Seufzer. »Die Strafe folgte der Tat auf dem Fuß. Ich fuhr aus Freude
über die gelungene Flucht mit Konstanze in einer Wagenabteilung erster
Klasse die lange Nacht mit ihr ungestört allein. Ich konnte vor
Aufregung nicht schlafen. An meiner Schulter, an meiner Brust aber
schlummerte, das aschblonde Haar halb gelöst, die Befreite, im Gesicht
einen rührenden, seligen Ausdruck des Geborgenseins. Nach ein paar
Stunden schlug sie die Augen auf. Eine verträumte, süße Zärtlichkeit
lag darin, dann kam etwas Lechzendes in ihre Züge, ich spürte, wie
ihre Lippen nach den meinen zuckten. Da geschah, was nicht hätte sein
sollen. Wir verlobten uns -- ein Unsinn! Die Wahrheit: sie trug die
größere Schuld als ich! Und darum ist kein Mensch so gut imstande, zu
verstehen, wie Ulrich Junghans gegen sein besseres Wissen und Wollen
der ungarischen Tierbändigerin erlag.«
»Wie furchtbar!« flüsterte Nick vor sich hin.
»München!« fuhr Jaberg in seiner gelassenen Art fort. »Wir eilten
von einem berühmten Arzt zum andern, um einer Wiedereinbringung
der Geflüchteten in die Anstalt mit einer Menge prächtiger
Gesundheitszeugnisse begegnen zu können. Wir blieben jedoch
unbehelligt, wohl weil die Leitung den größern Vorteil darin sah,
unliebsames Aufsehen zu vermeiden. Auch mit dem Mecklenhof glättete
sich die Angelegenheit. Schadenfroh schrieb mir der Onkel: ›Jetzt siehe
du zu, wie du mit dem Kobold fertig wirst.‹ Jedenfalls hatte ich Recht,
daß meine Braut in kein Krankenhaus gehörte. Sie war in München so
gesund wie das Wild im grünen Klee, nahm auch gleich am Konservatorium
ihre Musikstudien auf, und als sollten alle Vergnügungen der Stadt
in einem Atemzug genossen sein, schleppte sie mich von Kunstsammlung
zu Kunstsammlung, von Theater zu Theater, von Gesellschaft zu
Gesellschaft, von Schwabing bis nach Nymphenburg und Bogenhausen
hinaus. Doch was sie an Musik und anderer Unterhaltung spielend ertrug,
war für mich ein Übermaß.
»So kam's, daß mich ein Nervenstoß über den Haufen warf. Wie ein
Fallsüchtiger lag ich in einer Art Starre Tage, Wochen unter
unsäglichen Schmerzen. Den Morgen, den Abend, die Nacht bereute ich
das Abenteuer der Verlobung. Konstanze sah selber halb ein, daß meine
Kräfte nicht ausreichten, um mit ihr nach ihrem Stil zu leben, und
erlaubte mir in einem Anfall von Großmut, mich von ihr zu trennen und
meine Studien in Zürich weiterzuführen. -- Aber jetzt?«
Verdüstert schwieg Jaberg. Nick sprach auch nicht. Jedes mit seinen
Gedanken beschäftigt, schritten sie den schmalen Waldweg, über dem sich
Tannen und Buchen wie eine Laube wölbten.
Da griff er wieder zum Wort: »Meine Lebenskraft und die meines
künftigen Weibes stehen in keinem Verhältnis zueinander. Wo fehlt
es mir? Ich bin nicht krank, mein Leiden besteht einzig darin, daß
ich der Sprosse eines alten, ausgeschöpften Geschlechts bin, dessen
Haudegenzeit leider längst vergangen ist. Statt Ackerbau, Jagd, Krieg
trieben die Jaberg der letzten Jahrhunderte Diplomatie, Kunst und
Wissenschaft, heirateten statt kräftiger Bäuerinnen oder Zigeunerinnen
verfeinerte Weiber, -- und ich bin das bedauernswerte Endergebnis
dieser Zucht.«
»Aber Jaberg,« unterbrach Nick seine Selbstverhöhnung mit tadelndem
Ton. »Sie übertreiben!«
»Nicht im mindesten,« erwiderte er ruhig. »Ich kenne mich selbst. Ein
Fehler war auch, daß ich mich dem ärztlichen Studium zugewendet habe.
