6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.

Die Großindustrie.

Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die

Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine

Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines

Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu

gestalten.

Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine

Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die

Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält,

müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und

Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar

nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist

leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt

genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative

Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß

ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als

der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch

schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen

Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um

so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs

feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die

selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße

Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im

mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von

demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden

müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und

Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene

Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche

etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta

essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine

reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und

eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der

eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer

empfundene Entbehrung.

Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur

Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten

Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und

zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige

Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche

der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der

Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist

das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es

könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der

daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen,

wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur

Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf

ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes

kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig

beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die

Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen

Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch

das ist nur in gewissem Umfang möglich.

Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur

auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne

über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen.

Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist

ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die

deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von

Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr

häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine

große Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde für die

Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige

Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen

aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch

in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So

erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur

einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner

Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich

bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse

herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die

niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl.

für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn

angesehen wurde.[487] In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne

von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten

2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen

der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am häufigsten--250 frs.

festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie

Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60

frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen

eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt,

immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken

Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen

unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen

Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh.,

nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.[491] In

Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $

beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts

Seltenes.[492] Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über

Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht

gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen

Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller

Befragten,--antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht

erfaßt.

Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen

besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben,

wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen

könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur

bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich

z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren

die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die

weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar

schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten

40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für

die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer

3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall

einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde

festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten,

71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten

sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 %

Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach

einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit

17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit

35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich

schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter

folgendermaßen:[495]

|Grossbritannien|Massachusetts

|---------------+--------------

| Männer| Frauen|Männer| Frauen

--------------------------------------+-------+-------+------+-------

| $ | $ | $ | $

Durchschnittlicher höchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57

" niedrigster " | 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62

" Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09

Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir

sehen, der Unterschied zwischen Männer- und Frauenlöhnen ein

außerordentlich beträchtlicher. In all diesen Fällen fragt es sich nun

aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage

unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der

Löhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht

gerückt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner

Kontobuchindustrie stanzen Männer und Frauen Titel auf der

Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stück, die

Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen

Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12

bis 15 Mk.[496] Die männlichen Ketten- und Karabinermacher in der

Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von

26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die männlichen

Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im

besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die

Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrüchen in Nord-Amerika

verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre männlichen Kollegen 9 bis 18 $

für dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die

Arbeitsverrichtungen der Männer und Frauen läßt insofern noch keine

allgemeineren Schlüsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der

Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Löhnen zu

Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B.

langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger

Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr

geringerer Lohn durchaus erklärlich. Es muß daher Zeit- und Stücklohn

auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu

ermöglichen. Die umfangreiche französische Lohnstatistik liefert die

beste Grundlage für diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt

zunächst eine Uebersicht über die Lohnverhältnisse in solchen

Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie

aber nicht beherrscht:

| | Männer | Frauen

| Zeit |-----------------------+-----------------------

| oder-|Niedr.|Höchst| Durch- |Niedr.|Höchst| Durch-

Gewerbeart |Stück |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts-

| lohn-|lohn |lohn | Tagel. |lohn |lohn | Tagel.

----------------------+------+------+------+---------+------+------+---------

| |frs. |frs. | frs. |frs. |frs. | frs.

Papierfabrikation: | | | | | | |

Maschinenpapier- | | | | | | |

herstellung | Zeit |1,75 |2,50 | ---- |1,25 |1,50 | ----

Appreteur |Stück |1,50 |2,50 | 2,35 |0,75 |2,00 | 1,45

Kouvertfalzung | Zeit |1,50 |4,25 | 2,55 |2,00 |2,75 | 2,35

Lumpensortierer | " |1,50 |6,00 | 5,00 |2,00 |2,75 | 2,35

Zuschneider von | | | | | | |

Cigarettenpapier | " |3,50 |5,00 | 4,45 |1,75 |2,25 | 2,00

Kartonage: | | | | | | |

Lackierer | " |0,50 |6,50 | 5,00 |0,50 |3,00 | 2,00

Druckerei: | | | | | | |

Typographen | " |4,50 |5,00 | ---- |1,50 |2,00 | ----

Lithographen | " |3,00 |4,50 | ---- |1,75 |2,25 | ----

Setzer | " |1,75 |3,50 | 3,30 |1,00 |2,00 | 2,00

Gummischuhfabrikation:| | | | | | |

Zuschneider | " |2,00 |5,50 | 3,85 |2,00 |6,00 | 3,75

Montiere | " |2,00 |4,50 | 2,85 |1,50 |4,00 | 2,35

Sohlenarbeiter |Stück |4,25 |5,75 | 4,90 |2,50 |3,50 | 2,90

Lacklederfabrikation: | | | | | | |

Polierer | Zeit |3,75 |4,25 | 4,10 |2,00 |2,25 | 2,10

Stiefelfabrikation: | | | | | | |

Montierer |Stück |4,00 |6,00 | 4,75 |1,25 |2,25 | 1,50

Handschuhfabrikation: | | | | | | |

Dresseur | " |4,00 |5,00 | 4,25 |2,50 |4,00 | 3,25

Wir sehen zunächst daraus, daß sich in der niedrigsten Lohnstufe

vielfach nicht nur gleiche Löhne für Männer und Frauen, sondern sogar

zuweilen höhere Frauenlöhne vorfinden, in der höchsten dagegen

differieren sie zum größten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die

Statistik des vorigen Abschnitts hat über die Altersgliederung der

Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschluß gegeben und es hat sich dabei

herausgestellt, daß die stärkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts

an der proletarischen Arbeit in die jüngsten Jahrgänge fällt, mit

anderen Worten: zu einer Zeit, wo der männliche Arbeiter in seinem Fach

die höchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die

Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rücken gekehrt. Die Frauen

bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen

und können daher auch die höchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen

weiteren Beweis hierfür bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in

denen der höchste Lohnsatz der Männer von den Frauen fast erreicht, ja

sogar übertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh-

und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfächer

haben geübte, also ältere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche

weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung

entsprechend, ohne Berücksichtigung des Geschlechts. Noch schärfer

beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Löhne in solchen

Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe

dargestellt haben, und in denen die größte Mehrzahl der verheirateten,

also der älteren Frauen, beschäftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus

derselben Statistik ist besonders charakteristisch:

| | Männer | Frauen

|Zeit- |------------------------+------------------------

|oder |Niedr.|Höchst.|Durch- |Niedr.|Höchst.|Durch-

Gewerbearten |Stück-|Tage- |Tage- |schnittl.|Tage- |Tage- |schnittl.

|lohn |lohn |lohn |Tagel. |lohn |lohn |Tagel.

-------------------+------+------+-------+---------+------+-------+---------

| | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. | frs.

