Hausindustrie und Heimarbeit

Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit überblickt, der sieht

nichts als eine gleichmäßige graue Oede: Arbeit und Not,--Not und

Arbeit. Die Unterschiede, die zu Tage treten, sind nichts als

Variationen desselben Themas. Was für die Arbeiterin in der

Großindustrie gilt, das gilt ebenso für die in der Hausindustrie, im

Handel oder im persönlichen Dienst Beschäftigte. Es kann daher für uns

nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung stehende

Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres Elends

aufzudecken, ohne das Allgemeingültige nochmals zu wiederholen. Die

Hausindustrie ist allzu reich an Zügen, die uns zwar in der

Großindustrie schon begegneten, dort aber gewissermaßen nur die ersten

Sorgenfalten des Antlitzes waren, während sie hier jenen tiefen Furchen

gleichen, die ein Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute

unauslöschlich eingeprägt hat. Alles ist hier ins Ungeheuerliche

vergröbert und vergrößert: die Niedrigkeit der Löhne, die schlechten

Wohnungen und Arbeitsstätten und ihre physischen und moralischen

Folgeerscheinungen. Das gilt für beide Organisationsformen der

Hausindustrie--die Heimarbeit und die Werkstattarbeit--und in höchstem

Maße für diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating

System" sich einer traurigen Berühmtheit erfreut. Einzelbilder aus

denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche Arbeit eine

bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten erhärten.

Betrachten wir zunächst die Textilindustrie, deren hausindustrieller

Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen verzweifelten Kampf um

seine Existenz zu kämpfen hat, der um so härter ist, als die Schwächsten

ihn auszufechten haben.

Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid und

Grauen zerfließen, gehen eine Stunde später mit dem beruhigten

Gefühl nach Hause, daß alles, was sie hörten und sahen, einer

längstverflossenen Zeit angehört. Thatsächlich aber sahen sie ein

Spiegelbild des Elends von heute. Die böhmischen Weber z.B. wohnen in

ihrer übergroßen Mehrzahl in Hütten, in deren oft einzigem Raum neben

dem Webstuhl der Herd und die Lagerstätten der Familie sich befinden.

Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen und gearbeitet; zwischen den

verwahrlosten Kindern treiben sich im Winter auch noch Hühner und Ziegen

herum. Eine dicke, feuchtwarme Luft schlägt dem Eintretenden daraus

entgegen, zu ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster

geschlossen. Der üble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfähige

und giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst

der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem Staub

des Webens. Dabei ist an gründliche Reinigung kaum je zu denken,--denn

die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit gezwungen,--Küchenabfall,

schmutzige Wäsche und dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs äußerste.

Oft steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich

daran ablösen; eine vierzehn-, sechzehn- und achtzehnstündige

Arbeitszeit gehört nicht zu den Seltenheiten.[577] Vom sechsjährigen

Kinde an bis zum Greise ringt ein jedes in unablässigem Mühen um sein

Stück Brot.[578] Zeiten der Arbeitslosigkeit bedeuten Hunger; überfallen

Schneeverwehungen die im Gebirge wohnenden Weber, die dadurch oft auf

Monate vom Arbeitgeber abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in

erschreckender Weise zu.[579]

Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit des

Betriebs auf der anderen Seite stehen die Löhne in schreiendem

Mißverhältnis. Das Weben feiner Leinengewebe, z.B. der

Damast-Tischgedecke, die sich vorläufig von der Maschine nicht in

derselben Güte herstellen lassen, bringt noch am meisten ein, und doch

verdient ein Arbeiter bei größter Ausnutzung seiner Kräfte selten mehr

als 7 fl. die Woche[580] ein Shawlweber kann es bis auf 10 fl. bringen,

wenn er von früh vier Uhr bis abends zehn Uhr zu arbeiten im stande

ist.[581] Der häufigste Jahresverdienst böhmischer Weberfamilien

schwankt zwischen 120 und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen

erhalten werden müssen![582] Eine achtgliedrige Familie, die sich in der

besonders günstigen Lage befand, über eine Jahreseinnahme von 350 fl. zu

verfügen, gab täglich für Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; für

alle übrigen Ausgaben blieben 70 fl. übrig. Eine Witwe mit nicht weniger

als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im Jahr trotz allem Fleiß

aufbringen[583], d.h. diese elf Personen mußten mit fünfundfünfzig

Kreuzern täglich ihre sämtlichen Bedürfnisse befriedigen! Ein Arbeiter,

der mit Frau und Kindern sogenannte Putzel-Leinwand herstellte,

verdiente 1,48 fl. die Woche; ein anderer, der leichte Baumwollwaren

unter Mithilfe seiner Familie webte, kam bei zwölfstündiger Arbeitszeit

aller auf 1,20 fl.[584] Unter den alleinarbeitenden Frauen sind die

Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie erreichen den hohen Lohn

von--2 fl. wöchentlich.[585] Die Spulerinnen der Baumwollunterketten für

Plüschgewebe dagegen,--meist lebensmüde Greisinnen mit zitternden Händen

und gekrümmten Rücken,--kommen bei großem Fleiß auf 1,10 fl. die

Woche[586], und die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor

fünfzehn Jahren für 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter

auf 75 kr., wobei häufig vier volle Arbeitstage darauf gehen.[587] Wie

es bei solchen Löhnen mit der Ernährung der Bevölkerung

aussieht,--allein im Königgrätzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber

gezählt[588],--bedarf keiner näheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch

ein besonderes Glück, wenn der Weber überhaupt seinen Lohn zu sehen

bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, dem

eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Händen haben,

beschäftigen nur solche Weber, die von vornherein auf den Geldlohn

verzichten und sich durch Waren aus ihren Kramläden entschädigen lassen.

Manche arme Mutter, deren Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen

mit irgend einem wertlosen Stück Stoff, einem Tuch od. dergl. nach

Hause. Ist der Faktor Gastwirt, so verführt er den Weber, Branntwein

statt Lohn zu nehmen[589], was den vollständigen Ruin der unglücklichen

Familien herbeiführt. Aber das ist noch nicht alles: wird der Lohn

gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch willkürliche Schadenersatz- oder

Strafgelder oft bis zur Hälfte hinabzudrücken[590] und der in seiner

Vereinzelung wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit

vor Augen sieht, fügt sich stumm darein. Ja, er entschließt sich sogar,

den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu bestechen,

um der Arbeit sicher zu sein.[591]

Gegenüber solchen Zuständen kann man sich nicht einmal damit trösten,

daß sie sich etwa auf den einen Landstrich beschränken, denn sie

herrschen überall, wo die motorisch getriebene Maschine im Großbetrieb

noch nicht hat Einzug halten können. In Belgien z.B., wo die mechanische

Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat[592],

mußte sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, wie der

feinen Battiste überlassen.[593] Seltsam genug: die Luxusartikel der

Reichsten werden in den elendesten Höhlen des Jammers von den Händen der

Ärmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten meist in

feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fäden am Brechen zu

verhindern.[594] Sie erblinden infolgedessen häufig und ihre Glieder

krümmen sich unter rheumatischen und gichtischen Schmerzen. Wie in

Böhmen haust die ganze Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie

dort ist der Lohn ein kläglicher. Die geschickteste Weberin feiner

Leinwand verdient im günstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit

1,80 fr. täglich, während Wochenlöhne von 3 fr. gar nicht selten

sind.[595] Ein trauriges Bild, das sich den geschilderten würdig

anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie Frankreichs. Schon die Zucht

der Seidenraupen in den Privathäusern, die hauptsächlich in den Händen

der Frauen liegt, ist im höchsten Grade widerlich: jeder Winkel der

Wohnung wird dafür ausgenutzt, Massen von welken Blättern, toten Raupen

und ihren Exkrementen bedecken den Boden und verbreiten ekelhafte

Gerüche; mitten darin wohnt, schläft und kocht die ganze Familie.[596]

In den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die

Ausdünstung des heißen, klebrigen Wassers, in das sie bei der Arbeit

unaufhörlich die Hände tauchen müssen, atembeklemmend. Die Lyoner

Seidenweber, von denen die Hälfte weiblichen Geschlechts sind, haben es

nicht besser. Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der

Länge ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882

fr.[597] Eine der besten Lyoner Hausweberinnen, die ein siebenjähriges

Kind zu versorgen hatte und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte

folgendes Budget auf:[598]

Wohnung 130,00 fr.

Nahrung 653,35 fr.

Heizung 34,80 fr.

Kleidung 63,80 fr.

-----------------------------------

Im ganzen: 918,45 fr.

Trotzdem sie für Nahrung täglich nur 1,80 fr. rechnete, und die Kleidung

für das Kind durch ihren Bruder beschafft wurde, muß das Defizit ein

bedeutend höheres sein, als sie angab, weil sie weder für Krankheit,

noch für Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. Wohlthätigkeit oder

Prostitution sind die einzigen Mittel, um es wett zu machen; die

Arbeiterin, die sich aufreibt von früh bis spät, hat dafür nicht einmal

die Genugthuung, durch eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu

können,--sie muß betteln gehen oder sich verkaufen!

Fast an jedem Stück unserer Kleidung und unseres Hausrats kleben der

Schweiß und die Thränen unglücklicher Frauen. Für elegante Brustbesätze

von Hemden, die den gepflegten Körper reicher Damen umhüllen und für die

sie selbst drei bis fünf Gulden zahlen müssen, empfängt die Stickerin

des Erzgebirges nur sechzehn bis achtzehn Kreuzer, für kunstvoll

gestickte Bettdecken, die ihr weiches Lager umhüllen, und bei einer

täglichen Arbeitszeit von zwölf bis fünfzehn Stunden fünf Wochen zur

Fertigstellung erfordern, empfängt die Arbeiterin ganze--fünf

Gulden![599] Die gestickten Röckchen und Häubchen, die die zarten

Glieder glücklicher Kinder wärmen, bringen den böhmischen Strickerinnen

zwanzig Kreuzer den Tag.[600] Ob wohl die Heldinnen großstädtischer

Feste, deren von Füttern und Perlen glitzerndes Kleid sie wie eine

Schlangenhaut umgiebt, jener vogesischen Stickerinnen gedenken, die in

zwölf- und vierzehnstündiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder

zur Arbeit angenommenen Kinder diese verführerischen Gewänder

herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?![601]

Auch die goldgestickten Uniformen der Männer können vom Elend derer, die

sie schufen, erzählen. Eine fleißige französische Goldstickerin mit

einem dreijährigen Kind hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und

eine Ausgabe für die notwendigsten Bedürfnisse von 707,90 fr. Das

Defizit erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glücklicherweise

jemanden, der das deckt."[602] Eine ihrer Kolleginnen in Paris verdiente

wöchentlich bei elfstündiger Arbeitszeit 11,50 fr., womit sie kaum ihre

Ernährung beschaffen konnte; "sie hat einen Liebhaber, Gott sei Dank,"

sagte ihre Nachbarin auf eine mitleidige Frage.[603] Dabei bietet diese

ganze Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Löhne, denn

die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine

Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wöchentlich verdiente, stand sie

sich zehn Jahre später bereits auf 17 bis höchstens 23 Mk.[604]

Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger Feind. Nach

Hunderttausenden schätzte Leroy-Beaulieu noch vor dreißig Jahren die

französischen Spitzenarbeiterinnen.[605] Ihre Zahl ist heute sehr

zusammengeschrumpft. Eine blühende Industrie war einst die böhmische

Spitzenklöppelei, heute vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu

ernähren. Sechzehn bis achtzehn Stunden muß die Klöpplerin über dem

Kissen gebückt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von 30--sage und

schreibe dreißig!--bis höchstens 100 Gulden erreichen will. Fünfjährige

Kinder müssen schon acht Stunden täglich neben der Mutter sitzen und

klöppeln, um drei bis zwölf Kreuzer zu verdienen. Ein elendes Geschlecht

wächst unter solchen Umständen heran, tuberkulös und skrophulös,

physisch und geistig herabgekommen.[606] Im klassischen Lande der

Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom sechsten

Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwölf Stunden täglich in feuchter

Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 fr. im Jahre zu verdienen.[607]

Bei einer jährlichen Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen

Mark, stehen sich die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c.

täglich.[608] Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner

Spitzennäherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen Satz nur

dann, wenn bei täglicher zwölfstündiger Arbeitszeit im Laufe des Jahres

keine Arbeitsunterbrechung stattfindet. Dasselbe gilt für die

Schleierarbeiterinnen, die dabei noch schlimmer daran sind, weil sie

keine differenzierte Arbeit haben, wie die Spitzennäherinnen; alle Tage,

zwölf Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen

auf das feine Gewebe.[609] Zehrende Krankheiten sind das Gefolge der

Spitzenarbeit. Noch schärfer als in der Fabrik wirkt das Blei, das zur

Appretur angewendet wird, auf die Arbeiterinnen; fast alle weisen

Zeichen der Vergiftung auf, neben rasch abnehmender Sehkraft.[610] Auch

hier ist die Lage völlig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte

Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen.

Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu können, daß die

Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und die Zustände, die

sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. Dies Sterben ist aber leider

nicht nur ein außerordentlich langsames, dieselben Verhältnisse finden

sich vielmehr auch bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht

leben und nicht sterben können. Sehen wir z.B. jene englischen

Heimarbeiter an, die Zündholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet

eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der ganze,

auch im Sommer geheizte Raum ist erfüllt mit trocknenden Schachteln,

Geruch von schlechtem Leim erfüllt die Luft, und 7 sh. wöchentlich ist

die höchste zu erzielende Einnahme.[611] Oder betrachten wir jene in den

Dörfern und Flecken Böhmens verstreuten Glasarbeiter-Familien, deren

Frauen die schwersten und gesundheitsschädlichsten Arbeiten obliegen;

stundenweit, bei jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden müssen sie die

schweren Lastkörbe schleppen, um Waren abzuliefern und Material zu

holen[612], oder sie sind mit der Glasmalerei beschäftigt und infolge

der bleihaltigen Farben Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.[613] Blaß

und hohläugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen Thüringens. Um

den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen Glanz zu geben, blasen die

Mädchen eine übelriechende, oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte

von Fischschuppen und Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und

augenkrank, aber sie erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75

Pf. täglich![614] Noch elender daran sind die belgischen

Strohflechterinnen, die täglich 47 bis 57 c. verdienen, und dabei

vollständig in den Händen des Faktors sind, der sie am liebsten mit

Waren entlohnt.[615]

Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne Anstoß von

außen, ihrem natürlichen Verfall entgegen, so wäre damit die

Hausindustrie an sich nicht aus der Welt geschafft. Denn wie sie

einerseits durch die Großindustrie erdrückt wird,--ein Prozeß, der in

der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck kommt,--so werden

ihr andrerseits durch sie neue Gebiete eröffnet, auf denen eine fast

grenzenlose Ausbreitungsmöglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation

des Großbetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf hervor;

hier ist die Heimarbeit überall in starkem Zunehmen begriffen[616],

obwohl deren Schäden zum Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit

spielt hier eine solche Rolle, daß, wo eigene Kinder fehlen, fremde,

sogenannte Kaufkinder angenommen werden.[617] Es kommen Räume von kaum

zwei Meter Höhe vor, in denen Frauen mit fünf bis acht Kindern den

ganzen Tag Cigarren machen; in Küchen und Schlafkammern wird der zum

Entrippen angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so daß der Tabakdunst nicht

mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.[618] Welche Folgen

die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir schon erfahren. Dabei

verdient eine ganze, aus Mann, Frau und Kindern bestehende hart

arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, während eine alleinstehende

Frau mit einem Kind auf 6 bis höchstens 10 Mk. rechnen kann.[619] Welche

Gefahren die hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch für die

Konsumenten mit sich bringt, dafür nur ein Beispiel: In New-York fand

ein Sanitätsinspektor eine Familie, die in derselben engen Kammer

Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an Diphtheritis schwer krank

danieder lagen.[620]

Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die Spielwarenindustrie, die

von alters her eines der traurigsten Kapitel der Hausindustrie bildet

und weiter bilden wird, weil der Großbetrieb sich besonders für billiges

Spielzeug als weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In

ihrer deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten

Lohn- und Wohnungsverhältnisse. Typisch war eine Behausung, die aus

Küche und Kammer bestand. Die Küche, zugleich Wohn- und Arbeitsraum,

wurde dauernd geheizt, damit die ringsum aufgeschichteten Sachen,

Puppenköpfe und dergleichen, schneller trocknen; die kaum ventilierbare

Kammer war durch zwei bis drei Betten ganz ausgefüllt, in denen oft

zwei- bis dreimal so viel Menschen schliefen. Die Beköstigung bestand

neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der Fleischer

Würste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die aus dem Rindfleisch

als unbrauchbar entfernt werden.[621] Diese Ernährung soll dem Körper

Kräfte genug verleihen, um in der Hochsaison eine tägliche Arbeitszeit

von achtzehn bis zwanzig Stunden auszuhalten.[622] Dabei waren die Löhne

so elend,--eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei angestrengter

Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die Woche, mußte sich

aber mit diesem Verdienst auch noch über eine vier- bis sechsmonatliche

Arbeitslosigkeit hinweghelfen[623],--daß die Drechsler sich ihr Holz

stehlen mußten, um nur existieren zu können.[624] Man sage nicht, daß

diese Zustände zwanzig Jahre hinter uns liegen und überwunden sind; denn

heute ist das Elend in der Thüringer Spielwarenindustrie noch viel

größer.[625] Eine Drückerfamilie, die aus Papiermaché Spielzeug

herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen,

heißen Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein Säugling in der

Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, ein Stuhl, eine einzige

Schüssel, die zum Waschen und Essen gleichzeitig benutzt wurde, bildeten

die ganze Einrichtung; dem gegenüber hatte der Pfarrer des Orts die

Stirn, zu behaupten, daß alle Leute gut und angenehm wohnen[626]! Die

Löhne sind von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Heute verdient z.B. eine

Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von 25 bis 30 cm Länge, mit

Aermeln, Schleifen, Spitzen und Knöpfen nicht mehr als 12 bis 20

Pf.[627] Die beliebten Puppentäuflinge liefert der Sonneberger

Hausindustrielle für 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro Stück--1 Pf.

verdient! Eine Bossiererfamilie von vier erwachsenen Personen kommt bei

täglicher,--den Sonntag mitgerechnet,--vierzehn-bis fünfzehnstündiger

Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von 34

Pf. täglich für die Person.[628] daß unter solchen Verhältnissen die

Männer sich bemühen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die

Schwächsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie auf. 81 %

der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger Spielwarenindustrie zur

Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den Schulstunden oft bis zehn und

zwölf Uhr nachts, drängt die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr,

ehe sie zur Ruhe kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert,

daß im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose

Erwachsene gegenüberstanden.[629] Auch in anderen Zweigen der

Spielwarenindustrie müssen die Mütter nicht nur all ihre Kräfte daran

geben, um einen nennenswerten Verdienst zu erreichen, sie sind auch noch

gezwungen, das Liebste, was sie haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem

unersättlichen Moloch in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der

Zinnsoldaten hauptsächlich in ihren Händen. Sie sitzen beide blaß und

still vor den Farbentöpfen, nur die Hände fieberhaft bewegend; das arme

Kind mit dem alten, müden Zug um Mund und Augen wendet teilnahmlos die

bunten Figürchen in den Händen, es weiß gar nicht, was Spielen heißt.

Hunderte von Nürnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; bei

vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit erreichen sie einen

wöchentlichen Reinverdienst von höchstens 4,35 Mk.[630] Die Räume, in

denen all dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus

Holz und Papiermaché, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer

verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime mit

den Waren in die Familien der ahnungslosen Käufer getragen werden. Eine

unbewußte Rache der Elenden an den Reichen, wenn sie ihnen mit dem

bunten Spielzeug den unheimlichsten Würgeengel der Menschheit ins Haus

schicken!

Wir kommen nunmehr zu jenem großen Arbeitsgebiet, auf dem sich die

Frauen in Scharen zusammendrängen, und das die Näherei in allen ihren

Zweigen umfaßt. Die Art der Arbeit ist hier eine sehr differenzierte.

Wir haben die Werkstattarbeiterin in den Schwitzhöhlen, die

Heimarbeiterin, die für die Konfektions- und Putzgeschäfte arbeitet, die

Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft

leben, die Näherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst näht.

Dabei handelt es sich neben der Herstellung der Wäsche und Kleidung um

die der Hüte, der Handschuhe, der Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet für

die Frauenarbeit ist, geht schon daraus hervor, daß allein in

Deutschland zwei Drittel aller hausindustriell thätigen Frauen der

Bekleidungsindustrie angehören. Die Nadel ist eines der urältesten

Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr geblieben als eines jener

wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form und Idee nach im Laufe der

Jahrhunderte kaum verändert haben, und in der Bekleidungsindustrie mehr

als in irgend einer anderen, hat sich bestätigt, was wir schon in Bezug

auf andere Berufsarten ausführten, daß die Frauenarbeit die technische

Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das Maschinenwesen gerade in

der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Fortschritt

gemacht, nur in der Näherei ist man seit fünfzig Jahren bei denselben

primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie herrscht

nicht nur noch unumschränkt, sie hat sogar die beste Aussicht, den

Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde zu schlagen.

Für die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt es zwar nicht

an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den etwa

Momentphotographien aus einem Feldzug für die Beurteilung des ganzen

Krieges haben: Wo der Kampf am heißesten ist, wo die Wunden am

schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. Meist haben

plötzlich an die Oberfläche tretende Mißstände das Elend der Konfektion

der Oeffentlichkeit vor Augen geführt; Erhebungen, wie die beiden

deutschen im Jahre 1886, veranlaßt durch den Kampf der Arbeiter gegen

den geplanten Nähgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des

Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben

gewähren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der

Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die Verhältnisse. An

umfassenden, sorgfältig vorbereiteten, besonders die Höhe der

Wochenlöhne und Jahreseinnahmen berücksichtigenden Enqueten fehlt es

jedoch vollständig. Mit der Angabe der Wochenlöhne allein wäre nicht

viel gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so

ausgeprägter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die Hochsaison

nur fünf Monate, die übrigen sieben bedeuten teils eine stille, teils

eine vollständig tote Zeit für die Arbeiterin. Selbst Wochenlöhne von 15

bis 20 Mk., die außerordentlich selten vorkommen, können demnach oft nur

eine kümmerliche Existenz gewährleisten. In folgender Tabelle habe ich

versucht, einige der festgestellten Wochenlöhne in Verbindung mit den

Jahreseinnahmen der Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen:

| Wochen- | Jahres-

Art der Arbeit | lohn | ein-

| | kommen

| |

| Mk. | Mk.

