Unterdessen war die Antwort von Szedesky eingegangen. »Herzbruder!«

begann der Brief. In schlechtem Deutsch enthielt er ein freudiges

Willkommen für Ulrich wie für sein Kind. »Ich habe die Liebe meiner

Jugend zum Weib genommen, und sie hat mir ein Söhnchen geschenkt.

Warum soll sie nicht gleich zwei Jungen Mutter sein? Und du bist

ihr nicht fremd. Oft habe ich zu ihr gesagt: Teufel, wo ist mein

Freund geblieben? Ich wußte fast sicher: in den Krallen der Barensky,

Tigertier verfluchtes! Ich habe geseufzt: Armer Ulrich! und den Abend

in Frankfurt in die Hölle gewünscht. Aber gottlob, das wilde Weib ist

jetzt tot. Grüß Gott, Ulrich, im schönen Ungarland!«

Junghans leuchteten die Augen über den Zeilen. Was ist es Herrliches um

echte Männerfreundschaft!

Auch die Jabergs kamen ihm noch zustatten. Bei einem Besuch, den er

auf dem Gut Mecklenhof machte, berieten sie, wie die weite Reise mit

dem Kleinen am leichtesten einzurichten sein möge. »Wir haben hier auf

dem Gehöft eine junge Knechtsfrau, Polin, die vor ein paar Monaten ein

Kind geboren hat. Ich glaube, sie würde sich vortrefflich als Wärterin

während der Eisenbahnfahrt eignen. Nur müßtest du ihr wieder für die

Rückfahrt sorgen.« »Was tut's!« erwiderte Uli. »Ich habe in Berlin

sparsame Monate gehabt.« Nach einigen Bedenken ließ sich das Weib

gewinnen.

Ein paar Tage nach Neujahr hatte Ulrich auch seine Geschäfte in Berlin

geordnet, und es kam die Abreise zudritt von Lübeck. Auf dem Bahnsteige

standen zum Abschied Gerold Jaberg und Traugott Meister und schüttelten

ihm die Hand. Sie gingen gemeinsam in die Stadt zurück. »Junghans ist

einer der edelsten Menschen, die mir je begegnet sind,« plauderte

Meister. »Unter uns Männern fast ein weißer Rabe,« erwiderte Jaberg.

»Wie selten sorgt sich einer um sein uneheliches Kind!«

Ulrich aber fuhr mit seiner nicht alltäglichen Begleitung bald in

guten, bald in schlechten Zügen dahin. Das Kind saß zufrieden auf

dem Schoß der kleinen, dicken Wärterin und wollte ihr stets in die

schwarzen Kirschenaugen greifen, als wären sie Spielzeug. Er aber

dachte: Eine Mutter sollte der Uli doch wieder haben! Seine Gedanken

kreisten um die ferne Nick. Plötzlich aber schüttelte er den Kopf so

heftig, daß die Polin ihn verwundert anblickte. Wie durfte er sich in

seinen Sinnen noch an Nick heranwagen? Wenn sie um seinen Buben wüßte,

hätte sie für ihn ja doch nur das Herz voll kalter Verachtung. Er hatte

erlebt, was kein Weib verzeiht. Und ihm war, durch das Rollen des Zuges

gehe eine wehmütige Melodie von verscherzter Liebe. Ein Blick aber in

die leuchtenden Kinderaugen -- und das Herz schlug ihm höher. Sein

Leben hatte nun doch einen großen Zweck!

21

Nick verkaufte Schreibwaren und empfand es als besonderen Reiz ihrer

Stellung, daß viel frohe Jugend in den Laden kam. Was waren die Mädchen

glücklich, die mit ihren sechzehn oder achtzehn Jahren noch auf den

Schulbänken sitzen durften! Bei ihrem Anblick regte sich in ihr oft

eine leise Bitterkeit darüber, daß man im fröhlichen Pfarrhaus in

Eglisau an ihr so wenig für ein Stück gründlicher Bildung getan hatte.

In ihrem Wissensdurst wäre sie jeder Klasse vorangeflogen, und was

hätte aus ihr werden können! Zum mindesten eine vortreffliche Lehrerin.