Um mir selber helfen zu können, tat ich es, habe aber damit nur das
Gegenteil erreicht, eine quälerische Selbstbeobachtung. Und bei wie
vielem kann ich nicht mittun, was sonst ein Studentenherz erfreut!
Zeche ich einmal wie die andern, so leide ich darunter eine Woche.
Überhaupt, ich bin nicht so jung, wie ich sein sollte. Meine Stimme
raschelt wie der Herbstwind im Wald, mein Kopf ist ein Stoppelfeld:
etliche Jahre noch, und ich kann mich mit meiner Tonsur als Mönch
einkleiden lassen.«
»Aber denken Sie an unsere schönen Bergwanderungen,« mahnte Nick. »Wie
waren Sie da stets frisch!«
»Ja, die Natur!« versetzte er aufatmend. »Bei ihr Lebenszuflucht
zu suchen, war seit Jahren mein Traum. Den Doktor wollte ich mir
erringen, aber dann auf einem kleinen Gute Landwirt werden. Nun hat
mir aber die Verlobung mit Konstanze diesen einzig vernünftigen Weg
abgeschnitten. Nie wird sie Bäuerin. Ihre Welt ist der Konzertsaal,
das Theater, die Gesellschaft -- Orte, vor denen mir graut. Und der
Schrecken von Mecklenhof ist selbstverständlich immer noch kein Vorbild
der Weibessanftmut, sondern der leibhaftige Eigensinn. Bis zu Tränen
wird sie zornig, wenn ich bei ihren Zerstreuungen nicht mittun kann.
Folge ich ihrem leidenschaftlichen Ruf nach Wiedervereinigung, -- was
geschieht? Bald wird man mich als kranken Mann in eine Heilanstalt
bringen müssen.«
Auf allerlei Wegen waren sie durch die Jung- und Hochwälder
des Zürichbergs gegangen und ruhten nun beim Forsthaus auf
waldumschlossener Wiese. In breiten Wellen lagen Tal und Hügel der
östlichen und nördlichen Landschaften vor ihnen bis hinaus zur
altersgrauen Kyburg, stilles Bauernland mit stillen Dörfern. Im nahen
Tann piepten die Meisen, aus dem Buchenwald herüber pochte der Specht.
Nick blieb still. Das Bekenntnis ihres Freundes hatte sie erschüttert,
zugleich war in ihr etwas Unglückliches erwacht, ein heißer Verdruß.
In Jaberg hatte sie stets den Mann gesehen, an dessen Charakter kein
Stäubchen klebte. Nun war er nach seiner eigenen Beichte einem Weib
erlegen, das für ihn nur ein Lebensunglück werden konnte. Irgendein
Frauenmund winkte, -- herein fielen die Männer und zerbrachen sich das
künftige Leben. Und was waren das für Weiber draußen in der Welt, die
den ersten günstigen Zufall benutzten, um die Männer an sich zu reißen?
Den Waldsteig herauf kam ein Wanderer, der sang:
»Und ist es nicht das Röselein,
So ist es doch das Nägelein.
Was sagst du, Herz, dazu? --«
Überall das Gleiche! Wenn es die eine nicht war, war es die andere,
wenn nicht die Lilie so die Schattenblume. Wie abgründig hatte Gott die
Menschen erschaffen, Mann wie Weib!
Ein artiges Wirtsmädchen kam, Jaberg bestellte sich Weißwein, Brot und
Speck und für Nick Kaffee mit Kuchen. Nun war es doch ein freundliches
Ruhen in der Abendsonne und unter den grünen Bäumen, die ihre Schatten
schräg und lang über die Wiese warfen. Die Stimmung Nicks wurde auch
wieder besser.
Da spürte sie, wie die Augen Jabergs in geheimer Zärtlichkeit auf ihr
ruhten. Das Blut stieg ihr in die Wangen, und unruhig flüsterte sie:
»Wir werden gehen müssen.« Sie kam nicht mehr auf seine Beichte zurück.
Was hätte sie dazu sagen können? Und er selber hatte auch keine Lust,
noch weiter von Konstanze zu sprechen.
Wie still war der Abend im Forst! Nur eine Wildtaube hörte man gurren.