Leinenspinnerei: | | | | | | |

Spinner | Zeit | 2,00 | 2,50 | 2,25 | 2,00 | 2,25 | 2,15

Hanfweberei: | | | | | | |

Weber |Stück | 2,00 | 2,75 | 2,50 | 1,50 | 2,50 | 1,90

Weber | " | 2,25 | 2,75 | 2,50 | 1,25 | 1,75 | 1,50

Tuchfabrikation: | | | | | | |

Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85

Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | --

Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 1,75 | 2,40

Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35

Leinenweberei: | | | | | | |

Weber |Stück | 2,00 | 3,50 | 2,75 | 2,00 | 3,50 | 2,55

Netzstrickerei: | | | | | | |

Netzstricker | " | 2,75 | 4,00 | 2,75 | 1,75 | 2,00 | 1,75

Baumwollspinnerei: | | | | | | |

Kämmer | Zeit | 2,00 | 2,25 | 2,10 | 2,00 | 2,25 | 2,10

Knüpfer | " | 2,00 | 3,50 | 2,45 | 2,00 | 3,50 | 2,15

Spuler | " | 1,25 | 2,50 | 1,60 | 1,75 | 2,50 | 1,80

Haspler |Stück | 3,00 | 4,00 | 3,50 | 2,75 | 4,00 | 3,50

Spinner | " | 4,00 | 5,00 | -- | 1,50 | 2,75 | --

Spinner | " | 4,50 | 5,25 | 4,80 | 4,00 | 4,25 | 4,10

Packer | " | 1,50 | 1,75 | 1,75 | 1,50 | 2,75 | 2,00

Baumwollweberei: | | | | | | |

Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | 3,75 | --

Weber | " | 3,00 | 3,50 | -- | 2,00 | 2,75 | --

Weber | " | 3,00 | 3,75 | 3,25 | 2,75 | 3,75 | 2,60

Weber | " | 2,25 | 4,25 | 2,55 | 1,50 | 3,50 | 2,25

Weber | " | 1,50 | 3,25 | 2,20 | 1,50 | 3,25 | 2,20

Weber | " | 2,00 | 2,75 | 2,05 | 2,00 | 2,75 | 2,00

Weber | " | 2,00 | 2,25 | 2,05 | 2,00 | 2,50 | 2,20

Wollkämmerei: | | | | | | |

Kämmer | Zeit | 1,75 | 3,00 | 2,70 | 1,50 | 3,00 | 2,25

Wollweberei: | | | | | | |

Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | -- | 4,00

Weber | " | 3,50 | 5,00 | 4,00 | 2,75 | 3,75 | 3,05

Weber | " | 4,00 | 6,00 | 4,50 | 3,75 | 5,50 | 4,50

Tuchfabrikation: | | | | | | |

Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | --

Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85

Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 2,75 | 2,40

Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35

Färber | " | 2,25 | 3,50 | 2,40 | 1,50 | 2,25 | 1,60

Seidenweberei: | | | | | | |

Weber |Stück | -- | -- | 2,20 | -- | -- | 2,20

Weber | " | -- | -- | 3,00 | -- | -- | 3,00

Weber | " | 1,75 | 4,50 | 2,50 | 1,75 | 4,50 | 2,50

Weber | " | 1,50 | 4,00 | -- | 2,75 | 3,00 |

Weber | " | 1,50 | 3,50 | 1,75 | 1,50 | 2,50 | 1,65

Sammetweberei: | | | | | | |

Weber | Zeit | 2,50 | 3,50 | 3,10 | 2,50 | 3,50 | 3,00

Bandweber |Stück | 3,50 | 4,50 | 3,65 | 3,50 | 4,50 | 3,40

Mechanische | | | | | | |

Stickerei: | | | | | | |

Sticker | Zeit | 0,75 | 1,25 | 0,95 | 0,75 | 1,25 | 0,95

Sticker |Stück | 2,75 | 6,00 | -- | 1,50 | 1,75 | --

Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende

Gleichheit der Männer- und Frauenlöhne, aber es zeigt sich zu gleicher

Zeit, daß die Frauenlöhne nicht etwa auf der Höhe der Männerlöhne

stehen, sondern daß vielmehr die Männerlöhne eher die Tendenz haben, zum

Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik

wiederholt dasselbe Bild:[500]

| Durchschnitt- | Vorkommender

| licher |

| Wochenlohn | Wochenlohn

Gewerbeart |-----------------+-----------------

|Höchster|Niedrig-|Höchster|Niedrig-

| |ster | |ster

----------------------------+--------+--------+--------+--------

Männliche Maschinenstricker | 7,50 | 6,00 | 12,00 | 4,39

Weibliche " " | 7,00 | 5,20 | 13,87 | 3,15

Männliche Baumwollenweber | 5,91 | 5,11 | 10,20 | 2,20

Weibliche " " | 5,76 | 4,83 | 10,00 | 1,80

Männliche Flanellweber | 8,55 | 7,39 | 12,00 | 3,45

Weibliche " " | 7,00 | 5,60 | 9,99 | 3,41

Eine Zusammenstellung der Löhne besonders geschickter englischer

Baumwollweber beiderlei Geschlechts bestätigt unsere Auffassung

gleichfalls:[501]

Männer |Frauen |Männer |Frauen

-------+-------+-------+------

sh. | sh. | sh. | sh.

21,7 | 21,4 | 19,5 | 19,4

22,2 | 20,11 | 19,7 | 19,0

21,11 | 20,9 | 19,2 | 18,11

21,0 | 20,8 | 19,8 | 18,4

21,5 | 20,4 | 22,2 | 17,11

Ziehen wir zum Vergleich nur einige Löhne in ausschließlichen

Männerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau

nehmen wöchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der

Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen

verdienen zwischen 29 und 40 sh., während die Löhne der Baumwollweber

zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh.

schwanken.[502]

Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, daß Industrien mit hohen

Löhnen Monopole der Männer sind[503], aber nur deshalb, weil es sich

dabei um Arbeitsarten handelt, für die die Männer ihrer ganzen

körperlichen und geistigen Disposition nach hauptsächlich befähigt und

in der sie lange thätig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die

besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigen, denen die Frauen schon

gewissermaßen durch die Tradition angehören, weisen niedrige Lohnsätze

auf, und wo Männer und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie

zusammen nur wenig mehr, wie Männer in den Industrien verdienen, wo sie

allein arbeiten.[504]

Die Gründe für die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre

allgemeine lohndrückende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man

ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem

Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den männlichen und

weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den bürgerlichen

Berufssphären her gewohnt ist, Männer und Frauen als Lehrer,

Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte

in genau denselben Arbeitsgebieten thätig zu sehen, und annimmt, daß

dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatsächlich sind die

Verhältnisse hier ganz andere und in gewiß 9/10 industrieller Arbeiten

findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt.

Selbst in den Industrien, wo Männer und Frauen scheinbar mit völlig

gleicher Arbeit beschäftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der

Ausführung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die

weiblichen Setzer für 1000 Typen um 2 p. weniger als die männlichen,

weil sie nicht die vollständige Arbeit bewältigen können, sie bedürfen

zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Männer und können bei

schwereren Druckarbeiten nicht beschäftigt werden.[506] In der Londoner

Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der

Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stück Stoff, während Männer

zwei auf einmal schneiden können. In der englischen Töpferei füllen

Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der

Zeichnungen mit Farbe aus, während Männer die schwierigere Arbeit

machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wöchentlich nur

9000, Männer aber 13000 Stück.[508] In den Seidenwebereien Derbys

erreichen die Männer einen höheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur

einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Männer auch an

schwereren Webstühlen beschäftigt.[510] In italienischen Webereien, wo

sie an gleichen Stühlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger,

und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, daß

sie genötigt sind, auf das Muster zu sehen, während die Männer mehr nach

dem Gedächtnis arbeiten.[511] In der französischen Papier- und

Lederfabrikation, für die wir in der Tabelle [oben] beträchtliche

Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende

Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den

Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch

eine verschiedene für Männer und Frauen, als diese die kleineren und

jene die großen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer

Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mädchen die leichteren

Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513]

Die Niedrigkeit der Löhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem

wesentlichen Teil auf ihre Inferiorität in der Handfertigkeit und in der

Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantität, manchmal

in Bezug auf die Qualität äußert, zurückzuführen.

Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Löhne

für die außerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die für

gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier,

daß der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der

Männer. Ich brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge

technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer treten, z.B.

in der englischen Töpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit

machen, als früher die Arbeiter, oder an die Löhne in den speziellen

Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der

Höhe jeder männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese traurige

Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast daran verzweifeln

könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem

dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen

erfaßt sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern

sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur

Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umständen die

Verpflichtung, sich selbständig zu machen, sie findet vielfach in der

Familie noch einen Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran,

einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert

einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, daß die

Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe erreicht haben, wie

keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben

durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht

von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst

nimmt, wie der Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein

ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung

zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstände zu verdanken: sie

haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukämpfen, der die Masse der

Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist

nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit

weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der

bürgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen

Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschuß zum

Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle

diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen

ferner, die in den Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um

jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem

Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit

zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft festhalten.

In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die

verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu müssen.[514] Die

Vergnügungssucht, die Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen,

die häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen sich die

Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen Pflichten nachzugehen,--so

jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es

bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkräften. Erst auf Grund

einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die

Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt,

und es stellte sich übereinstimmend heraus[515], daß der weitaus größte

Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen

ist. Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder

eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch

von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen lebt, ist diese

Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig konstatiert worden; so hat sich die

Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen

für 71 % in Mainz für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 %

in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig für 97 %

aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber angestellt

wurden,--unbegreiflicherweise hat man versäumt, den Beamten dahingehende

allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, daß die Ehemänner

dieser Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder solche

Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie,

thätig sind, also ganz unzulängliche Einnahmen haben. Von 78

Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben

über den Verdienst der Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von

mir zusammengestellt wurden:

|Anteil der| Wochenlohn | Anteil | Wochenlohn

|Ehemänner | der |der Frauen| der

Bezirk | in | Ehemänner | in | Frauen

|Prozenten | |Prozenten |

--------------+----------+-------------------+----------+----------------

Danzig | -- | 10-20 Mk. | -- | 5-10 Mk.

| | | |

Elbing | 3 | unter 5 " | 47 | 7 "

| 25 | " 10 " | 53 | 10,76 "

| 71 | " 15 " | -- | --

| | | |

Berlin- | | durchschnittlich:| |

Charlottenburg| -- | 19,50 Mk. | -- | --

| | von 12-30 Mk. | |

| | | |

Oppeln | -- | 6,72-11 Mk. | -- | 3,60-7,51 Mk.

| | | |

Magdeburg | -- | -- | 25 | unter 7 Mk.

| | | 50 | 7-8 "

| | | 17 | über 9 "

| | | |

Erfurt | 75 | 9-17 Mk. | 50 | 3-7 "

| 25 | 17-20 " | 33 | 8-10 "

| | | 17 | 11-20 "

| | | |

Schleswig | -- |unter 20 " | -- | 7,5-12 "

| | | |

Hannover | -- | -- | 2 | unter 6 "

| | | 24 | 6-9 "

| | | 48 | 9-12 "

| | | 26 | über 12 "

| | | |

Aachen | -- | -- | 20 | 4-8 "

| | | 47 | 8-12 "

| | | 25 | 12-16 "

| | | 8 | über 16 "

| | | |

Oberbayern | 13 | nichts oder nicht | 4 | 6 "

| | ermittelt | |

| 6 | 9-12 Mk. | 38 | 6-9 Mk.

| 11 | 12-15 " | 44 | 9-12 "

| 51 | 15-20 " | 11 | 12-15 "

| 19 | 20 Mr. u. darüber | 3 | über 15 Mk.

| | | |

Oberpfalz u. | | | |

Regensb. | -- | 6-22 Mk. | -- | 6,60-9,50 Mk.

| | | |

| | Im Durchschnitt: | | Im Durchschnitt:

Mittelfranken | -- | 18,50 Mk. | -- | 8,50

| | | |

| | | | Im Durchschnitt:

Württemberg I | -- | -- | -- | 10,74 Mk.

| | | |

| | | | Im Durchschnitt:

" II| -- | -- | -- | 10,00 Mk.

| | | |

Darmstadt | -- | -- | 59 | 2-6 Mk.

| | | 35 | 6-10 "

| | | 6 | 10-18 "

| | | |

Gießen | 0,4 | nichts | -- | Im Durchschnitt:

| 10 | 4-10 Mk. | | 7,80 Mk.

| 76 | 12-16 Mk. | |

| 10 | 18-24 " | |

| | | |

Bremen | 19 | 9-13 " | 26 | 5-9 Mk.

| 24 | 13-15 " | 26 | 9-10 "

| 15 | 16-17 " | 41 | 10-12 "

| 34 | 18-20 | 4 | 12-14 "

| 8 | 21-30 " | 3 | 14-16 "

| | | |

Unterelsaß | -- | 10,80-16,80 Mk. | -- | 6-12 "

| | | |

| | Im Durchschnitt: | |

Oberelsaß | -- | 15 Mk. | -- | --

| | | |

Lothringen | 40 | 9-12 " | 13 | 3-6 Mk.

| 50 | 16-20 " | 71 | 7-12 "

| 10 | 22 Mk. u. darüber | 26 | 13-24 "

Nur in einem Bezirk,--in Gießen,--und auch hier nur für eine Industrie,

hat man eine Zusammenstellung der thatsächlichen Familieneinnahmen

gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen

mit ihren Männern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65

Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk.

durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr

starker Frauenbeteiligung.

Sehr häufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, daß es sich bei

den Ehemännern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde

und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrößten Teil für

sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernähren

ließen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die

moralische Entrüstung über das Verhalten der Gatten ein klein wenig

einzudämmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhältnismäßig hohe

Lebenshaltung gewöhnt, da sie den Lohn allein für sich verbrauchen

konnten, und es gehört ein Grad von Charakterstärke dazu, nach der

Heirat die Lebensbedürfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur

ernst angelegte Naturen fähig sein können. Aber auch dort, wo eine

direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in

die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen müssen die

Schulden für die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden;

ist das vorbei, so möchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen

zurücklegen können, was vom Verdienst des Mannes allein nicht möglich

ist; die Mütter--und zwar gerade die besten--möchten für ihre Kinder

etwas erübrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die über das tägliche

Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehört meiner Ansicht nach in

dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie

tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes

Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach

frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so

vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach

über dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmückt und

erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der

verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr für den Fortschritt ihrer

geistigen und seelischen Entwicklung, als für deren Niedergang. Ihre

Wirkung aber ist, wenn wir zunächst die auf die Löhne in Betracht

ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschäftigung

verheirateter Frauen sind nicht nur die Männerlöhne besonders niedrig,

auch die Löhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als

ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als

die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine

notwendige Ergänzung des männlichen Einkommens, Die Steigerung des

männlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, daß er nicht mehr

die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit

verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des

unzureichenden Einkommens der Männer und sie ist einer der Steine, die

den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zuständen im Wege

liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird

diese lohndrückende Tendenz dauernd verschärfen und zwar um so mehr, je

mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine

Ausnahmestellung, nicht nur ihren männlichen, sondern auch ihren

alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenüber einnehmen.