Die Anfechtungen gingen aber vorbei. Manches schwungvolle Gespräch der

jungen Menschen tat ihr wohl. Ein paar harmlose Verehrer, Gymnasiasten

und Studenten, beichteten ihr die heimlichen Schul- und Lebensschmerzen

und steckten ihr Gedichte eigener Schöpferkraft zu. Und auf dem Platz,

an dem das Geschäft lag, sah sie manchen Ausschnitt aus den Bildern der

Stadt, nicht nur, wie die Polizei in schwarzglänzenden Tschakos und

mit breiten roten Epauletten gemessenen Schrittes vor der Hauptwache

auf und niederschritt und etwa einen auf dem Bettel ertappten

Handwerksburschen einbrachte, sondern auch, wie die Väter des Kantons

zu ihren Sitzungen in das altehrenfeste Rathaus traten.

Unter den stattlichen und würdigen Herren des Großen Rates befand

sich seit einiger Zeit auch ihr Schwager Ferdinand Bürsteler, der an

fleischiger Leiblichkeit noch zugenommen hatte.

Eines Tages trat er in den Laden, entdeckte sie, kam nun dann und wann

auf eine Viertelstunde zu ihr herein und berichtete ihr in breiter

Gutherzigkeit mancherlei, was sie fesselte oder nicht. Leider aus der

Familie nicht viel Erfreuliches. Der Schwester und ihren Kindern ging

es zwar gut, aber die Mutter kränkelte, und der Bruder, der blutjunge

Pfarrer, der hinten im Gebirge saß, war eben im Begriff, mit einem

hübschen Webermädchen eine törichte Ehe einzugehen.

Jedes Vierteljahr besuchte Nick Mutter und Schwester im Oberland,

sonst stand sie einsam im Leben und mußte über die Freundschaft mit

Marie Junghans froh sein, die ihr noch am meisten das Gefühl einer

Angehörigkeit gab.

Marie war aus der »Meise« ausgetreten, sie nähte in Eglisau die

Aussteuer, kam aber zuweilen in die Stadt. Einmal fragte Nick bei ihr

nach Ulrich. Die Freundin schüttelte aber traurig den Kopf. »Wozu über

den Verlorenen sprechen?« seufzte sie. »Ich habe jedoch zwei Anliegen

an dich. In den Frühlingsferien findet unsere Hochzeit daheim statt.

Da bitte ich dich, daß du mir Brautjungfer seiest. Das andere betrifft

die Wohnung, die wir mieten wollen. Sie liegt am Zürichberg im ersten

Stock eines alten Bauernhauses mit Sonne, Luft, Aussicht, ist aber für

unsern Zweck um ein Zimmer zu groß. Wenn du dieses von uns mietetest?«

Sie wurden einig.

Die Hochzeit im heimischen Städtchen nahm einen schönen Verlauf, doch

war ein verhaltenes Leid dabei. Ulrichs Name kam über keine Lippe,

aber im Stummen fragten alle Herzen: Wo mag der Verirrte weilen? --

Maries Vater, der würdige Messer- und Zirkelschmied, dem bereits graue

Fäden durch den Bart liefen, hatte beim Mittagessen im »Hirsch« etwas

so Nachdenkliches, daß er einen dauerte. Den Alten schmerzte es tief,

daß im Kranz seiner acht, nun zum größten Teil erwachsenen Kinder

ein Sohn fehlte. Am Abend wollte er doch einen Tanz mit der immer

noch rabenschwarzen Mutter wagen, sie aber erwiderte: »Ich meine,

wir überlassen es den Jungen!« An dieser Antwort war auch nur die

Verschollenheit Ulrichs schuld.

Nick ließ sich von der Gegenwart Friedrichs fesseln. Immer wieder

schweiften ihre Blicke über die Gestalt des starken, gesunden, blonden

Mannes, in dessen blauen Augen die unbeirrbare Rechtschaffenheit stand.

Gerade wie er war Uli gewesen, nur von merkbar stärkerer seelischer

Flugkraft.

Nun wohnte sie bei dem jungen Ehepaar am Zürichberg. Schon am ersten

Tag hätte sie nicht mehr hinab in die Stadtgasse zurückkehren mögen.

