4. Die Stellung der Frauen im Geistesleben.

Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Maße auf die

Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf der einen und

die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der geistige Fortschritt,

die Ausbreitung allgemeinen Wissens und höherer Kultur wurden dadurch

bestimmt: harte Arbeit, unaufhörlicher Kampf ums tägliche Brot, raubten

dem Volk sowohl die notwendige Muße, als die geistige Frische und

Empfänglichkeit für eine tiefere Bildung, die daher zu einem Privilegium

der besitzenden Klassen werden mußte. Mehr noch als für die Männer gilt

diese scharfe Trennung für die Frauen, denen bedeutend weniger

Hilfsmittel zu Gebote standen, um die widrigen äußeren Lebensumstände

überwinden zu können.

Auch in die Klöster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens

Zufluchtsstätten aller Bildung waren, traten meist nur begüterte und

vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit

aufgenommen, so fanden sie als Mägde Verwendung und nahmen keinen Teil

an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die

Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt

werden soll, so darf nicht vergessen werden, daß sie sich im allgemeinen

auf die Kreise der Besitzenden beschränkt, wie die Geschichte der

Frauenarbeit fast ausschließlich nur von den besitzlosen Frauen sprechen

konnte.

Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die

Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von

Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der

Männer im allgemeinen übertraf. Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann

furchtsam und weibisch mache und daher möglichst zu vermeiden sei.[136]

Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die

Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhörlichen inneren

Wirren verursachten Zustände, verbunden mit dem Einfluß der

protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war,

hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des

weiblichen Geschlechts. Im Süden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht

wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiöser Kämpfe

geführten Kriege der Fürsten untereinander allen Wohlstand untergraben,

die Gemüter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religiösen,

erfüllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter

geöffnet als je vorher.

Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem

Leben erwacht. Alle Umstände wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu

ermöglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero

nicht untergehen ließen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland,

sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden

Sänger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle

bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blühenden

Handelsstädte mit ihrem freien Bürgertum, die glänzenden Fürstenhöfe mit

ihren an Mitteln und Muße reichen Bewohnern bildeten den Nährboden, aus

dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der

Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprünglichen

Christentums längst vergessen machen.

Die Frauen nahmen, soweit sie den begüterten Volksklassen angehörten,

ohne darum kämpfen zu müssen an den geistigen Schätzen teil, die in fast

unerschöpflicher Fülle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kräfte wurden

nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thätigkeit

früherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie

die Herstellung einer großen Menge Gebrauchsgegenstände übernommen

hatten und die grobe tägliche Arbeit ausschließlich den Mägden

überlassen blieb. So war es nur eine natürliche Folge der Befreiung des

begüterten Teils des weiblichen Geschlechts von einförmiger Arbeitslast,

daß er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er

reden hörte, lebhafteres Interesse nahm und daß einzelne, besonders

begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder künstlerisch thätig

waren. In den Häusern der Handelsherrn und den Palästen der Fürsten

genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten

Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pädagogen widmeten ihre

ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zöglinge, sodaß z.B. eine Cäcilia

Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die

klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige

Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die

harmonische Ausbildung der ganzen Persönlichkeit, die Individualisierung

des einzelnen Menschen.[138] Die große Errungenschaft der Renaissance

für das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, daß die

Universitäten den Frauen geöffnet wurden und der Ruhm einzelner

weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfüllte, sondern in der

Anerkennung der Frau als eines selbständischen Menschen. Die höhere Form

des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen

Novellisten[139] und Biographen erzählen, ist allein schon ein Beweis

dafür. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den

Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin

und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor

ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr

reifes Urteil wurde dem der Männer gleich geachtet, ja häufig wog es

schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig,

Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in

Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig

lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und

Künstler abhing. Die größere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance

genossen, die Selbständigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen

und Gefühlen folgten, hat religiöse und moralische Zeloten veranlaßt,

sie als ganz besonders sittenlose Geschöpfe hinzustellen, und manche

führen sie noch heute als Beispiele dafür an, daß das Weib verderbe,

wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch

zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs

und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen

Italiens zur gleichen Zeit, muß durchaus zu Gunsten dieser entschieden

werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder

hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher häufig die Bande

entwürdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese

höhere Sittlichkeit schloß von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit

gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus.

Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit

ausartete und wo Frauen als Künstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen

öffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar:

ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein völlig männliches Gepräge,

und das höchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen männlichen

Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert

in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "männlichen

Kraft" ihrer Rede berühmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des

kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin

von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "männlichem

Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Päpsten und Kaisern Vorträge

hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf

dem Kongreß zu Mantua den Papst begrüßte, Isikratea Monti und Emilia

Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhörern anzog--sie alle sahen

ihren höchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so

sehr war diese Auffassung gang und gäbe, daß sogar bedeutende Frauen

vor sich selbst das Gelübde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen

dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des

mütterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen

gehörte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche

Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen

Höhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war,

die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als

Künstlerin und Gelehrte nicht zu überbrücken. Und an diesem Punkt mußten

die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als

ausübende, nicht nur als anregende und urteilende Kräfte im geistigen

Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des

gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur

eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war.

Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war

nicht einmal ein ausreichender Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit

der Frauen, weil sie zu ängstlich in die Fußstapfen der Männer traten,

statt zu zeigen, daß sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen.

Durch oberflächliche Beurteilung könnte aus den zahllosen Schriften

jener Zeit über die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fähigkeiten eine

tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nähere Kenntnis jedoch

beweist, daß viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend,

einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein

glaubte, wenn er Biographien berühmter Männer schrieb. Solche berühmter

Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie überall mit im Vordergrund des

geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran

und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus

virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den

Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkämpfer

der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche

Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie

suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse

der verherrlichten Frauen zu übertreffen, bis schließlich Peter Paul

Ribera durch sein Werk über die unsterblichen Triumphe und heldenhaften

Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein

Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit großem Aufwand

von tönenden Worten nunmehr der höhere Wert des weiblichen Geschlechts

vor dem männlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff

gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher

Witz sich übten. Einen tieferen Eindruck hinterließ diese ganze

Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedürfnis zu

fern lag und nur für jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die

dank ihrer günstigen äußeren Verhältnisse sich mit gleichen geistigen

Waffen mit den Männern zu messen vermochten.

Ihre Zahl war, trotz der 845 berühmten Frauen Riberas, im Verhältnis zur

Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur

gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres

männlichen Geistes wegen rühmten, brachte nur wenige wirklich

hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin

Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte

Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.

Während in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kämpfen zu müssen,

gewissermaßen selbstverständlich an den geistigen Errungenschaften teil

nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich,

England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren

gedrückt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst

gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand

zunächst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der

Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller

Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug für die Zustände in

Mitteleuropa--häufig in Gemeinschaft mit dem Bedürfnis nach einem

Broterwerb auf. Die französische Schriftstellerin Christine de Pisan ist

ein klassisches Beispiel dafür.[148] Früh verwitwet, sah sie sich

gezwungen, ihre Kinder zu ernähren und groß zu ziehen. Da sie eine, für

die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen

hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermöglichte

es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu können. Ihr

Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr über

die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Für die Beurteilung

der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cité des

dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken

der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknüpfend, für

die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklärte zum

Schluß, daß die Männer nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie

fürchteten, die Frauen könnten klüger werden als sie. Christine de Pisan

genießt den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der

Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres

eigenen Lebenskampfes, prädestiniert dazu. Nicht der Süden, der über

seine Kinder einen solchen Ueberfluß an Reichtum und Schönheit

ausschüttete, daß auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern

die Länder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch

die Frauen erfaßte, waren der Nährboden der Frauenfrage und der

Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrückung ihres

Geschlechts zuerst bewußt wurden und sie in Worte zu fassen wagten,

konnten natürlich nicht die Allermißhandeltsten sein; sie mußten auf

einer gewissen Höhe der Bildung und des Verständnisses stehen. Denn die

tiefste Not macht stumpf; sie zerstört alle Thatkraft; sie läßt selbst

das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen.

Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine

Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die

Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der

Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen

Erfolg hatten diese Bemühungen selbstverständlich nicht, aber sie

wirkten im Verein mit dem Einfluß des Humanismus, dem Aufblühen von

Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks

wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhöhung der

Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Königin, die

beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge

gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz'

I.[149] Ihre Erzählungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr

Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem

Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch

überall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre

gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester,

Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fünfzig

Jahre später einen selbständigeren Stil und verfaßte, voller Verachtung

für die sie umgebende schwächliche und gemeine Männerwelt, trotzend auf

ihren energischen Geist, eine Schrift über die Ueberlegenheit des

weiblichen Verstandes.

Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen

Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der

Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy

Lefèbre und Gattin seines unbedeutenden Schülers André Dacier. Die

ersten französischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des

Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift:

Traité des causes de la corruption du goût, worin sie die Angriffe

Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurückwies, hat einen

dauernden Wert behalten. Daß Anna Dacier so allein steht, ist leicht

begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung,

vertieften und verfeinerten Lebens für alle hätte werden sollen, wurde

zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schließlich bis zu

lächerlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in

Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer

wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe

und der Mutterschaft, um sich ungestört ihren Studien zu widmen. So

brachten z.B. die Précieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen

in berechtigten Verruf, und wenn Molière in seinen Lustspielen

Précieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tödliche Streiche

versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund

des weiblichen Geschlechts.

Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die

Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands

eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm,

die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer häuslichen Sorgen,

als daß sie in nennenswerter Weise daran hätten teilnehmen können. Erst

sehr allmählich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der

Gelehrten und den Hörsälen der Universitäten auch zu ihnen. Während das

fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Blütezeit weiblicher

Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war,

setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts

ein. Viel früher beschäftigten sich jedoch die Humanisten mit der

theoretischen Erörterung der Frauenfrage, wie sie die italienische

Renaissance dadurch aufgestellt hatte, daß sie den Frauen die Pforten

zur klassischen Bildung nicht verschloß. Was dort ohne Kampf unter dem

unmittelbaren Eindruck der großen geistigen Errungenschaften geschah,

darüber mußte der grüblerische Deutsche erst langatmige Theorieen

aufstellen, und der langsame, künstlich niedergehaltene Geist der

deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homöopathischen Dosen

vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkämpfer dieser Art Frauenfrage

gelten kann, war der merkwürdige platonisch-christliche Philosoph

Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift über den Vorzug des

weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie

eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geißelt

die Erziehung der Mädchen zur Faulheit und erklärt, daß nur sie daran

schuld sei, wenn die Frauen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln und den

Beweis ihrer der männlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern

könnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrückt freilich häufig den

klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der

Federkrieg für und wider die höhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner

verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, daß die Weiber keine

Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke,

Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig

heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb

die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschränkt; eine

Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher

Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, ähnlich den Prinzessinnen

an den Höfen italienischer Mäcene, zwischen ihnen lebte, gehörte zu den

sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Bürgertum

beschränkt und nüchtern, die Fürstenhöfe arm und klein. Erst mit dem 17.

Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit

der Männer etwas Müdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug,

konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedürfnis der Frauen nach

höherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl

lernten Fürstinnen und Gelehrtentöchter die klassischen Sprachen, wohl

wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12

Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten

einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, daß

ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Ströme von

Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich

durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persönlichkeit ist

unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberfläche,

sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen

abschütteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu

werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz,

die Tochter des unglücklichen Winterkönigs gemacht, die durch großes

Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige

Schülerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel

gestanden hatte, und warf schließlich all ihre gelehrten Bücher bei

seite, die ihr Gemüt unbefriedigt ließen, und der Hunger nach einem

vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen

war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und

schließlich den Quäkern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und

Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehörte jene weit über ihr

Verdienst bewunderte Niederländerin Anna Maria von Schurmann. Man pries

sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch

sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte

ebenfalls, eine schlichte Büßerin, dem neuen Propheten Jean Labadie.

Das Schicksal der gelehrten Königin Christine von Schweden gestaltete

sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung

ihres Daseins, auch sie suchte schließlich durch ihren Uebertritt zum

Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte:

Befriedigung für ihr vernachlässigtes Gemüt.

Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des

weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, für die

Erziehung der eigenen Kinder fähige Frauen schaffen sollte, ließ

allenthalben den Wunsch nach höheren Schulen für Mädchen laut werden. In

England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat

der Dissenter und treue Anhänger Wilhelms von Oranien, Daniel

Defoe,[156] für die Gründung einer Frauenakademie ein, indem er

erklärte: Wenn Wissen und Verstand überflüssige Zuthaten für das

weibliche Geschlecht wären, so hätte ihnen Gott nicht die Fähigkeiten

dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan

als Vorkämpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann,

unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen

Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu gründen, in denen nicht nur die

Mädchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die

alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthätigen Frauen zu nützlicher

Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159]

Mit logischer Schärfe wandte sie sich gegen das Recht des Stärkeren:

"Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau überlegen ist, so dürfte

selbst die größte Königin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener

gehorsam sein ... Wenn bloße Stärke das Recht zu herrschen giebt, so

sind wir jedem Lastträger Gehorsam schuldig ... Aber der kräftigste ist

nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott

unparteiisch unter die Geschlechter verteilte."

Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, daß keine zaghafte,

unselbständige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften

Bildung stand die Engländerin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und

ihren Charakter betrifft, über den Frauen des nördlichen Kontinents. Die

freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann

einen Staatsbürger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht

hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorübergehen. Und die

großen Herrscher ihres Geschlechtes mußten die gesamte Meinung über die

Frau günstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer

Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der höheren Stände

politische Rechte besessen hatten. Die Großgrundbesitzerinnen aus den

alten eingesessenen Familien und die freien Bürgerinnen der Städte

sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der

Friedensrichter, wurden häufig von Frauen bekleidet. Erst auf das

Betreiben des berühmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die

Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als

Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18.

Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrücklich ausgeschlossen.[160] In Anna

Clifford verkörperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze

Selbständigkeit der englischen Staatsbürgerin. Jahrelang protestierte

sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr

Wahlrecht ausübte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung

an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklärte sie ihr:

"Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein König hat mich verachtet, aber

ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland

nicht vertreten."

Der Kampf um die mit Füßen getretenen Grundrechte des englischen Volkes

und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Bestätigung im

Jahre 1689 mußten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn

sie auch persönlich unberücksichtigt blieb. Steigerte doch die

Erweiterung und Befestigung der Rechte der Bürger, die Einschränkung der

Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewußtsein

jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfänge

der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent.

Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu,

und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den

Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna

Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der

gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse für die

Wissenschaften äußerte sich weit mehr durch Gründung und Unterstützung

gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwölf Colleges wurden vom 14. bis

zum 16. Jahrhundert von Frauen gegründet[161]--als durch produktive

Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule für ihr

eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells

Vorschlag blieben somit unbeachtet.

In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Pläne

handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im

Anfang des 18. Jahrhunderts erörterten das Thema nach allen Richtungen

hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu gründen. Aber

es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare

allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl

einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der

litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder,

während seine weit klügere Frau sich in ihren Briefen wiederholt über

die Frauen lustig machte, deren sehnsüchtig erstrebtes Ziel der

Doktorhut war. Thatsächlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel

selbständiger Leistungen deutlich genug zeigten, daß mehr Eitelkeit und

Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens

waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Dorothea von Schlözer, die unter

anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes

Thema, wie die russische Münzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste

aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne

Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhöhung ihres Ruhmes der akademischen

Würden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs

Kometen, die große Gehilfin ihres großen Bruders.

Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen über die weiblichen

Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fällen ist, dürfen doch die

Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten:

sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewöhnlichen

Rahmen des Frauenlebens die Frage der höheren weiblichen Bildung in Fluß

und auf sie ist es mit zurückzuführen, daß ihre Lösung die erste Aufgabe

der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder

ihrer Entstehung wurde.

Um aber das Bild der Frau der oberen Stände bis zur Schwelle des 19.

Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmäßige

Frauenbewegung überall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die

französische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht

vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich

das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolität, ihre

Gefühlsroheit und ihre Sentimentalität, ihre tiefe Erniedrigung und ihr

Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klöster, in denen die

jungen Mädchen erzogen wurden, schlüpfte die Lascivität: so schmiedete

eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schülerin den Plan, durch

den sie den König einfangen wollte.[163] Glanz und Vergnügen war Aller

Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die

Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum

erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares

abgemachtes Geschäft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt für

altmodisch und lächerlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die

Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der

umständlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten

Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die

auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhänge geschützt werden konnte,

nachts auf den üppigen Maskenbällen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die

Mode alle Natur unterdrückte, die Taille gewaltsam einzwängte, die

Hüften durch Reifröcke ins Ungeheuerliche vergrößerte, die Haare durch

Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und

Schönpflästerchen zur Maske machte, so waren auch alle natürlichen

Gefühle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand

nur im Dienst der Genußsucht. Die vielgerühmte geistreiche Konversation

des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflächlich, nur auf Triumphe

der Eitelkeit berechnet. Für die Korruption des weiblichen Geschlechts

spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung

der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die

Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nähren, verbot die

Rücksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens.

Zurückgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante

übergeben, die so früh als möglich einen jungen Herrn oder eine junge

Dame aus ihm machten. Daß es eine fröhliche Kindheit für diese armen

Geschöpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben

der Anzüge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten

Löckchen. Das Kloster löste schließlich die Erziehung durch die

Gouvernante ab.[165] Und währenddessen ging die Mutter dem Vergnügen

nach, ohne selbst zu wissen, daß sie in dieser Hetzjagd dasjenige

suchte, was ihr verlassenes Kind ihr hätte bieten können: ein innerlich

reiches Leben.

Aber während auf der einen Seite ihr Gemütsleben abstarb und über all

den schönen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht,

entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches

Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die

Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schönen

Künste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Könige, die Minister und

Diplomaten wurden in ihren Entschlüssen von ihr gelenkt, in ihren

Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflußt.[166] In den Salons der

Gräfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der

Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die

Fäden der inneren und äußeren Politik zusammen. Das Reich der Frauen

war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister

handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie

jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte nicht kennt,

durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die

Frauen treiben mußten, weil sie öffentliche Rechte nicht besaßen, wirkte

natürlich äußerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und

intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr

Interesse für die Fragen des öffentlichen Lebens dadurch erweckt, und

während die große Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin

zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft

politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Bürgertums,

eine Necker, eine Roland, für die Vorkämpfer der Revolution in die

Schranken der politischen Arena.

Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren

Freunden, den Encyklopädisten, getragen wurde, fand Unterstützung durch

die Frauen. Aber diese Unterstützung darf nicht überschätzt werden. Nur

zu oft war es das Bedürfnis nach neuen Sensationen, das den modernen

Philosophen die Salons und die Herzen öffnete. Alle Genüsse hatten diese

Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genuß.

Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopädisten

leicht zu erklären, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben

zunächst überraschende Umstand, daß keine Frau es zu großen

schöpferischen Leistungen brachte. Während aber ein Voltaire die Frauen

verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und

nur ihre körperlichen Reize gelten ließ,[169] war es Rousseau, der die

Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem

psychologischen Verständnis ihren Ursachen nachzuspüren und sie von da

aus zu bekämpfen. Wenn er dabei über das Ziel hinausschoß und die

Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu

seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und für das

Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr

leicht gegenüber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat.

Unnachsichtig in seiner Kritik, erklärte er doch zugleich viele ihrer

Schwächen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht,

meinte er, zeigt dadurch, daß sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre

Langeweile zu töten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die

harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe

wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu wählen, sondern

ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen,

damit sie ihre eigene innere und äußere Unnatur beschämt erkennen

möchte. Er geißelte rücksichtslos ihren Müßiggang, und wandte sich an

beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthätigkeit verzehrt, was

er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlösende Wort

jedoch für die eingeschnürte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es

in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nähre dein Kind an deinem eigenen

Busen, hüte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit

verschwinden, das Gefühlsleben zur Natur zurückkehren, werden die

Eheleute sich innig verbunden fühlen; denn sobald die Frauen wieder

anfangen, Mütter zu sein, werden die Männer es lernen, wieder Gatten und

Väter zu werden.[174]

Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau

die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er

aber kein Prophet im Sinne naiver Gläubiger war, aus dessen Kopf völlig

neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des

Zeus, sondern nur einer jener genialen Männer, die das geheime Leid

ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen

und aussprechen, so begrüßten zahllose ihn als ihren Erlöser. Sagte er

doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur

den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten.

Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen

Memoiren der Madame d'Epinay. Für eine kommende Zeit und ein neues

Geschlecht mit jugendkräftigen Gliedern und warm pulsierendem

Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das

Grablied sang, den feurigen Morgengruß: Der Mensch ist frei geboren....

Stärke gewährt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf

seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten

verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft muß an Stelle der

physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit

setzen.[175]

Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden

Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die

Leitsätze für eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die

kräftigste Saat unfruchtbar bleiben muß, wenn sie nicht auf fruchtbaren

Boden fällt, so wäre auch keiner dieser Gedanken in die Köpfe und

Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und

politische Entwicklung sie dafür empfänglich gemacht hätte. Nicht die

wenigen Männer, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der

Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die

Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den

gesamten verrotteten Zuständen heraus; und nicht die wenigen Frauen, die

infolge persönlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen

überschritten, oder infolge persönlicher Schicksale ihre unwürdige Lage

erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mußte die

materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus

und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kämpften, damit sie

entstehen konnte.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 11 / 47 题