O Herr! seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und

Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr

der Mythologie), was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur

eine Stufe über dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem

stolzempfindlichen Rosse, dem rührigen Hunde, obschon er Kansbillets

und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dünkt er sich

was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch

behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung! -- Es

war natürlich, daß sich auf solchem Wege kein Verhältnis der Zuneigung

zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht

geeignet, Liebe zu erwecken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rücken

zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen

Langeweile von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen

Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche

Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan, hinter mir ein paar

Schildkröten in einem großen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen

Schwanz im Wasser hing. Es wäre mir interessant gewesen, mit Vögeln,

Amphibien und amphibienartigen Geschöpfen auch einmal meine Ideen

auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine Gelegenheit finden.

Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der über Welgelegen

lastete, so gebeugt, daß alle meine Versuche, ihnen näher zu treten,

mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen

Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel

gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie

sich an ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zurück,

der Biber hatte für nichts Sinn, als für das kalte Wasser um seinen

Schweif.

Meine Pein zu schärfen, diente die berufene holländische Reinlichkeit.

Es wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten,

welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hieß, weil ihr anbefohlen

war, die äußerste Sauberkeit unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen.

Sie brachte den Tag über in einer Art von Portierhäuschen am Eingange

des Haupthauses zu und lugte beständig auf die Menagerie hinaus. Ließ

nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht

zu vermeiden stand -- lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! --

alsobald schoß diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson,

bewaffnet mit einem langen Borstbesen, hervor, riß den betreffenden

Verschlag auf und säuberte vermöge des Besens die Stelle. Meine

Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber

in mir hatte der Mensch teil an dergleichen Vorkommenheiten, in mir

schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung seiner eigensten

und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der größten Verlegenheit

zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und der

Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen

greifenden Dreck-Griete!

Die Langeweile -- die Isolierung -- die ewig drohende Kehrmagd --

meine Lage wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war

damals unglücklich, ganz unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart

angefaßt, ich war ein Opfer kalter Schwärmerei geworden; das ist das

Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt.

[Illustration]

Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf

Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise

enthalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer

unterschlagen -- lange -- für immer! -- -- Denn ich fühlte, daß, mit

Heldenmut den Entschluß durchgeführt, der Organismus untergehen müsse.

Diese Weise, zu enden, dünkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir

neu und unnachahmlich vor.

Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloß

meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich

spähend. Ich dachte: Schleich du; ich sterbe!

Am dritten Tage ließ Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte

sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da?

Griete berichtete dem Herrn, was sie wußte. -- So muß man abwarten, ob

es sich bis morgen mit ihm bessert, sprach mein fühlloser Gebieter, und

wenn das nicht geschieht, so gebt ihm -- -- Er verordnete das schnelle

und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fällen selbst der

Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde.

Nein, es ist zuviel! meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem

ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heiße Stirn wider

diese Klinker stieß. Nicht leben können, und nicht sterben dürfen! --

Ich sah schon im Geiste den Augenblick, der meinen Entschluß gewaltsam

brechen würde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich

sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in die alten Konflikte

zurückgeworfen, denen meine Seele sich entronnen wähnte.

Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen!

Wie schwach steht es um die sogenannten großen Vorsätze! Bittere und

demütigende Erfahrung, die ich an mir selber machte!

Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen

Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser

Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur

einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein für allemal

festgestellt, und sonst sahen einander die drei Holländer nicht,

obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte voneinander entfernt

waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gästen den

Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van

Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf

eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie

am meisten.

Nachdem die drei Freunde im Lusthäuschen Tee getrunken hatten, führte

mein Gebieter seinen Besuch zu unseren Verschlägen und fragte de

Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine

Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennen gelernt habe. Schon bei dem

ersten flüchtigen Überblicke, den mir der Naturaliensammler widmete,

fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen Wangen wurden

von einer leichten Röte überflogen. Ich mußte mich erheben, Mynheer de

Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch

nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte

mein Vließ, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel.

Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines

glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten

war Mynheer de Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: Nein, diese

Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der

kleine gefleckte Hirsch, +Moose-deer+, welchen man auf Ceylon

findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser Annahme. Der

Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Teil gehört in das

Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine

neue Spezies ernennen. Dieses Geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef,

eine gar große Seltenheit besitzt, muß der Bockaffe, +capra simiae

proxima+, heißen.

