Gartenbauschule von Swanley[275]. Durch ihre Erfolge wurde den Frauen
auch die Schule der königlichen botanischen Gesellschaft zugänglich.
Eine landwirtschaftliche Schule, die statutengemäß ausschließlich für
gentlewomen, d.h. Frauen der bürgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete
Lady Warwick auf ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Gärtnerei
die Geflügel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis neuer
$Arbeitsmöglichkeiten einbezog, so geschieht es auch durch die von den
Grafschaftsräten und Gemeinden vielfach ins Leben gerufenen
landwirtschaftlichen Schulen; auch die landwirtschaftliche Nationalunion
von Großbritannien hat sich durch Gründung eines Frauenzweigvereins der
Sache angenommen. Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am
St. Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, nachdem
ihr im Krimkrieg die Schäden der dilettantischen Krankenpflege traurig
genug bekannt geworden waren, wurde auch dieser Beruf ein Erwerbsberuf
gebildeter Frauen. So giebt es kaum ein Gebiet des Berufslebens, für das
die Engländerinnen sich nicht vorbereiten könnten. Im Unterschied von
Amerika aber ist die Erziehung der Geschlechter,--mit Ausnahme von
Irland, wo kürzlich der Versuch eines für Knaben und Mädchen gemeinsamen
Colleges gemacht wurde,--fast durchweg eine getrennte. Daraus ergeben
sich sowohl praktische als psychologische Folgen schädlichster Natur und
die Ausbildung der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie
z.B. in zwei Jahren zu Landschaftsgärtnern vorbereitet, während Männer
dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und fast alle, für
das weibliche Geschlecht allein eingerichteten kaufmännischen und
künstlerischen Schulen haben einen kürzeren oder weniger gründlichen
Studiengang, als die für Männer bestimmten. Andererseits wird aber auch
durch das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern,
der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch verschärft, statt
daß er durch gemeinschaftliche Erziehung hätte gemildert werden und der
Begriff der Interessengemeinschaft seine Stelle hätte einnehmen können.
Der Zugang zu bürgerlichen Berufen wurde den Engländerinnen im
allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie waren nicht nur seit den
Zeiten des Feudalismus keine unbekannte Erscheinung im öffentlichen
Leben, sie hatten auch durch frühe, ausgedehnte und vortrefflich
organisierte philanthropische Thätigkeit für ihr Verständnis und ihre
Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der Reformatorin des
Gefängniswesens, bis zu Beatrice Webb finden wir eine Reihe bedeutender
Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr als durch ihre Worte für das
Recht der Frau auf Arbeit kämpften. So konnte die Regierung schon 1873
den Versuch machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor
der unter dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen,
und wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der
Schulverhältnisse berufen und ihr eine außerordentlich wertvolle Arbeit
zu verdanken hatte, so übergab sie nach und nach immer häufiger Frauen
wichtige Aufgaben. Von einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung
einer Kommission zur Untersuchung der Arbeiterverhältnisse, in der vier
Frauen mit Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden.
Sie bewährten sich so, daß kurze Zeit später eine von ihnen, Miß
Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine andere, Miß Collet, als
Korrespondentin des Labour Department angestellt wurde. Auch Aerztinnen
wurden als Bezirksärzte, als Sanitätsinspektorinnen, als Leiter
öffentlicher Krankenhäuser,--besonders in den Kolonieen,--Beamte der
Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement beschäftigt.
Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem Besitz der
privaten Gesellschaft übernommen und die weiblichen Angestellten
beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften Agitation dagegen,--der
einzigen, die in so großem Stil gegen das Eindringen der Frauen in
bürgerliche Berufe in England entfaltet wurde,--Frauen bei den
Postsparkassen angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und
Telegraphendienst Großbritanniens.[276] Unter ihnen giebt es eine
Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern emporgestiegen sind. Fast
in allen Ministerien beschäftigt die Regierung Beamtinnen, ebenso in der
Gefängnisverwaltung und -Aufsicht, auf königlichen Observatorien und als
Assistenten der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen
jedoch befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren führte Miss
Abraham ziemlich selbständig die Geschäfte des aus 7 Personen
bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch infolge ihrer
Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die weiblichen Inspektoren
unter die Leitung des männlichen Oberinspektors zu stellen. Es scheint,
daß sich in der: Zurückdrängung der Frauen auf untergeordnete Stellungen
der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben ausdrückt. Er
spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen ebenso ab, obwohl die
Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und segensreicher wirkt, als im
Dienst der Regierung. Wohl haben die Frauenvereine in jedem Ort, fast in
jeder Gemeinde um die Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen
müssen, jetzt aber können sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden
sie als Schul-, Sanitäts und Handelsinspektoren, als Polizeimatronen und
Leiterinnen öffentlicher Anstalten aller Art, als Standes- und
Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als Steuererheber, als
Landschaftsgärtner öffentlicher Anlagen und als Dozentinnen in den
Haushaltungs- und landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsräte
thätig, aber Gemeindevorsteher und Bürgermeister wie in Amerika finden
wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die
persönliche Leistungsfähigkeit allein den Ausschlag giebt. Nicht
nur, daß weibliche Handelsangestellte, Stenographinnen und
Maschinenschreiberinnen vor den Männern schon vielfach den Vorzug
erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich zu Leiterinnen großer
Geschäfte, selbst zu Bankiers empor, die, obwohl die Börse ihnen
verschlossen ist, zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der
Privatgelehrten und Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter
nimmt Jahr um Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen
fernliegenden Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thätig
und zwar mit solchem Erfolg, daß kürzlich eine von ihnen zum Mitglied
der sehr exklusiven Königlichen Gesellschaft der Architekten gewählt
wurde. Unter den gelehrten Berufen aber ist der medizinische derjenige,
in dem die Frauen in England wie in Amerika sich am meisten auszeichnen.
Sie erfreuen sich großer Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch
den Konkurrenzneid der Männer soweit besiegte, daß sie vor wenigen
Jahren Mrs. Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer großen Abteilung der
fast nur aus Männern bestehenden medizinischen Gesellschaft erwählten.
Am stärksten ist natürlich das weibliche Geschlecht im Lehrberuf
vertreten. Nicht nur, daß sie die männlichen Lehrer an Zahl überwiegen,
es ist ihnen gelungen, leitende Stellungen, auch an Knabenschulen zu
erobern. Dabei muß eingeschaltet werden, daß das englische höhere
Schulwesen ausschließlich in Privathänden ruht, weder Staatshilfe noch
Staatsaufsicht genießt und die Gesellschaften, die es leiten, zum großen
Teil auch aus Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische
Lehrerin zu solcher Bedeutung gelangen. Die männlichen Staats- und
Lokalverwaltungen repräsentieren immer eine konservative Macht, die nur
schwerfällig vorwärts schreitet. Das zeigt sich auch dort, wo die Frau
solche Stellungen zu erreichen strebt, auf deren Gewährung die Behörden,
vom eingewurzelten Vorurteil überdies unterstützt, irgend welchen
Einfluß üben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und Unterricht waren
seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der Familien und des
Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn über die
ursprünglichen Grenzen herauszuführen, um zur Armenpflegerin und
Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu führen. Berufe aber, die nicht
von Anfang an mit dem Weib als Geschlechtswesen in engem Zusammenhang
standen, galten von vornherein für unweiblich und wurden ihr daher
verschlossen. So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des
Geistlichen und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen
und Missionarinnen, die Hochkirche läßt sie ebensowenig zu wie die
lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten dürfen Frauen
seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten schließt jeder
Gerichtshof vorläufig noch aus.
Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung und Ziel
gegeben und sie in den revolutionären Stürmen des 19. Jahrhunderts
jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb schließlich in seinen
Erfolgen hinter Amerika und England zurück. Die Ursache davon ist
vorwiegend in der durch die Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen
zivilrechtlich ungünstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die
Frauenbewegung sich von der Reaktion der fünfziger Jahre erholt hatte,
verwandte sie ihre besten Kräfte auf den Kampf gegen eine Unterdrückung,
die wohl geeignet war, jedes Vorwärtsstreben zu erschweren. Ihre
Agitation für höheren Unterricht und Zulassung zu bürgerlichen Berufen
war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine lebhafte.
Zunächst galt es, die teilweise Eröffnung der Universität nicht dadurch
illusorisch werden zu lassen, daß die Erfüllung der Vorbedingungen nicht
vorhanden war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der
Einrichtung freier Vortragskurse für Mädchen, ohne Erfolg zu haben. Auch
die Privatanstalten genügten nicht. Legouvé, der nach wie vor an der
Spitze dieser Bewegung stand, sammelte schließlich eine immer größere
Zahl von Frauen und Männern um sich, die für die Idee der staatlichen
Intervention eintraten und die Errichtung von Mädchengymnasien
verlangten, die denen für Knaben entsprechen sollten. Aber erst im Jahre
1880 setzte Camille Sée ein Gesetz durch, wonach der Staat sich
verpflichtete, mit Unterstützung der Kommunen höhere Mädchenschulen ins
Leben zu rufen. Wenn dies Gesetz auch den Wünschen der Frauen und ihrer
Freunde noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die
neuen Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 städtische
bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu Gymnasien,
so war die Anerkennung der Notwendigkeit höherer Frauenbildung durch den
Staat immerhin ein Fortschritt. Seine Bedeutung ist um so größer, als
von vornherein ausschließlich Frauen zu Leitern und Lehrern in den
Lyceen bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs
mit sich und führte schon ein Jahr später zur Gründung der Ecole normale
in Sèvres, an der die Ausbildung der dem höheren Mädchenunterricht sich
widmenden Frauen erfolgt[277], soweit sie sich nicht durch
Universitätsstudien vorbereiten. Seit 1870 schon stehen ihnen, mit
Ausnahme der theologischen, nicht nur sämtliche Fakultäten offen, sie
können auch dieselben Grade erwerben wie die Männer. Auf dem Gebiet der
Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kämpfen, der bis heute noch
nicht ganz zum Ziele führte: Zur klinischen und chirurgischen Ausbildung
und dem damit verbundenen Examen wurde ihnen gar nicht oder nur
ausnahmsweise Zulaß gewährt. Schließlich erreichten sie es, in den
Pariser Spitälern vier Jahre studieren zu dürfen, ohne daß man sie
jedoch zu den höheren Prüfungen zuließ. Die Studenten sowohl wie die
Aerzte waren während des ganzen Kampfes ihre ausgesprochenen Gegner.
Auch auf einem anderen Gebiete, dem des künstlerischen Studiums, war von
einer Gleichberechtigung der Frauen lange Zeit hindurch keine Rede.
Selbst die Leistungen einer Rosa Bonheur, einer Vigé-Lebrun waren nicht
im stande gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu
ermöglichen. Die traditionelle Meinung, daß die guten Sitten dadurch
verletzt würden, mußte hier ebenso wie beim klinischen Unterricht als
Vorwand der Ausschließung dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die
französische Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur
Gründung von zwei Ateliers für Schülerinnen, um damit dem Vorurteil der
gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu kommen.
Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und kaufmännischen
Unterrichts der Frauen einer Lösung entgegen. Schon 1870 zählten die
fünf Pariser kaufmännischen Schulen 800 Schülerinnen. In den Provinzen
entstanden, zum Teil durch die Kommunen, ähnliche Anstalten, deren
starke Frequenz dafür Zeugnis ablegt, daß sie einem dringenden Bedürfnis
entsprechen.
Die Frau im kaufmännischen Beruf ist denn auch seit langem eine
wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rühmt ihr allgemein ihre
Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, die ihr Geschäft
wirklich ganz selbständig leiten, sind hier daher verhältnismäßig
häufiger zu finden, als in anderen Ländern. Schon in den
fünfziger Jahren wurden ihre Talente dadurch anerkannt, daß die
Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux anzustellen,
und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts Frauen im Postdienst
beschäftigt hatte, vermehrte ihre Zahl von 1877 ab bedeutend.[278]
Außerdem vertraute er sämtliche Tabakgeschäfte--die Tabakfabrikation und
der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol--, Frauen an, und
beschäftigt eine große Zahl von ihnen in der Bank von Frankreich. Im
übrigen ist die Zahl der staatlich angestellten Frauen gering und sie
befinden sich fast ausschließlich in untergeordneten Stellungen. Den
höchsten Rang nehmen die Gefängnis- und Schulinspektorinnen--von denen
es allerdings nur drei giebt--ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden
nur das Amt von Assistentinnen, haben sich aber so bewährt, daß z.B.
allein im Seine-Departement 14 thätig sind. Außer ihnen sind weibliche
Staatsbeamte als Gefangenenwärter, als Lehrerinnen in Taubstummen- und
Hebammenschulen zu finden. Seit einiger Zeit hat die Regierung auch
Aerztinnen in ihren Dienst genommen: Madame Sarraute wirkt an der großen
Oper; für das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen
angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen
angeschlossen oder an staatlichen Mädchenlyceen verwendet.[279] Von
allen Frauen werden natürlich Lehrerinnen vom Staat und von den Kommunen
am meisten beschäftigt. Ihr Einfluß reicht soweit, daß sie sowohl den
Departementsräten als dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder
angehören können. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an
der Universität zugelassen zu werden oder die Leitung eines Hospitals in
die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene oder besser bezahlte
Stellungen handelt, hört auch bei den damenfreundlichen Franzosen das
Entgegenkommen auf. Trotzdem wird der Zugang zu bürgerlichen Berufen den
Frauen leichter gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der
stagnierenden Bevölkerung die Konkurrenz keine so lebhafte ist, sei es,
weil die Französinnen der bürgerlichen Kreise selbst noch nicht nach Amt
und Brot so heftig zu streben gezwungen sind. Unter den Studentinnen
giebt es wenig geborene Französinnen, selbst unter den Aerztinnen, von
denen in Paris allein 77 eine große Praxis ausüben, sind viele
Ausländerinnen. Neuerdings hat die französische Frauenbewegung dadurch
einen wichtigen Schritt vorwärts gethan, daß die Frauen zur Advokatur
zugelassen wurden. Es war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz
der Zulassung zum juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor
Jahren glänzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, um
zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der
Rechtsanwälte hatten Frauen festen Fuß gefaßt. 1899 jedoch nahm die
Kammer einen Antrag des sozialistischen Abgeordneten Viviani an, der die
Zulassung der Frauen zur Advokatur forderte. Im Herbst 1900 bestätigte
der Senat das Votum und ein Vierteljahr später wurde die erste
Advokatin, Madame S. Balachowski-Petit, feierlich vereidet.
Unter den bürgerlichen Berufen privater Natur, in denen die Französinnen
thätig sind, wird einer von ihnen besonders geschätzt: der
schriftstellerische und journalistische. Von jeher haben sich die
Französinnen durch ihre Gewandtheit, mit der Feder umzugehen,
hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de Staël, Georges Sand, Madame
d'Agoult (Daniel Stern), neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die
Gyp und viele andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen
Ländern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen Talente
zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem Titel La
Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja sogar gedruckte
politische Tageszeitung gründete. So wenig solch ein Unternehmen auch
dem wirklichen Fortschritt entspricht und im Interesse der
Frauenbewegung gelegen ist--denn erst das Zusammenarbeiten von Mann und
Weib auf gleichen Gebieten und unter gleichen Bedingungen würde ihre
Kräfte stählen und erproben--, so liefert es doch für die Fähigkeiten
der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen Erwerbsmöglichkeiten.
Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der bürgerlichen
Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in demselben Tempo
erfolgt, wie man es nach den Anfängen der französischen Frauenbewegung
hätte annehmen können, und in dem, was erreicht wurde, ist es von
manchen anderen Ländern überflügelt worden.
Nur ein flüchtiger Ueberblick,--die Schilderung der Frauenbewegung eines
jeden Landes würde ins Endlose führen und im großen und ganzen dieselben
Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,--soll den
Beweis dafür erbringen.
In Rußland, das schon in den sechziger Jahren Universitäts- und
medizinische Kurse eingerichtet hatte, vermochte selbst die mehr als
zehnjährige Reaktionszeit von 1882 an, während der das Studium der
Medizin den Frauen nicht gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache
nicht Einhalt zu gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52
Aerztinnen. 1896 erfolgte dann die Neueröffnung der medizinischen
Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden läßt, wie
sie die Männer erhalten, und sie denselben Prüfungen unterwirft. Sowohl
in Moskau als in Kiew können sie unter gleichen Verhältnissen Medizin
studieren, außerdem steht ihnen in Petersburg ein orientalisches Seminar
zur Verfügung. Die Vorbereitung zur Universität vermitteln die schon
1868 von Frauen gegründeten und geleiteten höheren Frauenkurse, die mit
der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung immer
besser ausgebildet wurden. Außer ihnen bestehen noch klassische
Mädchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum Universitätsstudium
berechtigt, und 350 Mädchenlyceen, die in manchen Punkten unseren
höheren Töchterschulen ähnlich sind, in anderen wieder,--z.B. werden die
klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur fakultativ
ist,--weit über sie hinaus gehen.[280] Besonders hoch steht in Rußland
die Ausbildung der Lehrerinnen. Nicht nur, daß sie großenteils
Universitätsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den "Instituten der
Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei unterstehen, eine ebenso
billige wie vortreffliche Erziehung geboten, die sie, nach Absolvierung
der Prüfungen, zum Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf
berechtigt. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß
unter den russischen Frauen die Lehrerin die Trägerin nicht nur der
Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Beförderin der
Volksaufklärung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre Leistungen
fanden soweit öffentliche Anerkennung, daß Mädchenschulen und
Mädchengymnasien großenteils weibliche Lehrkräfte und sogar weibliche
Direktoren haben, die allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in
einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis stehen.
