Dörfer und Städtchen, Burgen und Schlösser grüßten, die fruchtbare

Ebene sonnte sich im Morgenstrahl, grüne Berge tauchten empor, und

das Boot glitt hinein in die gesegneten, vielbesungenen Hügelufer.

An den dunkeln Giebeln von Bingen vorbei warf der Strom sich in die

Schlucht des Binger Lochs und kam ins Schäumen und Brausen, als wandle

er auf den Spuren seiner Hochgebirgsjugend: an Klippen brach sich der

Gischt, und die Wasserkühle wehte aufs Verdeck. Nun lachte der kleinen

Gesellschaft Aßmannshausen entgegen. Das Gemüt wurde ihr weit vor

Schönheit, sie einigte sich, hier auf der Rückfahrt auszusteigen und

gegen Abend den Weg über die Niederwaldhöhe zurück nach Rüdesheim zu

Fuß zu gehen.

Lotte und Lutz kannten die Ufer von Wanderungen mit ihrem Vater her

recht gut und wußten aus der Erinnerung manches zu erzählen. An

Friedrich hatten sie einen dankbaren Zuhörer. Ulrich aber blieb etwas

geistesabwesend, denn der Gedanke an die Barensky ließ ihn nie völlig

los, und der Ausflug der Eglisauer Jungmannschaft mit Nick strich ihm

durchs Gedächtnis. »Die Überstunden! Sie arbeiten zu viel,« versuchte

Lutz ihn aufzumuntern. Mit rosigen Fingern bot sie ihm einen geschälten

Apfel an. Dankbar blickte er ihr ins Gesicht. Es ging ihm sonderbar,

wenn er das frische Wesen sah. Nick oder Lutz? Darüber erwachte ein

träumerischer Streit in seiner Seele. Wo waren die größeren Vorzüge?

Nein, die stolze Nick mit dem Einschlag italienischen Blutes, das ihrem

Gesicht eine so große Vornehmheit gab, konnte er nie vergessen; aber

gewiß würde er auch bei Lutz, die deutsches Wesen so rein und innig

verkörperte, ein volles, tiefes Glück finden.

In seinen Traum klang ein Wort, das Lotte an Friedrich richtete: »Es

ist etwas Merkwürdiges an Ihnen beiden. Sie sind so einfach, so grad,

als ob Sie sich gar keine Mühe gäben, etwas zu scheinen, und setzen

sich doch überall in Ansehen.« Auf Friedrichs Gesicht glänzte die

Freude über die Anerkennung des geliebten Mädchens. Lutz aber neigte

sich zu Ulrich und flüsterte: »Das hat der Vater von Ihnen gesprochen.«

Und den Männern wuchs der Mut.

Bald mit ihren eigenen vollen Herzen beschäftigt, bald mit der

Schönheit der Landschaftsbilder, genossen die Paare die Fahrt. Hoch

zur Linken grüßte die malerische Ruine Rheinstein, hart am Strom

winkte die baumumschattete Klemenskirche, die aus grauen Jahrhunderten

erzählt, darüber die Ruine Falkenstein; dann der Flecken Lorch mit

rundem Uferturm, hoch oben der Nollicht, auch ein Hort der Sage, Schloß

Sonneck und Ruine Fürstenberg -- eine Burg der andern so nah, daß man

sich von ihren Zinnen zurufen könnte.

»Wer all die lustigen und traurigen Geschichten wüßte, die um die

Mauern gehen,« meinte Lutz. »Bacharach, das alte, liebe Nest!« rief

sie. »Da waren wir als Schulmädchen oft in der Weinlese. Die schöne

Ruine ist die Wernerkirche und die Burg oben das Schloß Stahleck. Wie

oft sind wir dort mit Buben und Mädchen herumgeklettert im bunten

Herbst!«

Schon ragte aus dem von Dampfern, Kähnen und Flößen belebten Strom

die Pfalz bei Kaub, der dicke Wachturm mit den vielen Seitentürmchen.

Da erzählte Lutz mit aufquellender vaterländischer Begeisterung vom

Rheinübergange Blüchers in der Neujahrsnacht 1814. Ulrich merkte: ihr

Schulsack war nicht gering, und warmer Anteil für vieles bewegte ihr

die Seele.

