Für die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der
Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden
Thatsache der minderwertigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten des
weiblichen Geschlechts.
Was zunächst die körperlichen Fähigkeiten betrifft, so fallen selbst
gelehrte Männer, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den
Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das
Moment der körperlichen Ausbildung ganz außer acht zu lassen. Beginnt
doch ihre Verschiedenheit für Mann und Frau schon in frühester Jugend:
dem Mädchen wird gelehrt, mit vielen langen Röcken, die die
Bewegungsfreiheit beeinträchtigen, still bei den Puppen zu sitzen,
während der Knabe in kurzen Höschen zum Laufen und Springen angehalten
wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele außerhalb
stärken weiter seine Muskeln, dem Mädchen dagegen wird dafür bestenfalls
ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie über
geisttötenden Handarbeiten, oder quält sich und andere am Klavier,
während ihr Bruder Fußball spielt, oder fröhliche Wanderungen
unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung
geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung
des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der größeren Selbständigkeit
und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mädchen deutlich zu Tage
tritt, und auch darin einen glücklichen Ausdruck findet, daß der Absatz
der Klaviere seit seiner Einführung in stetigem Sinken begriffen ist.
Die Masse der bürgerlichen Mädchen aber, besonders in Deutschland und
Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berührt, wie von
der günstigen Aenderung der körperlichen Ausbildung, die in Amerika und
England Platz greift. Würde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft
eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der männlichen, so dürften
die Frauen dem Durchschnitt der Männer zweifellos gleichkommen, das
lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von
den Lastträgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur
Genüge. Aber selbst wenn es nicht geschähe, würde dadurch etwas anderes
bewiesen werden, als daß gewisse Berufe, wie etwa die der Bergführer,
den Männern überlassen werden müssen? Auf die Geisteskräfte sind die
Muskelkräfte jedenfalls ohne hervorragenden Einfluß, und noch immer ist
der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist.
Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Gründe für
ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als
sekundäre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die
Verschiedenartigkeit des weiblichen vom männlichen Gehirn und die
weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die
verhältnismäßige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit
hindurch, hauptsächlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr
Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, daß die
Geisteskräfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatsächlich haben
die Männer ein absolut größeres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich
aber schließlich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, daß es
im Vergleich zum Körpergewicht kleiner ist als das des Weibes, daß die
Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Männer.[361]
Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus
hervor, daß die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem
Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem
einfachen Tagelöhner und dem Zoologen Cuvier gehörten. Als eine Ironie
der Natur kann es wohl auch angesehen werden, daß Bischof, der aus dem
absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schärfe ihre geistige
Inferiorität beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es
nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das
Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl
nichts weiter gefunden wurde, als daß es bei den Mädchen schneller
zunimmt, früher zu wachsen aufhört und notwendigerweise infolgedessen
auch früher anfängt abzunehmen, als bei den Männern. Weiter wurde die
Größe des Stirnlappens für ausschlaggebend erachtet. Experimente mit
Tieren und der Umstand, daß Schwachsinnige die größten zu haben pflegen,
sprechen aber für die Hinfälligkeit auch dieses Beweises. Bei den
Wägungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, daß ein
wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf
nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, daß durch die
Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann
und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa
bestehen, haben für die Lösung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil
nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um
allgemein gültige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre größte
Menge Mitgliedern geistig und körperlich unterdrückter Klassen angehört
hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen
Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die
Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit
denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den
Einfluß der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten könnte.
Weit begründeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes
als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von
der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwürdige Thatsache eines
periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen
hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit
auszuschließen. "Das Weib leitet beständig an dem Vernarben einer
inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklärt sie für ein von Natur
schwaches und krankes Tier. Kulturvölker des Altertums und Naturvölker
der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als
Unreine und haben abergläubische Furcht vor ihnen.[362] All diese
Ansichten sind durchaus verständlich, da es sich um eine den Männern
vollständig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie
daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen
während der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme
der Kräfte und die Unfähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten,
so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder
Kleidung und Lebensweise, sich aber hüten, diese Erscheinungen für
natürliche zu erklären.[363] Hierüber dürfte das endgültige Urteil den
Frauen allein zustehen und dabei würde sich herausstellen, daß die
Gesunden unter ihnen von einem Einfluß der Menstruation auf ihre Körper-
oder Geisteskräfte überhaupt gar nichts spüren, manche sich sogar
während der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber
sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die kränklichen
Männer, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehören. Günstige
Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja für alle ohne
Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--können daher Frauen
trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn
sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch
ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thüren zum Erwerb zu
verschließen als es Grund wäre, die Männer von der Arbeit
zurückzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben.
