5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution.

Nach schwächlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach

die Revolution aus. Sie mußte von Frankreich ausgehen, obwohl in allen

Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier

alle Umstände zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen

welterschütternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein

jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der

herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende

Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige

Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die

Encyklopädisten. In der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts

finden sich alle jene Ideen, die in den Stürmen der Revolution nach

Verwirklichung strebten.[176]

Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren

und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den

Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit

vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschülerin, durch die Schriften

Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schülerin

Rousseaus;[177] ähnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der

Herrschaft über die Helden der Anfänge der Revolution, Sophie de

Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels

Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus

Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber

auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu

spielen nicht bestimmt waren, nährten ihren Geist an denselben Quellen

und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflußt durch Rousseau,

wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaßen. Es ist kein

Zufall, daß die Zeit der ersten Begeisterung für "Emile" mit der Zeit

der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre,

Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfällt, denn in den Händen

ihrer Mütter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die

Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker,

die Träume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefühl und

machten daher die Frauen zu ihren glühendsten Vertreterinnen. In ihren

Salons versammelten sich die führenden Geister und achteten ihr Urteil

als ein dem der Männer durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit

war erfüllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen

kann, der in seinen Strom gerät, und das alle schlummernden Kräfte des

Geistes zu reger Bethätigung auslöst.[180] Während der eine Teil der

Frauen sich damit begnügte für Natur, Freiheit und Gleichheit zu

schwärmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und

griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Staël erinnert--nicht nur

urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik

ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am

politischen Leben darf aber ein Umstand nicht außer acht gelassen

werden: der Einfluß Amerikas. Wie er sich in der Erklärung der

Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der

freiheitliche Luftzug, der von den Unabhängigkeitskriegen ausging, manch

mittelalterlichen Trödel aus Europa austreiben half, so ist auch die

Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Züge auf ihn

zurückzuführen.

Die Frauen Amerikas schürten von Anfang an den Widerstand ihres

Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die

Schwester des feurigen Freiheitskämpfers James Otis, vereinigte in ihrem

Salon die Führer der Bewegung; als sogar Washington von der endgültigen

Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte,

forderte sie die Unabhängigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in

lebhaftem Briefwechsel und die Unabhängigkeitserklärung zeigt deutlich

die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die

Gattin des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch

die ersten Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen

Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongreß die Verfassung

zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die künftige

Verfassung den Frauen keine gründliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind

wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht für verpflichtet

uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung

unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die

Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den öffentlichen Schulen und

begründete ihre Forderung, indem sie erklärte, daß ein Staat, der

Helden, Staatsmänner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst

wahrhaft gebildete Mütter haben müsse. Infolgedessen wurden die Schulen

den Frauen geöffnet, während der Wunsch nach politischer

Gleichberechtigung für die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfüllt

blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt

ihren weiblichen Bürgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die

weit über die Grenzen Amerikas hinaus das größte Aufsehen erregte.[182]

Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung für die

Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafür

vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach

höherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kämpfe der Zeit

eingreifen zu können, machte sich zunächst geltend. Die Konversation in

den Salons, die Privatlektüre genügten nicht mehr und so wurde im Jahre

1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum

gegründet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde,

denen sich ein kleiner Kreis von Männern,--im ganzen etwa 700

Personen,--anschloß. Die letzten der Encyklopädisten und ihre Nachfolger

lasen dort über Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und

Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre

gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien

in der phrygischen Mütze auf der Tribüne,[183] und die Schüler, zu denen

Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehörten, wurden

aus Zuhörern handelnde Personen in dem Drama, das sich draußen

entwickelte.

Durch die Gründung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung

anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten

die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses

Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen

Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den

Bericht über die Neuordnung des öffentlichen Unterrichts vorlegte,

widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der

von den übrigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausführungen

durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm

gewünschte Einschränkung der Frauenbildung auf das geringste Maß zu

begründen, griff er bis auf die Frage zurück, ob Frauen als Staatsbürger

anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, daß es wie eine mit den

Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende

Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hälfte des Menschengeschlechts

außerhalb der Verfassung stehe, aber, so fügte er hinzu, ein anderer

wichtiger Umstand müsse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck

aller staatlichen Einrichtungen muß das Glück der größten Anzahl sein;

wenn die Ausschließung der Frauen von allen öffentlichen Rechten für

beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glücks zu erhöhen, so

muß jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung

der männlichen Jugend das Ziel hat, Bürger heranzubilden, die allen

Rechten und Pflichten dem Staate gegenüber gewachsen sind, die Natur den

Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer

Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle

des Unglücks ist, so müssen die Erziehungsmethoden für beide

Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschluß an Talleyrands

Bericht beschloß die Nationalversammlung die Mädchen nur bis zum achten

Lebensjahr in öffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der

häuslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt,

sollen an Stelle der früheren klösterlichen Erziehungsanstalten

weltliche treten, in denen die Mädchen in allen ihrem Geschlecht

angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der

Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, daß alle Kinder,

ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in

sogenannten maisons d'égalité gemeinsam erzogen werden sollten.[186]

Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen

Geschlechts zu heben oder gar der männlichen gleichzustellen, findet

sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu

sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als daß diese Forderung

der Frauen eingehende Berücksichtigung hätte finden können. Sie wurde

auch von ihnen selbst ohne großen Nachdruck verfolgt; die Frauen der

Bourgeoisie saßen sowieso schon als Gleichberechtigte an der

reichbesetzten Tafel geistiger Genüsse, und die Frauen der arbeitenden

Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spüren, wo der

physische ihren Körper verzehrte.

Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789

bis 1799 waren für die französische Industrie verderblich, nicht nur

weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie förmlich erdrückte,

sondern,--und das spürten die arbeitenden Frauen besonders

empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des großen

geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide

zurückging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen

der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an.

Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zählte man 50000 Bettler in

Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand,

wuchs die Zahl der Bettler in den nächsten zehn Jahren bis auf 1-1/2

Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um

1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf

680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter

ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshäusern interniert, wo die

gräßlichsten Krankheiten nie aufhörten, und man die Armen, als ob sie

nicht durch das eigene Unglück genug gegeißelt würden, mit

Peitschenhieben züchtigte.[190] Die größte Not aber herrschte in den

Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs

mit dem Elend der Haß empor, und er richtete sich nicht nur gegen den

Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Haß

der Bourgeoisie, sondern in erhöhtem Maße gegen die Ausbeuter und

Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tägliche

Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so

daß Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder

hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der

Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schätzte doch

Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf

70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von

den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu

verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten,

weil die gewaltigsten Triebkräfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu

den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf

jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenüber den

Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit

geschlagen; sie schwärmten für Freiheit und Gleichheit, für ein

friedliches Leben in der Natur, für Brüderlichkeit und allenfalls für

Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische

Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit

entfernt davon, über die Kluft, die sie vom Proletariat trennte,

hinwegzuschreiten oder auch nur hinüberzusehen. Selbst die Memoiren der

bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal

einen Hinweis auf das Elend ihrer ärmsten Geschlechtsgenossinnen. So

merkwürdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf

bewußte Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst

vortrefflichen Menschen schwer fällt, den Kreis ihrer Gefühle so über

die eigene Klasse auszudehnen, daß keinerlei Regung des Klassenegoismus

mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die

inneren und äußeren Schranken zwischen den Ständen weit größere waren,

noch viel schwerer. Das Proletariat mußte seine Sache selbst führen,

wenn es überhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die

Heerführer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlösser des Adels in Flammen

aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem

wütenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die

Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und

der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfüllt von dem Wunsch,

Abhilfe zu schaffen, auf die verödeten Werkstätten und die Massen der

Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mütter waren, vom

Unglück doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis

sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbständigem Handeln

erwachten.

Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der

Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von

Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie möglich.

Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um

Hilfe, aber sie wußten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194]

daß sie kamen, war schon Wagnis genug, wie hätten sie sich auch noch zur

Aussprache bestimmter Forderungen entschließen können? Ihre That, so

ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender

Bedeutung: die Frauen fühlten den Mut, zu sagen, was sie quälte; die

durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte

immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage

gelangte zu klarem Bewußtsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende

Broschüren beschäftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung;

die ganze Not des armen alleinstehenden Mädchens, das von der

ehrlichen Arbeit ihrer Hände nicht leben kann und der Schande

gewaltsam in die Arme gestoßen wird, klang aus der "Motion de la

pauvre Javotte"[195] erschütternd heraus; als eine notwendige Folge der

wirtschaftlichen Zustände wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin

unerhörter Schluß!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie

einzuschränken, gesucht. Auf die Zurückdrängung der Frauen von guten

Erwerbsmöglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschäftlichen

Gründen geschlossenen Ehen zurückgeführt, und die Forderung, dem

weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt

ermöglichender Arbeit zu eröffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In

einer Petition der Frauen an den König fand sie ihre klarste Fassung.

Die Männer, so heißt es darin, sollen die den Frauen zukommenden

Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausüben

dürfen, dafür würden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompaß noch

das Winkelmaß zu führen; "wir wollen Beschäftigung haben, nicht um die

Autorität der Männer an uns zu reißen, sondern um unser Leben zu

fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wünsche natürlich nicht, aber

die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr

überhört und vergessen werden. Sie beeinflußte die Diskussion über die

Lage der Zünfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach

ganz aus ihren Verbänden herausgedrängt hatten, und deren Auflösung im

Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrüßt wurde. Sie

bedeutete für sie, gleichgültig welches die weiteren Folgen waren, die

Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem

Gebiete manueller Arbeit.

Das öffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschränkte

sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie

die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die

Kämpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie

Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hyänen werden, zu

illustrieren suchen. Gewiß ist, daß der Sturm entfesselter

Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er

mit allen Mitteln der Gewalt unterdrückt worden war, und daß es unter

den Frauen wie unter den Männern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie

in erregten Zeiten überall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der

Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober

1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerüchte

der skandalösen Vorgänge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser

Volks aufs äußerste gesteigert, aber nicht die Männer, sondern die

Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstädte, die Händlerinnen der Hallen

waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus

gestürmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der

Zahl, nach Versailles.[197]

Diese revolutionäre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem

natürlichen Gefühl des Volks herauswuchs, gehört den Frauen, wie die des

14. Juli den Männern gehört hatte. Die Männer eroberten die Bastille,

die Frauen den König und damit das Königtum.[198] Denn obwohl es

zunächst den Anschein hatte, als wäre die Revolution beendet, fing sie

in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener

Kraft ihren Platz im öffentlichen Leben erkämpft; mochten sie auch der

Rechte der Staatsbürger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte

nicht mehr überhört, ihre Lage nicht mehr übersehen werden. Dabei war

ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und äußeren Politik

geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch

in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund

dieser Erkenntnis zu treibenden Kräften der revolutionären

Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der

Männer ein und beteiligten sich an den Debatten, sie gründeten nunmehr

auch in fast allen großen Städten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft

eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zählte

allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes

républicaines et révolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem

der Patriotes des deux sexes défenseurs de la Constitution, der unter

dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehört auch Madame

Roland, die einflußreichste Politikerin der Revolution als Mitglied an.

Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einfluß verdankte ihr Gatte

seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die

französischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von

ihrer Hand geschrieben sind. Sie übertraf an Kenntnissen, an Reinheit

der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur

sie war im stände jenen Brief an den König zu schreiben, der die

Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach

ihre Person den Beweis für die Berechtigung der Forderungen der

Frauenbewegung lieferte, so wenig übte sie irgend welche direkten

Einfluß auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung.

Eine der eigentümlichsten Persönlichkeiten, welche die an Originalen so

reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin

und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr

eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Bürger von

Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß sie einem

Verhältnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich später nannte,--mit

dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr

jung heiratet das blühend schöne Mädchen, deren bourbonische Züge zu

dem Gerücht Anlaß gaben, daß Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber

schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglücklichen

Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr

mangelhaften Bildung infolge ihres sprühenden Geistes und ihrer

Schönheit der Mittelpunkt fröhlicher Geselligkeit wurde. Daß das

unerfahrene Geschöpf dabei ihr Herz vor stürmischen Leidenschaften nicht

behüten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgründe und

die Höhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte,

die Vorkämpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie

suchte sich zunächst einen Ausweg in litterarischer Produktion für das

Theater, natürlich, trotz geistreicher Aperçus, bei ihrer geringen

Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck

der fortschreitenden Revolution dieser Thätigkeit und ihrem ganzen

bisherigen Leben den Rücken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der

Arbeit für das öffentliche Wohl rückhaltlos in die Arme zu werfen." Sie

that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialität

überwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das

Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewöhnliche

Kräfte verlieh. Sie überraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer

wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache.

Selbst die Nationalversammlung hörte staunend dieser glänzenden Rednerin

zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was

sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schönsten

Zügen. Angesichts der Hungersnot veranlaßte sie durch einen öffentlichen

Aufruf und durch ihr Beispiel, daß zahlreiche Frauen in wetteiferndem

Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie

das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschäftigte sich mit der

brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie

Einrichtung öffentlicher Unterstützungskassen zu seiner Bekämpfung, dann

aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewußtsein kam,

agitierte sie in Wort und Schrift für die Errichtung staatlicher

Musterwerkstätten für Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur

Verwirklichung kam.

Alle diese Bestrebungen aber waren gegenüber ihrer Thätigkeit zu gunsten

ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete

der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer

Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, daß auch

unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt

sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thätigen Anteil

nehmen?" Als aber die Erklärung der Menschenrechte erschien und alles

begeisterte, veröffentlichte sie ein Manifest, die Erklärung der Rechte

der Frauen, das in kurzen kräftigen Zügen das Programm der

Frauenbewegung enthält. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie

nachweist, daß das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der

Frauen die Ursache nationalen Unglücks und sittlicher Korruption wäre,

fährt sie fort:

"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das

Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der

unveräußerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des

Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die

Unterdrückung.... Die Ausübung der Rechte, die der Frau von Natur

gebühren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der

Gemeinschaft von Männern und Frauen besteht die Nation, auf der der

Staat beruht; die Gesetzgebung muß der Ausdruck des Willens dieser

Allgemeinheit sein. Alle Bürgerinnen müssen ebenso wie alle Bürger

persönlich oder durch ihre gewählten Vertreter an ihrer Gestaltung

teilnehmen. Sie muß für alle die gleiche sein. Daher müssen alle

Bürgerinnen und alle Bürger, entsprechend ihren Fähigkeiten, zu allen

öffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmäßig

zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente

dürfen den Maßstab für ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das

Schaffot zu besteigen, die Tribüne zu besteigen, sollte sie dasselbe

Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und

nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.

"Die Frau trägt ebenso wie der Mann zum Vermögen des Staates bei, sie

hat dasselbe Recht wie er, über dessen Verwaltung Rechenschaft zu

fordern. Eine Verfassung ist ungültig, wenn nicht die Mehrheit aller

Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung

mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit

hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr

sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft

der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie

die Männer nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Füßen liegen,

sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu

teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203]

Ihre Erklärung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschüren für und

gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden

Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift für die

Frauenbewegung: l'Observateur féminin. Die Nationalversammlung wurde mit

Petitionen bestürmt, die politische und soziale Gleichstellung

verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch

die des männlichen Geschlechts," hieß es in der einen; "das Volk wird in

den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum

befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de

Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick für gekommen, die

vereinzelten Kämpferinnen für Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem

Vorgehen größeren Nachdruck zu verleihen. Sie gründete die ersten

politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glänzendste Agitatorin sie

wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frühzeitiges Ende bereitet

werden. Ihrem Gefühl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der

Freiheit verüben sah, und sie gehörte nicht zu denen, die es verstehen,

der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu

bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde,

schändet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte

Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die

Nationalversammlung die Absetzung des Königs gefordert und angesichts

der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit für Sie,

um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie über Pyramiden von

Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Prozeß

des Königs geführt wurde, empörte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr

mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, hütet euch, daß ihr nicht

unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte

Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen

sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles

gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte

jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit

die Massen hinzureißen verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an

der Spitze einer royalistischen Verschwörung zu stehen, zu der sie, als

natürliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fühle. Statt nun

in ihren öffentlichen Angriffen auf die Führer der Revolution

vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rücksichtsloser, denn das

Todesurteil über den König versetzte sie in die äußerste Erregung. Sie

sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie fürchtete auch die Folgen für

die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen;

eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelöst

werden." In dem Bedürfnis, nichts unversucht zu lassen, um das

Verhängnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen

leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum

äußersten für ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent

zur Verteidigung des Königs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie,

ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schärfsten Pamphlete,

in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch

ausrief: "Auch dein Thron wird einst das Schaffot sein." Dabei versuchte

sie, auch auf die Frauenvereine in ihrem Sinn Einfluß zu üben, und

erreichte vielfach, daß diese eine drohende Haltung einnahmen und

öffentlich für die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de

Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht lange

entgehen. Im Sommer 1793--sie war 45 Jahre alt--wurde sie verhaftet, am

3. November fiel ihr Kopf unter dem Fallbeil.[205] Mochte sie in ihrem

abenteuerreichen Leben die Grenzen bürgerlicher Sittsamkeit noch so oft

überschritten haben, mochte ihr exzentrisches Wesen dem landläufigen

Begriff zurückhaltender Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,--die

Frauenbewegung darf dennoch stolz auf ihre Vorkämpferin sein. Das Urteil

über die öffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt sich vorwiegend

nach den Wirkungen, die er durch seine Thätigkeit auf den sozialen

Fortschritt ausgeübt hat. Von diesem Standpunkt aus gebührt Olympe de

Gouges der Ruhm, die Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem

beachtenswerten Faktor im öffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war

ihr Auftreten typisch für die Haltung der Frauen und ihrer Vereine

überhaupt.

Sie erregten in steigendem Maße die lebhafteste Unzufriedenheit des

Konvents und der Kommune; teils wurde den Frauen unsittlicher

Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches Eingreifen in die

politischen Kämpfe zum Vorwurf gemacht. Das geschah gewiß nicht ohne

Grund, denn eine Zeit, in der alle alten Institutionen ins Wanken

geraten, wirft schwache Charaktere und heiße Herzen nur zur leicht aus

dem rechten Geleise; aber es muß angesichts der harten Urteile der

Zeitgenossen über die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden,

daß sie ihr und ihren Forderungen gegenüber fast sämtlich einen von

vornherein feindseligen Standpunkt einnahmen. Selbst die radikalsten

Politiker hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste

Verständnis für sie. Die Frauen standen fast vollständig allein, dazu

kam, daß sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefühlsseite hin am

stärksten entwickelt ist, rücksichtslos gegen jedermann vorgingen, der

sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit schuldig machte. Eine große

Anzahl der Anklagen gegen Frauen gründete sich darauf, daß sie sich

mitleidig eines Gefangenen angenommen, oder für einen, ihrer Meinung

nach unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war

den Männern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit gegenüber

den Leiden der Gegner so unverständlich, daß sie es sich immer nur

durch das Bestehen eines Liebesverhältnisses zwischen der betreffenden

Frau und dem Verurteilten zu erklären vermochten. Auch eine der

begabtesten Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der

Frauen nach Versailles angeführt hatte, geriet unter diesen Verdacht,

obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkämpferin der Revolution,

am wenigsten begründet zu sein scheint. Infolge der Erbitterung gegen

die öffentlich auftretenden Frauen, die im Jahre 1793, dem Todesjahr

Olympe de Gouges, ihren Höhepunkt erreicht hatte, gestalteten sich die

Angriffe gegen Rose Lacombe schließlich zum Kampf gegen die

Frauenbewegung selbst.

Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenüber beklagt, daß Gefangene

tagelang im Gefängnis schmachteten, ohne auch nur verhört zu werden, wie

es bei dem Maire von Toulouse, in dessen Sohn man ihren Liebhaber

vermutete, geschehen war, und sie forderte, man solle beschließen, jeden

Gefangenen binnen 24 Stunden zu verhören, ihm die Freiheit zu schenken,

wenn seine Unschuld sich erweist, ihn zu töten, wenn er schuldig ist.

Eine Behandlung, wie die gegenwärtige, verstieße gegen die Gesetze der

Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik sein müßten. Auf die Frage,

warum gerade der Maire von Toulouse, ein Aristokrat, sie, die

Verfolgerin der Aristokraten, zur Verteidigerin gewinnen könne,

erwiderte sie ruhig: "Er verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklärung

erschien Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub

und stieß um so weniger auf Widerstand, als der revolutionäre

republikanische Frauenverein, an dessen Spitze Rose Lacombe stand, durch

den Mut, mit dem er der Selbstherrlichkeit Robespierres gegenüber die

Rechte des Volks verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu

bahnen versuchte, schon längst verdächtigt wurde.[206] Rose Lacombe

versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; man ließ sie

nicht zum Worte kommen und übergab ihre Sache der Kommission für

öffentliche Sicherheit.[207] Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde,

beantragte die Kommission, der Konvent möge beschließen, daß alle

Frauenvereine, gleichgültig, welchen Namen sie trügen, aufgelöst und

ein für allemal verboten würden. Die Rede des Konventmitglieds Amar, die

diesen Antrag begründete, ist bezeichnend für die Stellung, welche die

Männer der Revolution der Frauenbewegung gegenüber einnehmen. Er

verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte

ausüben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen dürften, und ob es

ihnen gestattet sein sollte, politische Vereine zu bilden, indem er

folgendermaßen argumentierte:

