Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
und _kursiv_ gedruckte so.
[Illustration]
Karl Immermann
Münchhausen unter den Ziegen
Merkwürdige und boshafte Abenteuer
Münchhausen des Kindes auf
dem Helikon und in
Holland
Mit 12 farbigen Originallithographien
Buchschmuck und Einband von
~Georg Poppe~
_1920_
[Illustration]
Frankfurter Verlags-Anstalt A.-G.
Frankfurt am Main
Herausgegeben von Adam Kuckhoff
Druck des Textes: Friedrich Wagner, Duderstadt
(Hannover); der Lithographien: C. Naumanns
Druckerei, Frankfurt am Main
Mein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich
die unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu
meiner angeblichen Mutter: Desdemona, es muß geschieden sein. Ich habe
es geduldet, daß du mir täglich einige- und dreißigmal sagtest, du
seiest meine Gattin, nicht aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung für
meinen seligen Vater, den Lügner, geworden; geduldet sechzehn Jahr und
neun Monate lang, aber daß du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer
genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt
mein Gefühl allzusehr. Lebewohl, Desdemona, wir wollen einander nicht
fluchen, wir wollen einander schreiben, aber miteinander leben können
wir nicht länger.
Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch
nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger
war als mancher Dreißiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab,
während die verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das
Fortepiano setzte und: Nach so viel Leiden usw. sang.
Mein Vater stürzte die Dorfstraße hindurch, er stürzte auf die Straße
nach Braunschweig. Ich bat ihn, langsamer zu gehen, die heftige
Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe
die Nase an seinem Beine, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er
aber hörte nicht auf mich, sondern stürzte immer heftiger fort, unter
Tränen rufend: Du solltest ein Opfer jenes bösen Weibes werden, du
sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner
tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz! -- Ich
litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit
und bei den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der
Rocktasche. Damals schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, daß
die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiß ist, dem Gegenstande derselben
hundsübel machen können.
Zum Glück kam ein Postillon halben Weges mit einer leeren Extrachaise
von Braunschweig retour gefahren, den bestach mein sogenannter Vater,
der Schwager verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm
uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete
mein Vater einen Hauderer, der uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die
Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte
gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden,
in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klöße in dem Jahre nicht
geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei
Thessalonich kommt man schon in das Türkische.
Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich
hatte den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter
Beobachtung, und mußte da immer zwischen Schinken und Semmel und
Sauerbraten verächtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein
Frühstück in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur
soeben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem
Nachtquartiere: Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an, lassen
Sie mich neben Ihnen sitzen. Er aber gab mir dann jederzeit einen
väterlichen Kuß und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie
er sagte, außer der Tasche verloren gehen könne. Mein jugendlicher
Frohsinn schwand in der Tasche, ich fühlte, daß ich mich selbst mündig
sprechen müsse, und wartete auf die erste günstige Gelegenheit,
diesen Entschluß auszuführen.
[Illustration]
In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der
Hauderer erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen
Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen.
Bei Thessalonich geht, wie gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater
wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig
machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich
gehen und stehen könne. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders.
Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: Sogenannt hinzufügen,
versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren,
hauptsächlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung
für die schöne Natur beizubringen, überlegte nur nicht, daß ich in
der linken Rocktasche von der schönen Natur wenig zu sehen bekam
und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben mußte,
wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in
welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der
göttlichen Aussicht, von der blauen, duftigen Ferne und dem goldenen
Morgen- oder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung!
Ich bat ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner
Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führen --
er trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vorn -- jedoch
vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete er mich zu verlieren.
Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft die linke
Rocktasche ganz naß.
Eines Tages saß mein Vater mit dem Rücken gegen einen Oelbaum gelehnt,
sah die Sonne untergehen und war außer sich über ihren purpurnen
Widerschein im Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem
Enthusiasmus die Hände in der Tasche zu halten, so daß kein Entrinnen
gedenkbar war. Dieses Mal übermannte ihn aber seine Begeisterung, er
schlug unter Interjektionen die Hände über dem Kopfe zusammen, und
ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlüpfen: Da sah
ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft.
Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken
wollte, während mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte.
Ich war eben in der Furcht vor Schlägen auf dem Rückwege nach der
Tasche -- denn mein Vater züchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr
oft in der empfindlichsten Art -- als das Verhängnis mit mir die
wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir
die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten.
Plötzlich fühlte ich mich nämlich von einem großen, dunkeln Etwas
überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt,
fühle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe,
sehe mich pfeilschnell erfaßt, in die Lüfte geführt, wolkenhoch
emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los und rufe mir zu: Du
bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du armer, deinem Vater so sauer
gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verließest du die Tasche? --
Die Lage des Kindes war schaudervoll! Ueber mir der goldgelbe Bauch
und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und
Wolken, oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches
dem Geier seine Beute mißgönnte, tief, schwindlicht tief unten Land
und Meer wechselnd als dunkele und blanke Streifen! -- Der Geier
fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich
seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit
beständig: Pfy! Pfy! -- Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung:
O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich Pfy!
aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als
unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen
ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich
nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst
Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem
Rücken gegen den Oelbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne
sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche glaubt?
Ich war, man sieht es hieraus, über meine Jahre gereift. Der Geier
kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.
Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermeßlicher Höhe stürze ich
hinab; mir vergeht Hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung
erwache, liege ich weich gebettet, und ohne daß mich eines meiner
Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstätte um: sie ist ein
Karbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken.
Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die abgeschossene
Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt einige
Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und
schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein
Reitpferd.
+I killed the vulture+, sagte der großmütige Brite nachdenklich,
hob mich vom Karbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse
hin und fuhr gleichgültig fort: +You shall stand indebted for it all
your life, Sir. Adieu.+
Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Karbonaro malerisch um die
Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. Um Gottes Willen, Mylord,
habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem
Durst, den wilden Tieren preiszugeben? rief ich. Bei der Gnade des
Himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit. +You would
deprive me of my comfort+, versetzte der großmütige Engländer kalt
und ritt wirklich fort, so daß ich ihn bald aus dem Gesichte verloren
hatte. -- Elender, sagte ich dumpf, ist dieses die Großmut Albions?
Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind
gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als
du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt!
Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher
Knabe, verwerfe dich!
Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt.
Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier
schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm
und sagte: Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich
haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf
Hirtenknaben zu stoßen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter
Eltern. -- Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um
und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen.
[Illustration]
Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine
über der andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen! Flechten,
Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten
Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen
in leichten, dünnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer
bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl, allem Vermuten
nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier war
mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in
der peinigendsten Ungewißheit über diesen Punkt, weil ich einsah,
daß es vor allen Dingen nötig sei, mich örtlich zurecht zu finden,
um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche
einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so
kurzer Zeit über den Geier und Engländer gemacht hatte, schon jetzt wie
ein verlorenes Paradies vorkam.
Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, daß
kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken ließ. Ich wollte
anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob
ich auf dem Oeta, Parnaß, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf
aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig.
Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger
und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer
allein da droben, ich und der tote Geier, die einzigen lebenden
Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner leichten türkischen
Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen
lassen! Sie bestand in weißen Pumphöschen, in einem auf europäische
Art zugeschnittenen roten Kollett mit gelben Litzen und in dem Turban,
der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel
klirrte an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig
einen mit Kohle gezeichneten.
Um wenigstens meinen Durst zu löschen -- denn gegen den Hunger gab es
da freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen -- kroch ich zu
einer Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an
diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeeren überstanden
war. Ich ahnete, daß es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben
müsse, denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, daß
es kein gewöhnlicher Spring sein konnte. Zischend und schäumend drang
der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht, als
koche er, und einen Schritt weiter floß schon das klarste beryllgrünste
Naß ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.
Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde
mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein
Wallen, in meinen Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein Klopfen, in
meinem Haupte ein Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen
mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform
kam mir vor wie das Rote Meer, meine weißen Pumphöschen leuchteten mir
wie der Schnee der Alpen, und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte
mich wie das Schwert des Alexander. Ich öffnete die Lippen, und sie
sprachen unwillkürlich:
Gesperret lange Zeit in eine Tasche,
Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,
Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
Dem Albions Großmut drauf den Hals gebrochen,
Und als dir nun gesunken die Courage,
Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen
Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne
Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!
Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach
am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten
unwillkürlich:
Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,
Für die Kadettenanstalt des größesten Sultans
Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,
Streife das rote Kollett und die weißen batistnen
Höschen vom Leibe dir ab und glänze in reiner Klassischer Nacktheit!
Wirklich warf ich Säbel, Kollett, Turban, Pumphöschen, kurz alles und
jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von
dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in
meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:
Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
Trala!
Du findest mich ganz sicherlich
Sasa!
Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
Ein Liedchen für den Almanach!
Feinsliebchen, weißt du, was das ist?
Trala!
Ein Büchlein voll von Jesuchrist
Sasa!
Und Blümelein und O! und Ach!
Das ist der Musenalmanach!
Ich hatte rasch den Entschluß gefaßt, einen Musenalmanach zu schreiben,
ganz allein ich selbst: um mir mein Brot zu verdienen, denn -- rief ich
--
Warum denn andre brauchen und deren Instrumente?
Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.
Er bläst mit seinem Munde, dem Finger fünfe dienen,
Das Lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente,
Und streichelt mit dem Bogen, geknüpft am Ellenbogen,
Das Saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,
Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles stößet
Das Kindern klingklangwerte, das Beckeninstrumente,
Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung rühren
Das Kesselbauchbeschwerte, das Paukeninstrumente,
Von seinem Haupte aber die Glöcklein schwingend bimmelt
Das Roßschweif' nie entbehrte, das Halbmondinstrumente.
So mit Gebläs' und Streichen, mit Stoßen, Rühren, Bimmeln
Sah ich, als sein der Meister fünf da der Instrumente,
'nen einz'gen jüngst noch spielen am Markt das manigfalte
Flöt-, Geige-, Pauken- und Halbmondinstrumente.
Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse,
Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen,
Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches,
Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und
Sendeblätter, Runenstäbe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und
Blüten, Schutt -- alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll
meinen unermüdlich vom Wasser bewegten Lippen, so daß ich glaube, ich
armes, nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an jenem Abende
in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen
meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiß nicht, ob ich mich
nicht totgeschrien haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre,
hätte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des
Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen
Sauerbrunnens befreit.
Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste
eines enthaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von
allen Seiten angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt,
bestoßen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts über mir und
um mich als gelbe Augen, dürre Beine, rauche, bärtige Gesichter. Eine
Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen und übte
an mir diese etwas stürmische Bewillkommnung aus. Mein anfänglicher
Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr
bald, daß ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur
durch ihre Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über
den Fund des kleinen Lyrikers zu äußern. Das waren keine blutdürstigen
Lämmergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie
riefen alle im Chore: Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen
seine Häute, er muß eine fürchterliche Krankheit gehabt haben, wovon
sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie geschunden aus. Laßt uns
seine Wunden lecken! der Jammervolle! Ich mußte im stillen über diese
unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine Janitscharenkadettenuniform
für einen abgestreiften Balg, und meine heile, weiße Haut für
geschunden ansahen, beschloß indessen Achtung vor dieser Volksmeinung
zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit
bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt,
Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht
so eifrig an mir umher, daß ich es vor Kitzel nicht länger aushalten
konnte. Ich ergriff daher das rechte Vorderbein derjenigen Ziege,
welche mir die älteste und verständigste zu sein schien, mit meinen
kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte: Ehrwürdige
Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der
Natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht
zufolge wunden und geschundenen Haut! -- Wirklich ließen die
gutmütigen Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von
ihrer Leckkur ab.
Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit
possierlichen Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich
jetzt, entsetzt seitwärts blickend, den Müttern so innig an, wie
die jüngste der Niobiden dem Schoße, der sie doch nicht vor den
schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrien meckernd:
Der Geier! der böse Geier! und zitterten und bebten, als ob jener
tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die
Mütter bei seinem Anblicke zusammen, indessen faßten sie sich bald
und beruhigten die Zicklein mit verständigem Meckern. O, rief eine
der Ziegen, wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge
schuldig! Ohne ihn würden wir wahrscheinlich den Verlust eines von
euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lämmergeier sah aber
ihn und nahm ihn an Eurer Statt in die Lüfte! -- Hier erwachte mein
ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der
Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: Meine
Damen, Sie sind im Irrtum. Daß jener Räuber mich für einen Hirtenknaben
hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen
darf, war schon unverzeihlich von ihm, daß er mich aber gar für ein
Ziegenlamm hätte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zu viel
Verstand zu. -- Das Wundfieber phantasiert aus ihm, riefen alle Ziegen,
er weiß nicht, was er spricht. -- Meine Schwestern, hob die älteste der
Ziegen an, uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen, erfordert
unsere Ziegenpflicht, um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer
Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und
späterhin wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann!
Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein
folgend. Die Mütter stießen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte
und schrie, daß ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder
anziehen wolle, denn die klassische Nacktheit beginne mir frostig zu
werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es
für eine neue Fieberphantasie, daß ich in jene kranken Hüllen kriechen
wolle. Ich mußte mich daher fügen, klammerte mich zwischen zweien der
Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an, und konnte so
notdürftig mit der Herde mich fortbewegen.
An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische
Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer großen Felsenhöhle,
dem von der Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich
und wohnlich war die Höhle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen
Wölbung meinem frierenden Körper wohltuend entgegen, der Boden und die
Seitenwände waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich,
als wir hineingingen. Der süße aromatische Duft des Tymians, welcher
auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle, kurz, dieser
Aufenthaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man einmal
von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.
Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr
Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter und
sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen
in diesem Kreise? Traurig saß ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen,
hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige
Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses gesättigt sein möchten.
Glaubst du denn, rief die älteste der Ziegen, welche die andern Sisi
nannten, daß wir dich nicht längst auch zu unsern Nahrungsquellen
herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüßten, daß dein Wundfieber
jede Ueberladung des Magens tödlich machen kann? -- Ich bat sie bei
den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich
verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte
Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens
in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluß auslief, daß mir
ein Weniges an Milch wohl verstattet werden möge. Froh über diese
Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte,
heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich
schon wieder abgestoßen, weil ein Mehreres, wie die um mich besorgten
Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde. Ich war
daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr
geschützt.
[Illustration]
Ueber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche
ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so
liebevoll gesinnt, daß jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine
mich der andern gönnen wollte. Ich mußte voraussehen, bei diesem
Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu bleiben, rief daher:
Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen
Lyriker, laßt ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen! --
Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre
Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi,
dann die Lili, dann die Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die
Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens
gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser meckernden Grazien.
Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf Ziegen, aus
denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gespräche zufällig
erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn
ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder
aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht.
Wundert Ihr Euch, daß ich das Gemecker der Ziegen sobald verstehen
lernte? Ihr hättet Euch eher darüber verwundern sollen, daß ich den
Engländer verstehen konnte.
Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen
Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch
hätte verstatten mögen. So bist du denn, dachte ich, indem du deine
Selbständigkeit erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und
darauf nach kurzem lyrischen Taumel unter das Vieh geraten, von welchem
du nicht einmal für voll angesehen wirst ...
In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und
ihren Zicklein die Weide. Ich muß ihnen das Zeugnis erteilen, daß sich
die Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und
daß auch ihre Kinder nicht allzu arg mit mir umgingen, obschon diese
freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende
Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, zum Beispiel sich gegen
mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir stießen, und was
dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind
gebildeter Eltern nur verachten konnte. Du bist unter Ziegen, sagte
ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, vergiß das
nie kleiner Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters.
Ich fühlte, daß ich mich dem Zustande, in den mich einmal die Fänge
des Geiers und die Kugel des großmütigen Engländers geworfen hatten,
anbequemen müsse, versuchte also zuvörderst auf allen vieren zu laufen,
da ich ohnhin auf meinen beiden kleinen menschlichen Füßen noch
nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich außerdem, auf jene
bäumenden, springenden, stoßenden Scherze einzugehen, freilich nicht
ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte.
Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht
von vorgefaßten Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es
war meinen Bitten unmöglich, sie zu bewegen, daß sie mir meine
Janitscharenkadettenuniform zukommen ließen; sie blieben steif und fest
dabei, daß dieses Kollett, diese Hosen, dieser Turban Ueberbleibsel
krankhafter Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich,
so daß mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich
fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den
erkältenden Einfluß der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch
bekam ich immer nur halbe Portionen, aus Sorge um mein angebliches
Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem
war ich der Liebling der ganzen Herde und sämtliche zwölf Ziegen auf i
nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung
darüber, so viel Menschliches unter dem Volke zu finden, welches doch,
wie ich aus allen Reden und Aeußerungen, die ich hörte, abnahm, in
einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf
diesen helikonischen Höhen erwachsen war und gegen die Menschen, von
denen es nur durch Hörensagen wußte, eine so tiefe Verachtung hegte,
wie die tugendhaften Houyhnhums des Dechanten Jonathan Swift gegen die
sündlichen Yahoos.
Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel
Schönes. Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht
kennt, in unsere Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor
denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter
Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde,
die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag und schlummerte,
bald aber sich erhob und die Glieder dehnend, in den Morgenwind
hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie
herrlich glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zacken
und Klippen vor uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den
würzigen Kräutern, die ihn bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn
diese Kost genossen war, emporstrebend, die aromatische Rinde der
Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher Speise die süße
Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und labend
über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet
und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten
in weiter Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste
ihres Wesens; zu diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses
nicht, und nicht der Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem
Gestein, umsproßt von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall
der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und Thymusbüschen der
goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger
in der Nähe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriß, denn
alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche,
Bäume, welche das schäumende und doch so ruhige Naß benetzte, oder
auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer und
vornehmer da, als die Gewächse der Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre
Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die Stengel und Zweige schöne,
dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war jegliches da droben
verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart; Scheltworte, zu
denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergaß, adelten die Winde
des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot,
die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des
Pindus, Parnassus und Kithäron.
Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann aber
kamen die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche.
Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite
des Berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen
beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten
Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen
nur in dem niedern Zustande gemeiner, zahmer Ziegen die herabwürdigende
Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen
feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings
im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten,
ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen, überquellenden Lust und
dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger
unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergißt, das
heißt wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas fressen, so
schied man mit herzlichem Gruße und dem frohen, getrosten Worte:
Auf Wiedersehen! Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen,
und nun wurde noch ein leichteres Vesperfutter abgerupft. Wenn aber
die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den
klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd
heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle
und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme
auf dem samtnen Moose aus. Bald goß ein leichter, träumeloser Schlummer
seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein
Ende.
Ich sage: Wir, ich sage: Uns, ich sage: Unserem. Mit mir war nämlich
eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu
Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen
Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt
betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages
erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich
zu diesem Stoßkampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, daß
das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und
ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte,
da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern
und Knabbern von Baumrinde begeben, zuerst den heftigsten Widerwillen
gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und
gefunden, oder zu finden gewähnt, daß Gras wie grüner Kohl und Rinde
wie Krautsalat schmecke -- alles das war in mir vorgegangen, aber ich
hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht über mich nachdachte. Ein
unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir die Fackel der
Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen.
Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die
Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter
käuen wieder und unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich
schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu
nennen weiß, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch
die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes
Leben für sich anfängt. Meine Kinnbacken beginnen sich kreuz und
quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne
Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die
unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich
für immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiß nicht was
das bedeuten soll, ich befürchte einen gefährlichen Magenkrampf zu
haben, ich ächze, ich stöhne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und
fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und
Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und
wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tränen vergießend
und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: Heil dir und Segen,
herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder! -- Ihr
Götter! rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch)
was ist aus mir geworden? Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen
fortzusetzen, denn alle elf anderen Ziegen, welche den Freudenschrei
der Quiqui vernommen haben, drängen sich um mich, und sind wie außer
sich, die Lili leckt mich, die Pipi neckt mich, die Riri schmiegt
sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich küssen, die Wiwi
hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi,
Nini herzen: von dem Jubel erwachen die Zicklein und Böcklein, hören
halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun verbrauset erst der rechte
bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stößt, rennt um mich
her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt,
daß keine Phantasie, und wäre sie die kühnste und leichtfertigste,
die tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich
vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermaßen
ihre Fassung, legte, als sie durch die Gewirre zu mir dringen konnte,
ihre mütterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: Mögen dich
Pan und alle Faunen beschützen, du junger Geretteter!
Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer.
Ich aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Köpfen,
Bäuchen, die mir Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich
das meiste gewesen, denn keines der gutmütigen Tiere hatte mir wehe
getan, sie hatten sich vor jeglicher Roheit zu hüten gewußt. Nur das
Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte nicht wieder geläufig
in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die Heftigkeit der
Neigungen, die ich erdulden müssen, gehemmt worden, ich empfand einige
Störungen im Verdauungsgeschäfte.
Aber wie wenig bedeuten diese Unbequemlichkeiten gegen den
Seelenschmerz und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht
durchzudulden hatte! Ist es möglich, daß du unter Ziegen aufgehört
haben solltest, ein Mensch zu sein? sprach ich zu mir selber. -- Warum
hast du dich gehen lassen, warum deine angeborene Würde nicht im Auge
behalten, nicht treu und fest im Auge behalten die schreckliche Gefahr
herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit? Noch zitterte
in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, daß alles nur Täuschung
sein möge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewißheit
bringen mußte, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten
Schimmer der Morgenröte schlüpfte ich, während die Herde noch ruhte,
aus der Höhle, rief: Bedenke, daß du Mensch bist! und wollte aufrecht
einherschreiten, aber, o ihr Himmlischen, es ging damit nicht; ich
war genötigt, auf allen vieren zu laufen, auf allen vieren zur Quelle
Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.
Ueber ihren klaren und göttlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, daß
alle schwarzen Ahnungen recht hatten, daß das Entsetzliche geschehen
war. Ich sah aus ihrer Flut einen mit zottigem Vließ bedeckten Leib mir
abschreckend entgegenstarren, dünn und knöchern gewordene Gliedmaßen,
die, als ob sie Scham empfänden, sich in Fell hüllten, ich sah spitz
und steifgewordene Ohren und ach! jene von meinem Umgange mit der Herde
mir so bekannte Physiognomie, in welcher der Mund sich zum breiten
Maule verzogen, die Nase die lächerliche Streckung nach vorn angenommen
hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen, nach den
Seitenbeinen des Schädels auseinander gewichen waren; mit ~einem~
Worte, denn wozu so viele? im Spiegel der Poesie sah ich mich als
jungen, wenigstens werdenden Bock.
[Illustration]
Dahin also ist es gekommen! rief ich, und suchte zu verzweifeln. Bist
du darum deinem Vater so sauer geworden, darum aus seiner Tasche
gekrochen, um als Gehörnter und Beschweifter zu enden? -- Denn die
Musenquelle hatte mir außer allem, was ich beschrieben, auch an Stirn
und Rückgrat Keime gewiesen, welche mit den Jahren, wenn das Wetter
günstig war, zu Horn und Schweif erblühen konnten.
Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Stärkung, oder tat es die
Nüchternheit des Morgens? genug, ich mußte fressen, und schälte einen
der Lorbeerbäume über der Hippokrene ab. Ich suchte jetzt abermals zu
verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte, mindestens mein
Los zu bejammern. Auch das glückte nur zum Teil. Wie verstehe ich das?
fragte ich mich. Du hast deine Menschheit zum größeren Teile eingebüßt,
und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tüchtigen
Jammer zuwege bringen?