Eine Beurteilung der Lohnverhältnisse kann aber nur dann zu richtigen

Resultaten führen, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes,

andererseits die Bedürfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen

werden. Für beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das

vorhandene ist ungenügend. Im allgemeinen wird für die hier in Betracht

kommenden europäischen Staaten angenommen werden können, daß im Laufe

des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp.

verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die

Löhne der Arbeiterinnen in der Großindustrie sind in derselben Zeit

teils um ein Drittel, teils um die Hälfte gestiegen[518], die

Bedürfnisse dagegen, deren Wachstum sich natürlich zahlenmäßig nicht

feststellen läßt, haben im Verhältnis weit rascher zugenommen, obwohl

gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht

hat. Wenn schon bei dieser ganz äußerlichen Betrachtung ein Defizit

unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur

Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19.

Jahrhunderts,--das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den

weiblichen Arbeitern noch unverhältnismäßig stark war. Selbst den

günstigsten Fall angenommen, daß sowohl die Lebensbedürfnisse als die

Löhne um die Hälfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprüngliche

Mißverhältnis nicht nur unverändert bestehen, es steigert sich auch noch

infolge der erhöhten Bedürfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht

fallenden Thatsache, daß die industrielle Entwicklung den verschiedenen

Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrückt.

Die Maschine ermöglicht eine kolossale Produktivität in einem kurzen

Zeitraum und wirft eine große Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten

fieberhafter Thätigkeit für Wochen mitleidslos aufs Pflaster, während

andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die

Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mühsam

durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenüber.

Einige Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei,

daß im allgemeinen die Ernährung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen

ausmacht, was männliche dafür gebrauchen; gehen wir von dem

Beköstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro

Tag und Mann rechnet, so wären ca. achtzig Pfennige für arbeitende

Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß die

Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im großen für die

ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Beköstigung zu

bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich für ihr Geld schaffen kann.

Für eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete

gefordert, ein möbliertes Zimmer,--das sehnlichst erträumte Ideal all

der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fünfzehn bis zwanzig Mark zu

haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wöchentlich

für Kost und Wohnung ausgeben muß, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes

Zimmer, so muß sie allein zehn Mark für Logis und Ernährung ansetzen.

Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewöhnlichsten

Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Großstädten auf 8,70 Mk.[519] Es

blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernähren wollen

und nicht in der eigenen Familie wohnen können, ca. 78 Pf. wöchentlich

für alle übrigen Lebensbedürfnisse--Kleidung, Wäsche etc.

Inbegriffen--übrig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, daß die

Wocheneinnahme sich das ganze Jahr über gleich bleiben müßte, während

thatsächlich im günstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen

regelmäßigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine

ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis

sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten

Lohnsätzen angenommen werden kann, daß es sich meist um jugendliche

Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben,

wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele übrig, die

bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt

noch zahlreiche Unglückliche, die eine alte Mutter, oder ein armes

vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn

von neun bis zwölf Mark, dem üblichsten für deutsche Arbeiterinnen, und

einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe

angesehen werden muß,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen

170 Mk. für alle übrigen Ausgaben übrig bleiben,--lebt die Arbeiterin in

unaufhörlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustände

wiederholen sich überall, wo die Industrie, der große Eroberer,

eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat.

In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine

Erholung, kein Vergnügen gönnt, niemals krank wird und niemanden zu

unterstützen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens

verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Löhne von 1 fl. 80 kr.

bis 3 fl. noch immer häufig genug vor[520], während die arbeitslose Zeit

für sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden muß. Das

mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine

Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer täglichen

Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an

beginnt ein gesichertes Leben für die Alleinstehende[522], dabei gehören

Tagelöhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf

unfreiwillige Ferien muß sich jede Arbeiterin gefaßt machen.

Durch vier Auskunftsmittel,--eins fürchterlicher als das andere,--sucht

die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit,

Unterernährung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird

dadurch möglich, daß sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit

nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende

Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt,

zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten,

Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als

nötig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die

Unterernährung aussieht, dafür giebt es Beispiele genug. Eine

Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann höchstens 40 bis 50

Pf. für ihre tägliche Beköstigung ausgeben,[523] Sie lebt von

Cichorienbrühe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser

Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemüse, das, wenn überhaupt,

in minimalen Quantitäten genossen wird, ist meist von so schlechter

Qualität, daß von einem genügenden Nährwert gar nicht die Rede sein

kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen

Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu können. So

genießen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages

Kaffee und Brot und abends ein Stück Wurst; sie verderben sich den

Magen, wenn sie einmal kräftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um

für die an sich schon mangelhafte Ernährung noch vollends den Appetit zu

verderben, ja sie gradezu widerlich und gefährlich zu machen, kommt der

Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen

Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen

wird, auf Höfen und Treppen ist der "Eßsaal" der meisten

Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen

angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen

in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die

Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Möglichkeit,

sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend

anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch

nur selten in ausreichendem Maße gegeben, und so schlucken die armen

Geschöpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime

in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemütliche Eßzimmer des

Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem

frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf

deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder

einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer

Wurst, bei deren näherer Untersuchung wir schaudern würden, belegtes

Brot verzehren, müßte allein genügen, um das Verbrecherische der

herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen.

Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft

gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein

eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin

gezählt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum

untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben

Zimmer. In einer großen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in

Berlin gezählt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und

Schlafmädchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch

ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunksüchtigen Mann, einer

schwindsüchtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmädchen.[528] Am

günstigsten ist es noch für sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmädchen

zusammen schlafen, sehr häufig aber müssen sie ihr Lager mit den Kindern

ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien

hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhältnisse sogar ergeben,

daß jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett

angewiesen waren![529] Nicht nur, daß die Arbeiter nur zu oft weniger

Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages

Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie

sich ausruhen und erholen können! Ja, das arme Schlafmädchen hat außer

den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags

über ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Küche, Kinderstube, in

dem für sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben,

so kommt es auch, daß das Elend des Schlafstellenwesens sich zum

Grauenhaften steigern kann: die Mädchen bringen schließlich von ihren

zuerst erzwungenen, später freiwilligen abendlichen Vergnügungen ihre

Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die

intimsten Dinge täglich vor aller Augen zu verrichten, längst aller

Scham entblößt, ungestört durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder,

mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt

Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die

ehelichen übertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein

Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schließliche

Heirat selbstverständlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, daß ein

Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verläßt, er

würde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie

oft aber fällt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet

keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft,

sie muß sich den Lüsten der Werkführer, häufig auch der des Chefs selber

fügen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nächsten

Geschäftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes

freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in

gleichförmiger öder Farblosigkeit verfließt, prädestiniert sie noch

dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach;

nicht bloß der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber

unterstützen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren,

der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin

eine furchtbare Grausamkeit, daß das bißchen Lebensfreude,--oft besteht

es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fähnchen und reichlichen

Mahlzeiten,--von den Proletariermädchen so häufig nur durch Schande

erkauft werden kann?!