Den Vorwand dazu bietet für viele auch der Umstand, daß die Vorbereitung
zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist
gebückter Stellung zu sitzen, der körperlichen Konstitution des Weibes
besonders schädlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschränkung zu.
Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Töchter bürgerlicher
Eltern während der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen über
nervenzerrüttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das
stundenlange nächtliche Tanzen in überhitzten Sälen der Gesundheit
zuträglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen
und akademischen Erziehung nicht auf die männliche Jugend ebenso
traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum
zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesündere Formen der
Ausbildung für alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbürdung
Hand in Hand gehende körperliche Vernachlässigung endgültig über Bord zu
werfen, denn die im ersten Augenblick rührend erscheinende Sorge für die
künftigen Mütter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit
entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die künftigen Väter
verbindet. Vielleicht, daß die Thatsache der mehr und mehr in die
bürgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an
den blassen, rundrückigen, kurzsichtigen männlichen Opfern unserer
wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorübergingen, endlich die Augen
öffnen wird. Damit hätte die Frauenbewegung eine ihrer großen Missionen
erfüllt und bewiesen, daß sie zu jenem frischen Lebensstrom gehört, der
die stagnierenden Gewässer der gegenwärtigen Zustände von innen heraus
aufwühlt und fortschwemmt.
Damit aber wäre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen
Berufsthätigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis
zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen
verlacht und kommt gewöhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige
Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein
anderer vereinbar. Thatsächlich ist dies Argument das schwerwiegendste
und begründetste, und die große Schwierigkeit, es zu widerlegen, drückt
sich schon darin aus, daß die Vertreter der Frauenemanzipation ihm
entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und
oberflächlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Möglichkeit
der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schließlich allein davon
abhängt, ob es steht oder fällt. Angesichts der gegenwärtigen
Verhältnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir
gesehen haben, es hauptsächlich alleinstehende Frauen sind, die in
bürgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel
gesetzt hat, alle Frauen durch selbständige Arbeit aus ihrer
wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht
werden, ob, wie weit und auf welche Weise das überhaupt geschehen kann.
Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder
Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht früh zu seinem
Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach
Hause, und muß meist auch einen großen Teil des Nachmittags seinem
Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort
und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der
Berufsarbeit noch verschärft, so daß nur sehr starke, elastische Geister
sich davor bewahren können, zu bloßen Arbeitsmaschinen einzutrocknen.
Bringen wir in Gedanken zunächst die verheiratete kinderlose Frau in
dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine
selbständige Wirtschaft zu führen hat, ohne Schaden ihren Beruf
ausfüllen kann? Abgesehen davon, daß sie sich natürlich zu derselben
unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr männlicher Kollege,
ist es unseres Erachtens dann möglich, wenn eine zuverlässige
Wirtschafterin ihr die häuslichen Geschäfte abnimmt, denn sich auch mit
ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hieße sich jeder
Ruhe berauben und die Gesundheit vollständig untergraben. In ähnlicher
Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur daß hier die Frage
entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre
dauernde Unterbrechung der Berufsthätigkeit, die jede Möglichkeit, darin
vorwärts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fähigkeit
dafür geraubt hat. Besser wäre es für sie, wenn sie, wie es in England
und Amerika auch häufig geschieht, in einen neuen, für sie geeigneten
Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch
Beteiligung an Wohlthätigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit
vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es käme dabei
wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in
Frage[365], und es ist sicher, daß es für all die Frauen, die sich, sobald
die Kinder das Haus verlassen, plötzlich so gut wie aller Thätigkeit
beraubt sehen und die nur zu häufig in öden Vergnügungen aller Art oder
in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel
des Nichtaltwerdenkönnens bieten, ein Segen wäre, fänden sie ein Feld
für ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau
würde durch Berufsarbeit über viele Klippen und heimliche nagende
Schmerzen leicht hinweggeführt werden.
Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jüngere verheiratete
Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten.
Gemäß den heutigen Verhältnissen, besonders in Europa, kämen
für sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen
vier Wände erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin
und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnärztin, falls die Praxis
beschränkt wird. Aber auch dann muß die Frau verstehen, mit ihrer Zeit
hauszuhalten, muß entweder von vornherein in günstiger Lage sein, um
sich gute Dienstboten halten zu können, oder der Ertrag ihrer Arbeit muß
es ihr ermöglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen,
das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsführung fremden, und--was
die Hauptsache ist--meist ungeschulten Kräften überlassen bleibt. Vor
allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch
an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte,
bis zur körperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der
Oberaufsicht darüber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese
divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte
glücklich zu lösen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der
Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe
unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins
ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus äußeren oder inneren
Gründen, berufsthätig sein muß, ihre Kinderzahl zu beschränken suchen,
denn für die nervösen, degenerierten Damen unserer Zeit ist
Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten
Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die
Mutter stark in Anspruch. Daß unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen
unserer Zeit die bürgerliche Berufsthätigkeit außer dem Hause für die
junge verheiratete Frau unmöglich ist, oder den Ruin der Kinder und der
häuslichen Wirtschaft nachziehen muß, braucht nach alledem nicht noch
bewiesen werden. Geschichten, die häufig von amerikanischen Frauen
erzählt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine große Praxis haben,
daneben den Haushalt persönlich führen und ein Dutzend Kinder
ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Märchen, und nur die
leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der
bürgerlichen Frauenbewegung können naiv genug sein, sie zu verbreiten.
Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation überhaupt? Ganz
und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und
Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden
Zuständen anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der
Frauenbewegung angstvoll zuschauen, müßten sich dazu bereit finden,
statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drängen und der
Zerrüttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der
Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatürliches
brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den
wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam
nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht
werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen käme es darauf an, die
ungeheure Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln, die heute durch
die Masse der Einzelwirtschaften,--den kümmerlichen Rest der großen
Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudämmen. Das
könnte in großen Mietshäusern durch Zentralküchen geschehen, die unter
der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten
Wirtschafterin stehen müßten und in der Lage wären, sich alle modernen
Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen.
Das wäre nicht nur eine große Ersparnis, sondern dadurch würde auch dem
Dilettantismus in der Küche,--in nichts anderem besteht die mit so viel
Aufwand an Sentimentalität festgehaltene Thätigkeit der
Durchschnittsfrau und ihrer Köchin,--ein Ende bereitet, statt daß man
ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernährung des
Menschen es ist, Unheil stiften läßt. Es wäre ferner mit keinen großen
Schwierigkeiten verbunden, für bestimmt umgrenzte Häusergruppen Turn-
und Spielplätze, im Winter in Sälen, im Sommer in Gärten, anzulegen und
auf gemeinsame Kosten der Eltern für ihren Beruf gründlich vorgebildete
Erzieherinnen und Kindergärtnerinnen anzustellen; selbst für die
Kleinsten, die heute gewöhnlich zu verhätschelten Egoisten erzogen
werden, wäre es von großem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der
traurigen Frühreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit
Altersgenossen sich herumtummeln könnten, sondern auch beizeiten
lernten, ihr kleines Ich nicht für den einzigen Mittelpunkt der Welt zu
betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den
Vororten großer Städte, womöglich in Verbindung mit Gruppen kleiner
Familienhäuser, treffen ließen,--es handelt sich ja, wie wir wissen,
zunächst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthätiger
Frauen,--hätten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer
Verfügung, und die übrige Zeit würden sie sich um so frischer und
freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, während heute nur zu
häufig aus geistig angeregten, begabten Mädchen, unter dem Druck der
häuslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlässigung ihrer geistigen
Bedürfnisse, und dem oft herzzerreißenden stillen Kampf zwischen der
nach Leben und Bethätigung drängenden Begabung und den notwendig zu
erfüllenden Pflichten, früh alternde, interesselose, stumpfe Frauen
werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und
Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefährtin sein können.
