Nick aber fuhr ein Übermut in die Seele, daß sie sich selber nicht mehr

begriff. Möglichst weit von ihrer Gegnerin entfernt stellte sie sich in

die Ecke, stemmte die Daumen in die Ohren, fächerte mit den Fingern,

riß die dunklen Augen groß auf und das Gesicht zu einer Fratze. So

lief sie auf die Erstarrte los, nahm ein Stück ihres Kleides, blies es

an und rief: »Sie, Unglückliche, spüren Sie es nicht? Ich selber bin

die Cholera!« Ein erstickter Schrei -- und ohne sich mehr nach Glorian

umzusehen, riß Henriette Rollenbuz Schirm und Tasche zusammen. Treppab

war sie verschwunden, und schlotternd folgte ihr Glorian. »Viel Glück

in Basel!« rief ihm Nick die Treppe hinunter nach und schlug die Hände

über dem Kopf zusammen: »Mein Gott, ist das eine verrückte Welt!«

Am Nachmittag noch zitterte ihr das Erlebnis mit Glorian und seiner

Schwester als etwas Unbegreifliches durch die Sinne. Ihrer Freiheit

froh, lief sie planlos hinaus vor die Stadt, lief und stieg von

Menschen unbehindert, bis sie auf dem Gipfel des Ütlibergs stand. Dort

begann sie in die Einsamkeit hinaus ein Lied zu singen, und was ihr

noch schwer in der Seele gelegen hatte, rollte mit den Tönen davon.

Der Tag war dunstig, die Aussicht verschwommen, gegen Abend aber hellte

sich das Land zu herrlicher Klarheit, warm lag es in der sich neigenden

Sonne: Stadt, See, Täler, Dorfschaften, grüne und weiße Berge, durch

das milde Licht wunderbar miteinander verbunden. Welcher Friede!

Dort unten in der schimmernden Stadt aber wanden sich die Menschen in

der Seuchenfurcht, dort kroch in hunderterlei Gestalten das Elend,

der Wahn der menschlichen Leidenschaften. Nick brauchte nur an die

abgezehrte Frau zu denken, die ungeliebt der Grube zuwankte, an den

herzensrohen Mann, der sich schon zu Lebzeiten der Gattin das künftige

Weib auslas, der sich einbildete, sie, Nick, müsse es sein, und dafür

keine Anspruchsmittel als seine Wohlhabenheit besaß. Im Traum war ihr

nie der Gedanke gekommen, ihr Dasein mit dem Wasmers zu vereinigen.

Noch wahnsinniger aber erschien ihr die Vorstellung der Fräulein

Rollenbuz, daß sie ihren Bruder für sich einfangen wolle. Diese

Menschen hatten ja keine Ahnung, wie es in einer jungen Mädchenseele

aussah. Auch quälte sie sich an dem Wort Wasmers: »Sie Idealistin,

gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da

werden Wesen wie Sie mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle

verkauft.«

Der Ausspruch war für sie eine furchtbare Beleidigung. Sie fühlte sich

stark genug, ihr Brot in Ehren zu verdienen, aber die beiden häßlichen

Erfahrungen, die ihre letzten Tage bewegt hatten, gaben ihr doch die

Erkenntnis, daß sie bisher das Leben nicht dunkel genug betrachtet

hatte, daß es viel trauriger war, gemeiner und grausamer, als sie

sich's je hatte vorstellen können. In ihr Herz schlich sich die Furcht

vor Gefahren, die sie nicht kannte. Lebhafter als sonst spürte sie das

weibliche Anlehnungs- und Schutzbedürfnis. Daraus stieg die Erinnerung

an Ulrich Junghans, den Freien, Starken, der wie kein anderer ein Weib

zu schirmen berufen war. Sie begriff sich selber nicht, daß sie ihm

nicht längst den versprochenen Brief geschrieben hatte. Jetzt wollte

sie es tun! In ihrem Kopfe war das Schriftstück schon im Werden. Eine

große Ruhe überkam sie. Der Frieden ihrer Seele stand im Einklang mit

der Einsamkeit der abendlichen Natur und ließ sie in der daherwallenden

Dämmerung ohne Angst den Waldweg hinab in die Wiesen und Felder und

hinüber in den Lichtdunst der Stadt schreiten. Sie freute sich, daß der

Ausflug für ihr inneres Besinnen nicht umsonst gewesen war, schrieb den

Brief aber doch nicht mehr, sondern überließ sich dem frühen, tiefen

Schlaf der Jugend.