Einer großen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte, deren
staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im Gegensatz zu der
herkömmlichen Ansicht, daß Frauen großen körperlichen Strapazen nicht
gewachsen sind, hat es sich gezeigt, daß gerade die Landärztinnen, die
gezwungen sind, unter elenden Verhältnissen, inmitten einer rohen
Bevölkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen Schauern eines
russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich außerordentlich
bewähren. Aber auch in den Großstädten sind sie mit Erfolg thätig. In
Petersburg, wo neben 21 männlichen 15 weibliche Bezirksärzte und
außerdem 35 Aerztinnen in staatlichen Krankenhäusern Anstellung
fanden[281], hat der Magistrat in einem offiziellen Bericht
festgestellt, daß auf einen männlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf
einen weiblichen 7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum
bevorzugt werden. Außer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen
Apotheker eines guten Rufs. Noch ein anderer für die russischen
Verhältnisse wichtiger Frauenberuf findet die Unterstützung des Staates:
Seit kurzem hat das Ministerium für Landwirtschaft landwirtschaftliche
Lehranstalten für Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in
denen sie sich für alle in Betracht kommenden Fächer ausbilden können.
Die ersten, die ihre Studien zu Ende führten, wurden von der Regierung
teils in den Bureaux des Ministeriums, teils als Inspektorinnen
angestellt. Auch der Frage der Fabrikinspektoren ist Rußland in
ähnlicher Weise nahegetreten, indem es zunächst die Einrichtung von
Unterrichtskursen plant, deren Schülerinnen dann als Aufsichtsbeamte
Verwendung finden sollen. Als ein großer Erfolg kann es ferner
betrachtet werden, daß die Staatsbank Frauen beschäftigt. Diese
Unterstützung, die seitens der öffentlichen Verwaltung der
Frauenbewegung zu teil wird, läßt sich wesentlich aus dem Mangel an
Arbeitskräften erklären und der geringe Widerstand, der ihr seitens der
Männer entgegengesetzt wird, hat seinen Grund darin, daß das riesige
Land und das große Volk besonders für Lehrer und Aerzte noch unendlich
viel Platz haben.
Noch weiter vorgeschritten als Rußland ist Finland, wo Gymnasien und
Universität dem weiblichen Geschlecht mit gleichen Rechten offen stehen,
wie dem männlichen. Hier finden sich neben staatlich angestellten
Aerztinnen auch weibliche Armenpfleger und Direktoren von Armenhäusern.
In den Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und
Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse hervorgethan.
Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitäten den Frauen
eröffnete und ihnen die medizinische Laufbahn erschloß, gewährt
ihnen heute fast überall dieselben Rechte wie den Männern. Die
Mädchenschulen, an die sich Gymnasialklassen anschließen, bereiten zum
Abiturientenexamen vor, das auch von den Mädchen mit Vorliebe gemacht
wird, die nicht das Universitätsstudium daran schließen; infolgedessen
ist die Bildung der Schwedinnen eine im allgemeinen hohe. Seit Sonja
Kowalewska als erster weiblicher Dozent den Lehrstuhl für Mathematik in
Stockholm bestieg, steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen
Fries war ihre nächste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson
zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universität berufen. Ein
Jahr später wurde eine Aerztin am Pathologisch-Anatomischen Institut der
Stockholmer medizinischen Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an
der Lehrerschaft Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, können schon
seit 15 Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehörden werden, auch als
Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen Verwendung.
Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur zugelassen.
Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste
juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf die Seite der
Frauen gestellt, daß sogar ihre Zulassung zum Verwaltungsdienst und zum
Notarberuf erfolgte,[282] Die Universität, die ihnen erst 1880 eröffnet
wurde, läßt sie heute zu jedem Studium und zu allen Prüfungen zu, ebenso
sind die Gymnasien ihnen geöffnet. Apothekerinnen und Aerztinnen,
Gymnasiallehrerinnen und Schulinspektorinnen sind schon lange eine
gewohnte Erscheinung. Im Post- und Telegraphendienst befinden sich
Frauen in Norwegen und Schweden schon seit 1857 resp. 1860.
Dänemark steht hinter den genannten Ländern zurück. Zwar läßt die
Universität Kopenhagen seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu,
Aerztinnen sind den Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehörden haben
weibliche Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und
der Staat stellt nur selten weibliche Beamte an.
Ein ähnliches Verhältnis besteht in Belgien, wo sogar die Aerztinnen
ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen können. Besonders gut
eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und landwirtschaftliche
Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat dadurch unterstützt wird, daß
landwirtschaftliche Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und
Leitung praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen
heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kämpfen bisher die Frauen
unter Führung der Juristin Marie Popelin um Zulassung zur
Advokatur.[283]
Weit größere Fortschritte hat die holländische Frauenbewegung zu
verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung genießen
die Frauen genau dieselben Vorteile wie die Männer. Auch die
Gymnasien besuchen Knaben und Mädchen gemeinsam. Ebenso ist kein
wissenschaftlicher Beruf ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit
erfreuen sich die weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Fräulein Dr. von
Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die
Universität Utrecht berufen. Unter den drei von der Kommunal-Verwaltung
Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine Frau, und die
medizinische Examinationskommission hat seit 1898 auch ein weibliches
Mitglied. Im Staatsdienst steht außerdem eine Assistentin der
Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings erst das Ergebnis einer
sehr langen Agitation gewesen ist.
Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universitätsstudium zuließ, ist ihrem
frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu geblieben. Zunächst spricht die
steigende Verwendung von Lehrerinnen dafür: seit 1871 haben sie um 87
Proz., die Lehrer nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch stärkeren Beweis
liefert der Umstand, daß die Frauen nicht nur als Schulräte,
Schulinspektoren, Armenpfleger und,--wenn auch vorläufig in geringem
Umfang,--als Arbeitsinspektoren thätig sind, sondern daß ihnen auch das
Recht gewährt wurde, Lehrstühle der Universitäten einzunehmen, sowie
seit 1899 als Rechtsanwälte zu praktizieren.
Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht verleugnet. Wie im
Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche Dozenten an den
Universitäten, die den weiblichen Studenten nie verschlossen waren, und
in denen sie seit 1890 den männlichen in jeder Beziehung gleichstehen.
Die Knabengymnasien werden auch von Mädchen besucht, außerdem existieren
noch besondere Mädchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, von denen das
erste 1891 vom Kultusministerium in Rom eröffnet wurde. Schon 1868
stellte der Staat die erste Schulinspektorin an[284]; heute sind doppelt
soviel Lehrerinnen als Lehrer thätig und wirken sowohl an Knaben- wie an
Mädchenschulen. Aerztinnen und Apothekerinnen stehen den Männern völlig
gleich. Nur um die Zulassung zur Advokatur kämpfen die Frauen, seitdem
Laida Poët, nach glänzend absolviertem Doktorexamen, energisch dafür
eintrat[285], bis heute ebenso vergebens wie in Belgien, und im
Staatsdienst stehen, außer den Post- und Telegraphenbeamtinnen, nur
wenige Frauen.
Unter den romanischen Ländern sind Spanien und Portugal die
zurückgebliebensten, obwohl auch ihre Universitäten, zum Teil sogar seit
Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt jedoch an den Mitteln zur
nötigen Vorbildung. In Spanien sind auch die höheren Berufe den Frauen
verschlossen, während in Portugal weibliche Aerzte praktizieren
dürfen.[286] Selbst die Türkei, wo ein Mädchengymnasium besteht,
gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und ließ
sie bereits ein Jahr früher zur ärztlichen Praxis zu. Griechenland,
Serbien und Rumänien gewähren den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf
fast völlig gleiche Rechte mit den Männern. Rumänien läßt sie zu den
Lehrstühlen der Universität und zur Advokatur zu.[287] Erklären läßt
sich diese, für die kulturell im allgemeinen zurückgebliebenen Länder
merkwürdige Erscheinung dadurch, daß der Zudrang zum Studium und zu den
wissenschaftlichen Berufen seitens der Männer kein großer ist, und man
nicht nur die Lücken durch Frauen ausfüllen, sondern auch durch ihren
Wettbewerb die Leistungen der Männer steigern will. Hierzu kommt, daß
weibliche Aerzte gerade in muhamedanischen Bevölkerungen, wo die kranken
Frauen jeder ärztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von Männern
ausging, einem dringenden Bedürfnis entsprechen.
Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon verhältnismäßig früh
entschlossen, Aerztinnen anzustellen, obwohl seine Stellung zur
Frauenbewegung damals noch eine reaktionäre war. 1890 wurde die erste
Aerztin, Dr. Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere
folgten. Sie stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den
männlichen Aerzten völlig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch
nur auf nicht-österreichischen Universitäten nachgehen. Obwohl bereits
im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gäste einzelnen Vorlesungen an
österreichischen Universitäten beiwohnen durften, wurden sie erst seit
1897 als Studentinnen zu den Vorlesungen und Prüfungen der
philosophischen Fakultät zugelassen, während sie offiziell weder Medizin
studieren noch darin geprüft werden konnten. Erst neuerdings ist es
ihnen ermöglicht worden; es steht sogar zu erwarten, daß das Studium der
Jurisprudenz ihnen an allen Universitäten gestattet wird. Günstiger
stellt sich die Frage des Universitätsstudiums der Frauen in Ungarn, wo
sie 1896 an der Universität Budapest zu allen Fakultäten zugelassen
wurden.[288] Die Vorbereitung zur Universität ist die Aufgabe einer
Anzahl privater Mädchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in
Prag, Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zähe
Agitation verschiedener Frauenvereine zurückzuführen sind.
Die Berufsthätigkeit der österreichischen Frauen, die sich besonders im
letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, beschränkt sich trotzdem nur auf
wenige Berufe. Zwar steht ihnen die ärztliche Laufbahn offen, in Ungarn
sind sie auch zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden
sich die meisten erwerbsuchenden Frauen aus bürgerlichen Kreisen noch
dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich nach
und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach auch die
Knabenklassen, weiblichen Lehrkräften anzuvertrauen. Seit
kurzem--1899--hat Galizien den Anfang gemacht, Frauen auch in den
Bezirksschulrat aufzunehmen,--ein Vorgehen, das von den übrigen Ländern
der österreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden dürfte.
Im Staats- und Gemeindedienst stehen, außer den Volksschullehrerinnen,
die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren Zulassung erst nach hartem
Kampf mit den männlichen Kollegen erfolgte, eine Anzahl
Gerichtssachverständige und Bureaubeamte in untergeordneten Stellungen.
Noch ein Blick auf die außereuropäischen Länder vollende die Uebersicht:
in Australien genießen die Frauen fast überall die gleichen Rechte auf
Bildung und Beruf wie die Männer. Sie stehen als Fabrik- und
Schulinspektoren, als Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als
Aerzte, Anwälte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien können
sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in Asien hat die
Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche Aerzte und
Rechtsanwälte sind in Indien, dessen Universitäten den Frauen offen
stehen, keine Seltenheit. Neuerdings nimmt auch die japanische
Universität Studentinnen auf und die Gründung einer eigenen
Frauenhochschule steht in Aussicht. Im japanischen Postdienst finden
Frauen Verwendung. China hat kürzlich ein Mädchengymnasium gegründet und
an der Universität Peking dozieren weibliche Professoren. Der Negus von
Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen an ihren Hof
berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung die Ideen der
Frauenbewegung.
Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich
zurückgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, gleichsam wie ein
dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von der vorgeschrittenen
Entwicklung der übrigen Länder abhebe.
Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunächst allein durch die
Organisation der Frauen bezeichnet. Für die deutsche Frau, die mehr als
irgend eine andere an die Familie, an das Haus gebunden gewesen war,
erschien die Gründung von Frauenvereinen an sich schon als ein
bedeutsames Ereignis. Daß es einem Bedürfnis entsprach, bewies das
zahlreiche ins Leben treten von Verbänden im Anschluß an den Allgemeinen
deutschen Frauenverein und an den Letteverein. Einesteils drängte das
von Sorgen und Zweifeln übervolle Frauenherz nach Aussprache,
andererseits trieben die traurigen Vermögensverhältnisse Tausende auf
die Suche nach Arbeit. Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die
Spitze eines Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten,
deren Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemäßigte Sprache
führte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein konnte für sich und
seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen Bahnen" ins Leben rufen, das
etwas energischer auftrat. Auf eine bessere Ausbildung der Mädchen
versuchten beide zunächst einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie
sie in Berlin, Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden[289],
wurden auch anderwärts eingerichtet, um die Mädchen vor allem zum
kaufmännischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten ihr Entstehen
jedoch fast ausschließlich privater Unterstützung. Staat und
Kommunalverwaltungen verhielten sich ganz ablehnend. Noch schroffer war
ihre Haltung, sobald die Frage der wissenschaftlichen Erziehung der
Mädchen an sie herantrat. Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den
bestehenden Gymnasien gefordert[290]; der Allgemeine deutsche
Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner
Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die Gründung
von Realgymnasien für Mädchen befürwortete. Aber nicht nur außerhalb,
auch innerhalb des Vereins gab es noch ängstliche Gemüter genug, die um
die Gefährdung der Weiblichkeit zitterten, oder die Bestrebungen der
Frauen mit Hohn und Spott überschütteten. Unter den Politikern, wie
unter den Männern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer
Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von
Mädchengymnasien wurde mit Entrüstung zurückgewiesen[291], und Heinrich
von Sybel machte sich zum Wortführer der Gegner des Frauenstudiums,
indem er sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort
von dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein,
schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der Frauenbewegung
mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde führen. Ganz blind konnte
jedoch selbst er nicht an den thatsächlichen Verhältnissen vorübergehen,
die es vielen Frauen unmöglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu
erfüllen und so entschloß er sich zu der Inkonsequenz, der
Unverheirateten wegen, die Einrichtung von naturwissenschaftlichen,
medizinischen und kaufmännischen Schulen für wünschenswert zu
erklären.[292]
Eine ähnliche Stimmung zeigte sich überall: man gab die Notwendigkeit
besserer Mädchenerziehung zu, aber man hütete sich ängstlich, sich
einzugestehen, wodurch sie verursacht wurde. Charakteristisch hierfür
waren die Verhandlungen der Töchterlehrerversammlung in Weimar 1872.
Eine Neuorganisation des höheren Mädchenschulwesens, sogar ihre
gesetzliche Regelung wurde allgemein gewünscht, die Erwerbsfrage aber
feige verleugnet und ausdrücklich bestimmt, daß die Mädchenschule die
Teilnahme an der allgemeinen Geistesbildung den Frauen ermöglichen
solle, ihre Gestaltung aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des
Weibes Rücksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein für das höhere
Mädchenschulwesen, der ein Jahr später ins Leben trat, fußte auf diesen
Grundsätzen, und als sich im selben Jahre das preußische
Unterrichtsministerium entschloß, sich mit der Frage zu beschäftigen,
stellte es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der
Frauenbewegung insofern eine Konzession, als es erklärte, daß die
Vorbildung für künftige Berufsarbeit besonderen Einrichtungen
vorbehalten werden müsse. Solche Einrichtungen zu treffen, sollte jedoch
ganz der privaten Initiative überlassen bleiben. Eine Ausländerin, Miß
Archer, war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter
dem Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der
Mädchen, die die Schule absolviert hatten, sich wissenschaftlich
weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre später wurde die Humboldt-Akademie
in Berlin zu ähnlichem Zweck gegründet, ohne daß beide zunächst
praktische Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten
zu keinerlei Prüfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die
Agitation der Frauen für ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie beschränkte
sich fast nur auf die Thätigkeit innerhalb der Vereine. Dagegen setzte
die litterarische Fehde seit Sybels Auftreten ihr Für und Wider lebhaft
fort. Die streitbare Feder Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger
Jahre in den Dienst der Frauenbewegung[293], während die milde Luise
Büchners durch Rücksichtnahme auf Tradition und Vorurteil die Leser zu
gewinnen suchte[294]. So wurde zwar die Aufmerksamkeit mehr als bisher
auf die Frauenfrage gelenkt, aber von öffentlichem Interesse war sie
nicht.
Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine lebhaftere
Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts der Frauen.
Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des Allgemeinen deutschen
Frauenvereins, der außerdem seine Kräfte vielfach verzettelte, wurde der
Verein Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung
von Mädchengymnasien und Eröffnung von Universitäten zu
seinem ausschließlichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die
Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine Petition
um Zulassung zu den Maturitätsprüfungen der Gymnasien und dem Studium an
den Hochschulen versandte. Inzwischen war auch der Allgemeine deutsche
Frauenverein lebendiger geworden; er reichte im selben Jahre allen
Kultusministerien Deutschlands ein Gesuch ein, wonach das Studium der
Medizin, sowie alle Studien und Prüfungen, durch welche die Männer die
Befähigung zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen
freigegeben werden möchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten,
gaben die Stimmung Deutschlands gegenüber den Frauen zu einer Zeit, wo
sie in fast allen Kulturländern studieren, als Aerztinnen oder
Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige Staatsämter
ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: dem Verein
Frauenbildungs-Reform gegenüber erklärten sich die Einzelstaaten nicht
kompetent zur Lösung der Frage, der Reichstag aber verwies wieder an
die Einzelstaaten, und der Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7
Staaten eine ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung
kam der Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das
Recht erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine
offizielle Prüfungsbehörde examinieren ließ.
Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen unter dem
Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gründung von Realkursen für
Mädchen entschloß, aus denen einige Jahre später unter der Leitung von
Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und
energischen Agitation war es auch zu danken, daß endlich, 1893, die
Zulassung zum Abiturientenexamen den Mädchen gestattet wurde. Die
Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von
Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schüler
auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmählich
entstanden in einer Reihe deutscher Großstädte Gymnasien nach dem Muster
der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mädchen nur nach der
absolvierten Töchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von
großer Bedeutung war es, daß die Stadt Karlsruhe das Gymnasium
schließlich selbst übernahm, es schien gewissermaßen die öffentliche
Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Städte
München und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mädchengymnasien
selbständig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem
staatsgefährlichen Beginnen versagt! Der damalige preußische
Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen
von einem Flämmchen, das er ersticken müsse, ehe es zur verheerenden
Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Rußland
schon 30 Jahre lang staatliche Mädchengymnasien besaß, und China im
Begriffe stand, das erste zu gründen! Daß die Haltung der Regierung und
der Volksvertretung gegenüber der Forderung der Zulassung der Frauen zu
den Universitäten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung
dafür keine Unterstützung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die
erste Petition um Freigabe des ärztlichen Studiums im deutschen
Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionärer Akt
betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche
Sittsamkeit", wurden mit großem Aufwand an Pathos ihr gegenüber
verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit
nachdrücklichem Ernst für die Sache der Frauen ein[295],--gefährliche
Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die
Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die
Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter
liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb
dasselbe: die Wünsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur
Tagesordnung erledigt.[296]
Seitdem hat eine Aenderung der Verhältnisse sich im stillen vorbereitet.
