Elendes leidender Naturwesen hervorgegangen, weil das höhere Selbst
der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte, und für die Einbuße
Ersatz heischte. Der neue Verein bekümmerte sich um jedes Unglück
und half allen Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren, die in Not
staken. Er hielt wöchentlich seine regelmäßigen Sitzungen; ich habe
mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Böcklein von guten
Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige Tathandlungen
kennen zu lernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle
des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige
tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte
des Kreises ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während
des Wiederkäuens wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in
barmherzige Erwägung gezogen, als zum Beispiel wie einer Hummel zu
helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das Wasser fallen sehen? ob
man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein
aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die Ausübung
ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermaßen möglich zu machen?
oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für
sich und ihre Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen
wußten, daß sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten
war, und was dergleichen wohltätige Maßnahmen mehr waren, welche den
helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast göttlichen Namen bei
allem notleidenden Geschmeiße zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem
Geschmeiße, denn was die edleren Geschöpfe betrifft, so wollten die
von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel hörte
auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches ratzuschlagen
begannen: eine weiße Hinde, welche zuweilen Besucheshalber auf den
Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den
Wohltätigkeitsverein einzutreten, statt aller Antwort nur den stolzen
Rücken, und die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich
gingen, habe ich oft die Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die
Reden der Ziegen im tönendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren.
Ja, einer jener geweihten Bäume mußte die Nähe der barmherzigen Ziegen
selbst körperlich nicht vertragen können. Er bekam ein krankes Ansehen
und ging endlich ganz aus.
Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften
Zwecke. Es war streng verboten, daß von irgend einer Ziege privatim,
ohne Aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert
werden durfte; nein, alle Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung
des Vereins im Geschäftswege verwaltet werden, und die Einzelziege
war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf,
vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten.
Auf diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine,
instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die höhere,
selbstbewußte, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber
immer mit einiger Weitläufigkeit verknüpft war, eine Sitzung zustande
zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste bei der
ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wieder meckernd
gleichsam außer ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so
kam oft alle Hilfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle
zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hätte, war während der Reden
über die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die
vorübergehende Einzelziege ein paar Körner hätte zuscharren können,
bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben.
Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging.
So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen
fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe,
die langen und weitläuftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins
für uns Zicklein und Böcklein. Wenn wir während derselben ohne Weg
und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere
uns außer acht Gelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen
nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergießen, daß die Mütter
an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und
uns vergaßen. Indessen waren solche Tränen und jene Mißglückungen im
ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in
ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend
begeistern, und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an.
Ich habe lange nicht gewußt, auf was Art diese Stimmung, welche die
eigene Familie um Geschmeiß hin und wieder vernachlässigen lehrte, und
eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden
Geschäfte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war.
Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff
nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei
allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den
durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den
wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft
entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der Fall war,
so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen
Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens
nennen könnte.
[Illustration]
Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden
Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu
unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war
blühende Prosa. Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her.
Wie oft mußte ich, als ich nachmals mehr unter Menschen kam, und
ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um
das Erbärmliche kennen lernte, still für mich ausrufen: Versetzte
Hippokrene! -- Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge
auftritt, da stirbt das melodische Getön der Steindrossel, da weiset
die stolze, weiße Hinde vornehm den Rücken, da schüttelt der Lorbeer
zornig die Krone oder geht aus.
Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene
und wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben. Sie gehörten
ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten,
was mir gewiß jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat,
auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend
des Geschmeißes weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster
beschränkt und stifteten unter sich einen Verein »zur Rettung sittlich
verwahrloster Naturwesen«. Der Zweck desselben war: durch moralische
Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum
Guten alle die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beißen,
kratzen, stehlen oder sich von schmutzigen Dingen nähren, zu einem
unschädlicheren und reineren Leben anzuführen. Nach der Absicht der
Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mücke ihrem
Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf
den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich
entwöhnen.
Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen,
wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als
ich auf den Helikon kam. Ich weiß nur, daß allerhand Geziefer auch auf
diesem heiligen Berge stach, biß, kratzte, stahl und Unaussprechbares
fraß, weiß aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war.
Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin
ich geworden, von ihr will ich berichten, muß ich sogar berichten, da
sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen
Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte.
Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der
wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an
den Ort gekommen, wo der großmütige Engländer sein Pferd hatte grasen
lassen und der tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie
einen Käfer mit schwarz glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche
bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus
auffüttern, und die Deutschen Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers
aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeißfliege geheißen,
die ich, wie jenen das »Roß des Trygäos« aus Delikatesse »die blaue
Schwärmerin« nennen will.
Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um, rief einer der
Gatten, zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, laßt
uns hier helfend einschreiten, laßt uns diesen Gefallenen die rettende
Klaue reichen, entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die
Fliege von der Leidenschaft, selbst die ungeborne Zukunft ihres Stammes
einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege
zu anständigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen können!
Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloß man,
das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und
anständig werden, sie möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte
der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von
weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt), den Käfer von
seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die
sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen
wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe
ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen
und Halsrecken. Schlauer mußte man mit der Fliege zu Werke gehen, der
wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato,
einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die
zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und
zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen,
worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde. Man teilte
das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit,
welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten
Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir
Zicklein und Böcklein mußten nun den Ort, wo das Pferd des großmütigen
Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte aber
den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den
beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum
Laster zu entfernen.
In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt
jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und
Ermahnungen an das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin. Solon lag
vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines
Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt ließ; Plato stellte sich an
dem Feigenbaume auf die Hinterfüße, hielt sich mit den Vorderfüßen
am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich
verständlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die
beiden Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht fraßen, der eine die
Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgesproß, welches an der
Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs.
Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu
sättigen? sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes
ausruhte. -- Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, daß uns alle,
Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden
Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus
der Pforte, die da stets nur ausläßt und nimmer ein, zu empfangen?
Schreckliche, unbeschreibliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde
heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten,
und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestoßen, dem
gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört!
Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer?
Gelüstet dich nach dem Sproß des Grases, weshalb beißest du nicht
in Gras? Was reizt, was verführt dich, das alles erst umgestimmt,
entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses freudige Knirschen und
Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten
Portulak, in der wilden, bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee
schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir
brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter
dich erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und
Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde?
Oder sagst du: Ich bin Käfer, du bist ein Ziegengatte? Nun so blicke
auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine, rote, zirpende Schelm das
süßduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen
Flügeln und grünem Schilde im Schoße der Rose schwelgt! Denen folge,
denen schließe dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friß Lilien,
wenn du nicht Hafer, friß Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und
Sauerklee fressen willst!
Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite
versehen, und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt.
Plato, wenn er vom Feigenfraß rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des
nämlichen Inhalts an seine Schülerin. -- Auch er riet der Fliege auf
das Eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen
zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf
das Muttergefühl zu wirken und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen,
welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde, wenn sie statt
in Duft und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, lüftegewiegtem
Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder
Feigen, so lange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die
Zweige ab, so daß der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen
anfing.
Das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen
Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren
beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben
ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in
den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie
still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden
sie nun aber nicht das mindeste, als, daß der Käfer Lilien und Rosen
fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle -- Zumutungen, die Roß
und Schwärmerin außer sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste
dünkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. Seelenverkäufer!
Seelenverkäufer! brummte der Käfer. -- Warum soll denn unsereins nicht
fressen, was unsereinem schmeckt? -- Ich such', such', such' Geruch!
summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der
Sittlichkeit, daß sie ihre Besserer draußen behaglich in Laub und
Feigen knarpen hörten und daß denen die tugendhaften ermahnenden Reden
gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine
Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr
ernste Gestalt an, denn sie bekamen natürlich nicht das Allergeringste
zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung zu einem reineren
Leben jämmerlich ab. Das Trygäosroß wurde so matt, daß es kaum noch auf
den Füßen stehen konnte; die blaue Schwärmerin ließ kraftlos die Flügel
hängen.
In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte
schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor, zu heucheln,
und gaben klägliche und melancholische Töne von sich. Höre! rief Solon
dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); das
Laster schlägt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren.
-- Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil, versetzte
Plato. Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten
den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stückchen Feige, welches noch
am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber
ein Lilien- und Rosenblättchen unter den Kiesel in die Felsritze zu
bringen wußte.
