schenken, Abschied von ihm und schlüpfte ins Haus. Sie sprach Marie von
Kopfschmerz, ließ das Essen unberührt und begab sich zur Ruhe, schlief
aber nicht, bis die Vögel den Tag ansangen. In ihr wütete die Empörung
über Ulrich. Während ihrer Jugend hatte der Vater nur einmal ein
Uneheliches zu taufen gehabt, und das kam von einem Landstreicher, der
im Feld über eine Blödsinnige hergefallen war. Seither hatte sich ihr
die Vorstellung eines unehelichen Kindes stets mit etwas Tierischem und
Gräßlichem verbunden, mit einer gottlosen Gemeinheit, die abgrundtief
unter der Würde eines anständigen Menschen lag. Diese Gemeinheit hatte
also Uli begangen. Da hatte er allerdings Ursache zu schreiben, daß
er schlimmer in die Disteln und Dornen gefallen sei als in seiner
Jugendzeit! Da verstand sie es, daß er verschollen sein wollte und den
Seinen auch nicht mehr mit einem Brief unter die Augen zu treten wagte.
Mitten in der Nacht begann sie wieder herzzerbrechend zu weinen, es
waren aber keine Tränen um Ulrich, sondern einfach das jugendheiße Weh
über die Schlechtigkeit der Welt, das Aufschluchzen der erkennenden
Seele, wie traurig es um die Menschen bestellt ist. Recht hatte
Pfarrer Wildholz mit seinem: »Wachet und betet -- der Böse geht um!«
Stundenlang überließ sich Nick ihrer Schwermut. Als sie am Morgen in
die Stadt hinunterstieg, kam ihr aber der sonderbare Gedanke: Obwohl
ich erwachsen bin und vor den Kampf ums Brot gestellt, weiß ich
vielleicht doch vom Leben noch nicht genug, um seine Erscheinungen
richtig und gerecht zu beurteilen.
Schon an einem der nächsten Abende wurde sie von Jaberg wieder an
der Ladentür erwartet. In seiner brüderlichen Art sagte er: »Monika,
ich habe einen kleinen Eingriff in Ihr Leben versucht. Die Pension
Bretscher, in der ich wohne, gehört unbedingt zu den feinsten der
Stadt. Sie wird von der Witwe eines Professors des Hebräischen
geführt. Und wir Studenten alle verehren in der Frau Professor unsere
hochgebildete mütterliche Freundin. Sie liebt uns als ihre Söhne, und
ich besonders habe bei ihr einen Stein im Brett. Nun will das Fräulein,
das ihr bisher als Stütze gedient hat, wegen ihrer angegriffenen
Gesundheit von der Stelle ausscheiden, und da habe ich mir gestattet,
Sie der Frau Professor als Nachfolgerin in Vorschlag zu bringen.«
Nick war aufs höchste überrascht. »Darum also!« rief sie. »Die Dame war
heute im Laden und hat sich von mir bedienen lassen. Silberweißes Haar
mit Locken, etwas hageres Gesicht, aber gerötete Wangen, vor Jahren
gewiß eine Schönheit!«
»Und Sie haben ihr vorzüglich gefallen,« versetzte Jaberg, »sie wird
sich mit Ihnen in Verbindung setzen.« -- »Und was für ein Gedanke hat
Sie bei Ihrer Anregung geleitet?« -- »Lauter gute Wünsche für Sie,« gab
er zurück. »Ich kann mich nicht damit abfinden, Sie in einer Stellung
zu sehen, in der Sie alle Welt bedienen müssen. Und Ihr weiter,
einsamer Heimweg! Ich weiß zwar wohl, daß man in der Schweiz über diese
Dinge freier als bei uns denkt. Nun sind aber meine Ansichten deutsch,
ich fasse es zum Beispiel nicht, wenn ich mir bei einer Einkehr von
einem Mädchen einen Wein vorsetzen lasse und man erzählt mir, sie sei
die Tochter eines Gemeindepräsidenten oder reichen Müllers und bloß im
Wirtschaftsgewerbe tätig, um etwas Schliff zu erlangen. Das gibt es bei
uns nicht. Nach unserer Meinung gehört ein junges Mädchen in den Schutz
eines Privathauses und einer mütterlichen, lebenserfahrenen Frau.«
Die Wangen Nicks röteten sich. Was Jaberg sprach, ging an ihren
Stolz. »Ich habe mein Leben stets der guten Sitte angemessen geführt,«
erwiderte sie mit verhaltener Heftigkeit. »In meinen bisherigen
Stellungen --«
»Nein, jetzt keine Verteidigungsrede!« unterbrach er sie ungezwungen
lachend. »In meinem Innern sind Sie besser verteidigt, als Sie es
jemals selber könnten. Ich streite mit Ihnen auch nicht, ob nun Sie
Schweizer oder wir Deutsche mit den Ansichten über junge Mädchen im
Recht sind, -- ich weiß vom Leben genug, um sowohl mit Pharisäern
als Zöllnern verträglich zu sein. Für Sie erscheinen mir nur die
besten Verhältnisse gut genug. Diese bietet Ihnen unsere Pension.
Wir sind fünfzehn junge Herren, elf Schweizer, vier Deutsche, gerade
Ihre Landsleute aus angesehenen Familien. Die Gesellschaft zerfällt
in Gruppen von Freunden, die Gruppen selber aber sind sich wieder
freundschaftlich verbunden, und über der gesamten Schar schwebt der
gute Geist der Frau Professor. Was kann es nun für Sie Reizenderes
geben, als unter der Führung der feinen Frau für die jungen, angeregten
Leute zu sorgen und als gleichberechtigtes Glied mitten darin zu sein?
Es wird viel Gehaltvolles gesprochen, im Sommer gibt es gemeinsame
Ausflüge, im Winter ziehen wir gebildete Nachbartöchter bei und tanzen.
Daß Sie sich zur Geltung bringen werden, dafür ist durch Ihre eigene
Art gesorgt, dafür werde aber auch ich einstehen. Denn ein kleiner
Eigennutz war dabei, als ich Sie Frau Bretscher vorschlug. Ich möchte
in der Gesellschaft gern Ihr erster Freund sein und auf dieses Recht
erst verzichten, wenn ich sehe, daß Sie mit einem der Herren eine
hoffnungsreichere Freundschaft eingingen, die Ihnen eine schöne Zukunft
gestaltete. Dann würde sich niemand mehr freuen als ich!«
Nun mußte Nick den Plan Jabergs ernst nehmen, aber sie wandte doch ein,
daß sie der Stellung nicht gewachsen zu sein fürchte.
Er lachte sie aus: »Seit wann sind Sie kleinmütig! Es gibt doch ein
Lernen und Sicheinleben. Die Hauptsache ist, daß Sie der Frau Professor
gefallen haben!«
Sie gingen ein paar Schritte schweigend. Da fragte Nick unvermittelt:
»Jaberg, warum leben Sie denn nicht in München neben Ihrer Braut? Sie
wollten mir einmal die Geschichte Ihrer Verlobung erzählen!«
»Wenn Sie es wünschen -- nun gut,« erwiderte er. »Sie heißt Konstanze
von Lipönen und wuchs auf dem Rittergut Mecklenhof bei Lübeck auf, wo
ich von Jugend an meine Ferien verbrachte. Sie ist eine Verwandte von
mir, und unsere Verlobung ist ein ebenso verrücktes Schicksalstück, wie
daß der brave Ulrich Junghans einer Löwenbändigerin ins Garn gegangen
ist. Ja vielleicht noch verrückter, denn Ulrich besaß wenigstens die
Nerven, seine Lilith auszuhalten, ich aber nicht, um meine Konstanze zu
ertragen. Also ist mein Fall schwerer als der seine!«
»Wie, hieß das Weib, mit dem Uli ging, Lilith?« fragte sie.
»Nein! Ich nenne sie nur so nach einer morgenländischen Sage, die
erzählt, daß Adam schon eine Frau gehabt habe, ehe ihm Gott die Eva zur
Gefährtin gab. Jene hieß Lilith, was bedeutet: die Unholde; denn sie
war von den Tieren geboren, und unter den Zaubermitteln, durch die sie
ihn beherrschte, besaß sie den bösen Blick. Wie die Lilith roh und doch
bestrickend, mit Augen, die wundersüß träumen und plötzlich blutgierig
aufblitzen können, so denke ich mir die Tierbändigerin, in deren Netze
Ulrich fiel. Nicht er hat das Weib gesucht, sondern sie ihn, und hat
sich seiner erst bemächtigen können, als sie Verbrecherin an seinem
Bruder und Ulrich durch ihre Schuld ein todkranker Mann geworden war.
Nie habe ich so tief in den Abgrund Weib geblickt wie an jenem Abend im
Rathauskeller in Lübeck, da mir Ulrich seine Erlebnisse mit der Ungarin
erzählte. Aber er wurde mir dabei wieder so lieb, wie er mir als Junge
auf der Schulbank gewesen war.«
»Mir scheint, die Männer verzeihen einander schlechte Abenteuer leicht.«
»Weil Ulrich so furchtbar um sein Kind gelitten hat, halte ich ihn
sogar für einen der besten Menschen, die mir je vor die Augen getreten
sind.«
»Es war doch seine selbstverständliche Pflicht, sich des Kindes
anzunehmen!« rief Nick mit blitzenden Augen.
»Selbstverständlich?« lachte er. »Wie weltunerfahren sind Sie noch,
Monika! Ulrich ist, wie er an seinem Kinde gehandelt hat, verglichen
mit hundert anderen, ein Edelmann.«
»O, ich bin froh, daß ich jetzt die Wahrheit über ihn weiß,« entgegnete
sie schmerzlich, »daß ich an ihn nur mehr wie an einen Gestorbenen
denken darf. Am liebsten würde ich auch seinen Namen nicht mehr hören.
Vielleicht weil ich ein Weib bin, kann ich über ihn nicht so großzügig
urteilen wie Sie. Wenn ich ehrlich sprechen soll, habe ich für die
wüste Geschichte doch nichts weiter als Abscheu.«
»Sie sind vierundzwanzig,« versetzte Jaberg kühl. »Da liebt man noch
die sittliche Entrüstung. Sie steht Ihnen wunderbar. Aber wenn Sie
die Geschichte meiner Verlobung hören, die ich Ihnen leider diesen
Abend nicht mehr erzählen kann, so ist sie ein ähnliches Beispiel
menschlichen Irrtums wie die Ulrichs. Wir sind Sünder samt und sonders.
Ich begreife wohl, daß Sie jetzt den Jugendtraum mit ihm nicht
fortsetzen mögen, aber das Leben führt wohl auch Sie noch zu einem
milderen Urteil, -- vielleicht lernen Sie ihn sogar wieder lieben!«
»Nie -- nie!« wollte sie rufen, aber der treuherzige Blick, mit dem
Jaberg ihr die Hand drückte, ließ sie verstummen.
»Genug für heute!« schloß er, da sie gerade vor der Wohnung Nicks am
Zürichberg angelangt waren. »Schlafen Sie wohl und überlegen Sie meinen
Vorschlag. Aber nicht zu lange, wenn ich bitten darf, denn warten kann
die Frau Professor nicht!«
Und damit trennten sie sich. --
Einen ganzen Berg Gedanken hatte Nick jetzt still für sich zu
bewältigen. Am meisten beschäftigten sie Jabergs Aussprüche über
Ulrich. Sie dachte mit heißem Verdruß an den Ungetreuen, aus dem
Hintergrund ihrer Gedanken trat aber immer deutlicher auch die Frage,
ob es ihm ebenso ergangen wäre, wenn sie ihn mit ihrem Jawort aus
der Heimat hätte ziehen lassen. Ein Gefühl der Mitschuld an seinem
Niedergange stieg in ihrem Innern auf. Aber der freimütige Brief, den
sie ihm nach Mainz schrieb, hatte ihn ja auch nicht zur Besinnung
gebracht! Und der Gedanke Jabergs, ihre Liebe könnte sich später doch
wieder Uli zuwenden, sie die Nachfolgerin einer Tierbändigerin werden,
erschien ihr völlig unfaßbar. Nein, für sie gab es nichts, als Uli
vergessen -- vergessen!
Wegen ihrer Übersiedelung in die Pension Bretscher beriet sie sich mit
Frau Marie Keller, die ihr freundschaftlich zuriet, obwohl es ihr leid
war, die Hausgenossin zu verlieren, mit der sie sich immer traulicher
verbunden gefühlt hatte. Nur war zwischen Nick und ihr in der ganzen
Zeit ihres Zusammenwohnens nie mehr der Name Ulrich gefallen. Die
Ausziehende trug das Geheimnis mit sich fort, daß sie von ihm mehr als
die Schwester wußte.