Vorüber waren die Spitzgiebel von Kaub, die runden und viereckigen

Türme von Oberwesel, klippiger wurden die Uferhügel, über verborgene

Felsen schäumte der Rhein; auf dem Schiff erhob sich das Lied von der

Lorelei, und die Brüder fielen mit prächtigen Stimmen ein. »Lotte und

ich können leider nicht singen,« gestand Lutz. »Schon in der Schule

hat man uns gesagt, daß wir Spatzen seien.« Ulrich aber fand, in ihrer

jungen Lieblichkeit sei sie auch ohne Gesang ein Lied.

In weitem Bogen zog das Schiff um den Felsen der Lorelei, Stromkühle

und mittägliche Sonne spielten um das Schiff, stets fröhlicher wurden

die Gesichter der Ausflügler. Wie herrlich war die Fahrt! Auf jedem

Hügel stand ein Schloß, entweder in Ruinen oder mit hellglitzernden

Fenstern, am Ufer lehnten die verträumten Kirchen. Überall

Sagenstimmung. Aus den Rebbergen schimmerten Landhäuser und hielten

ihre Fahnen empor. Das Dorf Kamp lachte aus üppigen Nußbäumen. St. Goar

und St. Goarshausen kamen und gingen, das klosterreiche Boppard stellte

seine lange Giebelreihe ans Ufer, dann Rhens -- mit dem Königsstuhl,

in dessen rechteckigem Kanzelbau die Kurfürsten den Kaiser kürten --,

und über dem malerischen Städtchen Oberlahnstein ragte das prächtige,

efeuumkränzte Schloß Stolzenfels mit Kapelle, Terrassen und Gärten, in

anmutig bewegtem Gebirgsrahmen die schönste Burg am Rhein, der breit

wie ein See an ihr vorüberwallt.

In Koblenz verließ die kleine Gesellschaft das Boot. Bis die Fahrt

wieder rheinauf ging, hatte sie eine reichliche Stunde Zeit. Sie hielt

Mittag in einem Wirtschaftsgarten, vor sich die uralte vierzehnbogige

Brücke über die Mosel, die aus einem Hintergrund schöner Berge durch

reiches Grün in den Rhein hervorfließt. Harmloses, inniges Glück lag

auf den Gesichtern der Mädchen. Ulrich, selber verwirrten Herzens,

flüsterte dem Bruder ins Ohr: »Jetzt fort mit den Bedenklichkeiten!

Bitte heute noch Lotte um ihre Hand!« Der versonnene Friedrich wurde

rot und nickte ihm zu.

Wieder fuhren sie durch die reichen, wechselnden Bilder der

Rheinlandschaft dahin, doch jetzt stromauf, und als sie das Boot in

Aßmannshausen verließen, lag noch ein langer, schöner Abend vor ihnen.

Durch Waldesschatten stiegen sie hinauf gegen den Niederwald und

dann auf den Aussichtsturm in der Höhe, unter sich flimmernde Buchen

und Eichenkronen, den aus weiter Ferne heranwallenden, im Lichte

golden erzitternden Strom, die stolz auf ihm daherziehenden Dampfer,

die Burgen auf den Rebenhügeln und die fruchtbare Ebene mit den

schimmernden Dörfern.

Aus den Augen Friedrichs blitzte die Entschlossenheit. Noch auf dem

Turm gab er dem Bruder einen Wink, mit Lutz voranzugehen. Plaudernd

zog der Jüngere die Ahnungslose hinweg und sagte, die andern würden

schon nachkommen. Im Angesicht der herrlichen Landschaft schritten sie

durch die Weinberge gegen Rüdesheim hinab und unterhielten sich über

die Bilder am Weg. Plötzlich aber wandte Lutz den Kopf: »Ja, dort oben

kommen sie, -- doch wie langsam! Was haben sie nur? Beide senken die

Köpfe, wie wenn sie Goldstücke suchten.«

Ulrich lächelte geheimnisvoll, Lutz aber erriet den Zusammenhang und

rief übermütig: »Ich glaube, die beiden verloben sich! Das ist fein!

Lotte hat Ihren Bruder schon lange lieb. Warum sind wir nicht dabei?

Ich bin so furchtbar neugierig, wie sie sich benehmen. Sehen Sie, jetzt

haben sie sich geküßt. Friedrich schlingt den Arm um die Hüfte Lottes.