"Regieren heißt, die öffentlichen Angelegenheiten durch Gesetze leiten,

deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, strenge Unparteilichkeit,

ernste Selbstverleugnung zur Voraussetzung hat; regieren heißt, die

Handlungen der Diener des Staates unter ständiger Aufsicht haben. Sind

die Frauen dazu fähig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften dafür?

Nur durch recht wenige Beispiele könnte diese Frage bejaht werden. Die

politischen Rechte der Bürger bestehen darin, im Interesse des Staates

Beschlüsse zu fassen, sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen.

Haben die Frauen die moralische und physische Kraft, welche das eine wie

das andere dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht

dagegen...."

"Der Zweck der Volksvereine ist, die Thätigkeit der Feinde des

öffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen Bürger, die Beamten des

Staates, ja selbst die gesetzgebende Körperschaft zu beaufsichtigen; die

Begeisterung Aller durch das Beispiel republikanischer Tugenden

anzufeuern; sich selbst durch öffentliche Besprechungen über die Fehler

oder die Vorteile politischer Maßnahmen aufzuklären. Können Frauen sich

diesen ebenso nützlichen wie schwierigen Arbeiten unterziehen? Nein,

denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen Sorgen hinzugeben, die

die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes Geschlecht ist zu der Thätigkeit

berufen, die ihm entspricht; seine Handlungen sind auf einen Kreis

beschränkt, den es nicht überschreiten darf, weil die Natur selbst diese

Grenzen dem Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe,

daß es sich öffentlich zeigt, daß es mit Männern diskutiert, und

öffentlich, angesichts des Volkes, sich über die Fragen ausspricht, von

denen das Wohl der Republik abhängt? Im allgemeinen sind die Frauen

unfähig hoher Konzeptionen und ernster Überlegungen.... Aber noch unter

einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine gefährlich. Wenn wir

bedenken, daß die politische Erziehung der Männer noch im Frührot der

Entwicklung steht, und daß wir das Wort Freiheit erst zu stammeln

vermögen, um wie viel weniger aufgeklärt sind dann die Frauen, deren

Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in den Volksvereinen

würde daher Personen einen aktiven Anteil an der Regierung gewähren, die

dem Irrtum und der Verführung stärker ausgesetzt sind als andere. Fügen

wir hinzu, daß die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die

Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert würden, was die

Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr hervorbringt...."

Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der Konvent am

30. Oktober 1793 ihre Auflösung zum Beschluß.[208]

In stürmischen Versammlungen protestierten die Frauen dagegen, und eine

Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in den Sitzungssaal der

Kommune, um hier persönlich für die Anullierung des Beschlusses, soweit

die Stadt Paris in Betracht kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum

Wort, da der Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in

einer wütenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er folgte

darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schließlich seiner Rede den

ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn ihre Gründe nicht

durchschlagen, schließlich die Unentschiedenen für sich zu gewinnen

pflegen. "Die Natur sagte der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die

Erziehung der Kinder, die häuslichen Sorgen, die süßen Mühen der

Mutterschaft--das ist das Reich deiner Arbeit; dafür erhebe ich dich zur

Göttin des häuslichen Tempels, du wirst durch deine Reize, durch deine

Schönheit und deine Tugenden alles beherrschen, was dich

umgiebt!--Thörichte Frauen, die ihr zu Männern werden wollt, was

verlangt ihr noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen

euch zu Füßen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere Kraft nicht

brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der Natur, bleibt was

ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die Kämpfe unseres Lebens zu

beneiden, begnügt euch damit, sie uns vergessen zu machen!"[209]

Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schloß die Kommune sich dem

Beschluß des Konvents an und erklärte außerdem, Frauendeputationen nicht

mehr empfangen zu wollen. Trotz alledem setzten die Frauen diesen

Beschlüssen den äußersten Widerstand entgegen, mußten aber schließlich

der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den Tribünen des Konvents,

man untersagte ihnen die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen, ja man

ging soweit, ein Gesetz zu erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als

fünf zusammenfanden, mit Gefängnis bestraft werden sollten.[210]

So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos verlaufen zu

sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: Der erste

stürmische Angriff wurde von den Gegnern zurückgeschlagen, nicht nur,

weil ihrer noch viel zu viele waren, sondern weil das Ziel der Bewegung

noch zu wenig geklärt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine

Schwierigkeiten daher nicht übersehen werden konnten.

Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, thatsächlich wirkte sie

jedoch im stillen weiter, indem sie die Köpfe gewann und hervorragende

Denker sich mit ihren Problemen beschäftigten.

Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte der

großen französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Condorcet, auf

sie aufmerksam und widmete ihr in seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois

de New-Haven à un citoyen de Virginie[211] einen bemerkenswerten

Abschnitt. Er ging von der Voraussetzung aus, daß die Frauen, ebenso wie

die Männer, fühlende, mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fähige

Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben mußten, wie die Männer. Er

forderte das aktive und das passive Wahlrecht für sie und wollte sie von

keinem Amt gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklärte, daß es

überflüssig sei, den Bürgern zu verbieten, sie z.B. zu Heerführern zu

wählen, da man ihnen doch auch nicht zu untersagen brauche, etwa einen

Blinden zum Gerichtssekretär zu machen.

Im Jahre 1789 veröffentlichte er im Journal de la société (No. 5)[212]

einen Artikel über die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht, der auch

heute noch als die glänzendste Rechtfertigung und Verteidigung der

Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider noch

unerfüllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde das von der

Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch auf das

empfindlichste verletzt, daß die Hälfte des Menschengeschlechts des

Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung teilzunehmen. Wolle man für

diese Thatsache eine Anerkennung, so müsse nachgewiesen werden, daß

nicht nur die natürlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der

Männer, sondern daß sie auch unfähig seien, die Bürgerrechte auszuüben.

Da die Frau ein Mensch sei wie der Mann, habe sie dieselben natürlichen

Rechte wie er, denn entweder gebe es überhaupt keine angeborenen

Menschenrechte, oder jeder Mensch, gleichgültig welches sein Geschlecht,

seine Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die

Gründe betrifft, die angeführt werden zum Beweise der Unfähigkeit der

Frau, den Pflichten eines Staatsbürgers zu genügen, so wandte sich

Condorcet zunächst gegen den ihrer physischen Konstitution, indem er

ausführte, daß er nicht einsehen könne, wieso Schwangerschaften und

vorübergehende Unpäßlichkeiten die Frauen für Ausübung der Bürgerrechte

untauglich machen sollten, da doch auch die Männer Krankheiten aller Art

ausgesetzt seien, ohne daß man es für notwendig halte, ihnen deshalb die

Pflichten und Ehren der Bürger abzusprechen. Ferner sagt man, daß keine

Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet oder Beweise von Genie

gegeben habe, aber man habe doch nie daran gedacht, die Verleihung des

Bürgerrechts an die Männer von ihrer Begabung abhängig zu machen. Auch

das geringere Maß an Kenntnissen, die schwächere Urteilskraft, die man

den Frauen zum Vorwurf mache, könne, selbst wenn man sie zugeben wolle,

nicht als Grund angesehen werden, sie politisch für rechtlos zu

erklären. Als Konsequenz dieser Anschauung müsse man sonst auf jede

freie Verfassung verzichten und die Regierung, wie den Einfluß auf die

Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft

aufgeklärter Männer überlassen. Was man an den Frauen mit Recht

aussetzen könne,--ihren Mangel an Gerechtigkeitsgefühl, ihre

Einseitigkeit und geringe Bildung,--sei lediglich eine Folge ihrer

schlechten Erziehung und der sie umgebenden sozialen Verhältnisse, die

man daher zu ändern trachten müsse. Auch eine Reihe von

Nützlichkeitsgründen werden gegen die Zulassung der Frauen zum

Bürgerrecht hervorgebracht: man fürchte ihren Einfluß auf die

Männer,--als ob ihr geheimer Einfluß nicht viel bedenklicher sei, als es

ihr öffentlicher sein würde, man glaube, sie würden ihre natürlichen

Pflichten dem Haushalte, den Kindern gegenüber vernachlässigen, und doch

habe man nie Bedenken in Bezug auf die Männer gehabt, die doch auch

ihrem Beruf, ihrer Arbeit nachgehen müssen. Man scheine dabei auch

absichtlich übersehen zu wollen, daß nicht alle Frauen einen Haushalt

und kleine, der Pflege bedürftige Kinder haben, und die Ausübung des

Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten würde, als die banalen

Vergnügungen und Zerstreuungen, denen sie jetzt nachgehen. Solche

Nützlichkeitsgründe haben immer, wo andere nicht ausreichten,

Tyrannenherrschaft rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lägen Handel und

Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger noch

heute, in ihrem Namen füllte man die Bastille und wendete die Folter an.

Die Frage der Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht dürfe aber nicht mehr

mit Nützlichkeitsgründen, Phrasen und Witzen abgethan werden. Auch die

Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs zwischen den Männern

festsetzte, habe eine Flut geschwollener Reden und billiger Scherze

hervorgerufen, stichhaltige Gründe jedoch habe niemand vorzubringen

vermocht. "Ich glaube," so schliesst Condorcet, "daß es mit der

Rechtsgleichheit der Geschlechter nicht anders sein wird."

Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des

französischen Philosophen in England und Deutschland eine

wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen Verhältnisse in

jenen Ländern ließen dem Einzelnen mehr Zeit zum Nachdenken und

Theoretisieren, während die Lage Frankreichs zum Handeln aufforderte.