23
Nun waltete Nick in dem hübsch eingerichteten Studentenheim im
Universitätsviertel. Die Anforderungen, welche die neue Pflicht an sie
stellte, waren groß, das Sicheinleben nicht leicht, aber ihr rascher
Blick für das Notwendige, ihr guter Wille fanden Anerkennung, und
sie fühlte sich in der neuen Umgebung beglückt. Jaberg hatte kein
Wort zu viel gesagt. Wie wesensverschieden die Männer waren, die hier
aus und ein gingen, -- die feine Mütterlichkeit der Frau Professor
glich alle Gegensätze aus, und der Ton der jungen Leute unter sich
war vortrefflich: höflich, lebhaft, froh, bisweilen von strahlender
Fröhlichkeit. Nick stellte sich unparteiisch mit allen gut und freute
sich, Zeugin der anregenden Tischgespräche sein zu dürfen, die sich
über alle Gebiete menschlichen Wissens ausdehnten, über Kunst,
Literatur und Naturkundliches wie über Fragen des akademischen und
öffentlichen Lebens.
Gerold von Jaberg war einer der stillsten im Kreis. Dem Manne, der
gern und herzlich unter vier Augen sprach, lag die gesellschaftliche
Unterhaltung weniger gut, aber wenn sich die andern mit der Frage an
ihn wandten: »Was sagen Sie als Mediziner zu der Sache?« gab er ihnen
seinen runden Bescheid. Schweigend anerkannten sie sein gediegenes
Wesen. Und Nick lauschte wissensbegierig auf alle; sie lebte in einer
Welt, die ihrem innersten Wesen entsprach.
Die Art, wie Jaberg sich ihr gegenüber gab: ein bißchen als der
Erfahrenere, der Überlegene, doch offen und wahrhaftig, gefiel ihr.
Dadurch, daß er verlobt war, waren ihrer Freundschaft von vornherein
Grenzen gezogen. So fand auch Frau Professor Bretscher um so weniger
dabei, als sie den untadeligen Charakter Jabergs kannte, und gönnte ihm
die unschuldige Freundschaft mit dem Hausfräulein schon deswegen, weil
er sich, wie der feine Leidenszug in seinem Gesichte verriet, in vielen
Lebensgenüssen Schonung auferlegen mußte.
Hie und da fragte er Nick: »Kommen Sie auch genügend an die frische
Luft?« und wandte sich an Frau Professor Bretscher: »Leihen Sie mir
Fräulein Tappoli zu einem Lauf, nur für eine Viertelstunde!« Auch zu
größeren Unternehmungen zog er sie bei, fast immer in Gesellschaft
der anderen Studierenden. Oft ging's nach dem Abendbrot noch mit
Nachbarstöchtern zu einer Mondscheinfahrt auf den See, einmal durch
die Nacht zum Sonnenaufgang auf den Ütliberg, und bald war es zur
Regel geworden, daß die Pensionäre den Sonntag auswärts verbrachten.
In Gruppen zogen sie oft schon am Samstagnachmittag in die Berge,
manchmal gab's in den Gasthöfen vor dem Schlaf ein Tänzchen, hie und da
übernachtete man im Heu einer Sennhütte, erreichte am andern Tag ein
schönes Ziel, kam am Abend todmüde nach Hause, und die gesamte Woche
war's einem leicht und wohl.
Überall stand Nick unter dem ritterlichen Schutze Jabergs, und das
geschwisterliche Verhältnis mit ihm wurde ihr eine Quelle reiner
Freuden. Sie mußte oft an sich halten, daß sie ihre Lebenslust nicht
wie ein Singvogel durchs Haus jubelte; auf den Alpmatten und den
Gipfeln aber ließ sie ihrer Liederfreude freien Lauf und war schon
wegen ihrer glockenhellen Stimme, welche die andern sicher zu führen
vermochte, ein geschätztes Mitglied der Gesellschaft.