Da machte ich eine Entdeckung in meinem Inneren, die noch schlimmer
war, als die äußeren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben
hatte. Ich merkte nämlich, als ich mich scharf prüfte, daß ich den
Verlust meiner Humanität eigentlich nur der Form wegen und Ehren
halber betrauere, im Grunde aber mit dem Fell an Leib und Gliedern,
mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten Nase, den seitwärts
abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Rückgrat wohl zufrieden
sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der Verbockung
begriffen. -- O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache
ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch
zum Vorschein, wenn ihr nicht unablässig auf euch achtet.
Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als
die Ankunft der Herde mich in derselben störte. Die guten Ziegen
waren schon besorgt um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der
Hippokrene denkend und grasend fanden, die unverstellteste Freude, so
daß nicht viel an einer Wiederholung der nächtlichen Auftritte gefehlt
haben würde, wenn ich nicht Rührung und Erschütterung über mein neues
Glück vorgeschützt und sie ersucht hätte, meine durch das Wiederkäuen
etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. Ja, er bedarf der Ruhe,
riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mäuler von mir.
Der Platz an der Hippokrene wurde für heute zur Weidestelle ersehen,
und ich hörte sie lange, während sie fraßen, in erhöhter Stimmung und
in einem sogenannten schönen Stile mein Glück preisen, daß ich endlich
vernünftig und einer der Ihrigen geworden sei.
So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von
welchem ich glaubte, daß er nur meinen ehemaligen Kameraden, den
Menschen, angehöre! dachte ich bei diesen Gesprächen. -- Erst wenn
sie jemand zu sich heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart
vernichtet haben, glauben sie, daß er vernünftig geworden sei, und
einer der Ihrigen zu heißen verdiene. So zerklopft der Wegewärter an
der Chaussee die großen Steine und pflastert dann mit den kleinen
Bröckelchen die gemeine Heerstraße des täglichen Verkehrs zu Fuß, zu
Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel ....
Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edeln Ziegen
am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder;
natürlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte für sie außerdem
das besondere Interesse, daß noch einige Reste der Menschheit in mir
staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen berufen
schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhörlich
an mir, das heißt sie leckten und putzten mich beständig, um den
vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu putzen, und jedes
Fünkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich mußte mir das
gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen
Mensch zu bleiben, der möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites
Metier von großem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch
nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische
Meckern. Ich muß hier einschalten, daß ich mich deshalb so rasch mit
meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine erste
Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war,
und ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur
bekannte Töne im Gespräch mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen,
wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es
mochte wohl noch in etwas den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege
Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den
Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, daß das Ziegen-Idiom
einen großen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für unklare
Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein dürfte,
um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln.
Tage kamen und Tage gingen, und daraus wurden Wochen, und aus den
Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne daß unser idyllisches Leben
auf dem Helikon irgend eine bedeutende Störung erlitten hätte, außer
daß wir Zicklein mitunter von den Müttern zu sehr allein gelassen
wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei junge Böcke einbüßten,
welche, den ersten ein Steinadler, den anderen ein Goldadler auffraß.
Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten schmerzlich berührt, obschon
die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche Entbindungen für den Ersatz
sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbuße der
beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken.
Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein gutes
Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füße
verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen
waren, wo denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, daß sie ihre
Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende
diese Sitzungen stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen,
es seien die Sitzungen des Wohltätigkeitsvereins. Freilich blieb ich
durch solche Antworten so klug als vorher; ich schärfte indessen das
Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den
Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten
an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der
helikonischen Ziegenherde.
Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen
Verein »zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen« gestiftet.
Dieser Verein war aus den Trümmern eines früheren, untergegangenen,
entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte.
Ein reisender Waldesel war nämlich einstmals über den Helikon gekommen,
hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen
Gespinste der Tibetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die
herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende
Esel hatte weder Tibetziegen noch Kaschmierschals selbst gesehen,
sondern im Walde einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar
mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein
genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehört haben
wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzündete aber
die Phantasie der Mütter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale
einer tibetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte
in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten ihnen
seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im
höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis
zur Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was
schönen Seelen ihr Gemüt ist.
Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das
Werk gerichtet werden, daß sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten
abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten
nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der
Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend
gemacht hatten, so mußten sich die hochherzigen Ziegen entschließen,
dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie
es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder
darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden.