Nach alledem dürften es kaum die Löhne sein, die den immer wieder

behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen

können. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der

landwirtschaftlichen Thätigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber

damit erklärt und entschuldigt, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen

unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphären, und der

Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen würde.

Diese Auffassung rief auch jenes Märchen von den drallen Landmägden und

den blühenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die

Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe

sitzt. Für diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen,

hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders

wahrhaftig ist, angefangen, ihren Märchenglauben zu erschüttern.

Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist

die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen

Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders

während der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Für

das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn

alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hühnerhof und im Haus,

erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengänger repräsentieren auch nach

dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit

von früh fünf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen

zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schließt aber

natürlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht

um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergütung erfährt. Eine zwölf- bis

vierzehnstündige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz

Erträgliches erscheinen, der nicht weiß, worin sie besteht, oder sich

bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten

wir die Thätigkeit der Landarbeiterin mit nüchternen Augen, so wird sie

schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die

Arbeit der Mägde im Kuhstall, und nicht aus bloßem Uebermut gehen jetzt

schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und

dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Ställe

sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken

anstrengend und gesundheitsschädlich. Geschwüre an den Händen sind keine

Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im

Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen würde, wird nur

selten für notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren

können, der in die dunklen, stickigen Ställe tritt und sieht, wie sich

die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie

stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfängt,

während der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fährt! Auch das

Ausmisten der Ställe, das nicht immer den Knechten überlassen bleibt,

verlangt große Körperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der

gefüllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den

Mägden obliegt, ist eine noch weit widerwärtigere Arbeit; ich habe

Mädchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Ställe hineinkriechen

mußten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz

wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer

Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse. Wie bei

den vorhergehenden muß auch in diesem Fall von den wenigen

Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen

Ställen die Milchwirtschaft im großen mit Hilfe von Maschinen und

motorischen oder Pferdekräften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im

Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die

stundenlang am Butterfaß steht und den schweren Schwengel auf- und

niederbewegt, die all die vielen Gefäße täglich scheuert und putzt, die

keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf

ihr zu schwer und zu schlecht sein, von früh bis spät ist sie auf den

Beinen. Und doch ist ihre Thätigkeit noch jeder anderen vorzuziehen,

weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zuläßt.

Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder

gar der Zuckerrüben gegenüber: im glühenden Sonnenbrand oder im kalten

Herbstwind steht die Arbeiterin zwölf und mehr Stunden mit gekrümmtem

Rücken über die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der

Zuckerrübenkultur, bis über die Knöchel in den Schlamm; oder sie kniet

und hockt etwa wie beim Unkrautjäten, auf durchfeuchteter Erde. Zur

Erntezeit fällt ihr das schwere Garbenbinden regelmäßig zu, sie muß aber

auch vielfach mähen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne daß

ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre

Arbeit noch leichter, als in den Gebirgsländern. Von den abgelegensten

Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden

Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so daß ihr Rücken sich krümmt

unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Für die

ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergünstigung, wenn

sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wäldern meilenweit nach Hause

tragen können.

Je weiter nach Osten und Süden, desto härter ist die Arbeit; die

russische Landarbeiterin muß es sich selbst gefallen lassen, den Pflug

durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne über Italien wahre

Fieberhitze ausströmt, arbeitet die Tagelöhnerin Schulter an Schulter

mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme

steckend.

Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelöhnerin, deren

Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau

des armen Bauern oder die selbständige Besitzerin eines kleinen

Landguts. Die französische Bäuerin z.B., die tagsüber ihren Gemüsegarten

allein bearbeitete, fährt oft schon früh um drei Uhr in die Stadt, um

ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die

selbständige sowohl wie die abhängige,--verheiratet, hat sie Kinder, so

ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt für sie aufs

neue, wenn sie abends todmüde nach Hause kommt. Ist sie Tagelöhnerin

mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren

unumgänglich nötig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem

Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Für sie

giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln

oder jäten Unkraut, arme Wöchnerinnen binden Garben oder führen den

Rechen. Die früh gealterten welken Frauen mit krummem Rücken und

zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt

begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung für die

"naturgemäßen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten

die meisten schon in früher Jugend diese rasche Zerstörung vor. Die

Wanderarbeiterinnen sind zum großen Teil ganz junge Mädchen; auf

sächsischen Gütern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren

alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedürften, werden sie

den Einflüssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu ständigem gebückten

Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden

die runden Mädchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den

Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des

frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frühlingszeit auf

einen der Bahnhöfe Berlins, wo man die Sachsengänger wie das liebe Vieh

in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit

werden!

Aber auch auf die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse treffen die

vorgefaßten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man

sich's gerne vorstellen möchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch

und Hühnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemüsen. Er produziert

nicht für den eignen Verbrauch, sondern für den Verkauf. Schon aus der

Summe, die die Sachsengänger für ihre Beköstigung anlegen, läßt sich auf

die Art derselben schließen; thatsächlich besteht sie in schwarzem

Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die

besser Gewöhnten gönnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlklöße.[759] Die

Güte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, daß sie häufig vom

Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden müssen![760] Die

kontraktlich gebundenen Tagelöhner leben kaum besser; die kleinen

Besitzer sparen, so viel sie können, am Essen. Dabei entzieht die

Ausdehnung der großen Molkereien den Landleuten in steigendem Maß ihr

wichtigstes und gesündestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher,

aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefüllte Flasche im Mund,

während Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengeführt

werden, genügt allein, um diese Zustände zu illustrieren.

Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur

den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie

wird gut gefüttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am

schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die

Hofgängerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie übrig

läßt, das ist gewöhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter

den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge sträflicher

Genußsucht, als grimmigen Hungers.

Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, daß die

deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in

leeren Ställen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es

vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der

Sachsengänger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten;

Musterhäuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch

die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen

großen Gütern Sachsens. Die häufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen,

ihre Abneigung gegen die gemeinsame Beköstigung wird oft zum Vorwand

genommen, dergleichen Einrichtungen für überflüssig zu erklären, während

doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die für den trostlosen

Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles

fördern sollten, was eine Arbeiterbevölkerung, die nach

hunderttausenden zählt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben

könnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den

Stumpfsinn des Sklaven für bewußte Befriedigung zu halten!

Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefährlich

für die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem

Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat

eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine

Kammer. Diese beiden Räume werden außer von der meist kinderreichen

Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgültig ob es junge

Burschen, Mädchen mit Kindern, Krüppel, kränkliche, verdorbene, eben der

Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Häufig sind drei und vier

Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen

zusammen und sind von früh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs

ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller übrigen

Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft

alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] häufig genug teilen Hühner,

Gänse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen.

Wer solch eine Höhle betritt, prallt zurück vor dem unbeschreiblichen

Gestank, der ihr entströmt, vor dem Bild des Elends und der

Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet

vielfach auch hier, daß es die Leute nicht anders haben wollen, daß neue

Wohnungen mit gedielten Fußboden von ihnen verschmäht werden. Neben dem

tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche

Wohnungsverhältnisse gewaltsam zurückgehalten werden, ist es die Not,

die sie an sie fesselt: ihre Hühner und Gänse und Ziegen bilden einen

wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Möglichkeit sie in

strenger Winterkälte zu erhalten, außer wenn sie ihnen ihr Zimmer

öffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie

gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb

gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreußen leer stehen[767], weil ihre

Schönheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht übrigens nur einen

geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich

handelt; die westfälischen Heuer wohnen nicht besser, als die

ostpreußischen Instleute[768], die Tagelöhner wohnen sogar vielfach noch

schlechter. In Südwestdeutschland wurden z.B. ländliche Haushaltungen

mit nur einem Wohnraum gezählt[769]:

mit 4 bis 5 Personen bewohnt 8297

mit 6 bis 10 Personen bewohnt 4757

mit 11 und mehr Personen bewohnt 53

Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort

oder einer in nächster Nähe des Brunnens, Fenster, die häufig aus

Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung

norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch

schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer

einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen

Kammern von 8 qm Grundfläche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und

im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhöhlen, 1 m in, 1 m über der Erde,

deren Grundfläche 12 qm beträgt und deren Wände und Decken aus mit Sand

und Rasen beworfenen Rundhölzern bestehen. Die Reicheren unter den

Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm groß, die anderen haben statt dessen

nur Löcher in den Wänden. In diesen Räumen wohnen Tagelöhnerfamilien mit

Schweinen, Ziegen und Hühnern zusammen. Vor den Thüren liegt der

Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun

aber nicht, daß Deutschland allein solche Vorzüge aufzuweisen hat. Im

reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhäuser als einzige Oeffnung

die Thür, die bloße Erde zum Fußboden und, um den Raum auszunutzen, die

Betten zu drei und vier übereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist

vielfach Fachwerkhäuser mit nassem Boden und feuchten Wänden auf, die

nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie

die kleinen Besitzer wohnen häufig mit dem Vieh zusammen.[775]

Auf großen Gütern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im

allgemeinen die Mägde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre

Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein

Bett teilen müssen und ist nicht verschließbar. In ärmeren Wirtschaften

ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwürdige: in

unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen

Mägde und Knechte in oder dicht neben den Ställen. Um in ihre Kammer zu

gelangen, müssen die Mägde häufig den Schlafraum der Knechte passieren

und umgekehrt. In den Berggehöften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf

dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in

den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie

auch wohl einfach auf die Heuboden.

Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhältnisse liegen auf der Hand.

Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs

gewöhnt, die bei den Knechten schlafenden Hütekinder werden früh in die

dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte

von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Märchen, wie die von den

gesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Landarbeiter. Nicht nur,

daß der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte

ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das

jus primae noctis zu betrügen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die

"Prüfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nämlich erwies,

daß sie zur Mutterschaft fähig ist[777], auch die wüsteste

Sittenlosigkeit wird auf dem Lande großgezogen. Die meisten Mädchen, die

Scharwerkerinnen, die Sachsengängerinnen, die Mägde kommen zuerst durch

Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts

als ein Spaß. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt

noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon

hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als

Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich

gemeinen Soldatenlieder würden allein schon ausreichen, das Gesagte zu

beweisen. Und doch wäre die ländliche Sittenlosigkeit noch nicht so

verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mägden allein

abspielte, weil die Heirat die gewöhnliche Folge zu sein pflegt; daß sie

oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption,

als die der äußeren Verhältnisse. Die Gründung des Hausstandes hängt von

den zurückgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim

besten Willen nur sein können, haben wir aus den Löhnen gesehen. Handelt

es sich um festangestellte Tagelöhner, besonders Instleute, oder das

ländliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder

Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine

Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, daß die

weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwächt wird. Weit

bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen für die Mädchen begleitet,

ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelüste ihrer Herren werden. In der

Enquete der evangelischen Pastoren über die Sittlichkeit auf dem Lande

werden die Gutshöfe "Hauptherde ländlicher Unzucht" genannt[781], und

das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Söhne und Gäste,

besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell

beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mädchen, heißt es vielfach; sie sehen

in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhängigkeit sich

leicht ihrem Willen fügen. So kommt es, daß selten ein Landmädchen als

Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, daß die Korruption der

Landbevölkerung kaum eine geringere ist, als die der städtischen.

Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, daß

die Lage beider eine gleich schlechte, ja daß die der Landarbeiterin

vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer städtischen

Leidensgenossin, denn sie genießt keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat

in Deutschland wenigstens nicht die Möglichkeit sich durch Organisation

selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt

an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt,

wenn sie sich ihr ununterbrochenes ländliches Dasein vorstellt, ihre

Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem

freudig den Rücken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, daß es überhaupt

noch Mädchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die

Vergnügungssucht triebe sie in die Städte, so ist zweifellos viel Wahres

daran, es ist aber eine berechtigte Vergnügungssucht, denn ein unklares

Bedürfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr

aber als dies ist es der Wunsch, dem drückenden Elend und der quälenden

Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefühle aber, die zur Landflucht

den Anstoß geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter

durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des ländlichen

Proletariats in sich. Auch die ostelbische ländliche Arbeitsverfassung,

die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevölkerung

zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschüttert; selbst die Instleute

opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persönlichen

Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewußtsein läßt eine

rapide zunehmende Zahl ländlicher Arbeiter der Arbeit außerhalb ihrer

eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedürfnis der von der

einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei

entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer

Weise bevorzugt, weil sie für fleißiger, sparsamer und bescheidener

gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand für Unterbringung und

Ernährung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche

Verantwortung fortfällt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, daß die

Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb

des ländlichen Proletariats dadurch gefördert haben, ebenso wie jeder

Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Großbetrieb ausweitet, dem

Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je

mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto

leichter wird es auch möglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu

schützen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die

Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel,

sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer

elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einführung

der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind,

werden trotz ihrer momentan grade für die Arbeiter sehr empfindlichen

Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmälert z.B. ihren Verdienst um ein

Bedeutendes[787],--die Lage der ländlichen Arbeiter schließlich

wesentlich umwandeln und verbessern. Für die Frauenarbeit kommen dabei

vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in

Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mägden eine der

unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von

innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine

durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr

Bahn bricht, daß die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in

einer Lage befinden, die geeignet ist, die körperliche und sittliche

Gesundheit des Volks bedenklich zu gefährden, und daß es Märchen, und

nichts als Märchen sind, die man geflissentlich über sie verbreitete,

und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betäuben.

Der häusliche und der persönliche Dienst.

Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung

zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den häuslichen

Dienstboten, einschließlich der außer dem Hause der Arbeitgeber

wohnenden, den Wäscherinnen und Plätterinnen, den Kellnerinnen und den

sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr

gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewöhnlichen Sinn des Wortes

sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen

nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel

produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der

Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das

Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern

ließe, ein sehr unzureichendes. Den Wäschereien und ihren Arbeiterinnen

wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Großbetrieben sich

entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten.

Zögernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende

Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den häuslichen Dienstboten ging

man so gut wie achtlos vorüber. Nicht nur, daß man nicht wagte, den

Schleier zu heben, der über ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten,

wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der

Feudalzeit würdig wären, dachte man selbst in den Jahren lebhafter

sozialer Gesetzesthätigkeit nicht im entferntesten daran, diese

Millionen Menschen aus dem drückenden Joch zu befreien. Auch das

Bürgerliche Gesetzbuch für das deutsche Reich, welches das Recht des 20.

Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverändert bestehen lassen.

Der Kultus der Familie hat die häuslichen Dienstboten mit einer

chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute für strafbar

gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt

und so dicht vor Augen geführt wurde, daß selbst die Kurzsichtigsten es

sehen mußten, wagte man es schüchtern und vorsichtig, eine kleine

Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um

das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den häuslichen

Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln

versuchen, so hieße das die Mauer umreißen und der Oeffentlichkeit in

die eigenen Familienverhältnisse Zutritt gewähren. Selbst freisinnige

Geister, die den Zuständen der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken

wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden

reaktionär, sobald die Dienstbotenfrage berührt wird. "_My house is my

castle_" heißt es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen

Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer

Erkenntnis.

Obwohl die Lage der häuslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein

sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie

täglich vor Augen sehen, hat die einschläfernde Macht der Gewohnheit bis

jetzt die aufklärende Gewalt persönlicher Erfahrung zu unterdrücken

gewußt. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeußerungen über die

Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen

Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage

erscheint dem weitaus größten Teil derer, die sie in den Mund nehmen,

nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der

Dienstboten abzuhelfen ist. Daß sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und

wie sie behandelt werden muß, daß der große Strom der Entwicklung, der

in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern

des bürgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen

Grundpfeilern erschüttert,--und der häusliche Dienst ist solch ein

Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fängt erst jetzt an zu dämmern, wo die

Dienstboten selbst anfangen, zum Bewußtsein ihrer Lage zu kommen. Nun

entdeckt man gleichsam in der uns täglich umgebenden eine neue

unbekannte Welt und fängt an, zu begreifen, daß ein Leben noch kein

menschenwürdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner

bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.

Die große Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die

einzelnen Länder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es

besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren

z.B. in Deutschland die Löhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der

Durchschnittssatz dürfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise

sind es die Kindermädchen, die den niedrigsten, die Köchinnen, die den

höchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der

Kinderstube und der Küche liegen soll?! Was thatsächlich damit

ausgedrückt wird, ist die Anforderung, die man an Köchin und

Kindermädchen stellt: während die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem

Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben muß, wird von dem

gewöhnlichen Kindermädchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule

entwachsen, hält man es für fähig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die

nächste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mädchen für Alles" ein,

das Kinder-, Stubenmädchen und Köchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt

sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmädchen, das die

Zimmer zu reinigen, das Küchenmädchen, das abzuwaschen und der Köchin zu

helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfräuleins oder

Kindergärtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmädchen und

Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten höher entlohnt zu werden.

Einen höheren Lohn erreicht das feine Stubenmädchen, das gewöhnlich die

Plätterei und Näherei verstehen muß, und die Jungfer, der die

persönliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie

zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75

Mk. im Monat. Die Köchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie

gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der

Mehrzahl deutscher, bürgerlicher Haushaltungen dürfte sie zwischen 18

und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in großen

Häusern oder auf Landgütern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von

Küche und Vorratsraum in Händen hat und die Amme, die an Stelle der

Mutter den Säugling ernährt.

Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die höchsten Löhne in

Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmädchen umfaßt, kommt

zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach:

21 Mädchen oder 4,7 Proz. einen Jahreslohn von 100-150 Mk.

152 " " 33,9 " " " " 150-200 "

179 " " 39,9 " " " " 200-250 "

56 " " 12,5 " " " " 250-300 "

41 " " 9,0 " " " " 300 u. mehr "

Die Mädchen für Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 %

von ihnen haben weniger als 200 Mk. jährliches Einkommen. Die Köchinnen

erreichen die höchsten Lohnsätze, die außerdem bei ihnen niemals unter

150 und selten unter 200 Mk. herabsinken.