Die Universitäten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen,
zunächst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen
Weibe"--wesentlich Ausländerinnen, von denen einige sogar deutsche
Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die
Erfahrungen, die man machte, mußten keine schlechten sein, denn, obwohl
die Aufnahme weiblicher Hörer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing,
steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar ließen, im
Unterschied zu anderen Ländern, Professoren aller Fakultäten, auch der
theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen
Wert besaß ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und
nicht geprüft wurden. Erst im Jahr 1899 beschloß der Bundesrat die
Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und
pharmazeutischen Staatsprüfungen. Gegenwärtig hat er auf Antrag des
Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugeständnisse zu machen,
indem ihnen die Studienzeit auf ausländischen Universitäten,--auf die
sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen
abschließen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprüfung voll
angerechnet werden soll. Das ist für Deutschland ein großer Fortschritt,
auch wenn man in Betracht zieht, daß in Italien schon seit zehn Jahren
weibliche Dozenten der Medizin Lehrstühle der Universitäten bekleiden,
Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Türkei gar um fünf Jahre
voraus ist, und in Rußland schon seit nahezu 18 Jahren die
Staatsprüfungen den Frauen offen stehen.
Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen
Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewährten ihnen
volles akademisches Bürgerrecht.
Nach alledem sind die deutschen Töchter der Bourgeoisie auf folgende
Bildungsmöglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten
580 höhere Mädchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 höheren
Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preußischen
Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17
staatlich. Sie können ferner Mädchengymnasien, die, bis auf eins, unter
privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung
finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in
Deutschland 114 Seminare zur Verfügung. Charakteristisch ist, daß in
Preußen allein 112 Staatsseminare für Männer und--10 für Frauen gezählt
werden. Das Oberlehrerinnenexamen können sie auf Grund ihrer Studien am
Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Göttingen
eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitäten
können sie mit gleichen Rechten wie die Männer studieren und nur das
medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell überall offen. Die
staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht
anders als die Mehrzahl der Universitäten.
Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung
weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast
ausschließlich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen
verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach
dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen für Frauen entstanden.
Das trübe Bild, das wir entwerfen mußten und das auf einen
außerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schließen läßt, wird
noch um vieles trüber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung für das
Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst übergehen.
Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im
Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezügliche
erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des
Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich
fünf Jahre später, unter Führung des Staatssekretärs von Stephan
wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum
Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung
überwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um
Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war
ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken,
und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die
Erwerbsmöglichkeiten in eingehende Erwägung gezogen. Der Börsenkrach von
1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mädchen dazu, sich
nach einem Beruf, der sie ernähren konnte, umzusehen. Man petitionierte
bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von
Lehrerinnen, man gründete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen
Stipendienfonds, um arme Mädchen im Ausland studieren zu lassen, man
sprach zum erstenmal davon, daß Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-,
Armen- und Arbeitshäusern, in Gefängnissen und bei der Sittenpolizei
Verwendung finden müßten, ohne natürlich den geringsten positiven Erfolg
zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen"
Mädchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein
angenehmes und besonders einträgliches sei".[299] Thatsächlich wandten
sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie
Arbeiten zu, die ihnen für Haus und Familie schon gewohnt waren und die
sie nun ernähren, oder--der häufigste Fall--ihre finanzielle Lage
verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das
Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entriß, sympathisch; kämpfte
er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon
lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich
weniger Vorurteil und Sentimentalität, als Konkurrenzfurcht.--Die
Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein für
das höhere Mädchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere
Kreise. Die Männer wollten die Thätigkeit des weiblichen Erziehers
womöglich nur auf die Elementarfächer beschränken, während die Frauen,
gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen,
und den ganzen Mädchenunterricht in die Hände bekommen wollten, indem
sie sich natürlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und
wie die schönen Worte alle heißen, die dem Deutschen besonders geläufig
sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein für höhere
Mädchenschulen darum petitionierte, daß die Leitung solcher
Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem
Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in
der Mittel- und Oberstufe hauptsächlich den Frauen überlassen werden
sollte. Erst nach fast zwanzigjährigem Kampf bestimmte das preußische
Kultusministerium die stärkere Verwendung weiblicher Lehrkräfte und die
Anstellung von Oberlehrerinnen für die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war
großenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken,
die sich unter Leitung von Fräulein Helene Lange 1890 zu einem Verein
zusammengeschlossen hatten, der heute über elftausend Mitglieder zählt.
Trotz seiner numerischen Stärke, die allerdings zu der Gesamtzahl der
deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mißverhältnis steht, ist die
Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der
noch dadurch beeinträchtigt wurde, daß die Wünsche der Männer von der
Regierung insofern Berücksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht
selbständige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als
oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.
Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition
für sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen
Bourgeoisie der Aerztin gegenüber. Sie konnte zwar, dank der
Gewerbefreiheit, nicht an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden,
aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede öffentliche
Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch ständig der Gefahr
ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot
gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl
wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und
die Gleichstellung der weiblichen mit den männlichen Aerzten wünschten.
Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die
Regierung sowohl als die Majorität des Reichstags sprach sich gegen sie
aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser
Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rückhaltlos auf die
Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche
Liberalismus seinen revolutionären Geist und seine demokratischen Ideen
so sehr eingebüßt, daß er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und
mehr der Sozialdemokratie überließ. So kam es, daß zu einer Zeit, wo die
Frage der Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf in Amerika, England,
Frankreich, Rußland und Oesterreich soweit entschieden war, daß sie
sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lösung zu
Gunsten der Frauen wie ein revolutionärer Akt gefürchtet wurde. So kam
es aber auch, daß die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden"
Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose
von ihren Vätern, Männern und Brüdern abhängige Frauen sich entweder
ganz von ihr zurückzogen, oder so vorsichtig und zurückhaltend in ihren
Wünschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets
gewesen ist.
Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes
gegründete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so bürgerlich ängstlich
er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an
der großen Organisation--er umfaßt heute 131 Vereine--einen Rückhalt
hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger
herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafür ist die Haltung der
Aerzte gegenüber den Ansprüchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren
Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der
die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne
weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie
die Verhältnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu
unterstützen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die
Verhandlungen und Beschlüsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden
1898, wo im Anschluß an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material
beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur ärztlichen
Berufsthätigkeit Beschluß gefaßt wurde,--im selben Jahr, als der große
englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner
Präsidentin erwählte! Einen ähnlichen, in schroffster Form ausgedrückten
Beschluß faßte zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, während
ein Jahr früher der belgische Pharmazeutenkongreß zu Mons genau das
Gegenteil erklärt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule
für Frauen gründete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche
Apotheker thätig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte
sich der Kongreß deutscher Zahnärzte, eine Berufskollegin als
Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner ärztliche Standesverein
denunzierte den Hilfsverein für weibliche Angestellte, weil er es gewagt
hatte, für seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen.
Infolgedessen befahl das Polizeipräsidium die Streichung der Aerztinnen
aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten,
nicht auszusterben, erließen die Kliniker in Halle einen fulminanten
Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung
von Frauen an klinischen Vorlesungen; schließlich kamen diese Ansichten
im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische
Sachverständigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen
Geschlechts zum ärztlichen Beruf noch nicht für spruchreif
erklärte--nachdem seit über zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika,
Australien, England, Rußland praktizierten, und der Negus von Abessinien
und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus
waren, daß sie Leib- und Hausärztinnen ernannten.
Diese lächerlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung,
vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland
thätigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Fräulein Dr.
Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer großen Praxis. Die
Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren
Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung
1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, daß ihre
Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine
Anzahl Aerztinnen in Krankenhäusern und Sanatorien. Kürzlich hat auch
die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit
einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegründete und
geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitälern
Amerikas und Englands, aber sicher eine günstige Entwicklung haben wird.
Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprüfungen dürfte die
Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelöst sein.
Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der
Berufsthätigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie
im Lichte der ausländischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden
hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt,
den bisher Männer zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen
machen den Versuch mit der Beschäftigung von Armen- und
Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der
höheren Mädchenschule berufen; auch in städtischen Arbeitsvermittlungen
sind zuweilen Frauen thätig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-,
Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefängnisaufseherinnen in
untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverständige und
Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der
Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an
Universitätsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thätig. Weit
wichtiger ist die nach langer hartnäckiger Agitation endlich erfolgte
Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern,
Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schließlich auch in
Preußen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den
Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der
Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten
unterstützte Forderung mit Gelächter aufgenommen, etwas später entschloß
man sich zu ernster Erörterung, begründete aber die ablehnende Haltung
mit den--Mißerfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders
in Amerika, während ihre Existenz in Frankreich überhaupt angezweifelt
wurde. Als schließlich auch die Liberalen der Sache Verständnis
entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekämpft, als gelte
es, die Grundlagen des Staates zu schützen. Man sprach sogar von Seiten
der Regierung die Befürchtung aus, die weiblichen Beamten könnten zu
sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im sächsischen Landtag
erklärte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre
Anstellung für verletzt, und als im März 1899 die Frage dem preußischen
Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont,
daß nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall
selbständig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen
werden dürfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung
getroffen.
Einen etwas günstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung
der Berufsthätigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition
geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher für die
einzelnen mehr eine Opferthat religiöser Gesinnung, als ein aus Gründen
des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den
modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes,
als, in noch höherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den
Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiöser
Engherzigkeit befreite Thätigkeit.[302] Aber das Odium christlicher
Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest
an, daß er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei
eine Aufgabe alles persönlichen Behagens fordert, der nur wenige
gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz für viele. Erst
eine völlige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz
verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und würde viele brach
liegende Frauenkräfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lösung der
Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine
Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.
Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in
Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lösen
geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl
in rapider Zunahme begriffen und sie bewähren sich so sehr, daß ihre
Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer häufigere
ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte
in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der
Rechtsanwälte und der großen Industriellen. Zumeist aber erklärt sich
ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedürfnissen der
Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, daß sie ihren
männlichen Berufsgenossen gegenüber als Lohndrücker ausgespielt werden.
Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben,
fällt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht.
So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfspräparatoren, in
einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker
thätig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu
nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in großen
Werkstätten Anstellung fanden, oder selbständig als Kunststicker,
Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Gärtner, Obst- und
Gemüsezüchter finden Frauen eine lukrative Berufsthätigkeit. Ebenso sind
weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine
Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur
Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen eröffnet,
indem sie in immer größerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist
weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog.
Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber
eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befähigung der Frauen.
Vorteilhafter für sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus.
Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als
Kriegskorrespondentinnen großer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als
Leiterinnen politischer Blätter thätig zu sein, ihre Mitarbeit
beschränkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der
Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften,
aber ihrem Einfluß ist der Umschwung in der Stimmung gegenüber der
Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von
wesentlicher Bedeutung hierfür ist es jedoch, daß auch die deutschen
Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethätigen, und durch ihre
Leistungen dem Gegner Achtung abnötigen. Während bis vor nicht allzu
langer Zeit selbst die Führerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an
Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der
oft geradezu verblüffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts
an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben
Arbeiten über die rechtliche sowohl wie über die soziale Lage des
weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer
Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch
verraten, daß sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schoßkind gerade
der deutschen Frauen, endgültig gebrochen haben. Auch das Prinzip
ängstlicher Zurückhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung
kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berührung mit
dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich
im Anschluß an den internationalen Frauenbund bildete,--die
Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen
Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von
belebendem Einfluß. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit
ihren Peitschenhieben auch die Trägsten vorwärts treibt.