Natürlich wird diesen Ausführungen das bekannte Schlagwort von der
Auflösung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch
einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu
betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob
nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der
wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehört,
ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, daß
gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen
Strömungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift:
oder werden Mädchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und
Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht für Jahre in Institute,
Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mütterliche Einfluß
wegfällt; und hat sie nicht noch andere, recht schädliche Einrichtungen
hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der
Männer, und zwar in den vorgeschrittensten Ländern am meisten, zwischen
Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst
nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu
folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein
wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu
verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre
Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es,
ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen,
daß die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung
der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergräbt, und es an uns
liegt, den neuen Formen für das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib
und Kind nachzuspüren und sie aufbauen zu helfen.
Für das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten
Anschauungen längst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung,
wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Ansätze
dazu finden sich in den Kindergärten, Kinderhorten, in den vielfach
entstehenden Krippen in der Nähe der mütterlichen Arbeitsstätte, die den
Frauen ermöglichen, ihre Kinder zu nähren; in der Errichtung von
Arbeiterwohnungen, die Zentralküchen, Kinderhorte, Gärten, Säle für
gesellige Zusammenkünfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und
Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunächst fast nur in der Idee
bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schließlich in der
ganzen Gesetzgebung für Arbeiterschutz. Aehnliche Maßregeln werden auch
für bürgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich übrigens sowohl
in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und
mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die
Regelung und Beschränkung der Arbeitszeit für Beamte, Bureauangestellte,
Lehrer und ähnliche Berufsthätige die größte Bedeutung haben.
Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und
Hauswirtschaftsverhältnisse Hand in Hand geht, wird die bürgerliche
Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe
abzuschließen brauchen, sie wird sich auch leichter ermöglichen lassen,
weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz für viele frei wird.
Damit wäre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische
Seite der Frage, deren Erörterung nicht hierher gehört, einzugehen, das
Argument der Gegner, das die körperlichen Funktionen des Weibes als
Hinderung seiner Berufsarbeit auffaßt, zugleich gestützt und widerlegt:
neue wirtschaftliche Gestaltungen, veränderte Arbeitsbedingungen sind
notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel
vollständig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und körperlichem
und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder führen soll. Dabei
gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen
unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger
Persönlichkeit auszubilden verstanden, und die natürliche Sehnsucht
ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Maße besitzen, weil
keine Konvention ihr Herz verkrüppelte, wenden sich doch von der Ehe,
wie sie ihnen heute erscheint, bewußt ab. Denn was sie von ihr sehen,
widerspricht ihrem geistigen und persönlichen Freiheitsbedürfnis und sie
lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkümmern, als daß sie sich zu ihr
entschließen. Und das wird um so häufiger geschehen, je weniger sie
einer Versorgung bedürfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im
stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im
Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die
besten Mütter zu sichern; die Art des Familienlebens müßte sich daher
auch deshalb den neuen Bedürfnissen anpassen.
Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in männliche
Berufssphären findet aber noch andere Begründungen: in dem Hinweis auf
die Menge der männlichen Bewerber drückt sich ein brutaler
Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollständig
überwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in
welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es,
wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schädigung ihrer Weiblichkeit
gefürchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewöhnlich nicht geschieht,
zunächst über diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens läßt er sich
in zwei Worte fassen: Anmut und Güte. Daß diese Eigenschaften, statt
sich zu höchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einfluß des Kampfes
ums Dasein in seinen gegenwärtigen barbarischen Formen verkümmern und
häufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die
drückende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen,
gewähren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre
äußere Erscheinung zu pflegen, ihr Schönheitsbedürfnis zu kultivieren,
und die häufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den
Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rücksichtslos gegen
andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich
allein nur erhalten zu können, ihre natürliche Güte unterdrückt. Dazu
kommt, daß gerade die bürgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die
Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen,
zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der
die Schärfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte.
Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und
Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich
vernachlässigen, männliche Allüren annehmen, ihr Weibsein äußerlich und
innerlich unterdrücken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie
jede soziale und revolutionäre Bewegung sie hervorbringt, und der
Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung für
sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswüchse der Frauenbewegung hervor:
so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr
verschärfen helfen, statt daß der gesunden Tendenz der Frauenbewegung,
die sie wieder einander nähern will, allein nachgegeben würde; so die
von England ausgehende halbmännliche Uniformierung der Frauen mit ihren
großen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhüten und ihren die Brust
zurückdrängenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenüber,
die abzuleugnen Thorheit wäre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob
unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und
Streben nicht auf das männliche Geschlecht in ähnlicher Art einwirkt. Wo
findet sich bei unseren männlichen geistigen Arbeitern, die über
Manuskripten und Büchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch
zuströmen, noch männliche Kraft und Schönheit? Besitzen sie, die in der
Mehrzahl unter der Geißel der Abhängigkeit Frondienste leisten, noch
jene gerühmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhängigkeit? Sind
nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jünger der Wissenschaft, die
Studenten, in einem viel jämmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen
Genossen?
So kann man wohl mit Recht behaupten, daß die Weiblichkeit unter unseren
heutigen Berufs- und Arbeitsverhältnissen Schaden leidet, aber man soll
nicht vergessen, hinzuzufügen, daß die Männlichkeit nicht weniger
geschädigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch gründliche
Reformen vorgebeugt werden kann.
Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem
Gebiet der Wissenschaft und der bürgerlichen Berufe bleibt zu erörtern;
ihre angebliche untergeordnete geistige Befähigung.
Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden,
wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich
sichere Schlüsse über die Begabung der beiden Geschlechter ziehen
ließen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroßer, weil
sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der
Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat
eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt
gezeigt, daß die Mädchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und
Begriffe aus der nächsten Umgebung und dem täglichen Leben überlegen
sind, während die Knaben von äußeren entfernteren Dingen genauer
unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen
Untersuchung stellte es sich heraus, daß Mädchen lieber lernen als
Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mädchen, die für nichts
Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber läßt sich für
unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, daß Mädchen von klein auf
an häusliche Thätigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewöhnt
werden, und Knaben sich meist frei draußen herumtummeln dürfen, also
äußere Dinge kennen lernen, ja daß schon das verschiedenartige Spielzeug
nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden
Mädchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenküchen,
mit Pferden, Viehställen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von
Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an
geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den
Knaben konstatiert wurde, läßt sich sicherlich zum großen Teil auf ihre
frühe geistige Ueberbürdung zurückführen. Vielleicht daß auch die häufig
beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mädchen
in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedächtniskram eine
Erklärung findet, während die vom 20. Jahre ab sich meist geltend
machende Ueberlegenheit der jungen Männer ihre Ursache gewiß darin hat,
daß sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen können, während
das Dasein der Mädchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie
vor dem größten Lehrmeister, der persönlichen Lebenserfahrung, ängstlich
behütet. Auch auf den Umstand, daß Frauen im Bureaudienst mehr Fleiß und
Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der
englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die
Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einfluß gewesen. Und die
andere vielfach auftauchende Klage, daß sie für ihren Dienst wenig
persönliches Interesse haben, wird ebenso wie die häufige Nachlässigkeit
ihrer Vorbildung dadurch vollständig erklärt, daß leider heute noch fast
alle Mädchen in ihrer Erwerbsthätigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem
sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales
Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu überwinden hoffen. Selbst
die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fähigkeit zu raschen
Entschlüssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu
sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des
Charakters, als darauf, daß ihr in bedeutend höherem Maße als dem Mann
mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritäten in ihr
groß gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen
Selbständigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen
anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht
Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil
sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial
ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, daß das rechte Wissen in der
auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewißheit und nicht im bloßen
Nachbeten anderer besteht? Und wie verhält es sich mit dem Mangel an
Energie und Unabhängigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht
vorwirft und auf Grund dessen man meint, daß keine Frau ein Bacon oder
Galilei werden könnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene
Weiblichkeit in ihr groß gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der
bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht?
Mehren sich nicht heute, wo man anfängt, von diesem Ideal sich
abzuwenden, die Zeichen für eine ganz enorme Energie des Weibes und
einen Unabhängigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen
Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkämpferinnen der
Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende
Zahl mutiger und durchaus selbständiger Schriftstellerinnen beider
Hemisphären.
