daß, um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir
auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und
den Händen der Gatten übergeben werden solle. Dagegen sträubten
sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig,
wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir
blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr
ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten
gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und
ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke, der mich ihrer
Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge
in den Sternen geschrieben.
Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher,
dicker Mann, dem ein Dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich
stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe
Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst
verdrießlich aus. Schon sein Ansehen und der völlig gleichgültige
Blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben,
von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald
hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn
zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, ließ ihn
niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen
Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die
Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr ließ nämlich
alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf
die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war.
Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, daß der gelbe Dicke ein reicher, vom
Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam
und eine Stunde von Harlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich
die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten, und gewisse Vorboten der
Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die
südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer
van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den
Reichswald bei Cleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei
mißverstanden worden, und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche
er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs,
so weit sein Naturell dies zuließ, in einige Verzweiflung geraten,
jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger
Altniederländer war, und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag,
ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste,
genötigt gewesen, sich zu fügen und an die Reise zu denken, die er in
südöstlicher Richtung vornehmen mußte, da er südlich auf der Karte die
verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
Um dies zu verstehen, muß gesagt werden, was ich aus den Gesprächen
heraushörte, daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen
in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu
erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war,
so haßte er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen
hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach
dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, maß
daran die Meilen, fand, daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des
Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und
weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg
gekommen.
Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in
einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den
Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz
aufzurichten, mit dem Ausrufe: Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen
geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück.
Gottlob, sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein
Landhaus ein wenig erheitert fühlte, und ich will, wenn wir nach Hause
gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heißen: Vreugde en
Rast. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine
Wassersucht so überhandnehmen, daß alle Teiche von Seeland bedroht
wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen
Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt,
wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die
unnatürliche blaue Farbe nicht los wird.
Es kann nicht überall Altniederland sein, versetzte der Diener
und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; es muß auch solche
nichtsnutzige Striche Landes geben.
Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte, fuhr Mynheer van Streef
fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so
verdrießlich blieb, wie früher, was für eine andere Gegend ist das!
Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zicht und auf der andern Seite
Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitten inne liegt Welgelegen.
Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und
bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen
gepflasterten Hofe, vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den
Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild
wachsen -- aber, Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den
Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten
von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese
dahinter, in der denn doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so groß
wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen
im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den
andern Tag nebelt oder regnet es, so daß die Entbehrung das Glück, um
sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn
es helles Wetter ist, bescheiden, mäßig und grau. Wie wird dir denn,
Sebulon, wenn du an alles das denkst?
Abscheulich wird mir zu Mute, rief Sebulon und warf zornig seine
Pfeife an den Boden, daß sie zerbrach. Hole der böse Feind diese
verdammten griechischen Wüsten!
Ereifre dich nicht, Sebulon, sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem
Mundhängen. Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt
wenigstens jemanden dabei, auf daß der Eifer einen Nutzen habe. Mache
mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu
sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich,
Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der Elektra
unseres großen Vondel lesen. Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug
es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der
Vondelschen Elektra:
+O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,
In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,
Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer haeckte,
Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om blaeckte.
Dit'st woud van Jö zelf, dat dolgeprickelt dier.
Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is hier,
En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde
Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde+ ...
[Illustration]
Ja, ja, unterbrach sich Mynheer van Streef, das ist denn freilich etwas
griechischer als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft. Er summte
sacht in seinem Vondel weiter.
Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr
überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer
angezündet, Wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen
Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte
er seinem Herrn eine Tasse.
Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum Munde, wie er
in allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete,
die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er
bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte: Sebulon, noch eine.
-- Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die
zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen
bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: Sebulon,
noch eine. -- Sebulon reichte ihm zitternd und eine große Unruhe in
seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe
hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.
Ach, Mynheer! rief der Diener besorgt, was ist Euch widerfahren? Sonst
braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht
es wie mit Extrapost in den Magen.
Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach
langem Schweigen: Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser, als der
auf meinem Landhause Welgelegen, eine Stunde von Amsterdam.
Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: O wehe mir,
wehe. Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll
geworden: sein Tee schmeckt ihm dahaußen besser als daheim; er lobt die
Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven
und Altniederland.
Sebulon, erhitze dich nicht, sagte der Herr gleichgültig und
freundlich. Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weißt du, was
Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von
Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche
Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die Sache sollte aber zur
Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
Ich liefere die Probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem
Tee muß etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn
ich muß es noch einmal sagen: er schmeckt wahrhaftig besser, als der
auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen.
Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener
zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, daß aller
Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise
seines Uebels sei, daß die Wassersucht durch die Schwärmerei eine
Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich
zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van
Streef sah sich um und sagte: Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen
ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir
der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die
hiesige Schwärmerei. -- Was sollen wir mitnehmen? versetzte Sebulon
noch immer ziemlich kleinlaut, wir können doch nicht die Boompges (er
meinte die Lorbeeren) oder die großen Klinker (er meinte die Klippen)
einpacken. -- In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem
Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor
und rief: Was für eine Kreatur ist das? Der schwärmerische Holländer
besah mich und sagte dann langsam: Wirf dem Vieh einen Strick um den
Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne
Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de
Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf
Java vorkommt.
Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muß ich
bekennen, daß die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber
empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime,
düstere Ahnung mir zuflüsterte, daß die Schwärmerei des Holländers mir
drückend werden könne. -- Ich ließ mir das Fangseil geduldig um den
Hals schlingen und verließ mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt,
und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf
welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon
die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der
Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause
Welgelegen.
