Das funkelnde Ding, das hier zu undurchkreuzterem Glanz aus einer

Schatulle gleicher Kostbarkeiten hervorgehoben wird, hat Generationen

hindurch, kaum beachtet, in unmittelbarer Nähe einer volkhaft

begangenen Straße deutscher Dichtung gestanden. Während der »Oberhof«

Karl Lebrecht Immermanns, anderer Teil der »Geschichte in Arabesken,

Münchhausen« (1838) zum klassischen Bestand unseres volkstümlichen

Erzählertums gehört, ist die Wirkung des eigentlichen »Münchhausen«

von dem Erscheinen des Buches an auf einen engeren Kreis beschränkt

geblieben. Sonderbares Schicksal einer bedeutenden Dichtung, durch

ein merkwürdiges Zusammentreffen äußerer und innerer Umstände

niemals zu ihrer vollen Auswirkung gekommen zu sein, im allgemeinen

Volksbewußtsein nur zur Hälfte und unter dem anderen Namen dieser

Hälfte fortzuleben, gleichsam nur mit einem Lungenflügel zu atmen,

während der andere ursprünglich ebenso kräftige, zwar vom Blut des

Schöpferherzens durchpulst lebendig bleibt, aber an den Rändern langsam

verkümmern muß! Denn der eigentliche »Münchhausen« ist eine Zeitsatire

großen Stils, wie alle Werke seiner Gattung bestimmt, vorzüglich in

dieser Zeit selbst in ihren tausend Bezüglichkeiten verstanden und

unterverstanden zu werden. Nun aber erhob sie sich gerade am endenden

Rand dieser Zeit, der auslaufenden Romantik, nicht nur inhaltlich,

auch formal aus ihr gestaltend: eine formfrei spielende Groteske,

indes die aufsteigenden Generationen sich jenem künstlerischen

Realismus zuwandten, deren erster Gaben eine seltsamer- und doch nicht

seltsamerweise der andere Teil der Gesamtdichtung wurde. Denn jenem

Zerrbild des Zeitgeistes, dem die »Münchhausen«groteske gilt, wollte

Immermann im »Oberhof« in der Bodenständigkeit bäuerlichen Lebens, im

reinen Bild der deutschen Liebe und Ehe »den wahren Geist der Zeit

oder richtiger gesagt der Ewigkeit« entgegenstellen, der faulenden

Schon-Vergangenheit die aufblühende Zukunft entwachsen lassen. Diese

Zukunft aber hieß: Wirklichkeitsfreude, in der Weltbetrachtung wie in

ihrer künstlerischen Formung. War nun die Fügung der beiden Gegenbilder

dazu noch so locker, gleichsam nur scharnierhaft, wie zwischen dem

»Oberhof« und dem eigentlichen »Münchhausen«, so geschah es fast

selbstverständlich, daß man die zeitgemäßere Tafel mit sich forttrug,

die andere aber unbeachtet liegen ließ.

Heute hat das Rad der Zeit geistig wieder einmal eine halbe Drehung

vollführt. Die Groteske ist aufs neue eine der Hauptformen komischer

Darstellung geworden. Der Augenblick des ganzen »Münchhausen« könnte

also gekommen sein, wenn anders es seinem Dichter gelang, nicht nur

Zeitsatire zu schreiben, sondern in den satirisierten Zuständen der

Zeit das bleibende Torentum einer Reihe von Generationen oder gar

menschliches Torentum überhaupt zu erfühlen und zu gestalten.

Kein geringes Unterfangen, an das Immermann sich wagte: den

»nie gestorbenen nimmer verwelkten ehemaligen Jagd- und

Pferdegeschichtenerzähler Freiherrn von Münchhausen auf und zu

Bodenwerder«, dessen wunderbaren Abenteuern Gottfried Bürger einst die

klassische Form gegeben hatte, ein anscheinend endgültig geformtes

Symbol also von volkstümlicher Geltung zu »erhalten, restaurieren und

nach Maßgabe der Zeiten zu metamorphosieren«. Diese Metamorphose aber

bezweckte nichts minderes als »in diesem Erzwindbeutel einmal alle

Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie,

die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand« einfangen zu

wollen, »um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für die Welt

still gemacht zu haben«. Man weiß nicht, was mehr Gefahren barg, die

Erhaltung der Gestalt oder ihre Metamorphose. Immermann hat sie beide

überwunden. Erhalten ist das, worauf es ankommt, das schöpferische

Lügengenie des freiherrlichen Urbilds, erhalten in einer Kraft, die

es gestattet, auf jede Wiederholung oder Umdeutung seiner früheren

Fabelmären zu verzichten. An deren Stelle tritt ein verschwenderisches

Gewirr neuer Erfindungen, aus kongenialer Anschauung mit der gleichen

Ruhe, Ueberzeugungskraft und grotesker Logik so hingestellt, »daß

man in währender Erzählung den Erzähler für verrückt halten oder

an seine Sachen, so unsinnig sie aussehen, auf eine Stunde glauben

muß«. Nur bei solch überlegen schaltender, zugleich aber respektvoll

einfühlender Verwendung der überlieferten Figur war es möglich, den

neuen Helden zu seinem »eigenen Vater und Großvater« zu machen.