Die Uhr ging wohl schon gegen Mitternacht. Da wurde sie von Frau Gugolz

geweckt: »Fräulein Tappoli, schon zweimal ging die Klingel. Ich weiß

nicht: will jemand etwas von mir oder von Ihnen? Es ist so unheimlich

in der Cholerazeit!« Wieder ging schwach die Glocke, aber aus dem

Fenster war niemand auf der durch eine Gaslaterne erhellten Gasse zu

entdecken, und auf eine Anfrage, wer unten sei, kam keine Antwort

zurück. Wieder aber regte sich die Klingel. Da holte die Alte ihre

Pfefferbüchse und stattete Nick wie sich selber mit einer Hand voll

Gewürz aus, um es dem Bösewicht ins Gesicht zu werfen, der vielleicht

drunten stand. Mit einer Kerze tasteten sie die Treppe hinab, Nick als

die Mutigere voran. »Gott, Sie sind es, Frau Wasmer!« schrie sie leise

auf und schickte Frau Gugolz wieder in die Wohnung empor.

Am Hauseingang lehnte kraftlos die Todkranke. Sie nahm Nicks Hand

in ihre beiden. »Ich finde keine Ruhe und kein Sterben, bis Sie mir

verziehen haben,« stieg es ihr rauh aus der hohlen Brust. »Ich habe

eingesehen, daß mein Verdacht gegen Sie todungerecht war.«

»Ich danke Ihnen,« stotterte Nick, und da Frau Wasmer sich nicht

bewegen ließ, zu ihrer Erholung ins Haus zu treten, brachte sie die

Schwankende durch die finstere Nacht wieder heim.

Wie ein Spuk kam ihr nachher das seltsame Erlebnis vor. Sie war aber

doch tiefglücklich, daß die von Gewissensbissen gequälte Frau vor

ihrem Hinscheiden die blind wütende Eifersucht gegen sie aus der Seele

getilgt hatte. --

Aus freiem Herzen schrieb sie Ulrich Junghans am andern Morgen den

Brief, der die alte Freundschaft wieder anknüpfen und die Liebe reifen

sollte.

»Lieber Uli!« lautete er. »Marie, die ich zuweilen sehe, erzählte mir

so viel Freundliches von deinem Aufenthalt in der Fremde, daß auch

ich oft meine Gedanken zu Dir hinüber wandern lassen muß. Seit ich

durch den Tod meines Vaters die schöne Jugendheimat am Rhein verloren

habe und hier in der Stadt das Brot selber verdienen muß, sind meine

Gedanken recht oft und nicht ohne Heimweh bei Dir. Ich sehe Dich stets

noch, wie Du mit Deinen Flügeln in die Dornen fielst, aber auch, wie Du

Dir von mir trotzig den Pfänderkuß erzwangst und als kühner Schiffer

auf unserm Strom mit Wirbel und Woge fochtest. Leider mußtest Du dann

zu dem Eindruck kommen, daß Du mir gleichgültig seiest. Die blitzdumme

Antwort, die ich Dir auf Deine Herzensfrage gab, habe ich auf das

innigste bereut, schon an dem Morgen, da Du auf die Wanderschaft

gingst, und seither immer. Schiebe sie auf den Trotz und Stolz eines

jungen Mädchens, das für Liebesfragen erst am Erwachen ist, und auf die

große Verwirrung des Augenblicks. Nun war es mir aber eine tiefe Freude

und Gewissensberuhigung, aus einem Brief, den Du noch in Nürnberg

geschrieben hast und den mir Marie zeigte, zu sehen, daß Du mich doch

nicht ganz verwirfst, wie Du nach meinem törichten Benehmen das Recht

hättest. Dein Vorsatz, wenn Du einmal aus der Fremde heimkehrst, mit

mir doch noch ein ernstes Wort zu reden, hat mir den Mut zu diesem

Brief gegeben. -- Aber was soll ich Dir schreiben? Nichts weiter, als

daß ich Dir noch einen recht schönen Aufenthalt in der Ferne wünsche

und daß Du, wenn Deine Zeit um ist, in Gesundheit und Segen in die

Heimat zurückkehren und mir die Freude des Wiedersehens bereiten mögest.

