7. Die Arbeiterinnenbewegung.

Als den Ausgangspunkt der bürgerlichen Frauenbewegung haben wir den

Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den

Mann, weil es galt, in seine Berufssphären einzudringen. Die

proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf

durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit

ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt

und Fabrik erobert, als die bürgerliche Frau noch schwer um den Platz im

Hörsaal und auf dem Katheder ringen mußte. Die bürgerliche Gegnerschaft

gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft

mit dem Mann.

Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender

Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nächstes Ziel ist: die Lage des

Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei

verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels,

durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einfluß zu

gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von

Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer

Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen

wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher

Thätigkeit. Bedingung ist in allen drei Fällen die Organisation. Sie muß

daher gesetzlich gewährleistet und gesichert sein, wenn an ein

erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann.

Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes

den weiblichen wie den männlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der

Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der

deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl

deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten

ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen

Fragen außerordentlich schwankende sind. Für die gesamte weibliche

Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht,

der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Während nämlich

die Vereinigung von Männern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe

die selbstverständliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte,

scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Männer, die sich der

Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der

Männer verschaffte der für die weiblichen Lohnarbeiter völlig falschen,

irreführenden Auffassung der bürgerlichen Frauenbewegung von der

Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre

Rechte Eingang bei ihnen, und so gründeten sie zunächst

gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschließlich weiblichen

Mitgliedern.

In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang

der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein

schnelles Ende nahmen. Erst dem großen Organisationstalent einer

ehemaligen Setzerin, Miß Emma Smith, später Mrs. Paterson, gelang es,

System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's

Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der

Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und

zwar in Männergewerkschaften, soweit sie Zulassung fänden, in

Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt,

oder die Männer die Frauen ausschließen.[861] Unter dem Einfluß

bürgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die

Gründung von Frauengewerkschaften der größte Nachdruck gelegt: die

Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wäscherinnen und

Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten

eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei

von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im

selben Jahr versuchten Pariser Näherinnen ein Syndikat zu gründen, das

nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflöste.[864]

In Deutschland, wo der bürgerliche Einfluß hemmend gewirkt hatte, fing

man erst viel später an, Arbeiterinnenvereine mit einem annähernd

gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder

eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein äußerer

Anlaß trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von

der bürgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfähig. 1882 kam

Gräfin Guillaume-Schack nach Berlin, um für die Ideen der englischen

Föderation zur Bekämpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der

Kulturbund, den sie gründete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte,

eine der englischen ähnliche große Bewegung zu Gunsten der Abschaffung

der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor,

es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die

Erziehung verwahrloster Mädchen, die Gründung von Heimstätten und

ähnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die

Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie nötig ihre sittliche Hebung

sei. Aber die Zeiten der Abhängigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand

der Wohlthäter zurück und erklärten, daß wer der Arbeiterklasse helfen

wolle, zuerst dafür sorgen müsse, ihre materielle Lage zu

verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit:

"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlössen sich sofort 500 Frauen

und Mädchen zu einem selbständigen Arbeiterinnenverein zusammen[865],

der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung

bei weitem übertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der

Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die

Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm

sie in ihre Statuten auf; ein Rest bürgerlicher Auffassungsweise zeigte

sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschließlich weiblicher

Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenüber dem

Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einfluß der Gräfin

Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurückgestoßen von der

jämmerlichen Haltung der bürgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der

Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen

Feministen befangen war.

Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von

der Regierung projektierte Nähgarnzoll, der die armen Näherinnen, die

das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben würde, gab den

Anstoß zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge

Verein und zwei neue, ausschließlich von Arbeiterinnen gegründete und

geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein

der Mäntelnäherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack

unterstützte sie durch die von ihr gegründete Zeitschrift "Die

Staatsbürgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen

rücksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und

Lebensverhältnisse durch diese Vereine förderten dann noch ein Material

zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrütteln

mußte. Im Anschluß daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich

zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der

Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur bestätigen und

ergänzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die

Verschärfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das

erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen

durch ihr Eintreten für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von

dem letzten Rest bürgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in

dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem kräftigen Leben

führen sollte, wurde die "Staatsbürgerin" polizeilich verboten,

sämtliche Vereine, auch die außerhalb Berlins, aufgelöst und ihre

Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr für Deutschland" sahen

die Behörden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft.

Aber eine aus den Bedürfnissen der Massen entspringende Bewegung mußte

selbst der zähesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen

die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die

gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidaritätsgefühl

der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestärkt hervor.

Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schärfster Unterdrückung, die

Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre

selbstbewußten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, daß

es einer gefürchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuführen hieß,

wenn man sie von den männlichen Berufsvereinen ausschloß, führten in der

Haltung der Männer nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in

Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands

gegründet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren

Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlaßte sofort bei sämtlichen

Vorständen der Vereine, daß, soweit Frauen von der Mitgliedschaft

ausgeschlossen waren, Anträge auf Statutenänderung gestellt wurden, die

in den meisten Fällen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung

entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten

der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie

sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermüdlich im Auftrage

der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend,

denen sie in ausdehntestem Maße ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen

Lokalen sprechen sie oft Abend für Abend, um ihren Zuhörerinnen klar zu

machen, daß sie ihre Lage nur dann verbessern können, wenn sie sich mit

den Genossen ihrer Arbeit zusammenschließen und der Profitgier und der

Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Kräfte

gegenüberstellen. Der Erfolg dieser Bemühungen, die durch massenhafte

Verbreitung von Flugblättern und Broschüren noch unterstützt wird, ist

bisher noch kein großer. Aus folgender Zusammenstellung geht das

langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der

Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zählten weibliche

Mitglieder:

1892: 4355

1893: 5384

1894: 5251

1895: 6697

1896: 15295

1897: 14644

1898: 13009

1899: 19280

1900: 22844

In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das Fünffache

gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die hier allein in

Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen Arbeiterinnen und die

Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, sind immerhin erst 2,30 %

organisiert und von den achtundfünfzig zentralisierten Gewerkschaften

weisen nach der letzten Zählung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder

auf. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:[867]

| Zahl der | Von 100

| weiblichen | Arbeiterinnen

Organisation | Mitglieder | des

| 1900 | betreffenden

| | Berufs sind

| | organisiert

---------------------------+------------+--------------

Buchbinder | 3046 | 22,50

Buchdruckereihilfsarbeiter | 698 | 12,15

Fabrikarbeiter | 2889 | 4,97

Glasarbeiter | 33 | 1,02

Handlungsgehilfen | 80 |\ 0,10

Lagerhalter | 9 |/

Handschuhmacher | 105 | 6,65

Holzarbeiter | 726 | 6,62

Hutmacher | 121 | 2,81

Konditoren | 15 | 0,76

Masseure | 46 | --

Metallarbeiter | 2693 | 11,37

Porzellanarbeiter | 357 | 4,40

Sattler | 31 | 2,04

Schneider | 758 | 1,19

Schuhmacher | 1916 | 20,31

Tabakarbeiter | 3922 |\ 6,58

Cigarrensortierer | 80 |/

Tapezierer | 37 | 10,57

Textilarbeiter | 5254 | 1,16

Vergolder | 28 | 4,45

----------------------------------------+--------------

22844 | 2,76

Außerhalb dieser durch die Generalkommission zusammengehaltenen

Verbände, stehen eine ganze Anzahl sogenannter Lokalorganisationen, die

aber zumeist keine Frauen aufnehmen können, weil sie einen ausgesprochen

politischen Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche

Frauenvereine, die nur ein kümmerliches Dasein fristen. Etwas

bedeutungsvoller ist die Teilnahme der Frauen an den 1868

gegründeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmäßig

sozialdemokratische Arbeiter ausschließen, und, von bürgerlich-liberaler

Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch geleitet, bis zum Jahre 1895 der

Organisation der Frauen ablehnend gegenüber standen. Auf dem

Verbandstage jenes Jahres jedoch wurde eine Resolution zu Gunsten der

Frauen angenommen, und nach dem Bericht für das Jahr 1901 sind

infolgedessen 3392 den Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen

sind Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung

ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische und

eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit

1882, zählt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden

Frauenvereine sind ausschließlich religiöser Art und haben keinerlei

gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische Richtung hat ihren

Ursprung in dem Gewerkverein christlicher Bergleute, der im Jahre 1894

gegründet wurde. Mit den Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die

entschieden feindliche Stellung gegenüber der Sozialdemokratie, betont

aber nebenbei noch die religiös-christliche Gesinnung. Von Anfang an

hatte sie ein gewisses sympathisches Verständnis für die weiblichen

Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen fußend, die jede

Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib ablehnen, trat sie nicht für

eine gemeinsame Organisation beider Geschlechter, sondern für gesonderte

Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der männlichen Berufsgenossen

anzugliedern sind und als "Schutzverbände der Arbeiterinnen" unter ihrer

Leitung und Oberaufsicht stehen, damit im Falle von Arbeitseinstellungen

trotz der Sonderung ein gemeinsames Vorgehen gesichert ist.[868] Wir

finden hier jenes Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknüpfung

mit Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie

sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,--und um eines ihrer

Schoßkinder handelt es sich dabei,--aufweisen. An einer genaueren

Statistik der organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen

Verbänden die männlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezählt

wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbände,--der eine in Aachen, der

andere in Eupen,--mit zusammen 430 Mitgliedern, werden besonders

genannt.[869] Alles in allem dürften in Deutschland, von den Gründungen

der bürgerlichen Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen

gewerkschaftlich organisiert sein.

In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch

außerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, 1899 9206

organisierte Frauen gezählt. Die verhältnismäßig starke Zunahme in den

letzten drei Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thätigkeit der

Arbeiterinnen selbst zurückzuführen. Sie gründeten in Wien ein

Frauenreichskomitee, an das sich in den Provinzstädten Sektionen

angliedern, und deren Hauptzweck die Organisierung der Arbeiterinnen

ist. Sie leiten eine systematische Agitation über ganz Oesterreich und

werden zweifellos bald noch größere Erfolge aufweisen können. Immerhin

erfährt auch die letzte Zählung der Organisierten insofern eine

Einschränkung, als von den 9206 angegebenen Vereinsmitgliedern nur 5556

wirklichen Berufsvereinen angehören. Sie verteilen sich

folgendermaßen[870]:

Organisation | Weibliche

| Mitglieder

-------------------------------+------------

Baugewerbe | 104

Bekleidungsindustrie | 433

Bergbau | 187

Chemische Industrie | 94

Eisen- und Metallindustrie | 105

Galanterie | 52

Glas- und keramische Industrie | 949

Graphische Gewerbe | 1147

Holzindustrie | 36

Handel | 58

Nahrungs- und Genußmittel | 310

Lederindustrie | 76

Textilindustrie | 1950

Verschiedene Gewerbe | 55

Aehnlich wie in Deutschland entschloß sich in England erst 1889 der

Gewerkvereinskongreß zu Dundee dazu, die Notwendigkeit der Organisation

der Arbeiterinnen grundsätzlich anzuerkennen und seine Unterstützung

zuzusagen. Trotzdem entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur

111 dazu, weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie

festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft

beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die älteste und die größte

ist. Außer diesen 111 gemischten Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine

nur mit weiblichen Mitgliedern.[871] Die Gesamtzahl der Organisierten

betrug in den Jahren

1896: 117888

1897: 120254

1898: 116048

1899: 120448.

Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in stärkerem Maße an der

gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die deutschen. Der Wert

dieser höheren Zahlen verliert aber an Bedeutung, wenn wir nicht nur

das Alter der gewerkschaftlichen Bewegung in Betracht ziehen,--schon

1824 waren viele Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins

und zu Owen's Grand National strömten 1833--34 die Frauen[872],--sondern

uns auch erinnern, daß der Organisation der Frauen von seiten des Staats

und der Behörden keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden; selbst die

Landarbeiter und die Dienstboten, die in Deutschland vom Koalitionsrecht

so gut wie ausgeschlossen sind, können sich zu Gewerkvereinen

zusammenthun. Im Verhältnis zu sämtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der

Organisierten demnach sehr gering, sie beträgt nur 0,39%, im Verhältnis

allein zu den Industriearbeiterinnen beträgt sie dagegen 8,22%. Was die

Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an der Organisation

betrifft, so stellt sie sich folgendermaßen dar:

| Anzahl der |Anzahl der|Von 100

|Gewerkvereine|Mitglieder|Arbeiterinnen

| | |sind organi-

| | |siert

-----------------------------+-------------+----------+-------------

Textilindustrie: | 88 | 109 076 | 19,70

Schuh- und Stiefelproduktion:| 2 | 618 | 1,42

Bekleidungsindustrie: | 11 | 1 128 | 0,26

Hut- und Mützenindustrie: | 2 | 2 330 | 14,21

Druckerei, Papierfabrikation | | |

u. ähnl.: | 7 | 763 | 1,51

Tabakindustrie: | 4 | 2 403 | 19,11

Andere Industrien: | 25 | 4 130 | 1,33

-----------------------------+-------------+----------+-------------

| 139 | 120 448 | 8,22

Wir sehen aus vorstehender Tabelle, daß gegenüber der starken

Organisation der Textilarbeiterinnen,--sie machen fast 91 % aller

Organisierten aus,--sämtliche andere fast verschwinden. Außerordentlich

gering ist die Zahl der Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier

finden wir auch unter 9 Gewerkvereinen fünf mit nur weiblichen

Mitgliedern, deren kleinster 18 und deren größter 120 Mitglieder hat.

Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei

landwirtschaftlichen Vereinen angehörten und den Dienstboten, die 1897

noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaßen, ist heute keine einzige

mehr organisiert.

In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr spät

ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre männlichen Berufsgenossen

überließen sie gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher

Vereinigungen. Auch eine, überdies sehr mangelhafte Statistik der

Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst für das Jahr 1900.[873]

Dabei stellte es sich heraus, daß 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder

angehören. Da aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbände

und diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern angehören,

verstanden werden, so ist es für unsere Zwecke notwendig, sie

auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur Arbeiterorganisationen

anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben 30975 weibliche

Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften übrig; von diesen sind 17

nur Frauengewerkschaften. Nach der Zahl der in den verschiedenen Berufen

Organisierten ist ihre Zusammensetzung folgende[874]:

Berufsarten | Zahl der

| Mitglieder

---------------------+-----------

Tabakindustrie | 10194

Textilindustrie | 6802

Handelsgewerbe | 4376

Eisenbahnangestellte | 1611

Bekleidung | 1597

Gärtnerei, Obstzucht | 1000

Lederbearbeitung | 746

---------------------+-----------

| 26326

Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, z.T.

winzigen Gewerkschaften, deren häufig außerordentlich geringer Umfang

ein Charakteristikum des französischen, jeder Zentralisierung

entbehrenden Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind

folgende:

Berufsarten | Zahl der | Zahl der

| Gewerk- | Mitglieder

| schaften |

---------------------+----------+------------

Tabakarbeiterinnen | 4 | 1760

Federnschmückerinnen | 1 | 300

Dienstboten | 2 | 220

Typographen | 1 | 210

Wäscherinnen | 1 | 100

Stenographen | 2 | 94

Kravattennäherinnen | 1 | 89

Schneiderinnen | 3 | 62

Blumenmacherinnen | 1 | 53

Stickerinnen | 1 | 36

Korsettnäherinnen | 1 | 30

---------------------+----------+------------

| 18 | 2954

Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende Vereine,

die nur mühsam ihr Leben fristen, meist mit Unterstützung der Damen der

bürgerlichen Frauenbewegung, denen einige auch ihre Gründung verdanken.

Da die französischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit den

Männern und allein verbinden können, so ist das Ergebnis in jeder

Beziehung ein klägliches: von 3-1/2 Millionen kaum 31000 organisiert!

Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der Vereinigten

Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste große

Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die Knights of Labour,

der 1870 ins Leben trat, nahm nach zehnjährigem Bestehen weibliche

Mitglieder auf, und stellte sie den männlichen nicht nur völlig gleich,

er eröffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine

wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.[875] Schon nach

wenigen Jahren zählte allein der Zweigverein von Massachusetts 6000

weibliche Mitglieder.[876] Dem Einflüsse der Knights of Labour ist es

wohl auch zuzuschreiben, daß die Gewerkschaften sich den Frauen

gegenüber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von Anfang an in

den großen Unionen der Typographen und der Cigarrenarbeiter zugelassen

und nur sehr selten kommt es daher vor, daß sie selbständige

Frauenvereine gründen.[877] Wo es geschieht, ist es meist nur das

Resultat bürgerlichen Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen

Gewerben organisierten Frauen städtische Ausschüsse gegründet, in denen

jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten ist und die speziellen

Fraueninteressen beraten werden. Auch ein allgemeiner amerikanischer

Arbeitsverband der Frauen besteht, der den Zweck verfolgt, die

Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder zu vertreten und Klagen über

Arbeitsverhältnisse zu untersuchen. Trotz der günstigen Lage aber, in

der die amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Möglichkeit

gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in sehr

geringem Maße organisiert.[878] Die beständige Einwanderung niedrig

stehender Volkselemente, die die Sprache des Landes nicht kennen, die

schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig acceptieren, und aus denen sich

ein großer Teil der weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die

wesentliche Ursache hiervon.

Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche Organisation

scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt zu haben. Weil dem

überall so ist, müssen die Gründe dafür auch überall die gleichen sein.

Wir haben sie zunächst in dem Widerstand der Männer und in der Jugend

der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafür ist der

verhältnismäßig hohe Prozentsatz der englischen organisierten

Textilarbeiterinnen: hier war der männliche Widerstand schon Anfang des

19. Jahrhunderts gebrochen; fast hundert Jahre ist demnach auch die

Bewegung hier alt. Aber diese Gründe können unmöglich die einzigen

sein, schon weil das späte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf

selten der Frauen selbst der Begründung bedarf. Ein Blick auf die

gewerkschaftliche Bewegung der Männer dient schon zur Erklärung: teils

ist sie eine moderne Fortsetzung der alten Gesellenverbände und

ähnlicher Vereinigungen, an denen Frauen fast niemals teilnahmen, teils

ist sie den Bedürfnissen der in der Großindustrie zusammengedrängten

Arbeiter entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der

Großindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den Männern zurück,

und nehmen eine beherrschende Stellung nur in wenigen Industrien ein. Wo

sie es thun, wie in der Textilindustrie, in der französischen

Tabakindustrie, die infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf

diesem Gebiet fast ganz verdrängt hat, sind sie, wie wir gesehen haben,

gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten ist

es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie vorherrscht,

z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die Arbeiterin vereinzelt

arbeitet, wie im häuslichen Dienst, und zum Teil in der Landwirtschaft.

Nicht nur, daß die Arbeiterin hier abgeschnitten ist von dem Einfluß

sozialer Bewegungen, daß sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmädchen

schwer zu dem Bewußtsein solidarischer Verbindung mit ihren

Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch--und das ist ein Moment, das nie

genügend hervorgehoben wird--in fast völliger Abgeschlossenheit von dem

männlichen Arbeiter, dem Hauptvermittler politischer und

gewerkschaftlicher Aufklärung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in

der Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto schwerer

wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der Stellung der

Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie bei weitem nicht so

organisationsfähig als der Mann. Die Arbeit ist für ihn der einzige

Beruf; die Frau ist zwar gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem

Erwerbe nachzujagen, aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen,

daß sie nicht nur hinter ihm zurückbleibt und früh erlahmt, sondern auch

nicht die mindeste Zeit hat, über ihre Lage und die Bedingungen ihrer

Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht nur Arbeiterin geworden,

sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch Mutter. Während der Mann sich in

Versammlungen aufklärt, sich mit seinen Kameraden verständigt, Bücher

und Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nähen, zu flicken, Kinder zu

pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der Kinder willen

wird sie sogar häufig zu einer heftigen Gegnerin der Gewerkschaft, die

Beiträge von ihr fordert, die sie so notwendig für die Befriedigung

ihrer Bedürfnisse braucht, die sie sogar zur Arbeitseinstellung nötigen

kann. Und ebenso wie sie die alte Hausfrauenthätigkeit in ihr modernes

Erwerbsleben mit hinübernahm, so hat sie auch alte Träume und

Traditionen nicht abzuschütteln vermocht. Fast jedes junge Mädchen

erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben ausfüllen und in

Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin bildet darin keine Ausnahme:

ihre Arbeit ist für sie kein Lebensberuf, sondern nur die

Durchgangsstation zu dem eigentlichen Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat

sie kein Interesse an der Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den

Beiträgen angelegt werden müßte, lieber für ein wenig Putz und Tand aus,

um ihre Person vor dem Erlöser, den Mann, möglichst verführerisch zu

gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, die der Organisierung der

Frauen entgegenstehen, aber noch nicht erschöpft.

Wir haben gesehen, daß die Frauen infolge ihrer schlechten Ausbildung

und ihrer körperlichen Veranlagung sehr häufig nach Qualität oder

Quantität geringwertigere Arbeit leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber

von ihren Mitgliedern Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des

Lohntarifs, der jedoch wieder seinerseits eine gewisse Höhe der

Leistungsfähigkeit voraussetzt. So entschloß sich der Verein Londoner

Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen wie Männer,

infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches Mitglied, weil die

anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen zu erfüllen. Ebenso

erklärten die französischen Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen,

wenn sie den Lohntarif acceptierten,--es fand sich keine einzige, die

das vermochte, teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils

weil die Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen.

Wenn daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschließen, wie der

der englischen Bürstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter oder der

Kettenaufbäumer und Zwirner, so geschieht es in der Annahme, daß der

Eintritt der Frauen ein Herunterdrücken der Gewerkschaftsbedingungen

notwendig nach sich ziehen müsse.[879] Wie berechtigt das ist, sehen

wir daran, daß die Lohnsätze der Industrien mit starker

Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlöhnen und nicht nach den

Männerlöhnen zu regeln pflegen.

Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist

überhaupt Aussicht vorhanden, daß unter den herrschenden

wirtschaftlichen Verhältnissen eine nennenswerte Organisation der

Arbeiterinnen sich wird ermöglichen lassen? Das sind die Fragen, die uns

zunächst aufstoßen. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung hilft sie

beantworten. Die Entwicklung zur Großindustrie war die Grundlage, auf

der die Organisationen der Männer entstehen und erstarken konnten. Die

Frauen stehen aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den

die Männer vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer

wesentlich großindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in jeder Form

zu unterdrücken, ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen zur

Organisierung der Arbeiterinnen.

Was aber ferner die männlichen Arbeiter antreibt, sich zur Erkämpfung

besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, ist der Umstand, daß

ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer Existenz bildet, deren schlechtere

oder bessere Gestaltung allein von ihm abhängt. Will man die Frau

organisationsfähig machen, so gilt es, ihre Selbständigkeit im

Erwerbsleben sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu fördern.

Unterdrückung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, denn sie

unterstützt die Unselbständigkeit, indem sie den Frauen ermöglicht, als

Haustöchter und Hausfrauen einem Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere

Leistungsfähigkeit der Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer

Organisierung. Da gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch

ausreichende Vorbildung zu einer möglichst vollkommenen zu gestalten,

sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch zurückbleibende

Differenz zwischen der ihrigen und der des Mannes möglichst

auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben dieser Schwierigkeit

gegenüber häufig die Ansicht vertreten, daß für Frauen besondere

Lohntarife aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege

der Nur-Frauengewerkschaften führen würde. Annehmbarer schon erscheint

die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach die Frauen die

leichten Maschinen, die Männer die schweren zu bedienen hätten, und jede

Konkurrenz dadurch im Keime erstickt würde. Es liegt aber zugleich eine

Ungerechtigkeit in diesem Beschluß, da die Arbeit an den leichten

Stühlen geringer entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen

sind, die über ausreichende Kräfte zur Bedienung der schweren verfügen.

Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, die eine feste, für

Männer und Frauen gleichmäßig gültige Stücklohnpreisliste aufstellten.

Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst eine Sonderung

der Geschlechter ein, indem die Frauen an den schmalen, die Männer an

den breiten Stühlen arbeiteten. Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich

aber nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Stärke und der

Geschicklichkeit; eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie

ein schwacher Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.[880] Die

Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher die

schädigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst aufheben und den

Eintritt der Frauen ermöglichen können.

Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, daß die gut

bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten organisieren,

während die sozial tiefstehenden, geistig rückständigen diejenigen sind,

die durch völligen Mangel an Solidaritätsgefühl vereinzelt bleiben und

jeder für sich versuchen, dem Höherstehenden Schmutzkonkurrenz zu

machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht entlohnten

Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre demütig-stumpfsinnige

Bedürfnislosigkeit, die sie nicht weiter sehen läßt, als über den engen

Horizont ihrer eigenen vier Wände und der Befriedigung des rein

physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekämpfen, gehört zu den

weiteren wichtigen Aufgaben der gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber

aufzuklären, muß zunächst die Möglichkeit gegeben sein, daß diese

Aufklärung sie überhaupt erreicht, d.h. sie müssen Zeit haben, um

Versammlungen zu besuchen, Zeitungen und Bücher zu lesen. Die

Entlastung der erwerbsthätigen Frau von der häuslichen Arbeit, die

Verkürzung ihrer Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte

Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in die

Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber muß auch die

Möglichkeit dazu durch ein gesichertes Koalitionsrecht ihnen gegeben

sein.

Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nächst dem der

Gewerkschaft beschreiten können, ist der der Genossenschaft. In dem

einen Fall ist die Erhöhung des Einkommens eines der wichtigsten Ziele,

in dem anderen die billigere Beschaffung der Lebens- und

Wirtschaftsbedürfnisse. Unter den vielen Arten der Genossenschaften

kommen für die Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in

erster Linie in Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,--arme

englische Weber,--die die Bahnbrecher der großen englischen

Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie hervortretende,

oder gar führende Rolle haben die Frauen nicht darin gespielt, obwohl

sie als Konsumenten, als Hausfrauen, wesentlich daran interessiert sein

sollten. Erst 1883 wurde in England ein Verein weiblicher

Genossenschafter gegründet, dessen Zweige mit den Konsumvereinen in

Verbindung stehen, und der lediglich den Zweck hat, die Frauen für die

Genossenschaften zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine

ins Leben zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo

die Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine

ähnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur nichts

dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den Genossenschaften

selbst ist eine äußerst matte. Lassalles Ansicht, daß die Konsumvereine

eine Lohnherabsetzung zur Folge haben würden, spukt, obwohl sie längst

durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den Köpfen, vor allem

aber zeigt sich auch hier, was wir bei der Gewerkschaftsbewegung gesehen

haben, daß sozial tiefstehende, schlecht entlohnte Arbeiter für sie

nicht zu haben sind, und daß deshalb die Frauen im großen und ganzen ihr

fern bleiben und ihr verständnislos und mißtrauisch gegenüberstehen. Nur

wo sie durch höheren Lohn und kürzere Arbeitszeit eine gewisse soziale

Höhe erreicht haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der

Selbsthilfe zu beschreiten.

Wir sehen also, daß zwei der wichtigsten Ziele der Organisierung

zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie für die Frauen

weit entscheidender ins Gewicht als für die Männer, weil die weibliche

Arbeit noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung steht und durch tief

eingreifende, mit dem mütterlichen und dem häuslichen Beruf der Frau

zusammenhängende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann eine bloße

gewerkschaftliche Agitation und Aufklärung bei den Frauen nicht

annähernd den Erfolg haben, wie bei den Männern, es müssen ihr vielmehr

gesetzliche Reformen vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von

Lancashire waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und

organisationsunfähig, wie heute die Mehrzahl der Arbeiterinnen. Erst

nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, auf schlechte

Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den Gewerkschaften und

Genossenschaften beizutreten.[881]

Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die

politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer

Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre männlichen

Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem

praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der

Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der bürgerlichen

Begriffswelt angehört hatte und überzeugt gewesen war, daß alle

Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von außen

willkürlich gemacht werden, konnte er des Glaubens sein, daß die

Frauenarbeit sich einfach wieder aus der Welt schaffen ließe; dem

modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie Marx und Engels ihn

begründeten, blieb es vorbehalten, die ökonomischen Ursachen und

Zusammenhänge alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, daß auch

die Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden

kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als mit

einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum handelt,

"die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente

aufzuheben"[882], d.h. sie ebenso wie den Arbeiter nicht von der Arbeit,

sondern von der Lohnsklaverei zu befreien. Vom Standpunkt des

Sozialismus aus haben die Frauen den Kampf um ihre Interessen nicht mehr

als Geschlechtsgenossinnen zu führen, sondern als Genossinnen der

unterdrückten und beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich

solidarisch fühlen müssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und

Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung aufeinander

angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts,

ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest schließt:

Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es war der erste klare

Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die zwischen den Interessen

der bürgerlichen Gesellschaft und dem des Proletariats eine ungeheuere

Kluft gegraben hat, es war aber auch die erste öffentliche

Mündigkeitserklärung der Frau, die durch Arbeit und Not mündig geworden

war.

In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller Länder nimmt

die Emanzipation der Frau daher einen breiten Raum ein, und in den

Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die Gesetze es zulassen, volle

Gleichberechtigung eingeräumt worden. Sie haben Sitz und Stimme in den

Kongressen, sie sind Mitglieder der Vorstände, sie teilen sich mit den

Männern auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen

weitgehenden Einfluß auf die Haltung der Partei gewonnen.

Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebührt der Ruhm, sich zuerst und

mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie angeschlossen zu haben.

Daß es in so unzweideutiger Weise geschah, war nicht zum wenigsten den

polizeilichen Verfolgungen und Vereinsauflösungen zu verdanken, die, wie

wir gesehen haben, die ersten, zunächst rein wirtschaftlichen

Bestrebungen der Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrücken suchten. Die

Frauen sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten

und selbst öffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der

allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre

natürlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem Arbeiterkongreß in

Eisenach, kam es zu einer längeren Erörterung der Frauenarbeit, und die

damals noch allgemein herrschende Feindschaft der Männer gegen die

weiblichen Konkurrenten äußerte sich in einem Antrag, der die

Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen

wollte. Er wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, daß das Ziel, das

er im Auge habe, nicht erreicht werden könne, und jede Unterdrückung der

Frauenarbeit die auf den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der

Prostitution in die Arme treiben würde. Die gefährliche Konkurrenz der

Frauen aber ließe sich beseitigen: durch ihre Organisation mit den

Männern, durch die Erweckung des Klassenbewußtseins in ihnen und die

Erhebung des Weibes zur gleichstehenden Genossin. Diesen Grundsätzen ist

die Partei treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist

wesentlich der Teilnahme der Frauen an ihrer Thätigkeit und ihrer

Entwicklung zu verdanken.

Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in völliger Unkenntnis der

Handhabung der Gesetze ihnen gegenüber sich ziemlich eng an die Partei

anschlossen, entstanden Anfang der siebziger Jahre. Ihre Mitglieder

waren zugleich die ersten Frauen Deutschlands, die sich 1874 an der

Wahlbewegung durch unermüdliche, opferfreudige Agitation beteiligten.

Die Behörden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflösung sämtlicher

Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre wachsende Stärke auch

ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten ausführlichen Antrag zur

Abänderung der Gewerbeordnung, den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und

der zur Hebung der Lage der Arbeiterinnen Beschränkung der Arbeitszeit,

Schutz der Wöchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der

Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen

forderte.[883] Die sozialdemokratischen Frauen erweiterten diese

Vorschläge, indem sie die zuerst von ihnen allein aufrecht erhaltene

Forderung der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erhoben. Die

Reichstagsfraktion ihrer Partei machte sie zu der ihren und verlangte

demgemäß 1884 die Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht.

Das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der

Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen

Gesetzentwurf zur Abänderung der Gewerbeordnung dem Reichstag vorlegte,

stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen gegenüber, der

für die Frauen das Wahlrecht zu den von ihr geplanten Arbeitskammern in

Aussicht nahm. Nach der Ablehnung ihres Entwurfs beantragte sie noch in

derselben Session, daß den Arbeiterinnen das aktive und das passive

Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zuerkannt werde.

Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den

sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu

befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und der

Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der Statistik

wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der Frauenfrage mit

der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, daß erst die

wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre Emanzipation vollenden könne.

Die Wirkung dieses Buchs ging bald über Deutschlands Grenzen weit hinaus

und hat nicht nur die Frauenfrage in ein neues Licht gerückt, sondern

allmählich die Ansichten über ihre Lösung von Grund aus umwandeln

helfen.

Die durch alle diese Einflüsse immer mehr erstarkende

Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie an

dem politischen Vereinsleben der Männer infolge der gesetzlichen

Beschränkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden 1891 allerorten

sogenannte Agitationskommissionen gegründet, deren Aufgabe es war, die

Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu einer einheitlichen und

planmäßigen zu gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre

der Bewegung ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde

und später unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hände von Frau Klara

Zetkin überging. Der steigende Einfluß der Frauen drückte sich in den

Beschlüssen des Erfurter Parteitags aus. In dem Programm, das er

aufstellte, und das bis jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist,

wurde die Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen

für den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung aller

Gesetze, welche die Frau in öffentlich-und privatrechtlicher Beziehung

gegenüber dem Manne benachteiligen und die freie Meinungsäußerung und

das Recht der Vereinigung und Versammlung einschränken oder

unterdrücken, der rechtlichen Gleichstellung der landwirtschaftlichen

Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern, der

Abschaffung der Gesindeordnungen. Gleichsam ein Echo dieser Beschlüsse

war es, wenn im selben Jahre seitens der Behörden eine wahre Razzia

unter den neu entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in

Frankfurt und in Halle wurden sie zuerst aufgelöst. Das war jedoch nur

ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die Arbeiterinnenbewegung,

die ganz dazu angethan war, revolutionierende Ideen bis in den Schoß der

Familie zu tragen, war den Behörden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die

Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenüber Stellung

nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die unter dem

Zeichen der Militärvorlage standen, eine fast fieberhafte Thätigkeit

entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein erschien ihnen verdächtig, am

verdächtigsten aber die Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie

und sämtliche Vereine aufgelöst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt

und bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine über ganz

Deutschland sich erstreckende Agitation für die Reform des Vereins- und

Versammlungsrechts, das für die Frauen, soweit sie sozialistischer

Gesinnung verdächtig sind, nichts als ein großes Unrecht ist. Die

politischen Vertreter der Partei waren auch jetzt die Vertreter der

Arbeiterinnen, indem sie im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit für

die Frauen forderten.

Um die Arbeiterinnenbewegung nicht völlig dem Zufall zu überlassen, kam

man nach der Vernichtung der Agitationskommissionen zu dem Ausweg,

weibliche Vertrauenspersonen zu wählen, die nunmehr die Leitung und das

systematische Vorgehen bei der Agitation in Händen haben. Es stehen

ihnen eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der

Arbeiterinnen selbst zur Verfügung, die mit großer Ausdauer fast ständig

auf Reisen sind, um bis in die fernsten und kleinsten Winkel des Reichs

die Ideen des Sozialismus zu tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehärtete

Körper, der von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung für ihre

Sache erfüllte Geist hebt sie über alle Chikanen und Verfolgungen der

Behörden, über alle Gehässigkeit und alle Verachtung der bürgerlichen

Gesellschaft hinweg. Weniger als früher haben ihre Reden allgemeine

politische Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, daß es

gilt, alle Kräfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn etwas

erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 und der zu

Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. Die

Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nächste Aufgabe den

Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover aufgestellten

Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden[884]:

1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit für Frauen. 2) Verbot der Verwendung

von Frauen bei allen Beschäftigungsarten, welche dem weiblichen

Organismus besonders schädlich sind. 3) Einführung des gesetzlichen

Achtstundentages für die Arbeiterinnen. 4) Freigabe des

Sonnabendnachmittags für die Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der

Schutzbestimmungen für Schwangere und Wöchnerinnen auf mindestens einen

Monat vor und zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der

Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines ärztlichen

Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die

Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 8) Sicherung

völliger Koalitionsfreiheit für die Arbeiterinnen. 9) Aktives und

passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten.

In der Frauenkonferenz, die im Anschluß an den Mainzer Parteitag

stattfand, wurde diesen Beschlüssen noch der hinzugefügt, neben der

mündlichen, auch eine schriftliche Agitation für den Arbeiterinnenschutz

durch Flugblätter und Broschüren zu entfalten. In derselben Versammlung

wurde das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine

Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch Bestimmungen

über die Art ihrer Thätigkeit noch einheitlicher ausgebaut und der

wichtige Beschluß gefaßt, daß überall dort, wo die Vereinsgesetze dem

nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den Organen

der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen hinzuzuziehen

sind.[885]

Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen

Arbeiterinnenbewegung, so läßt sich eine zahlenmäßige Antwort, wie bei

der Erörterung ihrer gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann

weder die ihren Ideen gewonnenen Frauen zählen, wie die bürgerliche

Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die männlichen

Genossen durch die bei der Reichstagwahl abgegebenen Stimmen. Der einzig

richtige Maßstab, an dem sie gemessen werden können, ist die

Gesetzgebung und die öffentliche Meinung. Dabei sei zunächst an folgende

Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der

Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nähgarnzoll; die

Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die

Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustände in der

Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur Verschärfung der

Truckgesetze führte. Wenige Jahre später leiteten Berliner

Sozialdemokratinnen die erste Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine

Entsetzen über das was sie zu Tage förderte, führte zu der sich durch

Jahre hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die

Kommission für Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur Beratung

stehenden Vorschlägen für eine Schutzgesetzgebung. Der große

Konfektionsarbeiterstreik 1896, der die bürgerliche Gesellschaft zwang,

in Tiefen des Elends einen Blick zu thun, über die sie bisher achtlos

fortgeschritten war, nötigte abermals zu eingehenden Untersuchungen und

zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der Hausindustrie. Aber mehr

noch: da die Arbeiterinnenbewegung Deutschlands durchaus identisch ist

mit der Arbeiterbewegung und ihr Einfluß auf die Haltung der

sozialdemokratischen Partei unverkennbar ist, so sind die Fortschritte

gesetzlichen Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mögen, mit ein

Erfolg ihrer agitatorischen Thätigkeit. Die Anträge, die die Fraktion

1877 nach dieser Richtung stellte und die mit überwältigender Majorität

abgelehnt wurden, erschienen 13 Jahre später zum großen Teil in der

Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Fürst Bismarck

gesagt hat, daß wir ohne die Sozialdemokratie auch das bißchen

Sozialreform nicht hätten, was wir besitzen, so können wir hinzufügen,

daß wir einen Teil von ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht

haben würden.

Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie der

Lage der Arbeiterinnen gegenüberstellen: sie erscheinen nicht viel

anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer eines ungeheuren

dunklen Schlosses. Und vergegenwärtigen wir uns weiter, welch eine Macht

die Millionen proletarischer Arbeiterinnen ausüben könnten, wie sie im

stande wären, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages zu

tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen stünden,--so

erkennen wir, daß wir überhaupt erst am Anfang der Bewegung stehen, und

es drängt sich uns die Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um

vorwärts zu kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art.

Betrachten wir zunächst die negativen.

Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die

Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im bürgerlichen

Sinne annimmt. Soweit sie eine selbständige Existenz neben der

Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der Entwicklung der

Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in der bürgerlichen Welt,

sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie vielfach durch die rechtliche

Stellung, besonders der deutschen Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter

Zwang nicht vorliegt, ist jede Nur-Frauenorganisation in der

Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. Dahin gehören z.B. die vielen in

Deutschland und Oesterreich entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine,

dahin gehören die selbständigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie

in Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehören vor allem die

Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von den radikalen

französischen Frauenrechtlerinnen angestrebt werden. Eine sich ihrer

Grundlagen und ihrer Ziele klar bewußte Arbeiterinnenbewegung hat diese

Art der Organisierung nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften

um ausschließliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um solche

Orte handelt, wo überhaupt gar kein anderer, den Arbeiterinnen

zugänglicher Verein besteht. Grundsätzlich aber sollte sie sich ihnen

gegenüber stets ablehnend verhalten, denn sie können am letzten Ende nur

verwirrend wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt groß ziehen,

der das Solidaritätsgefühl zwischen Arbeiter und Arbeiterin, die

wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf des

Proletariats, nicht aufkommen läßt. Die selbstverständliche Konsequenz

dieses Standpunktes ist natürlich auch die Ablehnung jeder gemeinsamen

Arbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung. Darunter verstehe ich den

Eintritt in oder den Zusammenschluß mit bürgerlichen Frauenvereinen

einerseits, oder die Zulassung bürgerlicher Frauenrechtler in

Arbeiterinnenvereine andererseits. Wie reaktionär beides wirkt, dafür

liefert England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von

Damen der bürgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs,

Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen für die

politische Rückständigkeit der englischen Arbeiterinnen, ebenso

wie die Einmischung der französischen Frauenrechtler in die

Arbeiterinnenbewegung fast einer Zerstörung gleichkommt. Völlig

abzulehnen ist daher auch die Thätigkeit bürgerlicher Frauen in

Gewerkschaften, die man vielfach selbst in Arbeiterkreisen für

unbedenklich hält. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die

deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der bürgerlichen

Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. Aber weder deren

Feindseligkeit gegenüber den sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie

sich bei Gelegenheit der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine

dokumentierte, noch ihre Gleichgültigkeit, die am drastischsten in dem

Auflösungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die behauptete

Solidarität mit den "ärmeren Schwestern" in der Form energischer

Proteste einmal durch die That zu beweisen, bot die Veranlassung dazu,

sondern vielmehr die klare Erkenntnis der völligen Differenz der beiden

Bewegungen zu Grunde liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit

ihrer Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.[886] Diese Differenz fand

in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen Resolution ihren

prägnanten Ausdruck, in der es unter anderem heißt[887]:

"Als Kämpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der

rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne, als die

Klein- und Mittelbürgerin und die Frau der bürgerlichen Intelligenz. Als

selbständige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verfügung über ihr

Einkommen (Lohn) und ihre Person als die Frau der großen Bourgeoisie.

Aber trotz aller Berührungspunkte in rechtlichen und politischen

Reformforderungen hat die Proletarierin in den entscheidenden

ökonomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen

Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das

Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des

gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts."

Kommen wir nun, im Anschluß hieran, zu den positiven Mitteln, deren sich

die Arbeiterinnenbewegung bedienen muß, so ist eines der wichtigsten,

die Ausbreitung ihrer propagandistischen Thätigkeit über alle Kreise

weiblicher Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung

befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunächst in sich zu

konsolidieren, sich über die eigenen Zwecke und Ziele klar zu werden,

jede Berührung mit einem fremden Element unbedingt auszuschließen. Die

sozialdemokratische Partei ist nicht anders verfahren und der Erfolg

beweist, daß ein Zuviel nach dieser Richtung immer besser ist als ein

Zuwenig. Es ist wie mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen

ihn erst dann, wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt

erscheint, daß man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen

lassen zu können, ohne fürchten zu müssen, daß sie ihn zu Grunde

richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die Kinderschuhe

ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr verändern, wohl aber vermag

sie es anderen aufzuprägen; sie steht fest auf eigenen Füßen, sie bedarf

keiner Hilfe Außenstehender, um vorwärts zu kommen. Aus diesem Gefühl

ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren Einfluß überall, wo

die Wege dazu offen stehen, zur Geltung zu bringen suchen. Auch in der

bürgerlichen Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer

Hilfe bedürften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung erreicht

hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht genug, große

Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu ziehen, sie hat Bedeutung

genug, sich im öffentlichen Leben Einfluß zu verschaffen. Es ist eine

Unterlassungssünde, die sich schon gerächt hat, und ein Mangel an

Selbstvertrauen, wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit

vorübergehen läßt, wo sie dem Sozialismus einen Fuß breit Erde gewinnen

kann, wenn sie für sie nicht Propaganda macht für die Vereinigung auch

derjenigen Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen

Lohnarbeiterinnen fast alle, im Banne bürgerlicher Anschauungsweise

stehen, wenn sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausübt. Diese

Beeinflussung der Glieder der bürgerlichen Frauenbewegung steht durchaus

nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit mit ihr, denn es

handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und Einreihen. Ein Beispiel

illustriere das Gesagte: Der große liberale Frauenverband Englands, der

schroffste Gegner jedes gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit

kurzem eine merkwürdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes

durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen überzeugten

Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den Versammlungen des

Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. Kein Frauenkongreß,

keine die Interessen der Arbeiterinnen berührende Versammlung sollte

vorübergehen, ohne daß der sozialistische Standpunkt propagiert worden

wäre.

Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von ihr, der

die Frauen umfaßt, ist wie ein junger Riese, der sich seiner Kräfte

nicht recht bewußt ist und die mächtigen Glieder noch nicht vollkommen

zu beherrschen weiß. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um

sich dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle

diejenigen, die marsch- und kampffähig sind, in seine Gefolgschaft zu

zwingen.

Aber der Bethätigungskreis der Arbeiterinnenbewegung müßte sich auch

noch in anderer Richtung entwickeln: in der genossenschaftlichen

nämlich. Sie müßte bei den Frauen das Interesse für die

Konsumgenossenschaften zu erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer

Lage bedeutet einen Schritt näher zur gewerkschaftlichen Organisation

und zur politischen Aufklärung. Und ebenso wie billigere und bessere

Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie die

Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer Lage. Von

nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dabei der erzieherische Einfluß

der Genossenschaften: sie fördern die Solidarität und das

Klassenbewußtsein, weil sie sich selbstbewußt dem kapitalistischen

Unternehmertum gegenüberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur

Geschäftskenntnisse, sie machen sie auch fähig zur Leitung

geschäftlicher Unternehmungen,--eine Erziehung, die sich in der Zukunft

als außerordentlich wichtig erweisen dürfte. Neben die sehr

vernachlässigte Propaganda für die bestehenden, sollte jedoch auch noch

die für eine neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den

Frauen zu Gute kommen.

Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, wie bei

der Erörterung der Organisationsschwierigkeiten im Hinblick auf die

Frauen haben wir gesehen, daß die doppelte Arbeitslast,--die Hausarbeit

neben der Erwerbsarbeit,--sie besonders schädigt und ihren Fortschritt

hemmt. Es müßten daher Mittel und Wege gefunden werden, um sie von der

Hauswirtschaft möglichst zu befreien. In der genossenschaftlichen

Hauswirtschaft, wie ich sie bereits als eines der Mittel schilderte, um

die Erwerbsarbeit der bürgerlichen Frauen zu ermöglichen, glaube ich es

auch für die Proletarierinnen gefunden zu haben.[888] Die Grundidee, die

Frauen zu entlasten, die Kosten für die Hauswirtschaft durch den Ersatz

der verschwenderischen Kleinbetriebe durch Großbetriebe zu verringern,

die Lebenshaltung durch bessere, weil verständiger zubereitete Nahrung

zu erhöhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und hat verschiedene

Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum Teil in der von mir

vertretenen Weise der Verwirklichung entgegengeführt[889], zum Teil

versucht man, die Frauen dadurch zu entlasten, daß möglichst alle

Speisen außer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.[890] In

England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche

Verteilungsküchen zu gründen, die die fertigen Mahlzeiten ins Haus

liefern, und in Frankreich entstehen Arbeitergenossenschaften, die

Restaurants ins Leben rufen, aus denen das Essen auch nach Hause geholt

werden kann. Jedenfalls liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung,

wenn an die Stelle des innerlich schon überwundenen Einzelhaushalts der

genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehört um so mehr zur Aufgabe

der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche Gemäuer vollends

umzustoßen, wenn Frauen in Gefahr kommen, darin zu Grunde zu gehen.[891]

Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, ohne die

alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine immer festere

Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu suchen, die

Proletarierinnen politisch aufzuklären und ihr zuzuführen. Die

Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz richtig:

"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer

Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung

bedeutet, daß sie, wie der Proletarier, nur härter als er, vom

Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der

Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Männer der

eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Männern ihrer Klasse

gegen die Kapitalistenklasse. Das nächste Ziel dieses Kampfes ist die

Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein

Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der

Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeiführung der

sozialistischen Gesellschaft."

Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch nicht in

Fleisch und Blut übergegangen ist, auch die Männer stehen ihr zum Teil

gleichgültig gegenüber. Mag die Gleichberechtigung des weiblichen

Geschlechts in der gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung

noch so allgemein und offiziell anerkannt sein, mögen die

Parteiprogramme aller Länder sich noch so feierlich zu ihr bekennen, in

sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die Frauenfrage noch

der alte reaktionäre Philister. In einer Variation des Napoleonischen

Ausspruchs heißt es bei ihnen: _Tout pour la femme, mais rien avec

elle_,--wir wollen der Frau alle Rechte erkämpfen, aber wir wollen

nicht, daß sie mit uns kämpft. Die Zunahme der weiblichen Arbeiter hat

diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark erschüttert, denn die

Organisierung der Frauen wird mehr und mehr zu einer Lebensbedingung für

sie: die unorganisierten Arbeiterinnen vermögen den Kampf um bessere

Arbeitsbedingungen zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen

Bewegung aber liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die

gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der

Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die Bewegung

zu Gunsten der Bürgerrechte der Frau an Boden gewinnt,--und sie hat in

Amerika, in Australien und in England bereits große Siege zu

verzeichnen--desto dringender wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht

politisch aufzuklären und zu erziehen, denn es können einmal die Stimmen

der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle Errungenschaften eines

jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den Fortschritt hemmen, wie das

Eis im Winter die Wellen des Stromes. Aber noch ein anderes kommt hinzu:

das Weib ist die Mutter derer, in deren Händen die künftigen Geschicke

der Menschheit ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was

sie ihnen aufprägte, ist fast unzerstörbar. Gewinnt der Sozialismus die

Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die

Arbeiterinnenbewegung zu fördern, sie immer enger an sich zu schließen,

die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, überall in die That

zu übersetzen, ist daher nichts, was von den Sozialisten gefordert wird,

wie man etwa einst von den Rittern den Frauendienst forderte, es gehört

vielmehr zu den Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im

Interesse ihrer selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die

Arbeiterinnenbewegung gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr

vollkommenes Aufgehen in der Arbeiterbewegung gestatten.

8. Die bürgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur

Arbeiterinnenfrage.

Während die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren einheitlichen

Klassengefühl getragen und bestimmt war, ist das Verhalten der

bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage ein

unklares und zwiespältiges. In der Vergangenheit überwiegt das

philanthropische Moment jedes andere, und der kindliche Glaube

beherrscht die Frauen, daß Wohlthätigkeit, Armenpflege und allseitiger

guter Wille die Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen.

Dieser durch Religion und Sitte in den Frauen groß gezogene

Gefühlsstandpunkt und seine Bethätigung haben, so schön sie vielfach

erscheinen mögen, die traurigsten Folgen gehabt: sie haben sowohl auf

seiten der Wohlthäter, wie auf der ihrer Schützlinge die Empfindung für

Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle

setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, daß

Wohlthätigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute vielfach für

identisch gehalten werden. Sie haben das Verständnis dafür unterdrückt,

daß jeder arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat

und es zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Kränkung fügen heißt,

wenn man ihn, in welcher Form immer, mit Almosen abspeisen will. Sie

haben die Entwicklung zu tieferer Erkenntnis der sozialen Probleme

vielfach aufgehalten und nur die eine fruchtbringende Folge gezeitigt,

daß den Frauen der Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte

Begriffe blieben.

In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische Frauen

an der Armenpflege. Und ihrer unermüdlichen Agitation ist ihre

Reorganisation und die große Rolle, die die Frauen in ihr spielen, zu

verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule für soziale Arbeit. Den

meisten Bestrebungen, die mit diesem Namen bezeichnet werden können,

klebt allerdings bis heute die Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind

immer noch Wohlthaten, die von selten der Begüterten den Armen

freiwillig gespendet werden. Hierher gehören z.B. die Speisehäuser und

Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie gegründeten

und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den Alleinstehenden ein

Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind zweifellos von größtem Nutzen

für sie, aber ebenso zweifellos ist es, daß sie ein gewisses

Abhängigkeits- und Unterthänigkeitsgefühl befestigen oder großziehen,

das das Klassenbewußtsein der Arbeiterin unterdrückt und ihren

Befreiungskampf aufhält. In viel höherem Maße gilt das noch für die

vielen in allen Kulturländern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen

gegründeten und erhaltenen Mädchen- und Arbeiterinnenheime, die für

wenig Geld Wohnung und Nahrung bieten, die geistige und physische

Freiheit der Bewohner aber in jeder Weise beschränken. Nur wenige

unabhängige Heime, so z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs

nachgeahmt ist und die Selbständigkeit der Arbeiterin möglichst zu

wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die Settlements,

jene Niederlassungen bürgerlicher Männer und Frauen inmitten der

Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in beträchtlicher Zahl

aufweist, stehen schon eine Stufe höher, weil diejenigen, die ihr Geld,

ihre Zeit und ihre Kraft den Proletariern zur Verfügung stellen, auch

mit ihnen leben, wodurch die Stellung des Wohlthäters gegenüber dem

Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird,

erniedrigt den Empfänger nicht: es ist Teilnahme, Rat, Bildung. Die

zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mädchen, die Stellenvermittlungen

und Rechtsbeistände gehören hierher. Auch jener erste deutsche

Arbeiterinnenverein, den Luise Otto-Peters in Berlin 1869 gründete[892],

lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und

belehrende Vorträge auf eine höhere geistige Stufe zu heben, und die

versuchte Einführung des unentgeltlichen Rechtsschutzes für

Arbeiterinnen durch den Allgemeinen deutschen Frauenverein

in den achtziger Jahren[893] können in das Gebiet sozialer

Hilfsthätigkeit,--wie man die Erweiterung oder Wohlthätigkeit mit Recht

benennt,--gerechnet werden.[894] In dieselbe Kategorie gehört die

Universitäts-Ausdehnungs-Bewegung, die in England ihren Ausgang nahm und

sich in Amerika, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, Dänemark, Finland

mit mehr oder weniger Erfolg ausbreitete, gehören die dänischen

Volkshochschulen, die der vernachlässigten Landbevölkerung Bildung

zutragen, gehört die aufopfernde Thätigkeit der russischen Lehrerinnen,

die die Fackel der Aufklärung in das Dunkel geistigen und physischen

Elends tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie

die Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst überwinden

konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die geistigen

Almosen--eben nur Almosen! Das Gebotene ist Stückwerk und muß Stückwerk

bleiben; es vermittelt einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt,

um sie untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und

befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es immer

nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und

Ausgebeutetsten,--dazu gehören, wie wir wissen, die Masse der

Arbeiterinnen,--nicht die Zeit und die physischen und geistigen

Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher Gaben nötig sind.

Der Bankerotterklärung,--d.h. dem Eingeständnis der Unfähigkeit, die

Masse der Proletarier in nennenswerter Weise aus materieller und

geistiger Not zu befreien,--der materiellen Wohlthätigkeit wird daher

die der ideellen folgen müssen.

Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren

zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser Untersuchung

sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun haben und nur

insofern für uns von Interesse sind, als sie die Stellung der

bürgerlichen Frauen gegenüber der Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist

aber auch die selbständige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los

ihrer "ärmeren Schwestern",--wie sie mit so viel sentimentalem Pathos zu

sagen pflegen,--fast erschöpft. Sobald das Gebiet der Wohlthätigkeit im

weiteren Sinn verlassen und das des Rechts betreten wurde, lehnten sich

die Frauen der Bourgeoisie teils an eine der politischen Parteien und

deren Anschauungsweisen an, teils übertrugen sie, rein mechanisch, in

naiver Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, die Theorien der

bürgerlichen Frauenbewegung auf die Arbeiterinnenfrage.

So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden Einfluß

jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur immer eine

schwache Kopie gesehen haben, dessen die öffentliche Meinung

beherrschende Stellung aber um so stärker auf die Frauen wirkte, als

ihre Interessen schon seit langem im wesentlichen politische waren. Sein

Einfluß bestimmte auch ihre Stellung gegenüber der Arbeiterinnenfrage.

Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem

frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der Geschlechter

beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: infolgedessen kämpften

sie mit einer Heftigkeit, die jetzt erst nachzulassen beginnt, gegen

jede gesetzliche Beschränkung der Frauenarbeit. Was für die bürgerlichen

Frauen vollste Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann

sich erst erringen mußten, das sollte auch für die Proletarierinnen

gelten, die längst schon Seite an Seite mit den männlichen

Arbeitsgenossen sich körperlich und geistig zu Grunde richteten. Die

liberalen Frauen gingen dabei von der Ansicht aus, daß jede gesetzliche

Verkürzung der Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein

Anwendung findet, jeder Ausschluß der Frauen aus bestimmten

Arbeitszweigen die Arbeitsmöglichkeit für sie beschränkt und sie den

Männern gegenüber benachteiligt. In naivem Unverständnis für die

thatsächlichen Verhältnisse, befangen durch abstrakte Theorien, zogen

sie im Namen der persönlichen Freiheit die Ausbeutung der Arbeiterin dem

gesetzlichen Schutze vor. Ihre Ansichten gewannen um so größere

Bedeutung, seit sie offiziell durch die Women's Liberal Federation

vertreten wurden, die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet,

und über 100000 Mitglieder zählt. Im Jahre 1893 erhob die

Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den gesetzlichen

Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines völlig gleichen Schutzes für

Männer und Frauen zum Beschluß,--ein Beweis, wie die Idee der rein

mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Köpfe verwirrt hatte.

Als die Regierung dann 1895 dem Parlament Abänderungen des

Fabrikgesetzes und Zusätze dazu vorlegte, die eine Erweiterung des

Arbeiterinnenschutzes zum Ziele hatten, entfaltete der Verband eine

fieberhafte Agitation dagegen, die selbst davor nicht zurückscheute, die

Ausdehnung der Schutzzeit für Schwangere und Wöchnerinnen zu bekämpfen,

und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen im

besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im allgemeinen Stellung

nahm.[895] Die Gegner der Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem

Vorgehen einen starken Rückhalt, und es gelang den vereinten Kräften der

Frauen, die für Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der

Männer, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, eine

Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, wohl aber

bedeutend abzuschwächen. Indessen ist nach und nach ein leiser Umschwung

in den Ansichten des Verbandes eingetreten, der dadurch zum Ausdruck

kam, daß er in seiner Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals

gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit

einer schwachen Majorität von 33 Stimmen. Seitdem verficht die

Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten

frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu

stützen, daß sie alle diejenigen Fälle ihren Lesern vorführt, aus denen

hervorgeht, daß der gesetzliche Arbeiterinnenschutz auf die

Erwerbsverhältnisse nachteilig gewirkt hat. Daß solche Fälle in Zeiten

des Uebergangs zahlreich sind, daß es Arbeiterinnen infolge der

Beschränkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder gar des

Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschädlichen Berufen schwer fällt,

neue Stellungen sich zu verschaffen, ist zweifellos. Und es ist eine aus

der ganzen Erziehung, vor allem aber aus der intensiven Beschäftigung

mit der Wohlthätigkeit erklärliche Eigenschaft der Frauen, über der

Härte des Einzelfalls den Vorteil für das Ganze vollständig zu

übersehen. Sie sind gewohnt, den Kindern, den Kranken, den

Arbeitsunfähigen, kurz den Schwachen helfend und schützend zur Seite zu

stehen und sie schrecken, ganz vom Gefühlsstandpunkt beherrscht, vor dem

grausamen aber leider unvermeidlichen Weg zurück, um der Gesamtheit

willen das Schicksal Einzelner zu gefährden. So verwirft ein sehr

großer Teil frei denkender Engländerinnen unter dem tönenden Kampfruf

"Free Labour Defense" den Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht

mehr ins Endlose arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot

mangelt, weil das Fabrikmädchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr

findet und der Schande in die Arme fällt. Um so erstaunlicher war es,

daß der liberale Frauenverband sich prinzipiell für einen gesetzlichen

Schutz der Heimarbeit erklärte. Begreiflich wird das nur, wenn man sich

klar macht, daß es sich dabei nicht um den Ausdruck erweiterter

Erkenntnis, sondern im wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung

und des persönlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der Arbeiterin

vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz der Konsumenten

vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, wie groß diese

thatsächlich sind, und sowohl in England wie in Amerika wird der Kampf

gegen die Hausindustrie, von bürgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem

Gesichtspunkt aus geführt.

Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der Geschlechter in

Bezug auf die Erwerbsmöglichkeiten sind es auch, die die Haltung der

deutschen bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage

beeinflussen. Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche

Frauenverein an den Kongreß der volkswirtschaftlichen Vereine, der in

Hamburg tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, daß darauf

hingewirkt werden möge, "die weibliche Arbeitskraft von der

Verkümmerung, in der sie sich gegenwärtig befindet, zu retten und zu

einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt heranzuziehen", und an

den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre zusammentrat, wurde

gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine Unterstützung der

Frauenarbeit forderte.[896] Der Gedanke des gesetzlichen

Arbeiterinnenschutzes mußte in jener Zeit den Frauen um so ferner

liegen, als thatsächlich überall der Eintritt der Arbeiterinnen in die

Industrie durch die Arbeiter mit allen Mitteln bekämpft wurde. Was

damals aber begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, während deren

alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft fielen,

nur als ein Ausfluß blinder Prinzipienreiterei und mangelhafter Kenntnis

der einschlägigen Verhältnisse. So allein ist es zu erklären, daß die

französische Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongreß im

Jahre 1900,--der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr ein

nationaler war,--mit großem Nachdruck gegen jeden besonderen

Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die Art wie es

geschah einen Fortschritt.

In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts war jene große

Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an deren Spitze Marx, Engels

und Lassalle standen. Der Sozialismus, wütend bekämpft von der

bürgerlichen Gesellschaft, drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen,

durch geschlossene und verbarrikadierte Thüren und Fenster hinein. In

vielen seiner Züge war er geradezu prädestiniert, die Frauen zu

gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jüngerinnen an sich zog,

weil es an das Gefühl appellierte, weil es den "Mühseligen und

Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die Gefühlsseite des

Sozialismus, die heute so stark auf die Frauen wirkt, oft ohne daß sie

es wissen und meist ohne daß sie es eingestehen wollen. Wo es sich um

bürgerliche Frauen handelt, hört ihr Verständnis und ihre Zustimmung

meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des

gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder den

Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu verfolgen. Aber

ihre Gefühlswelt ist durch ihn befangen; kürzere Arbeitszeit, höherer

Lohn, Schutz den Frauen und Kindern--das sind Ideen, die ihnen, denen

die Armut in jeder Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein

müssen. Auch die Form der Beschlüsse des französischen Kongresses von

1900 ist auf den wachsenden Einfluß des französischen Sozialismus

zurückzuführen. Sie lehnen zwar den gesetzlichen Schutz für weibliche

Arbeiter ab,--eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,--aber sie

verlangen ihn in ausgedehntem Maße für beide Geschlechter, indem sie die

grundlegende Forderung der organisierten Arbeiterschaft,--den

Achtstundentag,--an die Spitze stellen.[897]

Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich der

Einfluß der Arbeiterbewegung auf die Haltung der deutschen bürgerlichen

Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage. daß es ihr möglich war,

mit bestimmten ihrer Ideen in ihr Fuß zu fassen, ist die natürliche

Folge der völligen Vernachlässigung der Frauenfrage durch die

bürgerlichen Parteien Deutschlands. Indem der englische Liberalismus die

Forderungen der Frauen nicht nur ernst nahm, sondern auch vielfach

acceptierte, und er ebenso wie die konservative Partei den Drang der

Frauen zu politischer Thätigkeit geschickt für sich ausnutzte, sie

gewissermaßen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine kluge

Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten einen

Rückhalt, eine Stütze an ihnen, während die deutschen Frauen bis vor

kurzem von allen bürgerlichen Parteien gleichmäßig geächtet waren.

Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche bürgerliche Frauenbewegung

vollzog sich natürlich außerordentlich langsam und setzte äußerlich

bemerkbar erst dann ein, als der Bannfluch, der mit dem

Sozialistengesetz den Sozialismus und seine Vertreter in den Augen der

bürgerlichen Welt getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872

erklärte Fräulein Auguste Schmidt, die eigentliche Führerin des

Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die

Frauenbewegung repräsentierte, die Bildung für den eigentlichen Kern-

und Schwerpunkt der Frauenfrage.[898] Wenige Jahre später, angesichts

des Sozialistengesetzes, hielt sie sich für verpflichtet, die deutsche

Frauenbewegung gegen jeden Verdacht revolutionärer Bestrebungen

öffentlich zu verwahren.[899] Erst 1881, zum ersten Male wieder seit der

Gründung des längst eingegangenen Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869

durch Luise Otto, beschäftigte sich die Generalversammlung des Vereins,

infolge eines Referats von Fräulein Marianne Menzzer, mit der traurigen

Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn für gleiche

Arbeit", die in England und Frankreich längst aufgestellt worden war und

durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs ist, fand lebhaften

Widerhall.[900] Als dann zwei Jahre später dieselbe Frage zur Beratung

stand, zeigte sich die ganze Einsichtslosigkeit der Versammlung darin,

daß sie in erster Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die

moralische Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu unterstützen,

daß die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen Geschäften zu

kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. Ein Fortschritt jedoch

trat damals schon hervor: einige wenige Frauen, unter Leitung von Frau

Guillaume-Schack, befürworteten statt dessen die Gründung von

Arbeiterinnen- und Gewerkvereinen,[901] Frau Guillaume-Schack war die

erste ausgesprochene Sozialistin in der bürgerlichen Frauenbewegung. Als

sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen konnte und der bürgerlichen

Frauenbewegung den Rücken wandte, schien es, als ob damit das Interesse

an der Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es

fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, unter

denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach unter Leitung

von Frau Minna Cauer und unter dem Einfluß von Frau Jeanette Schwerin zu

dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging die Agitation für Anstellung

weiblicher Gewerbeinspektoren aus, sie versuchte mit aller Energie die

Frauenbewegung aus der Bahn der Wohlthätigkeit in die sozialer

Hilfsarbeit hineinzulenken. Dieser ganzen Strömung entstand im Jahre

1894 ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegründeten

"Frauenbewegung".

Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier geleistet

wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der bürgerlichen

Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so daß selbst die ruhige

Vernunft dadurch unterdrückt wurde, das beweist die in demselben Jahr

erfolgte Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine.[902] Seine

Entstehung verdankte er der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich

des internationalen Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen

nationalen Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von

vornherein kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die

Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den Einfluß aller

Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" zuwenden wollte, "zu denen

alle von Herzen ihre Zustimmung geben können".[903] Von, diesem Bündnis

nun, das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach

dem Ausspruch der Vorsitzenden der Gründungsversammlung, Fräulein

Auguste Schmidt, "die sozialistischen Arbeiterinnenvereine

selbstverständlich" ausgeschlossen, und in diesem Sinne stimmte die

überwiegende Majorität der Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an

der Sitzung teilnahmen, fanden sich nur fünf, die auf meine Initiative

hin gegen diese engherzige, die ganze Gründung von vornherein

brandmarkende Auffassung öffentlichen Protest erhoben. Als

Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens erklärte

der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner offiziellen

Schriften[904], daß die betreffenden Vereine zum Beitritt nicht hätten

aufgefordert werden können, weil das Gesetz das in Verbindung treten

politischer Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine

anzusehen, unmöglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den

meisten Staaten Deutschlands die Gründung politischer Vereine durch

Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab demnach in diesem

Sinn überhaupt keine "sozialistischen" Arbeiterinnenvereine und die

ganze Beweisführung des Bundes soll nur noch heute die Angst, sich

öffentlich zu kompromittieren, verschleiern. Thatsächlich haben

inzwischen soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der

bürgerlichen Frauenbewegung mehr an Einfluß gewonnen, als im deutschen

Bunde. Schüchtern setzten sie ein mit der Forderung an die Kommunen,

Kinderhorte einzurichten und an die Regierungen, weibliche

Gewerbeinspektoren anzustellen, und innerhalb sechs Jahren haben sie

sich soweit entwickelt, daß der Bund von sich sagen kann: "In der Frage

des Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie die

organisierten deutschen Arbeiterinnen"[905], d.h. wie die

Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen Ungestüm

aller derer, die eine Wahrheit plötzlich erkannt haben, petitionierte er

bei den Volksvertretungen und Regierungen um die Ausdehnung des

Wahlrechts und der Wählbarkeit zu den Gewerbegerichten auf weibliche

Arbeitgeber und Arbeiter, um den Achtuhrladenschluß, zweistündige

Mittags-, je eine viertelstündige Frühstücks- und Vesperpause,

den achtstündigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang für

jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der

Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die Einführung

obligatorischer Fortbildungsschulen für Mädchen, um die Schaffung eines

einheitlichen Reichsvereins- und Versammlungsrechts und Gewährung

gleicher Rechte für die Frauen wie für die Männer. Zugleich regte die

1899 gegründete Kommission für Arbeiterinnenschutz an, Enquêten der Lage

der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. Dementsprechend hat in Leipzig der

Allgemeine deutsche Frauenverein Untersuchungen der Frauenarbeit im

Kürschnergewerbe, und in Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim-

und Fabrikarbeit der Strohhutnäherinnen veranstaltet. Die Bedeutung

aller dieser Maßnahmen läßt sich nicht nur am Vergleich mit der nach

anderen Richtungen so vorgeschrittenen französischen und englischen

Frauenbewegung ermessen, sondern vor allem daran, daß sie von 137

Vereinen ausgehen, deren 71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem

rückständigen, antisozialistischen deutschen Bürgertum zusammensetzen.

Wahrlich, ein deutliches Zeichen für die Macht sozialer Ideen! Auch

abseits vom Bunde, in kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im

evangelisch-sozialen Kongreß durch den Einfluß zweier mit der Lage der

Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Kühne und

Fräulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in dem orthodoxen

evangelischen Frauenbund durchzudringen.

Selbstverständlich lehnt die bürgerliche Frauenbewegung nach wie vor

jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus ab, und dokumentiert das vielfach

durch Unterlassungssünden, durch Worte und Thaten. Als die

proletarischen Frauenorganisationen im Jahre 1895 unter dem Zeichen des

drohenden Umsturzgesetzes in der schlimmsten Weise verfolgt und

geschädigt wurden und die Gelegenheit geboten gewesen wäre, die

Solidarität mit den Arbeiterinnen zu beweisen, hüllte die offizielle

Vertretung der bürgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine

Protesterklärung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, die ich

veröffentlicht hatte, fand nur verhältnismäßig wenig Unterschriften. Und

bei Gelegenheit der großen Agitation gegen das bürgerliche Gesetzbuch

seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine Flut von Reden,

Artikeln, Broschüren und Petitionen mit sich führte, blieben die für die

Proletarierin so wichtigen Fragen des Rechts auf dem Gebiete des

Arbeitsvertrags, der Gesindeordnungen, der Stellung der ländlichen

Arbeiter von alledem völlig unberührt. Wie vorsichtig und

zurückhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen Deutschlands der

Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht, dafür noch folgendes Beispiel:

Unter der Leitung des Vereins "Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes

ein Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen

Bestrebungen,--sie decken sich fast ganz mit denen des Bundes,--als in

ihrer energischen Betonung und radikalen Färbung von ihm abweicht. Er

stellte den Antrag, der Bund möge eine Verständigung zwischen der

sozialistischen und bürgerlichen Frauenbewegung für wünschenswert

erklären, wurde aber damit zurückgewiesen und es trat eine äußerst matte

Erklärung an seine Stelle, wonach "die Möglichkeit einer Verständigung

von Fall zu Fall in Betracht" gezogen werden sollte.

Am deutlichsten aber trat der bürgerliche Klassencharakter der

Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die häuslichen Dienstboten

anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und sich gegen die

unwürdige Lage, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Bis ins innerste

Herz wurde die ganze bürgerliche Gesellschaft dadurch getroffen; solange

die Arbeiterinnenbewegung sich außerhalb der eignen vier Wände

abspielte, konnte sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den

Frauen, die keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen

glaubten fürchten zu müssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich in

ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie

verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von

wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja vielfach in

Haß, der alle diejenigen in Acht und Bann erklärte, die mit der

Dienstbotenbewegung sympathisirten. Schon die Haltung des Berliner

Internationalen Frauenkongresses war charakteristisch; für lange

Berichte über Wohlthätigkeitsorganisationen war Zeit in Fülle vorhanden,

als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage erörtern wollte,

konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand ging in der Diskussion

darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten des Berliner

Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina Morgenstern: um das

"Verlieren" der in Deutschland üblichen, mit Zeugnissen versehenen

Dienstbücher wirkungslos zu machen, verlangte er die direkte Einreichung

dieser Zeugnisse an die Polizei, damit die Herrschaften hier stets

Einsicht von ihnen nehmen könnten.

Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunächst die Zunge

gelähmt zu haben. Erst allmählich entschloß man sich, sie vorsichtig und

zurückhaltend zu erörtern; persönlichen Anteil daran nahmen aber nur

wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen

Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu nichts

weiter entschließen als zu einer Petition um Einführung der

Unfallversicherung für das häusliche Gesinde, und eine Anzahl Vereine

erklärten mit großem Pathos, die Mißachtung, unter der die Dienstboten

zu leiden haben, dadurch zu beseitigen, daß sie von nun an nicht mehr

Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das für

den Hängeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als ein ausreichendes

Aequivalent erscheint?! Etwas energischer äußerte sich eine der

Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza Ichenhäuser, indem sie noch den Ersatz

des Dienstbuches durch ein fakultatives Arbeitszeugnis und die

gesetzliche Festlegung eines Wochenminimums an Freiheit forderte.[906]

Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng

thatsächlich die Grenzen für seine sogenannt radikalen Anschauungen

gezogen sind, indem er sich in seiner Generalversammlung im Oktober 1901

nicht einmal zu dieser Forderung entschließen konnte, sondern sich nur

darauf beschränkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die

Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, und

die Zuständigkeit der Gewerbegerichte für Rechtsstreitigkeiten, die aus

dem Dienstverhältnis sich ergeben, zu verlangen.

Das Haus und seine Ordnung ist thatsächlich vor allem für die deutsche

Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie bisher von der primitiven Art

ihrer Haushaltung und Wirtschaftsführung abzugehen, und wie es eine alte

Erfahrung ist, daß das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen

geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst willen

eingeführt werden, ein äußerer Zwang sie vielmehr zur Notwendigkeit

machen muß, so wird eine Aenderung dieser Verhältnisse, die die traurige

Lage der Dienstboten bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an

häuslichen Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafür ist die Haltung der

bürgerlichen Frauen gegenüber der Dienstbotenfrage im Ausland, wo es

mehr und mehr an Kräften fehlt, die sich dem Hausdienst zur Verfügung

stellen. Nicht nur, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen überall

bessere sind als in Deutschland, daß Einrichtungen aller Art den Dienst

erleichtern, daß weder Dienstbücher, noch Ausnahmerechte, wie unsere und

die österreichischen Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch

das Dienstverhältnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der Pariser

Frauenkongreß von 1900 lehnte zwar die Beschränkung der Arbeitszeit ab,

er verlangte aber eine Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der

Praxis als ziemlich dasselbe herausstellen dürfte. Auf dem Londoner

Frauenkongreß ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter lebhaftem

Beifall die Ansicht vertreten, für alle häuslichen Dienste, außer dem

Hause wohnende Arbeitskräfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach

geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwärterinnen, Lohndiener beschäftigt

werden.[907] In Amerika hat sich zu diesem Zweck ein besonderer

Frauenverein gebildet, der für den häuslichen Dienst die

Arbeitsvermittlung in Händen hat, und bei dem die Hausfrauen für jede

Art Arbeit stunden- und tageweise Mädchen engagieren können. Eine andere

Art, dem Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu

entlasten,--wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der

bürgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, daß es in erster Linie

das persönliche Interesse ist, das zu Reformen zwingt,--wurde auf der

Konferenz der englischen Gesellschaft für Frauenarbeit im Jahre 1899

vorgeschlagen: "Ein spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin,

"sollte hier der Pionier sein, indem er Mietshäuser mit je einer

Zentralküche und einer Zentralwaschküche baut.... Man hat berechnet, daß

man halb so viel für Nahrung ausgeben würde, wenn die Verschwendung an

Materialien und Arbeitskräften, die unzweckmäßige Kochart wegfielen....

Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines genügt, warum hundert

Küchengeräte abwaschen, wenn nur eines nötig gewesen wäre.... Was finden

wir denn heute in den berühmten, poetisch verherrlichten englischen

Häusern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wäschedunst und abgearbeitete

Frauen."[908] Genau denselben Standpunkt vertritt eine Amerikanerin,

wenn sie sagt[909]: "Während jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten

den ganzen Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungenügend

erfüllen, könnte dieselbe Arbeit besser und in kürzerer Zeit durch

wenige Spezialisten ausgeführt werden."

Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als Mittel zu

ihrer Befreiung hat die bürgerliche Frauenbewegung am spätesten erkannt.

Selbstverständlich: Denn das bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der

alten Anschauungsweise, die darauf beruht, daß die Armen Wohlthätigkeit

und Recht aus den Händen der Herrschenden entgegen zu nehmen haben. Sich

durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen der meisten heute

noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch gilt hier, was bei den

Fragen der Gesetzgebung gilt, daß die Initiative niemals von den

Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten erst dann als Organisatorinnen

und Agitatorinnen der Gewerkschaften auf den Plan, als die Proletarier

selbst die schwerste Arbeit, die Erringung der gesetzlichen Anerkennung

hinter sich hatten, und eine Gefahr für Staat und Gesellschaft nicht

mehr in ihnen erblickt wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der

bürgerlichen Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte

Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fällt, war ihr Einfluß ein direkt

nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kämpfe um den Arbeiterschutz,

frauenrechtlerische Ideen hinein und statt daß die Solidarität der

Arbeiterin mit dem Arbeiter sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde

die ursprünglich frauenrechtlerische Männerfeindschaft dadurch

propagiert, daß man Gewerkschaften mit ausschließlich weiblichen

Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische Women's

Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres Bestehens unter die

Leitung von Damen der hohen Aristokratie geriet, und es daher geraume

Zeit dauerte und erst die Folge vieler bitterer Erfahrungen und harter

Enttäuschungen war, ehe die Propaganda für Nur-Frauen-Gewerkschaften der

für gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis

der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu

verdanken, daß heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady Dilke an

der Spitze, einsehen, daß nicht das Geschlecht, sondern die Klasse das

Bindemittel der Solidarität sein muß. In Frankreich tritt gerade in

dieser Richtung der frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor,

weil die Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung erst in

allerjüngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation der

Arbeiterinnen zu beschäftigen und ihnen nicht, wie in Deutschland, eine

kräftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht. Sie haben in

Paris in rascher Folge die verschiedensten Frauengewerkschaften

geschaffen, für die diejenige der weiblichen Typographen,--von der

"Fronde" und ihrer Direktorin ausgehend,--besonders charakteristisch

ist: sie steht in schroffem Gegensatz zu den männlichen Kollegen, und

kämpft, entgegen dem Gesetz und den Grundsätzen der gesamten

Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit für Frauen, wenigstens

in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso schädigend für die

Interessen der Arbeiterinnen, kommt in den Organisationen zum Ausdruck,

die kirchliche Kreise schufen und erhalten. Sie umfassen, wie das

Syndikat l'Aiguille in Paris, Unternehmer und Angestellte, wodurch die

Möglichkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein

ausgeschlossen ist, oder sie sind, wie die Société de Secours mutuel,

die Gesellschaften La Couturière, La Mutualité maternelle, l'Avenir

fast ausschließlich Wohlthätigkeitsvereine, die unter strengem

kirchlichen Regimente stehen.

Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften als

sozialer Kampforganisationen durch den Einfluß bürgerlicher Elemente

tritt aber nirgends so deutlich zu Tage als in Deutschland. Sehr spät

erst, von einzelnen fruchtlosen Bemühungen abgesehen, ist die

bürgerliche Frauenbewegung der gewerkschaftlichen Frage näher getreten

und zwar zuerst in einem Berufskreis, der ihr persönlich am nächsten

stand: in dem der Handelsangestellten. In vollständiger Verkennung der

Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur durch

Zusammenschluß der Arbeiter allein erreichen und die Schmutzkonkurrenz

der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den männlichen Arbeitsgenossen

beseitigen kann, gründete der Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den

Hilfsverein für weibliche Angestellte, der nicht ausschließlich die

Frauen organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfaßt. In

verschiedenen Großstädten Deutschlands wurden ähnliche Vereine

geschaffen und die Handelsangestellten strömten ihnen um so eher zu, als

ihnen nicht nur Vorteile aller Art,--deren Wert für sie wir gewiß nicht

verkennen wollen,--geboten werden, sondern der ursprüngliche

Standesdünkel der Töchter der kleinen Bourgeoisie hier genährt wird. Die

Zahlen der auf diese Weise organisierten Frauen sind folgende:

Berlin 13000

Frankfurt a. M. 800

Breslau 950

Königsberg i. Pr. 600

Kassel 210

Köln 400

Stuttgart 345

Leipzig 700

Magdeburg 160

Bromberg 120

Danzig 240

München 210

Thorn 60

Stettin 150

Mainz 115

Mannheim 210

Posen 150

Hamburg 600

Dresden 120

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Im ganzen 19140

Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu

unterschätzen, wenn auch angenommen werden kann, daß von den

Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen angehören. Aber

alles, was sie, infolge ihrer numerischen Stärke, ihren Mitgliedern

bieten, kaufmännische Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek,

Vorträge, Theater, Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung,

Krankenversicherung u.s.w., wird durch den großen Schaden aufgewogen,

den sie ihnen zufügen, indem sie das Abhängigkeitsgefühl von den

Arbeitgebern und dem bürgerlichen Element in ihrer Mitte in den an sich

schon rückständigen Mitgliedern befestigen, das Aufkommen des

Solidaritätsgefühls mit den Lohnarbeitern aller Berufe unterdrücken, und

die Kräfte, die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen

lassen.

Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage völlig

verkennende Standpunkt der bürgerlichen Frauenbewegung in dem ersten

Versuch einer Dienstbotenorganisation hervor, wie ihn Mathilde Weber

1894 durch die Gründung des Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.[910]

Auch sie dachte dabei allein an die Töchter der eigenen Klasse: die

Gesellschafterinnen, Stützen der Hausfrau, Wirtschafterinnen,

Kindergärtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung sich von dem

einfachen Dienstmädchen meist nur durch den Titel "Fräulein"

unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt ausschließlich in den

Händen der Herrschaften und die Mitglieder haben so wenig zu sagen, daß

die Generalversammlung sich auch dann für beschlußfähig erklärt, wenn

nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenüber bedeutete der fünf Jahre

später gegründete Verein Berliner Dienstherrschaften und

Dienstangestellter immerhin einen leisen Fortschritt, indem er zwar, wie

die Vereine der Handelsangestellten auf dem unmöglichen

Harmoniestandpunkt zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem

doch dieselben Rechte einräumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und

Unterdrückung des Solidaritätsgefühls, des allein zum Selbstbewußtsein

erziehenden Klassenbewußtseins ist aber überall gleich groß. So auch in

den Versuchen der Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die

Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899

gegründete Verein etwa 200 Mitglieder zählt. Sie laufen im wesentlichen

auf Wohlthätigkeit hinaus und nähren in den Proletarierinnen jenen

verderblichen Sklavensinn, der von Rechten nichts weiß, sondern alles,

was ihm geboten wird, demütig und dankbar aus der Hand des Herrn

entgegennimmt.

Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer reiferen

Erkenntnis bildet der von Münchener Frauenrechtlerinnen gegründete

Kellnerinnenverein: er ist, auch was seine Leitung betrifft, ein reiner

Arbeiterinnenverein, der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen

Unternehmern und Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht

zurückhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Gründer gemahnt, ist

die Thatsache, daß der Verein ausschließlich auf weibliche Mitglieder

zugeschnitten ist, dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwächt

wird, daß in München männliche Kellner zu den Ausnahmen gehören. Von den

2 bis 3000 Münchener Kellnerinnen sind 230 Vereinsmitglieder.

Die Zurückgebliebenheit der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die

gewerkschaftliche Organisation ist auf Grund ihres Ursprungs vollkommen

verständlich; die wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschluß der

weiblichen Arbeitskraft aus allen bürgerlichen Arbeitsgebieten

ausdrückte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein mehr oder

weniger gewaltsames Vordringen in seine Berufssphären war die Folge. Die

bürgerliche Frauenwelt bildete gewissermaßen eine gegen den Unterdrücker

solidarisch verbundene Klasse der Unterdrückten, und sie lebte des

Glaubens, daß ihre Interessen die Interessen des gesamten weiblichen

Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am meisten

eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der zäheste Widerstand

entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung geringschätzt, wo sie noch

nicht den mindesten politischen Einfluß haben. Dahin gehört vor allem

Deutschland. Hier fühlen sie sich als eine Partei für sich, und es ist

nur die idealistische Verbrämung einer traurigen Thatsache, wenn sie

nicht müde werden, zu erklären: wir stehen "über" den Parteien; ihr

naives Selbstgefühl und ihr völliger Mangel an Einsicht in die sozialen

und wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es möglich

zu machen, daß sie in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit nur das

künstliche Produkt politischer Parteiungen sehen und auch hier Frieden

zu stiften glauben, wenn sie die "ärmeren Schwestern" in ihre Arme

ziehen. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, daß ihre Wege

sich völlig voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der

Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie äußert sich

nicht im Ausschluß der weiblichen Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten

durch den Mann, sondern in der übermäßigen Ausbeutung der Arbeitskräfte

beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie daher

nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren Arbeits- und

Leidensgenossen. Wo die bürgerliche Frauenbewegung dieses

Interesse nicht aufkommen läßt, wie durch zahlreiche ihrer

Wohlthätigkeitsinstitutionen, wo sie an seine Stelle die

Interessengemeinschaft mit den Vertretern des Kapitalismus zu setzen

sucht, wo sie das Gefühl der Solidarität der weiblichen mit den

männlichen Arbeitern bewußt oder unbewußt erschüttert und unterdrückt,

wie fast durchweg in ihren Organisationsversuchen, wo sie sich endlich

der Hebung der Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung

der Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefährliche Feindin der

Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur Lösung der

Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, die sie ihr gegenüber

einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie stiften kann, ist die

Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der Notlage des weiblichen

Proletariats und die Propagierung der Arbeiterschutzgesetze im Sinne der

Arbeiter selbst. Nicht zu einer unmöglichen Harmonie zwischen den

Klassen, wohl aber zu einer schließlichen Aufhebung der

Klassengegensätze würde sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege

ebnen helfen.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 33 / 47 题