3. Die wirtschaftliche Lage der Frauen.

Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, daß das

Fortschreiten der Menschheit zu höherer Kultur von sittlichen Ideen und

moralischen Reformen in erster Linie abhängig sei, so schwer ins Gewicht

fallen, als die Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des

Christentums. Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Gläubiger

beschränkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Höhe, je mehr sie sich

jedoch ausbreiteten, desto mehr mußten sie sich den äußeren

Verhältnissen anbequemen, desto mehr sahen sie sich, wenn sie nicht ganz

untergehen wollten, gezwungen, ihnen ein Ideal nach dem anderen zu

opfern. So hatten auch die Grundforderungen des Urchristentums der

wirtschaftlichen Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand

unfreier, gehorsamer, demütiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen

müssen.

Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wäldern ein

wirtschaftliches Zentrum für sich, in dem aller Bedarf der Einwohner von

ihnen selbst geschaffen werden mußte. Der Herr des Landes war zugleich

ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre Arbeitskraft, dem ihr Leben

selbst gehörte. "Er ist mein eigen, ich mag ihn sieden oder braten",

lautet ein altes Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenüber

gebrauchte. Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13.

Jahrhunderts die Lage der Hörigen, indem er sagt: "Diese können nichts

erwerben, es sei denn für ihre Herren; sie wissen am Abend nicht, welche

Dienste ihrer am Morgen warten; sie können von ihren Herren geschlagen,

gestoßen, gefangen werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren,

und wenn sie im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus

Gnade, ohne Sicherheit, von einem Tage zum anderen."[92] Die Hörigkeit

war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr gegenüber kaum

nennenswerte rechtliche und sittliche Fortschritte auf, sodaß ein hoher

Grad von Selbstbetrug dazu gehört, wenn die christliche Kirche

behauptet, sie habe die Sklaverei abgeschafft, und sei thatsächlich,

ihrem Ursprung getreu, ein Hort der Armen und Unterdrückten geworden.

Ihre Organe, die Priester und Aebte, übten dieselben Herrenrechte aus,

wie die Fürsten und weltlichen Machthaber. Das Los der Hörigen der

Klöster war kein besseres, als das derer, die im Dienste der Ritter

standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, gekauft werden konnten, und es

für ihre Herren bei der Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig

war, eine genügende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu züchten,

wie das vierfüßige Eigentum. Die Klöster, deren Macht auf ihrem Reichtum

beruhte, hatten strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren

Hörigen. Klöster desselben Ordens pflegten sie untereinander

auszutauschen, um eine gleichmäßige Verteilung der Geschlechter

herbeizuführen und, durch Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen

kräftigen Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat

einer hörigen Frau mit dem Hörigen eines anderen Herrn zu verbieten,[93]

oder sie nur dann zu gestatten, wenn statt der ihm verloren gehenden

Arbeitskraft eine andere geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich

daraus eine bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter

den Karolingern konnte der Herr die hörige Frau, falls ihm nichts

gezahlt und kein Ersatz für sie gestellt worden war, gewaltsam ihrem

Gatten entreißen,[94] was meist dann geschah, wenn sie mehrere Kinder

geboren hatte, die er zur Hälfte mit der Mutter in seine Dienstbarkeit

zwingen durfte. Die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe wurde nur

insoweit anerkannt, als die Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei

Schaden litt.

Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschätzt, denn die

schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. Die geistlichen

und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, Höfen und Klöstern

ausgedehnte Werkstätten, in denen oft bis zu 300 hörige Frauen mit

Spinnen und Weben, Nähen und Sticken beschäftigt wurden.[95] Den

Stoff gaben nicht nur die Schafschuren und Flachsernten der

Herrengüter,--Arbeiten, die wieder von Frauen verrichtet

wurden,--sondern auch die Abgaben und Lieferungen der Unfreien und

Zinsleute.[96] Wie die moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hörige

zum Frauengemach.[97] Ihre Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis

Sonnenuntergang, erst im späteren Mittelalter wurde das Arbeiten bei

künstlicher Beleuchtung üblich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist

unzureichende Beköstigung,[98] und, wo diese fortfiel, vier Pfennig

täglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die zuweilen die Herrin

selbst war, stand den Arbeiten vor; Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen

für die Stickereien an, die überall, auf Männer-und Frauenkleidern,

Wäsche, Wand- und Möbelbezügen angebracht wurden und oft sehr kunstvoll

waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch geschätzt wie die

Wirkerinnen seidener Bänder zum Besatz der Gewänder oder zum Schmuck des

Zaumzeugs. Da nicht nur für den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern

stets ein Vorrat von Kleidern und Wäsche zum Geschenk an die Gäste oder

zur Ausstattung des großen Gefolges bei Turnieren und Festlichkeiten

vorhanden sein mußte, so war die Arbeit eine ununterbrochene und der

Arbeitskräfte gab es nie zu wenig. Auch die Herrinnen und ihre Töchter

hatten vollauf zu thun. Wie Weib und Weben schon in einer gewissen

sprachlichen Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben

ausdrücklich für eine der höchsten Tugenden der Frauen. "Sie war fromm

und spann", heißt es häufig auf alten Grabsteinen oder in

Geschlechtsurkunden. "Die Männer sollen streiten, die Frauen sollen

spinnen", mahnte der christliche Volksredner Berthold von Regensburg.

Auch ist diese Frauenthätigkeit trotz ihrer unbeschränkten Ausnutzung

gewiß nicht die schlimmste gewesen. Weit härter war die Landarbeit, die

die hörigen Frauen zu verrichten hatten und zwar nicht nur für den

Gebieter, sondern auch für den eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten.

Es ist mehr als eine Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte

Englands erzählt, daß ein Landmann, der einen Ochsen verloren hatte,

wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu haben.

Auch der Hausdienst der hörigen Frauen in den Höfen und Burgen war,

infolge der primitiven Hilfsmittel, außerordentlich schwer. Da sie Tag

und Nacht auf dem Posten und ihren Gebietern zur Verfügung stehen

mußten, so wohnten die für diesen Dienst bestimmten Mägde im Burgfrieden

selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem neben der Werkstätte

befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo sie aber nur schliefen, da

jede Stunde des Tages ihre Kräfte in Anspruch nahm. Vor der Erfindung

der Wassermühlen mußte das Korn von den Mägden mit der Hand gemahlen,

der Mühlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mächtigen Holzscheiten

wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im Hof, oder aus der

Quelle im Thal wurden die Wassereimer heraufgeschleppt. Neben der

Reinigung von Stuben und Küchen, wurde auch der Stall und der Garten

allein von Frauen besorgt.[99] Die Bedienung der Herrin, die Wartung der

Kinder, das Kochen und Auftragen der Speisen und Getränke gehörte

selbstverständlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung der Männer

gehörte dazu. Die Mägde halfen dem Herrn wie jedem Gast beim An- und

Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht nur das Bad, sie reichten ihm auch

die Linnentücher und trockneten ihm die Glieder.[100] Wünschte er es, so

mußten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft leisten--eine

Sitte, die im späteren Mittelalter so ausartete, daß es eine Forderung

der Gastfreundschaft war, eine Magd dem Gaste während seines Aufenthalts

zur freien Verfügung zu stellen.[101] So wurde die Einrichtung der

Frauenhäuser frühzeitig ein Herd der Prostitution, ein Harem der Ritter

und Fürsten,[102] und das berüchtigte jus primae noctis, dessen

Vorhandensein so vielfach angezweifelt wird, war überall in Kraft, wenn

es auch vielleicht als geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat.

Arbeits- oder Lustsklavin--das war das Los der armen und unfreien

Frauen. Mit der durch Fehden, Bürgerzwiste und unaufhörliche Kriege

wachsenden Verelendung des Volkes, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen

Niedergang wuchs die Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange

familienlose Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die

Laster des Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu

bei. Den europäischen Söldnerheeren folgten Scharen von Dirnen, deren

Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die männliche Bevölkerung von

den zügellosen Horden niedergemacht, die weibliche geschändet,

und--soweit sie jung war--mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewändern,