Auf dem schmalen Fußwege ging er hinter Nick. Er pflückte einen Halm
und ließ ihr die Spitze an die Wange streichen. Wie wenn sie eine
Fliege davonjagen wollte, fuhr sie mit der Hand über das Gesicht, erst
beim dritten Male merkte sie den Scherz. Sie wandte sich um und lachte:
»Mir scheint, Ihnen ist leichter geworden.«
»Wenn man mit Ihnen geht!« gab er ebenso lachend zurück. Dann wurde
es wieder still zwischen ihnen. Als sie die Höhe erreichten, tanzten
doch noch goldene Sonnenfunken im Wald. Nach einer Weile sagte er mit
leiser Verdrießlichkeit: »Jetzt kommt schon wieder die Stadt.« Sie
pflückte Blumen, um damit den Abendtisch zu schmücken.
Da legte er seine Hand in die ihre. Mit einem ängstlichen Blick ließ
sie ihn gewähren, sie wußte nicht, was werden sollte. »Was haben Sie
für eine kühle Hand!« flüsterte er. »Nick, den ganzen Weg habe ich
geträumt, wie schön es wäre, wenn Sie meine Frau würden! Ich habe
Sie ja schon als Junge geliebt, und jetzt, als ich Sie nach Jahren
wiedersah --« Sie stand bis ins Herz verlegen vor ihm, fand sich aber
sofort: »Geträumt -- es ist gut, daß Sie selber so sprechen. Noch
besser wäre es, Sie erzählten mir Ihre Träume nicht. Die müssen ja
doch Träume bleiben, -- deutlich genug haben Sie selbst mir das heute
erklärt.« Leise entzog sie ihm die Hand.
Da nahm er sie wieder und drückte einen Kuß darauf. »Verzeihen Sie
mir, Nick,« bat er zerknirscht, hatte aber im nächsten Augenblick
schon wieder das liebe Jungengesicht, dem niemand zu zürnen vermochte.
»Ich weiß wohl, daß es ein Märchen ist. Es geht mir nicht so gut wie
dem armen Heinrich, dem Rittersmann, der am Aussatz gestorben wäre,
hätte sich nicht eine reine Jungfrau bereit erklärt, ihr Blut für
ihn dahinzugeben. Aber ich darf doch das Märchen träumen, ich sei
der Aussätzige und Sie das Mädchen, das wie durch ein Wunder mein
eigen wird und mir mit ihren linden Händen über die Stirne und Lider
streicht, bis sich die erregten Nerven wie Hunde niederlegen müssen.
Sie haben ein so schönes Talent, zu beruhigen!«
»Und Konstanze von Lipönen?« erwiderte sie bitter.
Nun stand er wieder auf dem Boden der Wirklichkeit. Mit düsterm Ernst
entgegnete er: »Nick, Sie sind grausam.«
Unterdessen waren sie aus dem Walde getreten. In Goldrauch lagen zu
ihren Füßen Stadt und See, die Wasser belebt von Booten und Segeln.
Nick liebte sonst das Bild, aber jetzt beachtete sie es kaum. In ihrer
Seele wogte nur das Empfinden, daß zwischen Jaberg und ihr etwas anders
geworden sei, daß er in ihr das Weib sehe, sie in ihm den Mann, und
daß ihr auf den Ton der Geschwisterlichkeit abgestimmter Verkehr in
dieser Form nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Die Wendung tat
ihr leid. Es war ja nicht denkbar, daß sich daraus etwas Ersprießliches
gestalte, sondern wahrscheinlich, daß darüber die feine Freundschaft in
die Brüche ging.
Nur einmal kam Jaberg auf das Gespräch ihres Spazierganges zurück. Er
teilte ihr erleichtert mit, seine Braut habe sich beruhigen lassen und
eine gleich ihr künstlerisch begabte Freundin verschönere ihr jetzt den
Münchener Aufenthalt. Auch waren die großen Ferien da, die er im Norden
verbringen wollte. Sein Abschied war ein herzliches: »Auf Wiedersehen,
liebe Nick!« --
Nun spann sie ihrerseits das Märchen der Liebe. Der Gedanke, daß eine
ererbte Schwäche an Jabergs Wesen hafte, beschwerte sie nicht, es kam
sogar ihrer innersten Anlage entgegen, daß er der weiblichen Fürsorge
bedurfte, und in ihrer Seele lag eine große Klarheit, daß keine wie
sie es verstehen würde, ihm das Leben ruhig und wonnig zu machen.