In England, für das eine offizielle Untersuchung über Dienstbotenlöhne

vorliegt[789], sind die Verhältnisse ganz ähnliche, obwohl die Löhne

eine größere Höhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn

englischer Dienstmädchen beträgt 15,10 £, in Schottland steigt er auf

17,12 £, in London auf 18,2 £, während er in dem armen Irland auf 12 bis

14 £ fällt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule

entwachsenen Kindermädchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis

6 £ begnügen müssen.[790] Die Stufenleiter ist im übrigen folgende:[791]

Mädchen für Alles erhalten einen Jahreslohn von 6-17 £

Küchenmädchen " " " " 5-21 "

Einfache Hausmädchen " " " " 7-24 "

Stubenmädchen " " " " 14-24 "

Köchinnen " " " " 11-28 "

Kinderwärterinnen " " " " 6-30 "

Kammerjungfern " " " " 19-30 "

Wirtschafterinnen " " " " 34-52 "

Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es

notwendig, auch die Durchschnittslöhne festzustellen, die aus der

Untersuchung der Lohnverhältnisse von 5338 weiblichen Dienstboten

gewonnen wurden. Sie betrugen für

Mädchen für Alles 16 £

Kinderwärterinnen 16 "

Hausmädchen 16 "

Stubenmädchen 20 "

Köchinnen 20 "

Kammerjungfern 24 "

Wirtschafterinnen 34 "

Das Kindermädchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter

der Köchin. Noch drastischer tritt dieses Verhältnis in Frankreich, der

Hochburg kulinarischer Genüsse hervor, wo die Löhne der Köchinnen

zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darüber schwanken, während

Kindermädchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40

zu bekommen pflegen. Ungewöhnlich hoch sind hier die Löhne der Ammen,

die häufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Löhne, im

Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten

gezahlt. Nach einer Enquete beträgt der durchschnittliche Lohn der

Dienstmädchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 %

ebensoviel oder weniger, so daß sich daraus ein Jahreseinkommen von

durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mädchen für

alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $

wöchentlich,--und die Köchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am

besten stehen.[792]

Nach alledem scheint festzustehen, daß nicht die Quantität, sondern die

Qualität der geleisteten Arbeit am höchsten bezahlt wird, und zwar ist

die Ursache davon nicht die, daß die Nachfrage nach der qualitativen

Leistungsfähigkeit absolut eine besonders starke ist,--könnte man es

zahlenmäßig nachweisen, so würden zweifellos die Mädchen für Alles als

die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhältnis zum

Angebot gelernter Arbeiterinnen überall hoch erscheint, und von den

zahlungsfähigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Gründen sind die Löhne

der männlichen Dienstboten unverhältnismäßig höher als die der

weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr dürfte kaum ein deutscher Diener,

unter 38 £ kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch

verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat

durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 £.

Als Ergänzung des Lohns kann das Trinkgeld und das häufig im Geldwert

bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden.

In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele

Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine

oft respektable Höhe. So ist mir bekannt, daß ein Stubenmädchen in der

Familie eines höheren Offiziers, das den geladenen Gästen beim Aus- und

Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk.

einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem

Maße das Odium des Entehrenden an, weil es thatsächlich nur als

Belohnung für außergewöhnliche Dienste auftritt und die Höhe des Lohns

durch die Aussicht darauf nicht beeinflußt wird. Anders steht es, soweit

die Stubenmädchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie

werden in den weitaus meisten Fällen mit einem sehr geringen Lohn

angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Für ihre

harte Arbeit müssen sie auch noch in der beschämenden Haltung der

Bittenden vor die Fremden hintreten, müssen ihnen, wie die Strauchritter

am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres

guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen

entgegennehmen, an das noch dazu häufig genug beleidigende Anforderungen

geknüpft werden.

In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Höhe des

Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip läßt

sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint

fast als müßte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein,

weil sie nicht selbst für Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird

stets außer acht gelassen, daß allein an die Kleidung des Dienstmädchens

ganz andere Ansprüche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin,

und daß gerade bei der häuslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur

in reichen Häusern Englands und Frankreichs, sehr selten in

Deutschland,--wo man sich auf das weiße Häubchen als Abzeichen der

Dienstbarkeit beschränkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art

Uniform ist, den Dienstmädchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist

müssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch

schmaler werden läßt. In sehr vielen Fällen aber haben sie von ihrem

Lohn alte Eltern und Geschwister zu unterstützen. Wie oft sind mir

Mädchen begegnet, die über die Hälfte ihres Geldes nach Hause schickten.

Noch häufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernähren,

wofür sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben müssen--meist den

größten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglücklichen sind die

Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und

peinigen, sie halten überall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wäre die

Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie können keine Ersparnisse

machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange

der müde Rücken es aushält, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein

verbrauchtes Hausgerät. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die für

niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drücken

kann: die Dienstvermittlungsgebühren.

Die Dienstvermittlung ruht fast ausschließlich in den Händen privater

Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preußen gab es hier allein

5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft

waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Händen das Los der

Dienstmädchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre möglichste

Ausbeutung liegt natürlich im Interesse der Vermittler und so müssen die

Dienstmädchen für jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in

Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt,

oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die großstädtischen

Dienstmädchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen

dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes würdig wären. In Wien

allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus

eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mädchen zu tragen

haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr häufig nehmen die

Vermittlerinnen sie während der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und

Wohnung; sie üben dadurch, daß sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der

Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es

überdies in der Hand, die Mädchen möglichst lange bei sich festzuhalten.

Die unerfahrenen Mädchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets

ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen,

durch Schmeicheleien und wohl auch durch häusliche Feste,--wobei die

Mädchen natürlich die Zeche bezahlen müssen,--an sich zu fesseln, so ist

das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in

das Wartezimmer einer großstädtischen Vermieterin enthüllt

für den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des

Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrängt die Mädchen, vor ihnen die

feilschenden "Gnädigen" mit prüfenden Blicken und Fragen, die eines

Untersuchungsrichters würdig wären,--ein Sklavenmarkt mit all seinen

Schrecken! Jedes deutsche und österreichische Mädchen hat überdies noch

ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren

ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthält, die alles vermuten

und erraten lassen. Wagt es das Dienstmädchen seinerseits nach den

Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es für frech

und unverschämt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat,

zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhör

nimmt.

Und was wartet seiner?

Zur Entlohnung der häuslichen Dienstboten gehört, außer dem Lohn,

Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein

üblich; die vollständige Abhängigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in

der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch

zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfährt sie

Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen

Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo

mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie

ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen

können.[794] Daß es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender

Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in

Süddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten

in den Mietshäusern immer im obersten Stockwerk. Sehr häufig sind sie

nicht zu heizen, so daß die Kälte im Winter sehr empfindlich ist, aber

noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glühenden

Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Nötigste zu fassen vermag,

hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmädchen zusammen. Thür an Thür

führt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung,

Mädchen und Männer, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben

nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsräume noch als gute zu

bezeichnen im Vergleich mit denen, die der größten Mehrzahl der

weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Städten geboten werden. Die

Hängeböden sind hierfür besonders charakteristisch. Man versteht

darunter Räume, die auf halber Höhe über dem Badezimmer, dem Kloset, dem

Flur oder einem Küchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur

mittelst einer Leiter oder einer steilen Hühnerstiege zu erreichen sind.

Meist sind sie so niedrig, daß ein normal gewachsener Mensch nicht

aufrecht darin stehen kann, und so klein, daß neben dem Bett kaum Platz

genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natürlich

stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenständen gerechnet, die nach der

Küche oder dem Flur hinausmündende Thür ist dann das einzige

Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft führt der Kamin der

Küche direkt daran entlang, so daß eine unerträgliche Hitze sich der

schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine förmliche

Brutstätte hier findet. Noch häufiger liegt Badezimmer und Kloset unter

dem Hängeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphäre erfüllt.

Einen solchen Wohnraum für Dienstmädchen habe ich in einem der

vornehmsten Häuser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen

kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst für kleine Menschen zu niedrig

war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklärte stolz, daß er

geräumig genug sei, um zwei Mädchen zu beherbergen! Natürlich besaß sie

einen Salon, der nur für Gesellschaftszwecke geöffnet wurde und ein

Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des

Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten

Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmädchen, das während der

Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner

zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug.

Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhältnisse kommen zu

denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder

Dachkammern, Kellerräume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich

zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen

Expertinnen als ihre Schlafräume angegeben, und zwar sind es nicht

weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn

24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so

entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmädchen nur 93 diesen

Anforderungen; etwa die Hälfte sind in Bezug auf die sanitären

Bedingungen ihrer Wohnung ungünstiger daran als die Gefangenen in

preußischen Zuchthäusern.[795]

In einigen Städten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende

Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen

gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden

Hängeböden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hängeböden, außer

von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Höhe und bestimmtem

Luftraum untersagt. Natürlich steht all dergleichen fast nur auf dem

Papier, denn die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten sind nicht etwa

nur der Ausfluß ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge

der allgemeinen ökonomischen Verhältnisse. Mit den gesteigerten

Lebensansprüchen haben die Einnahmen des weitaus größten Teils der

Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie

reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr

aus. Infolgedessen wird überall dort gespart, wo das Auge des Fremden

nicht hindringen kann, und die großstädtischen Wohnungen sind der

Ausdruck dieser Entwicklung: das Eßzimmer, der Salon sind geräumig und

glänzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel,

der Raum für das Dienstmädchen ist eine Art Höhle. Wer weiß, in welchem

Maße von der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins das Ansehen, der

Kredit, ja die Existenz der Familien abhängt, wer dabei die furchtbare

Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu überwinden nur Auserwählten

gelingt, der wird sich auch sagen müssen, daß die Wohnungsmisère der

Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten

beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen

Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hängeböden tritt nämlich

nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein

schwer zu öffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer

erhellt, aufweist und ebenso wie die Hängeböden, nicht Raum genug

bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstände

unterzubringen. In den seltensten Fällen, in Privathäusern, bei reichen

oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmädchen ein Zimmer, in das es

sich abends, nach der Arbeit, gern zurückzieht, wo es aufatmen, sich

selbständig und unbeaufsichtigt fühlen kann. Wohnräume für Dienstboten,

wo ihre Freunde sie besuchen können, gehören auf dem Kontinent zu den

größten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Häusern zu finden sind.

Die Küche ist fast immer ihr Wohn-, Eß- und Empfangszimmer.

Wie der Lohn, so ist die Beköstigung der Dienstboten die

verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualität, als was die Art der

Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Länder, die über

eine Schar dienstbarer Geister verfügen, ist es üblich, daß für sie

extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an

gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des

"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist für die Herstellung

der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht

gerade schlecht zu sein; um so erträglicher ist die Ernährung, als sie

mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer

eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begünstigten

die Masse der Mädchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mäßig

begüterten Bürger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein

völlig verändertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger

zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die

Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten

des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause muß

sie in der Küche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel

des Tisches, der notdürftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden.

Sehr häufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre

Quantität betrifft: das Mädchen darf sich nicht nach Gefallen satt

essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In

Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders

geformte tiefe Teller, ähnlich den Näpfen, in denen man den Haushunden

das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin

zusammengeworfen. Man hält es vielfach für selbstverständlich, daß das

schwer arbeitende junge Dienstmädchen durch das geringste Maß an Kost,

durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein muß: eine Tasse dünnen

Kaffees mit einer dünn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter

Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewärmtem

Kaffee--darin besteht nur zu oft die tägliche Nahrung. Trotzdem wird das

Los des Dienstmädchens gegenüber dem der Fabrikarbeiterin als ein

glänzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost

betrifft häufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost

durch einen bestimmten Geldbetrag abzulösen; in Deutschland, England und

Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld üblich, das in

Deutschland kaum über 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15

bis 25 frs. erreicht. In großen englischen Haushaltungen wird manchmal

für die ganze Beköstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die

für Mädchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. täglich zu betragen pflegt. Für das

Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese

Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbständigung der

Dienstboten, sie entspringen aber zunächst der Bequemlichkeit der

Herrschaften, die sich dadurch einer lästigen Kontrolle enthoben fühlen

und der gefürchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben.

Thatsächlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das

Dienstmädchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt,

das legt sie am liebsten zurück, oder giebt es für etwas anderes aus,

als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernährung veranlaßt,

indem sie von ihrem ersten Frühstück oder ihrem Mittagbrot noch etwas

zum Abend sich aufspart, oder sie ißt trotzdem aus der Speisekammer der

Herrschaft. Es heißt auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei

einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mädchen, das unsere Wohnung

und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von

unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der

einen Seite, soweit es den Herrschenden nämlich zum Vorteil gereicht,

durchaus aufrecht erhalten will, läßt sich auf der anderen nicht

willkürlich durchbrechen. Nur das Gewähren von Geld als Ersatz für

alkoholische Getränke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den

notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehören und man dadurch,--eine

Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem

Genuß entgegenwirkt.

Während Löhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen

aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist,

darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im

allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des

Sklaventums, daß der Herr die Person des Sklaven, seine ganze

Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das

Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen,

wenn auch den allergrößten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote

verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu

folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmäßigkeit. "Mit welchem

Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart

auf die ungemessenen Fronden früherer Jahrhunderte zurück, ohne zu

bedenken, daß sie zu ihren Dienstboten in einem ganz ähnlichen

Rechtsverhältnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags

darin erblickt, daß der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft für

eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfügung stellt, so

haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24

Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begüterten oder minder begüterten

Familien ändert sich nur die Intensität der Arbeit; die Arbeitszeit, die

sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhängigkeit vom Willen

anderer und der der freien Verfügung über die eigene Person kennzeichnen

läßt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der höchste Grad

der Arbeitsintensität findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den

Kindermädchen und den Mädchen für Alles. Die Mutter erfreut sich der

ungestörten Nachtruhe, das Kindermädchen aber opfert ihrem Sprößling die

ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder für das Kind

beschäftigt, denn während es schläft, wird die Kinderwäsche gewaschen,

gebügelt, geflickt; während es wacht, wird es genährt, angekleidet,

unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der

gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsüberlastung dadurch vielfach

aufgewogen, daß das Kindermädchen sich stundenlang mit ihrem Schützling

in frischer Luft aufhalten muß, aber der Zwang, die Kinder tragen zu

müssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrücksichten auf sie ist er

besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder

in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mädchen sind dadurch

allen Gefahren der Rückgratsverkrümmungen und Unterleibsleiden

ausgesetzt. Können die Kinder laufen, so ist die körperliche Anstrengung

zwar geringer, die der Nerven aber um so größer. Ununterbrochen Kinder

zu hüten, gehört thatsächlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint,

die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermädchens für ein wahres

Faulenzerleben zu erklären, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mütter

aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich

haben, können trotzdem nicht genug über die Roheit und Schlechtigkeit

der Kindermädchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie

meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer,

dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensität der Mädchen

für Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die

an sie gestellt werden, oft unerfüllbare: Kochen und einkaufen, waschen

und plätten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nähen und flicken, die

Familie bedienen, den Gästen aufwarten,--das alles und noch mehr ist

ihre Aufgabe. Von früh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefüllt; oft

muß sie bis ein, zwei Uhr und länger thätig sein, weil Gesellschaft im

Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil für die

schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frühstück zur

gewöhnlichen Zeit bereit stehen muß. Spät in der Nacht hat sie wohl auch

die gnädige Frau oder das gnädige Fräulein vom Ball oder vom Theater

heimzuholen. Niemandem fällt es ein, welchen Gefahren ein junges Mädchen

bei weiten nächtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am

wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber

dem armen Ding, wenn es Müdigkeit oder Mißmut fühlen läßt; auch die

gleichmäßige gute Laune gehört zu den ausbedungenen Pflichten eines

Dienstmädchens. Die Arbeitszeit der Köchin ist vielfach weniger

ausgefüllt als die des Mädchens für Alles; auf sie dürfte im allgemeinen

zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthausköchinnen

ergeben hat, die während vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich

zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert,

sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen

verursacht Krampfadern und geschwollene Füße, das Einatmen der

Speisenausdünstungen bewirkt Magenstörungen, die oft chronisch werden,

das beständige Hantieren am glühenden Herd zerrüttet die Nerven. Die

Klagen über launenhafte cholerische Köchinnen, denen es doch "so gut"

geht, sind nur allzu bekannt!

Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist

ihre Nachtruhe oft mehr beeinträchtigt als die des Kindermädchens. In

der Zeit der geselligen Hochflut, die für viele Damen der großen Welt,

deren Leben sich zwischen der Großstadt und den Modebädern abspielt, nur

durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine

ausreichende und ungestörte Nachtruhe. Was es aber für ein junges

Mädchen heißt, ihre oft viel ältere Herrin Tag für Tag in glänzender

Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, während es, das

junge, hübsche, lebenslustige Mädchen, zu gleicher Zeit allein in seiner

Kammer sitzen und bei trübem Lampenlicht allnächtlich auf die Heimkehr

der "Gnädigen" warten muß,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird

denn auch die Gefühle eines Dienstmädchens mit demselben Maße messen,

wie die eigenen!

Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmädchen in den

Hotels, in Pensionen. Um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird

so wenig als möglich Personal angestellt. Es kommt vor, daß ein Mädchen

die Bedienung von 30 bis 40 Gästen, die Instandhaltung von 20 bis 25

Zimmern zu übernehmen hat.[798] Die Nachtruhe währt oft kaum fünf bis

sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und

nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine

Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden dürfte kaum zu den

Ausnahmen gehören.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner

Dienstbotenverhältnisse bestätigt nur alle unsere Angaben. Von 547

Mädchen arbeitet die Hälfte,--51,5%,--länger als 16 Stunden täglich. Die

andere Hälfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12

Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mädchen

für Alles, die am längsten arbeiten müssen; für 59% dauert der

Arbeitstag über 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen

Verhältnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der

Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer

Berechnung,--ob nämlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage

diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild

hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmädchen sollen 10

Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thätig

sein.[801]

Die freie Zeit der Dienstmädchen beschränkt sich in Deutschland,

Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei

Wochen. Für Berlin hat sich herausgestellt, daß 69% der Dienstmädchen

innerhalb eines halben Monats nur fünf bis sechs Stunden für sich

haben.[802] Denn der vierzehntägige Ausgang schrumpft noch

außerordentlich zusammen, weil das Mädchen erst nach beendeter Arbeit

fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurück sein muß. Nur

selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewährt, in der es

seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in

Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Häuser, wo die

Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen übernommen werden

kann, ohne daß es die Bequemlichkeit der Herrschaft stört. In den

begüterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, daß jeder halbe

Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den

Dienstboten freigegeben wird, häufig bekommen sie sogar vierzehn Tage

Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der

Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen

Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des

freien Abends in der Woche nach und nach eingebürgert.[803] Auf dem

Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmädchen als eine

unerhörte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rückgangs alter Zucht

und Ordnung" angesehen. Daß das Dienstmädchen Zeit für sich braucht,

wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, daß es ein Bedürfnis

nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben

könnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am

wenigsten denen, die selbst im Winter fast täglich in Gesellschaften

gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fällt ihnen

aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmädchen zu erhöhen, wenn sie

sehen, daß die überlange Arbeitszeit sie nötigt, ihre Kleidung von

Lohnarbeiterinnen ändern und herstellen zu lassen.

Die Folgen der niedrigen Löhne, der schlechten Wohnung und ungenügenden

Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind

in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren

Dienstmädchen nicht scharf genug rügen können. So wurde von jeher

darüber geklagt, daß die Dienstmädchen die Herrschaften dadurch

übervorteilen, daß sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, daß

sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese

alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhöhen, wird heute von den

Dienstboten und den Verkäufern als ein selbstverständliches Recht

angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmädchen für jeden Einkauf vom

Händler einen Sou (fünf Centimes) für den bezahlten Franc. In

Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt

also in seinem Interesse, die Herrschaft zu möglichst vielen Ausgaben zu

veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist

demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so

doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und

Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel

eines eigenen Zimmers, durch den jedes persönliche Leben unmöglich

gemacht wird, führt andererseits dazu, daß die Dienstmädchen sich nicht

heimisch fühlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts

der Hängeböden von ihnen zu verlangen. Die Unmöglichkeit, mit

seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der ständigen Kontrolle auch der

wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mädchen auf die Straße,

in den Grünkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen

jammern dann über ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit,

Faulheit und Liederlichkeit".

Das gilt besonders für jene Mädchen für Alles, die keine Gefährtin im

Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mädchens, dessen Sehnsucht nach

dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit

zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem

Verderben in die Arme treibt, haben die Brüder Goncourt mit vollendeter

Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch

darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch

Wohlwollen auf der einen und Anhänglichkeit auf der anderen Seite nicht

überbrücken läßt.[805] Selbst der Versuch, den gutmütige, aber

unverständige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mädchen zur Familie

heranziehen, es womöglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit

ihnen am selben Platz nähen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz für

den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere

geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in

unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt.

Zieht nun aber solch ein Mädchen den Küchenwinkel dem Platz am

Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht

darin den Beweis dafür, daß die Dienstboten sich gar nicht aus der

Einöde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen

jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbürdung

und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel

bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit,

Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt

deprimierender als das graue Einerlei unaufhörlicher Werkeltage und die

Unmöglichkeit, sich selbst zu gehören. Aber noch ein Resultat rufen

diese Zustände zusammen hervor, das für den Charakter der Herren wie der

Diener gleich schädlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die

antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte

ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenüber.

Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfügen über kein anderes

Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter

hintergehen und belügen, das Dienstmädchen, das im Grünkramkeller mit

ihren Freundinnen zusammentrifft, muß für ihr langes Ausbleiben nach

einer anderen Ausrede suchen; heimlich verläßt sie abends das Haus, will

sie sich amüsieren, heimlich empfängt sie ihre Besuche; ihre, durch die

äußeren Verhältnisse großgezogenen Untugenden sind wieder die Ursache

jenes tiefgewurzelten Mißtrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie

wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und

Lüge. Sie beleidigen dadurch unaufhörlich das Ehrgefühl der

Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen

Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave

Mirbeaus Kammerjungfer Célestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn

sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn!

Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in

der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an

Korruption, an rebellischen, von Haß erzeugten Gefühlen in sich

schließt.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle

Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer

Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und

leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen

einem vorübergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der

Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von kränkendem Mißtrauen

verfolgt, das die Thüren, die Schränke, die Schlösser vor uns

verschließt und das ohne Aufhören über unsere Hände, in unsere Taschen,

unsere Koffer die Schmach spürender Blicke gleiten läßt.... Und dann die

Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritäten,

alles Lächelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen

unübersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrücktem Haß und

quälendem Neid auftürmt."

Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenüber, als in der

Häuslichkeit. Es gehört der ganze Stumpfsinn niedergedrückter, von der

frischen Luft der neuen Zeit künstlich abgeschlossener Volksschichten

dazu, um es erklärlich zu machen, daß die Dienstboten angesichts dieser

krassen Gegensätze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer

großen Mehrzahl nach aus sozial und ökonomisch tief stehenden Schichten

der Bevölkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berührt

wurden. Der Stadt gehen sie mit der größten Erwartung entgegen, in ihr

atmen sie, im Vergleich zu den Verhältnissen, denen sie auf dem Lande

meist entronnen sind, Freiheitsluft und fügen sich daher ohne Murren in

harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen

Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmädchen[807], und in einem Jahr,

1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren

Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von außerhalb.[809] In Amerika

sind die meisten Dienstmädchen arme Ausländerinnen, deren Ansprüche weit

geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England

bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mädchen,--eine

Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu

schämen haben, denn überall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als

Lohndrücker auf. Dazu kommt ferner, daß die sozialen Schichten, aus

denen die Dienstmädchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner

Dienstmädchen z.B. stammen ab von[810]

Handwerkern 27 Proz.

Arbeitern 24 "

Kleinen Landwirten 17 "

Kleinen Beamten 12 "

Anderen Gewerbetreibenden 7 "

Ungenau 13 "

Die große Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder

angeben konnten, findet darin ihre Erklärung, daß es gerade unter den

Dienstmädchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von

früh an im Dienst fremder Leute herumgestoßen werden.[811] Die meisten

von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr früh. Von den österreichischen

Dienstmädchen waren nach der letzten Zählung 28 % 11 bis 20 Jahre

alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmädchen

gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18

Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt

zu haben, die Außenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von früh an

vor der Berührung mit ihr sorgfältig abgeschlossen. Nicht nur, daß sie

ihre besten Jahre der härtesten Fron opfern und durch sie verbraucht

werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und

Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen

zusammenzuschließen.[814] Aus all diesen Gründen sind sie so rückständig

und fangen erst langsam an, das Unerträgliche ihrer Lage zu empfinden.

Nicht auf den äußeren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht

es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen

lassen müssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausübung der

schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall kühle

Gleichgültigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit

unserer Freude, sie sollen Rücksicht nehmen auf unsere Nerven, uns

pflegen, wenn wir krank sind,--daß auch ihr Leben Schmerz und Freude

kennt, daß auch sie Nerven haben und krank sein können, das fällt den

guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie

über Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie

beklagen sich bitter über die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer

Mädchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß solch ein

armes Geschöpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die dürftigsten

Verhältnisse und nun plötzlich den bürgerlichen Haushalt und die

bürgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie

viele Hausfrauen zeigen ihren Mädchen niemals ein freundliches Gesicht;

keine Bitte, kein Dank kommt über ihre Lippen, Scheltworte statt dessen

um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thätlichkeiten fehlt es nicht, wie

zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das

Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen

gegenüber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den

Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den

großen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmädchen das Opfer der

Begierden der früh verdorbenen Söhne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau

begegnet, die das Verhältnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmädchen mit

der Begründung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die

Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fällen die

Verführer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen,

wie die Fabrikanten und Geschäftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die

Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in

die humoristische Presse. Sie beschäftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit

den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rücken der Gattin mit den

Dienstmädchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Münchener Fliegenden

Blätter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder

frivol, wie die stärker auftragenden französischen Journale.