-----------------------+---------+--------

Kleider- und Mäntel- | |

konfektion[631]: Berlin| 8-9 | 160-180

" " | 4-5 | 80-100

Wäschekonfektion: | |

Rheinprovinz | 5,95 | 314,64

Wäschekonfektion: | |

Erfurt | 6-7 | 250

Knabenkonfektion: | |

Stettin | 3-4,80| 250

Knabenkonfektion[632]: | |

Berlin | 3-10 | 280-300

Wäschekonfektion[633]: | |

Erfurt | 2,25 bis|

| 4,75 | 167,25

" | 3,45 bis|

| 7,20 | 253,95

" | 4,60 bis|

| 9,60 | 338,60

Herrenkonfektion: | |

Berlin | 12,46 | 490

" | 9,70 | 380

" | 6,30 | 250

" | 6,99 | 280

Wäschekonfektion: | |

Berlin | 9,48 | 470

Knabenkonfektion: | |

Stettin | 7,50 | 300

Damenkonfektion: | |

Berlin | -- | 375

Damenkonfektion: | |

Breslau | -- | 250

Damenkonfektion: | |

Erfurt | -- | 220

Wäschekonfektion: | |

Berlin | 5,88 | --

Damenkonfektion: | |

Berlin | 7 | 280

Unterrock- | |

konfektion[634]: | |

Berlin | 7-8 |

Blusenkonfektion: | |

Berlin | 3,50 bis| 200-311

| 4,50 | --

" | 7-7,50| --

" | 9 | --

Kleiderkonfektion[635]:| |

Breslau | 4,50 bis|

| 7,50 | 250-300

" | 2-3 | 100-150

Konfektion[636]: | |

Lübbecke | -- | 250

" | -- | 376

Damenkonfektion[637]: | |

Berlin | 7,42 | 386

" | -- | 322

" | 5,95 | 309

" | -- | 393

| |

Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fällen Jahreseinnahmen

unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, daß eine regelmäßige

wöchentliche Einnahme von 9 Mk. und eine jährliche von 468 Mk. gerade

nur das notdürftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu sichern

vermag, eine großstädtische Arbeiterin sogar unter 600 Mk. nicht

auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts hinzuzufügen, um ihre Sprache

beredter zu machen. Dabei erreicht die Arbeiterin diese Hungerlöhne nur

mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von

vierzehn bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die

Stepperinnen in den Berliner Zwischenmeisterwerkstätten oft bis elf

Uhr nachts und länger;[638] Nürnberger Näherinnen, die acht bis neun

Mark verdienen, müssen dafür fünfzehn bis sechzehn Stunden hinter der

Maschine sitzen.[639] In den Werkstätten beträgt die Arbeitszeit selten

weniger als zwölf bis dreizehn Stunden, sehr häufig,--das konnte die

Kommission für Arbeiterstatistik wiederholt konstatieren,--wird,

besonders vor den Liefertagen, die Nacht durch gearbeitet. Ins Endlose

wird sie noch dadurch ausgedehnt, daß die Arbeiterinnen Arbeit mit nach

Hause nehmen und hier noch drei bis fünf Stunden ihr letztes bißchen

Kraft daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam

vor, daß Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125

Arbeitsstunden wöchentlich berechnen konnten.[640] Die Vorteile der

Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts zusammen, um so

mehr, als auch die Werkstatt in den meisten Fällen nichts weiter ist,

als eine enge, schlecht beleuchtete und schlecht ventilierte

Proletarierwohnung. In demselben Raum, der vom Dunst der Bügeleisen

erfüllt ist, in dem Glieder der Familie des Zwischenmeisters nächtigen,

der womöglich auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die

Näherinnen dicht gedrängt vor dem oft einzigen Fenster. Werkstätten in

feuchten Kellern, oder in glühendheißen Dachstuben kommen vor, dabei ist

häufig die Ueberfüllung so groß, daß statt 28 cbm nur 5 bis 12 cbm

Luftraum auf die Person kommen.[641] Und doch steht die

Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die Heimarbeiterin. Das

größte Elend ist dort zu Hause, wo, versteckt in den eigenen vier

Wänden, die arme Witwe, die verlassene Ehefrau, die Gattin des

Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen für sich und ihre Kinder den harten

Kampf ums Dasein kämpfen. Rücksichtslos und schutzlos sind sie der

unbeschränktesten Ausbeutung preisgegeben. Daß sie zum großen Teil nicht

freiwillig die Heimarbeit gewählt haben, sondern sich dazu gezwungen

sehen, weil Familiensorgen sie ans Haus fesseln, geht schon daraus

hervor, daß die meisten Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild

so oft verherrlichten "flotten Nähmamsellen" gehören, sondern

sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren

abhängt.[642] Fast durchweg liegt die Herstellung der gewöhnlicheren

Konfektion in ihren Händen,[643] infolgedessen erreichen sie bei

höchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, wo sie

dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist ihr Verdienst

geringer.[644] Eine verwitwete Näherin in Berlin mußte, um 10 Mk.

Wochenlohn zu erreichen, von früh vier und fünf Uhr bis nachts elf Uhr

arbeiten; trotz dieser übermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre

Familie nicht allein erhalten, sie mußte noch zur Armenunterstützung

ihre Zuflucht nehmen![645] Eine Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten

Morgengrauen ihre Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr

nachts; weil sie sich die Zeit dafür nicht nehmen konnte, mußte ihr

ältester elfjähriger Bub das Mittagessen bereiten und die Geschwister

beaufsichtigen.[646] Berliner Blusennäherinnen wiesen Wochenlöhne von

3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf![647] In Essen verdiente eine Mutter mit ihrer

Tochter bei sechzehn- bis achtzehnstündiger Arbeitszeit 9,75 Mk. für das

Nähen leinener Arbeiterhosen; pro Stück erhielten sie--12 Pf., obwohl

das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflöcher, zehn Knöpfe neben

den Maschinennähten zu nähen waren und das Garn dazu geliefert werden

mußte.[648] Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk.

wöchentlichen Verdienst, Knopflochnäherinnen in der stillen Zeit auf 2

bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine Wäschenäherin, Mutter von

vier kleinen Kindern, konnte bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als

9 Mk. wöchentlich verdienen.[649] Wie sich bei solchen Einnahmen die

Lebenshaltung gestaltet, dafür nur einige Beispiele. Eine

alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wöchentlich verdiente,

hatte folgendes Wochenbudget:

Mit einer anderen geteilte Kochstube 1,50 Mk.

Feuerung 0,30 "

Spiritus zum Kochen 0,20 "

Petroleum 0,30 "

Wäsche 0,15 "

Mehl, Gemüse, Gegräupe 0,70 "

Kartoffeln 0,15 "

Brot 1,00 "

Milch 0,35 "

Salz, Schweden etc 0,10 "

Kaffee 0,40 "

Butter 0,50 "

Schmalz 0,38 "

Kassenbeitrag 0,22 "

----------

Im ganzen: 6,25 Mk.

Ihre tägliche Ausgabe für die Nahrung betrug demnach nicht ganz 50 Pf.,

für Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben blieben wöchentlich nur 75

Pf. übrig.[650] Eine andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag

für 30 Pf. täglich auswärts aß, brauchte, da sie sich ein wenig besser

nährte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben einer Breslauer Näherin,

die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, stellten sich folgendermaßen:

Wohnung 1,00 Mk.

Mittagessen 1,75 "

Frühstück, Vesper, Abendbrot 2,25 "

Heizung, Beleuchtung, Wäsche 1,35 "

Kassenbeitrag 0,15 "

------------

Im ganzen: 6,50 Mk.

Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller Art nicht

in Rechnung gestellt wurden, und die tägliche Ausgabe für die Ernährung

nur 57 Pf. beträgt, ein wöchentliches Defizit von 50 Pf.[651] Sobald

noch Kinder zu ernähren sind, wird die Lage natürlich zu einer ganz

verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjährigen Sohn, die 366 Mk. im

Jahr, also ca. 7 Mk. wöchentlich verdiente, und die Ausgabe für Miete

durch Aftervermietung deckte, hatte folgende Wochenausgaben:

Feuerung 0,90 Mk.

Petroleum 0,55 "

Brot 1,30 "

Ein Pfund Fett 0,60 "

Zehn Pfund Kartoffeln 0,30 "

Gemüse und Gegräupe 0,70 "

Knochen zum Auskochen 0,15 "

Sonntags 1/2 Pfund Fleisch 0,30 "

Salz, Schweden, Wichse etc 0,10 "

Wäsche 0,15 "

Kaffee 0,60 "

Milch 0,35 "

-------------

Im ganzen: 6,00 Mk.

Für die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. für Krankheit, Fahrten,

Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. wöchentlich übrig, die Nahrung

stellte sich täglich auf 30 Pf. pro Person![652] Kann man sich wohl von

einer Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer

Wocheneinnahme von fünf oder gar nur drei Mark beruht?! Läßt sich das

Elend ausdenken, das herrschen muß, wenn mehr als ein Kind davon

erhalten werden soll?!

Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß solche Verhältnisse vielleicht

einzig dastehen und sich in anderen Ländern nicht wiederholen. Leider

zeigt sich aber auch hier, daß gewisse soziale Zustände im unmittelbaren

Gefolge wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher überall die

gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben Stand

erreicht hat. Die Wiener Näherin, die von sechs Uhr früh bis in die

späte Nacht Trikottaillen näht, um 3,50 fl. zu verdienen; die beiden

Schwestern, die zusammen 10, höchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft

nicht mehr wie 20 kr. für ihr Mittagessen auszugeben vermögen;[653] die

böhmische Handschuhnäherin, die bei vierzehnstündiger Arbeitszeit nur

208 fl. im Jahr einnimmt, für Nahrung, Heizung und Wohnung für sich und

ihr Kind aber allein 252 fl. braucht[654],--sie alle geben ihren

deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse aber

ist es, daß selbst im gelobten Lande der Näherei und Schneiderei, das

die Modedamen der ganzen Welt mit seinen Erzeugnissen versorgt, in

Frankreich, die Lage derjenigen, aus deren Händen all die Wunderwerke

hervorgehen, keine günstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach

hoch, sie ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die

deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch intensiverer

ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa diejenigen, die als

Vorarbeiterinnen in den Werkstätten der großen Konfektionshäuser

beschäftigt werden, können auf eine annähernd regelmäßige Arbeit während

des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 bis höchstens 230,

die gewöhnlichen,--und die meisten!--haben 60 bis 160 Tage zu thun.[655]

In der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die täglich eine

bis zwei Stunden Beschäftigung gewährt, in der hohen Saison dagegen

kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden vor![656] Bei vierzehn- bis

fünfzehnstündiger Arbeitszeit kann die Durchschnittskonfektionsnäherin

in Paris eine Jahreseinnahme von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75

c. bis 1,25 fr. täglich verdient.[657] Bei einer Einnahme von 900 fr.

aber fängt erst die Möglichkeit an, selbständig davon leben zu können,

und nur ein Drittel aller ihrer Arbeiterinnen verdienen, nach den

Aussagen der Chefs der ersten Pariser Konfektionsfirmen, mehr als

das.[658] Eine der ersten Pariser Schneiderinnen, die für ein großes

Haus Modelle arbeitet, also höchst selten arbeitslos ist, verdiente

jährlich 875 fr. Sie hatte folgendes Ausgabenbudget[659]:

Nahrung 550 fr.