Plötzlich aber zerriß sie die Goldfäden der Träumerei. Was wollte sie
neben Konstanze, die auf Jabergs Treue Anspruch erhob und zu diesem
Anspruch berechtigt war?
Ohne daß er ihr ein Versprechen gegeben, schrieb Jaberg ihr ein paarmal
von Mecklenhof, später von der Insel Borkum. An seinen Briefen durfte
sie sich freuen, treues Gedenken atmete daraus, Naturlust und feiner
Humor. Gegen Ende der Ferien blieb lange ein Brief von ihm aus, dann
kam er selber mit dem leise aufjauchzenden Gruß: »Gottlob, da bin ich
wieder bei Ihnen, Nick!« Als sie ihrer Freude Ausdruck gab, ihn so
frisch und munter zu sehen. entgegnete er: »Vor vierzehn Tagen war es
nicht so. Konstanze kam auf die Insel, und ihre Ansprüche an meine
Gesellschaft warfen mich wieder auf den Schragen. Nur der glücklichen
Vorempfindung, Sie wiederzusehen, verdanke ich es, daß ich so rasch
hochgekommen bin!«
Lange war es wieder still zwischen ihnen, und es hätte scharfer Augen
bedurft, um das besondere Einverständnis, das sie verband, aus dem
täglichen Verkehr herauszumerken. Das Pensionsleben ging seinen Lauf.
Nick erfüllte ihre Pflichten in Frohsinn. Es war so schön unter den
vielen jungen Leuten, die sich ihre Ferienerlebnisse erzählten und, als
sie damit zu Ende gekommen waren, Winterpläne entwarfen. Auch stand
vom Herbst an eine vorzügliche Schauspieltruppe in der Stadt, die
Theaterlust beherrschte die Pension, manche Eintrittskarte wurde Nick
zuteil, und ein besonderer Genuß war ihr stets der Heimweg im sachte
herabgleitenden Schnee. Die jungen Freunde besorgten und beschützten
sie, und die Weihen einer Jungfrau von Orleans, einer Emilie Galotti
oder einer Desdemona gingen ihr durch die Seele.
So kam der erste Hausball. Da schlug mitten in die fast ausgelassene
Heiterkeit der Jugend ein jäher Blitz.
Schon war die Mitternacht vorüber, als Jaberg hinausgerufen wurde, da
ein Herr ihn sofort zu sprechen wünsche, und nach einer Viertelstunde
ängstlichen Harrens wurde auch Nick in das Zimmer gebeten, in dem sich
Jaberg mit dem Fremden besprach. Da erfuhr sie, daß dieser, ein mit
Jaberg befreundeter Arzt aus München, soeben eiligst von dort gekommen
war, um ihn so schnell wie möglich zu seiner Braut zurückzuholen.
Konstanze habe aus seinen Briefen herausgefühlt, daß er ihr mehr und
mehr entgleite, gestern sei ihr das plötzlich zu einer unumstößlichen
Gewißheit geworden, und in ihrer ungestümen Art sei sie auf den Bahnhof
gelaufen, um sogleich zu ihm nach Zürich zu fahren; da aber in den
nächsten Stunden kein Zug in die Schweiz fällig gewesen, sei sie nicht
etwa im Warten zu ruhiger Besinnung gekommen, sondern immer aufgeregter
geworden, bis sie sich auf einmal einer rasch hereinfahrenden
Lokomotive entgegengestürzt habe -- zweifellos in der Absicht, den
Tod unter ihren Rädern zu suchen. Durch die Geistesgegenwart eines
beherzten älteren Herrn an diesem schrecklichen Vorhaben gehindert, sei
sie ohnmächtig zusammengebrochen und liege nun im Spital, wo sie in
heftigen Fiebern jammernd nach ihrem Bräutigam verlange. Das einzige,
was sie retten könne, so schloß der Arzt, sei Jabergs sofortiges
Kommen.
Ernst und bleich sah dieser bald versunken vor sich hin, bald
schmerzerfüllt und flehend in die Augen Nicks, als ob er von ihr Rat
und Rettung erwarte.