Ich fand ihn, versetzte Mynheer van Streef, auf einem griechischen

Platze, in einer unvergeßlichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, daß

wir heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den

dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frisch gehalten hat. Ich

möchte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt.

Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle

in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei

dem Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein

sah, sagte er: Daß Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir

abläßt, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen

sein, folglich muß ich dich stehlen lassen.

Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem

zweiten Freunde von den Hyazinthen zurück. -- Wie ich Euch sagte,

Mynheer van Streef, sprach Mynheer van Toll, es hält sich auf Vrouw

Elizabeth seit einigen Tagen ein fremder Maler und Chemikus auf, der

eine besondere Mischung der Farben entdeckt hat, wodurch auch auf dem

Porzellan das vollkommene Helldunkel von Rembrandt sich erzielen läßt.

Ich wollte durch ihn eine große Vase in dieser Manier malen lassen, und

alle Anstalten des Glühens und Einbrennens sind auch schon gemacht,

nur war ich über den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz

neuen für die neue Manier zu haben wünschte. Gar gern möchte ich nun

den sogenannten Bockaffen im Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil

den gewiß noch niemand hat, und ich bitte Euch daher, daß Ihr mir

die nachbarliche Gefälligkeit erzeigen wollet, meinem Chemikus diese

Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er soll an dem Tiere

bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser Beleuchtung eine

Farbenskizze von ihm entwerfen.

Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an, versetzte der Hausherr. Die

nächtliche Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestört

werden. Ihr könnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in

Helldunkel abzeichnen lassen. -- Gertruid ging mit dem Teegeräte nach

dem Lusthäuschen. -- Kommt hinein, fuhr Mynheer van Streef fort, ich

will euch, meine Freunde und Nachbarn, eine neue Sorte Tee zu kosten

geben.

[Illustration]

Wieder also sollst du gestohlen werden! dachte ich für mich. Bist du

denn so kostbar? -- Inzwischen war es im Lusthäuschen sehr lustig

geworden, freilich nur auf niederländische Weise. Offenbar hatte das

Wasser der Hippokrene durch die Reise seine Kraft nicht verloren. Die

drei Freunde waren nach der ersten Tasse vom Teetisch aufgestanden

und gingen phantastisch erregt, ohne sich umeinander zu bekümmern,

im Stübchen auf und nieder. De Jonghe versuchte, während er ging,

einen Pas aus der +Menuet à la Reine+ zu bewerkstelligen, van Toll

sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den

Vorhang des Kanalfensters auf, öffnete letzteres selbst und vergaß, die

eben vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.

Statt ~eines~ drei holländische Schwärmer! Wunderbares Wasser!

Selbst eine Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee

verkocht! -- Bald sollte die Schwärmerei wieder mich in ihre Kreise

reißen, mich, den schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten

Bildungsgeschichte, welche jemals die Erde sah. Van Toll trat an

das Menageriefenster des Lusthäuschens und flüsterte hinunter: Nach

Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem Nachschlüssel her,

dich abzureißen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase im

Rembrandtschen Helldunkel. -- Er trat zurück, de Jonghe näherte sich

hierauf dem Fenster und rief, mit einem sehnsüchtigen Blicke auf mich,

halblaut hinaus: Stehlen laß ich dich noch vor Mitternacht und dann auf

der Stelle ausstopfen!

Ausstopfen!? -- -- Nein, nein, das geht in das Ungeheure! +Du sublime

au ridicule.+ -- -- Meine Sinne schwanden.

Als ich nun wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein

vor meinem Verschlage und Sebulon neben ihm. -- Sebulon, sagte mein

Gebieter, der Besuch ist nun fort, und da kann also etwas geschehen,

was sich vor Fremden nicht ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder

in die helikonische Stimmung gekommen. Ich möchte der ganzen Welt

helfen und rasch! Sage der Griete, sie könne auf der Stelle mit dem

fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem früheren Befehle erst

morgen vorgenommen werden sollte.

Wird wohl nicht mehr nötig tun, versetzte Sebulon trocken. Es scheint

wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprünge es

macht.

