Langweilig schlichen auch für sie die Tage. Am liebsten hätte sie

wieder einmal ihre Jugendheimat am Rhein besucht, aber sie wußte

schon: jetzt würde selbst der ehemalige Liebling des Städtchens

schlecht aufgenommen. Überall auf dem Lande war eine mißtrauische

und feindselige Stimmung gegen alle Leute, die aus der Stadt kamen;

an ein paar Orten waren solche sogar von den Weibern mit Steinwürfen

zurückgetrieben worden.

Was nun? Sie stand am Fenster und schaute in die verödete Gasse hinab,

in die der helle Nachmittagssonnenschein fiel, und auf den alten Garten

zwischen den Giebeln. Die sich färbenden Früchte an ein paar Obstbäumen

deuteten schon gegen den Herbst. Nicht einmal Glorian Rollenbuz holte

sie mehr zu einem Spaziergang ab, der tat nun in Basel Buße für seine

Liebesanwandlung. Und wo war John Wildholz geblieben? Auf einen Brief

von ihr hatte er nicht mehr geantwortet. Warum nicht? --

Da ging der Klingelzug, und als sie sich über das Fenster vorbeugte,

kam ein für den Ernst der Tage unzeitgemäß freudiger Ruf unter einem

breitrandigen Sommerhut hervor. »Nick! Wenn du ein Stündchen Zeit

hättest!« Sie erkannte die Stimme Maries. Es war das erste Mal, daß die

Freundin nach ihr sah. Nick stülpte sich den Hut auf den Kopf, ging

die Treppe hinab und rief der Wartenden zu: »Das ist aber eine liebe

Überraschung!« »Wenn man nichts zu tun hat?« lächelte Marie. »Kein Gast

läßt sich blicken. Mein Vorschlag ist, wir gehen an den See, mieten ein

Boot und rudern uns so weit hinaus, wie die Cholera niemals fliegen

kann, und dann erzähle ich dir -- lauter Verliebtes und Verlobtes!«

Schelmerei und Übermut sprühten aus ihrem frischen Gesicht.

Als sie durch mancherlei Gäßchen und Winkel das Wasser erreicht hatten

und das Boot bestiegen, zog Marie die leichten, durchbrochenen

Handschuhe aus und griff zu den Rudern. Da rief Nick: »Ei, du trägst

einen Ring -- du bist verlobt!«

Marie, die auf diesen Augenblick gespannt hatte, lächelte selig: »Ich

-- und mein Bruder Friedrich auch! Meine Eltern bekommen jetzt einen

Schwiegersohn und eine Schwiegertochter auf einmal ins Haus. Denke

dir!« Sie ruderte aus der Limmat in den See, den eine leichte Brise

kräuselte. »Wir müssen die Richtung gegen den Kirchturm von Kilchberg

nehmen. Dort am Ufer wartet der Liebste auf mich. Er weiß, daß ich mit

dir komme, und freut sich auf deine Bekanntschaft. Ich habe ihm schon

manches von dir erzählt.«

»Wer ist's denn?« forschte die auf dem Hinterbrett sitzende Nick

ungeduldig.

»Du kennst ihn nicht,« erwiderte Marie, verträumtes Glück im Gesicht.

»Es ist ein Lehrer an den städtischen Schulen, Heinrich Keller mit

Namen. Wenn du ihn siehst, wird zwar dein erster Gedanke sein, daß

ich nicht stark auf Schönheit geschaut habe. Was tut's? Er ist ein

rechter, tüchtiger Mann, von allen, die ihn kennen, geachtet. Das hat

mir auch mein alter Professor gesagt. Heinrich stammt aus einfachen

Verhältnissen, seine Eltern, die mich besucht haben, sind schlichte

Bauersleute im Unterland, die Mutter trägt noch die Tracht, das rote

Mieder der Wehntalerin. Brüder und Schwestern arbeiten ebenfalls auf

dem Feld, er allein hat studieren können. Nur unter Entbehrungen,

aber er hat sich durchgerungen und ist von einer kleinen Stelle auf

dem Land so jung wie noch selten einer in die Stadt berufen worden.