Die größten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmädchen in den Hotels

und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu

den persönlichen Diensten, die für ein Trinkgeld geleistet werden

müssen, die Befriedigung ihrer Lüste oft wie etwas Selbstverständliches

zählt, übersteigt häufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen

Vergewaltigung.[815] Nun wäre es freilich übertrieben, die große Zahl

unverheirateter Mütter unter den Dienstmädchen,--in Berlin haben 33 %

aller unehelichen Kinder Dienstmädchen zu Müttern,--allein auf die

Verführung ihrer Herren und deren Söhne zurückzuführen. Die Ursache

davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprünglichen Liederlichkeit

der Mädchen, über die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in

den Verhältnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen

mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anständigen

Raum dafür, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so

empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und

verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthält, als

das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht

mehr zu fürchten sind, auf nächtliche Vergnügungen. Haben sie nicht etwa

dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die

Töchter ihrer Gnädigen? Die bürgerliche Gesellschaft treibt sie zum

Fall; es gehört große sittliche Festigkeit dazu, unberührt zu bleiben,

die von den Mädchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der

Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem

Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten

Dienstmädchen kehren aus den Städten mit einem Kinde aufs Land

zurück.[816] Sehr viele fallen schließlich der Prostitution in die Arme.

So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, daß von 100

Prostituierten 36 ehemalige Dienstmädchen waren[817], eine amerikanische

Berechnung zählt sogar 47 auf 100.[818]

Aber noch andere indirekte Einflüsse kommen hinzu, um die weiblichen

Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit

Recht, daß vor seinem Bedienten der Größte klein wird; das heißt mit

anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille,

keiner wird so vertraut mit den häßlichen, gemeinen, niedrigen

Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch

wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte

unberührt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und

Verschwendungssucht, Frivolität und Liederlichkeit, daneben oft die

ganze Verlogenheit äußeren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken

soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man müßte ein gereifter,

moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphäre rein

hervorzugehen, nicht aber ein junges Mädchen, das aus dem Dunkel kommt

und geblendet wird von all dem gleißenden Schein. "Der Dienstbote ist

kein normales Wesen mehr", sagt Célestine[819], "... er gehört nicht

mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in

deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und

die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der

Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Möglichkeit zu haben, sie

zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese

anständige bürgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache,

daß er den tödlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet

hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur völligen Aufgabe

seiner Persönlichkeit." Wie sehr rügen die braven Bürgerfrauen die

Putzsucht ihrer Dienstmädchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu

thun; als ob sie selbst nicht häufig genug durch ihren Luxus und ihre

Sucht, die reiche Nachbarin womöglich in der Kleiderpracht noch zu

übertreffen, den Ruin der Familie herbeiführen helfen. Wie kommen sie

dazu, von ihrem armen Dienstmädchen mehr Bescheidenheit und

Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich

selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler,

sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmädchen: sie härmen sich mehr

an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen häufig

innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrückt; sie

verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit größerem Interesse

unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach

mit größter, gradezu mütterlicher Sorgfalt.[820] Statt daß ihre

Klatschsucht Empörung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr

über ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten

Diener, den ich veranlaßte, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er

hatte schon viele Seiten gefüllt, da zerriß er sein Manuskript, aus

Angst, nach seiner Veröffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen.

Selbst die Anonymität, glaubte er, könne ihn nicht schützen. Wenn der

Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos öffnen kann, so wird die

Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hören müssen. Ein Mensch

mit niedriger kriechender Gesinnung wird verächtlich eine Bedientennatur

genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstärke gegenüber Höherstehenden

wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der

Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche

Zeichen dafür, daß das beschämende Bewußtsein des eigenen physischen und

seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den

entehrenden Ketten zu rütteln beginnen.

Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends,

das die bürgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter

nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glühende Ansprachen

an die Mütter sind längst verhallt, beinahe zu einer litterarischen

Merkwürdigkeit geworden; die Degeneration der bürgerlichen Gesellschaft

hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brüste ihrer Mütter sind

immer häufiger leer, teils, weil die Sünden der Vorfahren sich an ihnen

rächen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer

Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergnügungssucht und

Eitelkeit stärker als das Bewußtsein der Mutterpflichten, und statt dem

Kinde zu geben, was die gütige Natur für es geschaffen hat, wird ein

Ersatz dafür gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der

Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernährung fremder Kinder

mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden!

Dieselbe Gesellschaft, die verächtlich auf ein gefallenes Mädchen

herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt,

züchtet künstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet

das einfachste Ehrgefühl, zerstört die Familien, denen sie die Mütter

entreißt, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig

gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten

Sprößlingen. Der ganze Spreewald Preußens lebt von dem Verdienste der

Ammen; häufig gehen die Mädchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach,

bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder

bis ihre Gebärfähigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne wählt seine Frau

je nach der Fähigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine

Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem

eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womöglich zu

versaufen und zu verprassen.[821] Die kräftige Nahrung, die oft kostbare

Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewährt wird,--nicht aus

Mitleid und Dankbarkeit natürlich, sondern nur aus Rücksicht auf den

Säugling,--bietet keinen Ersatz für das unendliche Elend, die um sich

fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe

dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen

nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nähren, die

Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepäppelt wurde,

wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich

gestalten, wenn ihre Mutter sie genährt hat, nachdem sie früher

ahnungslos ein syphilitisches Bürgerkind an ihren gesunden Brüsten groß

zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das

das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht überträgt die lebendige

Nährmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene

Mütter währenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brüste beim

strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der

Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben.

Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der

jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch über sie

unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen

gesunden Gefühls und kräftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, daß

diese Not ständig zunimmt. Nach einem Bericht der städtischen

Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein läßt,

ihre Zöglinge für den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten,

waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6

Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden,

sie hatten die persönliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und

Not erkauft werden muß, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die

Allüren des Herrentums annimmt, vorgezogen.

Für viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend

der Fabrikarbeiterin hören, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not

zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmädchen!

Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte

Ernährung der Arbeiterfamilie wird darauf zurückgeführt, daß die Frauen

nicht vor der Ehe Dienstmädchen waren, und es giebt Leute genug, die

nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu nützen glauben,

wenn sie für die jungen Mädchen eine Art Dienstzwang einführen möchten.

Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600

Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen,

warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafür

übereinstimmend folgende Gründe an: 1) Mangel an Freiheit und

unaufhörliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das

Unterthänigkeitsverhältnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kränkende

Behandlung besonders von seiten der Herren und Söhne des Hauses. 5) Kein

eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine

Möglichkeit, Freunde zu empfangen, außer in der Küche unter Aufsicht der

Herrschaft.[822]

Diesseits des Oceans sind die Gründe dieselben wie jenseits. Es fragt

sich nur, ob die bürgerliche Familie mit ihrer gegenwärtig bestehenden

Privathaushaltung im stände ist, sie aus der Welt zu räumen. Eine

verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der

Dienstmädchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem

schlechten Charakter und bösen Willen der Arbeitgeber und der

Arbeitnehmer, sondern der ökonomischen und sozialen Seite des

persönlichen Dienstverhältnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition.

Wir haben gesehen, daß in den Häusern der oberen Zehntausend, wo infolge

eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem

Lohn, gutem Unterkommen und anständiger Kost gewährt zu werden pflegt

und nebenbei auch, bei der persönlichen Distanz zwischen Herrn und

Diener, die Reibungsmöglichkeiten seltener sind und das sogenannte

patriarchalische Verhältnis ganz ausgelöscht ist, die Lage der

häuslichen Bediensteten sich am günstigsten gestaltet. Je kleiner der

Haushalt und je beschränkter die Mittel, desto unerträglicher wird sie.

Da nun aber die große Masse des Bürgertums, teils infolge direkter

Vermögensverluste, teils infolge des zunehmenden Mißverhältnisses

zwischen Einnahmen und Ansprüchen, sich pekuniär keinesfalls in

aufsteigender Linie bewegt, so ist für eine Hebung der Lage der

Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das

Mädchen für Alles zur begehrtesten Persönlichkeit werden; weder ihr

Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit können eine

wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben,

die sich in dem Glauben wiegen, die bürgerliche Welt, wie sie heute

geworden ist, wäre insgesamt im stande, die eigenen Bedürfnisse den

Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschränken, sich etwa mit einem

Zimmer weniger zu begnügen, um es dafür dem Dienstmädchen einzuräumen,

Vergnügungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten

aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewähren zu

können? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung

volles Verständnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen

abgesehen, außer stände, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch

die sittlichen Mißstände und die Divergenz der Interessen können sich

mit der zunehmenden Aufklärung der Dienstboten und dem Widerstand der

Herrschaften dagegen nur verschärfen. Denn mit der Abnahme der

Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, daß damit die

Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage

steht, und der vielfach wütende Fanatismus, mit dem die große Mehrzahl

der Hausfrauen, von der bürgerlichen Presse lebhaft unterstützt, gegen

die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwärtig

meist noch unklare Gefühl davon zurückzuführen.

Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat

sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten

nur rascher vorwärts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit

angebahnt. Nicht nur, daß die Produktion für den Haushalt schon längst

nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der

häuslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von außer dem Hause

wohnenden Arbeitskräften übernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der

Aufwartefrauen läßt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen

und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder

erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen

und die Flickerinnen, die ins Haus kommen.

Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese

Arbeiten außer das Haus verlegte. In den Großstädten wird es besonders

mehr und mehr üblich, die Wäsche in Wäschereien reinigen und plätten zu

lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszählung 73766

Wäschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar

entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber

werden 66662 gezählt.[823] Die sanitären Verhältnisse sind überall

höchst bedenkliche: In den Großbetrieben, meist Dampfwäschereien,

herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35° R. erreicht und in der die

meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten müssen, die

Atmosphäre wird aber zu einer noch bedeutend gefährlicheren in den

Plättereien, wo die Gasdünste der Plätteisen die Luft verpesten. Trotz

aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine höchst

mangelhafte, weil die Rücksicht auf die Wäsche, die durch den

eindringenden Staub beschmutzt werden könnte, der Rücksicht auf die

Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese großen

Wäschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitsstätten, denn

alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme

Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines

Mädchens die Arbeit übernimmt, pflegt zunächst die abgeholte schmutzige

Wäsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren,

nachzuzählen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr

anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem

engen Raum fest, wo kleine Kinder in nächster Nähe schlafen, oder

zwischen der schmutzigen Wäsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft

kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen für die Familie bereitet

wird, in großen Kesseln die Wäsche; der daraus aufsteigende Dunst

erfüllt das ganze Zimmer. Häufig genug wird selbst ein Teil der Wäsche

im Wohnraum zum Trocknen aufgehängt, womöglich über den Betten der

Kinder und der Kranken. Die Plätterei steigert noch die Gefahren für die

Arbeiterinnen wie für die übrigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter

ist der Plättplatz dicht neben dem glühenden Ofen, um möglichst schnell

die Eisen aus dem Feuer ziehen zu können. Und in dieser Umgebung,

inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die

ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen

entwachsene Mädchen bis zur Entkräftung darin. Zum Schluß wird die

sauber zusammengelegte Wäsche zum Nachzählen abermals im Zimmer

ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, daß bei den engen Räumlichkeiten

fertige Wäschestücke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder

liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wäsche reicher Leute in

die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Häuser

der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" löst sich

eben, in der Nähe betrachtet, ebenso in trübe Elendsbilder auf, wie das

Idyll der "lustigen Nähmamsell". Würden nicht die Hausfrauen mit einer

Zähigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an

den kleinen Wäschereien festhalten, weil die Dampfwäschereien angeblich

die Wäsche mehr verderben, sie wären schneller, als es jetzt schon

geschieht, dem verdienten Untergang geweiht.

Mehr noch als die Vergebung häuslicher Arbeiten an Außenstehende hat die

rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshäuser die bisherige Form des

Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu

erschüttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben

allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und

die Zahl der darin beschäftigten Personen um 295713, d.h. um 132 %

zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Männer eine alte

Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine

Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und

Englands in wachsendem Maße zur Auflösung des privaten Haushalts führt.

Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Häuslichkeit

betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Küche und Keller oder

bei der Bedienung der Gäste beschäftigt, galten für häusliche

Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale

Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe

von Mißständen schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im

Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr für die männliche Tugend zu

erblicken, entschloß man sich, die Zustände einmal in der Nähe zu

betrachten. Durch die Königliche Arbeitskommission geschah es in

England, durch die Kommission für Arbeiterstatistik in Deutschland, eine

Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergänzend hinzu. Nur ein sehr

kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten

erfaßt,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil,

4093,--und, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am

niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberührt. Kellnerinnen

aus Cafés, Café-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden

befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich,

trauriger Berühmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen.

Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mißliches; man war ausgezogen,

bereit, den Bannstrahl über Scharen von Sünderinnen zu schleudern, und

fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung

schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen.

Betrachten wir zunächst die Anforderungen, die an sie gestellt, und

sodann die Entschädigungen, die ihnen dafür geboten werden. Als ein

junges, schmächtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die

angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die nötigen

Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird

Wassermädchen, d.h. sie hat den Gästen nur das Wasser zu bringen und

steht gewissermaßen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die

unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr

abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewöhnlich

lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen muß und

sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis

achtzehnstündige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft

noch schulpflichtige Mädchen ganze Nächte durch aushilfsweise

beschäftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu

sein, sie befinden sich in einer fast ständigen Hast, als Sündenbock von

jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hübsch und

verfügt sie über eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine

Staffel empor zu rücken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch

private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schärfer

handhaben, als die für häusliche Dienstboten. Gebühren von 10 bis 30

Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein

Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurückbehalten wird, wenn die

Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden,

so wird sie in den weitaus meisten Fällen ohne schriftliche

Vertragsschließung angetreten und von einer Kündigungsfrist ist, unter

Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede,

weil die Kellnerin es sich gefallen lassen muß "auf Probe" angestellt zu

werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich,

vielleicht gefällt sie den Gästen nicht, dann fliegt sie hinaus von

einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der

sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt,

um recht viel an ihr zu verdienen.[830]

Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto früher.

In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmädchen und ehe sie

Gäste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der

Gastzimmer, der Gläser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so

hat sie das für diese Arbeiten angestellte Personal zum großen Teil aus

eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit

dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Füßen;

immer lächelnd, immer zuvorkommend, der gröbsten wie der gemeinsten

Behandlung gegenüber, hat sie die Getränke und Gerichte

heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebäder wurde fast durchweg

konstatiert, daß die Kellnerinnen von sieben Uhr früh bis zwei Uhr

nachts thätig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wöchentliche

Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger

Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen

Kellnerinnen haben eine regelmäßige tägliche Arbeitszeit von

12 und weniger Stunden 5,0 Proz.

12 bis 14 Stunden 19,3 Proz.

14 bis 16 Stunden 51,8 Proz.

16 bis 18 Stunden 23,4 Proz.

mehr als 18 Stunden 0,5 Proz.[832]

Die überwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis

sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gäste steigert

sich diese Arbeitszeit willkürlich. Während des Karnevals in München

kommt es vor, daß Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistündiger Pause

während vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden hintereinander Dienst

thaten.[833] Von regelmäßigen Pausen ist überhaupt nur selten die Rede;

sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die

Wirtsstube leer, so kann das müde Mädchen vielleicht auf kurze Zeit des

Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heißt es geschäftig

aufspringen und seine Wünsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshäusern

wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschäftigt sind, das

Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden

machen könnte. Nur beim Essen können sich auf kurze Zeit die matten

Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie

Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der

Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, für die

glücklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In München wird

vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche

gewährt[834], aber auch nur unter der Bedingung, daß ein Ersatz von der

Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der

Kommission für Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die

Angestellten regelmäßig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwölfmal,

in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch öfter im Jahr. In

der Hälfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber

immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshäusern

giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der

Hälfte giebt es nicht einmal freie Stunden!

Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften,

die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens

zugestehen[836], und sich dann, ähnlich wie die Hausfrauen den

Dienstboten gegenüber, darauf berufen, daß ihre Angestellten einen

leichten Dienst hätten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie

Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehören kann, zu

ersetzen im stände wäre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird

nun aber auch in der größten Anzahl der Fälle in Räumen zugebracht, die

allen hygienischen Ansprüchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube

vermischt sich darin mit den Speisengerüchen und den Ausdünstungen der

Menschen. Wo gelüftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten

Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermüdung

und Erhitzung rufen aber auch ein ständiges Durstgefühl hervor, das in

Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit

folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch

nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit

Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehört es

zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie

mit ihm trinkt und so eine möglichst hohe Zeche erzielt. Zum

Entgegenkommen gegenüber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun

beim Trinken besteht, ist sie überhaupt immer gezwungen; mehr als von

ihrer Arbeitstüchtigkeit hängt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um

die Gäste möglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich häufig genug

genötigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur

in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende

Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zündhölzchen und

dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf

ihre äußere Erscheinung erstrecken sich schließlich noch die

Dienstvorschriften: in großen Lokalen ist eine bestimmte Toilette,

selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mädchen veranlaßt werden,

sich täglich vom Friseur die Haare machen lassen zu müssen,

Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostüme häufig

geliefert; Mädchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen

mögen, was so und so viele mehr oder weniger fragwürdige Vorgängerinnen

schon getragen haben, müssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer

dieser verschiedenartigen Pflichten, Müdigkeit, Unfreundlichkeit gegen

einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender

Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar

keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeußeres Mißfallen

zu erregen, so muß sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn

eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heißt es bei

den Gästen: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes

Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gästen durch den

Wechsel einen Gefallen zu thun, kündigen die Wirte den Kellnerinnen,

lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, daß über

die Hälfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur

drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller über ein Jahr in

ihrer Stellung waren.[841]

Je älter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die

vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines großstädtischen Lokals

war, muß schließlich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein

armseliges Dasein zu führen. Die Gäste wollen nur von jungen, hübschen

Mädchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895

giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die über 30

Jahre alt sind. Schließlich stellt selbst das geringste Wirtshaus die

alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann

sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler

werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wäscherin, Geschirrputzerin

oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich

empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Straße, als die

verachtetste aller Frauen.[843]

Und doch strömen dem Kellnerinnenberuf jährlich Tausende zu; immer

wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die

Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glänzend, um diesen Zudrang zu

rechtfertigen? Die Kommission für Arbeiterstatistik stellte fest, daß

von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch

Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergänzt wird. 21 % bekommen demnach

gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die

eine Hälfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk.

und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die

Lohnverhältnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die

Hälfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Großstädten, wo die

Animierkneipen eine große Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, daß

sie überhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur

8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Süddeutschland steigt dagegen der

Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch

hier machen die Großstädte eine Ausnahme. In München, wo allein gegen

3000 Kellnerinnen gezählt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz

abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in großen

Restaurants fast durchweg Sitte ist, daß der Oberkellner dafür, daß er

bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch

immer häufiger vor, daß von den weiblichen Angestellten dasselbe

verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies

System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen

beschäftigt, zum erstenmal eingeführt, und hat sich seitdem überall hin

verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den großen Bädern, wie in

Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders üblich sein, jedenfalls ist

dort der feste Lohn so gut wie vollständig abgekommen. Sein Ersatz ist

das Trinkgeld.