Deine getreue Nick.«

17

Der Brief Nick Tappolis hob Ulrich weit über die Sorge des Tages

hinaus und gab ihm die völlige Klarheit über seinen künftigen Weg.

Wie schöne Gefühle ihn mit Lutz Römer verbanden, -- seine echte,

ursprüngliche Liebe war und blieb eben doch Nick, und nun sie ihm die

Hand reichte, war ihm, sein Glück sei nicht weniger groß und rein als

dasjenige Friedrichs. Er sprach aber mit dem von seinen eigenen Plänen

Eingenommenen nicht darüber.

Ein Liedchen vor sich hinsummend stand er spät an der Werkbank und

überdachte seine Antwort an Nick. Eine Stunde noch, und dann hatte

auch er Feierabend. Da trat Appelius auf ihn zu, der noch auf dem

Kontor gearbeitet hatte: »Eben sprach ein Bote vor, Sie möchten rasch

heimkommen. Ihr Bruder sei ernstlich erkrankt. Es ist sonderbar: der

Mann, den ich um fünf Uhr noch so gesund sah. Doch eilen Sie!«

Den Erschreckten trugen die Füße kaum, eine große Bangigkeit schnürte

ihm die Brust. Als er den Schlüssel in der Haustüre drehte, kam ihm mit

tränenüberströmtem Gesichte Lutz aus dem Flur entgegen, die heimlich

auf ihn gewartet hatte.

»Ulrich, es ist etwas Furchtbares geschehen,« erzählte sie ihm und

konnte fast nicht sprechen vor Schluchzen. »Friedrich kam etwas

früher als sonst heim. Lotte und ich machten mit ihm einen weiten

Spaziergang den Rhein entlang und gingen im Rückweg zum Zirkus, um

dort das Leben und Treiben zu sehen. Mitten unter den Menschen steht

die Tierbändigerin Barensky. Mit einer kleinen Peitsche streicht

sie Friedrich den Hut vom Kopf, schlägt sie ihm ins Gesicht und

schreit meiner Schwester zu: ›So geht es einem Mann, der lügt!‹ und

verschwindet unter den Leuten. Alles im Hui! Friedrich taumelte vor

Schreck, sein erstes Wort war: ›Ich bin unschuldig, ich kenne das Weib

nicht.‹ Um die ohnmächtige Lotte mühten sich Bekannte. Wir kamen heim,

wie weiß ich zwar nicht. Der Vater war noch nicht da, wir schöpften

Hoffnung, ihm die Sache verheimlichen zu können; als er kam, hatte er

aber schon Wind davon. Friedrich, der sich vor ihm verteidigen wollte,

verbot er die Wohnung und jagte ihn davon. Die Verlobung soll gelöst

werden. Lotte fällt von einem Krampf in den andern. Nun, Ulrich, ja

nicht etwa mit dem Vater zu sprechen versuchen, sondern hinauf zu

Friedrich, der am meisten Trost bedarf von uns allen. Gute Nacht! Ich

muß jetzt sehen, wie ich in die Wohnung hineinkomme, ohne daß der Vater

es merkt!«

Ein zitternder Händedruck, und die leis Schluchzende verschwand.

Leichenblaß lehnte Ulrich an der Mauer. In diesem Augenblicke war ihm

nur eines klar: die Barensky hatte Friedrich mit ihm verwechselt, ihm

hatte sie den Streich zugedacht.

Als er ins Quartier kam, fand er Friedrich in jämmerlichem Zustand.

Der Getroffene saß, Haare und Kleider wirr, auf seinem Koffer und

stöhnte in einem fort vor sich hin: »Ich bin unschuldig, ich kenne

das Weib nicht!« Die Verwundung war übrigens nicht gefährlich, es

handelte sich um einen handlangen, blutunterlaufenen Strich, der sich

aus der Stirne quer über die Schläfe nach dem Ohr hinunterzog und

bei sorgfältiger Pflege in etlichen Tagen wieder heilen konnte. Viel

schlimmer war das innere Leid des Getroffenen über die zu Unrecht

erlittene Schmach, das Gefühl eines jäh und unverdient über ihn

hereingebrochenen Unglücks.

»Lottchen, du armes Lottchen!« stöhnte er, die Hände ineinander

geklammert. »Nein, bei Gott, Römers haben diese Schande nicht verdient.

