vor der Luft besiegte und seiner Arbeit an den Grundzügen des
Ökumenischen Konzils so viele Stunden um ihretwillen entzog, nicht
hart sein; sie gab ihm, freilich außer Sehweite des Geschäftes, dann
und wann Gelegenheit, ihr zu begegnen und ein wenig mit ihr durch den
Frühlingsabend zu wandeln. Viel machte sie sich aus dem schüchternen
Freund nicht, aber sie fand doch Gefallen daran, den Bücherwurm wieder
etwas zur Natur zurückzuführen. Dabei entging ihr jedoch nicht, daß die
Blicke der Vorübergehenden manchmal an ihnen hängen blieben mit der
stummen Frage: Was soll das ungleiche Paar, das frierende, mumienhafte
Männchen und die blühende, geschmeidige Mädchengestalt? Daher mied sie,
wenn sie mit Glorian ging, die Menschen nach Möglichkeit. Und wo war
man einsamer als auf dem See? Wohl oder übel mußte er mit ihr in den
Kahn steigen, hinaus ruderte sie ihn auf die dunkeln Fluten. Darüber
glühten die Frühlingssterne, und der Duft ausbrechender Blüten strich
in Schwaden über die Wasser. Ihre Gedanken aber schlugen manchmal recht
verschiedene Wege ein. Während sich Glorian darüber beklagte, daß die
Hauswirtin kein genügendes Verständnis für sein Lebenswerk und die
damit verbundene Fächer- und Zettelwirtschaft habe, ließ Nick ihre
Sinne durch die Welt wandern, am liebsten den Rhein hinab bis nach
Mainz zu Ulrich Junghans. --
Ahnungslos stand sie eines Tages im Laden. Da trat ein junger Mann
herein, den sie einen Herzschlag lang für Uli selber hielt. Es war aber
sein Bruder Friedrich, den sie weniger gut kannte. »Marie hat mich zu
Ihnen geschickt, Fräulein Monika,« erzählte er. »Ich fahre morgen nach
Mainz. Die Schwester meint, Sie hätten dem Bruder vielleicht etwas
auszurichten.«
Nick erglühte, aber der Laden war nicht der geeignete Ort für eine
Aussprache über ihre Herzensangelegenheit. Auch schien es Friedrich
Junghans mit seiner Zeit dringlich zu haben. »Ausrichten?« stammelte
sie. »Ja freilich, meine herzlichsten Grüße!« Schon begleitete sie den
Wanderfertigen unter die Ladentür und wünschte ihm Glück auf die Fahrt.
Da flüsterte sie ihm mit leuchtendem Lächeln noch zu: »Sagen Sie Uli,
daß ich ihm bald einen Brief schreiben werde.«
Sie fühlte sich selber erleichtert, daß sie ihrer Liebe durch den
freundlichen Besuch Friedrichs wieder einen Steg hatte bauen können.
Uli werde nun schon verstehen, woran er mit ihr war, und die innere
Gewißheit erfüllte sie, daß keine Rheinländerin mehr Macht über sein
Herz besaß. Und fleißiger wallte das ihre hinab nach Mainz.
14
An einem Samstag, gegen Abend, sollte Friedrich mit dem Dampfboot
dort eintreffen. Die Wiedersehensfreude bewegte Ulrich so tief, daß
er sich von Appelius ein paar Stunden frei erbat und dem Ersehnten
entgegenfuhr. In Oppenheim überraschte er ihn auf dem Deck. Friedrich,
der sehr gut aussah, begann von daheim zu erzählen, wie es den gesamten
Angehörigen wohl ergehe. Auch von Nick Tappoli. Ein inniges Glück
verklärte das Gesicht Ulrichs über die Mitteilung, daß sie ihm einmal
schreiben werde. Also gab es zwischen ihr und ihm ein Sichwiederfinden!
In der Ferne ragten die Türme von Mainz wie Schwerter in den
Abendhimmel. Aus lichtgeränderten Haufenwolken sprühte die Sonne,
und gerade diese Beleuchtung erinnerte daran, daß diese Stadt die
goldene hieß. Überall in den Wassern und an den Ufern regte sich das
Leben: Boote, mit fröhlichen Menschen besetzt, glitten von Gestade
zu Gestade oder aus den grünen Fluten des Rheins hinein in die
rötlichen des Mains, Lieder ertönten, von den Kirchen das friedliche
Sonnabendgeläute. Am Landungssteg stand Szedesky in seiner Tracht und
winkte herzlichen Willkomm.