Es war im Hochsommer. Da standen sie ihrer vier Paare auf dem schmalen
Gipfel des Großen Mythen und schauten in den Morgenstern, der in
strahlendem Glanze über dem fernen Säntis aufgegangen war. Der Himmel
wölbte sich hoch und hell, ein paar Wölkchen spiegelten sich wie
rosenrote schwimmende Inseln in den noch blaudunkeln Seen. Die Spitzen
der Berner Oberländer Berge begannen im ersten Sonnenstrahl zu glühen,
die übrigen Höhen aber ruhten noch wie weiße schlafende Seelen. In den
Tälern regte sich nah und fern verlorenes Morgenläuten. Die wunderbare
Stimmung überwältigte Nick. Unvermittelt ergriff sie die Hand Jabergs
und flüsterte ihm zu: »Ich muß Ihnen doch noch einmal danken, daß Sie
mich in Ihren Kreis gezogen haben. Wie könnte ich so Schönes erleben
ohne Sie?« Und in hellem Jubel rief sie in den strahlenden Morgen
hinaus: »Gott, wie hast du die Welt herrlich geschaffen -- die Welt und
das Leben!«
Er sah sie glücklich an. »Ich wußte, daß es Ihnen bei uns wohl sein
würde, und den Vorteil haben auch wir. Der Aufenthalt in der Pension
ist jetzt noch angenehmer als früher, für mich namentlich.« Wie ein
Knabe lächelte er in sich hinein, und es herrschte zwischen ihnen ein
Einverständnis wie wunschlose Liebe.
Wenige Tage nach dem schönen Ausflug aber merkten Nick und die Frau
Professor, daß er Sorgen habe. Der leidende Zug in seinem Gesicht
vertiefte sich, und er war wortkarg. Mütterlich wandte sich Frau
Bretscher an Nick: »Ich gebe Ihnen von vier Uhr an frei. Gehen Sie
mit dem armen Jungen spazieren! Vielleicht schüttet er Ihnen seine
Schmerzen aus, und es wird ihm besser!« Schon die Vorfreude des
gemeinsamen Wanderns gab ihm neuen Glanz in die Augen.
Nick benutzte den Weg, um nach Marie und dem Neugeborenen zu blicken.
Da sagte die junge Frau verwundert: »Du wirst ja von einem Tag zum
andern schöner!« »Es geht mir auch gut,« lachte Nick, erzählte eine
Weile, sprang dann aber auf: »Entschuldige die Kürze meines Besuchs,
ich gehe mit Jaberg nach dem Forsthaus Adlisberg.«
Droben im Walde legte er ihr frei, was ihn bedrückte: »Ich habe einen
Brief von meiner Braut erhalten. Konstanze will es erzwingen, daß ich
meine Studien wieder nach München verlege. Folge ich ihrem Rufe nicht,
droht sie, dauernd zu mir nach Zürich zu kommen. Das eine wie das
andere aber wäre mir ein Leid.«
»Wie sonderbar!« stieß Nick hervor.
»Darf ich Ihnen jetzt unsere Geschichte erzählen,« fuhr er fort, »die
Tragödie einer schlecht belohnten Rettung? -- Da muß ich Sie wieder
hinaufführen auf jenes Rittergut Mecklenhof, von dem ich Ihnen bereits
gesprochen habe. Uralt liegt es da, Herrenhaus, Ställe, Scheunen,
einer Klosteranlage ähnlich ins Viereck gebaut, über dem starken Tor
eine rostige Wetterfahne, am Turm der efeuumrankten Kapelle eine alte
Uhr, die meines Erinnerns nie gegangen ist. Über die ungleich hohen und
schwer bemoosten Hohlziegeldächer ragt, ein neueres Werk, ein leichter
eiserner Turm. An seiner hohen Spitze klappert ein Windrad wie ein
zierliches Gebilde der Luft und pumpt das Wasser für das Gehöft hinauf
in einen Behälter. In der Ferne drehen ein paar Windmühlen langsam
ihre Flügel, und bei hellem Wetter sieht man die Türme von Lübeck. Das
Reizendste aber: durch die hohen Kornfelder, die im Winde wogen, ziehen
die weißen Segel auf Wasserläufen, die dem Auge verborgen bleiben,
zumal wenn das Korn reif ist -- ein entzückendes Bild. Nun noch die
grünen Wälle, mit denen die Buchenforste in die Landschaft schneiden,
und die weißstämmigen Birken, die vereinzelt oder in Gehölzen beisammen
ihre Äste und Zweige in geheimnisvolle Moortümpel senken. Alles
durchblüht von roter Heide. -- Da habe ich mit Konstanze von Lipönen
Jahr um Jahr die Ferien verlebt.