Hier war die Luft so frisch, die Stille der Nacht so groß, und wenn

sie am Morgen erwachte, entbot ihr aus weiter Ferne der Urirotstock

mit dem weißen Firnfeld den Gruß. Auch besaß Marie eine recht hübsche

Einrichtung, das Geschenk der Stammgäste, die sie in treuherziger

Bescheidenheit und mütterlichem Zusorgen bedient hatte. Der alte

Professor, der sich gern auf der Höhe erging, sah dann und wann nach

der jungen Frau, und mancher Sonntagsspaziergänger gab mit freundlichem

Zuruf Zeugnis, was für ein achtungsvolles Andenken sie bei ihren

ehemaligen Gästen genoß.

Wenn sie den gleichen Weg wie die Freundin einschlüge, dachte Nick;

wenn auch sie als Tochter in ein Zunfthaus träte? Da war doch mehr zu

verdienen denn als Ladnerin! Marie aber redete es ihr aus. »Das habe

ich tun dürfen mit meinem glatten Haar und meiner Einfachheit. Aber

Nick Tappoli mit dem vornehmen italienischen Gesicht, den blitzenden

Augen und dem Krauselhaar, -- nein, nein, du kämest mit den Männern in

endlose Geschichten hinein!«

Nick ließ sich belehren. Aber der Anblick des glücklichen jungen

Ehepaares, mit dem sie nun das Leben teilte, rief immer wieder innere

Kämpfe in ihr wach. --

In dieser Unruhe ihrer Seele fand sie einen ihr verloren gegangenen

Freund wieder.

Nach den Überlieferungen ihrer Jugend besuchte sie dann und wann am

Sonntagmorgen den Gottesdienst, bald in der, bald in jener Kirche.

Neben der religiösen Erbauung hatten die Predigten für sie noch

den besonderen Reiz, daß sie gern Gehaben, Kraft und Schwung der

verschiedenen Geistlichen beobachtete und untereinander verglich, ein

Spiel, das sie heimlich schon in der Heimat am Rhein getrieben hatte.

Nun wollte sie wieder einmal den Gottesdienst eines schon silberweißen,

ehrwürdigen Geistlichen besuchen, von dem der Vater stets mit Wärme als

einem gesinnungslautern Vorbild für alle Pfarrer gesprochen hatte.

Da, welche Überraschung! Auf die Kanzel stieg nicht der alte, zittrige

Dekan, sondern eine junge, weltmännische Gestalt -- kein anderer als

John Wildholz, mit dem eine so feine und schöne Freundschaft sie

verbunden hatte. Seit seinem Abschied von ihr war seine Erscheinung

noch edler, eindrucksreicher geworden, in den blaudunklen Augen flammte

ein noch stärkeres Feuer, und auf dem männlich schönen, doch vom Denken

schon zerarbeiteten Gesichte lag ein fast bedrückender Ernst. So war

auch seine Predigt ein strenges Gericht über den Leichtsinn und die

Oberflächlichkeit der Menschen, ein herzergreifender Mahnruf zur Buße

-- für Nicks Empfinden zu streng, aber vorgetragen mit einer Glut,

einer Überzeugungskraft, einem Schmelz der Sprache, daß es die Seelen

bis in die letzten, verborgensten Falten erschütterte und jeder vor

seinem Worte in den Staub niederknien mußte. Verhaltenes Weinen und

Schluchzen ging durch die Kirche.

Nach dem Gottesdienste blieb eine Schar der Zuhörer am Ausgange stehen,

um dem Geistlichen, der eine so zauberhafte Gewalt über Sinne und

Herzen besaß, noch einmal in das durchgeistigte Gesicht zu blicken.

Nick, die von ihm nicht bemerkt zu werden wünschte, folgte zwar

ihrem Beispiel, stellte sich aber bescheiden hinter die andern. Er

kam, nachdem sich die Kirche völlig entleert hatte, etwas blaß und

erschöpft, wie selber noch ergriffen von der die Gemüter aufwühlenden

Rede, in Begleitung seiner Frau. Nick erkannte sie gleich wieder nach

dem Bilde, das auf dem Schreibtische des Verwesers gestanden hatte.