So hatte Friedrich einen stimmungsvollen Einzug in die Stadt.
Am andern Morgen besichtigten die drei ihre Sehenswürdigkeiten,
besonders den Dom, dessen wuchtiger Mittelturm fast in alle Straßen
blickt. Ulrich kannte den etwas versteckten Eingang, durch die schönen
und häßlichen Häuser, die ihn dicht umstellen und in denen gekauft,
verkauft, geschustert und gehämmert wird. Wie still, wie kühl, wie
erhaben erschien ihnen das Innere mit der Menge der Säulen! Noch nie
hatte Friedrich so etwas Herrliches gesehen. Ulrich zeigte ihm die
vielen Denkmäler, besonders dasjenige des mächtigen Kirchenfürsten
Willigis, der als Wagnerssohn das Doppelrad seines Vaters im Wappen und
dazu den Wahlspruch führte: »Willigis, Willigis, denk woher du kommen
sis!« Der Spruch gefiel Friedrich, der zu sittlichen Betrachtungen
neigte, ungemein. »Uli,« meinte er, »wir wollen auch nie vergessen, daß
wir aus einem zwar einfachen, doch rechtschaffenen Elternhaus stammen.«
Dem Jüngern aber fiel die Barensky ein, und ein Stich ging ihm durch
die Brust. Mehr als eine Stunde weilten sie vor den Merkwürdigkeiten
der Kirche, nicht am wenigsten vor dem alten Bilde, das darstellt,
wie der Minnesänger Frauenlob von acht Mainzerinnen in einem mit drei
Kronen geschmückten Sarge ehrenvoll zu Grabe getragen wird. Überall war
Ulrich ein gewandter Erklärer.
Von den schönen Eindrücken beglückt, lachte Friedrich beim Mittagessen:
»Nicht jeder hat eine so prächtige Aufnahme in einer fremden Stadt.
Wie mancher Handwerksgeselle wird von niemand abgeholt, muß in einer
schlechten Herberge schlafen und von Tür zu Tür Umschau halten. Bei
euch aber ist mit der Arbeitsstelle das schöne Quartier schon da!«
Am Nachmittag machten sie den Ausflug auf den Bichelstein, sahen weit
hinein in die Rheinlande, bewunderten beim Dörfchen Zahlbach die
Reste einer mächtigen römischen Wasserleitung, ließen sich wieder vom
Leben der Stadt umrauschen und wandten sich über die Schiffsbrücke
nach Kostheim hinüber. Sie traten in einen bei den Mainzern beliebten
Wirtschaftsgarten, der gerade im Angesicht des türmereichen Bildes
der Stadt lag und den Überblick über die stromherab und stromherauf
ziehenden Schiffe gewährte. Noch berieten sie, wo sich niederlassen,
um die Aussicht am vollsten zu haben. Da trat die Familie Römer
in den Garten, Vater, Mutter und die beiden Töchter. Ulrich und
Szedesky grüßten auf das höflichste, ihrem Beispiel folgte Friedrich.
Den Mädchen aber sah man die Überraschung an, daß nun neben Ulrich
plötzlich noch ein zweiter hochgewachsener Fremdling, fast sein
Ebenbild, aufgetaucht war. Der Jüngere spürte die Pflicht, den Bruder
vorzustellen, und Szedesky sagte den jungen Damen ein paar artige
Worte des Abschieds. So kam man ins Gespräch. Dem Vater Römer lachte
das Wohlgefallen an den frischen Männern aus den Augen, er lud sie
ein, mit der Familie an demselben Tische Platz zu nehmen, und nach der
flüchtigen Treppenbekanntschaft mit den Töchtern kamen die Freunde nun
auch mit den Eltern ins Gespräch.
Dabei bildeten sich merkbar zwei Gruppen. Die Mutter und Lotte nahmen
sich Friedrichs an, der die Schüchternheit des Neulings noch nicht
überwunden hatte. Szedesky und Ulrich aber saßen näher bei Vater Römer
und der knospenhaften Lutz.
»Sie werden fünfundzwanzig sein,« wandte sich die Mutter wohlgefälligen
Blicks an Friedrich. Als er die Richtigkeit ihrer Schätzung bestätigte,
versetzte sie nachdenklich: »Unser einziger Sohn war mit Ihnen
gleichalterig; leider haben wir ihn, als er Gymnasiast geworden war,
verloren.« Es war, als suchte sie im Gesicht des jungen Mannes die Spur
des Dahingegangenen. Lotte aber lenkte das Geplauder auf die schöne
Musik, die den sich immer mehr belebenden Garten durchflutete, dann
auf einen sich stromaufwärts arbeitenden holländischen Schleppdampfer.
