Lauf der Jahrhunderte gesehen? Die Schwingen der Weltgeschichte hatten
es umbraust, Geschlecht um Geschlecht war unter ihm zusammengebrochen.
Aber in wie viel Straßen, Gassen und Gäßchen die Gipfel des steinernen
Gebirges geheimnisvoll hinunterblickten, -- an seinen Quadern war
gewiß nie ein schlechterer und gemeinerer Mensch dahingewandert als
er, Ulrich Junghans von Eglisau! Dennoch trat er eines Tages in die
dämmerigen, zauberisch ergreifenden Hallen. Ein Sonnenstrom wallte
durch die hohen Fenster herein, und die schöne Weise des Dreimal
Heilig, von hellen Knabenstimmen gesungen, schwebte durch den Raum.
Im tiefsten Herzen ergriffen lauschte er und geriet in eine so weiche
Stimmung, daß sich ihm die Tränen in die Augen drängten. Plötzlich
gedachte er Nicks, ihr reines Bild stand so klar wie eine Erscheinung
vor ihm. Im Gefühl seiner Nichtswürdigkeit stürzte er ins Freie,
ging in ein Gasthaus, in dem er sich vor Werra sicher fühlen konnte,
und schrieb der Freundin seiner reinen Jugendtage in Wehmut und
Zerknirschung den trostlosen Brief.
Auch den Eltern Nachricht von sich zu geben, empfand er wie eine
klemmende Pflicht. Oft setzte er sich zum Schreiben hin, aber dann
stand er wieder auf. »Nein bei Gott, so schlecht bin ich noch nicht,
daß ich meinen ehrlichen Eltern eine Lüge vorsetzen könnte. Und die
Wahrheit darf ich ja nicht melden!«
In seiner Seele schlugen sich beim Gedanken an Werra Barensky Liebe und
Haß eine Schlacht. Wie kulturlos war das Weib bei allem äußern Schein
und Glanz, wie unwissend und ungebildet! Jedem ihrer Einfälle ließ sie
freien Lauf. Die entgegengesetztesten Eigenschaften kamen an ihr zum
Vorschein. Sie war verträglich, treu, gütig, mitleidig, freigebig,
aber auch roh, hochmütig, grausam; bei dem übrigen Zirkusvolk eher
gefürchtet als beliebt, aber doch geachtet und von einzelnen, denen
sie Wohltaten erwiesen hatte, sogar verehrt. Ihre Schülerin Mab, das
seltsame Wesen, das im gleichen Augenblick sehr häßlich und sehr schön
sein konnte, folgte ihr treu wie eine Hündin, obgleich ihr Werra
zuweilen den Schuh oder die Peitsche über den Kopf schlug. Die Kleine
sagte ihm oft, kein Weib sei so gütig wie ihre Herrin. Namentlich war
es Werra gegen die Tiere, für die Pflege eines kranken opferte sie die
Nächte, und es war ihr ein wilder Schmerz, wenn eines abgetan werden
mußte. Auf ihrem Zimmer hatte sie stets irgendeine junge Wildkatze um
sich, Löwchen oder Tigerchen, oft bis in ein Alter, wo es nicht mehr
ungefährlich war. Ulrich selbst mochte die drolligen, immer zum Spiel
aufgelegten Geschöpfe, aber daß er die Zärtlichkeiten und Liebkosungen
Werras mit ihnen teilen mußte, stieß ihn manchmal ab. Sie schien keinen
rechten Unterschied zwischen Mensch und Tier zu kennen.
Besaß sie ein Gefühl für das ungeheure Opfer an Ehre, das er ihr
gebracht hatte? -- Gewiß! Nie erlaubte sie sich eine Launenhaftigkeit
gegen ihn, ihre Liebe demütigte sich bis zur Unterwürfigkeit, und
umsonst wünschte er sich einen großen Streit mit ihr, damit er einen
Vorwand hätte, sie für immer zu verlassen. Im Gegenteil, es schien, als
ob das Schicksal ihn stets enger mit Werra zusammenschmieden wolle.