So schrieb ein deutscher Historiker eine vielbändige Geschichte des

weiblichen Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, daß die

Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so empörendes, Abscheu

und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel darbiete, als die

der Frauen,[213] und ein englischer Gelehrter, der denselben Stoff

behandelte, sprach sich ähnlich aus, indem er erklärte, daß die

empörende Behandlung des weiblichen Teils der menschlichen Species nur

dem menschlichen Manne eigentümlich sei, und in der ganzen Natur kein

Gegenstück und kein Vorbild habe.[214]

Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf diesem

Gebiet war das Werk der Engländerin Mary Wollstonecraft: Vindication of

the rights of women.[215] Ein Leben voll innerer und äußerer Kämpfe und

Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. In

ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und Bildungsfrage sie

schon lebhaft beschäftigt, so daß sie als ihre erste litterarische

Arbeit eine kleine Schrift über die Erziehung junger Mädchen erscheinen

ließ. Ihr folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und

einige selbständige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und sie

zugleich in persönliche Beziehungen zu ihrem Verleger Johnson brachten,

bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr fand. Er selbst wie alle

seine Gäste verfolgten die Ereignisse der französischen Revolution mit

stürmischer Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der

Lorbeer der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser

Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in

Johnsons Salon die Menschenrechte verkündete. So wurde Mary

Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen und

Burkes Angriff auf sie gab den Anstoß, daß die feurige Frau sich

öffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die Rechtfertigung der

Menschenrechte" hieß die kleine Schrift, die den Namen der Verfasserin

über den Kreis ihrer Freunde hinaus bekannt machte.[216] Aber sie war

nur das Vorspiel und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung

der Rechte der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung

des französischen Schulwesens Einfluß üben zu können, Talleyrand

widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse folgend brachte sie die

umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu Papier, ohne sich zu ruhigem

Nachdenken Zeit zu lassen. Sie trägt denn auch die Spuren ihrer

Entstehung an sich und besteht aus völlig ungeordneten, oft sprunghaft

wechselnden Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalität Mary

Wollstonecrafts und der Schärfe ihrer Beobachtung zeugen. Den größten

Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren Vernachlässigung sie die

Ursache der Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts sieht. Auf

einen ungesunden Geist führt sie das Verhalten der Frauen zurück und

vergleicht ihn mit einer Pflanze, die in zu üppigem Boden steht und

schöne Blüten, aber keine Früchte hervorbringt. Es werden wohl "Damen",

aber keine Frauen erzogen, man lehre sie Sitten, aber keine Moral, man

richte ihr Streben auf Eitelkeiten und nichtigen Tand, aber nicht auf

ernste Ziele, man gewöhne sie, sich mit Spielereien zu beschäftigen und

durch Vergnügungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu gewöhnen und

ihre Muße den Freuden der Kunst, der Natur und der Wissenschaft zu

widmen. So werden jene schwachen, gedankenlosen Wesen gradezu gezüchtet,

denen ihre eigenen Züchter, die Männer, nachträglich ihre Schwäche und

Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre Erziehung

genauer betrachte, könne sich nicht wundern, daß sie Vorurteilen zum

Raub fallen, unselbständig urteilen und zu blindem Autoritätsglauben

geneigt sind. Sie seien durch die sie umgebenden Verhältnisse

thatsächlich minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur

künstlich so herabgedrückt worden seien, dürfe man nicht das weibliche

Geschlecht als solches nach seinem gegenwärtigen Stand beurteilen. Erst

gebe man den Frauen Raum, sich zu entwickeln, ihre Kräfte zu bethätigen,

dann bestimme man, welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen

Stufenleiter sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernünftigen Wesen erzogen

worden seien, dürfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt werden

und müssen dieselben Rechte genießen, wie die Männer.

In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem

Gesinnungsgenossen Condorcet gegenüber als die Vorsichtigere,

Zurückhaltendere. Während er auf Grund der überall gleichen

Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische

Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht zum

Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Männer keiner Prüfung

ihrer Geisteskräfte unterliegen, ehe sie als vollwertige Staatsbürger

anerkannt werden, erklärt sie die Reform der Erziehung für die

Voraussetzung der Reform der Gesetze.

In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte Schülerin

der Revolution. Nicht nur, daß sie in vielen ihrer abschweifenden

Gedanken das Königtum, die stehenden Heere, die Aristokratie heftig

angreift, sie erörtert auch das Problem der Armut und erklärt sie für

eine der wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Für die Frauen

folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich unabhängig vom Mann

zu sein. Diese, auch im modernen Sinn radikale Forderung ist von ihr

zuerst ausgesprochen worden und erhebt sie in die Reihe der

aufgeklärtesten und weitblickendsten Vorkämpfer der Frauenbewegung. Aber

auch in anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der

Keuschheit, die für beide Geschlechter dieselbe sein müsse, fordert sie,

daß Knaben und Mädchen gemeinsam in öffentlichen Schulen erzogen werden.

Nur wo ein kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer

zwischen den Geschlechtern von früh an zu finden sei, werde die Liebe

zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden die Ehen

glücklichere sein. Neben die geistige solle auch die körperliche

Erziehung treten, damit ein kräftigeres, schöneres Geschlecht

heranwachse, damit das Vaterland Mütter habe, die gesunde Kinder

hervorzubringen und zu erziehen im stände seien.

Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um ihres

heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, das aus

ihrem Schoße hervorwächst, von ihrem Körper und von ihrem Geist seine

erste, die spätere Entwicklung bestimmende Nahrung empfängt, soll das

Weib dem Manne ebenbürtig zur Seite stehen, ein freier Bürger wie er.

Mary Wollstonecrafts kühnes Buch machte ungeheures Aufsehen. Die

heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich natürlich auch gegen

ihre Person, unter der Spötter und Karikaturenzeichner sich ein

starkknochiges, häßliches Mannweib vorstellten, während sie eine zarte,

im besten Sinne weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel

der Weiblichkeit trägt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde gleich nach

seinem Erscheinen ins Französische und von ihrem Freunde, dem bekannten

Schnepfenthaler Pädagogen Salzmann, ins Deutsche übersetzt.

Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in Deutschland

verkünden sollte, war ein anderes ihm zuvorgekommen: Theodor von Hippels

Buch über die bürgerliche Verbesserung der Weiber,[217] das im selben

Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in London. Schon

im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift über die Ehe, in der er

Frauen und Männern derbe Lektionen gab, sein Interesse an der Stellung

der Frau im bürgerlichen Leben kund gethan.[218] Aber erst die

französische Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kämpfen regte

ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlüssen wie

Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen darüber

nicht verhehlen, daß die französische Verfassung kurzsichtig und

engherzig genug war, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung zu

verweigern. Dabei ging er so weit, zu erklären, daß die Sklaverei, wenn

sie auch nur in einer einzigen Beziehung geduldet werde, über kurz oder

lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwänden gegen die

Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger Schärfe. Soll,

so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, auch wenn sie schon Tausende

von Jahren alt ist, nur deshalb fortbestehen, weil ihre Abänderung mit

Schwierigkeiten verknüpft ist und man vermutet, es könnten bedenkliche

Folgen daraus erwachsen? Man müsse endlich das andere Geschlecht zum

Volk zu machen sich entschließen. Freilich müßte eine durchaus

veränderte Erziehung die Frauen dazu befähigen, denn jetzt, wo sie nur

zum Spielzeug der Männer gemodelt wären, könnten sie ihren Pflichten nur

schlecht genügen. Man erziehe Bürger für den Staat, ohne Unterschied des

Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der Knaben und Mädchen, Zulassung der

Frauen zu allen Berufen, verlangte Hippel. Nur das "Monopol des

Schwertes" soll den Männern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal

nicht ohne Menschenschlächter behelfen kann oder will!" Zur

Erleichterung körperlicher Ausbildung rät er zu einer gleichen Kleidung

der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit

auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefühl des Mangels an

körperlichen Kräften wie in der Beschränktheit des Verstandes habe,

dürfe keine Seite des Wesens in der Erziehung vernachlässigt werden. Für

thöricht hält er den Einwand, daß die Weiber zu viel Zeit auf ihren Putz

verwenden,--sind es nicht grade die Männer, die ihnen die Seele

bestreiten und sie auf den Körper beschränken? Jetzt haben sie keine

andere olympische Bahn, als mit ihren Reizen Männer zu fangen; sie

werden Wunder thun, wenn man ihnen andere eröffnet. Auch die natürliche

Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das

Kindergebären, das zum Hauptbeweis dieser Schwäche angeführt zu werden

pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis seiner Stärke ab.

Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er großes: "Gewiß

hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden

Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den

Fluten ringen, Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schweiß

und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden." So

forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des

Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der

Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft

gefordert hatte.

Während Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur einander gleich

standen, vergrößerte sich mit der fortschreitenden ökonomischen

Entwicklung der Abstand zwischen ihnen mehr und mehr. Die Interessen,

die Kämpfe, die Ziele des physisch stärkeren, durch die Bedingungen des

Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus und

Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und

rechtlichen Trennung, die von der Frau zunächst nicht empfunden werden

konnte, weil sie durch ihre häusliche Thätigkeit vollauf in Anspruch

genommen war und infolge der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse

über die ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken

vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in wachsendem

Maße von dem Handwerk und der Industrie übernommen wurden, und die Frau,

soweit sie als Angehörige der besitzenden Klassen Muße gewann, sich

überflüssig fühlte, die Leere ihres inneren und äußeren Lebens empfand

oder als Mitglied der besitzlosen, gezwungen war, ihre häusliche

Thätigkeit in Lohnarbeit außer dem Hause und getrennt von der Familie

umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drückenden Lage bewußt. Nicht nur, daß

sie auf einer Stufe geistiger Rückständigkeit festgebannt war, die

vergangenen Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch

wirtschaftliche, rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein,

den sie wie der Mann zu kämpfen hatte, untauglich gemacht. Diese

Widersprüche wurden die Ursache einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die

stetig wuchs und in der Frauenbewegung der französischen Revolution

einen Höhepunkt erreichte. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit,

das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz waren die Ziele, die die

Revolution proklamierte und die durch ihre litterarischen Vertreter

theoretische Begründung fanden.

Das neunzehnte Jahrhundert stellte _neue_ Probleme der Frauenfrage nicht

mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie wurde, in um so

deutlicher ausgeprägte einzelne Seiten, ebenso wie der Strom kurz vor

seinem Eintritt in das Meer ihm seine mächtig angeschwollenen

Wassermassen nicht in einem Fluß, sondern in vielen Flußarmen zuführt.

Jeder einzelne wird zu einem Strom für sich und jede Seite der

Frauenfrage umfaßt schließlich ein so weites Gebiet, daß sowohl von

historischen als von kritischen Gesichtspunkten aus eine gesonderte

Behandlung notwendig wird.

Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der Frauenfrage, die an

der Hand der Geschichte gewonnen wird, führt notwendig dazu, ihre

ökonomische Seite in den Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus

entwickelt sich erst die rechtliche und aus beiden die sittliche Seite

der Frauenfrage. Alle Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des

Gesamtproblems enthalten.

Zweiter Abschnitt.

Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 12 / 47 题