Miete 200 "

Wäsche 20 "

Zwei Paar Schuhe 20 "

Zwei Kleider (selbst genäht) 40 "

Zwei Hüte (selbst garniert) 10 "

Schirm, Handschuhe 10 "

Kleine Ausgaben 25 "

Im ganzen: 875 fr.

Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, daß selbst für eine Kraft

ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert erscheint, wenn nicht nur

die Ansprüche geringe sind, die Gesundheit gefestigt ist und auf

Vergnügungen fast ganz verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es

sich nur um die Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen,

auch noch zu den besseren Arbeiterinnen zu zählenden Näherin, die 3 fr.

täglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die Ausgaben

folgendermaßen[660]:

Nahrung 511 fr.

Miete 120 "

Kleidung 55 "

Wäsche 48 "

Stiefel 30 "

Licht und Heizung 25 "

Kleine Ausgaben 40 "

Im ganzen: 829 fr.

Wir stoßen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst durch äußerste

Einschränkung nicht zu decken wäre. Daß es unmöglich ist, beweist das

Budget einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschäfte. Sie

gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufügte, daß sie sich

dabei alles versagen müsse, was das trübe, einförmige Leben erheitern

könne. Trotz einer achtmonatlichen, mit 4 fr. täglich entlohnten Arbeit,

hatte sie am Schluß des Jahres gegen 200 fr. Schulden.[661] Wie sich

aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. einnehmen und

davon auszukommen versuchen, dafür nur ein Beispiel: Eine Pariser

Konfektionsnäherin hatte ein Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie

gab aus für:[662]

Miete 100,00 fr.

Nahrung 237,25 "

Licht 4,00 "

Ein Kleid 5,00 "

Ein Fichu 2,00 "

Zwei Paar Strümpfe 1,30 "

Zwei Paar Schuhe 8,00 "

Zwei Hemden 2,50 "

Eine Hose 1,25 "

Zwei Taschentücher 0,80 "

Zwei Servietten 0,80 "

Im ganzen: 362,90 fr.

Ihre tägliche Nahrung bestritt sie für 55 c., d.h. für 5 c. Milch, für

20 c. Brot, für 10 c. Kartoffeln, für 10 c. Käse und für 10 c. Wurst!

Selbst die Heizung mußte sie sich versagen, von Vergnügungen war keine

Rede, ein einziges Fähnchen für 5 fr. mußte das ganze Jahr aushalten!

Und das war ein Mädchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach

Glück und Freude, die so stürmisch nach Erfüllung verlangt; ein Mädchen

von zwanzig Jahren mitten in der von Lebenslust fiebernden Luft von

Paris! Und doch giebt es noch tiefere Stufen des Elends. Die

Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf ihnen angelangt: hier finden sich

Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 fr., während das Leben sich mit

weniger als 350 fr. unmöglich bestreiten läßt.[663]

Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die alten

Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im

Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie unumschränkt. Die

furchtbaren Enthüllungen des Elends in den kleinen Werkstätten des

Londoner Ostens waren es, die überhaupt zuerst die Blicke der Welt auf

die Zustände in der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des

Sweating-Systems stammt von dort. In den Werkstätten der

Zwischenmeister, wo in dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut

dicht gedrängt zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht

ruht, wo die Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden

Händen für ein Stück Brot die Nadel führen, wo der Fluch Jehovahs: "Im

Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" erst in Erfüllung

gegangen zu sein scheint, übt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in

Manchester, in Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Löhne und lange

Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, Näherinnenlöhne

von 6 p. an sind an der Tagesordnung[664]; die Glasgower

Heimarbeiterinnen in der Wäschekonfektion, die häufig von sechs Uhr früh

bis zehn Uhr abends in ihrem verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen

oder kranken Kindern an den feinen Batisthemden sticheln, die irgend

eine Herzogin ahnungslos über den gepflegten Körper ziehen wird,

verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche[665]; in den

Londoner Schneiderwerkstätten erreicht eine gelernte Schneiderin bei

vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit im besten Fall 4 sh.

täglich, häufig muß sie sich mit derselben Summe als Wochenlohn

zufrieden geben[666], während die Heimarbeiterin überhaupt kaum mehr zu

verdienen vermag[667], sie näht z.B. Unterröcke für 7 p. das Stück,

wobei sie den Faden noch zugeben muß.[668]

Selbst in die neue Welt brachten die unglücklichsten Flüchtlinge der

alten das Sweating-System mit. Blühende Industrien, die ihren Arbeitern

ein gutes Auskommen sicherten, brachen unter der Schmutzkonkurrenz der

kleinen Werkstätten und der armen Heimarbeiter zusammen.[669]

Ein einziger Stadtteil Chicagos wies nicht weniger als 162

Konfektionswerkstätten auf, über die Hälfte aller Arbeiter darin waren

verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den notwendigsten

Ausgaben das Gleichgewicht halten.[670] Als typisches Beispiel für die

Wirkung der Hausindustrie kann folgendes gelten: ein Schneider, der seit

seinem vierzehnten Jahre ein fleißiges und nüchternes Leben führte, und

trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jährlich einnahm, hatte nach zwanzig

Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und wurde selbst, im

Alter von 34 Jahren! als altersschwach und arbeitsunfähig befunden.[671]

Da die Löhne der weiblichen Arbeiter noch viel niedriger sind--solche

von 25 c. täglich kommen sehr oft vor--, ihre Widerstandsfähigkeit eine

geringere ist und ihre Kräfte sich oft in wenigen Jahren

verbrauchen,[672] so kann man sich ungefähr eine Vorstellung von der

Lage machen, in der sie sich befinden.

Als notwendige Folge der niedrigen Löhne ist die Überarbeit, die

Unterernährung und die Wohnungsnot überall die gleiche. Es giebt naive

Gemüter, die in der Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur

Aufrechterhaltung des durch die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens

sehen. Sie stellen sich die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der

handarbeitenden Frau aus bürgerlichen Kreisen vor, die nur müßige

Stunden auszufüllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer Wirtschaft

stets zur Verfügung steht. Sie wollen nicht einsehen, daß Heimarbeit zu

fieberhafter Thätigkeit verdammt, daß sie den Menschen der Maschine

gegenüberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf aufnehmen

muß, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem sterbenden Kinde muß die

New-Yorker Arbeiterin ihr Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit,

ihre Toten zu begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten

können, schickt sie auf die Straße, oder bestenfalls zu Pflegefrauen, um

in der Arbeit nicht gestört zu werden.[673] Ihre Berliner

Leidensgefährtin greift zu dem Mittel, ihre Kleinen in Kisten zu

pferchen, oder an Stühle anzubinden, weil sie keine Zeit hat,

aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen oder die Umherlaufenden zu

beaufsichtigen.[674] Die Hausindustrie erhält die Frau nicht der

Familie, denn sie muß Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso

vernachlässigen, als ginge sie in die Fabrik.[675] Die Hausindustrie

zerstört vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik

noch erhält, weil sie ihrer Sklavin überhaupt keine Ruhe läßt, weil sie

den armseligen Wohnraum des Proletariers auch noch zur Werkstatt

verwandelt. Die ganze Familie und die ganze Arbeit der Berliner

Heimarbeiterin drängt sich in einem Raum, der womöglich auch noch zum

Kochen benutzt wird, zusammen; die kleine Stube daneben muß an

Schlafleute vermietet werden und wird oft noch von den Kindern

geteilt.[676] Wie sie keinen Raum besitzen, in dem sie bei Tage für sich

sein können, so haben sie nachts kaum ein Bett für sich allein; zwei

Drittel aller Berliner Heimarbeiterinnen müssen ihr Bett mit anderen

teilen.[677] Bilder grauenhaften Elends rollen sich auf, wenn wir diese

Wohnungen näher betrachten: Im fünften Stock eines Berliner Hauses

befindet sich ein einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose

Küche; darin haust eine gelähmte Greisin, ihre Tochter, die Näherin ist,

und deren vier Kinder. In einem Keller derselben Stadt wohnt in einer

Küche von 8 qm Bodenfläche eine Witwe mit vier Kindern, die Stube

daneben hat sie an Schlafburschen vermietet; in beiden Räumen schimmeln

die Möbel, so feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen

Räumen haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmädchen; den

Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs. In einem

Keller, dessen Dielen verfault sind, und dessen Fenster tief unter der

Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern für die, die droben in Luft und

Sonne lachend vorübergehen. In einem anderen Keller ähnlicher Art liegt

der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau näht

neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit ein.[678] In

New-York fand man eine siebenköpfige Familie in einer Wohnung von drei

Räumen, von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als

fünfzehn Schlafleuten,--alle waren auf nur drei Betten angewiesen.[679]

In einer anderen Wohnung, in die ein Fabrikinspektor nachts eindrang,

lagen zehn bis zwölf Menschen, Männer, Frauen und Kinder, manche halb

nackt, auf dem bloßen Fußboden.[680]

Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen Elends

nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des ersten

Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" betrachten:

sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. Nachhaltiger aber

dürfte ihr Schrecken sein, wenn sie erführen, daß jene Armut ihnen

selbst an das liebe Leben greift: in einem Zimmer Berlins nähte eine

arme Mutter Blusen, halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei

diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die

eben noch an derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten

gleich darauf sieben Arbeiterinnen.[681] Masern, Keuchhusten,

Scharlach,--kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der armseligen

Stube der Näherin ein, und werden von ihren Hemden und Blusen und Röcken

in die Häuser der Käufer getragen. Die Schwindsucht haftet an den

beliebten billigen Jacken und Mänteln der großen Warenhäuser; das

furchtbare Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und

moralisch reinsten Familien.[682] Niemand kann ermessen, wie oft es

geschieht, keiner aber sollte sich die Größe der Gefahr verhehlen.

Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in die Arme.

Wir haben gesehen, daß die Hausindustrie Löhne aufweist, durch die kaum

das nackte Leben erhalten werden kann. Ihre Arbeiterinnen aber sind

jung, es graut sie mit vollem Recht vor einem Dasein, das aller Freude

entbehrt; sie sind Mütter, sie können ihre Kinder nicht darben lassen;

sie sehen das Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden.

Selbst durch den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft können sie nicht

leben, der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre muß die Ergänzung sein. Die

Arbeit selbst müssen sie häufig damit bezahlen. Am günstigsten noch

gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein festes Verhältnis haben, wie jene

arme Mutter, die erklärte, sie habe sich dazu entschließen müssen, sonst

wäre sie zu Grunde gegangen.[683] Ein Liebhaber aus den eigenen Kreisen

wird vielleicht einmal ein Ehemann. In den weitaus meisten Fällen jedoch

fallen die hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen

Prostitution anheim.[684] Hunger und Lebenslust sind stärker als alle

Moral, und die Moralpredigt oder gar die moralische Entrüstung wird

angesichts dieses Elends zu einer ekelhaften Farce.

Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu ihrer

letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung der

Zustände verheißt? Kann die Hausindustrie ihren Arbeitern, wie der

Fabrikbetrieb nach und nach eine höhere Lebenshaltung ermöglichen? Um

diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich die Ursachen des

herrschenden Elends klar zu machen.

Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie sich

festgesetzt: in den Großstädten, wo eine große Arbeiterbevölkerung sich

vorfindet.[685] Hier strömen in wachsender Zahl die Proletarier

zusammen, ihre Frauen und Töchter schaffen ein übermäßiges Angebot von

Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von Landmädchen und

durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und Mädchen aus den Kreisen

des Bürgertums ständig gesteigert wird. Diese Arbeitskräfte können aber

nur von Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine

Ansprüche machen und deren technische Entwicklung noch in den Anfängen

stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien aller Art, in erster

Linie diejenigen, die an alte hauswirtschaftliche Frauenarbeit

anknüpfen, wie die Näherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders

geeignet, alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergänzung des

männlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im Hause

beschäftigt. All diese zusammentreffenden Umstände nun: die

Konzentrierung proletarischer Elemente in den Großstädten, das starke

Angebot weiblicher Arbeitskräfte, die zum Teil durch ihre Leistungen

nicht ihren ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz

der Industrie, möglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen der

großstädtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an physischem und

sittlichem Elend. Für England und Amerika gilt dasselbe, nur daß dort

die billigen Arbeitskräfte durch die armen Einwanderer gestellt werden.

Aber nicht nur in den Großstädten findet die Hausindustrie die

Voraussetzungen für ihre Existenz. Sie findet sie in gleichem Maße in

den Gebirgen, wo infolge der schlechten Transportverhältnisse der

Fabrikbetrieb nicht Fuß fassen kann,[686] und in den Landorten des

Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der

Landwirtschaft allein seine Familie zu ernähren. Da die Hausindustrie

einerseits mit Frauen, andererseits mit Männern und Frauen zu thun hat,

die von der modernen Arbeiterbewegung nicht erreicht werden, weil sie

abgeschnitten sind vom Verkehr mit der Welt, so hat sie neben einem

billigen auch ein außerordentlich fügsames Material in der Hand. Trotz

alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu kämpfen. Ihre

Kampfmittel sind neben den niedrigen Löhnen, der langen Arbeitszeit und

dem Trucksystem die Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen

Werkstätten beschäftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womöglich

gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskräfte und entlassen sie,

sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine Anstellung erwartet

wird.[687]

Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die Existenzbedingungen der

Hausindustrie fernerhin vorhanden sein werden, und ob ihre

Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum Vorteil der Arbeiter zu

verändern.

Es giebt Industrien, z.B., um gleich die für unseren Zweck wichtigste zu

nennen, die Textilindustrie, die durch große technische

Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den Todesstoß

versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr aushalten, sie wird

gewissermaßen ausgehungert. In England hat sich dieser Prozeß bereits

vollzogen, in anderen Ländern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere

dagegen--und hier kommt im wesentlichen die Bekleidungsindustrie in

Betracht--bedürfen in der Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre

Maschinen, die Nähmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue

Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen

Voraussetzung. Und sie werden durch äußere Umstände auf absehbare Zeit

hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die Bevölkerungsverhältnisse

sich in der selben und nicht in der entgegengesetzten Richtung

weiterentwickeln. Die proletarische Bevölkerung wächst ebenso aus sich

heraus, wie durch Zuwanderung und durch ein allmähliches Hinabsinken des

Kleinbürgertums. Dazu kommt, daß die Höhe der männlichen Arbeitslöhne

immer mehr durch den Frauenerwerb, der als Ergänzung hinzugedacht wird,

beeinflußt wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher Hände

steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des Bürgerstandes hat

eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen der Männer weder den erhöhten

Bedürfnissen, noch der allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein

das riesige Indiehöheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der

Frauen zur Notwendigkeit[688], der andererseits auch vielfach, infolge

des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile entspringen

mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die Weiterentwicklung der

Hausindustrie in ihrer modernen Form zu sichern: die Tendenz zur

Dezentralisation des Großbetriebs. Die Ausdehnung und schärfere

Handhabung der Arbeiterschutzgesetzgebung läßt den Unternehmer nach

einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in der

Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafür ein besonders drastisches

Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und zur Ausbreitung der

Hausindustrie, und zwar grade dort, wo Frauenarbeit eine bedeutende

Rolle spielt, sind demnach gegeben. Dabei ist aber auch die Frage nach

der Möglichkeit der Hebung der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum

Teil mit beantwortet. Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunächst

unmöglich erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich

Ursache und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg über den Fabrikbetrieb

beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen

Arbeitskraft bis an die Grenze des Möglichen. Ein Rückgang der Löhne, im

Gegensatz zu ihrer Zunahme im Fabrikbetrieb, zeigt sich überall.[689]

Die Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen,

ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur

Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fällen wählt sie, in der

Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr nützen zu können, die

Heimarbeit. Der größte Teil der Heimarbeiterinnnen sind überall Frauen

mit Kindern.[690] Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden

Preis. Ihre Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der

schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen und

Töchter der Bourgeoisie, jene "verschämten" Armen, die ihre

Erwerbsarbeit als nicht standesgemäß möglichst geheim zu halten

suchen[691], und die an primitive Lebensverhältnisse gewöhnte, daher

billig arbeitende Landbevölkerung. Die Näherinnen im Vogtland z.B., die

viel für Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die Berliner

Arbeiterinnen.[692] Und diese gefährliche Konkurrenz wird teils durch

den Staat, der Webe- und Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils

durch kurzsichtige Privatwohlthätigkeit, die im Gebirge und auf dem

Lande den sogenannten "Gewerbefleiß" einführt, unterstützt[693], auch

noch künstlich großgezogen. Die Frauen, die Landbewohner und schließlich

auch die Völker mit niedriger Lebenshaltung,--der Einfluß der fabelhaft

billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit beginnt

bereits fühlbar zu werden,--bilden das riesige Reservoir, aus dem die

Hausindustrie stets neue Nahrung schöpft, und die sie gegeneinander

ausspielt. Sie ist wie ein ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil

er aus trüben unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der

mit seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und

Lebenskräftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich nicht aus

sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um seine Wirkungen zu

beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst muß verschwinden.

Der Handel.

Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem Umfang

erst viel später in Erscheinung getreten, als in anderen

Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die Berliner Kommis an

das preußische Staatsministerium um Einschränkung der weiblichen

Konkurrenz[694], aber erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen

durch sie eine ernste Gefahr. Einerseits sind es die Töchter des

mittleren und kleinen Bürgerstandes, die mehr und mehr vor die

Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt werden

und im kaufmännischen Beruf ein standesgemäßes Unterkommen zu finden

glauben, andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine

höhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in steigendem Maße

ihre Töchter hinauf zu heben.

Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und

Warenhäusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer geringer werden

hier die Anforderungen an kaufmännische Bildung und genaue

Warenkenntnis, da jede Verkäuferin nur eine bestimmte Abteilung

zugewiesen bekommt und auf den einzelnen Gegenständen die Preise meist

deutlich vermerkt zu werden pflegen. Infolgedessen ist es erklärlich,

daß in zahlreichen Geschäftszweigen, besonders in den Geschäften für

Bekleidung und solchen für frische Nahrungsmittel mehr Frauen als Männer

zu finden sind; sie rekrutieren sich meist aus proletarischen Kreisen,

haben oft nur die Volksschule besucht und können, wie z.B. in Berlin,

nur selten grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.[695]

Aber nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer

Arbeit nach, müssen die Verkäuferinnen zu den Kreisen der proletarischen

Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen aller Länder,

die sich mit ihrer Lage beschäftigen, stimmen darin überein, daß

der Lohn zur Leistung in größtem Mißverhältnis steht, und alle

charakteristischen Zeichen der proletarischen Arbeit,--Ueberarbeit und

Arbeitslosigkeit,--auch auf sie zutreffen.

Was zunächst die Lohnfrage betrifft, so ist ein einigermaßen

ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung nicht vorhanden. Selbst die

deutsche Kommission für Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer

Untersuchungen der Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise

förmlich ängstlich vermieden, sich über den Stand der

Arbeitsentschädigung Aufklärung zu verschaffen. Auch die englische

Arbeitskommission bringt nur spärliche Ziffern. Wir müssen uns daher im

wesentlichen auf die Resultate privater Enqueten stützen.

Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkäuferinnen wird vom

kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte auf 58 Mk.

monatlich geschätzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit durchschnittlich

1-3/4 Monate betragen soll, so würde ein Jahreseinkommen von 594 Mk.,

eine tägliche Einnahme von 1,60 Mk. zu verzeichnen sein.[696] Schon mit

dieser Summe ist es für die großstädtische Verkäuferin nicht möglich

auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine Jahreseinnahme

von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen werden kann, die der

Berliner Verkäuferin eine sorgenfreie Existenz zu sichern vermag. Nun

gehören aber die Mitglieder des Hilfsvereins für weibliche Angestellte

zweifellos zur Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher für die

große Masse nicht maßgebend sein. Thatsächlich kommen selbst in Berlin

Monatslöhne von 30 bis 40, ja sogar von 20 bis 30 Mk. vor; in der

Provinz, besonders in den kleinen Städten, sind solche Sätze keine

Seltenheit; das Durchschnittsgehalt der Verkäuferinnen in Köln betrug

40, in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Königsberg gar nur 27 Mk.[697],

ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen zurücksteht.

Selbst Leipzig weist Monatslöhne von 20 bis 30, ja sogar solche unter 20

Mk. auf.[698] Verkäuferinnen, die eben die Lehrzeit hinter sich haben,

müssen sich sogar oft genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.[699]

Männlichen Verkäufern wagt man solchen Gehalt nur höchst selten

anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen Anfangsgehalt, der

schnell gesteigert wird; ihr Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk.

angegeben, beträgt also fast das Doppelte des Einkommens ihrer

weiblichen Kollegen. Je nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch

die Verkäuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk.

bezeichnen aber in den meisten Fällen ein nur schwer erreichbares

Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen nur ausnahmsweise

vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich häufig bis auf drei Monate

ausdehnt, so schrumpft die im ganzen Jahr der Verkäuferin zu Gebote

stehende Summe so sehr zusammen, daß ein Auskommen schwer möglich ist.

Die Angaben Berliner Handelsgehilfinnen bestätigen das. Danach betrug

die durchschnittliche Ausgabe für Kost und Wohnung 51 Mk., 30 Mk. wurde

als das geringste bezeichnet, womit das Leben sich notdürftig bestreiten

ließe.[700] Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58

Mk. gegenüber, so ist ohne weiteres klar, daß mit einem Rest von 7 Mk.

die Ausgaben für Wäsche, Kleidung, Tramwayfahrten etc.--vom Vergnügen

ganz abgesehen--nicht gedeckt werden können. Besonders die Ansprüche an

die Toilette, die das Budget der Handelsangestellten so sehr belasten,

können damit nicht bezahlt werden und doch riskiert die Verkäuferin

ihre Stellung, wenn sie sie nicht erfüllt. Wie hoch sie sind, beweist

eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben für Wohnung und

Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. Während die

Fabrikmädchen oft kaum den vierten Teil dessen für ihre Kleidung

verwenden, was sie für ihre Wohnung ausgeben, übersteigt die Summe, mit

der die Verkäuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die Ausgaben

für die Wohnung, sehr oft sogar ist sie höher, als diejenige, die sie

für ihren ganzen Lebensunterhalt anlegen.[701] Denken wir nun aber an

Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, die

vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei einer

Aufwendung von nur 30 Mk. für Kost und Wohnung, wobei nur eine

Schlafstelle in Betracht kommen kann und die Unterernährung chronisch

wird, ein bedeutendes Defizit unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann

gesichert, wenn die dermaßen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie

wohnen. In welchem Umfang dies thatsächlich geschieht, läßt sich nicht

feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner Handelsangestellte

umfaßte, ergab, daß 585, also 71 %, von ihnen bei Familienangehörigen

wohnen; 240 sind darauf angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu

beschaffen, und zwar haben 36,75 % dieser selbständigen Mädchen eine

Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.[702], sie gehören also zu

denjenigen, die nach unserer Berechnung entweder nur unter größten

Entbehrungen, oder unter fortwährender Anhäufung von Schulden ihr Leben

fristen können. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen um

besonders Bevorzugte handelt,--nur die besser gestellten,

intelligenteren unter ihnen entschließen sich, einem Verein beizutreten,

und Vereinsmitglieder waren sämtliche Expertinnen,--so ergiebt sich, daß

für die Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als

der der Alleinstehenden ein wesentlich höherer sein muß. Aber selbst

wenn wir die sehr günstige Berliner Berechnung zu Grunde legen, um die

Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu beurteilen, zeigt es sich, daß

von 365005 nicht weniger als 105851 allein stehen, und von diesen wieder

beinahe 17000 von dem Ertrag ihrer Arbeit nicht leben können.

