis spielen wollen. Vor sechs Uhr ist es

gewiß zu heiß und um sieben geht es schon wieder zu Tisch.«

Gespräche im Zwielicht · 第 9 / 20 题