Da erhob sich diese und ergriff mit festem Druck seine Hand. »Leben Sie
wohl,« sagte sie leise, aber entschieden. »Es gibt keinen anderen Weg
für Sie. Helfen Sie der Armen!«
Mit diesen Worten verließ sie ihn und begab sich auf ihr Zimmer. Noch
klang die fröhliche Tanzmusik durch das Haus, doch fand Frau Bretscher
den Augenblick, ihr zu folgen. In höchstem Erstaunen teilte sie ihr
mit, daß Jaberg soeben mit dem Fremden aus dem Hause gegangen sei und
ihr durch das Mädchen einen verschlossenen, hastig geschriebenen Zettel
habe überreichen lassen. »Liebe Frau Professor!« stand darauf. »Ich muß
fort, für immer. Nick wird Ihnen alles erklären. Der Festigkeit dieses
herrlichen Mädchens verdanke ich, daß ich die meine wiedergefunden
habe. Leben Sie wohl, verehrte Frau! Wegen meiner Sachen schreibe ich
Ihnen aus München. Allezeit Ihr dankbarer Gerold von Jaberg.«
In wenigen Sätzen gab Nick der herzlich teilnehmenden Frau die nötigste
Auskunft und bat sie, Näheres auf den kommenden Tag zu verschieben;
jetzt aber möge sie zu den Gästen zurückkehren und Jabergs plötzliche
Abreise mit einer Familienangelegenheit begründen, ihr eigenes
Fernbleiben mit Kopfschmerz entschuldigen.
Allein geblieben, schritt Nick noch lange in ihrem Zimmer auf und ab,
in das nur noch kurze Zeit das Geräusch des Balles heraufdrang: die
Gäste mochten doch das Gefühl haben, daß der Zwischenfall ein für den
allgemein beliebten Jaberg unerfreulicher gewesen sei, und beendigten
das Fest früher, als Nick erwartet hatte.
Sie fragte sich immer wieder, ob es denn wahr sei, was in dem
Briefchen Jabergs gestanden hatte: daß ihre Festigkeit ihm die seine
wiedergegeben habe. Und in ihrem Nachsinnen darüber wurde ihr klar, was
für eine Bedeutung ihre Freundschaft mit Jaberg für sie haben sollte.
In aufdämmernder Selbsterkenntnis hatte sie einst in der Unsicherheit
ihrer Gefühle einen verhängnisvollen Fehler ihres Charakters gesehen
-- jetzt war sie darüber hinausgewachsen in der strengen Schule des
Lebens, jetzt hatte sie diese Unsicherheit überwunden und sah ihren Weg
klar vor sich.
Und in einem heiteren Morgentraume ging sie Hand in Hand mit Ulrich
Junghans durch die Gefilde ihrer Kindheit.
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In eingehendem Gespräche setzte Nick am nächsten Tage der Frau
Professor auseinander, was für Beziehungen zwischen ihr und Jaberg
bestanden hatten. Im tiefsten Grunde ihrer Seele sei sie dem Schicksal
dankbar, daß es dem Schwanken ihrer Gefühle ein Ende gemacht und
sie zur Klarheit geführt habe. Zum ersten Male sprach sie mit der
verständnisvollen Frau auch über Ulrich Junghans und machte kein Hehl
daraus, daß es vor allem das uneheliche Kind des Jugendfreundes sei,
das ihr den Weg zu ihm zurück verschließe.
