1. Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt.

Erste Periode. Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt

beruflicher Arbeit.

Theoretische Erörterungen der Frauenfrage haben weder wissenschaftlichen

Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie lediglich von vorgefaßten

Meinungen oder allgemeinen ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu

richtigen Resultaten zu gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der

Thatsachen zu fußen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die

geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im Menschheitsleben im

allgemeinen darzustellen, es ist auch erforderlich, von dem Zeitpunkt

an, wo die Frauenfrage sich erweitert und in ihr verschiedene gleich

wichtige Seiten hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der

theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum

handeln, einzelne Thatsachen mit möglichster Vollständigkeit

zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der Entwicklung in seinen

großen Zügen zu verfolgen und seine treibenden Kräfte aufzudecken.

Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze Erwerbsleben

des weiblichen Geschlechts von den Höhen wissenschaftlicher Arbeit bis

in den düsteren Abgrund der Prostitution umfaßt, bedarf besonders dieser

Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit über das Recht der Frauen

auf Arbeit, über ihre Zulassung zu oder ihre Ausschließung von

männlichen Berufen würden vermieden werden, viele nur moralisierende

Sittlichkeitsapostel würden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen,

wenn an Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefühle die

historische Erkenntnis treten würde. Sich der Entwicklung in den Weg zu

werfen, ist ein nutzloses Bemühen; auch der, der sie fürchtet, kann ihre

unheilvollen Wirkungen nicht anders abwenden, als indem er ihr die Wege

bahnt. Was die Frauenbewegung an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das

verdankt sie ausschließlich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden.

Ihr eigner Gang ist ein klarer, gesetzmäßiger, der auch in dem Kampf um

Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt deutlich zum Ausdruck kommt.

Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war für die Frauenwelt eine der

bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl waren schon vorher Männer

und Frauen aufgetreten, die mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte

Arbeitsmöglichkeiten für das weibliche Geschlecht gewünscht hatten, aber

sie waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast

ungehört. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die theoretischen und

philosophischen Erörterungen über die Rechte das Weibes in den Bereich

praktischer Forderungen. Aber es waren weniger die vielen rednerischen

und schriftstellerischen Auseinandersetzungen und Erklärungen der

politischen Rechte, die zu Erfolgen führten, als vielmehr die von den

Massen der Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit.

Schon das französische Edikt von 1776 hatte mit der Proklamierung der

Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und nach der Revolution

schien es, als stünden den Frauen nunmehr dieselben Wege offen, auf

denen die Männer ihrem Broterwerb nachgingen. Bald zeigte sich jedoch,

daß die größten Hindernisse erst noch zu überwinden waren, denn es

fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs offene Meer

hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und Kompaß mitzugeben.

Die Frauen und Töchter des arbeitenden Volkes, die in immer

ausgedehnterem Maße gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu suchen,

strömten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter brauchen konnten.

Lohndruck, Vergrößerung des Elends, infolgedessen neuer Zuzug

weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus diesen Anfängen heraus

entwickelte sich die Arbeiterinnenbewegung. Aber während diese Schicht

der weiblichen Bevölkerung den Kampf ums tägliche Brot von jeher ebenso,

ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die Männer, waren die

Frauen und Töchter der Bourgeoisie vom Erwerbszwang bisher verschont

geblieben. Sie lebten der häuslichen Thätigkeit und der Kindererziehung,

häufig aber lediglich dem Vergnügen, der Schöngeisterei oder anderem

maskierten Müßiggang. Die Verarmung des Bürgerstandes, die Revolutionen

und Kriege, die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Töchter und

Witwen der Opfer des Schlachtfeldes, nötigten die Frauen zu einer

Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige Verhältnis in der

Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen hatten, nicht nur an sich

schwer fiel, sondern auch wie eine möglichst zu verbergende Schande

erschien. Zahlreich waren schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die

armen adeligen Fräuleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen

fürstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja selbst als

Hofdamen an den vielen kleinen Fürstenhöfen nichts anderes suchten als

einen Broterwerb und sich oft, unter ängstlicher Aufrechterhaltung

äußeren Glanzes kümmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur

sentimentale Romane, auch manche der an die Nationalversammlung

gerichteten Petitionen führen den Beweis dafür, daß viele Bürgertöchter

sich gezwungen sahen, durch Stickereien und Wirkereien ihr Brot zu

verdienen. Mit den Frauen des handarbeitenden Volkes teilten sie das

gleiche Schicksal: die Not trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch

noch ein anderes mit ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu

einem Erwerbsberuf. Aber während für jene, dank der Entwicklung der

Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der Industriearbeiter

Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch ungelernte Arbeitskraft, eine

begehrte war, standen diese vor geschlossenen Thüren, vor denen

Unbildung und Vorurteil Wache hielt. Die Arbeiterin kämpfte bereits in

Reih und Glied mit dem Mann den harten Kampf ums Dasein, während die

Frau der Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen

hatte. Aus diesem Umstand erklärt sich die oft bis zu Gegensätzen sich

steigernde Verschiedenheit der bürgerlichen und der proletarischen

Frauenbewegung und auch, die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander

zu behandeln.

Die Frau der Bourgeoisie wurde für das Haus und für die Geselligkeit

erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue Zeit für sie

forderte, und die über den Religions- und Haushaltungsunterricht des

Mittelalters hinausging, hatte nur den Zweck, die geselligen Talente zu

unterstützen und dem Mann eine verständnisvollere Gefährtin zu sein.

Die erste Stelle unter den Vorkämpfern der Reform der Mädchenerziehung

nahm Fénelon ein.[219] Seine pädagogischen Grundsätze veranlaßten Frau

von Maintenon, in St. Cyr die erste höhere Mädchenschule zu gründen, die

insofern noch ein besonderes Interesse beansprucht, als sie zugleich die

erste Anstalt war, die, durch Ausbildung von Erzieherinnen, der

beruflichen Thätigkeit der Frau die Wege bahnte.[220] Aber sie war nur

eine Oase in der Wüste und entsprach so wenig der Zeitströmung, daß sie

bald auf das jämmerliche Niveau der üblichen Mädchenschulen herabsank,

und Putz, Tanz und Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb.

Ihrer deutschen Nachahmung, dem Gynäceum A.H. Franckes, erging es nicht

anders. Er, der einfache, fromme Mann, mußte es sich gefallen lassen,

daß auch seine Gründung, wie damals alle Erziehungsanstalten für

Mädchen, in die Hände französischer Gouvernanten fiel, die Modepüppchen

darin dressierten.[221] Die französische Sprache, die Umgangssprache der

höheren Stände, trat überall in den Mittelpunkt des Unterrichts.