Gewöhnlich wird die geistige Begabung des Weibes für eine so
minderwertige gehalten, daß man sich aus diesem Grunde berechtigt
glaubt, ihr den Zugang zu männlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt
es an vollgültigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil über die
Befähigung der Frauen stützen könnten. Aber selbst Gelehrte, die gewöhnt
sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials
allgemeine Schlüsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom
Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, daß sie in leichtsinnigster
Weise urteilen. So berief sich ein berühmter Mediziner und enragierter
Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Gründen befragte, auf
folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung über
Gehirnanatomie befand sich eine ältere weibliche Hörerin; nach Schluß
der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwähnt hatte, daß das
weibliche Gehirn in seinem Wachstum früher zum Stillstand kommt, und
auch früher abzunehmen beginnt, als das männliche, kam die Dame zu ihm
und sagte, daß sie das nicht glauben könne, denn sie sei doch schon 50
Jahr und fühle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskräfte. "Niemals würde ein
Student," meinte der Professor, "solch eine thörichte, auf rein
subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist
ausschliesslich Frauenart." So gründen viele Universitätslehrer ihre
absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen
Zuhörern machten, aber während die einen,--zumeist solche, die seit
Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor
Winter in München[371],--ihnen das größte Lob erteilen und sie den
Männern völlig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige,
schlecht vorbereitete Schülerinnen haben, von ihrer durchgehenden
Mittelmäßigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den
Frauen die Befähigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf
zuzuerkennen, sie ihnen aber für den ärztlichen vollständig
abzusprechen; sind sie Juristen, so möchten sie ihnen den Bureaudienst
zwar überlassen, halten sie aber für unfähig, als Advokaten oder Richter
zu praktizieren. Demgegenüber stößt uns nicht nur wieder die Frage auf,
ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen
Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkürlich unter den
männlichen Studenten, den männlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob
denn hier nicht auch die Mittelmäßigkeit dominiert, ja, ob die Begabung
überhaupt der Maßstab dafür ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich
vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast
allein den Ausschlag? Sind aber die Männer trotzdem von der
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest überzeugt, so brauchten
sie ja seine Konkurrenz nicht zu fürchten. Wer aber beiden Geschlechtern
durchschnittlich ähnliche Fähigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt
der Frauen in die bürgerlichen Berufe schon darum befürworten, damit
eine genauere Auslese der Besten möglich ist und die Mittelmäßigkeit,
die männliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position
gedrängt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, daß dieser als Folge
der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer
heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die
unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen muß: der Egoismus, der
Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und körperliche
Vernachlässigung, die dadurch schon unter den Männern hervorgebracht
werden, müssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken.
Das abzuleugnen, wäre ebenso thöricht, als es thöricht ist, von der
Zulassung zu den Universitäten und den bürgerlichen Berufen die
Befreiung der Frau zu erwarten.
Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hüten und die
Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen
daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, daß der Eintritt
der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schädlich,
sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken
muß. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das
weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.
Urteilslose Anhänger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu
widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berühmter Frauen von
Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten.
Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das
Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist
uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets
ihre Persönlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und
neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von
ernstem Studium und großem Fleiß und überragen diejenigen vieler Männer
der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine
bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen.
Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklärung abzugeben, daß
die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit,
seine Ausschließung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache
hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn
gehabt für ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam
auf gleiche Stufe zu stellen mit den Männern, und statt über die
geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen über das,
was sie, trotz der Ungunst der Verhältnisse, geleistet haben. Der Mangel
an weiblichen Genies aber läßt sich dadurch noch nicht zur Genüge
erklären und er fällt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der
Kunst, zu dem der Zutritt überdies den Frauen viel leichter gemacht
wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente,
starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine
schöpferische Kraft. Selbst große Dichterinnen wie Annette v.