Da glitt ein feines Lächeln über die ernsten Züge der Frau Bretscher,
und mit ihrer sanften Stimme, die Nick schon oft wohlgetan hatte, sagte
sie ruhig: »Ich verstehe das gut, liebe Monika, und an Ihrer Stelle
würde ich wahrscheinlich ebenso fühlen. Ich weiß auch nicht, ob ich an
Ihrem Platze klug und großherzig genug sein würde, um den Vorstellungen
einer lebenserfahreneren Freundin Raum zu geben. Es handelt sich aber
in dieser Angelegenheit doch um Vorurteile, über die ein edler Mensch
sich hinwegsetzen kann und muß. Glauben Sie nicht, daß ich irgendeiner
Zügellosigkeit das Wort reden will, -- Sie kennen mich ja gut genug,
um mich hierin nicht mißzuverstehen. Ich meine aber, daß es nichts
Schöneres gibt für ein Menschenherz, als einem Verirrten auf den
rechten Weg zurückzuhelfen, den er so gern wieder einschlagen möchte --
und den er einschlagen würde, wenn ihn die Scham über seine Verirrung
nicht hinderte. Dafür aber, daß er eine hilfreiche Hand verdient,
gibt es doch wohl keinen besseren Beweis als eben diese Scham. -- Und
weiter,« fuhr sie nach einer Pause fort, in der sie die sinnende Miene
Nicks mit stiller Freude beobachtete, »weiter, liebe Monika: Soll denn
das Büblein, das aus dieser wilden Ehe geboren ist, lebenslänglich
die Schuld seiner Eltern büßen, an der es doch so ganz unschuldig
ist? Liegt nicht auch da für ein edles Frauenherz eine schöne, eine
wunderschöne Aufgabe?«
Mit diesen Worten erhob sich die Frau Professor und reichte der immer
noch versunken Dasitzenden beide Hände. Nick ergriff sie, herzliche
Dankbarkeit in den großen dunklen Augen, und stand gleichfalls auf.
»Hätte ich Sie doch schon früher kennen gelernt, Frau Professor,« sagte
sie einfach. »Da wäre mir wahrscheinlich mancher Irrtum und mancher
Irrweg erspart geblieben. Aber wer weiß, wozu auch die gut gewesen sind
-- für mich wie für Ulrich.«
»Sicherlich waren sie das,« bestätigte Frau Bretscher. »Nun aber sagen
Sie mir: was wollen Sie tun, um den Faden wieder aufzunehmen, der
zwischen Ihnen und dem Jugendfreunde zerriß?«
»Darüber will ich mit seiner Schwester beraten,« gab Nick ohne Zaudern
zurück.
In der Tat ging sie noch an diesem Tage zu Marie Keller, die ein
Töchterchen in den Armen wiegte. Sie bewunderte das halbjährige,
wohlgedeihliche Kind, wie es das Mutterherz erfreute, bei einer
günstigen Wendung des Gespräches aber führte sie jenen Namen, der so
lange unausgesprochen zwischen ihnen geblieben war, endlich wieder
einmal über die Lippen.
Die kräftige Marie sank mit ihrem Kinde in einen Stuhl zurück. Mit
wenigen Worten, deren Kälte Nick ins Herz schnitt, tat sie den Bruder
ab. »Die Eltern vergrämen sich in Sorge um ihn, nach all den übeln
Gerüchten haben sie selber von ihm nichts mehr gehört, und alle
Versuche, von seinem Aufenthalt etwas zu erfahren, sind vergeblich
geblieben. Wir müssen fast wünschen, daß er irgendwo ein nicht allzu
böses Ende gefunden habe. Wenn die Eltern nur diese traurige Gewißheit
hätten!«
Nun wurde Nick die Anwaltin Ulrichs, und sogleich merkte Marie, daß die
Freundin mehr um den verschollenen Bruder wußte als die eigene Familie.
»So sprich doch -- um Gottes willen erzähle! -- Was weißt du durch
Jaberg von ihm?«
Nick hielt nicht hinter dem Berge und gestand der überraschten Frau
Keller alles und jedes, was sie von Ulrich wußte.
»Ein Kind -- ein uneheliches Kind -- von der wilden Frau!« schrie
Marie auf, daß selbst die Kleine auf ihrem Arm unruhig wurde und zu
weinen begann. »Nun verstehen wir! -- Nein, so kann er freilich nicht
heimkommen, der Taugenichts! -- Das ist eine Schande für die Familie!«
»Wenn ich aber Ulrich für mich heimrufe,« trotzte Nick, »wenn ich
seinem Jungen Mutter werden will?«
»Nie -- nie darfst du das tun!« empörte sich Marie, die über die
Enthüllungen Nicks an Leib und Seele zitterte.
Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick Lehrer Keller, der aus der
Nachmittagsschule kam, zu den beiden aufgeregten Jugendfreundinnen
trat. Sein Erscheinen beruhigte die fassungslos gewordene Marie. Zwar
auch er war mächtig überrascht, daß durch Nick plötzlich hellscharfes
Licht in das Dunkel fiel, das bisher das Schicksal seines ihm
unbekannten Schwagers Ulrich umgeben hatte, aber er nahm die Tatsachen
leichter als seine bebende Frau. Er bat sich die Freiheit aus, Nick
bis zu ihrer Pension zurückbegleiten zu dürfen. Sie wählten dafür
einen weiten Umweg und besprachen den Lebensgang Ulrichs noch einmal
eingehend. Beim Abschied sagte er in seiner trockenen Art: »Ja, liebe
Nick, ich glaube doch, daß Sie den geplanten Brief schreiben dürfen.