Französische Erzieher und Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist

ihre Muttersprache war, wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf

"Bildung" Anspruch machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen

gelangten besonders in Preußen, wo Friedrichs II. Vorliebe für die

französische Sprache maßgebend war, zu derartigen Stellungen. Die

Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder und oberflächlicher

als die des Mittelalters. Eine Reaktion gegen die herrschende Strömung,

gegen die Ausschließung des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren

Kenntnissen, gegen sein einseitiges Interesse für Putz und Tand,

Spielerei und Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland

durch Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und--gerichtet. Denn

statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mädchen

anzustreben, beschränkte er und sein Kreis sich auf die Treibhauskultur

einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die mehr als die

geputzten Dämchen der höfischen Salons für den niedrigen Stand

weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis ablegten.[222] Die häufigen

Krönungen von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher

Doktoren muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wäre aber

durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch war

für die Frauen die Bildung nur ein äußeres Schmuckstück, Kunst und

Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in geistreichen Salons zu glänzen.

Vertiefung, ernste Arbeit war erst da zu erwarten, wo sie zu einer

Berufsthätigkeit die Grundlage zu schaffen hatten, daß sie anfingen, aus

diesem Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und

nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von

Erziehung der Töchter schreiben, geben denselben so viel Anmut oder so

glückliche Umstände, daß man an ihrer baldigen Verheiratung nicht

zweifeln darf. Aber giebt es denn keine häßlichen und gebrechlichen

Töchter? Keine, die in ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen

Sitten in Gefahr sind, von einem würdigen Manne nicht begehrt zu

werden?" Er giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermögen

besitzen", den Rat, ihre Töchter nicht wie bisher allein im Hinblick auf

die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu geben, die es ihnen

ermöglicht, als Lehrerinnen und Gesellschafterinnen einmal ein

Unterkommen zu finden.[223] Sein mutiger Ausspruch, den bisher viele

gefühlt, aber niemand zu thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden.

So manches unbefriedigte, einsame Mädchen schuf sich im Lehrberuf einen

befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, dazu

bei, daß seinem vernachlässigten, unwissenden Geschlecht geholfen wurde.

Als die hervorragendste ihrer Art sei Karoline Rudolphi genannt, die

nach entbehrungsreicher Jugend und Jahren inneren Kampfes zu dem

Entschluß kam, Erzieherin zu werden und schließlich in Hamburg eine

Mädchenschule gründete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre

Erziehungsgrundsätze hat sie in ihrem Buche: "Gemälde weiblicher

Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: "Lasset euere

Kinder Menschen werden!"[224] Erziehet die Mädchen nicht zuerst zu Damen

und Hausfrauen, sondern zu tüchtigen Menschen, die im Notfall auch

allein durchs Leben gehen können, die nicht zu verzweifeln brauchen,

wenn die führende Hand des Mannes fehlt.

In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer Zeitgenossin,

Madame de Genlis, die die Mädchen nur für die Ehe, nur für den Mann

erziehen wollte, die in der Bildung nichts als ein Mittel, die

Langeweile zu bekämpfen und dem Müßiggang vorzubeugen, sah und in

logischer Konsequenz zu dem Schlüsse kam: "Das Genie ist für die Frauen

eine gefährliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer Bestimmung

und läßt sie diese nur als drückend empfinden."[225] Die Verfasserin,

die typische Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus,

was die Ansicht dessen war, der für die nächsten Dezennien die Geschicke

der Welt in seinen eisernen Händen hielt: Napoleons. Wie Rousseau sah er

in den Frauen nur Mütter; zu solchen, zu Gebärerinnen und Erzieherinnen

eines Geschlechts von Helden, wollte er sie erzogen wissen. Und so

schroff und festgewurzelt war seine Meinung, daß er allen geistreichen

und gelehrten Frauen mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der

sich bis zu dem kleinlichen Kampf gegen Madame de Staël steigern konnte.

Aber ebenso wie man, besonders außerhalb Frankreichs, über dem Eroberer

den Reformator zu vergessen pflegt, so vergißt man auch über dem Gegner

der Frauenemanzipation den Beförderer einer verbesserten

Mädchenerziehung. Die Mädchenpensionate der Madame Campan in St. Germain

und Ecouen fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einfluß

entstanden in Italien die ersten höheren Mädchenschulen. Er scheute sich

sogar nicht, eine Frau in ein öffentliches Amt einzusetzen, wo er

glaubte, daß sie die Erziehung der Mädchen günstig beeinflussen könnte:

1810 wurde Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.[226] Irgend

welche staatliche Hilfe den Mädchenschulen angedeihen zu lassen, lag

jedoch ganz außerhalb seiner Gedankenrichtung. Aber ein Einzelner, so

allmächtig er auch sein mochte, konnte den Gang der Entwicklung nicht

ändern, noch aufhalten. Die französischen Frauen forderten nachdrücklich

ihr Anrecht an den geistigen Gütern der Nation. Es entstanden immer mehr

Mädchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister Duruy, von

allen Seiten gedrängt, das Projekt wieder auf,[227] das schon neunzig

Jahre vorher der Abbé de St. Pierre entworfen hatte, wenn er eine

staatliche Unterstützung der Mädchenerziehung verlangte.[228] Wenn auch

sein Plan zunächst an dem mangelnden Verständnis der Regierung

scheiterte, so faßte die Idee, daß die Gesellschaft die Verpflichtung

habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der männlichen annähernd

ebenbürtige Erziehung zu gewähren, immer tiefer Wurzel und die Frauen

selbst nahmen sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten

Reihe kämpfte die Gräfin Rémusat.[229] Von der Voraussetzung ausgehend,

daß die Frau dem Manne nicht untergeben, daß sie als intelligentes

Geschöpf von ihm nicht verschieden und durchaus fähig sei, öffentliche

Berufe auszuüben, hielt sie eine Anpassung der Mädchenerziehung an die

neuen Verhältnisse für notwendig, ja sie sprach schon von der

Zuerkennung einer gewissen Gleichberechtigung an das weibliche

Geschlecht, und forderte von den öffentlichen Verwaltungen, daß sie

neben dem Lehrerinnenberuf, die Ausübung einer geregelten

Wohlthätigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der Kämpfern Arbeit

war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, und die Zeit, in der die

Frauen zuerst nach ihm riefen, war die Geburtsstunde der bürgerlichen

Frauenbewegung. Sie vollzog sich in merkwürdiger, und doch für den, der

die Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus

Fürstengezänk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, verständlicher

Uebereinstimmung in allen Kulturländern zu gleicher Zeit.