In England sind die Lohnverhältnisse keineswegs besser, obwohl man

zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die Handelsangestellten neben

dem Gehalt freie Station haben. Aber selbst den unwahrscheinlichen Fall

angenommen, daß diese so vortrefflich ist, daß ein Zuschuß zur Ernährung

aus dem eigenen Beutel sich nicht als nötig erweist, reicht ein

Jahreseinkommen von 10 bis 12 £[703] in den Großstädten Englands bei

weitem nicht aus, um die notwendigen Ausgaben, die den Verkäuferinnen

erwachsen, zu bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der

Strafgelder in ausgedehntestem Maße. In manchen Geschäften giebt es bis

zu hundert verschiedene Versäumnisse, die durch Lohnabzüge gebüßt werden

müssen.[704]

Für Frankreich können wir uns auf offizielle Untersuchungen nicht

berufen, um die Lage der Handelsangestellten danach zu schildern; dafür

liegt in Zolas "Au Bonheur des Dames" ein weit wertvolleres Dokument

vor. Es zeigt uns den kleinen Laden mit seinen schlecht genährten und

schlecht bezahlten Arbeitern, es führt uns in das fieberhafte Getriebe

des großen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkräfte untergräbt; es

öffnet uns die Thür zu den winzigen, unheizbaren, allen Komforts

entbehrenden Dachkammern, wo die Mädchen abends halb ohnmächtig auf ihr

Lager sinken und zu den Eßsälen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen

mit weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen

Maschinen in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner großartigen

Wirklichkeitsschilderung jede Illusion über die Lage der Ladenmädchen.

Aber weit mehr noch als für das Riesenhandelshaus, das durch seinen

gewaltigen Umsatz im stande ist, seinen Angestellten eine gesicherte

Stellung zu geben, trotz aller Ausbeutung und Vernachlässigung, gilt es

für die kleinen, mühsam um ihr Bestehen kämpfenden Geschäfte, wenn sich

der äußere Glanz des kaufmännischen Berufs bei näherem Zuschauen in sein

Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto

trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor allem,

daß die Wohnung und Beköstigung im Hause des Prinzipals zwar eine

Wohlthat ist, aber nicht für die Angestellten, sondern für ihn. Er

macht dadurch nicht nur Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in

der Hand, über seine Angestellten wie über häusliche Dienstboten frei

verfügen zu können.[705] Die Beköstigung im Hause des Chefs, die in

Deutschland besonders auch dort häufig üblich ist[706], wo die

Verkäuferinnen für ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den

willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr einzuschränken oder

überhaupt dem Zufall und der momentanen Geschäftsruhe zu überlassen. In

England wurden Mittagspausen von zehn bis höchstens zwanzig Minuten

festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von

Kunden unterbrochen werden konnten[707]; in Deutschland ist es nicht

viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; Frühstücks- und

Vesperpausen werden, vor allem in den kleinen Geschäften, sehr selten

gewährt.[708] Abendbrot giebt es in England häufig gar nicht, so daß die

Mädchen genötigt sind, es sich selbst zu beschaffen[709]; die

Beköstigung ist dort wie in Deutschland meist, was Quantität und

Qualität betrifft, gleich minderwertig[710], und muß im Geschäftsraum

selbst oder in engen, dumpfigen Nebenräumen hastig verschlungen werden.

Nur die großen Geschäfte, die großen Warenhäuser und Bazare machen hie

und da eine rühmliche Ausnahme; wo sie überhaupt ihren Angestellten

Beköstigung bieten, ist sie ausreichend, besondere Speisesäle sind dafür

angelegt und die Zeit zu ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, daß sie

auch ein Ausruhen in sich schließen kann. In den kleinen Städten und in

den kleinen Geschäften, wo die weiblichen Angestellten auch häusliche

Arbeiten verrichten müssen, ist ihre Lage durchweg eine traurige; auch

in Bezug auf die Wohnung unterscheiden sie sich nicht von den

Dienstmädchen: es werden ihnen unheizbare Dachstuben oder schlecht

gelüftete, halbdunkle Räume neben dem Laden zur Unterkunft

angewiesen[711]; in England und Amerika gilt dasselbe sogar in den

großen Städten und Geschäften. Londoner Verkäuferinnen müssen sich oft

zu zweien in ein Bett teilen, und die Räume, in denen sie hausen,

entbehren jeder Bequemlichkeit.[712] In den Riesengeschäften New-Yorks

wohnen die Mädchen so eng, daß man Gefangenen solch einen Mangel an

Luftraum nicht bieten würde.[713] Damit sind die Nachteile der freien

Station jedoch noch nicht erschöpft; die Prinzipale bestimmen auch,

unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral und des

patriarchalischen Familienverhältnisses, über die freie Zeit der

Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der strengsten Aufsicht

unterworfen, sie dürfen auch nur an bestimmten Abenden der Woche

ausgehen und müssen vor Thorschluß heimkehren, da sie sonst keinen

Einlaß mehr finden.[714] In England sind sie andererseits vielfach

verpflichtet, am Sonntag früh das Zimmer zu verlassen und erst spät

abends heimzukehren.[715] Der Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig

Tagen des Jahres die Beköstigung; die arme Verkäuferin aber, die oft am

liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie Zeit,

zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen möchte, muß entweder an solch

erzwungenen Festtagen ihre schmale Börse leeren, oder Bekanntschaft

suchen, die sie versorgt.

Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das härteste,

denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor kurzem eine ganz

unbeschränkte. Die Ladenzeit betrug im Deutschen Reich im Maximum bis zu

achtzehn Stunden, im Durchschnitt vierzehn Stunden täglich[716]; nicht

weniger als 43 % der Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine

Ladenzeit von dreizehn bis sechzehn Stunden.[717] Die längste fand sich

in der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer

Kolonialwarenhandlungen kam es vor, daß der Laden um fünf Uhr früh

geöffnet und um zehn oder elf Uhr nachts geschlossen wurde.[718] In der

Hochsaison verlängerte sie sich überall, dabei war von einer Vergütung

der Überstunden selten die Rede,[719] und wenn der Laden geschlossen

war, ging die aufreibende Arbeit hinter verschlossenen Jalousien bis in

die sinkende Nacht weiter. In England waren die Verhältnisse genau

dieselben.[720] Und doch wären diese Zustände noch erträglich zu nennen,

wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschärft worden wären:

nicht nur, daß die armen Mädchen von morgens bis abends mit freundlichem

Diensteifer die Kunden,--und unter ihnen die unangenehmsten,--zu

bedienen haben, daß sie die Leitern hinauf und hinab klettern, Stöße von

Waren hin und her schleppen müssen, sie dürfen sich, auch wenn niemand

im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre Füße schmerzen,

nicht setzen[721]! Stehen--stehen--zwölf, vierzehn und mehr Stunden

stehen--und dabei lächeln, immer lächeln! Eine Folter, die würdig wäre,

spanische Inquisitoren zu Erfindern zu haben!

Erst in jüngster Zeit hat man allenthalben den Versuch gemacht, diesen

Übelstand aus der Welt zu schaffen; bei der Zaghaftigkeit aber, mit der

vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, daß er, in etwas gemilderter

Form vielleicht, noch immer besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt

dasselbe; ist doch sogar nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten

Mädchen überall gesichert; auch am Sonntag müssen sie stundenweise im

Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein Pfennig Profit

entgeht.

Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre Prügelknaben und

Mädchen für alles, daran. Kaum der Schule entwachsene Kinder werden mit

Vorliebe aufgenommen; sie kosten wenig und lassen sich widerstandslos

ausnutzen. Welchen riesigen Umfang ihre Beschäftigung annimmt, geht

daraus hervor, daß sie in einem Viertel aller deutschen Geschäfte die

Gehilfen an Zahl überragen, in einem Fünftel sich noch einmal so viel

Lehrlinge als Gehilfen befinden, und es sogar vorkommt, daß Geschäfte

vielfach alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.[722] Sie sind

Laufmädchen, Hausmädchen, Verkäuferin--alles in einer Person. In einem

Alter, wo der weibliche Körper der Schonung bedarf, müssen sie

dieselben, ja oft noch längere Arbeitszeiten aushalten, als die

Erwachsenen.[723] Nur die Stärksten überstehen es, die anderen werden in

der Blüte geknickt, noch ehe ihnen die Frühlingssonne recht aufging.

Trotzdem fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten,

fliegen die Mädchen zu dem blendenden Licht hinter den Spiegelscheiben,

von dem sie Märchenwunder erwarten. Und der Handel braucht Jugend! Die

Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; ein hübsches junges Mädchen ist

eine stärkere Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in

den Geschäften, besonders in denen der Großstadt: fast lauter junge

Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und glänzenden Augen treten uns

entgegen. Die Statistik bestätigt das: von den Berliner Verkäuferinnen

sind 71 % 15 bis 21 Jahre alt[724]! Wo bleiben die Alternden,

diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewöhnliche Glück haben,

sich selbständig machen zu können? Die edelsten Pferde haben das

traurige Schicksal, daß sie aus dem Rennstall-Palais, wo sie in ihrer

Jugend genährt, gepflegt und gehütet wurden, sorgfältiger als mancher

Mensch, zuerst in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den

armseligen Ackergäulen des Bauern geraten--je älter sie werden, desto

härter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, und unter ihnen ganz

besonders den Verkäuferinnen, geht es nicht anders. Werden sie alt und

häßlich, so treten Junge an ihren Platz, und sie müssen sich mit immer

schlechteren Stellungen begnügen. Der in Deutschland bisher übliche

Modus, wonach keine oder nur ganz kurze Kündigungsfristen ausgemacht

wurden,--d.h. der Prinzipal konnte die Angestellte oft von einem Tag zum

andern entlassen, die Angestellte aber mußte die Kündigung vier Wochen

vorher einreichen,[725]--hatte zur Folge, daß die alternden Gehilfinnen

sich einer dauernden Wanderschaft ausgesetzt sahen und nie wissen

konnten, ob nicht der nächste Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren

freilich sind sie so wie so schon verbraucht.

Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der schlechten

Ernährung tritt schon früh allgemeine Entkräftung und Muskelschwäche

ein. Die jungen Mädchen werden fast durchweg von der Bleichsucht

heimgesucht,--ein Blick in die Gesichter der Verkäuferinnen beweist das

zur Genüge,--Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen die

Fußgelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, Magenkrankheiten

zerstören den Rest der Nervenkraft. Infolgedessen wird die Mutterschaft

für die meisten ehemaligen Verkäuferinnen zu einer schweren

Krankheit.[726] Die große körperliche Abspannung, die oft so weit geht,

daß die jungen Mädchen sich abends mit den Kleidern aufs Bett werfen,

weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich auszuziehen,[727] führt

schließlich auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die

Interessen über die alltäglichen, persönlichen hinaus; ein energischer

Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz außerhalb der

Vorstellungsmöglichkeit.