hoch zu Roß, oder in Wagen und Sänften, zogen die Konkubinen der

geistlichen und weltlichen Herren mit zu den Reichstagen, den Konzilen

und ins Feld. So folgten dem Heere des Herzogs von Alba nach den

Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 zu Fuße nach.[103] An den

Höfen von Frankreich und England waren vornehme Herren als Marschälle

über die Dirnen gesetzt. Im Felde führten besondere Amtmänner, die

Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross eine

legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl

"fahrender Fräulein" durch bittere Not und harte Gewalt hineingetrieben

worden sein; viele unter ihnen aber, das ist zweifellos, zogen den

Landsknechten nach, weil sie in heißer Liebe und selbstloser Aufopferung

alles Elend und alle Gefahren mit dem Geliebten teilen wollten. So

unflätig und roh die Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren

klingen mögen, wir werden uns dem gefühlswarmen Ton echter Hingebung

nicht verschließen können, der den Grundakkord bildet, sobald der Sänger

von seinem tapferen Liebchen erzählt. Um so höher ist diese Tapferkeit

einzuschätzen, als alles fahrende Volk, die Frauen insbesondere,

vogelfrei, ehr- und rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und

getötet werden--für sie gab es keine Gerechtigkeit.

Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen Abwesenheiten der

Hausherrn aus mehr als einem Grunde zerstörend: Nur zu häufig suchten

die verlassenen Frauen, wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben

führen wollten, bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesängern Trost,

und die Männer lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von steifer

Konvenienz und falscher Prüderei nichts weiß, die ganz Hingebung und

Aufopferung ist, und sie erfuhren, daß das Weib nicht nur zwischen den

wohlbehüteten friedlichen vier Pfählen des eigenen Heims eine sorgsame

Hausfrau sein kann, sondern daß sie als froher, bedürfnisloser

Zeltgenoß, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens enthüllt, die er sonst

kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, und deren Wert unschätzbar

ist. Während die Kirche durch ihre übersinnliche Auffassung von der Ehe

erstickenden Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die

Ausbreitung der mittelalterlichen freien Liebe wie glühender Sonnenbrand

auf eine nur an Schatten gewöhnte Pflanze. Der Ursprung dieser

tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und sittlichen

Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurück. Daß die für unheilig

erklärte, aus der Ehe herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher

und zügelloser und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem

Schönen und Großen, der Ausgang furchtbarer Laster und Verirrungen

wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen

Zuständen des Mittelalters nicht zu verwundern.

Mit dem Aufblühen der Städte, dem verhältnismäßigen Wohlstand und

ruhigen, gesicherten Leben ihrer Bürger schienen im Schutze ihrer Mauern

die sittlichen Zustände reinere zu werden. Aber die tiefgreifende

Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an Stelle der hörigen

Arbeiterin nach und nach den freien Handwerker treten, die Arbeiten der

Hausfrau und ihrer Mägde durch die verschiedenartigsten Gewerbe

übernehmen ließ, machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen überflüssig,

sie selbst brot- und obdachlos, und führte sie dem Laster in die Arme.

Die ehrsamen Bürger, vor deren Augen die Prostitution sich mehr und mehr

breit machte, wußten diesem Uebelstand nicht anders zu begegnen, als

indem sie sogenannte Töchterhäuser oder Jungfrauenhöfe, die Nachfolger

der antiken Lupanare und Vorläufer der modernen Bordelle errichteten.

Sie verbargen dadurch nicht nur den ärgerniserregenden Anblick der

Dirnen, sie schufen sich auch einen geordneten, gesetzlich

sanktionierten Zugang zu ihnen, und halfen mit ihrer Schande den

Stadtsäckel füllen.[104] Der Magistrat verpachtete nämlich die Häuser an

Wirte und Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten mußten, "der Stadt

treu und hold zu sein und Frauen zu werben".[105] Vornehme Gäste wurden

vom Magistrat selbst in die offenen Häuser geführt, oder von den

schönsten, festlich geschmückten oder ganz entkleideten Dirnen

empfangen. Jetzt erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch

äußerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich gemacht wurde,

jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als "fahrendes Fräulein"

doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich durch reine Liebe über sich

selbst zu erheben, das unauslöschliche Brandmal der Schande.

Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem

weiblichen Teil der städtischen Bevölkerung zunächst außerordentlich

erschwert, denn das zünftige Handwerk monopolisierte die Arbeit und

schloß die Frauen aus seinen Verbindungen überall aus. Trotzdem ergab es

sich von selbst, daß der Handwerker Frau und Töchter, deren Arbeitskraft

nicht mehr, wie früher, vom Haushalt allein in Anspruch genommen wurde,

zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und schließlich auch die Mägde daran

teilnehmen ließ. Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon

von Sohn oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der

Mainzer Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrücklich, Frau,

Kinder und Magd zum Nähen zu verwenden, auch im Nürnberger Stadtrecht

ist von "Knaben oder Mägdelein" als Erlerner eines Handwerks oder einer

Kunst die Rede, und eine Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts über

die Aufnahme der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die

Mitarbeit der Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur

gleichberechtigten selbständigen Ausübung des Handwerks betrachtet,

denn zunächst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die Zünfte noch

verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell zunahm, die sich ihre

Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu Nutze machten, das Handwerk

selbständig betrieben und durch Unterbieten der üblichen Preise eine

gefährliche Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die

Handwerker auch den Frauen gegenüber den Zunftzwang auszuüben. So zwang

der Rat von Soest im Jahre 1317 die Näherinnen, der Zunft beizutreten.

Wenige Jahre später verfügte der Straßburger Rat infolge der Klagen der

Wollenweber über die außerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, daß die

Weberinnen ihr beitreten müßten, und auch die in großer Zahl für sich

arbeitenden Schleier- und Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Stühle

entsprechend, einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.[106]

Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am zünftigen

Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in den seltensten Fällen

die Bestimmungen für beide Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der

Frauen in die Handwerke, die an die Körperkräfte große Anforderungen

stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, weil niemand ein

Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es nicht in allen seinen

Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten vermochte.[107] Aber auch in den

Zünften, die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen

nur selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbständigen

Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft

erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten

schon betrieben hatten. So heißt es, in Anerkennung der Notwendigkeit

der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in der Schneiderordnung

von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen sollen all das Recht

haben, das ihre Männer hatten, damit sie sich mit ihren Kindern ernähren

können. Diese Bestimmung erfuhr jedoch meist eine große Einschränkung

dadurch, daß die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen die

Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen

durften,[108] sodaß sie nach wenigen Jahren schon aus Mangel an

Hilfskräften das Handwerk wieder aufzugeben gezwungen waren. Nur

ausnahmsweise entschlossen sich einige Zünfte, angesichts der bedrängten

wirtschaftlichen Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht

zuzugestehen, ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der

Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen--eine Bestimmung, die schon

deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, kinderreiche

Witwe gar nicht die Möglichkeit besaß, eine lange Lehrzeit

durchzumachen.[109] Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war fast immer

der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich die Gelegenheit um so

leichter bot, als er dadurch sofort Meister wurde.[110] Der weitere

Vorteil solcher Heirat war der, daß, wenn beide Eheleute desselben

Handwerks Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten

durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine Meisterstochter

heiratete, ja sie verschärfte sich oft noch in der Weise, daß die

Gewinnung der Meisterschaft davon abhing.[111] Die Zünfte suchten

dadurch dem Eindringen einer unerwünschten Menge von Konkurrenten

vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge

beschränkten, die Lehrjahre verlängerten, oder zu dem letzten

Gewaltmittel, der Schließung des Handwerks, schritten. Ideelle Bedenken

kamen ihnen inmitten des materiellen Kampfes nicht in den Sinn. Daß sie

den Egoismus förderten, der Habgier Thür und Thor öffneten, den

sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloßen Geschäft

degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, mögen

auch heute die Schwärmer für die gute alte Zeit des romantischen

Mittelalters nicht einsehen. Wo trotzdem ein freiwilliger Liebesbund

zwischen Mitgliedern verschiedener Zünfte vorkam, pflegte die Frau das

Handwerk, das sie als Mädchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus

ergiebt sich, daß schon vor vier-, fünfhundert Jahren die Not die Frauen

zwang, mitzuverdienen und für die Masse des Volkes das Ideal der auf den

Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und Mutter unerreicht blieb.

Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den Weberzünften

zu finden. In Schlesien übertraf schon im 14. Jahrhundert die Zahl der

Garnzieherinnen die der Garnzieher; in Bremen, Köln, Dortmund, Danzig,

Speier, Ulm und München waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen

zu Hause.[112] In den Baseler Steuerregistern von 1453 werden zünftige

Teppichwirkerinnen angeführt; aber auch als Kürschner, Bäcker,

Wappensticker, Gürtler, Tuchscherer, Riemenschneider, Lohgerber,

Goldspinner und Goldschläger waren Frauen thätig.[113] Besonders in

Frankreich, für das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254

gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der Arbeitsgebiete

des weiblichen Geschlechts ermöglicht ist, waren die Frauen in den

verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks beschäftigt. Bei den

Kristallschleifern, den Seidenspinnern, den Leinenhosenmachern, und den

Nadelmachern fanden sich weibliche Lehrlinge und Gesellen in großer

Zahl. In einigen Gewerben, wie bei den Webern und Fransenmachern,

konnten Frauen Meisterinnen werden und Lehrlinge anlernen, und während

im Anfang des Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die

Meistertöchter und allenfalls die im Hause dienenden Mägde als

Lehrdirnen zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde

Frauen in die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und

Leinenweber in München und Speier wird der fremden Lehrmädchen besonders

Erwähnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden Menge

armer Mädchen, die aus dem durch die fortwährenden inneren Fehden

verwüsteten Lande in die Städte getrieben wurden, wo sie hofften,

lohnendere Beschäftigung und größere persönliche Sicherheit zu finden.

Infolge des großen Angebots weiblicher Arbeitskräfte sanken die

Gesellenlöhne und diejenigen Handwerker, die Frauen beschäftigten,

hatten im Wettbewerb vor den anderen einen Vorsprung.[114] Daher machte

der Haß der Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr früh schon

geltend, ohne daß sich dem immer zahlreicheren Eintritt weiblicher

Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten ließ. Kriege und Seuchen rafften

die Männer hinweg; durch das Zölibat der katholischen Geistlichkeit

wurden viele Frauen selbst zum Zölibat und selbständigen Erwerb ihres

Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten Zünfte, daß

der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen Rauch" haben durfte,[115] und

im Hause des Meisters leben mußte, wo seine Arbeitskraft mehr

ausgebeutet, sein Lohn durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr

verkürzt werden konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mädchen. Die

Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, weil

die Aussicht, Meister zu werden, wegen des großen bei diesen Handwerken

nötigen Kapitals nur gering war,[116] mußten meist auch auf die

selbständige Erwerbsarbeit ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte

Stückwerker nur ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die

Gesellen anderer Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus

der Zunft ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Störer" sich

niederließen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise gegen die

Meister der Zunft konkurrierten,[117] bildeten das rasch zunehmende

Proletariat des Handwerks, das den Frauen auch nur Hunger und übermäßige

Arbeit zu bieten hatte. Es einzuschränken, um die schädigende Konkurrenz

los zu werden, war das eifrige Bestreben der Zünfte, die daher auch das

Heiratsverbot noch besonders verschärften, indem sie, wie aus der

Nürnberger Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklärten, daß

kein Gesell in seinem Handwerk gefördert oder unterstützt werden dürfte,

der ein Weib hat.[118]

Alle diese Umstände zusammengenommen führten dazu, daß nicht nur die

Zahl der Frauen an und für sich die der Männer bei weitem übertraf,

sondern daß auch die Zahl der alleinstehenden, auf selbständigen Erwerb

angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an einer

umfassenden Statistik darüber, die Berechnungen aber, die einzelne

Städte anstellten, lassen auf die allgemeinen Bevölkerungsverhältnisse

annähernd richtige Schlüsse zu. Eine Zählung der Bevölkerung Frankfurts

a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend männliche elfhundert weibliche

Personen; eine zu Nürnberg im Jahre 1449 auf tausend erwachsene Männer

zwölfhundert und sieben Frauen; eine zu Basel im Jahre 1454 auf tausend

Männer über vierzehn Jahren zwölfhundert und sechsundvierzig

Frauen.[119] Die daraus entstehende Frauenfrage mußte sich auch dem

Gedankenlosen aufdrängen, um so mehr als ein erschreckendes Anwachsen

der Prostitution die nächste Folge war. Durch die Einrichtung von

Zünften, die bis auf ein oder zwei Zunftmeister das männliche Geschlecht

ausschlossen, suchten sich die Frauen selbst zu helfen. Die

französischen Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen,

Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. Jahrhunderts

waren in solchen Zünften vereinigt, an deren Spitze eine

Zunftmeisterin--preudefames--zu stehen pflegte. In Köln bestanden schon

im 13. Jahrhundert verschiedene große weibliche Genossenschaften, wie

die der Spinnerinnen, Näherinnen und Stickerinnen,[120] und die

Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene weibliche

Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.[121] Aber dadurch

waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht untergebracht. Die

Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit seiner langen Lehrzeit und