Jetzt kommen sie miteinander wie Hermann und Dorothea. Ist das nicht

wundervoll?«

»Was aber wohl Ihr Vater dazu spricht?« fragte Ulrich. Da flog ihr

doch ein Schatten über das helle Gesicht, sie seufzte: »Es wird schon

einen Kampf geben. Lotte hat aber doch Recht.«

Langsam und selbstvergessen kam das Liebespaar den Weg herabgestiegen.

Als er das glückselige Gesicht des Bruders sah, wurde Ulrich von einer

ihm unbekannten Rührung ergriffen, mehr noch, als Lotte seine Hand

nahm. »Wer hätte heute morgen gedacht, daß ich dich am Abend Schwager

nennen dürfe. Also du auf du! Ich will dir eine gute Schwester sein.«

Sie gab ihm einen herzfrischen Kuß zur Besiegelung ihres Wortes und

umarmte immer und immer wieder die Schwester. Friedrich gab Lutz

ebenfalls einen Kuß, und Ulrich war nahe daran, seinerseits das Herz

vollends an die Jüngere zu verlieren.

Von Bingen herüber kam aber schon das Schiff, das sie zur Heimfahrt

benutzen wollten. Sie eilten nach Rüdesheim hinab und fuhren im

goldenen Abendschein der eigenen Stadt entgegen. Nun aber ihre Türme

zum Vorschein kamen, berieten die Schwestern doch in etwas bänglichem

Flüsterton, wie sie dem Vater das Ereignis mitteilen sollten. Sie

wurden einig, daß Friedrich und Ulrich zunächst, als hätte sich

nichts von Belang ereignet, vor die Eltern treten und dann in ihrer

Kammer warten sollten, bis eine von ihnen Friedrich in die Wohnung

hinunterrufe. Kaum hatten sie den Plan verabredet, als das Boot in der

Abenddämmerung das Ziel erreichte. Am Landungssteg holte das Ehepaar

Römer die Gesellschaft ab. Friedrich hatte Herzpochen, Ulrich führte

das Gespräch, erzählte von den Freuden des Ausfluges, und unter der

Tür bedankten sich beide schlechten Gewissens für die Ehre und das

Vertrauen, das ihnen von den Eltern Römer erwiesen worden war.

Friedrich hoffte heimlich, er werde noch am Abend gerufen, aber er

horchte umsonst nach dem Glockenton, mit dem die Schwestern ihre

Zeichen gaben. Er und Uli mußten zur Ruhe gehen, ohne zu wissen, wie

sich Vater Römer zu der Liebe seiner Ältesten stellte.

Am folgenden Tag wollte Friedrich fast verzagen. Als die Brüder aber

zum Mittagessen hinaufstiegen, da streckte Lutz den Kopf aus der Tür

und flüsterte ihm zu: »Du bekommst eine Einladung zum Nachtessen.« Ihr

Lächeln verriet kaum getrocknete Tränen.

Die Verlobung war also beim Alten auf Widerstand gestoßen. Selbst die

Brüder fanden es begreiflich. Sie waren doch nur als Gesellen in Mainz

zugewandert, Friedrich dazu erst seit sechs Wochen, und nur ihre guten

Stellungen bei Appelius gaben ihnen einiges Ansehen. Die Römer aber

waren eine alte Bürgersfamilie, vielleicht nicht gerade reich, doch in

Verhältnissen, die sie für die Zukunft der Töchter Ansprüche machen

ließen.

Die beiden Überstunden von sieben bis neun Uhr erschienen Ulrich an

diesem Tage furchtbar lang. Als er endlich in brennender Neugier das

Haus betrat, wurde er von Lutz mit klingendem Lachen in die Wohnung

gerufen und traf dort bei Wein, Kuchen und Obst ein stillglückliches

Bild: Lotte Hand in Hand mit Friedrich und diesen in friedlichem

Gespräch mit dem Vater der Braut. Die Wogen hatten sich geglättet. Auch

er fand in dem Familienkreis herzliche Aufnahme.