Ich begreife, daß sie nichts mehr von mir wissen wollen -- nein, ich

begreife es nicht, ich bin unschuldig, das böse Weib ist verrückt. Uli,

geh und schlag sie tot!« So klagte und wütete er bis ins Morgengrauen.

Der Bruder pflegte und tröstete ihn nach Vermögen. Als es Zeit

gewesen wäre, ins Atelier zu gehen, war er, bis ins Herz erschüttert,

selber auch arbeitsunfähig, und in tiefer Erschöpfung verbrachten sie

gemeinsam die Stunden.

Als er aus dumpfem Halbschlummer erwachte, rüstete er sich und läutete

zaghaft an der Römerschen Wohnung an. Die übernächtige Lutz gab ihm vor

Schmerz halberstickten Bescheid: »Der Vater ist aufs Kontor gegangen,

es ist vielleicht besser, wenn du ihn dort siehst. Ich habe aber keine

Hoffnung, daß es etwas nützt. Er war heute morgen ebenso außer sich

wie gestern abend. Wir sind alle krank, der Arzt ist bei Lotte.«

Nun stand Ulrich im Kontor Römers. Der zornige Alte, dem die Ader hoch

geschwollen auf der Stirne stand, ließ ihn wenigstens sprechen, und

der blasse junge Mann beichtete das Erlebnis, das er auf das Anstiften

Szedeskys mit der Barensky in Frankfurt gehabt hatte. Er schloß: »Das

ist alles! Daß die Artistin mit mir einen Liebeshandel anfangen wollte,

war nicht meine Schuld, und jedenfalls habe ich ihrem Wunsch nach einem

Wiedersehn nie nachgegeben. Der Beweis dafür liegt darin, daß sie

Friedrich mit mir verwechselt hat. Wenn aber jemand von uns beiden eine

Schuld trifft, so bin ich es. Ich bitte Sie also, Herr Römer, die Liebe

Friedrichs und Lottes nicht das Opfer des wahnsinnigen Weiberstreiches

werden zu lassen. Mein Bruder ist völlig unschuldig!«

Der Alte erhob sich ächzend vom Lederstuhl, das Bekenntnis schien

einigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, aber plötzlich wuchs sein

Zorn wieder. »Junger Mann,« fuhr er auf, »Sie haben wohl keine Ahnung,

wie schwer es mir geworden ist, die Hand meiner Ältesten einem Fremden

zu überlassen. Ich tat es bloß, weil ich und meine gesamte Familie eine

stille Freude an Ihnen beiden hatten, weil wir uns sagten, so etwas

Quellenlauteres wie die beiden hochgeachteten Schweizer gebe es in der

Welt nicht wieder. Wie steht es nun aber mit dieser Quellenlauterkeit?

-- Sie haben eben doch dem Teufel den kleinen Finger gegeben. Und er

hat Ihre Hand genommen, allerdings statt der Ihren die Friedrichs.