seiner beschränkten Zahl von Gesellen ausgeschlossen. Um sie

unterzubringen, reichten die Klöster nicht aus, die auch häufig die

Einzahlung eines kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und

die Pforten zum Leben rücksichtslos hinter ihr verriegelten. Die

Zuflucht armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an

die überall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, die

der Wohlthätigkeit der Bürger oder der städtischen Initiative ihre

Entstehung verdankten. Sie nahmen in dazu bestimmten Häusern oder

Straßen Mädchen und Frauen auf, die zwar kein Ordensgelübde abzulegen

genötigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen waren, gleiche

Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen durften, und ihren

Lebensunterhalt selbst erwerben mußten. Es gab kaum eine größere Stadt,

die nicht mehrere Beginenkonvente hatte; Köln allein besaß deren im 15.

Jahrhundert über hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, in Basel

gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, ein Frankfurt

a.M. gehörten im 14. Jahrhundert 6% der erwachsenen weiblichen

Bevölkerung den Beginenvereinen an.[122]

Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher

außerordentlich groß. Die Beginen spannen, webten, nähten und wuschen,

sie kamen in die Häuser der Bürger zur Aushilfe im Haushalt, sie

beschäftigten sich mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil

sie umsonst wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und

ihre Bedürfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn

zufrieden sein. Auch außerhalb der Zünfte, der Klöster und der Vereine

wagten es alleinstehende Frauen einen Broterwerb zu suchen. In größeren

Städten gab es zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem

Ansehen brachten, wie z.B. die Augsburger Bürgerin Klara Hätzler, die

infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Häufiger werden weibliche

Aerzte erwähnt; in Frankfurt a.M. wird ihre Zahl am Ende des 14.

Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem Edikt der französischen

Regierung vom Jahre 1311, wonach Aerzte und Aerztinnen sich einer

Prüfung unterziehen mußten,[123] geht hervor, daß man auch dort an

diesem weiblichen Beruf keinen Anstoß nahm. Jedenfalls war die Zahl der

Frauen, die sich ihm widmeten, zu gering, um den Konkurrenzneid ihrer

männlichen Kollegen zu erregen und sie wäre neben der Masse der armen

Handarbeiterinnen nicht zu erwähnen, wenn nicht daraus zu ersehen wäre,

wie früh die Frauen sich schon gezwungen sahen, auch in die höheren

Berufe einzudringen.

Die ersten, die den Kampf gegen die beängstigende Zunahme der

Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchführten, waren die Zünfte.

Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht organisierten Arbeiterinnen

dadurch zu unterdrücken gesucht hatten, daß sie ihren Eintritt in die

Zünfte erzwangen, wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Zünfte

und die der ausschließlich weiblichen Zünfte über den Kopf; sie

veränderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus den Zünften

wieder hinauszutreiben versuchten. Charakteristischerweise verhüllten

sie ihren Konkurrenzneid zunächst mit einem sentimentalen Mäntelchen:

die Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei für Frauen zu schwer, und

schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Zünften aus; die

Tuchwalker und die Kölner Tuchscherer und Hutmacher thaten

desgleichen,[124] indem sie feierlich erklärten, daß ihr Handwerk dem

"Manne zugehört". Bald bemühte man sich nicht mehr mit solchen

Erklärungen, denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete

über, auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden

Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her

hauptsächlich den Frauen offen standen: der Textil- und

Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem die

Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks über die Zunahme

ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es nicht nur durch, daß den

Frauen verboten wurde, andere als weibliche Kleidungsstücke

anzufertigen, sondern auch daß die Zahl der weiblichen Gehilfen und

Lehrlinge auf je einen bei einem Meister beschränkt wurde. Noch weiter

gingen die Württemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher

Lehrlinge, selbst der Meisterstöchter überhaupt untersagten, und die

Färber, die alle Frauen aus der Zunft ausschlossen.

