Berufe 1870 1880 1890
Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen
Künstler und Kunstlehrer 89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08
Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54
Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84
Buchhalter und Kommis 96,53 3,47 92,90 7,10 83,07 16,93
Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in
rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe drängt, und es läßt
sich daraus schließen, daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern
zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort ihnen öffnen.
Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und
Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich läßt sich unschwer
der Beweis dafür erbringen:
Oesterreich Deutschland
Zunahme der Zunahme der
Männer Frauen Männer Frauen
Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84
Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21
Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der
bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. Dafür spricht auch der Umstand, daß
jeder offenen Stelle eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen
gegenüberstehen, die natürlich dort den größten Umfang annimmt, wo die
arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben.
Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich
bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193
offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben
hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die
jährlich höchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als
6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crédit Lyonnais zählte für ca. 80
Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im
Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen
zeigen nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die Mädchen
aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie für
die Proletarierinnen, sie sprechen auch für die wachsende Not, die sie
zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafür ist die rasche
Zunahme der weiblichen Studenten. An den preußischen Universitäten, die
sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem
vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer
Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340]
Diese Zahlen würden noch bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium
und der Eintritt in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer
forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden
sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb zu
gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit
und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Züge in der
bürgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an
dieser Stelle erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr
Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:
Auf 100 Erwerbsthätige in bürgerlichen
Länder Berufen kommen verheiratete Frauen
Deutschland 15,02
Oesterreich 36,22
Vereinigte Staaten 8,92
Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der
Männer gegen die Zulassung der Frauen zu bürgerlichen Berufen ausdrückt,
ist daher nicht unbegründet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die
Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung
unterziehen. Ueberall, selbst in den Ländern, wo die Frauenarbeit die
glänzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, daß ihre Bewertung, auch
bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Männer. In den
Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars
wöchentlich, ihre männlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars.
Männliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000
Dollars jährlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem
Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Höchstgehalt von 1200
Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehälter der Lehrer und
Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschluß:[341]
Durchschnittlicher Verdienst der
Männer Frauen
New York 74,95 $ 51,33 $
Massachusetts 128,55 $ 48,38 $
Rhode Island 101,83 $ 50,06 $
Connecticut 85,58 $ 41,88 $
Delaware 36,60 $ 34,08 $
Maryland 48,00 $ 40,40 $
South-Carolina 25,46 $ 22,32 $
Florida 35,50 $ 34,00 $
Der Umstand, daß der weitaus größte Teil der Lehrer in Amerika Frauen
sind, fällt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, daß die
Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern
geringerer Ansprüche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das
rasche Vordringen der Engländerin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken.
Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden
Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund
jährlich,--fast die Hälfte dessen, was ihren männlichen Kollegen
zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an höheren Mädchenschulen
sind in keiner günstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur
eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen
von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200
Pfund. Noch schlechter sind die Verhältnisse der Volksschullehrerinnen,
die von der Girls Day School Company angestellt werden und
durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jährlichen Gehalt beziehen! Die
Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch
nur in Ausnahmefällen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhöhen.[343]
Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschließlich
bürgerlichen Kreisen entstammen, werden für ihre aufopfernde Thätigkeit
in ungenügender Weise entschädigt: neben Wohnung und Beköstigung
erhalten sie 12 bis 30 Pfund jährlich. Selbst die vom Staat angestellten
Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer
glänzenden Stellung, da der größte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im
Jahr bezieht, ihre männlichen Kollegen erhalten für gleiche Leistungen
ein Mindestgehalt von 70 Pfund und während sie in den höheren Stellungen
eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben
Stellungen im günstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches läßt sich von
den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund
im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der
Männer.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in
Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die
weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein
Anfangsgehalt von 1000 Frs., die männlichen bei gleicher Leistung 1500
Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der
Männer alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Höchstgehalt der Frauen endlich
beträgt 1800 Frs., das der Männer dagegen weit über das Doppelte,
nämlich 4000 Frs.[346]
Trauriger noch sind die Zustände in Deutschland und Oesterreich. Giebt
es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300
bis 450 Mk. beträgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders
schlecht gestellten Wäschenäherin vergleichen läßt. Eine
Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer
bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jähriger angestrengter
Thätigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht
sie nach 20jährigem Dienst ein Höchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei
Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt
von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehälter der
Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den höheren Mädchenschulen stehen,
zeigt folgende Tabelle über ihre niedrigsten und höchsten Einnahmen an
den genannten Orten:[348]
Lehrerinnen Lehrer
Berlin 1800-2600 Mk. 2800-6000 Mk.
Breslau 1300-2300 " 1800-4550 "
Danzig 1200-2000 " 1800-4850 "
Hannover 1000-2000 " 2250-5150 "
Kassel 1200-1950 " 2600-5150 "
Köln 1200-2200 " 1800-6075 "
Dabei ist berechnet worden, daß eine großstädtische Lehrerin bei
bescheidensten Ansprüchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben muß.
Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo
sie häufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein müssen[349] und überdies durch
Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten
für Lehrerinnen für ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die
Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewähren, die, unter
Verzicht auf persönliches Lebensglück, ihre besten Jahre der
Heranbildung der Töchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug:
sie beträgt 405 bis 912 Mk. jährlich;--es liegt grimmiger Hohn darin,
diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist
auch für die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten
Jahren kaum existieren kann, ohne Vermögen zu besitzen, oder--der
häufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Kräfte aufzureiben,
so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht
aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre
Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab läuft, um
sich noch ein paar Mark zu verdienen.