»Als Kind ein Wildfang, wuchs sie sich zu einem bildschönen Mädchen
aus: biegsame Gestalt, weißes Gesicht, Auge und Mund wie das Märchen,
dazu reiches aschblondes Haar, das sich, wenn es niederfiel, bis
unter die Knie in Locken ringelte. Stets war auch etwas Rotes an ihr,
entweder in Haar oder Kleid: Heide, Mohn, Rosen, je röter desto lieber.
Bei dem herrlichen Geschöpf brachen auch eine glühende Phantasie, eine
reine, kräftige Singstimme und ein unverkennbares dramatisches Talent
durch. Das war die Wendung ins Unglück. Niemand in der großen Familie
wollte sie verstehen, besonders nicht mein Onkel, ihr Vormund, ein
straffer Gutsherr, dem es als das schönste Lied erscheint, wenn auf
dem Hof recht viele Pferde wiehern, Kühe brüllen, Schweine grunzen und
Gänse schnattern oder draußen in den Brüchen ein brünstiger Hirsch
schreit. ›Ihr sollen die Mücken ausgetrieben werden!‹ sagte er.
›Arbeiten soll sie!‹ Sie wurde der festknochigen derben Wirtschafterin
beigegeben und stand nun vom Morgen zum Abend bei den Milchtöpfen, bei
Eiern und Kuchen, Gänserupfen und Wurstmachen. Stets aber wieder stach
sie der Teufel, sie trat unter die Knechte und Mägde der Leutestube,
spielte die wahrsagende Zigeunerin, daß sich die einen krumm lachten
und die andern zusammenschauderten, oder verkroch sich in die Ställe
und auf die Böden, sang und blieb der Arbeit fern. Nun wußte mein
Onkel, daß die größte Strafe für sie der sonntägliche Kirchenbesuch und
das Vorsprechen auf andern Gütern war. Die Tanten und Muhmen schleppten
sie überallhin mit, wo es recht sittlich, fromm und langweilig zuging.
Doch siehe da! Die junge Dame streckte eines Tages dem Pastor die Zunge
heraus, und wenn die Damen mitten im Klatschen waren, rief sie: ›Ich
kenne auch eine Geschichte!‹ Boshaft die Anwesenden mit den Abwesenden
verwechselnd, erzählte sie aus den Liebschaften eines Rittmeisters, daß
eine von ihnen ohnmächtig zusammensank. Nichts war ihr heilig. Als eine
alte Superintendentin erbaulichen Zirkel hielt, brach sie plötzlich
mit einem Volkslied aus der Lüneburger Heide los, das sonst nur die
Männer in den Mund nehmen, und auch die nicht vor Damen. ›Woher dieses
gräßliche Lied?‹ fragte die Tante entsetzt. ›Vom Schweinemeister,‹
lachte Konstanze. So machte sie sich gesellschaftlich unmöglich.
»Im Zorn ließ sich der Onkel beigehn, das doch schon große Mädchen zu
züchtigen. Von da an verübte sie Streich über Streich, lief heimlich
vom Gut fort und kehrte manchmal auch nachts nicht heim. Einmal sogar
drei Nächte lang. Nur den Jagdhunden war es zu danken, daß man sie
überhaupt wiederfand, draußen in einem seit mehr als hundert Jahren
angebauten Torfmoor, in einer Gegend mit tiefen Wasserstellen und
trügerischen, schwankenden Brücken aus Binsen, auf die sich nicht
einmal der Jäger hingetraut. Ein Leiternwerk mußte über den Sumpf
gebaut werden, um die Halbverhungerte zu holen. Sie geriet nun in
den Verdacht, nach Selbstmord zu trachten, und in der Tat hat sie
noch oft mit dem Leben gespielt. Ich sah selber, wie sie bei einem
rasenden Sturm die dünnen, außerhalb des Gerüstes angebrachten Sprossen
des Wasserturms bis zum Windrad hinaufstieg, wie die lange, schmale
Spitze sich unter dem Druck des Sturmes und der menschlichen Last weit
seitwärts bog, als müsse sie brechen. Da sang sie in den Lüften Lied
um Lied! Der Hof lief zusammen, es war aber eine Unmöglichkeit, sie
herunterzuholen, man mußte warten, bis sie freiwillig wieder zur Erde
stieg. Die Frauen fielen vor Schrecken in Krämpfe, der Onkel wurde vor
Furcht, daß sie plötzlich zerschmettert zu seinen Füßen liege, krank.