Beim Anstoßen auf die Verlobung sagte Lutz schelmisch: »Auf Schmollis,

Ulrich, wir sind ja jetzt Verwandte! Und von dem Fest bekomme auch ich

ein Butterbrot. In vierzehn Tagen wollen Friedrich und Lotte zu euern

Eltern in die Schweiz reisen und sich als Paar vorstellen. Da darf ich

als Begleitdame mit und sehe, wie es in eurer Heimat ist, den jungen,

wunderklaren Rhein und die weißen Schneeberge.«

Auch Ulrichs Sinne gaukelten über die Gestade der Jugend: er malte

sich das Glück der Eltern aus, wenn Friedrich mit einer so schönen und

feinen Braut daheim erschien, dazu die fröhliche Lutz. Die Schwestern

würden von ihnen nicht enttäuscht sein: Vater und Mutter verstanden es,

sich eine schlichte Würde zu geben.

Mehr noch als das Geplauder des lieben Mädchens an seiner Seite

fesselte ihn das Gespräch, das Römer mit dem künftigen Schwiegersohn

führte. Nachdem er seinen Widerspruch aufgegeben hatte, richtete er

seine Gedanken mit väterlicher Wärme auf die Zukunft des Paares; doch

war es ihm offenbar eine unangenehme Vorstellung, daß der Freier in

abhängiger Stellung stand.

»Ich werde mit Appelius sprechen. Das Geschäft erweitert sich stetig.

Erweiterungen kosten Geld, und vielleicht ist er froh, wenn ich einen

Betrag in seine Werkstatt zuschieße, selbstverständlich gegen das

Versprechen, daß er dir eine leitende Stellung einräumt.«

Als die Brüder spät in ihre Kammer hinaufstiegen, taumelte Friedrich

vor Glück, er wiederholte immer nur die Worte: »Die Eltern, wie werden

sie aufhorchen, daß es mir so gut geht!«

Am folgenden Tag trug das junge Paar schon die Ringe. Ulrich fand,

daß er einige Beschwerde habe, die ganze Liebeslust Friedrichs zu

teilen, war aber doch erstaunt, daß selbst Appelius in dessen sonst so

bedächtigem Wesen eine Veränderung bemerkte.

»Was ist denn mit Ihrem Bruder?« fragte der Geschäftsherr. »Ich habe

ihn eben ertappt, wie er still für sich in eine Ecke hineinlächelte. --

Wie? -- Der ist verlobt? Mit der ältesten Tochter Römers, dem reizenden

Mädchen?« Die Neuigkeit gab dem gelassenen, nüchternen Mann einen Ruck.

»Wenn es so steht, muß man allerdings Rücksicht walten lassen. Sagen

Sie ihm, daß er sich in der nächsten Zeit nicht so scharf ans Geschäft

zu binden braucht, die jungen Leute haben gewiß jetzt mit Besuch und

anderem überreichlich zu tun. Nein, ich will es ihm doch gleich selber

ausrichten und meinen Glückwunsch dazu. Die Lotte Römer! Das ist ein

Wurf, Herr Junghans.«

Im Überschwange des Glücks meinte Friedrich, am schönsten wäre es, wenn

sich Ulrich und Lutz auch noch als Paar zusammenfänden, und selbst

Appelius machte einmal scherzhaft die gleiche Anspielung. Ulrich mußte

aber heimlich immer an den Brief der Barensky denken, eine traumartige

Furcht vor dem Weibe lastete auf ihm. Davon wollte er sich durch eine

Aussprache mit Friedrich befreien; aber wenn er das lachende Glück in

den Augen des Bruders sah, erschien es ihm wie ein großes Unrecht,

die Freude der Liebenden durch ein Wort der Sorge zu stören. Er ließ

es daher, fand aber auch den frohen Sinn nicht, um irgend heischende

Wünsche mit der lieblichen Lutz zu verbinden. Wenn es nur Friedrich

gut ging und sich seine Träume schön erfüllten, zunächst auch der

Heimatbesuch mit den Mädchen!

So oft aber seine Gedanken an den Oberrhein schweiften, schwebten sie

auch um Nick. Es tat ihm doch in der innersten Seele wohl, daß sie ihm

durch Friedrich herzliche Grüße geschickt und einen Brief in Aussicht

gestellt hatte. Er überraschte sich sogar bei dem Plane, Nick mit ein

paar Zeilen zuvorzukommen.

16

Seit Friedrich Junghans nach Mainz gezogen war, dachte Nick ruhiger an

Ulrich. Der bedächtige ältere Bruder war dem jüngern doch ein Schutz

vor mancherlei Abenteuern.

Nebenbei bemutterte sie ihren unbehilflichen Freund Glorian Rollenbuz.