Wir kennen uns nun schon ein Jahr, meine Liebe ist langsam gekommen,

und mein Jawort habe ich ihm erst vor etlichen Tagen gegeben. In der

anfänglichen Verwirrung wollte in den Häusern der Cholerakranken

niemand die Ärzte unterstützen. Da tat er es, und dieser Mut hat mir

so gefallen, daß ich ihm an jenem Abend das Ja gab, an dem er sich an

die Spitze der Freiwilligen stellte. Du scheust dich hoffentlich nicht,

mit ihm zusammenzutreffen: er ist sehr vorsichtig und hat, wenn wir ihm

begegnen, einen weiten Verluftungslauf über die Berge hinter sich.«

Einen Augenblick gruselte es Nick doch, so nahe an die Seuche

heranzutreten; aber sie wollte sich an Tapferkeit nicht von Marie

übertreffen lassen, sie lachte nur: »Du fährst einen falschen Kurs, wir

kommen nach Küsnacht statt nach Kilchberg. Darf ich einmal rudern?« Sie

wechselten.

»Und dein Bruder Friedrich ist also auch verlobt?« regte Nick das

Gespräch wieder an. »Er hält sich doch noch nicht lange in Mainz auf.«

»Sechs Wochen,« erwiderte Marie, »es muß ihm wie Uli dort herrlich

gut gehen.« Sie erzählte Nick, was sie von ihnen wußte, auch von den

Schwestern Römer und der Absicht der Mädchen, mit Friedrich einen

Besuch im Elternhaus zu machen.

Da bekam Nick rote Wangen. »Marie, ich habe Uli einen Brief geschrieben

und ihn darin um Verzeihung gebeten, daß ich auf Weißwasserstelz so

unartig gegen ihn gewesen bin. Lange habe ich mir das Schreiben sehr

schwer vorgestellt, auf einmal aber ist es mir leicht gegangen.«

Marie gab ihr einen dankbar verwunderten Blick. »Gottlob, du stolzer

Kopf! Hoffentlich weiß er jetzt, was er zu tun hat, und folgt nicht

dem Drängen Friedrichs, die jüngere Schwester seiner Braut um ihre

Hand zu bitten. Ich fände es nämlich so schön, wenn Ihr doch noch

zusammenkämet! Was würden wir für gute Schwägerinnen, gelt Nick!« Die

Freude dieses Gedankens ergoß sich über ihr Gesicht. Plötzlich aber

rief sie: »Dort steht meiner!« und winkte nach dem Ufer.

Bald waren sie am Strand und saßen unter grünen Bäumen. Heinrich Keller

sprach von seinem Waldgang und begegnete Nick mit großer Artigkeit.

Nein, wegen seiner männlichen Schönheit hatte ihn Marie gewiß nicht

genommen. Er hatte Borstenhaare, eine Stumpfnase, eine untersetzte

Gestalt und einen Gang, als käme er eben vom Acker; doch gefiel Nick

das Ländliche an ihm besser, als wenn man ihm auf hundert Schritte den

Lehrer angesehen hätte. Überhaupt schien er ihr nicht so übel: seine

verständige, ehrliche Art, seine breite Herzlichkeit, aus der zwar nie

ein starker Funke, dafür aber eine biedere Rechtschaffenheit und ein

lebenskluger Sinn sprach.

Während sich die Augen der Liebenden glücklich und immer aufs neue

suchten, warf Nick den Fischen im See die Reste Brotes zu, die auf

dem Tisch umherlagen. Sie wollte das sich küssende Paar nicht stören.

Marie ging wohl mit dem Lehrer den sichersten Weg, den sich ein Weib

in der Ehe wünschen mochte. Wenn dem jungen Mann Leben und Gesundheit

blieb, war sie bei ihm für immer gut aufgehoben, in Bescheidenheit

freundliche Verhältnisse warteten ihrer, und seine Verständigkeit

bürgte auch für ein schönes inneres Glück. Dennoch hätte Nick nicht an

der Stelle der Freundin sein mögen! Sie seufzte leise auf! Sie hatte

nun einmal keinen Geschmack für das Glück im Winkel. Auch die bloße

Rechtschaffenheit und landläufige Klugheit genügte ihr nicht. Das Bild

des Mannes, das ihr vor der Seele schwebte, war anders. Ecken und

Kanten wollte sie an ihm dulden, aber irgend etwas Besonderes mußte er

an sich haben, das ihn heraushob aus der Menge! Stunden mußte es geben,

in denen seine Seele sprühte! Ja, an einem wirklich geistvollen Manne

würde sie sogar eine Stumpfnase oder einen Buckel ertragen.