In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary Wollstonecraft

den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine Zeitgenossen mit

glühender Begeisterung auf den Wert der Frauenbildung aufmerksam machte,

denn "von der Geisteskultur der Frauen hängt die Weisheit der Männer

ab", entstanden schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine,

die sich die Hebung der Mädchenerziehung zum Ziel setzten. Der

praktische Sinn der Engländer erkannte früh, daß die bessere Erziehung

ihrer Töchter von der gründlicheren Ausbildung ihrer Lehrerinnen

abhängig ist. Von solchen, die sich auf Grund ganz unzureichender

Kenntnisse dafür ausgaben, war England überschwemmt, und die Lehrerin

war daher eine komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und

Dickens noch ihren Witz ausließen. Ihr Los war traurig genug: die Not

zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und kümmerlicher

Unterhalt und allgemeine Mißachtung waren ihr Lohn. Erst mit der Zunahme

geregelterer Mädchenschulen änderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen,

wie Hannah More und Maria Edgeworth waren hier die Wortführerinnen der

beginnenden Frauenbewegung.

In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen

nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen

geltend, weil auch hier die Schäden dieselben waren. Die Vorteile, die

die tapferen Kämpferinnen der Befreiungskriege für ihr Geschlecht

errungen hatten, waren entweder dürftig von Anfang an oder mit der

ebbenden Begeisterung wieder verschwunden. Die wenigen Mädchenschulen,

die im Anfang des Jahrhunderts überhaupt bestanden, waren nur während

der Hälfte des Jahres geöffnet und auch dann nur zwei Stunden am Tag,

während die Knaben, die dasselbe Schulhaus besuchten, Freistunden

hatten. Die reaktionärsten Ansichten der alten Welt, die das Mädchen

allein auf das Haus verwiesen, fanden in der neuen die allgemeinste

Vertretung, um so mehr als hier der Umstand viel weniger ins Gewicht

fiel, der der Frauenbewegung Europas den Anstoß gab: der Zwang zur

Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard für die höhere Bildung ihres

Geschlechts eintrat, stieß sie auf Spott und heftigsten Widerstand. Als

sie aber im Jahre 1821, ohne noch länger auf das allgemeine Wohlwollen

ihrer Landsleute zu rechnen, in Troy das erste Mädchenseminar gründete,

zeigte es sich, daß es eine Notwendigkeit gewesen war, denn es fand

zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.[230] Emma Willards Schule

ist der Grundstein des ausgedehnten Gebäudes weiblicher Bildung

geworden, das heute Amerika schmückt. Zu gleicher Zeit begann eine

andere Frau ihre öffentliche Thätigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog

sie ungehindert als Predigerin der Quäker durch die Staaten, nicht nur

eine Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der

Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafür lieferte, daß

die Frau mit derselben Fähigkeit und demselben Erfolg ihren Geist in den

Dienst allgemeiner Interessen stellen kann.

Kehren wir nach Deutschland zurück. Dort waren die Schulverhältnisse,

trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, aufs äußerste verwahrlost.

"Unsere Töchter sind von aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte

ein braver deutscher Mann.[231] "Aus dem ABC-Unterricht werden sie ohne

Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das Putzzimmer verstoßen."

Und eine mit seltenem Scharfblick ausgestattete Frau, Helene Unger,

schilderte in ihrem Roman "Julchen Grünthal" die traurige

Pensionserziehung der Mädchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und

Spiel, französische Konversation und seichte Lektüre füllten das Leben

des Schulmädchens aus, um später in die nächste Modekrankheit, die

rührselige, vom wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit

überzugehen.[232] Aber diese Klagen und verurteilenden Darstellungen

waren an sich schon ein Zeichen des Fortschritts. Und es begann in der

That in den Köpfen und Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen.

Die klassische Dichtung und die politische Umwälzung waren seine

Erzeuger. Zwar wäre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der

Umgebung der großen Dichter auf alle übrigen schließen zu wollen; erst

ganz nach und nach drangen ihre Werke bis in die dunklen Winkel

bürgerlichen Frauenlebens, erweckten Begeisterung, Sinn für das Schöne

und erhoben die armen Vernachlässigten und Verirrten in eine andere

geistige Lebenssphäre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem Klärchen

kam die warmblütige Natürlichkeit wieder zu ihrem Recht. Und eine Minna

von Barnhelm, eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart führten den

Blick über die Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die

Empfindsamen sich in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr

noch wirkte die drückende Not darauf, die ganz Deutschland in einen

Trauermantel hüllte. Die Frauen, deren Väter und Brüder, deren Gatten

und Söhne unter den Waffen standen, verloren nicht nur den Sinn für die

Tändeleien früherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den

großen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des Destillierens der

gegenseitige Gefühle, der endlosen Gespräche über sentimentale

Romanheldinnen, machte der Unterhaltung über die Ereignisse des Lebens

Platz. Rahel Varnhagens Kreis[233] ist das bekannteste Beispiel für die

belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen Briefwechsel

zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafür, daß er überall

durchbrach, und mit ihm regte sich das Bedürfnis nach einer gründlichen

Aenderung der Mädchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Bürgerfrauen

fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten und

denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. Denn wenn

auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert worden war und

seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie stand allein; es

fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die Möglichkeit der Vorbereitung zum

Studium. Aber das Verlangen nach vertiefterer Bildung der Töchter und

das Bedürfnis nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und

führten zwischen 1800 und 1825 zur Gründung eine Reihe von

Töchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils mit

Unterstützung der Gemeinden entstanden.[234]

Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in bürgerliche

Berufssphären.

Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde von jenem

Lande gethan, das es nicht erst nötig hatte, seine Kräfte durch mühsames

Ueberbordwerfen des Ballastes der Vergangenheit abzunutzen, von Amerika,

wo Horace Mann die Grundlage zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer

dringenderen Verlangen nach einer der der Knaben gleichen

Mädchenbildung, konnte man, bei der dünnen Bevölkerung des Landes, durch

Gründung besonderer Mädchenschulen nicht nachkommen. So wurde denn aus

der Not eine Tugend gemacht und in den neu entstehenden Freien

Normalschulen Co-Education eingeführt. Die weittragende Bedeutung des

gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter hatte sich Horace Mann, der

mehr einem praktischen Bedürfnis entgegenkommen wollte, nicht klar

gemacht. Nicht nur, daß auch höhere Schulen, in der Art unserer

Gymnasien, nach diesem Vorbild eingerichtet wurden,--Oberlin-College in

Ohio als das erste seiner Art,--schon 1835 rüttelte eine Schar

mutiger Mädchen, die sich mit ihren Schulkameraden die nötige

wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der alten

Harvard-Universität[235] und kurz darauf begehrte der erste weibliche

Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens Einlaß.[236] Was ihr verwehrt

wurde, sollte wenige Jahre später der tapferen Pionierin des

Frauenstudiums, Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester

Emily sahen sich plötzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die

Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter und

ihre jüngeren Brüder und Schwester zu ernähren. Da kam ihnen die

Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. Sie sahen, wie wenige

und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur offen standen und bemerkten

"die Massen der Konkurrentinnen, von denen eine die andere

niederzutreten suchte. Wir beschlossen, lieber einen neuen Pfad für uns

zu entdecken, als in schon überfüllten Berufen einen Platz zu

erobern."[237] Elisabeth wurde, nachdem sie zwölf medizinische Schulen

vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von Geneva,

Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem ersten, eben

gegründeten Frauenhospital in New York, jene ging nach England, der

Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande Pionierdienste leistend.