Roß und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung
abscheulicher Anträge, wie sie ihnen vorkommen mußten. Die Schwärmerin
entwich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des
Astloches zurück, das Roß stieß die Blätter deren Geruch ihm den Atem
raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den
kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. -- Niederträchtiger Gestank!
brummte es. -- Sollte man's glauben, daß es Narren gibt, die an dem
greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia! --
Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp! tosete die Schwärmerin.
Aber ihre Lage war zum äußersten gediehen. Die Besserer draußen, das
begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter
Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in
die Länge zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draußen zu
täuschen. Der Käfer überwand sich und fraß unter Verwünschungen und
Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber alsobald wieder
von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuß!
Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der
Feige einigermaßen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen
der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an
dem Geräusche, welches drinnen entstanden, abgenommen, daß etwas
Entscheidendes vorgefallen sein müsse. Öffnend jetzt die beiden
Verließe, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstücklein
beschmeißt, Roß und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem Rücken
liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und
riefen: Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen
dieser sittlich Verwahrlosten gewichen, sie werden nie wieder in ihre
schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen.
Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer
Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in
den kühnsten Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein
und Böcklein zog das Getöse herbei. Die Mütter wurden mit wenigen
freudig-meckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in
Kenntnis gesetzt, sahen Roß und Schwärmerin die Füße von sich strecken
und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit
blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in
den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden Wirkens
auf. -- Laßt uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar
machen! riefen die Ziegen begeistert. Verheiraten wir sie miteinander,
und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen,
als sie am Helikon finden können!
Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage.
Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges
Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion
erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten
Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der übrigen
einhellig: Wo die Tugend zusammenführt, kommt es auf Neigung und
Fruchtbarkeit nicht an!
Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit
schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygäosroß und die blaue
Schwärmerin auf ihren Rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen
Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen
und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und
Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene
in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.
Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Roß zwischen ihre
Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie
trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die
beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder
stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden
schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir
alle, jung und alt, einen weiten Kreis um das Paar. Das in der Eile
entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge
derselben an: Strophe, Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe;
Zeremonie, Schlußgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.
Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem
Kunsthackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden
können, war zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich
gebildet hatte, schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des
Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Freßzangen
ein Weniges, verdrehte darauf die goldgelben Äuglein im Kopfe,
erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach
vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den niedrigsten
unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die
Freßzangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein
schlagend, begeistert folgende
Strophe:
Der Käfer ist ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Die Fliege hat sechs Beinichen,
Summ! Summ!
Die Fliege hat den Käfer lieb,
Der Käfer ist ein Herzensdieb,
Summ! Summ! Brumm!
Brumm! Brumm! Brumm!
Herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl! meckerten die Ziegen.
-- Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch! murmelten
die Böcke. -- Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar
und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die
Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus,
daß die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen
bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen, Feigen, Felsritzen und
Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im
zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wußten sie selbst nicht
mehr, was sie wollten -- ihre Sermone hätten gleich als Muster von
Kasualreden abgedruckt werden können.
Ich glaubte zu bemerken, daß das Brautpaar auf die Reden nicht achte,
sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung
meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt,
meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende
Gegenstrophe:
Und ist er denn ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Und hat sie denn sechs Beinichen,
Summ! Summ!
So reicht einander jetzt die Füß'
Und sei der Ehestand euch süß!
Brumm! Brumm! Summ!
Summ! Summ! Summ!
Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte und die Ziegen Sisi
und Quiqui das Paar ersuchten, einander die Füße zu geben, nahm die
Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung.
Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes
hörbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs
oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiß nicht, was dem
Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der äußersten
Linie des Kreises stand, daß das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen
trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine
konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von
weitem verführerische Botschaft zu, Roß und Schwärmerin sammelten ihre
letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten
die Flügel aus, und mit dem Gebrumm: Mist! Mist! Mist! und mit dem
Gesumm: Luder! Luder! Luder! flog der Bräutigam rechts, die Braut links
davon, ungerührt von Besserungsversuchen, Reden, Rührungen, Strophen
und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen.
Die entsetzliche Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus
Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden
Pfeile vor sich hinschoß, kann nicht größer gewesen sein, als der
Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher
ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen
machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein
großes Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste
Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander,
entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen
wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich
ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und
Böcklein folgten, so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden,
springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben,
wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der
heiteren musischen Höhe glich.
Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum
sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eignes Schicksal
machte mir bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.
[Illustration]