4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.

Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu

schreiben unternehmen wollte, müßte zugleich die Geschichte der Maschine

schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintönig

rasselnde Rede und ihren feuersprühenden Atem jene dunklen, endlosen

Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimstätten herauslockte und

in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht

durch die Handarbeit der Frau ein großer Teil der allgemeinen

Bedürfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft

der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es

möglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und

Zange, mit Hobel und Säge in der eigenen kräftigen Faust beherrschte der

Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die

Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft

beruht, aber er muß dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die

mechanischen Triebkräfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren

Eigenschaften des menschlichen Körpers Gewandtheit und Geschicklichkeit

erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige

Folge der aufblühenden Großindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben

nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggründe--etwa

den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung

und verkürzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach

Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so führt dasselbe Verlangen

zur Beschäftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine wählt die in der

Frau verkörperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl für eine

Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen

Maschine oder die Benutzung motorischer Kräfte kann ein ungeübtes

Mädchen den gelernten kräftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die

Veränderung des Arbeitsprozesses ermöglicht also die Beschäftigung der

Frauen.[374]

Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener große Umschwung auf

dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung für die

Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny,

der Kämmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des

Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung

der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwälzung im gewerblichen Leben

war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel

phantastischer Träume schwebenden demokratischen Ideen eine reale

Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entriß zahlreiche

Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und führte sie

breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der

Mensch früher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die

Maschine zwölf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen

gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von

Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch

die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England

zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach

Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000

Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben

traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen

Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einführung

der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in

Mülhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische

Spinnereien waren im Oberelsaß allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte

später rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwälzungen

hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthätig

arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln

treibt. Aber auch sämtliche Vorbereitungsarbeiten, die früher in

langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgeführt wurden, sind von der

Maschine übernommen worden: die Wollkämmer, die unter der

schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen

ausgerüstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur höchsten

Vollkommenheit ausgebildeten Kämmmaschine übergeben müssen, und sowohl

das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf

mechanischem Wege. Am längsten widerstand die Seidenspinnerei der

Einführung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das

langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser

gesundheitsschädliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einführung

von Schlagmaschinen ersetzt worden.

Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt

die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Während gemusterte Gewebe

früher nur auf sehr mühsame und kostspielige Weise hergestellt werden

konnten, ermöglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf

der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten

Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem

Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit

notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter

Handgriffe. Die Erfindung des selbstthätig arbeitenden Webstuhls, mit

dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschäftigt hatte, bedeutete

einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19.

Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika,

England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der

Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt daß eine Spulerin an

dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine

fünfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbäumen, eine sehr

beschwerliche Arbeit für die Handwerker früherer Zeit, besorgt eine

Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der

Garnsträhne in verschiedenartige Lösungen oder durch Bürsten der schon

auf dem Webstuhl befindlichen Fäden besorgt wurde und nachher noch ein

langwieriges Trocknen nötig machte, besorgt eine Maschine in

erstaunlicher Geschwindigkeit. Während noch ein Jahrzehnt früher jedes

gewebte Stück zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Färben, Drucken

und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe überging, vereinigte die

Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Räumen. Das

Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von

innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne

abhängig; das Walken des Tuchs, das unter großer Kraftanstrengung durch

die Hände des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den

schweren Hämmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht

allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, daß der Arbeiter mit

den rauhen Fruchtköpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark

andrückend bestrich--eine sehr zeitraubende Thätigkeit--ist jetzt

durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken

mit der Handpresse, wodurch große Gewerbe Beschäftigung fanden, ist

durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter

Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben

auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen könnte, der

sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpreßt und für jede neue Farbe

immer wieder von vorne anfangen muß, oder wer zuschauen könnte, wie der

Samtweber früherer Zeiten die wie in Schläuchen aufliegenden Faden des

Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mußte, während der

mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene

Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch

Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so daß zwei

vollständig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der würde sich von

dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen können, vor dem die

phantastischsten Märchenbilder verblassen müßten.

Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das

ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen

nötig machte, war der Einfluß der technischen Fortschritte auf die

Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten

waren Jahrhunderte hindurch ausschließlich Handarbeit gewesen, die

Klöppel, die Nähnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die

Erfindung der Bobbinetmaschine, später noch vervollkommnet durch

Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwälzung

auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren

bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom

einfachen Tüllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten

Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst

nur in wenigen Stücken den Reichsten zugänglich war. Noch tiefer griff

die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in

die häusliche Arbeit der Frauen ein. Statt daß mit der Nähnadel ein

Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin

nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift

des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es

nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunächst die

mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang

rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so daß die

Weißstickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer

weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die

Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nämlich ein

Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder

Stickboden der Stickerei weggeätzt wurde, entstanden außerordentlich

feine, sogenannte Luftspitzen, die manche künstlerische Gebilde früherer

Zeit in den Schatten stellen.

Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine

eine Unterstützung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben

wurde, und statt des einen Paares grober Strümpfe, die eine

Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar

erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie

notwendigerweise zum Fabrikbetrieb über. Heute erzeugt die selbstthätige

Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast völlig

fertiger Strümpfe täglich. Auch die der Strickerei so außerordentlich

ähnliche Wirkerei war zunächst für den Handbetrieb eingerichtet; ein

Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine geübte

Handstrickerin höchstens 100. Neben diesen Stühlen, die nur einfache

gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19.

Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform

hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwäsche und des übrigen

gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurückzuführen.

Die Thätigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und

Webemaschinen eingeschlossen, beschränkt sich, sobald sie im Gang sind,

großenteils auf das Ausrücken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist

und auf das Anknüpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach

mechanische Ausrückvorrichtungen in Anwendung gebracht, so daß die

Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und

der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden

zusammenzuknüpfen braucht. Daß diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger

erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverständlich. Das

Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fußbetrieb war fast immer Arbeit des

Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der

Bewegungsmotor wurde, mußte er Frauen, ja selbst Kindern weichen.

Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der Maschine. Noch

erzählen unsere Großeltern, wie sie sich ihre Briefumschläge stets

mühsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Häusern der Aermsten

durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und

Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen

die Kuverts und liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen

Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden,

damit sie die fertigen Umschläge--4000 in der Stunde!--auf der anderen

wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des

Zuschneidens, das kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die

Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der

Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun

übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große Veränderung die

Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum

erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist,

daß sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthätig zu fertigem Papier

verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst

der Maschine: Die Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre unmöglich

gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hölzchen,

die früher Stück für Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe

gekommen wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit

armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und gefüllt--25000

täglich!

Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen

die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; wohl aber kann ohne weiteres

behauptet werden, daß keine eine so nachhaltige, sich immer weiter

ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und

Webstühle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie

blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die

erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich

mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich

hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder

Fuß, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit

verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Händen

der Frauen gelegen hatte. Sie verzwölffachte überdies die Leistung der

Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378]

Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die

Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die

Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in der

Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes Aufkommen schon

das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den

Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische

Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die

der der Weberei annähernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle

Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen

worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das

Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das

für den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des Oberleders

mühelos ausführt, bis zum Glätten des fertigen Schuhs, dem Nähen der

Knopflöcher und Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die

meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die

alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer bloßen

Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten großen

Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst

die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Märchenprinzessin, der graue

König Dampf und ließ über ihr sein erstes, prophetisches,

eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter

seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten

Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen

in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der

Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der

mit stillem weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre überstrahlte

und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird

er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hüllen helfen?----

Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter

Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der

sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der muß erwarten, eine

von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion

reich gewordene, gesunde und glückliche Menschheit vor sich zu sehen.

Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur

einige der für unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten

die große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie rissen,

soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit oder der Einführung

des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die

Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten

sie ihrer selbständigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre

Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten

die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am

rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten entwickelt

ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Großindustrie,

in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, daß von den 419560

Fabrikarbeitern in Großbritannien 242296 Frauen waren; in den

Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den

Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter

weiblich.[380] Und zwanzig Jahre später konstatierte der englische

Fabrikinspektor Robert Baker, daß die männlichen Arbeiter seit 1835 um

92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen

größeren Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der

Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der männlichen

Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die

absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382]

(s. Tabelle).

| 1841 | 1851 | 1861 | 1871 | 1881 | 1891

| Männer|Frauen|Männer |Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen

-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------

Töpferei | 23600| 7400| 34800| 11100| 42500| 13400| 49700| 17700| 52200| 19700| 64300| 23800

Gas, Chemikalien | 5800| 300| 16400| 1700| 24800| 1500| 34900| 4100| 44000| 4000| 66400| 6300

Pelzwerk, Leder, | | | | | | | | | | | |

Leim | 31600| 2400| 44500| 6500| 47300| 2300| 49400| 10200| 49400| 13300| 59100| 18200

Holzwaren, Wagen | 147500| 4900| 180200| 8900| 202200| 14100| 214200| 19500| 221600| 18400| 253600| 23300

Papier etc. | 8900| 3200| 13600| 8300| 14600| 10700| 20300| 13400| 24600| 23200| 28600| 34200

Textilwaren, | | | | | | | | | | | |

Färberei | 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600

Bekleidung | 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300

Ernährung, | | | | | | | | | | | |

Getränke, Tabak | 82700| 8000| 120100| 12400| 133400| 15600| 145700| 18500| 152300| 28900| 173100| 50200

Uhren, Instrumente,| | | | | | | | | | | |

Spielzeug | 19600| 800| 23500| 1300| 32800| 2900| 35900| 3000| 41700| 3400| 44600| 5500

Buckdruckerei, | | | | | | | | | | | |

Buchbinderei etc.| 21100| 1800| 30400| 3800| 41300| 6200| 57600| 8600| 75000| 13100| 102100| 19100

-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------

Total: |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500

Selbst in solchen Industrieen, für die die Frauenarbeit ganz ungeeignet

zu sein scheint, wie in den Gelbgießereien, der Minen- und

Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast

ausschließlich Frauen beschäftigt.[383]

Obwohl sich für andere Länder genauere auf längere Zeiträume sich

erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafür,

daß die Entwicklung überall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die