In der Tat bot das dunkelgeteerte Schiff, das eine Reihe von Kähnen
schleppte, ein liebliches Bild. Um die kleinfenstrige, doch hübsch
mit Vorhängen und Blumen geschmückte Wohnung auf dem Hinterteile saß
eine Familie und hielt Feierabend. Die Kinder tanzten in weißen Hauben
und in Holzschuhen Ringelreihen, auf dem flachen Dach thronte der
weiße Spitzer und betrachtete sich die Welt. Über das Leben dieser
Schiffersleute erging sich Lotte, und Friedrich bewunderte ihre
bewegliche Geistesart.
Vater Römer aber scherzte zu Ulrich hinüber: »Sind denn in Ihrem Land
alle jungen Leute so blond, so stattlich und groß wie Sie und Ihr
Bruder?« »Das wohl nicht,« erwiderte der Schweizer, »in unserer Familie
aber liegt's.«
Nun fragte ihn Römer manches nach Eltern und Heimat. Ähnlich hielt er
es mit Szedesky. Lutz hörte dem Gespräch aufmerksam zu. Einmal ruhte
ihr Blick auf dem Ring, den Ulrich zu Ehren der Ankunft Friedrichs
trug. »Ist der Reifen ein Altertum?« fragte sie. »Nein, aber doch ein
Andenken.« Er zog ihn vom Finger und reichte ihn ihr hin. Sie las die
Inschrift, gab Ulrich einen freudig überraschten Blick und bot den
Ring dem Vater. »Alle Achtung!« versetzte Römer. »Das Stück ehrt Sie
und Ihre Heimat.« Ulrich spürte wohl, wie sein Ansehen bei Tochter und
Vater durch den Reifen gewachsen war.
Das Gespräch sprang auf das Geschäft Appelius über. »Ja, da sind Sie
gut aufgehoben,« versetzte Römer und nickte. »Ich kenne Vater und Sohn.
Es sind hervorragende Industrielle, wie Mainz ihrer mehr besitzen
sollte. Dann erlebten wir das betrübende Schauspiel nicht, daß sich
unsere Stadt in allen Betrieben von Frankfurt überflügeln läßt. Es ist
aber einmal gegen die Mainzer Gemütlichkeit nicht anzukämpfen.« Wie er
so sprach, machte er den Eindruck eines bei aller Jovialität ernst- und
kernhaften Mannes.
In der Dämmerung ging die Gesellschaft gemeinsam über die Schiffsbrücke
nach der Stadt zurück. Auf dem breiten, metallisch flimmernden Bande
des Rheins kamen von weitem die hellerleuchteten Dampfer gezogen, die
Sonntagsausflügler von Koblenz und Bingen kehrten zurück, und die
hellen Gesänge der Fröhlichen schwebten stets vernehmbarer herüber.
Es war ein Abend voll Lied und Lust, auch in den Herzen der jungen
Gesellen.
Als sie in ihrem Quartier beisammensaßen, lächelte Szedesky: »Es ist
gut, daß ich gehe und mir daheim schon ein Mädchen weiß; sonst würde
mir Lutz das Herz anzünden, nicht bloß für einen Tag, sondern für
immer. Nun aber behalte du sie im Auge, Ulrich.« Überrascht erwiderte
der Schweizer: »Das würde mir wohl nicht viel nützen!« worauf Janos
stolz versetzte: »Wir sind ja auch nicht auf wilden Bäumen gewachsen.«
Und in Friedrichs ehrlichem Gesicht stand ein verklärter Glanz der
Freude über den Abend.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen stellte Ulrich den Bruder bei
Appelius vor, nachher nahm er sich die Stunde, um sich von seinem
lieben Szedesky zu verabschieden. Ihr Gespräch war nicht mehr so
fröhlich wie gestern, der Scheidende äußerte noch einmal Befürchtungen
wegen der Barensky. Die letzten Augenblicke aber waren seinen
Freundschaftsversicherungen vorbehalten: »Du bleibst mein Herzbruder,
ich der deinige. Wenn es dir am Rhein nicht mehr gefällt, komm ins
Ungarland!«
Nun war der Getreue davongefahren. Ulrich aber wurde wegen der Barensky
von Sorgen nicht frei. Wo er stand und ging, fürchtete er eine neue
Begegnung mit ihr oder Mab, sprach aber Friedrich, der jedem Abenteuer
abhold war, nie von der zweifelhaften Bekanntschaft, und um sie zu
vergessen, war es ihm eben recht, daß ihn das Geschäft stark in
Anspruch nahm, die Überstunden oft bis um neun, mitunter sogar bis um
zehn Uhr abends dauerten.