Jubelnd teilte sie ihm mit, daß sie sich von ihm Mutter spüre. Die
Wonne darüber verklärte ihre Augen, Gesicht, Seele, streifte jede
Wildheit von ihr ab und erlosch auch nicht, wenn sie nun hie und da
einer Vorstellung fernzubleiben genötigt war. Jedermann wunderte sich
über die strahlende Laune des sonst leicht reizbaren Weibes, über ihre
Güte gegen die Umgebung. In die einsamen Gedanken Ulrichs hinein aber
ragte die Neuigkeit wie etwas Furchtbares. Tag und Nacht grübelte er
darüber nach. Am liebsten wäre ihm gewesen, er hätte vermuten dürfen,
ein anderer sei der Vater des werdenden Kindes; er hatte jedoch nicht
das geringste Recht, die Treue Werras in Zweifel zu ziehen. Wie aber,
wenn sie forderte, daß er wegen des Kindes mit ihr die Ehe eingehe?
Die Sorge war überflüssig. Als er ihr einmal vorsichtig davon sprach,
lachte sie ihn mit dem Übermut ihres Mutterglückes aus. »Junge oder
Mädchen, -- wenn du einmal von mir fortgehst, werde ich es doch
erziehen wie ein Fürstenkind und ihm so viel Liebe schenken, daß es
die deine nicht vermißt. Nur eines möchte ich an dir noch erleben,
Ulrich, nämlich daß du wieder einmal so warm lachen magst, wie ich es
in Frankfurt von dir gehört habe!«
Er schob sein schlechtes Aussehen und seine Bedrücktheit auf die
schiefe Lage, in der er sich befand. »Ich war in meinem Leben nie
Müßiggänger und bin nicht imstande, den ganzen Tag durch die Gassen
zu laufen; wollte ich aber als Arbeiter in eine Messerschmiede, so
müßte ich wegen der Wanderschaft des Zirkus unter irgendeinem windigen
Vorwand schon wieder kündigen, ehe ich mich in der Werkstatt recht
umgesehen hätte.« Werra begriff wohl nur halb, daß er nach seiner
Herkunft und Erziehung eines geordneten Lebens bedurfte; um aber
seinen Arbeitsdrang zu befriedigen, besprach sie sich mit Tempelmann.
Ulrich kam als Mechaniker im Zirkus unter und fand in dem weitläufigen
Unternehmen Tag um Tag Beschäftigung genug.
So wurde er selber Mitglied des merkwürdigen Wandervolkes, aus dem
sich eine Kunstreiterei zusammensetzt, einer Welt, die nicht besser,
nicht schlechter ist als die übrige: wie sie durchzuckt von den
Leidenschaften der Liebe, der Eitelkeit, des Neides, wie sie bewegt vom
Schrei der Freude, von den heimlichen Tränen des Leides, aber beglänzt
von der Romantik der fahrenden Kunst. Er folgte dem Unternehmen
wintersüber durch ein paar Städte des rheinischen Industriebezirkes,
verkehrte aber mit den Artisten so wenig wie möglich und tat seine
Pflicht in stiller Vornehmheit. Nie hatte ihn Werra aufgefordert, daß
er den Vorstellungen beiwohne, doch mengte er sich dann und wann unter
die Zuschauer; denn es bereitete ihr stets eine kindliche Freude, wenn
sie ihn während des Spiels unerwartet im Hintergrund einer Galerie
entdeckte.
Auch fand er in dem buntgemischten Völklein einen treuen Freund. Es
war der Clown William, der die Zuschauer jeden Abend durch seine
Purzelbäume und Luftsprünge, seine bodenlose Dummheit und seine
glänzenden Witze zu dröhnendem Lachen hinriß. Im bürgerlichen Leben
führte er den ehrsamen deutschen Namen Traugott Meister, und wie
er zwei Namen besaß, lebte er eine Art Doppeldasein: Steckte er im
Narrenkleid, das Gesicht häßlich übermalt, so brodelte er in Übermut;
hatte er aber die Maske abgestreift, so fiel ihm, wie er selber
behauptete, nie ein Witz ein, er war dann ein stiller Mensch mit
einem auffallend geistvoll geschnittenen Gesicht. Als der Sohn armer
Bergmannsleute in Oberschlesien hatte er sich den Sprachwissenschaften
widmen wollen und schon ein Jahr Universität hinter sich. Dann waren
ihm die Mittel ausgegangen, er hatte sich aus Not zum Zirkus gewandt,
trieb aber in den freien Stunden, die ihm der Beruf ließ, seine Studien
eifrig weiter und lebte der schönen Überzeugung, daß er sich doch noch
den Doktortitel erringen werde. Wegen seiner ruhigen Art, den Menschen
zu begegnen, war er von Artisten und Artistinnen wohlgelitten, auch mit
Werra Barensky und Mab befreundet. Mit dem Mechaniker verband ihn vor
allem die Sehnsucht nach der Rückkehr in die bürgerliche Welt, und als
ihm Junghans einmal das Herz öffnete, verstand er die Qual des abwegs
Geratenen überraschend fein.
»Nein, Sie dürfen nicht bei der Barensky bleiben,« beredete er
Junghans. »Das ist kein Leben für einen ehrbaren Schweizer. Sie gehen
in dieser Luft langsam zugrunde. Sie müssen die Gelegenheit benützen,
da sie durch ihre Mutterschaft so mild und nachgiebig geworden ist.
Schnell den Schnitt ziehen und fort! Sonst werden Sie lebenslang nicht
wieder aus ihren Netzen kommen.«
»Wie danke ich Ihnen,« erwiderte Junghans. »Ja, jetzt! Ich sehe das so
klar wie Sie!« Auch ihm schien es ein Leichtes, sich von Werra Barensky
zu befreien: sie freute sich ja ihres Zustandes so innig, daß sie auf
jeden seiner Wünsche einging. Um des keimenden Wesens willen versuchte
sie sogar, freilich kunstlos genug, der Freude an ihrem Zustand durch
Lieder Ausdruck zu geben. Über ihrem Glück war er ihr zur Nebensache
herabgesunken, und in allem, was er ihr an Liebe erwies, erschien ihr
nichts so wertvoll wie sein Unterricht im Lautenspiel. Jetzt von ihr
und aus der ihm verhaßten Welt des Artistentums fliehen! Wie wollte
er aufatmen, wenn er einmal das ehrlose Verhältnis, das ihn bis zum
Lebensüberdruß niederstimmte, hinter sich hatte!
Es ging ihm aber merkwürdig. Bereit, die Mutter zu verlassen, vermochte
er sich nicht von dem noch ungeborenen Kinde zu trennen. War ihm der
Gedanke an das Geschöpfchen zuerst eine Widerwärtigkeit gewesen, so
beschäftigte er sich jetzt häufig mit ihm. Vielleicht aus dem Beispiel
Werras, vor allem aber aus einem Eindruck im Zirkus. Er ertrug den
Anblick kaum mehr, wie sie mitten unter den zähnefletschenden,
fauchenden Raubtieren stand oder das prächtige Haupt in den Rachen
eines Löwen legte. Das Herz erzitterte ihm vor Angst um das Wesen unter
ihrer Brust; die Gefahr, in der es bei den Dressuren schwebte, weckte
seine Liebe zu dem Kinde. Durfte er einfach von Werra gehen und es ihr
überlassen? Dann bekam es zu Gespielen junge Panther und Löwen, dann
wuchs es in der Zirkusluft, vielleicht verwöhnt, aber so ungebildet,
kulturlos und wild wie seine Mutter auf, hatte nichts um sich als das
lärmende, glänzende, hohle Leben des Artistentums und trug wohl selber
bald den bunten Flitter, frühreif und mit dem traurigen Blick der
Kinder, die nicht in Natur und Ruhe haben aufwachsen können.
Der Gedanke bemächtigte sich seiner immer stärker. Wohl hatte er
sich weit von dem ehrbaren Lebenswandel seiner Jugend entfernt, aber
so tief wollte er nicht sinken, daß er auch noch ein unschuldiges
künftiges Wesen ins Verderben riß, sein eigenes Blut. Da stände
er ja vor sich selber und vor Gott doppelt als Verbrecher da. Die
hohen Verantwortungsgefühle, die ihm Pfarrer Tappoli während der
Konfirmationsstunden in die Brust gelegt hatte, wurden wieder in ihm
lebendig, aus geheimnisvoller Tiefe spürte er: sein Kind durfte er
nicht lassen. Wenn er es aber nicht ließ, was dann? -- Dann gehörte er,
so lange er lebte, der Barensky als wilder Gatte an, und die Erziehung
des Kindes würde doch eine verfehlte.