Ein Fabrikmädchen! Naserümpfend hört man es oft sagen. Für die Leute,

die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr

eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an

körperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe

von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrückt, wie viel

heldenmütige Entsagung, von der nur manche stillen, früh gealterten

Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglück

ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine

Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwächst.

Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die

verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der

Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor für die physische

und geistige Entwicklungsmöglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht

werden muß, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die

Frauen in der Großindustrie genießen fast überall den Vorzug, daß die

Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Für sie

besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstündige

Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis

aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner

Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der

mangelhaften Kontrolle leicht mögliche Uebertretung der gesetzlichen

Vorschriften vielfach überschritten. Nach den deutschen

Gewerbeaufsichtsberichten für 1899 wurden für rund 184000 Arbeiterinnen

nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535]

Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten

überhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, würden diese Zahl gewiß mehr

als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast

illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den

Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die

Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu

erhöhen. Auf diese Weise verlängert sich die Arbeitszeit ins

ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernährung untergraben

diese Verhältnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres

Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Körper des Weibes sich zu

seiner schönsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch

geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und

gesunde Nahrung gestählt werden müßte, wird er dazu verdammt, mindestens

zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu

sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichförmige, nur bestimmte

Muskeln ausbildende Bewegung auszuführen. Die Bleichsucht, mit ihrem

Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und

geistiger Depression, Verkrümmung des Rückgrats und der Beine u. dergl.

mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den

Proletariermädchen.[536]

In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine

große Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze

des gesetzlich Zulässigen ermöglichen, tritt die Tendenz der

freiwilligen Verkürzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch für

einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu

Gute. Für Frankreich und England läßt sich die gleiche Entwicklung

verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche

Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist häufig, selbst bei

geringerer Leistungsfähigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise

Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlängerung der

Arbeitszeit dürfte daher immer noch viel häufiger vorkommen, als ihre

Verkürzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer

stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidaritätsgefühl

sich zusammendrängen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp.

Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit

dem männlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit

der Berufsarbeit nicht die Arbeit überhaupt, die auszuführen ihnen

obliegt, erledigt haben. Nicht nur, daß es Arbeiterinnen giebt, die, um

einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den

Kindern, oder, wie es häufig vorkommt, in irgend einem Zweige der

Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig

ist,--für fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die

Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverständliches. So wird

der zehn- oder elfstündige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und

mehrstündigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und

Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hält auch die ärmste

Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille gürtet, in den

Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem möglichst modernen Kleid,

womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich häufig all ihre

Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bißchen kräftige

Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gönnen könnte. Engherzige

Puritaner schlagen wohl über die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hände

über dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mädchen der

wohlhabenden Bevölkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger

Genugthuung zuerkennt, soll für sie durchaus keine Geltung haben. Und

dabei bedenkt man nicht einmal, daß der Proletarierin für andere

Genüsse, für deren Verständnis man die bürgerliche Jugend von früh an

erzieht, die Aufnahmefähigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und

Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig

erreichbare Lebensfreude.

Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafür, daß sie nicht

üppig ins Kraut schießt, und die traurigen sanitären Verhältnisse in

Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frühzeitig das Sonnenlicht, in

dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in günstigerer

Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher

überall eine stärkere Empfänglichkeit für die Schädlichkeiten gewisser

Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe,

die sie einatmet, wirken stärker auf sie, als auf den Mann[538], auch

Betriebsunfällen ist sie in höherem Maße ausgesetzt. Die Gründe dafür

sind vielfach rein äußerlicher Natur: In den langen Kleidern und den

leider immer noch üblichen vielen Unterröcken, in den unbedeckten

langen Haaren können sich unendlich mehr jener schädlichen

Fremdkörperchen festsetzen, als bei den Männern. Ein Wechseln der

Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, daß die Arbeiterin

nur einen Arbeitsanzug hat, häufig aber wird es unterlassen, weil es an

einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter

Vorhang von dem der Männer, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem

selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen muß, gar nicht

hinhängen mag. Aus ähnlichen Gründen unterdrückt sie nur zu oft zum

Schaden ihrer Gesundheit natürliche Funktionen ihres Körpers, weil das

Kloset teils unverschließbar in nächster Nähe des von den Männern

benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich

befindet.

Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschäftigt sind, bringen

besondere Gefahren für Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir

zunächst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine

Spinnerei: Mit heißem Wasserdampf ist die Luft gesättigt, auf dem

Steinboden steht das Wasser, ein ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem

Spinnwasser, das die Abfälle und leimigen Substanzen des Gespinstes

aufnimmt. Mit Händen und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der

unreinen, klebrigen Flüssigkeit; eiternde Geschwüre an Händen und Armen,

schwere Augenentzündungen stellen sich infolgedessen häufig ein. Mit

bloßen Füßen steht sie auf dauernd nassem Boden, ungenügend bekleidet

vertauscht sie dann den Aufenthalt im glühenden Arbeitsraum womöglich

mit der Winterkälte draußen,--rheumatische Krankheiten,

Unterleibsentzündungen sind die Folge.[539] Dauernder Druck auf

besonders empfindliche Teile führen zu frühzeitigen Erkrankungen der

Geschlechtsorgane.[540] In kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher

Wolle fauliger Urin verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfüllt

daher die Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Händen der

Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff gebraucht,

treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur völligen geistigen

Umnachtung führen können.[541] In den Wollkämmereien herrschen tropische

Glut und ekelerregende Ausdünstungen; die Gasräume der Seidenfabriken

wetteifern mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die

Arbeiterinnen durch das Ausströmen des Gases.[542] Die Fabrikation von

Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd furchtbarer

Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die Kunstwolle gemacht

wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, Infektionskrankheiten schlimmster

Art, chronische Bronchialkatarrhe überfallen heimtückisch die

Arbeiterinnen, die sogenannte Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber

beginnt und im Starrkrampf endet, tötet sie in wenigen Tagen. Das

Sortieren der Abfälle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter:

findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter![543] Mit

wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien am

Webstuhl, bis die Kraft sie verläßt[544]; zerstörend wirkt das Blei, das

in gefärbter Baumwolle sich meist befindet, auf die Weberinnen, und

stärker noch auf die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt

es gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie

Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird

Bleiweiß dazu verwandt, ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit; den

Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen "Händen" die Arbeit entsinkt,

er findet Ersatz genug! In Webereien, in der Fabrikation von Kartons und

buntem Papier und künstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der

Fabrikation eiserner Bettstellen strömt das Gift in die Atmungsorgane,

in die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim getragen;

ja es kommt vor, daß sie es mit dem Essen zu sich nimmt, weil kein

anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafür zur Verfügung steht.[545]

Koliken, Magenerkrankungen, Kopfleiden sind die Folge. In den

Bleiweißfabriken erreichen diese Leiden den höchsten Grad: epileptische

Krämpfe, Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des

letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode

führen kann.[546] Der Schwefelkohlenstoff in der Kautschukfabrikation

führt zu ähnlichen Erscheinungen, nur mit der Variation, daß Lähmungen

der Geschlechtsorgane schließlich hinzutreten können.[547]

Eine große Zahl von Frauen beschäftigt, wie wir gesehen haben, die

Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am schlechtesten bezahlten und

die schwächsten von allen. Schon nach den ersten sechs Monaten der

Beschäftigung erkranken von 100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei

den jüngeren Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und

Magenleiden und Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.[548] Wie dies

Gift den Körper von innen zerstört, zerstört das Phosphor in der

Zündholzfabrikation ihn von außen: zu einer grauenhaften Maske wird das

Antlitz der Frau durch die Kiefernekrose, die zuerst die Zähne und dann

den Kiefer zerfrißt.[549]

Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die Anämie, ergreift

männliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum

sich auf der Oberfläche von Ringöfenanlagen befindet, aus denen

unaufhörlich giftige Dämpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter,

besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, füllt sich durch

Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit förmlichen Steinen,

schwärzliche Steine bilden den Auswurf.[550] Kein Leiden aber erreicht

das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon wird ihr Gesicht

aschfahl, die Augen trüb, der Gang schwankend, wie der eines

Rückenmarkleidenden. Bei dem Anblick eines Fremden überfällt sie

konvulsivisches Zittern; das kärgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu

führen, die Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise

nehmen die Geistesfähigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem Blödsinn.

Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der Speichelfluß macht ihren Anblick

widerlich und vor dem Hauch ihres Mundes prallt man zurück.[551]

Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Körperkraft. Dem

"schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu

Boden werfen. In Steinbrüchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei

Bauten schleppen oder schieben sie schwerbeladene Tröge und Schubkarren;

in Zuckerfabriken tragen sie täglich während zehn Stunden bis zu 800 je

16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.[552] In den

Spinnereien und Webereien stehen sie oft während elf und zwölf Stunden;

geschwollene Füße, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen

davon.

Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die Maschinennäherei! In

gebückter Stellung sitzen die Armen an ihrer rasselnden Tyrannin,

unausgesetzt bewegen sich die Beine auf und nieder. Junge und Alte,

Kranke und Gesunde--alle glauben sich fähig zu dieser mörderlichen

Arbeit, die schließlich auch die stärkste Konstitution untergräbt. Ein

Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich beschäftige nur Mädchen von sechzehn

bis achtzehn Jahren an der Nähmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind

sie reif für's Hospiz."[553] Und er hat nicht übertrieben. Die

Bleichsucht in all ihren Stadien, Unterleibsleiden, Lageveränderungen

der Gebärmutter, die eine Mutterschaft fast unmöglich machen,

neurasthenische Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als böse

Gäste.[554] Wohl hat die Technik, wie überall so auch hier, ein Mittel

zur Hilfe geschaffen: statt durch die Füße der Näherinnen kann die

Maschine durch Dampf oder Elektrizität in Bewegung gesetzt werden, aber

die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit derselben

Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwärts gepeitschte

Menschenkraft die Räder, als die motorische Kraft es thun würde, und

der Profit ist der einzige ausschlaggebende Faktor.

Furchtbarer als Dantes Hölle ist diese Welt der Arbeit, bevölkert mit

bleichen Gestalten, die sich auf wunden Füßen nur schwer fortbewegen,

deren Hände, aus denen Behaglichkeit, Wärme, Schönheit, Nahrung,

Kleidung für die glücklicheren Menschen hervorgehen, bluten und

schwären, deren Rücken gekrümmt, deren Glieder zerfressen sind von

Giften, aus deren irren Blicken oft der Wahnsinn starrt. Und doch fehlt

zur Vollendung des Bildes noch eins: dichte Wolken von Staub umhüllen

die Gestalten,--Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und

Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet sich

vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das in den

Proletariervierteln sein Wesen treibt: der Lungenschwindsucht. Wer kann

sagen, in welchem Industriezweig es am meisten zu Hause ist: bei den

Textilarbeitern, bei den Tabakarbeitern, bei den Töpfern?! Es herrscht

überall, wo die Jagd nach Gewinn rücksichtslos über Menschenleichen

dahinbraust!

Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns vorüberzog? O

ja; und es findet sich dort, wo es die Frau nicht mehr allein, sondern

durch sie auch ihre Kinder trifft. Das Mädchen träumt noch von der

Zukunft; es glaubt, die Ehe wird sie aus dem Arbeitsjoch erlösen, darum

bringt es seinem Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der

Mann ihm entgegenbringt, für den er zum ausschließlichen Lebensberuf

werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf Befreiung. Und

ihre Not verschärft sich ins unerträgliche durch den Anblick der Not

ihrer Kinder. Wie häufig hört man angesichts des Elends sagen: Die Leute

sinds nicht anders gewöhnt, sie spüren es nicht. So richtig es nun auch

sein mag, daß die im Elend Geborenen nicht die Empfindung dafür haben,

wie die, welche erst hineingestoßen wurden, so falsch ist es, daß irgend

eine Mutter in der Welt, und wäre es die allerärmste, sich jemals an das

Leid ihrer Kinder gewöhnen wird. Kinderleid ist das größte auf Erden,

weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft.

Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau und

zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre die

notwendigsten Bedürfnisse decken.[555] Eine auskömmliche Lebenshaltung,

bei der aber von einer Befriedigung höherer Bedürfnisse,--Kunst,

Theater, Natur,--auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann,

ist erst mit einer jährlichen Einnahme von 2000 Mk. möglich.[556] Es

müßte demnach für den ersten Fall eine tägliche Einnahme,--ohne

Unterbrechung!--von fünf Mark, im zweiten eine von fast sieben Mark

gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefällen die Rede sein kann,

lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. Aeußerst selten nur erreicht

der Mann allein solch einen Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der

Frau, die sich, nach diesem Maßstab gemessen, als unbedingt notwendig

erweist, kann ihn nicht gewährleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk.

gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind vollständig

unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. sind es, sobald mehr als

zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt geradezu wie Wahnsinn, und doch

ist es Thatsache: je mehr Kinder die Familie besitzt, je mehr also die

Mutter zu Hause nötig ist, desto notwendiger muß sie in die Fabrik. Und

doch kann sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaßen

behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der Häuserwucher

verschlingt zum großen Teil, was sie erwirbt, und läßt ihr dafür eine

elende Behausung, die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre

1880 wurde in deutschen Großstädten eine erschreckende Zahl

übervölkerter Wohnungen konstatiert[557]; die Untersuchungen des Vereins

für Sozialpolitik deckten entsetzliche Zustände auf, die vielleicht nur

noch von denen in Wien übertroffen wurden.[558] Hier wurde z.B. ein

Zimmer mit Küche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten

bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem Sofa

teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem Flur hauste

ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 qm Bodenfläche,

fand sich eine siebenköpfige Familie! Parterrewohnungen in

Hinterhäusern, die mit dem engen Hofe auf gleicher Höhe liegen, im

Sommer heiße, im Winter eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem

heizbaren Raum, oder ganz ohne Küche, sogenannte Kochstuben, als

einzigen Raum[559],--das sind die Wohnungen, in denen das Familienleben

der Arbeiter sich abspielen und gedeihen soll! Und doch sind auch diese

vielfach noch unerschwingbar für ihren schwindsüchtigen Beutel. In

Nürnberg kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in

den größten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, im

Dachgeschoß 4,15 Mk.[560] In den Fabrikstädten Nordböhmens kostet ein

cbm Luftraum jährlich nur um eine Kleinigkeit weniger, als in den

Palästen der Wiener Ringstraße.[561] Nach einer Zusammenstellung des

Gewerbeaufsichtsbeamten für Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die Summe,