Textilindustrie in Deutschland überhaupt erst anfing, Bedeutung zu

gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die

Landmädchen strömten in Scharen in die Fabrikstädte; kleine Orte, wie

z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern,

und in Krefeld war ein Frauenüberschuß von 50% die Folge.[384] In

Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816

neben 10000 Männern 66000 Frauen gezählt[385], und in den

Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661

weibliche Arbeiter beschäftigt, die zehn Jahre später auf 75169

angewachsen waren, während sich zur selben Zeit in den Wirkereien

dreimal so viel Frauen als Männer befanden.[386] Für die Vereinigten

Staaten im allgemeinen zeigt es sich, daß 1870 in der Industrie auf 100

arbeitende Männer gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Männer über 25

Frauen beschäftigt waren. Natürlich trat, wie es uns die Entwicklung der

Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen

Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der

Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrängung

der Männer durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in

Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer

Ehemänner waren in denselben Fabriken thätig, während 3927 als

anderwärts beschäftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und für 659

nähere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis

drei Männer, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom

arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, für deren Unterhalt die

Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die

Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre

billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Männer zu seiner

Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nähnadeln täglich, Marx

berichtet, daß die Maschine in elf Stunden 145000 Nähnadeln

hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann,

was einer Produktion von 600000 Stück täglich gleichkommt.[388] Eine

Frau ersetzte also fast 130 Männer! In Rheims waren im Anfang des 19.

Jahrhunderts 10000 häusliche Wollkämmer vollauf beschäftigt; nach

Einführung der Kämmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, während

junge Mädchen an der Maschine standen.[389] In die Nägel- und

Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein:

die Maschine machte die männliche Kraft entbehrlich.[390] Fünfzig Jahre

früher führte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und

produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem

Mädchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wöchentlich[391], d.h. sie

schafft die Arbeit von sieben Männern. Ueberall zeigt sich dasselbe

Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die

schwierige Arbeit von Männern, eine neue Maschine ermöglicht es,

ungelernte Frauen anzustellen, die für dieselbe Leistung statt 18 sh.

nur 12 sh. wöchentlich erhalten. In den Konservenbüchsenfabriken, wo

früher auch nur Männer für 15 bis 20 sh. wöchentlich thätig waren,

arbeiten jetzt gleichfalls Frauen für den halben Lohn und die Arbeit des

Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Büchereinbände haben sie sogar für

ein Drittel des Männerlohnes übernommen.[392] Den größten Einfluß nach

dieser Richtung hatte die Einführung der mechanischen Spinnerei und

Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule füllte, trat das

Spulmädchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte;

zahlreiche selbständige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik

zu gehen, wo ihre Frauen und Töchter, die die alten schweren Webstühle

nicht hatten beherrschen können, ihre siegreichen Konkurrenten geworden

waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmäßige Ausbildung früher

unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie überflüssig machten,

drangen die Frauen vor. So führte die Papiermachémasse sehr bald schon

weibliche Arbeitskräfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das

Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein

Privilegium der Männer gewesen war.[394] Und die Handmaler für

Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten,

sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die

Möglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anlaß bot, ungeübte Mädchen für

einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon

gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die

Schneiderei fängt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den großen

Fabriken zu Leeds selbst der für ganz unentbehrlich geltende Mann, der

Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen

ausstanzt, ersetzt wurde.

Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu

vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, daß dieses scheinbare

Verdrängen der Männer durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben

ist, und die Zahlen fast überall beweisen, daß zwar das Wachstum der

Frauenarbeit im Verhältnis bedeutend größer ist als das der Männer, jene

aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer

bedeutend überflügelt werden; aber es ist auch begreiflich, daß die

vollständig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben,

wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemüter

außerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefährlichen Bedrohung

des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten stürmische

Empörungen hervor, die zu Anfang einen revolutionären Charakter

annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kämpfe gegen den eisernen

Riesen, der den Boden unterwühlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen

glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glück und der

Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die

den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab.

Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwörungen und offenen

Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem

Jubelgeheul der Massen zerstörten die Bewohner Blackburns Hargreaves

Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu

haben, als die Empörung gegen ihn und sein Werk sich bis zum

Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem

Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am

meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte.

Gegen Cartwrights Kämmmaschine richtete sich eine so wütende Agitation

der Handkämmer, daß ihre Einführung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung

möglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf;

er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und

Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen

zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz

England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und

Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu

eingeführte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte

seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der

untersten Stufe der Existenzmöglichkeit angekommen war, und sich nun mit

Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mußte. Systematisch

war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19.