Eine grenzenlose Traurigkeit über die Wendung, die sein Leben genommen
hatte, überfiel ihn. Aus den Städten irrte er hinaus in die Felder,
Wälder, Heide, dachte an die Menschen, die ihm lieb gewesen waren, an
Vater, Mutter, Geschwister, und wenn er an das Bild Friedrichs kam,
so war ihm, er verdiente es, daß ihn der Bruder niederschlüge wie
einen Hund. Wenn er aber Nick im Geiste vor sich sah, die ihm so lieb
geschrieben hatte und die nun für ihn doch unerreichbar geworden war,
so wäre er am liebsten einsam auf der Heide gestorben. Wie ein Grauen
lastete auf ihm das Schweigen gegen die eigenen Angehörigen.
Traugott Meister blickte tief in Ulrichs Kummer. »Sie müssen fort,
sonst gehen Sie an sich selber zugrunde. So lange ich als Artist bei
Tempelmann bleibe, werde ich ein scharfes Auge auf die Barensky und das
Kind halten und Sie von jeder Veränderung unterrichten. Wie leicht ist
es möglich, daß es Ihnen doch noch gelingt, ihr das Kind zu entziehen
und es in einer Bürgersfamilie unterzubringen. Denken Sie, daß das Weib
einige Zeit nach der Geburt doch wieder eine Liebschaft eingeht, daß
der bevorzugte Mann an dem Kinde ein Mißfallen findet und sie selber
seiner überdrüssig wird. Ein solcher Rückfall in ihre alte Lebensart
ist bei der Barensky doch sehr leicht möglich! Dann schreibe ich Ihnen.«
Schon war es Frühjahr geworden, und der Zirkus stand in Bremen. Die
junge Mutter jauchzte Ulrich mit strahlenden Augen zu: »Das Kind lebt
in mir. Ich spüre seinen Herzschlag, ich merke seine Füßchen.« Sie traf
Vorbereitungen, um sich für ein paar Monate vom Zirkus zurückzuziehen.
Da sprach er vom Scheiden. Tränen traten ihr in die großen, dunkeln
Augen, aber sie machte ihm keine Vorwürfe, das Muttergefühl hatte ihre
Widerstandskraft völlig gebrochen. »Nur noch ein wenig bleibe, Ulrich!«
Als er wieder zu ihr kam, lag sie in Weinkrämpfen auf dem Teppich.
»Clown William war bei mir. Ich weiß, daß du gehen mußt. Du verdirbst
neben mir. Das will ich aber nicht, -- nie, nie, Ulrich!«
Ein paar Tage später fuhren sie gemeinsam von Bremen nach Hamburg.
Sie wollte in dieser Stadt das Kind erwarten. Sie lachte und weinte
im gleichen Atemzug, sie lachte dem Geschöpfchen entgegen, das sie
unter dem Herzen trug, und weinte mit der gleichen Zärtlichkeit um den
Geliebten. Sie wußte wohl, daß er nie mehr zu ihr zurückkehren würde.
Er reiste von Hamburg nach Berlin weiter. Als der Zug abfuhr, stand
sie auf dem Bahnhof, senkte das Haupt in schütterndem Schmerz und hob
den Arm vor die Stirn. So entglitt ihm das Bild. Hatte er das Weib
geliebt oder gehaßt? -- Wohl beides miteinander!
Warum er nach Berlin fuhr, war ihm selber nicht klar. Vielleicht nur,
um mit seinem verunreinigten Selbst unterzutauchen im Menschengewoge
der großen Stadt. Lieber wäre er heimgefahren zu Nick, aber zwischen
der Heimat und ihm lag es wie Feuerlohen, durch die sich nur ein Mann
mit einem guten Gewissen wagen durfte.
20
In Berlin fand er in einer Werkstatt, die ein paar hundert Schritte
hinter dem Potsdamer Platz lag, Unterkunft als Messerschmied. Da wollte
er wenigstens so lange bleiben, bis ihm Traugott Meister Nachricht
von der Geburt des Kindes gab. Und nachher? -- Das lag ihm selbst im
Dunkeln. Vielleicht zu Szedesky reisen.
Er hatte geglaubt, wenn er nur einmal von der Barensky und dem Zirkus
los sei, so finde er von selber wieder Lebensglauben und Lebensglück.
Dem war aber nicht so. Wohl hätte er in Berlin Gelegenheit genug
gefunden, wieder eine Liebschaft anzuknüpfen, aber es ging ihm wie
den gebrannten Kindern mit dem Feuer. Dann und wann dachte er an die
Barensky, aber viel häufiger an Nick. Seine Seele trauerte um die
Verlorene und schrie nach ihr; sie weinte nach der Heimat, die Kraft
aber fand er nicht, den Eltern einen Brief zu schreiben. Wohl gerade,
weil er in schmerzender Scham eine große natürliche Pflicht versäumte,
gab es für ihn kein Aufatmen.
