Nachstehende Tabelle bringt einen noch stärkeren Beweis dafür:[481]

|Land |Zählungs-|Von 100

Industriezweige | | jahr |Arbeiterinnen

| | |waren

| | |verheiratet

| | |

--------------------+-------------------------+---------+-------------

|Massachusetts | 1885 | 14,9

|Lancashire and Cheshire | 1894 | 22,2

|Burnley | | 30,3

|Blackburn | | 29,4

Baumwollindustrie |Stockport | | 26,3

|Oldham | | 23,2

|Bolton | | 12,6

|Wigan | | 5,7

--------------------+-------------------------+---------+-------------

|Massachusetts | 1885 | 14,6

|England | 1894 | 24,5

Streichgarnindustrie|Gloucestershire und | |

| Somersetshire | 1894 | 37,4

|Sächsische Bezirke | |

| Krimmitschau und Werdau| 1892 | 31,3

Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je

nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der

deutschen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.[482] Danach verteilen

sich die Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in

folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:

|Verheiratete |Von 100

|Arbeiterinnen|verheirateten

Industriezweige | |Arbeiterinnen

| |in dem betr.

| |Industriezweig

| |beschäftigt.

--------------------------------+-------------+--------------

Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen,| |

Torfgräberei | 1333 | 0,58

Industrie der Steine und Erden | 19475 | 8,49

Metallverarbeitung | 10739 | 4,68

Industrie der Maschinen, | |

Instrumente und Apparate | 4493 | 1,99

Chemische Industrie | 4380 | 1,91

Industrie der forst- | |

wirtschaftlichen Nebenprodukte| 1162 | 0.51

Textilindustrie | 111194 | 48,49

Papierindustrie | 11049 | 4,82

Lederindustrie | 2063 | 0,86

Industrie der Holz- | |

und Schnitzstoffe | 5635 | 2,46

Industrie der Nahrungs- und | |

Genußmittel | 39080 | 17,04

Bekleidungs- und | |

Reinigungsgewerbe | 13156 | 5,74

Baugewerbe | 141 | 0,06

Polygraphische Gewerbe | 4770 | 2,08

Sonstige Industriezweige | 664 | 0,29

--------------------------------+-------------+--------------

Im ganzen: | 229334 | 100,00

Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind

danach in der Textilindustrie beschäftigt. Ganz besonders interessant

dabei ist, daß die Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und

verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, die

höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen überhaupt; ihnen zunächst

steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die

Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der

Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete

Frauen gezählt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so

sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und

in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus wieder, daß die

Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den

Fortschritt der Industrie zu höheren Arbeitsprozessen merklich

aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, daß die verheirateten

Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in

wenige Berufsgruppen zusammendrängen.

Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von Ländern das Wachstum

der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so läßt sich aus den fast

überall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedürfnisse und Zunahme

der Frauenarbeit überhaupt,--der Schluß ziehen, daß jedenfalls von einem

Rückgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar

eine raschere sein dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.

Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und

Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf größere Not

allein zurückzuführen? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten

häufiger als früher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre

1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Kräfte der Männer früher

erschöpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen

Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Männer--also auch

kränkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der

verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand

kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe

der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese

Entwicklung zweifellos unterstützt. Weder ist die Frau in dem Maße wie

früher einfach infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer

Kinder an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er selbst ihr

gegenüber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das

mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der

weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren

Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je

selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto freier wird sie

dem Zuge ihres Herzens folgen können.

Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen

Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein

will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der

Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die

Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die

Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die

Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib,

dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und

denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie

aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 29 / 47 题