Schon schwierigere Dinge sind in der Welt ins Blei gebracht worden. Mag
die Familie Junghans sich jetzt entsetzen vor Scham, -- wenn Uli und
sein Kind einmal dastehen, so siegt ja doch die Stimme der Natur und
des Blutes. Bei meiner Marie werde ich zuerst dafür besorgt sein!«
Unter der Adresse, die ihr aus Jabergs Erzählung fest in Erinnerung
geblieben war, schrieb nun Nick an Ulrich Junghans in Debreczin den
Brief, wie sie sich ihn zurechtgelegt hatte. Ohne Angabe, woher
sie seinen Wohnsitz kenne, legte sie ihm einfach die Pflicht nahe,
seinen um ihn tiefbesorgten Eltern ein Lebenszeichen zu geben. »Am
besten aber würde es sein, wenn Sie sich zu einer Reise in die Heimat
entschließen könnten.«
Ein einfaches »Auf Wiedersehen!« vor ihrer Namensunterschrift war
das einzige, woraus Ulrich erkennen mochte, daß auch ihrerseits ein
herzliches Willkommen seiner warte. Es schien ihr deutlich genug.
Eine Woche hatte sie nun Zeit, sich das Gesicht Ulrichs auszumalen,
wenn ihn ihr Brief überraschte, wenn sich der aus freiem Entschluß
Verschollene von der Heimat entdeckt sah. War es ihm ein Schrecken oder
eine Freude? Vielleicht beides zusammen.
Da sprach unerwartet Marie für einen Augenblick in der Pension
Bretscher vor. »Liebe Nick,« sagte sie etwas beschämt. »Ich muß dir
nun doch für den Brief an Uli danken. Er hat den Eltern in Eglisau
geschrieben. Bei ihnen herrscht unbeschreibliches Glück darüber, daß er
Direktor einer großen mechanischen Werkstätte ist und daß er sie bald
einmal zu besuchen gedenkt. Davon, daß du ihm einen Stoß gegeben hast,
steht in seinem Brief kein Wort, die Eltern sind also überzeugt, sein
Schreiben und seine Heimkehr kommen aus freiem Entschluß, und freuen
sich darüber um so mehr. Mein Mann und ich stören sie in dem Glauben
nicht. Und auch, was den Jungen betrifft, mischen wir uns nicht ein.
Uli soll das selber mit Vater und Mutter ausmachen. Mein Mann hat mir
über meine Ansichten in diesen Dingen den Kopf so gründlich gewaschen,
daß ich jetzt lieber den Mund halte. Neugierig bin ich bloß, ob Uli den
Jungen mit in die Heimat bringt.«
Marie verließ Nick mit freudestrahlenden Augen, und diese selber trug
ein Glück im Herzen, daß sie oft an sich halten mußte, um nicht das
Haus mit ihren Liedern zu erfüllen. Manchmal klopfte ihr aber auch das
Herz heftig, dann, wenn sie sich ein Bild zu machen suchte, wie sich
wohl das Wiedersehen zwischen ihr und Ulrich gestalte. Warum schrieb er
ihr nicht im voraus eine Zeile? --
So waren wieder vierzehn Tage vergangen. Da kam Maries Mädchen als
Botin und überbrachte ein Briefchen: »Liebe Nick! Neuigkeiten von Uli.
Komm vorbei. Ich möchte Dir etwas zeigen. Gelt, Du kommst, so geschwind
es Dir möglich ist? Marie.«
Nick legte die Bitte der Frau Bretscher vor. »Selbstverständlich. Sie
gehen sofort zu Ihrer Freundin,« entschied diese nach kurzem Besinnen.
»Ich verstehe Sie und folge Ihrer Freude teilnehmend, doch auch in der
Vorahnung, daß wir Sie, liebe Monika, bald verlieren werden. Aber jetzt
Glück auf den Weg!«