Sie spürte, daß sie einen schwereren Weg gehen würde als Marie, die das

Glück da ergriffen hatte, wo es ihr einen Zipfel bot.

Das Paar trat Hand in Hand zu ihr an das Geländer des Gartens und sah

selig in den schönen Abend, der das Hochgebirge über einer Burg von

Wolken erscheinen ließ. Keller sprach aber bald von Heimkehr und der

schweren Pflicht, die ihn am Abend erwartete. Nun ja, es war männliche

Tapferkeit, die Leichen zu bergen!

Er ruderte die Mädchen in die Stadt zurück, und Nick verabschiedete

sich mit den üblichen Glückwünschen von dem Paar. Maries Verlobung

hatte doch einen starken Eindruck auf sie gemacht. Auf dem Stübchen

ließ sie ihre Gedanken wieder zurückgleiten zu den Träumereien am

See. Entsprach Ulrich Junghans dem Bilde des Mannes, wie sie es sich

zurechtlegte? Besaß er das Besondere? Ja, ja! antwortete ihr Herz.

Worin es bestand, wußte sie freilich nicht so genau; aber schon, daß

er in jungen Jahren Obmann des Rheinfahrvereins gewesen war, sich die

Achtung und den Gehorsam der andern erzwungen hatte, bezeugte seine

starke Männlichkeit. Wenn der einmal herangereift war, so wurde er

auch ein Obmann und Oberfahrer im Leben! Dessen trug sie eine freudige

Gewißheit in sich. Sehnsüchtig gedachte sie seiner und spannte der

Antwort auf ihren Brief mit einer bis zum Herzpochen gesteigerten

Ungeduld entgegen. Die Post aber kam und brachte nur das wegen der

Seuche auf den kleinsten Umfang zusammengeschrumpfte Tagblatt. Sie

wurde zornig vor Enttäuschung, sie erinnerte sich plötzlich, daß Marie

von einer jüngern Schwester der schönen und feinen Braut Friedrichs

gesprochen hatte. Wenn nun Ulrich -- Nein! Dieses Gift, das schlimmer

war als die Cholera, wollte sie nicht in sich aufkommen lassen: sie

hatte an der kranken Frau Wasmer gesehen, wie die Eifersucht häßlich

und ungerecht machen kann.

Da kam nach wenigen Tagen schon wiederum Marie, um sie zu einem

Spaziergang abzuholen. Nick merkte gleich, daß auf dem Gesichte der

Freundin nicht mehr die verklärende Sonne des Ausfluges nach Kilchberg

stand. Hatte sich wohl zwischen ihr und Keller schon eine Uneinigkeit

ereignet? -- Marie aber fragte hastig: »Hat dir Ulrich geschrieben?«

Die Blässe stürzte ihr ins Gesicht, als sie von seinem unerklärlichen

Schweigen vernahm. »Was einem die beiden Brüder für Sorge bereiten!«

seufzte sie. »Friedrich meldet, daß seine Verlobung mit dem Fräulein,

von dem sie beide so viel Aufhebens machten, zurückgegangen sei und

er jetzt in Basel arbeite. Schon nach vierzehn Tagen zurückgegangen!

Warum? Über die Ursache kein Wort! Und warum sind die Brüder nicht

beieinander geblieben? Wir wissen es nicht! Uli, der seine Briefe

so leicht schreibt, regt sich mit keiner Zeile weder gegen mich

noch gegen die Eltern. Die sind auch furchtbar beunruhigt -- es ist

unverantwortlich!«

Da also stak der Kummer Maries. Und ein Geheimnis schwebte um das

Schweigen Ulrichs. --

Sechs oder sieben Wochen herrschte die Cholera in der Stadt, dann

ging sie, wie sie gekommen war, -- man wußte nicht, ob von selber

oder vertrieben durch die Kunst der Menschen. Die Bewohner atmeten

erleichtert auf, die Riechfläschchen verschwanden, die alten Freunde

drückten sich wieder die Hand, die Landleute kamen wieder zu Kauf und

Verkauf, die Städter durften sich wieder aufs Land hinaus wagen, und

über dem neuerwachten Leben vergaßen sie eine Menge guter Vorsätze, die

sie während der Seuche für ihr zeitliches und ewiges Heil gefaßt hatten.