Die Abteilung Friedrichs war etwas weniger beschäftigt, um sieben Uhr
hatte er Feierabend. Mit musikalischem Talent probte er dann auf der
Laute Ulrichs und wäre froh gewesen, der Bruder hätte ihm einigen
Unterricht, nur ein paar Minuten im Tag, gegeben. Doch der blieb
unlustig. Von weitem hatte er die Mab wieder gesehen.
Im übrigen aber lebte sich Friedrich angenehm in die neuen Verhältnisse
ein. Fast Tag um Tag fügte es sich wie von selbst, daß er oft mit Uli,
oft allein die Schwestern Römer sah. Jedesmal gab es ein zwang- und
harmloses Gespräch. Die beiden Mainzerinnen freuten sich, daß ihm ihre
Vaterstadt so gut gefiel. Schon war die Zeit des ersten Obstes da. Wenn
die bräunliche Lotte und die sonnblonde Lutz von der Morgenarbeit in
ihrem Garten kamen und mit den beiden ins Haus traten, so reichten sie
ihnen aus den Körbchen von den Früchten dar, die eben reif geworden
waren: Kirschen, Frühpfirsiche, Birnen oder Äpfel. Kam Ulrich später
heim, rief ihm Friedrich entgegen: »Dort sind noch die Erdbeeren der
Fräulein Römer für dich! Die meinen hab' ich schon geschmaust.« Die
Gaben der Mädchen erschienen ihnen wie ein Segen für die Nacht, der
vor bösen Träumen schützt. Selbst Ulrich wurde darüber wieder heller.
Als er ihnen einmal begegnete, scherzte er: »Merkwürdige Gärtnerinnen
sind Sie doch; nie ist eine Spur von Erde an Ihnen. Ernsthaft kann ich
mir Ihre Arbeit nicht vorstellen.« Da verteidigten sich die Schwestern
lebhaft: »Denken Sie denn, wir hätten kein Gartenhäuschen?« lachten sie
hell. »Da hängen unsere Arbeitsschürzen. Kommen Sie und sehen Sie sich
die wohlbestellten Beete an!«
Unerwartet wurde wenigstens Friedrich diese Freude zuteil. Als er am
Abend von der Arbeit kam, traf er die Geschwister unterwegs, wie sie
den Vater abholen wollten. Sie luden ihn leichthin zur Begleitung ein.
Alwin Römer, der kräftige, kaum ergrauende Fünfziger, war eifrig am
Graben; es sei seine Lieblingserholung, erklärte er. Als der Mechaniker
ihn so munter hantieren sah, griff er selber auch zum Spaten und
bewies, daß er mit dem Boden umzugehen wisse. Auf dem Heimweg erbot
er sich, Tag für Tag ein Stündchen mitzutun. Vater Römer nahm seine
Hilfe scherzend an, und da die Tage des Sommers genügend lang waren,
erlebte Friedrich draußen stets einen schönen Feierabend. Auf dem
Rückweg in die Stadt trat der Alte mit ihm zu einem Glas schäumenden
Bieres in eine Gartenschenke und verstand sich mit dem erst kürzlich
Zugewanderten auf das herzlichste.
War es nun Anerkennung für die Mitarbeit Friedrichs oder überhaupt
Wohlwollen gegen die Brüder Junghans, er lud sie auf einen Sonntag
zum Abendbrot im Garten ein. So gelangte auch Ulrich in das ihm
bisher unbekannte Paradies der Schwestern Lotte und Lutz. Als die
Brüder dort ankamen, trafen sich die beiden allein, die Eltern waren
noch durch einen Besuch in der Stadt festgehalten. Die Mädchen
wanderten nun mit ihnen durch das romantische Stück Erde, das an die
mittelalterlichen Festungswerke der Stadt lehnte. Wohlgeordnet dehnten
sich die Beete, und üppig standen die Obstbäume in alten verwachsenen
Gräben. Über geborstene Mauern hin aber kletterte eine unberührte,
träumerische Wildnis. Schmale Wege wanden sich durch knorriges, zum
Teil zermorschtes Baumwerk hinab in halbeingestürzte Keller und
Gewölbe und stiegen die verwitterten Stufen an den Zinnen empor bis
auf die Altane eines geborstenen Rundturms, von der sie die Stadt
und den dahinter flimmernden Rhein überblickten. Es gab sich wie von
selber, daß sich Friedrich mehr zu Lotte, Ulrich mehr zu Lutz hielt,
und ebenso, daß sich auf den vielen Wegwindungen ein Paar vom andern
verlor, bis sich die Schwestern durch Zurufe, die wie Glockentöne
klangen, davon überzeugten, daß sie einander doch nahe seien. Es wurde
nichts gesprochen, das nicht alle Menschen hätten hören dürfen, aber
eine feinzarte Stimmung des Vertrauens lag über den paarweisen Gängen.