Neben die körperlichen und geistigen Folgen der proletarischen

Frauenarbeit im Handel treten aber noch die traurigen moralischen hinzu.

Die große Masse der Angestellten kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht

leben; nicht nur, daß sie sehr häufig das einfachste Leben kaum fristen

können, ihre Ansprüche sind auch von Haus aus höhere und werden durch

ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und Konfektionsgeschäften,

noch gesteigert. Und Gewohnheit und Ansprüche gilt es in Rechnung zu

ziehen, wenn man Notlagen und die Größe der damit verbundenen Gefahren

richtig beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen

sächsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen gesichert und

befriedigt fühlen, das eine Verkäuferin in einem Berliner Geschäft der

Schande in die Arme treibt. Weit stärkere Einflüsse, als auf die arme

Arbeiterin, wirken bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der

Ansicht kühler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwählter sieht in ihrer

Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, für jene aber ist die Heirat ein

selten erreichter Traum, denn ihre männlichen Arbeitsgenossen suchen vor

allem eine klingende Mitgift, um sich dadurch selbständig machen zu

können, und schließt für die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn die Not

sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres Herzens und ihrer

Sinne, der sie in jene Liebesverhältnisse verstrickt, die so oft ein

tragisches Ende finden. Dabei naht ihr auch die Verführung mehr als

anderen durch den Verkehr mit der Kundschaft. Es ist nicht übertrieben,

sondern entspricht den täglich zu beobachtenden Thatsachen, daß die

Lebemänner der Großstädte in den Bazaren und Warenhäusern ein beliebtes

Feld für ihre Jagd nach Menschenware erblicken. Aber auch für die Chefs

selbst sind ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mädchen

muß entweder ein hohes Maß an sittlicher Kraft, Selbstverleugnung und

Entsagungsfähigkeit, oder einen traurigen Mangel an Jugendlust und

Liebessehnsucht besitzen, um rein und unangefochten aus diesem Leben

hervorzugehen. Wie Zolas Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von

leichtsinnigen, sondern auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und

damit berühren wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im

Handel, der es so vielen unmöglich macht, sich durch eigene Kraft

ehrlich durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkäuferin und mehr

noch der Probiermamsell verbirgt sich häufig die Prostitution in grober

und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die hierbei in

Betracht kommt, und da sie hübsch ist und jung und elegant, auf die Höhe

des Lohnes wenig Wert legt, so macht der Unternehmer ein gutes Geschäft

durch ihre Anstellung. Schulter an Schulter mit ihr machen die

wohlerzogenen Töchter des mittleren Bürgerstandes, die Wohnung und Kost

bei ihren Eltern haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld

repräsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, mühsam sich

emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste Konkurrenz. Sie erhalten

die Löhne auf einem niedrigen Niveau, ja sie drücken sie durch ihr

massenhaftes Eintreten in den Handel vielfach noch herunter.

Infolgedessen zeigt sich in höherem Maße noch als in der Fabrikarbeit,

daß die Entwicklung der Löhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach

den Frauenlöhnen zu gestalten, so daß der Unterhalt der Familie auf dem

Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die verheiratete Frau aber unter den

Angestellten eine beinahe unmögliche Erscheinung ist,--die Heirat

bedeutet fast stets den Austritt aus dem Geschäft,--so sind die Folgen

dieser Entwicklung zunächst für Mann und Weib gleich traurige.

Die Lage der Handelsgehilfinnen würde eine verzweifelte sein, wenn sich

nicht in der öden Wüste ihres Daseins Quellen künftigen blühenden Lebens

nachweisen ließen. Eine der stärksten und wichtigsten ist auch hier die

Entwicklung zum Großbetrieb. Je größer der Betrieb desto höher ist der

Lohn, desto kürzer die Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto

mehr nimmt aber auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der

Angestellten ab. Damit schwindet das patriarchalische Verhältnis mehr

und mehr, der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie

der Fabrikarbeiter, dessen persönliches, häusliches Leben und Treiben

den Unternehmer nicht kümmert. Hierdurch und durch die allerdings erst

in den ersten Anfängen steckende Regelung der Arbeitszeit, wird es

schließlich auch der verheirateten Frau leichter möglich sein, ihrem

Mädchenberuf treu zu bleiben. Das alles würde aber nur wenig nützen,

wenn nicht noch ein anderes Moment hinzukäme: die Töchter des

Bürgerstandes werden durch den Druck der Verhältnisse,--nicht zum

mindesten hervorgerufen durch die, das kleine Geschäft tötenden

Warenhäuser,--gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als Mittel zur

Befriedigung von Luxusbedürfnissen, sondern als Mittel zum

Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die Keime für ihre

Beseitigung.

Neben der Entwicklung zum Großbetrieb, die aber,--das sei all denen

gesagt, die bequem genug sind, sich durch Zukunftshoffnungen über die

Gegenwart trösten zu lassen,--eine außerordentlich langsame ist, läuft

eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint und

gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme der von

Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zählung von 1895 gab es deren

145165, was gegenüber der Zählung von 1882 einer Zunahme von 41 %

gleichkam, während die von Männern geleiteten Alleinbetriebe um 5 %

abgenommen haben.[728] Trotz der Selbständigkeit der Händlerinnen ist

ihre Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart,

als der der Arbeiterin. Ueber die Hälfte,--56 %,--sind Witwen, 27 %

verheiratete Frauen, aber nur 17 % ledige. Die Witwen richten das

Geschäft, wenn es nicht vom Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen

Kapital ein, um sich und ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten

Frauen, häufig ehemalige Dienstmädchen, wenden ihren Sparpfennig daran,

um durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergänzen; alternde

Mädchen, oft frühere Verkäuferinnen in ähnlichen Geschäften, versuchen

gleichfalls damit ihr Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei

dieser Art Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten

und gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu

konzentrieren: die Waren bilden den täglichen Bedarf jeder

Hauswirtschaft, sie müssen also möglichst in der Nähe zu haben sein und

können daher auch nicht in Warenhäusern aufgestapelt werden; allein das

Wachstum der Städte führt ihre Vermehrung herbei, die scharfe Konkurrenz

jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die Besitzerinnen,

die bisher mühsam ihre Selbständigkeit aufrecht erhielten, zur

Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, solange die Privatküchen bestehen

werden, wahrscheinlich und sicher ist, daß sich gerade dieses

Handelszweiges mehr und mehr die Frauen bemächtigen werden.

Welches Los härter ist, das der Angestellten im glänzenden Kaufhaus, die

in seinem Dienst hinwelkt, die ihre Jugend entweder vertrauern oder

wegwerfen muß, oder das der Händlerin im düsteren Keller oder stickigen

Laden, die oft auch noch die Nächte opfert, um ihre armselige

Häuslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar Pfennige plagt

von früh bis spät--das wage ich nicht zu entscheiden.

Die Landwirtschaft.

Während die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte Erscheinungen

sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt gewonnen haben, die

das Interesse der Nationalökonomen, der Politiker und der Gesetzgeber

erregen, ist die Landarbeiterin bisher ein ziemlich vager Begriff

geblieben. Man ereifert sich höchstens über ihre Landflucht und wundert

sich, daß sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens

preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das machen

sich nur Wenige klar und diese wenigen müssen sich teils auf ihre

eigenen beschränkten Beobachtungen, teils auf Privat-Untersuchungen

stützen, die auch immer nur unzulänglich bleiben können. Aber noch durch

einen anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen

erschwert.

Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen gekennzeichnete Masse,

sie gliedern sich vielmehr in zwei Kategorien von Arbeitern: die

kontraktlich gebundenen und die freien, und in eine ganze Anzahl von

Unterabteilungen beider. Zu den ersteren gehören zunächst die in festem

Jahreslohn stehenden Mägde, die Wohnung und Nahrung von der

Herrschaft empfangen und deren Arbeit eine teils häusliche, teils

landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehören ferner im ostelbischen

Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung und ein Stück Land,

außerdem einen gewissen Anteil am Ertrage des Gutes erhalten, dafür aber

nicht nur ihre eigene und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst

stellen, sondern auch eine Anzahl, gewöhnlich zwei, andere Arbeiter für

den Gutsherrn halten müssen; es sind das die Scharwerker, meist

Angehörige des Instmanns, seine Töchter und Söhne, auch seine Mutter

oder sein Enkelkind, sehr oft aber auch fremde Mägde und Knechte, die

der Instmann zu dem Zweck dingt.[729] Im Westen Deutschlands nehmen die

Heuerleute eine ähnliche Stellung ein, nur daß ihnen Wohnung und Land

nicht geliefert wird, sondern daß sie es gegen geringes Entgelt pachten

müssen, dafür aber verpflichtet sind, für eine bestimmte Reihe von Tagen

um die Hälfte des ortsüblichen Lohns für den Besitzer Arbeit zu

leisten.[730] Eine breite Schicht der Landarbeiter sind in Ostelbien

auch noch die Deputanten, die neben dem Lohn rohe Lebensmittel

geliefert bekommen. Im übrigen Deutschland wiederholt sich häufig den

Tagelöhnern gegenüber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen

Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelöhner mit selbständigem

Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben können, so daß sie

gezwungen sind Lohnarbeit zu suchen. Sie gehören ebenso zweifellos zu

den Proletariern, wie ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung

und Bestellung der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der

Bauer und die Bäuerin, die keine Lohnarbeiter beschäftigen, sondern sich

von früh bis spät allein abrackern, um sich vom Ertrage ihrer Mühen zu

ernähren, sind, trotzdem sie auf eigenem Grund und Boden stehen, nichts

anderes als Proletarier.[731]

Die eigenartigste Klasse unter dem ländlichen Proletariat ist die der

Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengänger begegnen wir ihnen in

Deutschland; in England war es das Gangsystem, das ihre Beschäftigung

beförderte; in Frankreich sind es zum großen Teil belgische Arbeiter,

die sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den

Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere Wanderung

der Arbeiter. Während das landwirtschaftliche Gesinde und die Instleute

die älteste Art der Landarbeiter, gewissermaßen die Nachkommen der

Hörigen und Leibeignen, darstellen, repräsentieren die Wanderarbeiter

die modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der

Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine Arbeit

verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter Beschäftigung

fanden, mehr und mehr den Charakter des Saisongewerbes an. Die

intensivere Kultur der landwirtschaftlichen Betriebe,--dabei sei nur an

die Molkereien und an die Zuckerrübenpflanzungen erinnert,--zu der die

zu geschäftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte notwendig

gedrängt werden, unterstützt gleichfalls die allmähliche Umwandlung des

ländlichen Proletariats.[732] In England, das zwar im allgemeinen noch

alle Arten landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt: mit eigenem Land,

mit Allotment, mit Haus- und Gartenüberlassung oder mit bestimmtem

Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, wo nur mit

wöchentlich oder täglich engagierten freien Tagelöhnern gearbeitet wird,

schon vollzogen.[733] Bezeichnend dafür ist, daß der Begriff des

Landarbeiters im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn

der Bedarf an Landarbeitern wurde früher durch die zum Dienst

verpflichteten Bauern, in Preußen auch durch die zum Zwangsgesindedienst

genötigten Bauernkinder[734], in außereuropäischen Ländern, besonders in

Amerika, durch die Sklaven gedeckt.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß es sehr schwierig ist, die Einnahmen

der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und Naturallohn, aus

freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung und Land, aus Anteilen

am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. Was zunächst das ländliche

Gesinde betrifft, so variiert allein in Deutschland sein Jahreslohn

ungemein. Er ist am niedrigsten, wo die Frauenarbeit am stärksten ist;

je weiter nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreußen kamen

Mägdelöhne von 50 Mk. vor; Kuhmägde pflegen 75 bis 80 Mk. jährlich zu

verdienen, sogenannte Leuteköchinnen 90 Mk. Im Westen und Süden, z.B. in

Oldenburg, Hannover, Hessen und Württemberg, variieren die Frauenlöhne

zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.[735] Die

höchsten Lohnsätze finden sich in Schleswig-Holstein und im Jeverlande,

wo der Mangel an Mägden schon zu einer großen Kalamität geworden ist.