Ich, meine Frau und meine Töchter sind in unserer Familienehre

bloßgestellt -- unerhört bloßgestellt.«

Sein Zorn wurde ein Keuchen. »Es gibt nur einen Ausweg,« brachte er

endlich hervor, »den muß ich im Namen meiner tiefbeleidigten Familie

von Ihnen fordern. Ihr Bruder und Sie verlassen die Stadt so schnell

wie möglich. Wir sind für Sie tot. Ebenso Sie für uns. Das Geschwätz

wird sich dann allmählich von selber verlaufen, und in ein paar Jahren

kann Lotte noch mit einem anderen glücklich werden!«

Ulrich fand kein Wort und hätte doch aufschreien mögen vor Weh. »Was

stehen Sie noch?« fuhr Römer empor. »Ich habe Ihnen nichts mehr als

gute Fahrt zu wünschen!«

Ulrich spürte den Boden unter sich schwanken. Als er zurückkam, hob

Friedrich den vom Arzt verbundenen Kopf. »Du brauchst mir nicht zu

sagen, wo du warst, noch welchen Bescheid du erhalten hast, -- ich

lese es aus deinem grauen Gesicht. Wir sind hier im Hause und in Mainz

überflüssig.« »Dazu hat Appelius auch noch ein Wort zu sprechen,«

versetzte Ulrich schwermütig, »sonst -- ja!«

Die Brüder verbrachten den Nachmittag untätig, selten fiel eine

abgerissene Bemerkung zwischen ihnen. Jeder rückte von einem Stuhl zum

andern, von Koffer zu Koffer, und wenn der eine stöhnte, seufzte auch

der andere. Gegen Abend kam die Hauswirtin mit Tränen in den Augen und

meldete: »Sie müssen leider ausziehen. Mir wären Sie ja noch lange

recht, aber Herr Römer wünscht es!« Da weinte Friedrich leise wie ein

Kind. Der Jüngere aber machte sich auf den schweren Weg zu Appelius,

erzählte ihm den Sachverhalt, und daß für ihn wie Friedrich des

Bleibens in Mainz nicht mehr sei. Es wäre für sie eine große Wohltat,

wenn er sie beide sofort entließe.

»Ich habe schon etwas von dem Auftritt gehört,« erwiderte der

Geschäftsherr, »und bereits befürchtet, daß Sie mit diesem Anliegen

zu mir kommen werden. Nun steht die Sache so, daß ich Ihren Bruder

entlassen kann, obgleich er mir fehlen wird. Sie aber auf keinen Fall.

Ich bitte Sie, nicht nur die vertragliche Kündigungsfrist innezuhalten,

sondern überhaupt zu bleiben, bis ich Ersatz für Sie gefunden habe. Wie

schwer das in unserm Beruf ist, wissen Sie wohl, ich rechne aber um so

fester auf Ihr Entgegenkommen, als wir uns ja bis dahin gut verstanden

haben und Sie bei mir stets der Bevorzugte waren. Wer weiß, vielleicht

wird Ihnen Mainz und die Stellung auch wieder lieb. Mir scheint, man

nimmt das gestrige ärgerliche Vorkommnis allerseits zu schwer. Daß Ihr

Bruder kein Lebemann ist, sieht man ihm aus dem ehrlichen Gesicht.

Nur hier in der Stadt könnte das Paar nicht bleiben, wie es der Traum

Römers war, der mit mir darüber gesprochen und die besten Absichten für

die jungen Leute gehegt hat.«

In Mainz gehalten, in der Stadt, in der er so Schönes und so

Fürchterliches erlebt hatte! Es wollte Ulrich nicht in Sinn und Seele

hinein. Es war aber für ihn wohl Ehrensache, daß er Appelius nicht

im Stiche ließ, und für Friedrich ein Glück, daß wenigstens er, der

Erbarmungswürdige, sofort seine Straße ziehen durfte.

Der Bruder, der mit gesenktem Kopf im dunkeln Zimmer saß, nahm in

seinem Herzweh die Nachricht seiner Entlassung fast gleichgültig auf.

Nach einer Weile aber sagte er: »Die Lutz war auf einen Sprung da --

hoffnungslos! Römer hat Lotte sogar schlagen wollen, weil sie auf der

Verlobung bestand.« Er starrte, als suche er die Gedanken zusammen,

und sah den Bruder plötzlich an: »Was weißt du denn von dem schlechten

Weib? Lutz behauptet, du habest dem Vater --« Da unterbrach Ulrich den

Bruder und beichtete ihm wie am Morgen Römer.

Eine Viertelstunde blieb Friedrich stumm, dann stöhnte er wie aus einem

Traum: »Also du bist an dem gräßlichen Unglück schuld. Wäre es nicht

hundertmal klüger und ehrlicher gewesen, du hättest mich rechtzeitig

vor der Liebe mit Lotte gewarnt? Was für ein elender Duckmäuser bist

du! Du hast Lotte und mich auf dem Gewissen!«

Friedrich gehörte zu jenen Naturen, die nur äußerst selten, dann aber

fassungslos wild werden. Sein Schmerz wandelte sich in einen flammenden

Zorn auf Ulrich. Aus ihm brauste die Wut, und unter seinen ungezügelten

Vorwürfen verlor auch der Jüngere die Beherrschung. Böse Worte flogen

hin und her, sie entzweiten sich tief und gründlich.

Da pochte es, die Hauswirtin kam und mahnte zur Ruhe. Ulrich fand sich

selber wieder, sah aber, daß jeder Widerstand die Empörung Friedrichs

nur reizte. So packte er das Notwendige in das Felleisen, verließ den

Wütenden und das Haus und übernachtete in irgendeinem Gasthofe, weit

von der bisherigen Wohnung entfernt.