Das harte Gesicht mit dem dünnen, über der Stirne glattgestrichenen

Haar und dem schmallippigen Mund erschien ihr in der Wirklichkeit noch

reizloser. Wie damals schon, und mehr noch, war sie enttäuscht von der

Wahl des geistig so hochstehenden Mannes.

Sie besuchte nun dann und wann seine Predigten, in denen er mit

erschütternden Tönen in Leid und Schuld des Lebens griff und mit

dunkler Glut das Gemälde des menschlichen Erlösungsbedürfnisses schuf.

Als sein Auge wieder einmal über die Gemeinde dahinflog, traf es das

ihrige, unbewußt suchte sein Blick sie wieder -- er erkannte sie, und

nun war es eine Weile, als spreche er eigens zu ihr. Es gab keinen

Grund, daß sie den Vielbewunderten und Verehrten nicht wieder begrüßte.

Als er nach dem Gottesdienste mit der Gattin dem Pfarrhause zuschritt,

trat sie zu ihm heran und spürte wohl, wie lebhaft in ihm die

Erinnerung an ihre ehemalige Freundschaft aufwachte, an ihre einsamen

Gänge durch Feld und Wald. Die Frau blieb bei der Vorstellung steif und

kühl, doch nahm Nick seine Einladung zu einem Abendbesuch unbedenklich

und freudig an. Welches Glück, mit ihm wieder einmal Seele zu Seele

sprechen zu dürfen! --

In hochgespannter Erwartung stapfte sie durch Dämmerung und Schnee. Sie

dachte, daß um Wildholz wohl noch mehr Besuch geschart sein werde, traf

aber das Ehepaar allein, und wieder fiel ihr der Gegensatz der beiden

Menschen auf: des vornehm gütigen Pfarrers, der die Feierlichkeit des

Redners von sich gestreift hatte, und der kalten Frau, die ein weißes

Diakonissenhäubchen trug und fast jeden Satz mit dem Worte begann:

»Es spricht der Herr.« Wildholz plauderte mit Nick von den Wochen am

Oberrhein, dabei spürte sie aber die Augen der Pfarrerin wie zwei

stechende Flammen auf sich gerichtet. »Sie haßt mich,« durchzuckte es

sie. In der Tat begann die Pfarrerin unter Seufzen so deutlich und

anzüglich von der Sünde des Hochmutes zu sprechen, die ungescheut durch

die Stadt wandle, daß sich der Gast wohl oder übel betroffen fühlen

mußte. Ging sie denn in ihrem dunkeln Wollrock nicht einfach genug?

Und das krause Lockenhaar, das den besonderen Anstoß der Pfarrerin

zu erregen schien, hatte ihr doch Gott gegeben, und es war nichts

Künstliches daran.

Wildholz ahnte die Qual Nicks, gab aber seiner Frau umsonst bittende

Blicke. Jene verlor ihre Offenheit, das froh begonnene Gespräch wurde

verlegen und gezwungen, eisige Kälte waltete bei dem von der Pfarrerin

mit harter Stimme gesprochenen Tischgebet, und nachher würgte Nick

jeden Bissen hinunter. Da bereitete Wildholz der unerfreulichen Stunde

ein Ende. In verhaltener Erregung und willensscharf wandte er sich der

Gattin zu: »Christine, ich gebe Fräulein Tappoli noch das Geleit. Um

neun Uhr bin ich wieder zurück.« Sie wagte keinen Widerspruch, wurde

aber kreidebleich vor Ärger. Als Nick ihr die Hand bot, wußten beide:

es war das letztemal, kein Wiedersehen war zwischen ihnen möglich. --

Die Nacht lag sternenlos über der Stadt, der Wind pfiff um die

Häuserecken, und wo ein paar Menschen unterwegs waren, bedeckte der

aufgewirbelte Schnee rasch wieder ihre Spur. Geraume Weile gingen

Wildholz und Nick schweigend, ihr standen die Tränen nahe.