Dann und wann hielt sie Nachschau in seiner Wohnung und bat die

Hauswirtin, etwas sorgfältiger zu dem großen Kind zu sehen; auch

schrieb sie mit seinem Einverständnis an die Stiftung in Basel um eine

neue Ausstattung für ihn, nahm ihm, als die neuen Kleider angelangt

waren, die alten weg und freute sich, mit ihm wieder unter die Menschen

treten zu dürfen.

In der Familie Wasmer stand es wie früher. Der lebensfrohe Mann, dem

es sonst nicht an freundlicher Rücksicht gebrach, verbarg es kaum

mehr, daß er den Tod seines Weibes herbeisehnte, und mit dem erhöhten

Spürsinn der Sterbenden wußte die Dahinsiechende um die Stimmung des

Gatten. Im letzten großen Seelenschmerz suchte sie Trost bei Nick.

Ohne sprechen zu dürfen, stand der Gast des Hauses zwischen Mann und

Weib. Ja, eines Tages fühlte Nick, daß sie das Vertrauen der Kranken

nicht mehr besaß, daß die fieberglänzenden Augen in unausgesprochenem

Verdacht, in brennender Eifersucht und in ohnmächtigem Haß, je länger

desto stärker, auf ihr ruhten.

Sie wußte sich unschuldig, war aber von der Wesenswandlung der

Kranken doch schwer betroffen. Auf einmal verstand sie den Sinn

des geheimnisvollen Lächelns, der verblümten Anspielungen und der

Gefälligkeiten Wasmers, und ihre innere Stimme gab der Leidenden völlig

Recht: er rechnete darauf, wenn die Kranke erst gestorben sein würde,

Nick zu heiraten.

Ein herzlicher Zorn auf den treulosen Mann kam über sie. Wie eine

Schande für sich selbst empfand sie seine Gedanken, überhaupt als ein

abgründiges Vergehen an Ehre, Gewissen und dem, was einem Menschen

heilig sein soll.

Ein kleines Ereignis machte der heiklen Lage ein Ende. Hiob, der Junge,

der sonst wie an einer älteren Schwester an ihr hing, benahm sich

auffällig abweisend gegen Nick. Nach dem Abendbrot kam es zwischen

ihnen zu einer kleinen Auseinandersetzung. Da stampfte der Junge mit

dem Fuß: »Ich folge Ihnen nicht mehr, Fräulein. Sie sind schlecht!«

Zuerst erschrak sie über die Beleidigung, dann ging sie auf den Jungen

los und faßte ihn kräftig an beiden Ohren, wie sie es im Scherz oft, im

Ernst noch nie getan hatte. »Was sagst du?« Der Knabe schrie erbärmlich

auf, wiederholte aber: »Sie sind schlecht, weil Sie meine zweite Mutter

werden wollen! Ich weiß es.« Da ließ Nick ihn los. »Wer lügt so?«

Der Streit aber hatte die strohhalmschwache Frau herbeigelockt, die

sich mit den abgezehrten Händen an der Wand entlang tastete. Der

Anblick der Schwerkranken gab der zornbebenden Nick die Fassung wieder.

Mit unheimlicher Ruhe sagte sie: »An dem, was mir Hiob vorgeworfen hat,

ist kein wahres Wort. Ich würde mich in die Erde hinein schämen, wenn

auch nur ein Funke daran wäre. Diese Beruhigung kann ich Ihnen geben,

Frau Wasmer. Ich danke Ihnen für alles Liebe, das Sie mir erwiesen

haben, aber ich verlasse sofort das Haus und das Geschäft. Möge Ihnen

das den Frieden geben!«

»Fräulein Nick!« kam es tonlos von den Lippen der Kranken. Sie wollte

weiter sprechen, konnte es aber nicht. Und Nick trug das Häuflein

flackernden Lebens auf das Schmerzenslager zurück.

Dann packte sie ihre Sachen und schickte sich an, die Wohnung zu

verlassen. Auf der Treppe jedoch begann sie herzzerbrechend zu weinen,

setzte sich auf eine der untersten Stufen, und das Gesicht mit den

Händen bedeckend ließ sie ihrem wilden Schmerz den Lauf.

Da gingen Schlüssel und Klinke der Haustür, Wasmer kam heim. Sie schoß

auf und floh an ihm vorbei hinaus in die Nacht. Sein verwunderter Ruf

scholl ihr nach: »Fräulein Tappoli! -- Nick! -- Um Himmels willen, was

ist denn los?« Sie aber lief. Zum Glück war es noch nicht spät, und

nach einigem Umherirren fand sie wieder Unterkunft bei der Frau Gugolz.

»Mir war doch, Sie kämen zurück,« lächelte die Alte. »Ich habe deswegen

nie recht Lust gehabt, das Zimmer wieder zu vermieten.«

Am Morgen setzte sich Nick eben mit wehem Kopfe hin, um ihrem

Geschäftsherrn einen Brief zu schreiben. Da kam einer seiner Ausläufer

und rief sie zu ihm. Wohl oder übel trat sie den schweren Gang an

und traf ihn allein auf dem Kontor. Er empfing sie mit verlegener

Feierlichkeit.

»Es ist schief gegangen, Fräulein Tappoli,« begann er. »Es sind Dinge

an den Tag gekommen, die ich noch lange für mich behalten wollte, und

ich muß alle Schuld auf mich nehmen. Meine Frau hat mir eine Falle

gelegt. Sie selber sprach von Ihnen, als wäre es ihr Wunsch, daß Sie

ihre Nachfolgerin werden sollten. Ihre und meine Gedanken schienen sich

zu treffen. Da wandte sich ihr Sinn, -- die glühende Eifersucht kam zum

Ausbruch. Aber, Fräulein Tappoli ...«

»Kein Wort mehr!« rief Nick. »Ich kann nur das eine erwidern: Nie --

nie -- nie!«

»Fräulein,« bat er dringlich, »überlegen Sie sich die Sache doch noch

einmal zu Ihrem eigenen Vorteil. Wie viel kann ich Ihnen bieten! Sie

Idealistin gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den

Markt. Da werden Wesen Ihrer Art mit der gleichen Kaltblütigkeit wie

Hasenfelle verkauft.«

Nick unterbrach den Faden seiner Rede. »Wir haben uns nichts mehr zu

sagen, Herr Wasmer. Lassen Sie mich in Frieden gehn!« Mit einer raschen

Wendung verließ sie das Kontor. Eine Stunde später schickte er ihr den

Lohn, dazu ein Zeugnis, dessen überreichliches Lob sein schlechtes

Gewissen verriet.

Zu gewöhnlichen Zeiten hätte ihr weiteres Fortkommen ihr nicht viel

Sorge bereitet, aber gerade jetzt schlich durch den Hochsommer

der Stadt ein unheimliches Gespenst. Die Cholera war von einem

Durchreisenden aus Rom im Gasthaus zum »Schwarzen Weggen« eingeschleppt

worden, und nun ereigneten sich da und dort Fälle. Man sprach davon,

wenn sie sich weiter ausbreite, würden viele Läden schließen.

Auch ein anderes beunruhigte Nick. Sie war der Ansicht gewesen, Glorian

Rollenbuz sei ein bescheidener Verehrer, der es nie wagen würde,

das Wort »Liebe« auszusprechen. Nun erhielt sie von ihm aber einen

brieflichen Eheantrag, der mit unverständlichen Stellen aus römischen

und griechischen Klassikern belegt war und einen langen Beweis

enthielt, daß er für das Gedeihen seines Lebenswerkes der Mithilfe

eines sich um ihn sorgenden Weibes bedürfe. Wie ihm nun antworten, daß

ihre Empfindung für ihn nur eine freundschaftliche Gesinnung sei, aber

nicht die Liebe, die für den gemeinsamen Gang durchs Leben ausreiche?

Sie wurde des unangenehmen Briefes enthoben. Glorian kam selber die

schmale Treppe zu ihr emporgestiegen -- nicht aus eigenem Mannesmut,

sondern angetrieben von einer großen, bei aller Magerkeit starkgebauten

Dame, die dem armen, sonst immer frierenden Menschen den Angstschweiß

ins Gesicht jagte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die

Drei im Stübchen zurechtgefunden hatten: das knochige Frauenwesen im

Riesenblumenhut mit weitausgespanntem Reifrock, einem Reisetäschchen

aus orientalisch gemustertem Stoff und fransengeschmücktem

Sonnenschirm, die Armsündergestalt Glorians, der sich tief in die Ecke

stellte, und Nick selbst, die nicht wußte, was werden sollte. Doch

zuckte ihr durch den Kopf, der Unglücksmensch habe wohl den Angehörigen

in Basel seine Heiratspläne verraten und die Dame mit der unheimlich

großen, langen Nase sei gekommen, um sich als seine Verwandte mit ihr

auseinanderzusetzen.