Am Morgen begab er sich zur Arbeit, um elf Uhr kam er mit einem

Dienstmann ins Quartier, schnürte den Koffer und rechnete mit der

Wirtin ab. Wo aber steckte denn Friedrich? -- Da sagte ihm die Frau,

daß der Bruder schon um neun Uhr mit seinen Sachen davongegangen sei,

er habe von einem Zuge nach der Schweiz gesprochen, der um zehn Uhr

abfahre.

Wirr im Kopf und schamvoll schlich der Jüngere die Treppe hinunter und

dachte kaum daran, daß er an der Türe der Familie Römer vorübergehe.

Da legte sich eine kleine Hand in die seine. »Lutz!« stammelte er. »Leb

wohl, Ulrich!« kam es wie ein bebendes Glöckchen zurück. Sie hob sich

auf die Zehenspitzen und gab ihm mit schmerzerfülltem Gesicht einen

zärtlichen Kuß. So schied er nicht ohne einen Sonnenstrahl aus dem

Haus, und eine Rührung überkam ihn dabei, daß er hätte weinen mögen.

Er ging auf den Bahnhof, um sich zu erkundigen, ob Friedrich wirklich

abgereist sei. Der Schalterbeamte antwortete: »Ein junger Mann, der

Ihnen fast so gleich sieht wie ein Ei dem andern, doch mit einem Hieb

über die Schläfe, hat eine Karte nach Basel gelöst.«

Ulrich wandte sich auf die Straße zurück. Ohne Versöhnung, ohne

Händedruck und Lebewohl, ein Grollender war Friedrich in die Heimat

gefahren. Und sie waren doch bis an die gestrige Nacht gute und getreue

Brüder gewesen von Jugend auf. Er hätte mit der Abreise warten und

sich mit ihm noch einmal in Ruhe aussprechen sollen. Wie stellte der

Geflohene nun die schreckliche Verlobungslösung, den gräßlichen Absturz

aus sonniger Höhe in die graue Enttäuschung vor den Eltern dar? Was

müßten sie denken, die sich so sehr an ihren Söhnen gefreut und den

Besuch einer feinen und lieblichen künftigen Schwiegertochter erwartet

hatten? Und was würde Nick darüber hören, die sich gerade jetzt wieder

so vertrauensvoll an ihn gewandt hatte? Gewiß verlor sie nun allen

Glauben an ihn!

Jeder Gedanke des Verlassenen war ein Kummer. Er versank in einen

Dämmerzustand, in dem es ihm gleichgültig war, wie die Tage kamen und

gingen. Er hätte sich nicht erinnern können, ob gestern die Sonne

schien oder Regen fiel, nicht urteilen, ob er jetzt ein gutes Quartier

besaß oder ein schlechtes. Nur seine Arbeit verrichtete er mit starkem

Willen. Dann und wann aber stieg aus seiner Niedergeschlagenheit eine

wehe Wut, ein abgründiger Drang, die Barensky, die Verderberin so

vielen Glücks, aufzusuchen und sie zu züchtigen.

Aus dunkelm Antrieb kam er auf einem Sonntagsabendspaziergang an dem

Garten der Familie Römer vorbei, spähte durch die Hecke, sah die

blassen Schwestern, die sich über den Beeten ergingen, und erschrak

über das Aussehen Lottes. Es war, als habe eine schwere Krankheit ihre

Jugendblüte gebrochen. Nun lief er heim und suchte sich den Knotenstock

hervor, dessen er sich auf der Wanderschaft bedient hatte. Er schlug

damit den Weg nach dem Zirkus ein, und in seinen Sinnen war ihm, es

dürfe nicht anders sein, als daß er jetzt die Barensky niederschlage.

Da hörte er hinter sich seinen Namen. Als er sich wandte, war es

Appelius, der ihn gegrüßt hatte und nun lachend fragte: »Finden Sie es

am Sonntag nicht für nötig, Ihren Arbeitgeber zu grüßen?« Er lud den

Verwirrten zum Abendbrot in einen Garten ein. Zu welchen Zweck, merkte

Ulrich bald. Appelius erhob freundschaftliche Vorstellungen gegen ihn,

daß er besser zu seiner Gesundheit sehen möge. »Sie haben eine grüne

Gesichtsfarbe, Sie fallen aus den Kleidern. Wenn es mit Ihnen so weiter

geht, geraten Sie ins Spital, und ich muß tatsächlich an Ersatz denken.«

Als sich der Geschäftsherr verabschiedet hatte, kam Ulrich selber die

Einsicht, daß er im jetzigen Zustand zu schwach sei, die Rachepläne

gegen die Verbrecherin auszuführen, und daß ihn Appelius durch seine

Dazwischenkunft von einer grenzenlosen Torheit bewahrt habe.