Ach nein, es war nicht mehr nötig! -- Die gräßliche Perspektive,

ausgestopft zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmörderischen

Gedanken in mir vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wieder

gegeben und die gewaltigste Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie

unsinnig im Verschlage umher, das nannte jener holländische Hausknecht

Lustigkeit, ich stieß entsetzliche Töne aus, mich verständlich zu

machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten anzukündigen,

darüber lachten die Blinden!

Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloß die Pforte. Unglücklicher,

lege auf die Mauer, über welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte

steigen lassen wird, Selbstschüsse und Fußangeln! Durch die Pforte

kommt höchstens der unschuldige Chemikus, Euren armen, kleinen

Bockaffen im Helldunkel seiner harmlosen Laterne abzureißen! schluchzte

ich. Wie wird er sich betrüben, der Getäuschte, wenn er statt seines

Studienobjektes nur die leere Stätte findet! Jammer über dich,

Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir gestohlen

siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt!

Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die

Bande de Jonghes nach Mitternacht? So würde der Chemikus noch bei

Laternenlicht zeichnen, wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen und

diese Nacht wäre wenigstens gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener

Würfelspieler! Tolles Rätsel des Daseins grimmiger Wust chaotischer

Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo weilest du? Eile herbei,

deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten, Schrecklichsten

zu erretten! Du bist wißbegierig und reisest viel, mein guter Vater,

vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de

Jonghe, und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen

unglücklichen Sohn vielleicht zwischen einer Fischotter und einem

sibirischen Eichhorn siehst! -- Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich

rede irre -- du wirst mich nicht erkennen!

Ausgestopft zu werden! -- Gedanke, der das Hirn sieden macht und alle

Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen

dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in Rücken und Beinen zu

fühlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu

haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer

und Spieköl gegründet!

In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener

merkwürdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, daß die

äußerste Beängstigung in meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn

ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die

Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen

bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen

ab, so wie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze ein

förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor

sich zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles

dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem

Ausstopfen.

Gegen Mitternacht Geräusch draußen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen

einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber

und Schildkröte vorsichtig hindurch -- -- Ich sitze (denn ich vermochte

auch schon wieder zu sitzen) stumm da und raufe mir vollends alles

Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich -- hui und davon mit mir über

die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in

seinen Armen. -- Was, zum Teufel, habe ich denn da gefaßt? Das ist ja

kein -- murrt er, während er einige Schritte längs des Kanals nach dem

Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, stürzt

ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten

Stimme heftig: Steh, du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen! und

haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb, Sünde gibt keinen Mut

-- läßt mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener

unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach,

holt mich heraus, ruft: Wie, ein nacktes Kind? und trägt mich, dem von

diesen jähen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin,

die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem

Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und

-- wer faßt's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? -- Es ist --

-- mein Vater, mein sogenannter Vater!

Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es.

Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber

doch verständlich, ist: Vater! Vater! Dein Kind! mein erstes Wort. Mit

heißen Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich

ihn erkannt, und -- doch schweige Lippe! falle Vorhang, über diese

unbeschreibliche Szene!

[Illustration]

Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke

Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen

mir in jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich

versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst

essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter

Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater trägt mich in das Lusthaus

Vrouw Elizabeth. Er ist's, ja, er ist der gute Chemikus, der sich

dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen, mich

nach Mitternacht bei Laternenlicht abreißen wollte, aber von einer

unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch

geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich

steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal

Zeuge des Diebstahls wurde.

Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren Geschichte empfangen,

ich weiß es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche

hinunter, worin ich saß, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns

durch Naturlaute. -- Aber warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater,

als du den Dieb über die Mauer steigen sahst? fragte ich in einem

ruhigen Augenblicke. -- O Sohn, versetzte er, um einen Menschen zu

retten, haben sich wohl schon größere Unwahrscheinlichkeiten begeben

müssen, als daß man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder

herauskommen läßt. -- Du konntest nur gerettet werden, wenn diese

Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so

erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst

mir unsichtbar und in den Händen von Mynheer van Streef. -- Diese

Antwort stellte mich vollkommen zufrieden.

Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabeth

angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier,

der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen

und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei

voller Muße. Vater, wie sehe ich aus? war meine erste Frage.