Ende Juni erhielt er von Traugott Meister ein paar Zeilen aus Hamburg:
»Werra Barensky ist mit einem prächtigen, gesunden Jungen zu uns
zurückgekehrt. Das Kind ist Ulrich getauft. Leider besteht vorläufig
keine Hoffnung, daß sie es aus den Händen geben würde. Jedermann vom
Zirkus, hinab bis zum geringsten Knecht, muß in ihr Hotel kommen und es
bewundern.«
Das erste Gefühl Ulrichs war, auch er sollte hinfahren und seinen Sohn
sehen. Dann aber ließ ihn Werra Barensky sicher nicht mehr los. Nein,
seine Freiheit mußte er sich bewahren! Unter Schmerzen besiegte er die
Regung. Seine Gedanken aber waren unablässig bei dem Kinde. Die Furcht,
daß die ungebildete Mutter seine Erziehung vernachlässige und er ihm
nicht helfen könne, quälte ihn Tag und Nacht. Vielleicht weil er von
seiner Stellung befriedigt war, vielleicht weil die Bilder der großen
Stadt dann und wann die mancherlei Gewissensbisse in seiner Brust
wohltätig überfluteten, blieb er aber doch in Berlin.
Schon ging es auf Weihnachten. Die Stadt lag im Schnee. Da riß ihn eine
Drahtnachricht von Traugott Meister aus seiner seelischen Dumpfheit
empor: »Lübeck. Kommen Sie. Werra Barensky durch Unglücksfall tot, Ihr
Kind frei.«
Jäh erregt warf Ulrich sich in den Zug, ihm war, er könne die paar
Stunden Fahrt nicht überleben. Er bildete sich ein, die Barensky sei
wohl durch ein wildes Tier zerrissen worden, wie einst ihr Vater von
einem Eisbären. Ihr Tod erschien ihm wie ein Gottesgericht, verdient
durch den verhängnisvollen Peitschenhieb in Mainz und dadurch, daß
sie ihn aus seinen ehrsamen Verhältnissen in ein schmachvolles
Abenteurerleben hineingezwungen hatte. Der Haß gegen das Weib war in
ihm doch stets größer gewesen als die Liebe, ihr Tod befreite ihn von
einer unerhörten Last. Niemand trennte ihn mehr von dem Sohn, er
war Herr über das Schicksal des Jungen. Der Gedanke erfüllte ihn mit
freudiger Ruhe. Was aber nun? Es erschien ihm als der einzige gute
Ausweg, daß er mit dem Kinde in ein fremdes Land gehe, denn in die
Heimat wagte er sich aus Scham mit ihm nicht. Was würden die braven
Eltern und Geschwister sagen, was Nick, wenn er mit dem lebendigen
Zeugen seiner Schmach vor sie hinträte? -- Sobald wie möglich wollte
er einen Brief an Szedesky schreiben, in dem er ihm die Erlebnisse des
letzten Jahres freimütig bekannte, ihn fragen, ob er Arbeit für ihn in
seiner Fabrik habe und ob es Gelegenheit gebe, den Knaben bei einer
guten Frau unterzubringen, wo er ihn dann und wann sehen und seine
Entwicklung überwachen könne.
Am Bahnhof in Lübeck holte ihn Traugott Meister ab. »Nun hat sich ja
für Sie der Knoten wunderbar gelöst,« empfing er den Freund, »ich
wollte, das Schicksal hätte den meinen ebenso gründlich durchschnitten.
Die Mab hat Werra Barensky erschossen.« Ulrich fuhr zurück. »Die Mab?«
-- »Unglücksfall oder Verbrechen?« fuhr Meister fort. »Niemand kann's
wissen. Die beiden knallten sich gestern gegen Abend zur Unterhaltung
in einem Gasthofzimmer hohle Glaskugeln von den Köpfen, -- ein neuer
Trick für die Arena, in dem sie sich seit einiger Zeit übten. Da
ereignete sich der verhängnisvolle Schuß. Als auf den Schreckensschrei
der Kleinen die ersten Zeugen zu dem Unglück kamen, kniete sie über
Werra Barensky, die, mitten in die Stirne getroffen, auf dem Boden lag.