Bei einer Baumgruppe hielt er den Schritt an. »Fräulein Tappoli,«

begann er mit bewegter Stimme. »Was wir heute erlebt haben, ist uns

beiden ein Schmerz. Völlig kann ich ja das Betragen meiner Frau

nicht entschuldigen, aber doch ein wenig. Dazu bin ich Ihnen aber

eine Erklärung schuldig, die Sie um Gottes willen nicht mißverstehen

mögen. Als meine Frau und ich einander auf entlegener Missionsstation

kennen lernten, waren wir junge Menschenkinder, außer ihren Eltern die

einzigen Europäer, einander verbunden durch den jugendlichen Eifer

für das Gotteswort. Wie eine heilige Märtyrerin erschien sie mir.

Daraus entstand unsere Liebe, unsere Verlobung. Später, als ich wieder

unter die Menschen des eigenen Erdteils trat, erkannte ich ja schon,

wie bescheiden ich in der Wahl meiner Braut gewesen war. Hätte ich

aber die Treue verletzt, so hätte ich nicht mehr bestehen können vor

meinem Gott. Und nur einmal kam ich in die große Gefahr, daß ich in

seelenbezwingenden Schmerzen an den Ungott der Treulosigkeit verloren

gehe. Sie ahnen es: -- in Eglisau neben Ihnen!«

Einen Augenblick schwieg Wildholz, übermannt von der Erinnerung. Aber

er faßte sich und fuhr fort: »Wie ich dann selbst meiner Herr geworden

bin, haben Sie miterlebt. Ich wies die Berufung des Städtchens zurück

und begab mich auf die große Reise, die ich ohne meinen innern Kampf

wahrlich unterlassen hätte. Daß mich dabei Ihr Bild begleitete, sagten

Ihnen wohl meine Grüße von da und dort. Den Schluß der langen Fahrt

bildete, daß ich meine in die Heimat übersiedelnde Braut in Southampton

abholte. Ein paar Stunden nach Ankunft des Schiffes saßen wir in einem

Garten am Meer, ich schrieb Ihnen etliche Zeilen und bat sie, Ihren

Gruß darunter zu setzen. Sie haben den Brief nie erhalten, aber er

gab mir und ihr den Anlaß, daß wir von Ihnen sprachen. Im Triebe,

das Gewissen vor meinem künftigen Weib zu entlasten, habe ich wohl

unvorsichtig viel von Ihren Vorzügen gesprochen, -- kurz, ich denke

nur unter Schmerzen an jenen Abend zurück. Nun aber, Fräulein Tappoli,

wissen Sie, warum der heutige so schrecklich frostig ausgefallen ist,

daß wir wohl beide eine Wiederholung gern vermeiden. Ich hoffte, es sei

mit der Billigung meiner Frau wieder eine Freundschaft zwischen uns

möglich. Leider nein! Und weil mich die Verantwortung für die Einladung

trifft, die so kränkend für Sie verlaufen ist, bitte ich Sie herzlich:

Verzeihen Sie ihr!«

Nick war von dem Bekenntnis ihres früheren Freundes zu verwirrt, um

auch nur ein Wort sprechen zu können. Sie gingen wieder ein Stück Weges

durch Wind und Schnee. Da erst versetzte sie: »Wenn es Ihrer Frau eine

Beruhigung ist, sagen Sie ihr, daß ich ihr den Abend nicht nachtragen

werde.«

Wildholz atmete auf: »Und nun eine Frage. Aus meinen inneren Kämpfen in

Eglisau erinnere ich mich an den Namen Ulrich Junghans. Mein Verzicht

auf Sie wurde mir damals erleichtert durch Ihr Geständnis, daß Sie den

jungen Mann lieben, obschon Sie ihm auf seine Werbung mit einem Nein

geantwortet haben. Haben Sie den Brief einmal geschrieben, zu dem ich

Ihnen riet?« »Den Brief habe ich geschrieben,« erwiderte Nick schwer,

»aber Ulrich Junghans ist für mich und die Seinen doch draußen in der

Welt verschwunden. Ich weiß nichts von ihm.«

»Wir sind alle Kämpfende, darum gibt es für uns keinen Halt als den des

allerdemütigsten Glaubens,« versetzte Wildholz nach einigen Schritten,

wie aus einem Selbstgespräch heraus. »Wie tief fühle ich Ihre

Vereinsamung mit, Fräulein Tappoli! Und dennoch drängt gerade sie mich

zu einer Bitte, die mir so schwer fällt wie noch keine in meinem Leben,

und die vielleicht noch nie ein Pfarrer getan hat.« Er ergriff zitternd

ihre Hand. »Wen sähe ich lieber in meiner Kirche als Sie? Aus welchem

Gesicht käme mir mehr als aus dem Ihren Trost, daß ich mit meinen

Predigten nicht bloß in den Wind säe? Aber ich bitte Sie: besuchen Sie

künftig einen anderen Gottesdienst als den meinen -- ersparen Sie mir

den neuen Kampf.«

Er wandte sich in mächtiger Bewegung plötzlich von ihr ab. »Behüt'

Sie Gott, Fräulein Tappoli,« rief er ihr nach, und im nächsten

Augenblicke verschwand seine hohe, vornehme und düstere Gestalt im

Schneegestöber und in der Dunkelheit. Die erschütterte Nick jedoch

hatte ihn verstanden. Auf ihrem Stübchen verbrachte sie die halbe

Nacht schlaflos. Was hatte sie mehr begehrt, als daß ihr die von

Christlichkeit überfließende Pfarrersfrau am Sonntagabend ein Plätzchen

im Schein ihrer Lampe gönne und sie aus den Gesprächen mit dem Pfarrer

ein tröstliches Licht hinaus in den Werktag der Woche tragen dürfe.

Ihr, der nach Wohlwollen Durstenden, wäre die Freundschaft des Pfarrers

eine reine und erfrischende Quelle gewesen! Und doch erfüllte es sie

mit einem dankbaren Glücksgefühle, daß sie damals in Eglisau Wildholz

etwas gewesen war, daß er ihretwegen innerlich hatte kämpfen müssen und

daß der so tief ernste Mann sie auch jetzt noch als eine Gefahr für

seinen Seelenfrieden betrachtete. Das sprach für ihren inneren Wert.

Wie einfach und bescheiden ihr Lebensweg war, -- einmal mußte ihr doch

ein Herzensfrühling erblühen.

Nie aber kreuzte sie wieder die Spur des Geistlichen, unter dessen

düster glutvollen Predigten die halbe Stadt in den Staub kniete. --

Dafür schenkte ihr das Schicksal ein anderes Wiedersehen, das eine neue

Wendung in ihr Leben bringen zu wollen schien.

In den Laden, in dem sie nun bald zwei Jahre Angestellte war, kam ein

junger Fremder, gewählt von Erscheinung, doch im weltklugen Gesicht

einen leis leidenden Zug, am Finger den Ring des Verlobten. Sie

sehen und lächeln war eins. »Wir sind wohl alte Bekannte, Fräulein,«

versetzte er. »Wir gingen in Eglisau miteinander eine Weile zur

Schule, ich allerdings eine Klasse über Ihnen, was mich indessen nicht

hinderte, Ihnen dann und wann ein Schneeballgefecht anzubieten.«

»Ah, Herr von Jaberg!« rief Nick erfreut. Sie schüttelten sich die

Hände. »Wie kommen Sie denn nach Zürich?« »Sie sehen, ich bin

verlobt,« erwiderte er leichthin. »Damit hängt's zusammen. Ich will

hier meinen Doktor machen.« -- »Und Ihre Braut?« forschte Nick. »Sie

lebt in München. Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal unsere Geschichte.

Sie ist außergewöhnlich.«

Und die alte Freundschaft war wieder geknüpft.

22

Jaberg kam nun dann und wann in den Laden, kaufte eine Kleinigkeit

und plauderte je nach Gelegenheit mit ihr. Seine guten Formen und

seine unaufdringliche Liebenswürdigkeit gefielen, niemand nahm

Anstoß an seinem guten Einvernehmen mit Nick. Obgleich es an einem

Verlobten überraschen mochte, holte er sie einmal nach Geschäftsschluß

ab und gab ihr bis an ihre Wohnung am Zürichberg das Geleite, ein

ritterlicher Mann, dem sie sich wohl anvertrauen durfte. Vor dem Hause

fragte er: »Was sind es für Leute, bei denen Sie wohnen?« -- »Eine

Lehrersfamilie,« erzählte sie, »die Frau ist meine Freundin Marie, die

Tochter des Messerschmieds Junghans in Eglisau.« Der Name gab Jaberg

einen leisen Ruck. »Die Schwester Ulrichs, des Abenteurers?« rief er.