Am Fuße des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso
verdrießlich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der
ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebenere Gegenden
gekommen waren, zu Wagen fort, das heißt Herr und Diener saßen im
Wagen, und ich lief nebenher -- Ihr mögt mir es glauben oder nicht,
es liegt mir nichts daran, aber wahr muß wahr bleiben -- ich habe die
paar hundert Meilen zu Fuß zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke
des Adriatischen Meers, die wir auf einer slawonischen Schebecke
durchschritten. Ja, neben holländischen Schwärmern läßt sich schon zu
Fuß fortkommen!
Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die
Herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich
wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter mußte ich selbst
sorgen, auf der slawonischen Schebecke bekam ich, Gott verdamme
mich, nichts zu genießen, als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die
Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage
lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich!
denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten
Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So zum
Beispiel habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude[1] nicht zu sehen
bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.
[1] Tagungspalais der deutschen Bundesversammlung, die sich in den
wichtigsten Fragen für inkompetent erklärte.
[Illustration]
Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen
in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein.
Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwölf Windmühlen,
endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen
Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere
aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf
welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazieren gingen,
vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon:
O Welgelegen! weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich
vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte:
Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef. In der Pforte standen
sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle
weiß und rund und sauber gekleidet, daß sie glänzten. Sie machten
einen Knicks, küßten ihrem Herrn die Hand und sagten: Viel Glück und
Heil zur Rückkunft, Mynheer. Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann,
roten Antlitzes, aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert, schüttelte
dem Heimkehrenden die Hand und sprach: Ich habe davon erfahren, daß
Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur
angeschlagen habe. -- Doktor, ich schwärmte auf dem Helikon, danach
wurde mir besser und ich bin völlig hergestellt, versetzte der Patient.
Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte
kaltblütig: Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als
da Ihr abreistet, Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst
sterbt Ihr dann und dann. Er nannte den Todestag.
Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei
kennen gelernt hatte, was holländische Wut heißen wolle. Denn das
Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern
schwollen an, daß sie Baumwurzeln glichen, und er goß über den Doktor
eine solche Flut von Scheltreden aus, daß ich über den Reichtum der
Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte. Der Doktor
seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung
erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den
Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, daß er sich
in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, daß sie auf
Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, daß sie auf die erste
schimpfe, die vierte auf die dritte, daß sie auf die zweite schimpfe,
die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt,
die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen.
Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den
gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.
Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen
Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die
Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere
schrien in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiß, ob nicht
noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich
in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom
Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre.
Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz
begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus ~einem~
Munde riefen Doktor, Patient und sechs Nordholländerinnen: Die fünfte
Schuite! -- Kommt aber heute zwei Minuten zu spät, setzte Mynheer van
Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. -- Er ging freundlich in sein
Landhaus; der Doktor bestieg besänftigt die Schuite nach Amsterdam.
So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Harlem diese
niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem
Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich
unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern,
wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß,
daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen
habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold-
und Silberfasanen ein, das heißt ich kam nicht zu diesem Gefieder
unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie
denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders
abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer
van Streef selbst bei den Tieren holländische Neigungen voraussetzte.
Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter,
wie am Helikon, fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt, und
verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung
von dem langen großen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich
sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich
nachzudenken.
Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines
holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäfte zurückgezogen hat,
gründlich kennen lernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart
unter den Fenstern des Lusthäuschens, welches durch den Hof von dem
Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen
Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder
Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier
Fuß hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen
kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem
Lusthäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen
wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach
der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite
aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine,
zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung.
[Illustration]
Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmäßig in sein
Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem
Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem
Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause ließ er sich nur von
den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war nur auf der Reise zum Diener
erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als
Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank
nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich,
wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er
langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten
Zeitabschnitten wechselsweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und
nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit
nichts vor, denn er war der Meinung, daß jedes Geschäft für sich
betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich
zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbillets, die er in der
roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke
bekanntlich gleichlauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte
sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen pflegten
die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus
dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte
einen höflichen Gruß von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und
die Anfrage ihrer Herren: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und
sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Ueberlegung
jeden Tag dasselbe: daß die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das
Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten
abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zicht
und der Vrouw Elizabeth entsendet mit höflichem Gruße von Mynheer van
Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger
Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden?
Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften
Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des
zurückkehrenden Sebulon entgegen genommen. Darauf ging Mynheer van
Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte
sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie,
sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume
Zeitlang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt
und sagte, so oft er schüttelte: Unvernünftige Tiere! -- Dieses tat er
jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während
dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.
Waren die Allocutionen an die Voliere und Menagerie geendigt, so
ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier
Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und
kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grüne,
sechs Uhr abends in das Lusthaus zurück. Er trank nunmehr seinen
dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und
las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe
verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef
klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verließ
hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zurück. Sobald
es dunkel war, schloß Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in
den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen
allgemach -- ein Zeichen, daß Herr und Dienerschaft in ihren Betten
von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und
die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.
Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen,
daß Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs
Schuiten, welche täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren,
auf einer schwarzen Tafel, welche im Lusthäuschen hing, zu notieren
pflegte und aus den Unterschieden wöchentlich eine mittlere Zeit
herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es sei sein größter
Kummer, daß diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie
auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und daß daher die rechte mittlere
Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre.
So ging ein Tag wie der andere hin.