In wildem Jammer rief sie unausgesetzt: »Meine Herrin, meine Herrin!«
Die Sterbende gab noch Lebenszeichen und jammerte leise nach ihrem
Kind. Im ersten Augenblick glaubte jedermann an einen unglücklichen
Zufall. Bald aber tuschelte es sich unter dem erschrockenen
Artistenvolk herum, es handle sich um Liebesrache. Mab soll Beziehungen
zu einem jungen Griechen gehabt haben, der in einem Handelshaus tätig
ist. Die Barensky fand aber auch Gefallen an dem schwarzen Krauskopf,
er gab ihren Lockungen nach, die Kleine überraschte die beiden, -- und
nach ein paar Tagen fiel der Schuß. Jetzt ist Mab in Untersuchungshaft.«
Meister führte Junghans in einen Zirkusschuppen. Da lag die Leiche
der Werra Barensky schon im Sarg. Auf ihrer Stirne war ein roter Tupf
sichtbar, nichts weiter, und das blasse Gesicht sprach noch lebhaft von
ihrer kraftvollen Schönheit. Ulrich aber hatte nur wieder das Gefühl,
es sei ein Gottesgericht ergangen, und fand darin etwas wie Versöhnung
mit der Toten, die so unselig in sein und anderer Leben eingegriffen
hatte.
Nun aber zu dem Kind! Er traf es wohlversorgt in dem Hotel, in dem
Werra gelebt hatte und verunglückt war. Schon halbjährig saß es in
seiner mit Spitzentüchern reich ausgestatteten Wiege, an Fremde gewöhnt
streckte es ihm gleich lächelnd die Ärmchen entgegen. Und siehe da, es
war ein schönes, wohlgebildetes Kind, es hatte tiefblaue Augen, nur das
ansprossende dunkle Haar verriet den Einschlag des mütterlichen Blutes.
Vom ersten Augenblick an hatte er den vergnüglich lallenden Buben
unsäglich lieb und fühlte sich durch seinen Anblick von einem Lebensmut
beseelt wie in den Tagen, da er die Barensky noch nicht gekannt hatte.
Seinetwegen nahm er Quartier im Hotel, und noch am gleichen Abend
schrieb er einen langen, herzbewegten Brief an Szedesky. --
Er kam von der Beerdigung der jählings Abgeschiedenen, die nun in
fremder Erde ruhte. Von den vielen seltsamen Bildern des erschütterten
Zirkusvolkes, das einer der Seinigen die letzte Ehre gegeben hatte,
hinweg schlenderte er in der sich früh neigenden Wintersonne durch die
von sieben schlanken Kirchhelmen überragte alte Stadt, besah sich etwas
zerstreuten Sinnes die farbenfreudigen Häuser aus Backsteinen, die ihn
an die heimatlichen Kachelöfen erinnerten, die Gassen mit den reichen,
bunten Mauern, Erkern, Säulen, Gesimsen, den engen, hohen Fenstern
und den treppenförmig aufgebauten Giebeln. Als aber der Sonnenschein
wich, die flammende Winterabendröte des Nordens um die Türme schwebte
und dann in grünen und violetten, unheimlichen Tönen erlosch, trat er
zu einer Erfrischung in das alte Zunfthaus der Schiffergesellschaft.
Er setzte sich einsam an einen Tisch und betrachtete die merkwürdige
Einrichtung, an der seit mehr als dreihundert Jahren nichts geändert
worden war, die erhöhten Plätze der Älterleute, die Wappen und
Schnitzwerke, die von der Decke niederhängenden Schiffsmodelle und die
fremdländischen Kuriositäten.
Da spürte er plötzlich den Blick eines vornehmen, etwas blassen jungen
Mannes, der in der Nähe saß, forschend in seine Züge gerichtet.