Es ist unverkennbar der alte Münchhausen -- wer wäre sonst noch

fähig so bunten Lügenfangballspiels! -- nur um mehrere Geschlechter

weitergebildet: nicht mehr achtzehntes sondern neunzehntes Jahrhundert,

etwas weniger aristokratisch, etwas sozial heruntergekommen, ja mit

einem deutlichen Schuß vagabundierenden Hochstaplertums, daher auch

nicht so spielerisch zwecklos in den Hervorbringungen seines seltsamen

Genies, böse nicht gerade, aber von einer satirischen Boshaftigkeit,

die sein erster Zustand nur erst im Keime enthielt. Geblieben aber ist

ihm trotz solch merklicher Absenkung vom reinen Schwindel zum weniger

reinen Schwindler der unwiderstehliche Charme seiner schillernden

Persönlichkeit. Noch war es möglich, die auflösenden Kräfte des

Jahrhunderts mit graziösem Humor und einem mehr pritschenden Geist an

einer Gestalt darzustellen, die ihr Schöpfer am Ende selbst keiner

eigentlich schlechten Tat für fähig hält. -- Um diese Mittelfigur

aber, die alle Ausstrahlungen des Zeitgeistes mit grotesker Brechung

in sich sammelt und komisch verzerrt wieder hinauswirft, bewegt sich

ein menschliches Vierblatt, in dem seine Hauptzüge in voller Rundform

dargestellt sind, gleichsam um sie auf diese Weise noch wirksamer und

anschaulicher verpritschen zu können: die Adelslüge: der Baron von

Schnuck, die Liebes- und Empfindsamkeitslüge: seine Tochter Emerentia,

die Bildungslüge: der Schulmeister Agesel, und als Ergänzung zu allen

dreien nicht die Lüge, sondern die materialistische Eigensucht in

Gestalt des Münchhausenschen Bedienten Karl Buttervogel. Nichts bezeugt

die dichterische Meisterschaft Immermanns stärker als die schier

mühelose Lösung dessen, was die Dichter der jungen Generation heute

mit heißem Bemühen zu bewältigen suchen: Ideen in lebendigen Gestalten

zu formen, ohne daß dabei einerseits die Eindeutigkeit der Idee,

anderseits der Schein konkreter menschlicher Existenz verloren ginge.

Wie die schrulligen Bewohner des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr,

das in seinem windschiefen Verfall schon eine Groteske für sich

ist, jede einsam ihre Narrheit in dem Garten mit den nasenlosen

Götterbildern spazieren führen, bis durch das scheinbar zufällige, aber

innerlich notwendige Erscheinen Münchhausens alle Narrheit sich um

ihn anschießend kristallisiert, das hat so unmittelbare Lebendigkeit

und nicht geringere Realität als etwa die psychologisch-realistisch

gegebene Darstellung der Oberhofgestalten und der bauernfesten

Wirklichkeit, in der sie sich bewegen.

Gestaltung! Nicht Etikettierung oder Spruchbänder, die aus dem Munde

hängen. Das ist die schlichte Antwort, wieso diese Zeitsatire, die

in der Auswahl ihrer Gegenstände keineswegs auf Nachwelt gearbeitet

ist, ihre ursprüngliche Jugendkraft in kaum verminderter Frische

bewahrt hat. So tief das alles in Zeit verhaftet ist: wo die reine

Schöpferfreude am Geschaffenen waltet, erhebt sich das Zeitliche

wie selbstverständlich in reine spielhafte Form. Manches zwar was

uneingeschmolzen bleibt, nur zeithafte Beziehung, aber unendlich mehr

zeithafte Beziehung, die als solche bedeutungslos wird, überflüssig für

das naive Verständnis: Geist und Geistesreichheit, Groteske, Arabeske,

eigenfunkelnd wie Mond ohne notwendiges Wissen um das Ursprungslicht.

Lebendiger Beleg dessen das vorliegende Stück, das seine innere

Abgeschlossenheit befähigte, für sich herausgehoben zu werden, und als

blinkende Lockung zu der Gesamtdichtung zu dienen. In dieser Jugend-

und Ziegengeschichte, mit der der angeblich von seinem »sogenannten«

Vater chemisch erzeugte Freiherr, von früherer gefährdender Erfindung

ablenkend, »einen Heroismus im Erzählen entfaltet«, wimmelt es vor

Zeitanspielungen wie kaum an einer andern Stelle des Werkes: dennoch

fast kein Wort, das für den ungelehrten Leser der Erläuterung bedürfte.

All dies Zeithafte versickert gleichsam im Augenblick, wo es mit der

lebendigen Gestalt des Helden in Berührung kommt, um bis auf wenige

Rudimente als organischer Ausdruck, als formgewordener Einzelzug von

seiner ursprünglichen Beziehung gelöst, blutvoll wieder aufzuquillen:

Ganze Erscheinungskomplexe, Bildungsgehabe, Pädagogisches, Titelmoden;

Menschen und Werke ferner, die gerade im Vordergrund des Interesses

standen: der Reisegraf Pückler-Muskau, an dem Immermann sich mit

besonderem Vergnügen reibt, Humboldts Naturschilderungen, die

Klangspiele Rückertscher Ghaselen, eine Wunderkindsbiographie Karl

Wittes, die heute niemand mehr kennt, ganz zu schweigen von tausend

anderen Haupt- und Seitenhieben auf mehr oder minder Besonderes,

Zustände, Menschen und Bücher der Zeit. Im Licht eines blendenden

Geistes, der jeden Nebensatz noch mit feinsten Zügen überschenkt,

werden sie zu ebenso vielen Fäden im Blitzgeflecht eines der

meisterhaftesten satirisch-grotesken Prosastücke, die unsere Literatur

besitzt.

Münchhausen unter den Ziegen · 第 5 / 5 段