die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu verausgaben

hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er müßte bis zu 57 Tagen

arbeiten, um allein den Mietspreis zu verdienen, während für die

begüterten Schichten der Bevölkerung die Ausgabe für Wohnungsmiete im

allgemeinen mit zehn bis höchstens zwanzig Prozent des Einkommens

angesetzt wird.[562] Die Armen haben also für ihre elende Wohnung

relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und sind daher gezwungen, sie

mit Fremden, Aftermietern und Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht

nur ohne Luft und Licht aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der

moralischen Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn

die Hausfrau in die Fabrik gehen muß. Am frühen Morgen, häufig ehe die

Kinder erwachen, muß sie zur Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis

einundeinhalbstündige Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich

gewährleistet wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und

niemals um, wie die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu

besorgen. Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen

aufgewärmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen brodelnde

auf den Tisch gestellt, in beiden Fällen ist aus den an sich schon

minderwertigen Speisen der Nährwert entflohen. Am häufigsten begnügt

sich die ganze Familie bis zur Heimkehr der Mutter am Abend mit

Butterbrot und Kaffee, dann erst bereitet die übermüdete Frau die

Hauptmahlzeit, dann erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstündiger

Arbeit, beginnt ihre häusliche Thätigkeit. Sie näht und flickt und

wäscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so daß ihr kaum fünf

Stunden zum Schlafen übrig bleiben. Vorzeitiges Altern, geistige und

körperliche Erschöpfung sind die Folgen. Oder sie kümmert sich um nichts

mehr, wenn die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgültig gemacht

hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen diesen

beiden Wegen allein hat sie zu wählen! Wie oft sie den ersten wählt,

dafür spricht die Bewunderung, mit der die gewiß wenig enthusiastischen

deutschen Fabrikinspektoren von der Willensstärke, dem Opfermut und der

unermüdlichen Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.[563]

Aber selbst mit der Hingabe ihrer Kräfte können sie dem Haushalt nicht

die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter ersetzen.

Eine gründliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen giebt es

leider nicht. Die deutschen Erhebungen der Gewerbeaufsichtsbeamten für

das Jahr 1899 sind nach dieser Richtung völlig ungenügend. Nur in

siebzehn Bezirken von 78 wurden Untersuchungen darüber angestellt, und

auch hier handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen

aber immerhin genügendes Licht in dieses dunkle Bereich des

Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine Zusammenstellung

aller Ergebnisse:

|Anzahl |Von diesen| Von den Kindern waren

Bezirk |der be-| Frauen |---------------------------------

|fragten| hatten |noch nicht| schul- | schul-

|Frauen | Kinder | schul- |pflichtig |entlassen

| | |pflichtig | |

| | | | | | | | |

| |absolut|% |absolut|% |absolut| % |absolut| %

---------------+-------+-------+--+-------+--+-------+---+-------+--

Oppeln | -- | 1057 |--| 765 |35| 886 | 41| 509 |24

Magdeburg | 2680 | 1858 |70| 1283 |31| 1878 | 45| 996 |24

Minden | 1120 | 701 |63| 703 |46| 804 | 54| -- |--

| | | |`------v-------------´| |

Aachen | 2412 | 1576 |65| 2859 |82| | | 643 |18

Sigmaringen | 56 | 29 |52| 37 |55| 21 | 31| 9 |14

Anhalt | -- | 805 |--| 511 |28| 742 | 41| 577 |31

Bremen | 541 | 411 |76| 428 |41| 628 | 59| -- |--

Württemberg III| 175 | 147 |84| 154 |47| 77 | 23| 97 |30

| | | |`---------------v---------------´

Darmstadt | 848 | 522 |62| | | 1513 | | |

Offenbach | 843 | 568 |67| -- |--| -- | --| -- |--

Gießen | 510 | 420 |82| 318 |32| 352 | 35| 328 |33

Oberbayern | 641 | 347 |54| 1231 |54| 844 | 37| 188 | 9

| | | |`----------------v--------------´

Niederbayern | 329 | 232 |74| | | 690 | | |

| | | |`----------------v--------------´

Pfalz | 1978 | 1348 |70| | | 3208 | | |

Oberpfalz | 213 | 165 |77| 143 |37| 154 | 39| 93 |24

| | | |`----------------v--------------´

Unterpfalz | 388 | 272 |70| | | 578 | | |

| | | |`----------------v--------------´

Zittau | 4494 | 2523 |56| | | 4484 | | |

Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, daß 65 % aller Frauen Kinder

haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, darunter 90 Kinder

unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im allgemeinen 201 Kinder,

die noch nicht der Schule entwachsen sind. Legen wir denselben Maßstab

an sämtliche verheiratete Arbeiterinnen an, wie die deutsche

Berufszählung von 1895 sie zählte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 %

aller verheirateten Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch

zu Hause sind. Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil

die ledigen Mütter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. Es

dürfte wohl kaum übertrieben sein, wenn wir sagen, daß etwa eine halbe

Million Kinder unter 14 Jahren in Deutschland Arbeiterinnen zu Müttern

haben, also so gut wie mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit

beginnt schon in der allerersten Lebenszeit der Säuglinge: Kaum vier

Wochen nach der Geburt muß die Mutter wieder zur Arbeit zurück, ja wo

die Not groß ist, versucht sie noch viel früher etwas zu verdienen,

indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch verschlossen sind,

durch Waschen, Nähen oder Reinemachen das Nötigste zum Leben zu schaffen

versucht. Die Nahrung, die eine gütige Natur dem mütterlichen Weibe für

das hilflose kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt;

noch häufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte Ernährung

während der Entwicklungsjahre des Mädchens und während der

Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung treten lassen. Statt dessen

wurde im Mutterleibe schon das Kind vergiftet; man hat im Fruchtwasser,

wie im Fötus all diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und

durch die Poren in den Körper der Arbeiterin eindringen: Blei,

Quecksilber, Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; häufig schädigen sie

sogar die Frucht mehr als die Mutter[564], und für die Erblichkeit der

Tuberkulose, jener eigentlichen Proletarierkrankheit, spricht deutlicher

als das Urteil medizinischer Autoritäten ein Blick auf die Kinder in den

Proletariervierteln.

Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der Säuglinge, ist die

Folge der ursprünglichen Infizierung und der Entziehung der Muttermilch.

Nur sieben von tausend mit Muttermilch genährten Kindern pflegen im

ersten Lebensjahr zu sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten

genährten dagegen 125, und zu ihnen gehören die meisten Arbeiterkinder.