Leibhaftige Schwester Glorians sogar war Fräulein Rollenbuz! Nachdem

sie das schwer betont hatte, versetzte sie in großer sittlicher

Entrüstung: »Und Sie sind also das verdorbene Wesen, das seine

Fangnetze nach meinem unschuldigen Bruder auswirft, das ihn mit

unchristlichem, ja teuflischem Blendwerk aus seiner bisher makellosen

Lebenslaufbahn herausreißen und in den Pfuhl eines sündhaften Wandels

hinabziehen will!«

Zornglühend erhob sich Nick, um sich zu rechtfertigen. Aber bevor

sie zu Wort kam, war Fräulein Rollenbuz im rauschenden Seidenrock

emporgeschnellt, und mit langausgestreckten Armen kreischte sie: »Ich

bin die Ältere, ich habe das Wort! Sie mögen mit Ihren gleißnerischen

Wegleugnungen warten, bis ich gesprochen habe!«

Auch der zitternde Glorian machte einen Versuch, den Mund zu öffnen.

»Henriette,« flehte er die Schwester an. Sie aber stieg wie eine Rakete

über ihn. »Bruder, du verirrtes Schaf, statt in deiner halsstarrigen

Betörung zu verbleiben, knie nieder und danke Gott, daß du noch

eine liebe Schwester hast, die deine Unerfahrenheit gegen solche

Fallstricke schützt und schirmt. Vor allem aber dulde ich von dir keine

Unterbrechung der wohldurchdachten Worte, die ich nun sprechen will.«

Da schaute er erbarmungswürdig und gebrochen zu seiner Angebeteten

hinüber.

Jeder Versuch Nicks, selber in die Angelegenheit einzugreifen, wurde

von dem eckigen Fräulein mit empörten Handbewegungen im Nu erstickt.

»Welch ein Mangel an Erziehung, eine lebenserfahrene Dame berichtigen

zu wollen! Das wagt doch nur eine ungeschliffene Zürcherin und fällt

bei Ihnen um so schwerer in Betracht, als Sie aus einem Pfarrhaus

stammen. Wo sind die duftenden Blüten, die fromme Elternliebe Ihnen

ins Herz gepflanzt hat? Versengt von der bösen Stadt Zürich, die in

Basel keines guten Rufes genießt! Die Untugend wohnt an der Limmat. Sie

selber sind zu einer Dienerin der Hoffart hinabgesunken. Standen Sie

nicht in einem Laden, in dem Damenhemden mit durchbrochenen Einsätzen

und roten Bändchen verkauft wurden?«

»Herrgott, die Baslerinnen werden auch nicht in Sack und Asche gehen!«

rief Nick, welche die Predigt des Fräuleins allmählich lächerlich fand.

Schon schwebten aber die Hände der Henriette Rollenbuz wieder

beschwörend über ihr. »Wir sprechen nicht von unserm tugendreichen

Basel, sondern von Ihnen, der Pfarrerstochter, die sich

heruntergelassen hat, unchristlich gewordenen Mädchen und Frauen

diejenigen Gegenstände zu verkaufen, welche die Blicke gottloser Männer

mit Wollust erfüllen. Daß Sie sich dabei selber in Leichtfertigkeit

verstrickt haben, ist mir nicht verwunderlich; es erscheint mir aber

doch als eine besondere Bosheit von Ihnen, daß Sie die Hände nach

meinem bisher tadellosen Bruder ausstreckten. Indessen wird Ihnen der

Anschlag nicht gelingen: meine schwesterliche Liebe durchschneidet Ihre

Netze, sie führt Glorian in die Obhut seiner Familie nach Basel zurück.«

»Und rettet ihn vor der Cholera!« rief Nick, deren Zorn einem blühenden

Mutwillen gewichen war. Jetzt hob das Fräulein ihre Arme nicht mehr

beschwörend empor. Ihre Gestalt steifte sich krampfhaft, ihr Wort brach

ab, schreckensbleich saß sie mit offenem Munde da.

Nick Tappoli · 第 11 / 18 段