Nick war leidlich über die schlechte Zeit hinweggekommen und fand,

als die Läden wieder aufgingen, Unterkunft als Verkäuferin in einer

Schreibwarenhandlung beim Rathaus.

In diesen Tagen erhielt sie den ersehnten Brief von Uli. Er kam aus

Köln. Sie öffnete ihn mit zitternden Händen.

Das Schriftstück war ihr aber eine niederschmetternde Enttäuschung. Es

lautete:

»Meine liebe Nick! Dein Brief hat mir eine unendliche Freude bereitet,

wie ein Heiligtum trage ich ihn auf der Brust. Leider war aber, als

ich ihn erhielt, das Unglück schon im Zug. Mit bebender Feder schreibe

ich den Meinen. Ich bin tiefer in die Dornen gefallen als damals, da

ich mit den schilfenen Flügeln über die Rheinhalde hinunterstürzte und

Du tapfer mit Deinem Sackmesserlein kamst, um mich aus den Brombeeren

zu befreien. Jetzt kann mir niemand mehr helfen, doch klage ich nicht,

denn ich bin an allem selber schuld. Ich werde nie das Wort mit Dir

reden, das wir in Aussicht genommen hatten. Ich bin Deiner nicht mehr

wert und muß Dich, an der mein Herz so viele Jahre hing, freigeben.

Aus ist das Lied vom Oberrhein, man sieht mich dort nie wieder. Dir

wünsche ich alles Himmelsglück in Dein ferneres Leben, was Dir ja bei

Deinem schönen und lieben Wesen nicht fehlen kann. Auf mich rechne also

nimmermehr, und findest Du einen Mann, der Dir gefällt, so nimm ihn,

von mir unbeschwert. Leb wohl, Du süße Nick! Herztraurig

Dein Uli Junghans.«

Ihre Tränen fielen auf den Brief. Um Gottes willen, was war denn Uli

geschehen, dem gesunden, starken, blauäugigen Uli! --

Sobald sie die Zeit fand, lief sie mit dem Brief zu Marie.

Merkwürdigerweise war die Freundin von dem traurigen Bekenntnis des

Bruders kaum überrascht. Als sie es gelesen hatte, versetzte sie

bitter: »Seit sich die Verlobung in Mainz gelöst hat, ist Uli ganz

vernagelt. Der Vater hat an Appelius, den früheren Geschäftsherrn der

Brüder, um Auskunft geschrieben. Und die Antwort? Nachdem Friedrich

abgereist sei, habe Uli wohl noch eine Weile im Geschäft gestanden, sei

aber langsam erkrankt und erst, nachdem er wochenlang gelegen, wieder

erschienen, um Abschied zu nehmen. -- Wie einen unartigen Schuljungen

sollte man ihn strafen, daß er von Mainz fortgegangen ist, ohne uns

Nachrichten zu geben!«

Heimlich wußte sie etwas mehr von Ulrich, als sie der armen,

enttäuschten Nick gestand, und es war nicht nur Rücksicht auf die

Freundin, daß sie den Rest verschwieg, sondern sie tat es, weil sie

sich des Bruders schämte. In dem Briefe von Appelius war nämlich

eine Stelle gewesen, die den Vater bewogen hatte, sofort Friedrich

in Basel mit einem Besuch zu überraschen. Von dort hatte er die

unerbauliche Neuigkeit zurückgebracht, daß schon seit längerer Zeit

ein Komödiantenweib im Leben Ulrichs eine Rolle gespielt habe und auch

schuld am Rückgang der schönen Verlobung Friedrichs in Mainz gewesen

sei. Er schrieb also einfach aus schlechtem Gewissen nicht mehr und aus

Furcht vor dem Züchtigungsbrief, der ihm vom Vater drohte, sobald sein

Aufenthalt bekannt würde! Die erzürnte Familie war übereingekommen, mit

niemand über die häßliche Wendung in Ulrichs Leben zu sprechen: wie

eine Beleidigung der eigenen Ehre spürten es Eltern und Geschwister,

daß der früher so brave Sohn und Bruder im Verkehr mit seinem Freunde,

dem Ungarn, so tief gesunken war.