Das treibende Element in diesen Kämpfen waren weniger die Meister der

Zünfte, die durch die billige weibliche Arbeitskraft, durch die

Beschäftigung ihrer Frauen und Töchter ihre Konkurrenten aus dem Felde

schlugen, als die zu immer größerer Macht gelangenden Gesellenverbände.

Für die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die besiegt

werden mußte, um vorwärts zu kommen.

So hatte ein Gürtlermeister in Straßburg Mitte des 16. Jahrhunderts

seine beiden Stieftöchter zum Handwerk erzogen und erregte dadurch den

Zorn des Gesellenverbandes seiner Zunft in dem Maße, daß es zur

Arbeitseinstellung kam, die zwei Jahre währte und mit der Niederlage des

Meisters und der Frauenarbeit endete.[125] Und wie hier das Kampfmittel

des Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg

angewandt. Die Straßburger Nestler beklagten sich nämlich bei den

Nürnbergern, daß diese Mägde beschäftigten und das Handwerk daher zu

Schaden käme, und drohten ihnen, alle in Nürnberg gelernten Nestler für

untauglich und unredlich zu erklären, wenn sie diesen Uebelstand nicht

beseitigen würden.[126]

Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand geht mit

der Veränderung wirtschaftlicher Zustände, bietet die Thatsache, daß der

Frauenarbeit im Verlaufe des Kampfes gegen sie und nach ihrer

Unterdrückung der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer

deutlicher aufgeprägt wurde. Der Mann hielt es für unter seiner Würde,

neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und Gürtlerordnung sowie

die Nürnberger Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen

ausdrücklich.[127] Die Nürnberger Buchbindergesellen erklärten jeden für

unehrlich, der mit einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die

Gesellenverbände und die Zünfte beschlossen, wurde schließlich in die

Ratsschlüsse und landesherrlichen Verfügungen aufgenommen. Sie verboten

nicht nur die Arbeit der Frauen in den Zünften, sie hielten sie auch für

schändend, indem sie die mit den Frauen arbeitenden Männer als

unredliche bezeichneten.

Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem zünftigen

Handwerk hinausgedrängt und das männliche Geschlecht wurde überall zur

Bedingung des Eintritts.[128] So schien der Feind besiegt, während

thatsächlich die Sterbestunde der Zünfte schlug, und er sich nur in den

Hintergrund zurückgezogen hatte, um von da aus des Handwerks goldenen

Boden weiter zu unterminieren.

Verbieten ließ sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not zwang sie dazu,

und es hieß jetzt nur, neue Bedingungen für sie zu suchen. Wie die

sogenannten Stückwerker, die, außerhalb der Zünfte stehend, für geringen

Lohn arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Maße von den

Meistern und den "Verlegern", kaufmännischen Auftraggebern, in ihrem

eigenen Hause beschäftigt.[129] Da diese Beschäftigungsweise an keine

Werkstatt, an keine zünftigen Bestimmungen gebunden war, für die Frauen

einen sehr gesuchten, wenn auch noch so kümmerlichen Erwerb bildete und

für die Auftraggeber stets ein glänzendes Geschäft bedeutete, so dehnte

sie sich rasch bis in die entferntesten Bauernhöfe aus und riß die große

Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht mehr

jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die für den Bedarf der

Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht mehr die Arbeit im

Rahmen des zünftigen Handwerks, die doch einige Aussicht auf

Vorwärtskommen, auf Selbständigkeit in sich schloß, es war vielmehr jene

Lohnarbeit, durch die eine immer wachsende Zahl der Bevölkerung in

dauernde Abhängigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und

aussichtslosen Proletariat herabgedrückt wurde. Durch sie zerfiel das

Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die Hausindustrie,[130]

denn zahlreiche verarmte Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde

der Unternehmer und nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das

zünftige Handwerk nicht beschäftigt hatte, wurden zur Mitarbeit

herangezogen, um den kümmerlichen Verdienst ein wenig zu erhöhen.

Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution vorbereitet, die

die gesamte Arbeit überhaupt, die Frauenarbeit insbesondere, von Grund

aus umgestalten sollte. Sie beschleunigte die Auflösung des zünftigen

Handwerks, sie entführte die Frauen mehr und mehr dem häuslichen Herd,

aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Großindustrie, die Mann und

Weib schließlich gleichmäßig in ihre Dienste zwang.

Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen,

wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des Strumpfwirkerstuhls führte

und die Produktivität auf diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die

durch Barbara Uttmann erfundene Spitzenklöppelei beschäftigte in

Deutschland viele Hunderte von fleißigen Händen, während die von Frau

Gilbert aus Italien in Frankreich eingeführte Kunst venezianischer

Spitzenarbeit schnell zu einer blühenden Industrie sich entwickelte, in

der am Ende des vorigen Jahrhunderts gegen 100000 Arbeiterinnen thätig

waren.[131] Mit dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die

Weißstickerei sich rapid; durch die Band- und Schermühle, die

Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug

fanden zahllose Frauen Beschäftigung, denn eine mannigfaltigere und

reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen zugänglich und die

Bedürfnisse danach, die sich früher, bei der schwierigen und

langwierigen Art ihrer Herstellung, auf die großen Damen der Höfe, die

Patrizierinnen der Handelsstädte und die Courtisanen beschränkten, ein

Gemeingut auch der Frauen des Bürgerstandes.

Aber wie geringfügig erscheint der Einfluß all der genannten technischen

Vervollkommnungen der Arbeitsmittel gegenüber der geradezu umwälzenden,

die von England 1767 durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny,

einer zunächst durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie

wurde von Jahr zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schließlich

bis zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der

Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.[132] Noch vor Anwendung

der Dampfkraft, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, entstanden

in England und Schottland die ersten Spinnereien, und 1788 gab es dort

bereits 142 Fabriken, die nicht weniger als 59000 Frauen und 48000

Kinder beschäftigten.[133] Große Fortschritte hatte indessen auch die

mechanische Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch

Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine trat

neben den außerordentlich vervollkommneten Webstühlen in Thätigkeit und

es waren auch hier Frauen, die in erster Linie zu ihrer Bedienung

herangezogen wurden. Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich,

hauptsächlich in Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben

von Linon, Batist und Gaze beschäftigt.[134]

Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung mußten für das

weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung sein. Jede neue

Maschine, die die Arbeit von so und so vielen Handarbeiterinnen

verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte ihre hausindustrielle

Thätigkeit und drückte auf ihren Lohn. Sie entriß aber auch den Frauen

ihnen bisher fast ausschließlich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das

Spinnen und Weben, indem sie Männer und Kinder zur Mitarbeit heranzog

und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen ließ. Und endlich

griff sie auflösend und zersetzend in den einst so fest umfriedeten

Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau klaffte von nun an ein

furchtbarer Riß: die bittere Not zwang sie in die Fabrik, wo sie der

Ausbeutung schutzlos preisgegeben war, die Mutterliebe und die von

alters her ehrwürdigen Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim.

Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt hervorwachsenden, in

das Volksleben tief eingreifenden Fragen, stand die Gesellschaft ratlos

gegenüber. Mit ungeschickten Händen versuchte man einzelne Knoten zu

entwirren, um nur immer neue zu knüpfen. Durch Unterdrückung der

gefährlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft sollte der

Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder hergestellt werden. So

wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse mit der Begründung, sie ihren

Frauenpflichten wiedergeben zu wollen, schon 1640 die Arbeit verboten;

in Sachsen verfügte ein Gesetz, daß Bauerndirnen keinen anderen Beruf,

als den häuslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz wie

in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht verdingen

wollten, mit schweren Steuern belastet.[135] Aus den Badestuben, dem

Schankgeschäft und dem Kleinhandel wurden die Frauen vertrieben. Die

Menge der Spitzenklöpplerinnen in Nürnberg veranlaßte den Kameralisten

J.L. Dorn strenge Polizeimaßregeln gegen selbständige Arbeiterinnen zu

verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten diese

Mauern und Wällchen nicht aufzuhalten, und die hingeworfenen Strohhalme

konnten die Menge der mit den Fluten Kämpfenden nicht retten. Den Frauen

des arbeitenden Volkes blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger

und Schande.

Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre

wirtschaftliche Existenz mußten sie nicht nur selbständig kämpfen, sie

mußten sie auch von Grund aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben

Lasten wie ihre männlichen Arbeitsgenossen, nur daß sie noch

unterdrückter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am schwersten

Leidenden duldeten sie stumm.

Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite · 第 10 / 47 题