»Himmel, das ist ja Gerold von Jaberg!« durchzuckte es ihn. Sein erster
Trieb war, den Jugendgenossen zu begrüßen, aber die blitzschnelle
Erinnerung, in was für einer heiklen Lebensangelegenheit er in Lübeck
weilte, ließ ihn davor zurückschrecken. Um Gottes willen, wenn ihn
Jaberg nur nicht erkannte! Er saß noch eine Weile qualvoll da, rief
dann dem zudienenden Mädchen: »Fräulein, bezahlen, bitte.« Nur die drei
Worte -- Jaberg stand auf, trat an ihn heran, ergriff freudig seine
Hand. »Und du bist es also doch, Ulrich! Sprich, was führt dich nach
Lübeck?«
»Wanderschaft,« erwiderte Junghans betroffen. »Und dich?«
Jaberg, dem ein hübscher Schnurrbart gewachsen war, setzte sich in
alter Freundschaft zu ihm hin. »Noch dasselbe wie vor zehn Jahren,
als wir miteinander auf das Gymnasium in Konstanz gingen. Meine
Mutter wohnt hier in der Nähe auf dem Gut Mecklenhof. Wenigstens zu
Weihnachten, oft auch in den Sommerferien besuche ich sie. Was treibt
man aber im Winter? Man unternimmt eine Schlittenfahrt in die Stadt,
dreiviertel Stunden. Sonst lebe ich als Mediziner in Leipzig. Mein
Vater ist leider gestorben, mitten in seinen dänischen Forschungen.
Doch jetzt erzähle du -- nein, einen bessern Vorschlag, wir gehen
miteinander in den Ratskeller, setzen uns in eine Ecke, speisen und
erneuern die gemeinsamen Erinnerungen an Eglisau und das Rafzerfeld. Du
siehst doch, wie ich mich über unser Wiederfinden freue!«
Ja, das mußte sich Ulrich gestehen, Gerold war nicht mehr der Junge,
der beim Abschied etwas verlegen die rußigen Risse in seinen Händen
betrachtet hatte, sondern der offene Freund wie in den schönsten Tagen
ihrer Jugendzeit, und er durfte sich ihm nicht entziehen.
Sie hatten in der weitgewölbten, von mächtigen Pfeilern gestützten
Kellerhalle die schirmende Ecke gefunden, der Wein perlte in den
Römern, das Gespräch über die Jugendtage floß. »Wie, Nick Tappoli
ist in Zürich Verkäuferin!« rief Gerold. »Sie war mein Knabentraum,
überhaupt eines der feinsten Mädchen, die ich je kennen gelernt habe.«
Ulrich wurde bei den Worten sonderbar ums Herz, ein tiefes Heimweh kam
über ihn, je länger desto mehr faßte er das alte Freundesvertrauen zu
Jaberg. Von seltsamem Erleben ging ihm der Mund über. Was er gelitten
hatte, was er hoffte, schüttete er in ergreifender Erzählung aus und
hatte an Gerold einen verständnisvollen, warmbeseelten Zuhörer. Als
sie den Keller verließen, war Mitternacht schon vorüber. »Ich bleibe
in der Stadt«, versetzte Jaberg, »und statte dir morgen einen Besuch
ab. Vielleicht kann ich dir beim Ordnen der merkwürdigen Angelegenheit
irgendeinen Dienst leisten.« Als Ulrich unter schimmernden Nachtsternen
durch die totenstillen Gassen heim in seinen Gasthof ging, spürte er
die große Herzenserleichterung, daß er sich endlich einmal mit einem
Vertrauten über seine wirren Erlebnisse hatte aussprechen können. Der
Abend blieb ihm wohl in unvergeßlicher Erinnerung.
Die Hilfe Jabergs konnte er in der fremden Stadt brauchen. Der junge
Mann mit dem bekannten, geachteten Namen führte ihn bei den Behörden
ein, die sich der Angelegenheiten der Barensky bemächtigt hatten. Die
Bemühungen, sich einwandfrei in den Besitz des Knaben zu setzen, waren
mit mehr Widerständen verbunden, als Ulrich vorausgesehen hatte. Da die
Künstlerin außer dem Juwelenschatz ein ziemliches Vermögen hinterlassen
hatte, vermuteten die Beamten, hinter seinen Wünschen eine eigennützige
Absicht und forderten peinvolle Aufschlüsse über seine Beziehungen zu
der Artistin, sogar der unglücklichen Mab stellte man ihn gegenüber.
Nach etwa acht Tagen hatte er es erreicht, daß man ihm das Kind
übergab. Das Vermögen der Barensky aber blieb in amtlicher Verwahrung,
die Behörden wollten abwarten, ob nicht noch andere Ansprüche geltend
gemacht würden. Das Wesentliche für Ulrich war, daß ihm die freie
Vatergewalt über den Sohn zugesprochen worden war.