Wie sie, erlebte Nick um ihn schwere Tage und hatte oft die Augen

voll heimlicher Tränen. Sie hatte so fest an Uli geglaubt wie an

Sonne, Mond und Sterne, und nun war durch seinen ebenso traurigen wie

dunklen Brief etwas unendlich Schönes aus ihrer Seele gerissen, eine

große Hoffnung, an die sie sich stets hatte klammern können, wenn ihr

das Leben um sie her zu kalt und öde erschienen war. Sie merkte erst

jetzt, wie viel er ihr in ihren Träumen und Seelengängen gewesen. Sie

grübelte, was für eine Bewandtnis es wohl mit den Dornen haben könnte,

in die er hineingefallen war. Sie mußte es aber aufgeben. Führt die

Einbildungskraft nicht stets auf Vermutungen, die sich als falsch

erweisen, wenn man die Wirklichkeit des Lebens erfährt? -- Irgendein

weites Mitleid mit ihm erfüllte ihre Seele, doch auch sie selber kam

sich unsäglich arm vor. Wer liebte sie wahrhaft und tief? Einzig die

Mutter, die sie selten sah. Nick fühlte es: sie stand jetzt allein in

der Welt, sie war ein freier Vogel, der sich um niemand zu kümmern

brauchte, den es aber manchmal in seiner Freiheit fror.

19

Lange war Ulrich in der Pflege der Werra Barensky an einer

Gehirnentzündung darniedergelegen. Als er das Bewußtsein wieder

erlangte, fiel ihm zuerst die Werkstatt des Vaters ein und der

Altgeselle Thomas mit dem Wort von den Weibsleuten: »Wenn du der Simson

wärst, du kimmst net dagegen an, die luderige Delila hat dir halt 's

Haar abg'schnitten, d'Katz hat si an dei Buckel krallt, und du kannst

kratzen und schreien, -- es hilft dir nichts.« So war er nun in der

Gewalt des gewissenlosen Weibes, und ehe er einen Plan zu überlegen

vermochte, wie er sich daraus befreien könne, vergingen ihm die Sinne

wieder. Als die Krankheit endlich wich, mußte er von neuem stehen

und gehen lernen wie ein Kind, sogar essen und trinken. Auch seine

Willenskraft blieb noch eine Weile gebrochen. Sonst wäre er gleich

von ihr gegangen. Denn der Zorn, daß die Artistin seinen unschuldigen

Bruder ins Unglück gestürzt hatte, blieb ihm.

Sie legte über ihre Tat eine Reue an den Tag, die so leidenschaftlich

und ungezügelt war wie ihr gesamtes Wesen. Als er wieder etwas zu

Kräften gelangte, warf sie sich verzweifelt über sein Lager. »Ulrich,

wenn du willst, erschieße ich mich vor deinen Augen dafür, daß ich

deinen Bruder geschlagen habe!« schrie sie, deren Deutsch sich im

Umgange mit Ulrich überraschend schnell gebessert hatte. »Glaubst du

mir, daß ich mir eine Kugel in die Schläfe jage, wenn du es wünschest?«

»Ja,« versetzte er ehrlich, »aber wem hülfe das? Es würde meinen Bruder

nicht wieder glücklich machen.«

Da trat eine wilde Traurigkeit in ihr Gesicht. »Was muß ich denn tun?«

Sie schleppte eine alte, unansehnliche Tasche aus Juchten herbei, an

der selbst sie mit ihrer großen Kraft ziemlich schwer zu tragen hatte,

und öffnete das kunstreiche Schloß. »Es ist, was ich von den Eltern

ererbt habe.« Die Tasche war angefüllt mit goldenen Ringen, Spangen,

Ketten, Herzchen, Fläschchen und Früchten, viele mit leuchtenden

Steinen besetzt. Er verstand sich nicht auf den Wert von Schmucksachen,

vermutete auch, daß einiges davon unecht sei; es war aber doch

sicherlich ein großer Reichtum, den sie mit sich führte. »Ich will das

Erbe dem Fräulein schenken,« sagte sie, »das durch meine Schuld so

viele Schmerzen leidet.« »Das ist auch wieder verrückt!« erwiderte er.