Abscheulich mein Sohn, versetzte er. Deine Züge sind in einer

wunderbaren Unordnung, es ist, als wäre Nase, Mund und Augen bei

dir berauscht gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht

gehören. Die Ohren müssen wir vor allen Dingen stutzen, sie haben

sich etwas zu üppig gen Himmel erhoben, an den Extremitäten sind dir

überflüssige Haarbüschel gewachsen, auch deine Sprache schmettert

sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du kommst

mir vor, wie eine durcheinander geworfene Bibliothek oder Garderobe,

die einzelnen Bestandteile deiner Totalität sind richtig vorhanden,

aber es fehlt die Harmonie.

Alles nichts, mein Vater, sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel

getreten war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. --

Er brannte, meine Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in großen

Umrissen. Er glaubte, ich habe geträumt. Sieh mich an, versetzte ich,

und sage dann noch einmal, daß dies Träume gewesen seien. Das letzte

Wunder, so schloß ich meinen Bericht, war das größte. Hat man auch nur

noch ein Fünkchen Humanität in sich, und soll man ausgestopft werden,

so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Fünkchen zusammen und man

restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst, Grauen,

Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweitenmal

geboren und die Tierhülle durch Seelenkämpfe abgestreift.

Streife jetzt nur auch eine anständige Hülle über! rief mein Vater,

ging zu einer Kommode und holte daraus die weißen Pumphöschen, das

rote Kollett, den kleinen, blechernen Säbel und den Turban hervor.

Großer Gott! die Janitscharenkadettenuniform war auch da! Wo fandest

du sie? fragte ich ihn. Im griechischen Gebirge, welches ich nach

dir verzweiflungsvoll, wie Ceres Proserpinen suchte, durchrannte,

antwortete er. Ich fand die Stücke auf einem Felsenabhange und glaubte,

daß dich ein Raubtier gefressen habe. -- Aber mein Vater, sagte

ich, indem ich die Hosen anzog, an den Kleidungsstücken war ja kein

Blut, woher also dieser Glaube? -- Konnte dich das Raubtier nicht

rein herausgefressen haben? erwiderte er, etwas verstimmt über meine

kritischen Zweifel. -- Er mußte mir nun auch seine Geschichte erzählen.

Sie war einfach. Aus Schmerz über meinen Verlust hatte er, nachdem

er jede Hoffnung aufgegeben, mich wiederzufinden, sich noch eifriger

den chemischen und physikalischen Studien ergeben, wie früherhin, und

unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis entdeckt, welches

ihn dem Holländer van Toll so wert machte. In der Heimat litt ihn

der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als düsterer,

zerrissener Porzellanmaler. Unterwegs traf er mehrere Kollegen. Durch

die allerseltsamste Fügung brachte uns das Schicksal wieder zusammen.

Er ging bei Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.

Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn

mein Vater fühlte wohl, daß, da er dem Eigentümer das fremde Tier

nicht auf die Vase liefern könne, seine Rolle im Landhause ausgespielt

sei. Wir benutzten die erste Schuite nach Amsterdam, und dort die

erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir im Wagen saßen, ich wie

in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke an Frau von

Münchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich

teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: Wird es uns nicht

gehen, wie Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum

zweitenmal auf Reisen geschickt werden sollte?

Nein, mein Sohn, erwiderte er, die vortreffliche Frau ist bereits

vor sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlänglich beweint

worden. -- Ich zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachträgliche

Zähren.

Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner

Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte

erhellt, schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch

meinem Wissen an Zusammenhang, der jetzt erzielt werden mußte ...

Noch oft unterredeten wir uns über die Einzelheiten meiner

außerordentlichen Geschichte. -- Sage mir nur, mein Sohn, sprach mein

Vater eines Tages, welche historische Lehre ziehst du aus allen diesen

unglaublichen Vorfällen? -- Vater, versetzte Münchhausen das Kind,

die Geschichte ist erhaben über alle Lehren. Willst du aber aus der

meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es die einfache Wahrheit,

welche jeder Student fühlt -- daß die Söhne auf die Taschen ihrer Väter

angewiesen sind.

Nachwort des Herausgebers

Münchhausen unter den Ziegen · 第 4 / 5 段