-- »Wissen Sie etwas von ihm?« Ihr gesamtes Wesen kam in Bewegung.

»Gehen wir noch ein wenig im Mondschein,« schlug er vor. »Im Grunde

wollte ich von einer Begegnung, die ich mit Ulrich Junghans in Lübeck

hatte, nicht sprechen, ich scheue mich Ihnen gegenüber doppelt, weil

Sie seiner Schwester so nahe stehen, ich mag kein Unheil in einen Kreis

ahnungsloser Menschen zu tragen.«

Je mehr er in Gewissensbedenken zögerte, desto stärker lief das

Zittern der Spannung durch ihre Gestalt. »Sie dürfen auf meine

Verschwiegenheit zählen,« versetzte sie ernst. Da ergriff er ihre Hand.

»Vertrauen gegen Vertrauen, Monika.« Sie schaute ihm in die Augen:

»Sicher, Jaberg!«

Der volle Mond stand auf dem Waldrücken, wandelte großleuchtend im

Dunkelblauen und zeichnete das Gewebe seiner Schatten auf den weißen

Weg. Jaberg erzählte: »Er bestellte sich ein kleines Abendbrot. Ich

denke: Was ist das für ein eigenartiger Sprachklang hier im Norden?

-- Erinnerungen erwachen, ich fühle: der Mann ist Schweizer. Eine

Wendung des Kopfes: ich sehe die kräftig und fast senkrecht gebaute

Schläfe, die kantige Nase und den Mundwinkel. Eins -- zwei -- drei!

Der Vorhang vor dem Gedächtnis ist gefallen, ich weiß: es ist Ulrich

Junghans, mein gescheiter Ulrich, der mich in der Volksschule von

Eglisau und im Gymnasium von Konstanz hat mitreißen müssen. Neugier und

Teilnahme erwachen -- noch ein Wort von ihm, ich eile auf ihn zu. Nie

habe ich einen Menschen so zusammenfahren sehen wie ihn, aber die alte

Freundschaft gab sich dann doch rasch wieder.«

Nick unterbrach den Erzähler mit keiner Frage. Nach einer halben

Stunde schloß er: »Jetzt befindet sich also Ulrich mit dem Buben bei

seinem Freund in der ungarischen Stadt Debreczin. Von dort hat er mir

aus Dankbarkeit für die kleinen Dienste, die ich ihm in Lübeck habe

leisten können, noch zweimal geschrieben. Es geht ihm gut, er lebt im

Haushalt Szedeskys, die Buben der beiden sind Spielkameraden. Die Frau

soll ein natürlich kluges, friedfertige Wesen sein; sie hat noch eine

jüngere Schwester, und Szedesky sähe es am liebsten, Ulrich würde sein

Schwager. Aber Junghans schreibt, für sein gesamtes Leben habe er vom

Weibsvolk genug.«

Nick hielt schwer atmend den Schritt inne. »Ich gehe Ihnen zu schnell?«

versetzte Jaberg. »Nur einen Augenblick,« bat sie matt. Um ihren

Mund zuckte etwas Trauriges und Bitteres. Dahin also ist es mit Uli

gekommen: -- ein uneheliches Kind! Nur des einen Gedankens war sie

fähig. Plötzlich senkte sie den Kopf und begann laut zu weinen. »Um

Gottes willen, was ist Ihnen?« fragte Jaberg erschrocken. »Ich habe Uli

so lieb gehabt,« stöhnte sie. Er merkte, wie unvorsichtig er gesprochen

hatte. Er bot ihr den Arm und trat mit ihr langsam den Rückweg an. »Nun

brauchen Sie Junghans doch nicht ganz zu verwerfen,« tröstete er sie.

»Wie bald ist sein Schicksal einem jungen Mann in den Garten gewachsen!

Monika, ich bin auch nicht besser als er! Sonst wäre ich nicht verlobt.«

Nick Tappoli · 第 15 / 18 段