»Das Fräulein besitzt alles, wessen es bedarf, und was sie verloren

hat, ist unersetzlich.«

Sie verzog den Mund schmerzvoll und biß sich in die Fingerknöchel. »Du

bist ein Böser!« schrie sie. »Du hilfst mir nicht aus meiner Not!«

Nein, er wehrte ihr nur, daß sie Friedrichs und Lottens Herzenswunden

durch eine törichte Handlung neu aufriß. Ihre bittere, tatbereite

Reue machte aber doch einen starken Eindruck auf ihn. Sie war kein

schlechtes, sondern ein nur ihrem Triebleben unterworfenes Weib.

Sie teilte ihm mit, daß der Zirkus nach Köln übersiedeln werde. »Und

du?« Er gestand ihr, daß er am liebsten zu seinem Freund Szedesky nach

Ungarn führe, da er nach dem Geschehenen doch nicht in Mainz bleiben

könne. Sein Wort traf sie. Erst geriet sie in Wut, dann warf sie sich

laut weinend zu seinen Füßen und raufte sich die Haare, die wie eine

breite, dunkle Flut auseinanderfielen. »Erlebe ich denn nie etwas Gutes

von dir!« stöhnte sie. »Du kommst nicht mit mir nach Köln? Kann ich

dir denn gar nichts sein? Wie ein Bettelweib muß ich vor dir hinknien,

während andere Männer für eine Stunde mit mir ihr Vermögen hinwürfen.

Ich aber verlange nach keinem als nach dir! Selbst das Gräßliche habe

ich nur aus Liebe zu dir getan.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen, es wäre ein Verbrechen,« ächzte er. --

»Ihnen?« rief sie mit zuckenden Lippen und zitternder Stimme. »Warum

nicht ›du‹, Ulrich?« Wie sie seinen Namen sprach, darin lag alle

Zärtlichkeit, alles Flehen und Weh einer Weibesseele. »Verachtest du

mich so tief?« -- »Ja,« erwiderte er düster und wandte den Blick von

ihr. -- »Ulrich, Ulrich!« stöhnte sie herzerschütternd. -- »Meine Welt

ist nicht Ihre Welt,« stieß er hervor. »Ich mag das Zirkusleben nicht,

immer hätte ich darin das Heimweh. Wir können uns doch nicht heiraten.«

Das sprach er rauh und feindselig. -- »Heiraten!« nahm sie ihm leise

und träumerisch das Wort ab, wie wenn für sie darin ein wunderbarer

Zauber läge, und lächelte einen Herzschlag lang verträumt. Dann erlosch

das Licht in ihren Zügen. »Nein, Ulrich,« erwiderte sie lind, »ich bin

ja schon glücklich, wenn ich deine Magd sein darf, und will dir nichts

in den Weg legen, wenn du es für notwendig hältst, mich wieder zu

verlassen.«

Die wildesten Drohungen hätten ihn nicht eingeschüchtert, selbst ihr

Revolver nicht. Aber ihre Demut und ihr wie Kinderweinen tönendes

Flehen erschütterten ihn. »Ich muß jetzt zu meinem ehemaligen

Geschäftsherrn gehen,« versetzte er unsicher und entzog sich ihr.

Nach Wochen schritt er zum erstenmal wieder durch die Straßen von

Mainz, immer noch von der Krankheit geschwächt. Er dachte an Nick,

von der er den hoffnungsvollen, schönen Brief auf der Brust trug.

Wenn er nach dem Besuch bei Appelius einfach auf den Bahnhof ginge

und fortführe, ohne Werra Barensky wieder zu sehen? -- Das wäre die

Rettung! Warum nicht? -- Obgleich sie ihn mit Aufopferung gepflegt

hatte, war keine Dankbarkeit gegen sie in seiner Seele.

Appelius empfing ihn förmlich und kalt. Als sich Junghans entschuldigen

wollte, daß er ohne Anzeige ausgeblieben sei, und von seiner Krankheit

zu sprechen versuchte, schnitt ihm der Herr, der für ihn so viel

Wohlwollen besessen hatte, das Wort ab: »Ich weiß alles, -- auch, von

wem Sie sich haben pflegen lassen. Es ist eine Unbegreiflichkeit, über

die wir nicht weiter sprechen. Hier ist Ihr Lohnguthaben. Wenn Sie

nur noch unterschreiben -- Guten Tag!« Ulrich stand noch und wollte

sprechen. Appelius aber machte mit der Hand eine ungeduldige und

verächtliche Bewegung.