Als er sich wieder erhob, waren er und alle Angehörigen einig, daß
Konstanze mit Irrsinnsanlagen behaftet sei, und man sprach davon, ihr
eine Wärterin zu geben.
»Nur ich erhob dagegen Einwände. ›Woran Konstanze leidet, das ist
einfach ihre ungesättigte und unterdrückte Einbildungskraft, der Hunger
nach Welt. Laßt sie einmal ein Jahr reisen! Wenn ihr es nicht selber
mit ihr tun wollt, sorgt ihr für einen passenden Anschluß. Hilft das
nicht, so steckt sie in Gottesnamen in eine Musikschule, damit sie sich
die Brust aussingen kann, und laßt sie zur Bühne gehn. Das Theater ist
für die Familie so ehrenvoll wie das Irrenhaus!‹
»Der Mecklenhof bekreuzte sich vor meinem wohlgemeinten Rat. Konstanze
aber merkte, daß ich sie mit andern Augen betrachtete als die übrigen.
Sie lachte oft: ›Du bist der einzige gescheite Mensch auf dem Gut.‹ Sie
wurde mir sehr zugetan, ohne daß eine Liebschaft zwischen uns entstand.
»Die Wärterin aber kam, ein kräftiges, willensstarkes Weib, mit dem
Gesicht einer Schleiereule und der Neigung für Rheinwein, ein Geschöpf,
das den entwickelten Schönheitssinn Konstanzes empfindlich verletzte.
»Was tat diese? -- Sie legte sich ins Bett, das Gesicht gegen die
Wand, stand Tage, Wochen nicht wieder auf, klagte, wenn man sie dazu
zwingen wollte, über Schmerzen in den Gliedern, gab vor, daß sie nicht
gehen und nicht stehen könne, und ihr Gesicht, namentlich auch ihre
Hände wurden so blaß und kraftlos wie die einer wirklich Kranken.
Ärzte kamen, ein Halbjahr verging, irgend etwas mußte geschehen. Der
Onkel tat das Törichteste, was er tun konnte, er steckte sie mit der
Wärterin in eine Privatheilanstalt. Der Arzt des Unternehmens war für
jeden Leidenden und jeden Tag mit einem Sonderbetrag bedacht, fand also
seinen Vorteil dabei, wenn er die Kranken nicht gesund werden ließ,
und dieses Schicksal drohte auch Konstanze. Sie merkte es, und als ich
sie im letzten Sommer besuchte, bat sie mich auf den Knien, für ihre
Befreiung zu sorgen. ›Oder dann laß mir wenigstens das Taschenmesser
da, damit ich die Wärterin umbringe, die ich hasse wie den Tod!‹ Ich
erkannte leicht, daß die Zeugnisse des Arztes, welche die geistigen
Störungen Konstanzes beweisen sollten, haltlos waren. Als der Onkel
gegen meine Vorstellungen taub blieb, beschloß ich ihre Entführung aus
dem für sie unerträglichen Haus. Die Geschichte verlief sehr einfach
und am hohen, hellen Nachmittag. Ich schmuggelte etliche Flaschen
Rheinwein in ihr Zimmer, kneipte mit der Wärterin und warf ihr ein
Pulver ins Glas. Eine halbe Stunde später duselte sie ein. Der Gärtner,
den ich mit einer Banknote bestochen hatte, rückte eine Leiter, auf
der er die Schlingrosen an der Hauswand säuberte, ans Fenster und ging
mit seinen Gesellen wie sonst zu Bier und Rettich. Der Augenblick der
Flucht war da. Nachdem Konstanze der schnarchenden Wärterin übermütig
mit Kohle einen Schnurrbart ins Gesicht gezeichnet hatte, gewannen wir
über die Leiter hinab das Freie, im Schutz überhängender Bäume das
an einem Wasserlauf bereitgestellte Boot und überwanden das letzte
Hindernis, den Staketenhag, der um das Gebiet der Anstalt lief. Kein
Ruf, kein Hundegebell, nicht die Spur einer Verfolgung! Wir erreichten
ein Städtchen. Jeden Augenblick einer polizeilichen Einmischung
gewärtig, erwarteten wir den Schnellzug, der uns nach München brachte.«
»Und Sie waren der Entführung fähig, Jaberg!« rief Nick in höchster
Überraschung.