In der Anerkennung außergewöhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung

zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demütigendes an sich. Es

bildete jedoch den Ansporn für die profitgierigen Wirte, die

Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich

auf den Gast abzuwälzen. Aus einem freiwilligen Geschenk für besondere

Fälle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu

tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner

halb bittend, halb fordernd verlangen, für dessen Erreichung besonders

die Kellnerin sich nur zu oft demütigen und ihre Würde preisgeben muß.

Es ist gewissermaßen der äußerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems:

jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der

sie bezahlt, durch irgend etwas mißfällt, die Kellnerin setzt ebenso

ihre Existenz aufs Spiel, nur daß sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit

groschenweise zusammenbetteln muß. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber

nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der

trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und

Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen

bestehende Arbeit, und verlangt für jeden Groschen einen Dank. Zu dem

Herabwürdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine

vollständige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund

der Einnahmen ist für die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und

wäre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, förmlich zur

unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsführung dressiert, denn sie

weiß von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird.

Außerordentlich schwer läßt sich die Höhe der Trinkgelder bestimmen; die

Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu

niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es

vorkommen, daß die abendliche Abrechnung einen Ueberschuß von 6 bis 7

Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger dürften in nicht so

bevorzugten Plätzen weit häufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen

hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es

nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn.

Die Wassermädchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen

werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk.

jährlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren großen

Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, daß jeder Kellnerin

für zerbrochenes Geschirr täglich ein für allemal 20 Pf. angerechnet

werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist

dabei stets vom Wirt willkürlich zusammengestellt, ohne daß die

Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst für die

Lieferung der Kostüme werden den Kellnerinnen häufig 30 Pf. bis 1 Mk.

vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst muß demnach schon ein ganz guter

sein, ehe sie für sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld

besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten

Prozenten der verkauften Getränke,--ein System, das die armen Mädchen

dazu zwingt, durch möglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu

verlocken.

Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die

Existenz der Kellnerin. Sie ist vollständig von ihm abhängig. Wer

begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen

der Männer in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der

Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen

prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf

sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede

käufliche Dirne. Daß die schmutzigsten Gespräche ungeniert vor ihr

geführt werden, ist das geringste der Uebel; man belästigt sie aber mit

zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann

nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf

die Duldung seiner Zärtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequälten

aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine

Beschwerde des Gastes beim Wirt über die "Unfreundlichkeit" der

Kellnerin genügt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies

ebenso für die anständigen Wirte, wie für die der Animierkneipen. Hier

allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu

gehen. Wenn auch in den meisten Städten Polizeiverordnungen bestehen,

die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht,

bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier,

und es giebt beinahe überall in dieser Art Wirtschaften sogenannte

Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten

dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die

Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, daß kein

völlig unbescholtenes Mädchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser

Art verlieren wird. Thatsächlich wurde konstatiert, daß die meisten

Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen

sind[850], aber, ganz abgesehen davon, daß diese stets mehr

Unglücklichen als Schuldigen,--verführte Dienstmädchen, verlassene

Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen könnten, statt

hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn

eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Pürschgang nach

flüchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen

solchen Kneipen nur zu oft zugeführt. Können sie die Vermittlungsgebühr

nicht gleich bezahlen, so hält allein die Notwendigkeit, diese Schuld

nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr

vielen Fällen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten

giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer

Lüste sehen und dann noch dem Gast gegenüber Kupplerdienste

leisten.[851]

Sehr oft sieht sich die Kellnerin genötigt, auch für Kost und Wohnung

selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Süddeutschland, ihr

beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafür, das die oft einzige

Entschädigung für ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In

unheizbaren, schlecht zu lüftenden Dachkammern, häufig zu zweien in

einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, daß

eine Lüftung überhaupt unmöglich ist, oder daß die Bettwäsche nicht

einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das

ganze Küchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854]

Da ist es nicht zu verwundern, daß sie, wenn es irgend geht, eine eigene

Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der

weiß, welch eine Mühe es überhaupt einzelnen Frauen kostet, ein

Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein

das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie muß für ihre Wohnung doppelt

und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder

ähnlichem Gelichter in die Hände zu fallen. Nicht besser als die Wohnung

ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in

aufgewärmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den

Gästen auf den Tellern übrig gelassen, an Zwirnsfäden aufgereiht und

aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu häufig,

sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal

bestimmte Essenszeiten; sie muß es hinunterschlingen, wenn gerade wenig

zu thun ist, oft muß sie sich bis spät abends mit Kaffee, Bier oder

sonstigen Getränken aufrecht erhalten.

Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch

schlechte Wohnung und Kost, im übrigen fast allein begründet auf dem

groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gäste.

Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner

eingehenden Untersuchungen festgestellt, daß die Erkrankungsgefahr und

die Krankheitsdauer der Kellnerinnen größer sind, als für den

Durchschnitt sämtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten

Personen; die übermäßig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner

gefunden, daß die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wütet

und sie in frühem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt

in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkräftung ist ihr

Nährboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie außerdem noch

ausgesetzt: Krampfaderentzündungen, geschwollenen Füßen, Bleichsucht,

Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die

unzureichende Ernährung, als Ergänzung der starke Genuß von

alkoholischen Getränken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles:

nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die

Kellnerinnen weitaus die Hälfte aller Geschlechtskranken aus; in

badischen Krankenhäusern setzt sich der größte Teil der syphilitisch

kranken Mädchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Münchener

Kassenärzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptsächlich dem

Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehören, vertreten die Ansicht,

daß 80 % der Erkrankungen der Mädchen auf Geschlechtskrankheiten

zurückzuführen[859], und die Hamburger Kassenärzte gehen so weit, zu

behaupten, daß von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860]

Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen

Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos überliefert werden. Das ist

die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die

Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele

ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe

gegen tägliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den

Kellnerinnen der süddeutschen Kaffee- und Bierhäuser und denen der

norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre

Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede

Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer ökonomischen

Abhängigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner

Verführungskunst und ihrer eigenen natürlichen Jugendlust und

Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem häßlichen Ausdruck

"fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt,

Liebesverhältnisse, die zwei junge warmblütige Menschenkinder ohne die

standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu

verurteilen, so steht doch das Eine fest, daß in den weitaus meisten

Fällen die Mädchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die

Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die

Entwöhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu

leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre

Arbeitskraft, es ist ihr Körper, den sie nun zu Markte trägt.

Einen langen, öden Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne,

bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot

Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und

junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstraße die Last

ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die

Fiebersonne der pontinischen Sümpfe, die sie ins Verderben zieht mit

ihrem Kuß. Nicht ein notwendiges Lebensbedürfnis, kein Genuß, kein

Luxus, an dem nicht der Schweiß dieser Scharen klebte. Aus ihrem Fleiß

wächst die Muße der Glücklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus

ihrem Leid ihre Freude.

Die Alten hielten die körperliche Arbeit für eine Schmach; wir glauben

darüber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei,

als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber

thatsächlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht höher als

Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht für einen

Ehrentitel. Ein Fabrikmädel--eine Nähmamsell--eine Kellnerin,--welch

eine Flut von cynischer Verachtung drückt sich in diesen Worten aus! Die

schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit.

Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das

ist der Preis dafür. Und die Schande, das ist seine Ergänzung.

Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege

verfolgten, drängt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre

Kinder. Aus müden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben,

das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und

sie rächen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre

Gegengabe für Hunger und Schmerz.

In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit

lebenslänglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder

tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und

Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben

wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoße der Erde entriß, hat

die bürgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die fürchterlicher

ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die

Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rücken und schwieligen Händen

immer weiter und weiter für den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der

Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter

und Denker preisen: Großmut, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, und die

Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden

Menschheit schlägt. Mit dem Fuß auf dem Nacken der Frau ragt der Koloß

der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein.

Während die bürgerliche Frau die Arbeit als die große Befreierin sucht,

ist sie für die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden;

und während das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte

ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber

eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der

Entwürdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist

das Todesurteil gesprochen.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 32 / 47 题