Wie auf den Kopf geschlagen lief der Gekränkte umher. Ein wilder

Schmerz, daß ihn Appelius so falsch beurteilte und für einen gemeinen

Menschen hielt, wühlte ihm in der Seele. Der Gedanke daran tötete ihn

fast. Welche Schmach! Auch den Eltern und Geschwistern durfte er nicht

mehr unter die Augen treten. Vielleicht hatte Nick durch Marie etwas

über die Ursache der Verlobungslösung zwischen Friedrich und Lotte

Römer gehört, vielleicht verachtete auch sie ihn! Er dachte nicht mehr

an Abreise, nur noch an seine trostlose Verlassenheit. Immer schwärzer

lief der Strom seiner Gedanken. Plötzlich fühlte er sich so ermattet,

daß er an eine Hauswand lehnen mußte. Als er sich etwas erholt hatte,

tappte er sich mit mühsamem Atem nach dem Hotel am Rhein. Wieder hielt

er inne, ihm war, das Haus sei eine Hölle. Dann aber schritt er doch

hinein.

»Meine Herrin ist Ihretwegen so traurig,« klagte ihm Mab, »daß sie

heute abend nicht auftreten kann, wenn Sie ihr nicht noch ein liebes

Wort schenken. Bitte, bitte Herr Junghans!« Ihre gelben Augen flehten.

Da gab er sich einen Ruck, trat zu Werra Barensky hinein, küßte sie und

sagte in dumpfer Willenslosigkeit: »Werra, ich komme mit dir nach Köln.«

Ihre Augen flammten licht empor, ihre Wangen röteten sich mädchenhaft,

und mit einem wundersüßen Lächeln ergriff sie seine Hand: »Ich danke

dir, Ulrich. Du weißt nicht, wie ich dich liebe. Was sind alle andern

Männer gegen dich!« Wie verzückt hing ihr Blick an ihm. --

An einem goldigen Herbsttage reiste er mit Werra und Mab nach Köln. An

den Ufern des Rheins jauchzte die Weinlese. Er hütete sich aber wohl,

einen Blick aus dem Bahnwagen auf den Strom zu werfen: es hätte ihm

das Herz zerrissen, die Gegenden zu sehen, in denen er mit Friedrich

und den Geschwistern Römer in so hoher Stimmung gegangen war. Ihm

war, jeder Pfiff der Lokomotive führe ihn tiefer in einen Abgrund der

Ehrlosigkeit hinein, aus dem es kein Auferstehen mehr gab. Handelte

er an seinem Bruder Friedrich nicht wie Judas? Werra Barensky aber

streichelte ihm in sprühend guter Laune die blassen Wangen und sagte

ihm die süßesten Worte, die über Weibslippen gehen.

In Köln wohnten sie in einem Hotel nahe dem Dom. Die Wünsche Werras

erfüllten sich. Was Ulrich selber nie gedacht hatte, -- er lernte das

wilde, schöne Weib lieben. Nicht aus der Gemeinsamkeit der Seelen,

aber aus den heißen Sinnen der Jugend, deren drängende Kraft ihm

doppelt wiedergekehrt zu sein schien. Es war doch etwas Herrliches um

ihren geschmeidigen Raubtierleib, um ihre zitternde Hingabe. Nächte

erlebte er voll düsterer Glut, Tage mit allen Schauern der Reue und der

Selbstvorwürfe ...

Wenn er am Morgen aus dem Gasthof auf den Platz trat, starrte er auf

den Dom. Mit unbegreiflicher Macht zog ihn der reine, erhabene Bau an,

der über das Gewimmel der Giebel und Häuser und Menschen wie heilig

in das Blau der Lüfte stieg; er hatte aber auch stets das Gefühl, der

Dom sei sein besonderer Feind, der ihm in stummer Beredtsamkeit seine

Lebenssünde vorwerfe.

Nick Tappoli · 第 13 / 18 段