Jahrhunderts gegen die Maschine führten. Sie widersetzten sich mit allen

ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einführung; sie nahmen

lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie

z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als daß sie nachgegeben

hätten.[397] Und mit derselben zähen Energie versuchten sie die

Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger

Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde

um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der

weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege,

den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch

gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden,

gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften

vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, daß kein Mitglied neben einer

Frau arbeiten dürfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich

zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore

der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn

nicht gar Beleidigungen gröbster Art. Es kam häufig vor, daß sie sich

durch Hinterpförtchen in die Arbeitsräume schleichen mußten, um

überhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle

Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat,

das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwächter Form, auf dem

Kontinent. Ueberall betrachteten die Männer ihre weiblichen

Arbeitsgenossen mit Haß und Mißtrauen und versuchten sich ihrer zu

entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit führte

an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die

Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim

Gewerbeministerium zu beantragen, daß den Frauen, mit Ausnahme der

Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden

sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen

dürften.[400] Dasselbe Gefühl, das die Innung zu diesem Antrag trieb,

beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848,

als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der große

Markt für die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.

Man hat häufig versucht, den erbitterten Kampf der Männer gegen die

Frauenarbeit ihnen zum persönlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der

sich nur aus einer völligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen

Entwicklungsgeschichte erklären läßt. Thatsächlich war und ist zum Teil

heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man

überhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des

Wirtschaftslebens gegenüber immer thöricht ist,--so müßte er sich weit

eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie überhaupt arbeiteten, das

war eine bittere Notwendigkeit für sie, sondern weil sie die männlichen

Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprüche

zu besiegen suchten. Aus der häuslichen Vereinzelung, aus der sie früher

großenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn

arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der

Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der

nächsten persönlichsten Bedürfnisse, die außerordentlich geringe waren;

die jahrhundertelange Niederdrückung des weiblichen Geschlechts, die

unaufhörliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige

Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schließlich

selber glaubten, rächte sich nun an den Männern: die weiblichen Arbeiter

waren mit Löhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stück Brot

gewährleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts

von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne

etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude über Arbeitsgelegenheit;

sie ließen sich ausbeuten bis aufs äußerste und nahmen es hin, wie ein

Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafür einen Tag lang den schlimmsten

Hunger stillen konnten. Das Gefühl von Solidarität mit den Genossen

ihrer Arbeit müßte denen völlig fremd sein, deren höchste Tugend bisher

die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So mußten

sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert

verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der

Männer. Sie drückten die Löhne und machten es infolgedessen immer mehr

Männern unmöglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu

eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Daß die

Männer eine Gefahr darin sahen, daß sie nicht blinden Auges und kalten

Herzens an der Zerstörung der Häuslichkeit und der Verwahrlosung der

Kinder vorübergehen konnten, war nur natürlich.

Nicht allzu lange sollten die Männer allein unter dem Wachstum des

Großbetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der

Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie

wieder hinaus. Während früher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mädchen zum

Schlagen der Kokons nötig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und

mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mädchen aufs Pflaster. Die

Einführung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsaß hatte

zur Folge, daß die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der

Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken

war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr

angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt

hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige

verbesserte Spinnmaschine die Hälfte aller Arbeiterinnen.[403] Am

furchtbarsten waren die Folgen der Einführung der Nähmaschine. Eine

einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nähmaschinen aufstellte, von

denen eine die Arbeit von 6 Handnäherinnen ausführte, machte ca. 2000

Näherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nähmaschine

versprachen, weil sie der Frau ermöglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb

nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die

schwächsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods

parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einführung neuer oder die

Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Löhne

zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem

Kapitalisten zu Gute kam, mußte die überflüssig gewordene menschliche

Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie

dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtsstätte fand,

in der Hausindustrie.

Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein

feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden

letzten Berufszählungen eingehend mit der Hausindustrie beschäftigte,

versteht darunter die "Arbeit zu Hause für fremde Rechnung". Die

Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h.

diejenigen, die im eignen Wohnraum für die Unternehmer beschäftigt sind,

umfassen und die Werkstattarbeiter ausschließen. Das geschieht

ausdrücklich durch die neueste belgische Statistik, die als

Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf

Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das österreichische

Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf

beschränkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werkstätte ohne

gewerbliches Hilfspersonal" höchstens mit Angehörigen des eigenen

Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind

verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die

Hausindustrie als Großvertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe

hergestellt werden[405], bezeichnet, während nicht die Art des

Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen

erklärt man sie für großindustrielle Arbeit in kleinen Werkstätten und

in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein

schwankendes Bild giebt. Die sinngemäßeste, die Sache klar bezeichnende

Erklärung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform

der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren

eigenen Wohnungen oder Werkstätten beschäftigt werden.[407]

Mit der Hausindustrie früherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen

gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Großindustrie. Einerseits

nährt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbständige

Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich

verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestädten

infolge der sich zusammendrängenden proletarischen Bevölkerung

massenhaft emporschießt oder vereinzelt in abseits liegenden

Gebirgsthälern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige

Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich

nicht entgehen lassen. Mit der Möglichkeit der Arbeitszerlegung, der

Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstärkte sich noch die

Tendenz, die Hausindustrie groß zu ziehen. Dazu kam, daß nicht nur die

Ersparnisse in Bezug auf die Löhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl

die Kosten für Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung,

Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das beförderte selbstverständlich

eine weitere Dezentralisierung des Großbetriebs. Beweis hierfür ist

unter anderem die Rückentwicklung des Cigarrengroßbetriebs zur

Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Groß- zum

Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwächsten, die die Fabrik als die

wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten

Elend kein Hauch der neuen Zeit berührte, die Frauen, die Kinder und die

Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die

Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehöfte, die

entlegensten Landstädtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die

Keller der Großstädte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb

menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um überall

Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der

Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder

bekommt sie vom Fabrikanten, für den er arbeitet, geliefert.

Nähmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten

Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen

der elendesten Sklaven des Kapitalismus; über die Strickmaschine sitzen

sie gebückt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der

Schweiz verbreitet hat, macht aus den blühenden Kindern der Berge

dieselben flachbrüstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der

Großstädte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft

billiger ist als Dampf und Elektrizität, werden die Unternehmer sie für

sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Großindustrie,

den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, daß sie

fast ihren Vater überragt.

Ein riesiges Arbeitsfeld eröffnete sich den Frauen durch die

Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nähmaschine gehörte die

Herstellung der Wäsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich

häuslicher Thätigkeit. Hausfrau und Haustöchter, eventuell die

verfügbaren Dienstmädchen, beschäftigten sich damit. In einer späteren

Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Näherin als

Hilfskraft hinzu und die bei sich für die Kunden arbeitende Schneiderin

war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschäfte, die mit Hilfe der

hausindustriell thätigen Näherinnen fertige Kleider verkauften, kamen

erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nähmaschine die

Massenproduktion ermöglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und

suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende

Ausbeutung der Arbeiterinnen möglich war. "Alle Näherinnen," sagte ein

englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel

und Mangel an Nahrung." Während der Saison saßen in London gegen 30

Mädchen in Räumen zusammen, die kaum für ein Drittel die nötige Luft

gewährten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklöchern,

wenn sie überhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene

Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehörte durchaus nicht zu den

Ausnahmen; die physische Unfähigkeit, die Nadel noch länger zu führen,

war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht

infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne

Walkley, von der Marx erzählt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit

der Hunger. Für 4-1/2 sh. wöchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren

Londoner Kleidernäherinnen 16 und mehr Stunden täglich. Und doch waren

sie noch in glänzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die

Wäsche nähten: Für ein gewöhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, für

elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte,

betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlöhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei

angestrengter Thätigkeit gang und gäbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom

Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt

nicht nur für die armseligsten Töchter des reichen England; ihre

Unglücksgefährten verteilten sich über die ganze zivilisierte Welt. Mit

Tagelöhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000

Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen

lebte in New-York in ständigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410]

Die Pariser Näherinnen der fünfziger und sechziger Jahre, die, infolge

der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten

gehörten, mußten sich mit Löhnen von 40 und 60 c. täglich begnügen[411],

während, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an

täglicher Nahrung gewährleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt

freien Arbeiterinnen, die thatsächlich ein weit elenderes Leben führten,

als die schwarzen Sklaven Amerikas, für deren Befreiung eine ganze Welt

sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukämpfen, die

großenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthäter der Armen

nennen ließen. So nötigten die Armenhäuser Londons, deren Insassen

Hemden nähten, die Näherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe

niedrige Niveau und die Klöster Frankreichs, in denen Männerhemden für

10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stück für 1,10 fr.

hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschäftigten

und von denen Jules Simon berichtete, daß von 100 Dutzend Hemden, die in

Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klöstern hergestellt

wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in

die Arme.[414] Kein Wunder, daß 1866 doppelt so viel Frauen als Männer

der Armenpflege anheim fielen.

Dieselbe Konkurrenz drückte auch auf die Spitzenindustrie, die durch

Colberts Einfluß in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte;

1866 waren 250000 Frauen in ihr beschäftigt. Zwanzig Jahre früher sah

Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit

nicht mehr als 52 c. täglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert

der jährlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet

wurde, betrug ihr höchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte

Jules Simon, daß für die Herstellung der points d'Alençon, jener

kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht

einbüßten, 75 c., und für die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die

Brüsseler, gar nur 30 c. täglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die

Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in

Frankreich beschäftigten, verdiente die größte Mehrzahl nicht mehr als

20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der

vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als

Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) täglich verdiente und die vier Kinder

betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der

kümmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem

Erdboden, allein für Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wöchentlich

gebrauchten[417],--dürfte für das Proletariat jener Zeit typisch sein.

Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den

dreißiger Jahren betrugen die Frauenlöhne in den englischen

Leinenwebereien bei einer zwölf- bis sechzehnstündigen Arbeitszeit 4 bis

5 sh. die Woche, von denen für Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in

den Baumwollfabriken sanken die Löhne auf 1 bis 4 sh., junge Mädchen

unter sechzehn Jahren verdienten bei zwölfstündiger Arbeitszeit oft

nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis

1845 überstieg der Verdienst der französischen Fabrikarbeiterinnen

selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei

vierzehnstündiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen höheren

Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Löhne sowohl in der

Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsaß

in den dreißiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn

betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der höchste, selten erreichte,

3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung

der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedürfnisse, noch war sie

eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Großindustrie im 19.

Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten für die Arbeiterin Hunger

und Entbehrung. Die geringfügigste Trübung des geschäftlichen Horizontes

wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den

dreißiger Jahren sanken die Löhne der Weber am Niederrhein bei einer

Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2

bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850

waren in Krefeld allein 12000 Personen vollständig brotlos[423],--von

dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die große

wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und

Südstaaten Amerikas über Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs

neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort

sanken die Frauenlöhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich für

die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem französischen Krieg. Die

Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webstühlen

gerieten vollständig in Stillstand.[425]

Aber die industriellen Umwälzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren

nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und

untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem

Arbeiter und der Maschine: er verausgabte für beide nur genau so viel,

als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue

Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen höheren

Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der

menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem

war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit

Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkürlich

stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfährig zu machen, wurde

auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten

Schürzen und Bänder, Tücher und Mützen. Wie oft kam die arme Arbeiterin

am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit

nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf

die Heimkehr des Mannes--er saß im Kramladen seines Chefs und ließ sich

in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib

Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld

hätte kaufen können! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die

Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten

Jahrhunderts überall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter

den Thüren der Kaufläden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten,

und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die

Entlassung nicht fürchten wollte. So verkaufte der Konfektionär wie der

Zwischenmeister den Näherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die

Preise, die er dafür anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so

schon kärglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krämer des

Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhändler der

Hausindustriellen ist, das Material für ihre Arbeit zu Wucherpreisen an

sie.

Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hieße ein Buch

schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines

Höllenbreughel weit hinter sich ließen. Blicken wir in die Wohnungen

jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer

ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Häusern 12000 Personen;

ganze Familien, ja ganze Generationen besaßen nur ein kleines Zimmer, in

dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein

Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glücklich zu

nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaßen überhaupt kein

Obdach; sie drängten sich nachts, soweit es irgend ging, in den

Logierhäusern zusammen--Männer, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde,

Nüchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fünf und sechs in einem

Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die

Millionäre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem

schwarzen, stinkenden Fluß voll Schmutz und Unrat, ragten die

Arbeiterkasernen auf; um fürchterlich kleine Höfe drängten sie sich,

verräuchert, verfallen, oft ohne Thüren und Fenster, mit winzigen

Stübchen, die für zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten;

die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben

Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straßen,

in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in

Lille die Häuser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender

Rinnstein, der alle Abwässer aufnahm; aus Sparsamkeitsgründen waren die

Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den

überfüllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Räumen herrschte

ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen

Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blöden Augen dem

Fremden entgegen, der sich in diese Hölle verirrte.[427] Welch ein Glück

für sie, daß der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben

erlöste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fünften Jahr![428]

Zwanzig Jahre später hatten sich die Verhältnisse noch um kein Haar

gebessert![429] In Rouen waren die Zustände ähnlich: Der Eingangsflur

war zugleich offener Kanal für die Abwässer; Wendeltreppen ohne Licht

und ohne Geländer führten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist

das Bild, das Villermé von Mülhausen entwirft, wo infolge des raschen

industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den früher 7000 Menschen

innehatten, nun 20000 sich zusammendrängten. Jules Simon sah in Reims

einen feuchten, dunklen, über einem Kloset befindlichen Raum, den zwei

Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er

einen dunklen Hängeboden über einem kleinen von sechs Personen bewohnten

Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Säugling, der Tags über im

Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer

Treppe, 2 zu 1-1/2 m groß, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte.

Wie groß das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes

Kämmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen

Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fuß hinsetzte,

folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die

Wohnungsverhältnisse Berlins in den fünfziger Jahren jeder Beschreibung.

Charakteristisch für sie waren besonders die zahlreichen

Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fuß hoch stand. Noch

1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher

feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern,

Schlafburschen und Schlafmädchen zugleich besetzt.[432]

Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Höhlen,--denn der Ausdruck Wohnung

erscheint solchen Behausungen gegenüber ganz ungeeignet,--in die

Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier ähnliche Zustände

wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hälfte des

neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Häusern, Klöstern und

Schlössern eingerichtet. Die Räume wurden ohne Rücksicht auf

die Sicherheit der Arbeiter auf das äußerste ausgenutzt,

sodaß sich der Einzelne nur mit großer Vorsicht zwischen den

schwingenden Rädern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch

Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der

Baumwollspinnereien,--bis zu 37° Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen

bis in die fünfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung

mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die

Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Knöcheln im

Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den

Seidenspinnereien saßen die Frauen selbst im heißesten Sommer zwischen

glühendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger

tauchen mußten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In

feuchten, halbdunklen Kellern saßen die Spitzenarbeiterinnen, weil die

feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es für

diese Unglücklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub

mußten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von

den Aufsehern häufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine

Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit

entging.[435] Wohnten sie außerhalb der Fabrikstädte, so hieß es früh um

vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436]

Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schweiß gebadet, ohne schützende

Hülle, bloßfüßig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die

Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder

schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel

der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niederträufelte.[437]

Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder

ein Stückchen Hering sollen die Körperkräfte aufrecht halten, um sie

täglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafür

reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der

Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen

Industriezentren erschreckend rasch zu.[438]

Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht

nicht heilig war, aus den überfüllten, schmutzstarrenden Häusern, aus

den Wolken von Staub und glühendem Dampf, der die Fabriken erfüllte,

wuchs in riesenhafter Größe jenes hohläugige Gespenst hervor, das von

nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straßen der Armen schritt und

die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der

Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindsüchtiger auf 45

Arbeiter und zehn Jahr später schon einer auf acht.[439] Kein Weber

konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu überleben[440] und

dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die

schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hälfte vor dem zweiten

Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der

Entbindung trieb die Not ihre Mütter zurück in die Fabrik; die Milch,

durch die ihre Kleinen groß und stark hätten werden können, lief ihnen

bei der Arbeit aus den Brüsten![441] Die deutsche Reichserhebung von

1874 erklärte mit einem eigenen Cynismus, daß die Arbeiterinnen in den

Zündholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz

oder teilweise verlören, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie

konstatierte ferner, daß die Atmosphäre der Fabriken diejenigen

lungenkrank machen muß, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte

diese Anlage nicht?! Die zunehmende körperliche Degenerierung der

arbeitenden Bevölkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es

vermocht hätten.

Aber es blieb nicht bei der körperlichen allein. Die Zusammenarbeit der

Geschlechter in glühender Hitze, fast unbekleidet, das fast völlige

Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleideräume, die gemeinsame Arbeit von

Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gängen der Bergwerke und

der frühe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben,

steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwüstete schon die

Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustände unterstützten diese moralische

Degeneration. Nicht nur, daß die Geschlechter, die Schlafburschen und

Schlafmädchen und die Kinder regellos in engen Räumen zusammen wohnen

mußten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrängt. In

Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--überall wurden ihnen elende

Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das

Vieh. Weit mehr noch als diese äußeren Umstände, unter denen Männer und

Frauen gleichmäßig litten, wirkten die Lohnverhältnisse der weiblichen

Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedürfnisse der

verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschuß

brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mädchen, die oft nur für

ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch

die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergänzung umzusehen.

Die einen,--die Glücklichsten von ihnen,--hatten keine eigene

Schlafstelle, sie brachten die Nächte bei ihren Liebhabern zu[444], das

Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das

Gesetz es noch dadurch förderte, daß es das uneheliche Kind der Mutter

allein zur Last fallen ließ, nach einer Enquête der vierziger Jahre in

einer Industrie auf einen verheirateten zwölf im Konkubinat lebende

Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglücklichsten,--lehrten

Not und Hunger frühzeitig, ihren Körper verkaufen, wie ihre

Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft

siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die

Arbeitsstelle nur dadurch, daß sie sich dem Herrn oder dem Werkführer

preisgaben. Das Fabrikmädchen stand infolgedessen häufig nicht höher im

Ansehen, als die Straßendirne.

Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat

gehen müssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tägliche Brot gebracht,

glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf,

unermüdlich Tag für Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit

Erlösung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie

war ja so bedürfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, für die sie

schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein

Dach über dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Nötigste, den

Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und

Schande,--rastlos auf ihren Fersen.

Warum strömten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend

zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit

besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen

dagegen sprechen.

Den ersten klaren Einblick in die Verhältnisse der Landarbeiter

vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446]

Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mädchen und

Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit,

z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war

grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmöglich,

weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche

Gutsbesitzer sehr häufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch für

die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt.

Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen

Hütten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine

Trennung der Tagelöhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen

und leere Ställe dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der

Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmöglich," sagt die

englische Kommission, "den schädlichen Einfluß der Wohnungen nach der

physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, ökonomischen und

intellektuellen Seite hin zu übertreiben."[448] Die traurigste

Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das

Gangsystem, das darin bestand, daß Agenten Scharen von Mädchen und

jungen Männern,--den Mädchen wurde übrigens immer der Vorzug

gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs

Land führten. Nicht nur, daß die in der Entwicklungszeit sich

befindenden Mädchen durch die harte Arbeit körperlich schwer geschädigt

wurden, frühzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie

vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anständige

Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewähren. Für ihn waren sie nichts als

billige Arbeitsmaschinen, die ihn im übrigen nichts angingen. Natürlich

war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich für die alten

eingesessenen Tagelöhner. Für den Gutsherrn war es viel billiger und

bequemer, zur Zeit dringender Arbeit über ein Heer von Arbeitskräften zu

verfügen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die

Gutstagelöhner durch die stille Zeit mit durchfüttern zu müssen. Auch

das Gangsystem trieb daher die Tagelöhner beiderlei Geschlechts vom

Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengängerei Deutschlands, deren

erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie

zusammenfällt, haben wir eine ähnliche Erscheinung. Auch sie ist

zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang

diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, daß in der

Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000

Personen vom Lande in die Industriestädte übersiedelten.[450] In England

verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000.

Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die

Dreschmaschine nicht nur thatsächlich eine Menge Arbeiter überflüssig,

sie führte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine

früher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hände, wurde jetzt in

kürzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Für die

Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, daß das Spinnen

und Weben, die allgemeine Winterbeschäftigung der Landarbeiterinnen,

durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die

arbeitslosen Zeiten verlängerten sich daher für sie mehr und mehr, und

diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie

sich eher durchschlagen zu können glaubten. Hatte doch auch der im

Verhältnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes für sie.

Eine französische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B.

selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergänzung vielfach eine

ungenügende Kost und Wohnung. Eine Tagelöhnerin brachte es nicht über 60

bis 75 c. täglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten

das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhängig von ihren

Herren, daß auch häufig die Eheschließung ihnen erschwert, wenn nicht

gar unmöglich gemacht wurde.

Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglühte, trugen erst

die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Dörfer und

Gutshöfe. Den Druck der Abhängigkeit fingen die Landarbeiter an nach und

nach zu spüren das Bewußtsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach

Freiheit dämmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als

verwandter Begriff. Je stärker das Klassenbewußtsein sich in ihnen

regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das ländliche

Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen

Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preußen

auf 100 Personen der Bevölkerung gewerbliches (landwirtschaftliches)

Gesinde:

1819: 8,5

1837: 7,0

1849: 6,9

1852: 6,4

1855: 6,7

1861: 5,7

1871: 3,6.

In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im

Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf

3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre

1882.[453] Wenn auch der Mangel an ländlichen Arbeitern durchaus keine

neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren

durch die Einführung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekämpfen--, in

seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewußtseins

und nicht nur die sporadische Folge besonders drückender Verhältnisse

ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kämpfe angesehen werden.

Dasselbe gilt für die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur

die Thatsache, daß die häuslichen Arbeiter sich mehr und mehr in

industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch

die die Abnahme der häuslichen Dienstboten ihre natürliche Erklärung

findet, denn thatsächlich übersteigt die Nachfrage überall das Angebot,

es ist vielmehr das erwachende Selbstgefühl, das die Mädchen vom

Dienstbotenberuf in immer stärkerem Maße zurücktreibt. Kaum giebt es

einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die

das klassische Altertum aufweist, so unveränderlich haften geblieben

ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste

Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier

nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaßen seine ganze Person, er

steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab

seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das

Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwürdigsten", als

"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prügelstrafe

als allein richtige Erziehungsmittel anführt.[454] Und der Geist Luthers

spukte weiter in allen Köpfen. Die Klagen über die schlechten

Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang

des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine

Klasse von Menschen übermütiger, trotziger und widerspenstiger als der

größte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und

Unzucht, über Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten

Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar

nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und

Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich

geblieben ist, geht aus folgenden Aussprüchen hervor: "Bei den

Gesindeschulen," sagt Kränitz[456], "muß man sein Hauptaugenmerk darauf

richten, daß man darin frommes und gottesfürchtiges, in der Religion

wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklärt v.d.

Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich

bleibenden Klagen über die dienende Bevölkerung liegen in der

Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der menschlichen Natur

begründet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der

Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmäßigen Erziehung

der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt

weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist

vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten über

die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die

Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten

Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche

Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine stärkere Knechtung war

ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts

entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie

alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des

"patriarchalischen Zustandes", jenes Märchens, das sich die deutschen

Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden

lassen, wird allseitig als das erwünschteste Ziel betrachtet. Daß es die

rechtlichen, sozialen und ökonomischen Zustände sind, die einer

Besserung dringend bedürfen, und aus denen sich sowohl die durch sie

gezüchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklären

lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn

gekommen.

Der Mangel an Dienstboten wurde immer fühlbarer und sie kehrten nicht

nur ihrem Beruf den Rücken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch

nur sehr schüchtern und vereinzelt, über ihre Lage aus. Im April 1848

fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die

Erhöhung der Löhne, bessere Kost und längere Nachtruhe forderte. Wie es

thatsächlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein

deutscher Autor[460] folgendermaßen: "Man giebt ihnen die roheste Kost;

sie müssen zu zwei und drei in Räumen schlafen, die nicht einmal den

Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das

für Marterinstrumente, welche Pfühle voll Krankheitsstoff diese sind!

Außerdem, daß die Dienstboten nicht allein vom frühen Morgen bis zum

Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, können die Dienstherren

doch nicht genug kriegen und verlangen darüber und immer noch mehr!" Was

die Lage der häuslichen Dienstboten aber noch verschärfte, waren die

sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere

Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Männerwelt, besonders

der gebildeten, für vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hälfte der

Frauen in den öffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmädchen, und mehr

als die Hälfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmädchen zu Müttern.

Wie tief die armen Mädchen sanken, beweist die Thatsache, daß zur selben

Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verführtes

Dienstmädchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmörderinnen in

Frankreich ausmachten.[461]

Die psychologischen, die ökonomischen und die moralischen Gründe sind

nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich

erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhältnis zur Bevölkerung

veränderte, läßt sich, abgesehen von den letzten Zählungen, schwer

feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das häusliche Gesinde

auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde.

Einen annähernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der häuslichen

Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462]

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 20 / 47 题