Nur 8 % der Kinder der höheren Stände sterben im ersten Lebensjahr, für

die Kinder des Proletariats steigt die Sterbeziffer bis auf 30 %[565] Im

reichsten Wiener Stadtviertel kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr

auf 870 Bewohner, im Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im

wohlhabenden Viertel der Berliner Friedrichstadt starben von 1000

Säuglingen 148, im armen des Wedding 346.[566] In den Fabrikbezirken am

Niederrhein starb die Hälfte der Arbeiterkinder im ersten

Lebensjahr[567]; die verheirateten Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts

verloren 23 % ihrer Kinder im gleichen Alter.[568] Wie sehr die

Säuglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im Zusammenhang

steht, geht aus seinem Wachstum in den Industriezentren hervor. In

Berlin ist sie während eines vierjährigen Zeitraumes fast um das

Doppelte[569], in Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899

gestiegen.[570] Die Beschäftigungsarten der Mütter sind dabei von

größtem Einfluß In Bezirken der englischen Textilindustrie starben von

100 22, in denen der deutschen 38 Säuglinge im ersten Lebensjahr.[571]

Von 100 Kindern der Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger

als 48 im Säuglingsalter.[572] Der höchste Prozentsatz der

Säuglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der

Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen sind

dem Tode verfallen[573], noch viel mehr erblicken gar nicht das Licht

der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, daß Frauen, welche Kinder haben

wollen und sich schwanger fühlen, die Tabakfabrik verlassen, während

schwangere Mädchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von

Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie

meist gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod

aus den Brüsten der Mütter, deren Milch von Nikotin durchsetzt ist.[574]

Dabei beschäftigt die Tabakindustrie nächst der Textilindustrie die

meisten Frauen! Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen

Kinder lebendig zur Welt. So war ein Fürther Spiegelbeleger dreimal mit

Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein einziges

lebte und auch die Mütter starben sämtlich an der Auszehrung.[575] In

einem anderen Fall hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht

Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fünf

Monaten starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in

Plättereien, Glasbläsereien u.s.w., auf das keimende Leben. Wo es nicht

geschieht, wächst ein skrophulöses, rachitisches, schwachsinniges Kind

heran.[576] So werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben

unschuldiger Kinder geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die

Gefahren, die sie bedrohen, nicht geringer. Die Straße ist ihr

Spielplatz, ihre Erziehungsanstalt; daß sie, besonders in den

Großstädten, keinen günstigen Einfluß übt, daß der physische und

moralische Schmutz, den sie vielfach ausströmt, an den Kindern hängen

bleiben kann, bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen

Gefahren gegenüber nicht blind. Sie möchte ihre Kinder davor behüten und

kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie schließt die Kinder

bis zu ihrer Rückkehr im Zimmer ein, sie bindet sie im Bettchen fest,

sie wird grausam aus lauter ängstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann

kommt es zu jenen schrecklichen Unglücksfällen, von denen die Zeitungen

so häufig berichten, und denen gegenüber der behäbige Bürger nicht genug

über die "Roheit" der proletarischen Mütter zetern kann. Die armen

Kleinen kommen dem Ofen zu nahe und verbrennen, sie greifen in das

Waschfaß, verlieren das Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum

Fenster, um doch wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu

vertreiben--Spielzeug, das sie beschäftigen könnte, haben sie ja

nicht--und stürzen kopfüber auf den Hof, sie verwickeln sich im Bettchen

und die Mutter findet, heimkehrend, ihr Jüngstes erstickt unter dem

Kissen.

Neben all diesen äußeren und inneren Gefahren, die die Kinder der

Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, giebt es aber noch

andere, denen sie unterworfen sind, wenn die Mutter heimkehrt. Sie hat

auch dann keine Zeit für ihre Kinder. Einen erzieherischen Einfluß auf

sie kann sie nur in oberflächlichster Weise ausüben. Sie hat keine Ruhe,

um ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der

unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist durch

den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so hat sie

ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfüllen und begeistern

könnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon eine gute Mutter, wenn

sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen ausreichend zu essen gab und

sie nicht betteln schickte. Aber eine Freundin der heranwachsenden

Kinder hat sie nur in seltenen Fällen zu werden vermocht. Und doch

beruht gerade auf dem geistigen und sittlichen Einfluß der Mutter ein

gut Teil der Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in

Herz und Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm völlig verwehen,

aus ihm wächst häufig der starke Baum empor, der dem erwachsenen

Menschen den einzigen Schutz gewährt. So wird die Ueberlastung der

Mutter zum Fluch für die Kinder und für die Gesellschaft, deren Glieder

sie sind, deren gute und schlechte Entwicklung mit von ihnen abhängt.

Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu leiden:

sie hat auch für ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, die sie daheim

verbringt, muß sie der Haushaltung und den Kindern widmen. Ist die

Arbeit gethan, so sinkt sie müde aufs Bett, unfähig, an anderen Dingen

teil zu nehmen als an den täglichen, sie umdrängenden Sorgen. So wird

sie oft dem Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht

und sie bekämpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen kosten.

Gelangweilt, verärgert, von der unordentlichen Wirtschaft und dem

schlechten Essen angewidert, sucht so mancher seine Zuflucht mehr und

mehr in der Kneipe und im Alkoholgenuß.

Für die Frau persönlich bedeutet die Ueberlastung mit Arbeit den

körperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, daß sie unnatürlich früh

altert--seht doch die Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig

Jahren schon alte Frauen!--sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen

Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe gönnen, auch

wenn sie der Ruhe bedürftig ist, darum stellen sich Leiden aller Art bei

ihr ein, die entweder ihr ganzes Leben vergiften, sie arbeitsunfähig

machen oder einem frühen Tode entgegenführen.

So hart wie ihren Körper trifft die Ueberlastung ihren Geist. Ihm, dem

schon die Volksschule nur die allernotdürftigste Nahrung zuführte,

vermag sie noch weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle

des Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch

die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt an den

Fragen des öffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit dazu, sich satt

zu trinken.

Je mehr die Frau in die Großindustrie eindringt, desto mehr werden sich

all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und vergrößern, die wir

geschildert haben.

Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit stützen wird,

desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die beide auf dem Wege der

Emanzipation des Weibes liegen: die lohndrückende und die

arbeitszeitverkürzende Tendenz ihrer Arbeit. Unter Lohndrückung verstehe

ich hier die Hemmung einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich

entwickeln würde, wenn der Mann der alleinige Ernährer der Familie

bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto näher rückt das

weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner Befreiung, der

ökonomischen Selbständigkeit. Daß tiefgehende Umwandlungen sowohl des

Familien- und häuslichen, als des öffentlichen Lebens damit in

Verbindung stehen werden, beweist nur nochmals, welche revolutionierende

Macht der Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem

Gebiete der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz

war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der

Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei zeigt

sich aber, daß sie notwendig auch die Regelung der männlichen

Arbeitszeit nach sich ziehen muß. In allen Industrien, wo Männer und

Frauen beschäftigt werden, regelt sich schon jetzt die männliche

Arbeitszeit nach der der Frauen, weil anderenfalls Betriebsstörungen

eintreten würden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird

zunächst für die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der geradezu

völkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, eintreten müssen und wieder

auf die Männer zurückwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich

dann als notwendig erweisen, da es aber an männlichen Arbeitskräften

mangelt, wird Platz geschaffen für die in immer stärkerem Maße

arbeitsuchenden Frauen. Und ganz allmählich wird die befreiende Macht

der Arbeit auch an ihnen zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon

treten heute schon hervor: es entwickelt sich gerade aus der

Arbeiterschaft heraus ein Geschlecht thatkräftiger, geistig und

materiell selbständiger Frauen, die beginnen, über den engen Kreis ihrer

Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spüren, die bisher fast

nur zu stumpfer Resignation geführt haben, und an ihrer Lösung

mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis der eigenen Lage ist das

erste Mittel, sich aus ihr zu befreien.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 30 / 47 题