Droste-Hülshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch
nicht von ferne die Höhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen
sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der männlichen Dichter. Ihre
große Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht,
die sich mit männlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen
könnte, und keine der berühmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als
Tüchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir
noch auf andere Gebiete über, auf denen genialer Erfindungsgeist zum
Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen
haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst,
der Wäscherei und Schneiderei, keinerlei umwälzende Leistungen zu
verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand
sehr nützliche Erfindungen machten. Alledem gegenüber ist man häufig zu
dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine
produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr große
Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als
männliche Virtuosen gäbe. Ich glaube, daß eine Entscheidung hierüber
sich kaum treffen läßt, und daß sie nur in Betreff der Schauspielerinnen
zu Gunsten der Frauen ausfallen könnte. Ich bin vielmehr der
Ueberzeugung, daß die Genialität der Frau auf einem ganz anderen Gebiet
sich zu äußern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der
Menschheit erschließt.
Wir haben gesehen, daß die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der
Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der
Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und
Bureaubeamtin--der Mütterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir
können, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon
konstatieren, daß sie sich in den von ihnen gewählten Berufen ganz
besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, daß fast alle
Wohlthätigkeitsbestrebungen, auch die größten Stils, fast ausschließlich
den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, daß sie sich
überall in wachsendem Maße an allem beteiligen, was unter den Begriff
Sozialreform fällt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr
Bestes leisten. Während sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hängen
pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Männern
überließen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verständnis
und seltener Energie den jüngsten der Wissenschaften, den
Sozialwissenschaften, zu, und kämpfen darum, in ihren Rahmen zu
praktischer Thätigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor
sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persönlichkeit
zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum,
Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um,
wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu
begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes
Hammer, Meißel und Pflugschar als Symbol des Völkerlebens aufzurichten.
Und besteht nicht Genialität im Ausdruck der Persönlichkeit?
Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum
nimmt die Frauenbewegung so große Dimensionen an: weil die Atmosphäre
sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus,
Sklaverei und Krieg im Bewußtsein der Menschheit mehr und mehr als
barbarische Reste einer überwundenen Vergangenheit angesehen werden,
weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes
und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die
ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen
Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es für mich außer
allem Zweifel, daß sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner
recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber
unrecht, wenn sie meinen, daß es eins der Schwäche, der Degeneration
sein wird. Denn erst die Ergänzung der männlichen Begabung durch die
weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch
mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevölkern, kann Wirkungen
hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil
schädigen. Wären die Fähigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wäre
der Eintritt der Frauen in das öffentliche Leben für die Menschheit
vollkommen wertlos und würde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf
hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, daß das ganze Wesen des Weibes ein
vom Manne verschiedenes ist, daß es ein neues belebendes Prinzip im
Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie
trotz mißgünstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen
Revolution.
Die bürgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen
Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche
Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie
spitzt sich um so mehr zu, je größer der Frauenüberschuß ist, je
geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegensätze zwischen
Einnahmen und Bedürfnissen sich gestalten. Die Eröffnung der
Universitäten, der höheren Lehranstalten aller Art und der bürgerlichen
Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lösung der Frauenfrage; unter
den bestehenden Verhältnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die
Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber
auch eine Reihe von Uebelständen, die in dem immer heftiger werdenden
Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schärfsten Ausdruck kommen, nach
sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die
körperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder
nachteilig einwirken, und der Thatsache, daß von ihrer wirtschaftlichen
Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen,
die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Maße zum Erwerb
gezwungen sind, durch Arbeit ökonomisch selbständig zu werden vermögen,
ist eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs-
und Hauswirtschaftsverhältnisse und der Formen des Familienlebens die
unausbleibliche Voraussetzung der Lösung der wirtschaftlichen Seite der
Frauenfrage. Ein Urteil über den Wert des Anteils der Frauen an der
bürgerlichen Berufsthätigkeit wird auch erst dann zu fällen möglich
sein, wenn ihre individuellen Fähigkeiten ungehemmt zur Entwicklung
gelangen können, und die eigentümliche Genialität der Frau sich
entfalten kann.
Damit ist auch über die heutige bürgerliche Frauenbewegung, die sich
weder ihrer treibenden Kräfte vollkommen bewußt wird, noch ihre letzten
Konsequenzen klar ins Auge faßt und eingesteht, das Urteil gesprochen.
Das höchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu
führen, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide
Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen
können.