Indessen wurde durch Gründung von Lehrerinnenseminarien und Colleges dem

Bedürfnis der weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860

entstand das erste College nur für Frauen,--Vassar-College,--das von

Anfang an auf einem höheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die

anderen oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine

Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde als

Professor für Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar berufen. Kurze

Zeit später gestattete der oberste Gerichtshof von Iowa Arabella

Mansfield die Ausübung der Praxis als Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im

Verein mit den Schwestern Blackwell, gebührt der Ruhm, in Amerika ihrem

Geschlecht Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universität

Michigan ihm als erste ihre Thore öffnete, war dies gleichsam die

Anerkennung des Beweises, den die Frauen für ihre wissenschaftliche

Befähigung erbracht hatten.

Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die Frauen

Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Läden, in denen weibliche

Kommis thätig waren, von den sittlich entrüsteten Einwohnern

geboykottet,[238] aber schon zwei Jahre später, 1856, wurde mit privaten

Mitteln die erste Handels- und Gewerbeschule für Frauen in New York

eröffnet. Dem wachsenden Bedürfnis gegenüber war sie jedoch keineswegs

ausreichend. 1859 gründete Peter Cooper, selbst ein Kaufmann, der die

Vorteile weiblicher Arbeit erkannt hatte, eine Schule der Art im

größten Stil, die heute noch besteht und eine Musteranstalt genannt

werden kann. Eine lebhafte Kontroverse über die Zunahme der

Frauenarbeit, ihre Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse

und wurde durch Broschüren und Bücher über den Gegenstand vertieft und

erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als Agitatoren im

Interesse der Frauen auf und forderten ihre völlige Gleichstellung mit

dem Mann in Bezug auf Unterricht, Beruf und Erwerbsbedingungen.[239]

Epochemachend für ganz Amerika waren die Schriften Virginia Pennys[240],

in denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million

arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezählt hatte, zu arbeiten

gezwungen wären, und wie nur eine gründliche Vorbereitung zur

Berufsarbeit ihre Lage zu ändern im stande wäre. Die Agitation, die in

Amerika weniger die Aufgabe hatte, mit heftigen Gegnern zu kämpfen, als

vielmehr Blinden die Augen zu öffnen, hatte überall Erfolg: Colleges und

Gewerbeschulen öffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die

staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben

gerufen waren, daß der Washingtoner Kongreß von 1862 den einzelnen

Staaten zu diesem Zweck große Ländereien überwiesen hatte, ließen in

immer größerem Umfange Frauen zu. Zum Verständnis für diese, im

Vergleich zu Europa ungewöhnlich frühe Erfüllung der Wünsche der Frauen,

die zwar darum zu kämpfen hatten, aber auf geringeren Widerstand

stießen, muß man sich vergegenwärtigen, daß nicht etwa der größere

Edelmut oder das tiefere Verständnis der Amerikaner für die Bestrebungen

des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, sondern vielmehr die

Thatsache, daß die Vereinigten Staaten erst auf eine kurze

wirtschaftliche Entwicklung zurücksahen und von einer Ueberfüllung der

Berufe, die den Widerstand der Männer hätte hervorrufen müssen, keine

Rede war.

Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 Karoline

Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der englischen

Astronomischen Gesellschaft erwählt worden und ihre wissenschaftlichen

Verdienste dadurch zu einer bisher unerhörten Anerkennung gelangt,[241]

aber die allgemeine Lage der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so

gut wie unberücksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen

Verhältnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren mühselige

Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses Alter sicherte, die

Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein Pensionsverein für Lehrerinnen

gegründet, und nach unermüdlichen Kämpfen der Lehrerinnen selbst, die

längst eingesehen hatten, daß sie nur auf Grund besserer Leistungen eine

höhere Entschädigung beanspruchen konnten, wurde 1846 das erste

Lehrerinnenseminar eröffnet,[242] dem wenige Jahre später Queens College

und Bedford-College folgten. Das war ein großer Schritt auf dem Wege der

Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, als,

wieder infolge zäher Agitation, die bis dahin privaten Anstalten die

Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem immer noch

verlachten, als unweiblich bekämpften Brotstudium der Frau die erste

öffentliche Sanktion erteilt worden. Es hatte dazu noch einer stärkeren

treibenden Kraft bedurft, als der Agitation einiger Frauen; sie fand

sich in den Ergebnissen der Volkszählung 1851. Furchtbare Zustände

deckte sie auf und man stand entsetzt vor der Thatsache, daß über zwei

Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen waren,

ohne daß ihnen die Mittel dazu zur Verfügung standen. Miß Leigh Smith

bearbeitete zuerst in einer aufsehenerregenden Broschüre, Women und

Work, die Ergebnisse der Statistik und schuf in dem Englishwomens

Journal--1875--das Organ der nunmehr kräftig einsetzenden

Frauenbewegung.

Ein neuer Beruf für gentlewomen hatte sich inzwischen aufgethan: die

internationale Telegraphengesellschaft stellte seit 1853 Frauen als

Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika die zunehmende

Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in seiner oben erwähnten

Broschüre ganz richtig sagte, nicht auf humanitäre, sondern pekuniäre

Ursachen zurückzuführen ist, so wurden hier die weiblichen Arbeitskräfte

lediglich ihrer größeren Billigkeit wegen den männlichen vorgezogen.

Die kapitalistische Gesellschaft stürzte sich wie ein Raubtier auf seine

Beute, auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der

bürgerlichen Frauenbewegung fehlte dafür aber das Verständnis. Sie

jubelte nur über jede neue Möglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden

Schutzbefohlenen unterzubringen.[243] Neue Arbeitsgebiete zu schaffen,

mußte auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr wesentlichstes

Bestreben sein.