Dann und wann blickte er in den Brief Nick Tappolis. Er erschien

ihm wie ein strahlendes Licht aus der Ferne, als der einzige große

Halt seines Lebens. Unzählige Male küßte er ihn. Er versuchte ihn zu

beantworten, aber jedesmal war ihm das, was er geschrieben hatte, für

sie nicht gut genug, seine Anläufe blieben in einem trüben Heimweh

stecken, in dem er sich furchtbar nach ihr sehnte, zugleich aber die

Ohnmacht spürte, feste Heimkehrpläne zu fassen und sie ihr mitzuteilen.

Wie konnte er nach dem schmerzlichen Erlebnis Friedrichs ins Elternhaus

treten und sich verantworten? Nein! Die Heimat war ihm verschlossen.

Das wurde ihm klarer von Tag zu Tag.

Das Herz voll Elend schritt er eines Mittags nach dem Essen über den

Flachsmarkt wieder den Werkstätten von Appelius zu. Da stockte ihm fast

das Blut. In wallendem weißen Federhut und blauem Modekleid kam ihm die

Barensky entgegen. Suchte sie ihn? Das glaubte er selber nicht. Die

Begegnung war zufällig. Aber was nun? Sich wenden und ihr ausweichen?

Nein! Er entschloß sich, stolz und ohne Gruß an ihr vorüberzugehen. Er

straffte sich gewaltsam. Wie er sich ihr jedoch näherte, geschah ihm

etwas Sonderbares. Der Boden verging ihm unter den Augen, ihm war, er

schreite in einen schwarzen Abgrund hinein. Unwillkürlich schwankte er

auf einen Laternenpfahl zu und hielt sich daran fest, sonst wäre er

gefallen.

Sie stieß einen leisen Schrei aus und blieb stehen.

Ein kleiner Zusammenlauf von Leuten bildete sich, und Straßenjungen

riefen: »Ein Betrunkener!« Ein Arbeiter aber, der Junghans kannte, trat

entrüstet auf die Spötter zu und drohte ihnen mit Ohrfeigen: »Nein, der

Herr ist krank!«

Da wandte sich die Barensky an den Mann: »Bitte, rufen Sie einen Wagen

herbei. Ich will den Herrn in sein Quartier führen.«

Sei es nun, daß der Ohnmächtige keine Auskunft geben konnte, wo er

wohne, oder verfügte es die Barensky von sich aus, -- der Wagen fuhr

hinunter zu jenem schönen Hotel am Rhein, in dem sie selber mit Mab

wohnte.

Eine schwere innere Entzündung war im Ausbrechen; schon nach ein paar

Stunden rang Ulrich in hohen Fiebern zwischen Leben und Tod.

18

Durch Zürich läutete das Totenglöcklein der Cholera. Da und dort hing

an einer Haustüre der gelbe Zettel, daß darin ein Kranker liege; es

gab Gäßchen, da hingen sie Haus an Haus. Die meisten Läden waren

geschlossen, auch jeder Raum, in dem sonst die Leute zusammenkamen,

und das öffentliche Leben erlosch vollends, seit nicht nur die Armen,

sondern auch angesehene und wohlhabende Einwohner der Stadt der Seuche

zum Opfer fielen. Einige starben sogar aus bloßer Furcht vor ihr.

Wer über die Straße ging, hielt sich ein Riechmittel unter die Nase,

der Freund grüßte den Freund nur noch von fern, und vor Besuchern

verriegelte man das Haus. Mutige Männer holten die Leichen ab, doch

kein Geleite folgten den Särgen auf die Friedhöfe, auch solchen

Gestorbenen nicht, die andern Krankheiten erlegen waren.

Nick war also der Frage überhoben, ob sie der inzwischen

dahingeschiedenen Frau Wasmer das Geleit geben wolle oder nicht.

Nick Tappoli · 第 12 / 18 段