Die Handelsangestellten befinden sich in keiner günstigeren Lage, als
die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag
als Höchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Männer in
gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehälter zwischen 20 und
30 Mk. monatlich gehören, besonders in der Provinz, nicht zu den
Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, daß
eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. für die Handelsangestellten
ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner
Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich
ihre Ausgaben für Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wäsche,
Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergnügungen ganz
abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von
28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Für Oesterreich werden
die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaßen berechnet: 60
Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10
Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf
noch höhere Gehälter. Trotz dieser jämmerlichen Bezahlung drängen sich
die Mädchen zum kaufmännischen Beruf; so mußte z.B. eine der
unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352]
Die männlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40
Gulden zu beziehen und stehen nach längerem Dienst unverhältnismäßig
günstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt
von 360 bis 600 Gulden jährlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme
von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhältnisse bei den
Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden
monatlich, das alle fünf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den
Höchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hälfte der
Angestellten beziehen gegenwärtig den niedrigsten Gehalt, und während
die Bezüge der männlichen Beamten, von denen keine höhere Vorbildung und
keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal,
wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei
Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschäftigt, für die Frauen
unverändert geblieben. Die Pensionen, die nur bei völliger
Dienstunfähigkeit gewährt werden, entsprechen dem Gehalt: nach
dreißigjährigem Dienst, dem längsten, der nach den gemachten Erfahrungen
erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354]
Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja
geradezu haarsträubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie
nutzen die Zwangslage, in der sich die Mädchen dadurch befinden, daß sie
erst nach zweijähriger Lehrthätigkeit zur Lehrbefähigungsprüfung, die
sie in eine höhere Gehaltsstufe aufrücken läßt, zugelassen werden, aus,
indem sie die jungen Lehrerinnen großenteils--umsonst arbeiten lassen.
Es kommt vor, daß die Entschädigung für 4 bis 5 Stunden Unterricht im
Gabelfrühstück besteht; in den Klosterschulen werden die Volontärinnen
am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock
belohnt. Nur wenige Institute gewähren ein Höchstgehalt von 30 bis 35
Gulden während der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15
oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach
zweijähriger Arbeit unter den elendesten Verhältnissen gelungen, eine
Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunächst auf 1,16
bis 1,33 Gulden täglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis
15 Jahre in ähnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um
Industrielehrerinnen, so können sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen
von 450 bis 600 Gulden rechnen, müssen aber auch darauf gefaßt sein,
jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind für sehr bescheidene
Bedürfnisse die notwendigen Ausgaben einer in bürgerlichen Berufen
thätigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben für
Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten,
Bildungsmittel, Vergnügungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat
sich ergeben, daß 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358]
Es zeigt sich also auch hier, daß die Einnahmen zu den Ausgaben in
schreiendem Mißverhältnis stehen.
Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden
Frau, das auf alle Länder gleichmäßig paßt, behandelt die Lage der
Bühnenkünstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen häufig dem der
Männer gleichzustehen, thatsächlich ist es ganz bedeutend geringer, weil
Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Männern
keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bühnen, auch die
historischen Kostüme selbst zu beschaffen haben, die ihren männlichen
Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen für
Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden
hinab, auf denen noch, als eine unerträgliche Steuer, die Prozentabgaben
an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Höhe,
die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Großstädten
die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage
verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen
großen Toiletteaufwand garantieren, Überhand nimmt.[359]
Werfen wir noch einen Blick auf die große, rasch wachsende Zahl der
weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, daß ihre starke Mitarbeit
an Familienblättern zweiten und dritten Ranges zum größten Teil auf ihre
geringen Ansprüche zurückzuführen ist. Selbst in England, dem Dorado
schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen,
die, dank ihres Talents, glänzend situiert sind. Im allgemeinen können
100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360]
Dasselbe gilt für die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend
schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie
die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thätigen Frauen, geben sich mit
Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen würde,
anzubieten.
Das rasche Vordringen der Frau in die bürgerlichen Berufe läßt sich
nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere
Ansprüche erklären; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder
Fabrikant, der Arbeiterinnen beschäftigt: es ist für ihn eine Ersparnis.
Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den
verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunächst ist die Frau als
selbständig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem
durch den Mann zu ernährenden Weibe, vollständig widerspricht. Die
Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur für einen Zuschuß zum
Lebensunterhalt, nicht für seine vollständigen Kosten, und der
sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen.
Menschenfreunde dem armen Mädchen helfen wollen, entspringt demselben
Boden, aus dem der rohe Cynismus wächst, mit dem Kaufleute und
Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu
treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der
Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau
für die Berufsarbeit eine unzulängliche und der dadurch erzeugte
Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen,
unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die
dasselbe leisten wie die Männer. Und noch ein anderes, für die
bürgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine
große Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollständig auf ihre
Erträgnisse angewiesen; sei es, daß sie bei den Eltern wohnen und nur
ein Nadelgeld verdienen müssen, sei es, daß sie eine Rente beziehen, die
nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der
Lage, die Männer, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not
leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das
skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidaritätsgefühl. Ihre
jahrhundertelange Vereinzelung als Töchter, Gattinnen und Mütter--jede
in einer engen Welt für sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch
gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das
sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lösen helfen. Solange aber
Beamtentöchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen
wünschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken,
solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im
Erwerbsleben nicht zu Ende geführt werden können.