Die Universitäten waren den Frauen noch verschlossen; wie Miß Hunt in

Amerika ein Jahrzehnt früher, so hatte Miß Jessie Meriton 1856 in

England den ersten vergeblichen Versuch gemacht, zugelassen zu

werden.[244] Der ersten Engländerin von Geburt, die im Ausland Medizin

studiert hatte, Elisabeth Garret, gelang es erst 1865 nach langen

Kämpfen, das Recht zu erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft

zu praktizieren. Dieser Weg war also vorläufig für die Masse der Frauen

ungangbar. Es mußten andere, die schneller zum Ziele führten und von

vielen betreten werden konnten, gefunden werden. Zu diesem Zweck

entstand im Jahre 1859 unter Leitung von Miß Jessie Boucherett die

Society for Promoting the Employment of Women. Sie setzte sich

ausdrücklich das Ziel, den notleidenden Frauen der Bürgerklasse--den

gentlewomen--Hilfe zu bringen. Sie eröffnete Unterrichtskurse für

Handelsangestellte, Zeichnerinnen, Photographinnen, Holzschneiderinnen,

Lithographinnen, Kunststickerinnen u. dergl. und es strömten ihr nicht

nur die Schülerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht ein

Unterkommen. Während es 1851 in ganz England keine Photographin und

keine Buchhalterin und nur 1742 Verkäuferinnen gab, zählte man 1861

bereits 308 Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000

Verkäuferinnen, und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf

1755 gestiegen.

Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben

Zustände Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die Frauenzeitung

Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; höhere Unterrichtskurse

für Mädchen, eine Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in

den Jahren 1859 bis 1861. Selbst Rußland wurde vom Zuge der Zeit

berührt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der Lehrerinnen,

deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr Einkommen, entschloß man

sich schon 1867, Universitätskurse für Frauen einzurichten. Schon ein

Jahr später promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der

medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.[245] Zu gleicher Zeit

machte ihre Landsmännin, Nadjesda Suslawa in Zürich, wo Frauen nur als

Hörerinnen hie und da zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.[246] In

Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine für den gewerblichen

Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe war

ihr erster praktischer Erfolg in den Niederlanden[247]; die Errichtung

einer Handels- und Gewerbeschule in Brüssel ihre erste That dort.[248]

Der fruchtbarste Boden jedoch für die sich anbahnende Umwälzung war der

von politischen Stürmen wie von einer Pflugschar immer wieder

aufgewühlte Frankreichs. Als die Julirevolution ausbrach, kam der

Gedanke an die Befreiung auch der Frauen aus langer Knechtschaft aufs

neue deutlicher zum Ausdruck und erregte die Frauenwelt selbst aufs

tiefste. Die alte Forderung der politischen Emanzipation trat wieder in

den Vordergrund, und der Saint-Simonismus warf einen neuen Zündstoff in

die Welt, indem er die Befreiung der Frau von der männlichen Tyrannei

auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkündete. Eines der

interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 in Paris

erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, die darin

geschildert wird, deren Existenzmöglichkeit durch Umwandlung der Gesetze

und Sitten gesichert werden sollte, forderte auch ihr Recht auf Arbeit,

als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann vom Jahre 1836 ab Madame

Poutret de Mauchamps an der Spitze der französischen Frauenbewegung

trat, begann sie systematisch vorzugehen. La Gazette des femmes wurde

ihr Organ, ein treues Spiegelbild ihres Wachstums. Die Eröffnung der

Universitäten, die Zulassung der Frauen zu höheren Berufen, das waren

die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren Feldzug eröffnete und die

Gründung einer Gesellschaft zur Hebung der Lage der Frauen,--der ersten

ihrer Art,--war ihr nächster praktischer Erfolg.[249] Ein ideeller

Erfolg aber von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit

dem Männer der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So hielt

Ernest Legouvé im Jahre 1847 im Collège de France eine Reihe von

Vorlesungen über die moralische Geschichte der Frauen[250], in denen er

durch die Schilderung ihrer traurigen Lage den größten Eindruck

hervorrief. "Keine öffentliche Erziehung, kein gewerblicher Unterricht

für die Mädchen; das Leben ohne Heirat eine Unmöglichkeit für sie, und

die Heirat ohne Mitgift unmöglich", rief er aus, und malte mit dunklen

Farben das Los der armen Töchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster,

der Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende

Bettlerleben bei begüterten Verwandten übrig blieb. Er forderte für sie

Zulassung zum ärztlichen Beruf und wünschte ihre staatliche Anstellung

als Schul-, Gefängnis- und Fabrikinspektoren,--eine Forderung, über

deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert später, in gewissen

Ländern noch immer gestritten wird! "Die Arbeit, das heißt Freiheit und

Leben" war für ihn der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das

Gesetz von 1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet

wurden, mindestens eine Mädchenschule zu gründen[251], und die den

Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des Collège de France

beizuwohnen, können als Erfolg der von Legouvé mit getragenen Agitation

betrachtet werden. Die Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere

Vorwärtsbewegung. Die höhere Mädchenerziehung, die einen so

vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt besonders schwer

unter der rapiden Zunahme der Erziehungsklöster, die die Revolution von

1789 völlig unterdrückt und Napoleon auf das äußerste beschränkt hatte.

Ihre Konkurrenz war für die weltlichen Pensionen fast vernichtend; nicht

nur daß die Bourgeoisie die gut eingerichteten, von Gärten umgebenen,

Vorteile aller Art bietenden Klöster den engen, dunklen weltlichen

Erziehungsanstalten für ihre Töchter vorzog, auch die Lehrerinnen

vermochten sich den Klosterschwestern gegenüber kaum zu behaupten. Die

Unterlehrerinnen in den Pensionaten mußten Dienstbotenarbeit mit

übernehmen und erreichten kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die

Privatlehrerinnen waren froh, wenn sie nach einem ermüdenden 12- bis

14stündigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre Zahl infolge

des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es allein 3000

Klavierlehrerinnen in Paris![252] Erst Englands Beispiel rüttelte die

Frauen aus ihrer Lethargie. Madame Allard und Jules Simon gründeten nach

dem Vorbild des englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen

Vorbildung der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 über

die Frage der Frauenarbeit im Journal des Débats erschienen und das auf

gründlichen Studien beruhende Buch von Jeanne Daubié über die Lage der

vermögenslosen Frauen[253], beeinflußten die öffentliche Meinung und

unterstützten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und Gewerbeschulen

für Frauen wurden eröffnet und fanden binnen kurzem zahlreichen

Zuspruch.[254] Die Post machte zuerst den Versuch mit der Verwendung von

Frauen, der Staat stellte sie, nachdem seit Frau von Genlis keine Frau

mehr den Posten bekleidet hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in

England und Amerika, so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine

Brés, an die Pforten der Universität und verlangte, zu den Vorlesungen

der medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Ihre Forderung wurde

dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der Kaiserin

Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, daß die Pariser

Universität den Frauen geöffnet und die Erwerbung akademischer Grade

ihnen ermöglicht wurde.[255] Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten

Condorcets und Olympe de Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier

die Revolution es jedesmal war, mit der der Aufschwung der

Frauenbewegung zusammenfällt, so löste sie auch in Deutschland die Zunge

der Stummen.