Hier beträgt der niedrigste Lohn 90 Mk., die Großmägde kommen zu einem

Verdienst von 200 bis 230 Mk., Löhne von 250 Mk. werden auch zuweilen

gezahlt.[736] Neben diesem Geldlohn wird Verpflegung und Wohnung selten

berechnet; für Württemberg werden die Ausgaben für eine Magd

einschließlich des Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230

Mk. angegeben, so daß ihre Gesamteinnahme 295 bis höchstens 400 Mk.

jährlich beträgt.[737] So begegnet uns hier wieder die beinahe typische

Jahreseinnahme aller schlecht gestellten Proletarierinnen. Die

französischen Landmägde stehen sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis

200 fr. zu betragen pflegt, noch schlechter, ihre Beköstigung dagegen

wird im allgemeinen höher veranschlagt werden dürfen.[738]

Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der ostelbischen

Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen Heuerlinge

festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was ihnen geliefert

wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im Aufziehen und

Verkaufen von Vieh und Geflügel, und von dem jeweiligen Anteil an dem

Ertrag des Gutes abhängig ist. Der Geldlohn der Frauen beträgt

gewöhnlich im Sommer 30 bis 50, im Winter 20 bis 35 Pf. täglich. Dieser

Lohn wird jedoch niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann,

als dem Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich für seine

Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde[739], ausgezahlt. Für

seine Frau, noch mehr aber für die Scharwerksmädchen, die er natürlich

bei der eigenen Armut nur auf das notdürftigste unterhält, bedeutet das

eine große Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fließt nur zu oft

in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn nur sehr niedrig

stehende, physisch oder moralisch herabgekommene Mädchen sich zum

Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit besser ist die Lage der

westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch sie von den Männern

vollständig abhängig sind. Sie sind jedoch nur zu einem geringeren Maß

von Arbeit verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der

dürftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste Schicht der

kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber diejenigen, die nicht wie

die Instleute zum großen Teil abhängig sind von den schwankenden

Erträgnissen des herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von

denen der eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes

Deputat erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt,

so ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei

Fällen, bei den Instleuten, einschließlich der Scharwerker, den

Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich demnach dasselbe

eigentümliche Bild einer völligen Abhängigkeit auch der arbeitenden Frau

von ihrem Ehemann. Die Stellung einer selbständigen Lohnarbeiterin ist

für sie nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des

Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht gesprochen

werden.

Eine Stufe höherer Entwicklung in Bezug auf die Selbständigkeit des

weiblichen Landarbeiters bedeutet daher die freie Tagelöhnerarbeit. Auch

sie wird teils nur durch Geld, teils durch Geld und Beköstigung

entlohnt, und zwar ist der Lohn nicht nur niedriger als der des

Mannes,--obwohl die Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,--sehr

häufig wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewährt,

wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch

erhöht wird. Ueber die Lohnverhältnisse in Deutschland giebt folgende

Tabelle einige Aufklärung:[740]

Land | ohne Kost | mit Kost

| Pf. | Pf.

-----------------------------+-----------+---------

Posen | 30- 50 | --

Regierungsbezirk Magdeburg | 60-130 | 40- 90

Regierungsbezirk Merseburg | 60-125 | 40- 90

Regierungsbezirk Erfurt | 70-130 | 50-120

Provinz Hannover | 70-150 | 40- 80

Regierungsbezirk Kassel | 60-150 | 30-100

Provinz Hessen-Nassau | 80-150 | 50-100

Großherzogtum Hessen | 80-175 | 30-100

Provinz Schleswig-Holstein | 50-150 | 20-120

Herzogtum Anhalt | 70-150 | 40- 75

Thüringische Staaten | 60-150 | 40-100

Königreich Sachsen | 60-150 | 40- 80

Bayern | 60-120 | 30-100

Hohenzollern | 70-220 | 30-160

Die höchsten Löhne werden im Sommer, hauptsächlich zur Erntezeit

gezahlt, die niedrigsten im Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen

Jahreszeiten hat keine Tagelöhnerin. Rechnen wir, daß sie etwa 250 Tage

voll beschäftigt ist, davon während 125 Tagen den höchsten täglichen

Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 Mk., also im ganzen 178,75 Mk.,

während weiterer 125 Tage den täglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63

Pf., also im ganzen 78,75 Mk. erhält, so erreicht sie einen

Jahresverdienst von 257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit

Beköstigung nach demselben Schema, so beträgt ihre Jahreseinnahme nur

172,50 Mk. Daß diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht z.B.

aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelöhnerfamilie in Holstein

hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleißigster Arbeit nur 450 bis 600

Mk., jährlich verdienen.[741] Uebersteigt die Zahl der Familienglieder

vier Personen, sind womöglich alte Eltern oder kränkliche Angehörige mit

zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine

äußerst kümmerliche. Hat der Tagelöhner eigenen Landbesitz, zieht er

Schweine oder Geflügel, so kann seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk.

steigern[742], dann ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an

die Grenze des Möglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die

Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere zufällt.[743]

In der schlimmsten Lage aber befindet sich die Alleinstehende, um so

schlimmer, wenn sie Kinder hat. Selbst auf dem Lande läßt sich das Leben

mit einem Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit

mit all ihren Schrecken, das Hütekinderwesen mit seinen traurigen Folgen

an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die nächsten

selbstverständlichen Resultate solcher Lohnverhältnisse.

In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst der

Frauen beträgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 c.; im Sommer

1,87 fr. resp. 1,14 fr.[744]; in einzelnen Landstrichen, z.B. in der

Bretagne, sinken die Löhne bis auf 50 c. resp. 1 fr. täglich, während

sie andererseits freilich zuweilen, z.B. in der Normandie, bis auf 2 und

3 fr. steigen[745]; im allgemeinen übersteigt die Jahreseinnahme der

französischen Tagelöhnerin höchst selten 229 fr., während 300 fr. das

mindeste ist, womit ein Existenzminimum ihr gesichert wird.[746] Ihre

deutsche Arbeitsgenossin im fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit

mühsam der Erde ihre Früchte abgerungen werden, hat also keinen Grund,

die Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer

etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie

nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen steigen

ihre Löhne und ermöglichen ihr ein erträgliches Leben.[747] Mehr und

mehr aber beschränkt sie sich auf die ausschließliche Bewirtschaftung

des eigenen kleinen Eigentums, während ihr Mann als Tagelöhner in Arbeit

geht. Mit ihr auf gleicher Stufe steht die Frau und die Tochter des

kleinen selbständigen Landwirts, nur daß ihre Einkommen lediglich vom

Ertrage ihrer Besitzung abhängen. Sie sind fast immer wahre

Arbeitssklaven, sehr häufig tüchtiger als die Männer, die nur zu oft dem

Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen

Proletarierinnen von ihnen abhängiger, als irgend eine Lohnarbeiterin

von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine ebenso

selbstverständliche angesehen, wie die der Instmannsfrau, und ihr

klingender Ertrag fließt allein in die Tasche des Familienoberhauptes.

Dies Verhältnis vollkommener Abhängigkeit drückt sich in der Picardie

noch heute dadurch aus, daß die Frau ihren Mann nicht anders nennt als

_mon maître_, und der Mann sein Weib in der Vendée nicht anders als

_ma créature_.[748]

Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt

sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der

eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die

Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines

persönlichen Verhältnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehört. Die

Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablösung ländlicher

Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an

Beschäftigung für die seßhaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung

schließlich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die

Wanderungen ländlicher Arbeiter überall begünstigt. Oft, wie z.B. in

Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen,

oft werden aber auch Ausländer, wie in Frankreich Belgier, in

Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und

russische Polen eingeführt. In größerem Umfange organisierte Wanderungen

finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre

Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und

führen sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit

der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei

der Arbeit hinter ihnen, denn häufig richtet sich ihr Lohn nach der

Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren

noch ganz besonders berüchtigt deshalb, weil fast ausschließlich Kinder

dazu angeworben, und, infolge ihrer völligen Wehrlosigkeit dem

Gangmeister gegenüber, auf das äußerste ausgenutzt und in ihren

Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das

System heute überwunden, ohne daß die Wanderungen deshalb aufgehört

haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengängerei den

größten Umfang angenommen.

Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rübenzuckerkultur in Sachsen

zu verdanken, die während bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher

Arbeitskräfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter

auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich

aus den östlichen Provinzen Preußens und bestehen großenteils aus jungen

Mädchen. Für das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezählt, die sich von

Brandenburg, Pommern, Westpreußen, Posen und Schlesien aus auf die

Wanderschaft begaben.[749] Auf sächsischen Gütern kommen auf 150 Männer

337 Mädchen.[750] Der normale Lohn für sie beträgt 1 Mk., während die

Männer durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es

kommen aber auch Löhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Außerdem wird

Wohnung, zum Teil auch Beköstigung,--natürlich bei niedrigeren

Lohnsätzen,--gewährt. Charakteristisch ist, daß der Unterschied zwischen

der Bewertung der Männer- und der Frauenarbeit sich bis auf die

Reisevergütung ausdehnt, die für Frauen ein Drittel weniger beträgt als

für Männer.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengängerin ist bei einer

Beschäftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf

424 Mk. geschätzt worden.[754] Das würde jedoch einem Tagesverdienst von

1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet

wird,--nur von den tüchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mädchen

erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine

Seltenheit. Trotzdem sind infolge äußerster Sparsamkeit und wahrhaft

trostloser Unterernährung fast alle Mädchen im stande, Ersparnisse zu

machen, die die Höhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Möglich ist das nur,

wenn die Wochenausgaben für die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht

übersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengängerinnen eine

starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die

Beköstigung geliefert. Die Lohnabzüge jedoch stehen zur Qualität und

Quantität der dafür gegebenen Nahrung in keinem Verhältnis; auf einem

Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers für die

Ernährung der Sachsengänger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem

anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall täglich 17, in dem

anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewiß das Ideal der Volksernährung

repräsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengänger in

ihre Heimat zurückzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder,

wenn diese nicht zureichen, von den Erträgnissen hausindustrieller

Thätigkeit zu leben pflegen. Mädchen, die nur 200 Mk. verdient haben,

also bei größter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurücklegen konnten,

wären natürlich nicht im stande, während 18 Wochen davon zu existieren,

wenn sie nicht bei ihren Angehörigen, die sie in der Regel dafür

entschädigen müssen, ein Unterkommen fänden. Bringen sie, wie es häufig

geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit

nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten

Sachsengängerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie muß

auch während der Winterwochen, die sie so dringend nötig hat, um sich

nach der übermäßigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen,

die, wenn sie überhaupt zu finden ist, nur kärglichen Lohn abwirft.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 31 / 47 题