Ihrem Einfluß hat die bürgerliche Frauenbewegung ihre erste

Vorkämpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam sie in ihren

stürmischen Anfängen einen politischen Charakter, der aber unter der

eisernen Rute der Reaktion schnell wieder verschwand. Die praktische

Frage des augenblicklichen Notstands trat in den Vordergrund, und die

Erregung, die sich darüber der Gemüter bemächtigte, spiegelte sich vor

allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mädchenschulen ab; die

Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen erwerbsfähig machen,

die Konservativen wollten dagegen den häuslichen Beruf wieder stärken

und betonen.[256] Da sie am Staatsruder saßen und die deutschen Frauen

selbst viel zaghafter waren, als ihre ausländischen Genossinnen,--selbst

eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion eingeschüchtert, viele Jahre

lang,--blieben sie Sieger im Kampf auch gegen die privaten

Unternehmungen zur Erweiterung der Frauenbildung. Die unter den

glänzendsten Aussichten von Emilie Wüstenfeld 1849 in Hamburg

gegründete, zwei Jahre lang von Karl Fröbel geleitete Hochschule für

Frauen wurde zur Schließung gezwungen. Selbst in den Fröbelschen

Kindergärten, die schon vielen Frauen befriedigende Beschäftigung

sicherten, sah man Herde verderblicher Aufklärung; sie wurden 1851 von

Staats wegen aufgelöst.[257] Man brachte die Notleidenden zum

Schweigen,--das war ja von jeher das Ziel antirevolutionärer

Bewegungen,--aber die Not selbst wuchs im Stillen um so schneller.

Der einzige Beruf bürgerlicher Frauen, der der Lehrerin, war schon aufs

äußerste überfüllt. Von 1825 bis 1861 war ihre Zahl allein in Preußen

von 705 auf 7366 gewachsen[258], während die Gründung von

Mädchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten hatte.

Es kam vor, daß sich innerhalb einer Woche zu einer Schulstelle 114

Bewerberinnen meldeten![259] Dazu kam, daß die preußische Volkszählung

von 1861 nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mädchen

ergeben hatte. Als daher die Berichte über die englischen und

französischen Vereine, die gegen dieselben Zustände kämpften, die hier

in die Augen sprangen, nach Deutschland gelangten, wirkten sie wie

Schlüssel zu einer neuen Welt. Es waren nicht Frauen, wie dort, sondern

Männer--und das ist bezeichnend für den Standpunkt der deutschen

Frauen--, die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im

Jahre 1865 dem Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen eine

Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung und

persönlicher Beobachtungen, die Gründung eines dem englischen und

französischen Vorbild ähnlichen Vereines befürwortete.[260] Dieser müsse

sich in seiner Thätigkeit, so führte er aus, ausschließlich auf die

Frauen des Mittelstandes beschränken, und ihnen durch Einführung

praktischer Unterrichtskurse neue Berufszweige eröffnen. Als solche

bezeichnete er in der Heilkunde den ärztlichen Beruf und den der

Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von chemischen,

chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, von Farben,

Parfümerien und Essenzen, sowie von Photographieen; im Handel:

Buchhaltung, Korrespondenz, Kassenführung, Warenverkauf; im öffentlichen

Dienst: Post und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefähr die Berufe,

die auch heute noch als Berufe bürgerlicher Frauen angesehen werden

können. Wenn er, seine Anhänger und alle Beförderer seiner Ideen in

ihren Bestrebungen nicht über den Kreis dieser Frauen hinausgehen

wollten, so drückt sich darin ein Klassenegoismus aus, der um so

abstoßender wirkt, als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach

Abhilfe zu schreien schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die

Stärke der jungen Bewegung. Indem sie mit den beschränkten Kräften, die

sie noch besaß, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte sie sicher sein,

sie schließlich zu erreichen. Der Gedanke entsprach so sehr der

Zeitströmung, daß er nicht allein durch den Mund Lettes zum Ausdruck

kam. Auf dem Vereinstage deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz

Müller, daß Staat und Gemeinden veranlaßt werden möchten, Gewerbeschulen

für Frauen zu gründen, denn "die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt,

zu der sie befähigt sind"; der schlesische Gewerbetag nahm eine

Resolution zu gunsten der kaufmännischen Ausbildung und der Anstellung

der Frauen im Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein

Hauptmann außer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung

die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, als

Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, an deren

Spitze die alte Kämpferin Luise Otto trat. Auch hier wurde die Frage der

Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise allein erörtert. Ihr

praktisches Ergebnis war die Gründung des Allgemeinen Deutschen

Frauenvereins, als dessen Ziel "die erhöhte Bildung des weiblichen

Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen

Hindernissen" aufgestellt wurde.[261] Während der in Berlin ins Leben

gerufene Letteverein von Männern geleitet wurde und Frauen nur zur

Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich sofort auf

radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur Vorsitzenden wählte und

Männer sowohl von der Leitung als von der Mitgliedschaft ausschloß. Hier

also kämpften die deutschen Frauen zum erstenmal persönlich, in

organisiertem Verbande für ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion

gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch

wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu fördern. Dieselbe

Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt sich

auch in ihren Ansprüchen wieder und beweist, daß der aus rein

wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit die Urquelle der

bürgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir verlangen nur, daß die Arena der

Arbeit den Frauen geöffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die

eigentliche Wortführerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins

ausgerufen.[262] "Die einzige Emanzipation, die wir für unsere Frauen

anstreben, ist die Emanzipation ihrer Arbeit"[263], schrieb Luise Otto.

Und Fanny Lewald-Stahr, die von sich selbst erzählt, daß sie heimlich

habe arbeiten müssen, weil es sich für Mädchen ihrer Art nicht schickte,

Geld zu verdienen, und die anerkennt, daß "der gewaltigste Aufklärer,

die bittere Not" es war, die vielen die Augen geöffnet hat, erklärt die

"Emanzipation zur Arbeit" für die einzige, von der vor der Hand geredet

werden kann.[264]

So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und Deutschland,

dem sich ein Jahr später, durch Gründung des Frauenerwerbvereins, auch

Oesterreich anschloß, jener Prozeß vollzogen, durch den die bürgerliche

Frau in eine neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung

der Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und

Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner von

Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, voraussah, ja

die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurück hätte schaudern lassen, wenn

sie sie hätten ahnen können.

Dritte Periode. Die Bestrebungen für Frauenbildung und Frauenarbeit in

neuester Zeit.

Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens

einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn der

modernen Frauenbewegung. Es mußte ihm erst die wirtschaftliche

Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und mehr aus der

Vereinzelung der häuslichen Thätigkeit herausriß, sie zwang, Arbeit

außerhalb der engen vier Wände zu suchen und sie schließlich ihre

Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverständlich konzentrierte sich die

Frauenbewegung je nach dem Grade der Verarmung des Bürgerstandes und der

Zahl den die Männer überwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und

der Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde,

gestaltete sich dort am schärfsten, wo die allgemeine wirtschaftliche

Lage die gedrückteste, die Ueberfüllung der Berufe die größte und die

Konkurrenz der Männer infolgedessen die stärkste war.

Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die

Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in erster

Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich

hauptsächlich die Gegner, während der Wunsch, der Frauen, zu den höheren

Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, auf geringeren

Widerstand stieß. Zwar wurde im Anfang der Vorwurf der Unweiblichkeit

auch gegen die Schülerinnen der ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von

der Kanzel herunter gegen sie gepredigt, besonders das System des

gemeinsamen Unterrichts beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald

beschränkte sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den

siebziger Jahren öffnete sich den andrängenden Frauen eine Hochschule

nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum Teil, ihnen

akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten entstehenden

Frauenvereine hatten die Forderung höheren Unterrichts in ihre Statuten

aufgenommen; besondere Vereine, wie die Female Medical Educational

Society, richteten ihre Agitation auf bestimmte Berufsvorbereitungen.

Schon 1874 wurde in der medizinischen Fakultät der Universität Boston

ein besonderer Kursus für weibliche Studenten eingerichtet; heute stehen

ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen Schulen offen.

Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet bahnbrechend vorgegangen war,

so Antoinette Brown auf dem des Studiums der Theologie. Im

Oberlin-College, wo sie ihr Examen glänzend bestanden hatte, waren ihr

schon von den Lehrern die größten Schwierigkeiten bereitet worden und

man strafte ihr "unweibliches" Vorgehen damit, daß man ihren Namen nicht

in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre später jedoch

begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der katholischen

und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen Schulen auch weibliche

Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte sich das Studium der

Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst für sich erzwungen hatte.

Viel schwieriger wurde es den Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur

Berufsthätigkeit zugelassen zu werden.

Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon dadurch

unmöglich gemacht, daß keines der bestehenden Krankenhäuser sie zuließ,

noch weniger fanden sie natürlich Patienten, man begegnete ihnen sogar

mit Mißtrauen und Geringschätzung. Als Dr. Emily Blackwell und Dr. Marie

Zakzrewska sich in New York niederließen, wo das erste Krankenhaus für

Frauen, an dem nur weibliche Aerzte ordinierten, durch sie entstand, war

es ihnen zuerst unmöglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr

wollte die Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder

von den Gerichtshöfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie warteten

vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine Sache

anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, zuweilen

sogar mit Steinwürfen vertrieben, und die Graduierten der

philosophischen Fakultäten fanden nur selten einen Lehrstuhl in einem

College. Etwas rascher gelang den Erwerb Suchenden der Eintritt in den

kaufmännischen Beruf und zwar war die Regierung ihnen hier behilflich.

Schon 1862 stellte General Spinner, die allgemeine Entrüstung darüber

nicht achtend, sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und

1875 konnte er von über tausend Angestellten im Staatsdienst berichten,

und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.[265]

Ebenso bewährten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der sechziger

Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschäftigt wurden. Ihr Eintritt in

bürgerliche Berufe machte von da an rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz

von Vereinen aller Art spann sich über Amerika aus; ihre Agitatorinnen

reisten von Ort zu Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch

selbständige Arbeit überall hin tragend.

Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch ihre

Leistungen während des Bürgerkrieges, wo sie den Beweis für ihre

Arbeitsfähigkeit führten. Nicht nur, daß weibliche Journalisten als

Leiter von Zeitungen und Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es

waren auch allein die Frauen, die mit heldenmütiger Aufopferung die

Pflege der Soldaten und ihrer Hinterbliebenen übernahmen und einheitlich

organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis dahin

Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend den

furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan eines

allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf der Genfer

Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben trat. Zur

obersten Leiterin der Verwundetenpflege war während des Krieges Dorothea

Dix in Anerkennung für ihre Leistungen als Reformatorin des

Gefängniswesens von der Regierung ernannt worden. Zu gleicher Zeit

riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen Frauenverein ins Leben, der

zunächst nur den Zweck hatte, für die Pflege, Nahrung, Bekleidung und

Unterstützung der Soldaten und ihrer Angehörigen zu sorgen, sich aber

nachher zu jener Sanitäts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine

heute in jedem Staat und fast jeder Stadt für die unbemittelten Kranken

Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft zur Arbeit und Verständnis

für öffentliche Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um

Bildung und Arbeit wurde immer schwächer. Heute haben sie von 484

Colleges und Universitäten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen

zu 28. Außerdem bestehen 4 Universitäten und gegen 160 Colleges für

Mädchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. 36000 an diesen Anstalten

studierende Frauen gezählt wurden[266], hat ihre Zahl sich verdoppelt;

allein 25000 studieren davon an den Universitäten.[267] Neben 6

medizinischen Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen für Männer auch

den Frauen offen; in 6 Frauenhospitälern können sie ihrer klinischen

Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der Theologie ist ihnen

ermöglicht.

Diese glänzenden Resultate eines fast hundertjährigen Kampfes dürfen

jedoch nicht mit europäischem Maßstab gemessen werden. Es giebt,

besonders im Westen, sogenannte Universitäten, deren Unterrichtskreis

nicht über die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die

meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und Prima,

sodaß der zum Schluß verliehene Grad eines Bachelor of Arts (B.A.) nicht

höher steht, als unser Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen

höheren Töchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, daß

Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert sind;

andere wieder erreichen die Höhe deutscher Universitäten. So kann

angenommen werden, daß von den 25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in

unserem Sinne Studentinnen sind.[268] Danach kann auf eine gewisse Höhe

der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf

wissenschaftliche Gründlichkeit geschlossen werden. In der Erkenntnis

dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an einer

europäischen Universität den Doktorgrad zu erringen, sie haben sich auch

zur Verbindung der Collegiate Alumnae zusammengethan, die durch

Stipendien das Studium im Auslande ermöglicht und ein höheres Niveau der

inländischen Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel

aber für die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte

Eröffnung der vier bedeutendsten Universitäten: Harvard, Yale, Johns

Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr philosophisches

Doktorexamen machen dürfen, und diese mußte sich mit einer privaten

Bescheinigung darüber begnügen. Da sich nun aus den, als B.A.

entlassenen Schülerinnen der Universitäten die Schulvorsteherinnen und

Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges rekrutieren,

so gehen deren Schülerinnen selbstverständlich wieder als mangelhaft

Vorgebildete aus ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen

werden wird, wenn die schärfer werdende Konkurrenz mit den Männern die

Frauen zu größerer Energie um vertiefteren Unterricht aufstachelt.

Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu bürgerlichen

Berufen--wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder kommunalen

Ehrenämtern--nur selten erschwert. Seit 1872, wo Illinois durch Gesetz

bestimmte, daß alle Berufe ohne Unterschied des Geschlechtes jedem offen

ständen, sind etwa zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel

gefolgt. Kaum ein Beruf dürfte den Frauen vollständig verschlossen sein;

seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur Militärärztin mit dem Range

eines Leutnants scheint selbst die militärische Karriere ihnen in

gewisser Weise offen zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich

nicht nur Frauen in subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden

sie das Amt eines Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit

anderen Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher

giebt es in größerer Zahl.[269] In 22 Staaten finden sich 227

Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, Miß

Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum Oberinspektor der

gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan fungiert seit 1899 eine

Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 Prozent aller Schulräte und 5

Prozent aller Notare Frauen. In verschiedenen Parlamenten sind die

amtlichen Stenographen Frauen; 30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in

den Bundesstaaten. Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich

angestellt. In allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche

Beamte beschäftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl

der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22

Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington

stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Männern gleich. Bis

heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche Universitätsprofessoren finden

sich auch an den ersten Universitäten des Landes, so in Boston Mercy

Jackson als Professor für Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell

als Professor der Nationalökonomie. Außer in den genannten Berufen haben

Frauen sich durch kaufmännische Unternehmungen selbständig zu machen

gesucht, und besonders in den Süd- und Weststaaten haben sie sich als

Besitzer und Leiter von ausgedehnten Viehzüchtereien und

Milchwirtschaften, von Gemüse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum

Reichtum emporzuarbeiten verstanden.[270]

Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage kommt die

englische am nächsten; die politische Freiheit verbunden mit der open

door policy, d.h. dem Gedanken des freien Wettbewerbs, hatte einen

rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge, der auch den Frauen

zugute kam. Der Platz am Brotkorb brauchte ihnen nicht in so heftiger

Weise streitig gemacht zu werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen

nach höherer Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg

gelegt.

Nachdem die königliche Kommission zur Untersuchung der Schulzustände,

die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches Mitglied Miß Beale den

Stand der höheren Mädchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar

ungünstigsten Berichte über den Unterricht des weiblichen Geschlechts zu

geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine zur Verbesserung

der Mädchenerziehung, die auf die Höhe des vorbereitenden Unterrichts

der Knaben zur Universität gehoben werden sollte. Um einen Maßstab für

sie zu haben, richtete sich die nächste Agitation auf die Zulassung der

Mädchen zu den Lokalexamen der Universitäten. Schon 1865 verstand sich

Cambridge, etwas später Oxford zur Abhaltung dieser Examen, die etwa

zwischen das 13. und 16. Lebensjahr der Schüler zu fallen pflegen.[271]

Sie stehen ungefähr den Examen unserer Realschulen gleich und

berechtigen keineswegs zum Universitätsstudium. Um dies zu erreichen,

das den Frauen hartnäckig verweigert wurde, legte Miß Emily Davies, die

schon die erfolgreiche Agitatorin für die Lokalexamen gewesen war, im

Jahr 1869 zuerst in einem kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu

Girton College. Es gelang ihr, einige Professoren von Cambridge für ihre

Idee, ihre Schülerinnen zunächst zu dem leichtesten--dem sogenannten

little-go--Universitätsexamen vorbereiten, zu gewinnen. Sie bestanden

nicht nur dies, sondern drei Jahre später auch das schwerste, das

Triposexamen. Inzwischen wurden nach dem Muster von Girton,

Newnham-College, gegründet. Durch vereinte Bemühungen, die oft zu

heftigem Federkrieg führten, wurde endlich erreicht, daß die Frauen zu

einzelnen Vorlesungen in der Universität selbst Zutritt erlangten und

schließlich--im Jahre 1881--wurden sie zu den Universitätsexamen, dem

little-go und Tripos, offiziell zugelassen; bis heute jedoch müssen sie

sich, trotz dauernder Bemühungen, mit einem einfachen Zertifikat

begnügen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei den

männlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen standhaft

verweigert,--es ist das das letzte Prärogativ, das die Männer sich

vorbehalten wollen!--Der Kampf um Oxford war ein ähnlicher, wie der um

Cambridge.[272] In dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen

nach und nach zu den Vorlesungen und Examen aller Fakultäten, mit

Ausnahme der medizinischen zugelassen, aber die Titel gönnten ihnen auch

hier ihre männlichen Kollegen nicht. Dafür gewährte ihnen schon 1878 die

Universität London--lediglich eine Examinationsbehörde--sämtliche Grade,

was um so wichtiger ist, als ihre Examen für die weitaus schwersten

gelten. Mit kleinen Unterschieden,--so ist das Studium der Theologie und

Medizin an einigen Universitäten den Frauen verboten--nehmen heute

sämtliche Universitäten Großbritanniens weibliche Studenten mit gleichen

Rechten auf wie männliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der

englischen Prüderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem

Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Männer muß es angesehen

werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen sich um das Studium der

Medizin, vor allem um die klinische Ausbildung drehte. Keine Schule und

keine Examinationsbehörde wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie

sich denn, sich selbst zu helfen, indem sie, mit Unterstützung einiger

Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London school

of Medicine for women gründeten. Ihrem energischen Vorgehen war es zu

danken, daß durch Parlamentsbeschluß zwei Jahre später die

Prüfungsbehörden autorisiert wurden, weibliche Studenten zu examinieren.

Sie folgten freilich nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung.

Bis heute haben sich neun Universitäten und medizinische Schulen dazu

bereit erklärt, außerdem stehen ihnen acht allgemeine Krankenhäuser

neben achtzehn Frauenhospitälern offen.[273]

Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die indischen

Universitäten sind seit 1878 den Frauen geöffnet; vier höhere Schulen,

von denen die in Pronah unter Leitung der gelehrten und wohlthätigen

Indierin Pundita Ramabai steht, sorgen für die Vorbereitung; die

australischen Universitäten Sydney und Melbourne haben nie einen

Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.[274]

Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts für

bürgerliche Lebensberufe ist für das weibliche Geschlecht in England

fast ebenso gut gesorgt, wie für das männliche. Private und öffentliche

Schulen zur gewerblichen, kaufmännischen und künstlerischen Ausbildung

nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es für Frauen mehr

giebt als für Männer, genießen sie die Vergünstigung unentgeltlicher

Ausbildung.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 13 / 47 题