Das Vierblatt fand sich auf den Mauern wieder, lagerte sich, als wären
sie Geschwister, in der Sonne, und noch mehr als in der Stadt sprach
im Grünen der rheinländische Mädchenzauber zu den Fremdlingen, die so
Schönes erleben durften.
Die Eltern kamen. Auch durch ihre Gespräche klang die Wertschätzung,
die sie den Hausgenossen entgegenbrachten. Erzählen und Lachen würzten
das Mahl, und erst als die Sterne am Himmel emporzogen, wandte sich die
Gesellschaft wieder in die Stadt. Sie trennte sich unter dem herzlichen
Dank der Brüder, als bestände die Freundschaft von langem her, und
goldig beglänzte die Erinnerung an den Abend den Werktag der beiden.
Ulrich aber hatte an einem der folgenden Tage einen großen Schrecken.
»Rumpedidum trara!« scholl es durch die Straßen der Stadt, und
Trompeten schmetterten. Der Zirkus Tempelmann hielt mit einer
buntflitternden Karawane von Kamelen, Elefanten, Bären, Pferden, Affen,
Kunstreitern und Reiterinnen, Riesen und Zwergen, Negern und Arabern,
einem langen Troß von Raubtier- und Bagagewagen Einzug in die Stadt.
Gerade als die Brüder zum Mittagessen gingen, bewegte er sich mit viel
Prunk und Lärm durch die Straßen. Die Fenster der Häuser flogen auf
und besetzten sich mit neugierigen Köpfen, die Jugend stürzte sich ins
Freie, und von der herzuströmenden Menge in ihrem Weg aufgehalten,
mußten sich die Brüder den Zug wohl oder übel mitansehen.
Friedrich tat es halb mit Neugier, halb mit Verächtlichkeit; Ulrich
aber war es, der Boden unter ihm habe sich in eine glühende Eisenplatte
verwandelt.
Erst die schmetternden Herolde, ein Abstand, dann acht Reiter in
roten Fräcken und roten, hohen Hüten, wieder ein Abstand, dann ein
paar das Rad schlagende Clowns -- und nun, auf weißen Zeltern mit
perlmutterschimmernden Schabracken, in langen fließenden, silber- und
golddurchwirkten Gewändern Werra Barensky und Mab, dahinter wieder ein
Troß Reiter und Damen. Wenn nun eine der beiden den Kopf zur Seite
wendete, so war Ulrich entdeckt! »Nur das nicht,« durchzuckte es ihn,
doch auch mitten in der Angst der Gedanke: »Wunderbar schön ist das
wilde Weib!« Sie wie Mab aber ritten ahnungslos vorüber, ein Alpdruck
fiel von seiner Brust. Und Friedrich drängte: »Gehen wir! Was kümmert
uns das Schwindelzeug!«
Im Heimlichen kümmerte es Ulrich schon. In der Nacht, wenn alle
Dinge schwärzer aussehen, als sie sind, weckte ihn die Furcht, die
Barensky möchte in den Wochen, die der Zirkus in Mainz blieb, irgendwie
erfahren, daß er noch in der Stadt stecke. Wenn nun das rücksichtslose
Weib einmal plötzlich ins Haus drang, um ihn zur Rechenschaft zu
ziehen, daß er nie wieder zu ihr gekommen war, oder um die Mittagszeit
plötzlich vor dem Atelier Appelius stand, -- welche Schande, welche
Schmach! In was für eine häßliche Geschichte war er doch aus
bloßer Höflichkeit hineingekommen! Dabei fühlte er seine völlige
Hilflosigkeit. In Dingen, die das Licht nicht zu scheuen brauchten,
wußte er sich stets Rat; aber wenn er an Werra Barensky dachte, war
ihm der Verstand wie vernagelt, blieb ihm nichts als ein ödes Bangen
vor einer unangenehmen Überraschung. Auf seinem Lager seufzte er in
schlafloser Sorge.
Da kam die Stimme Friedrichs zu ihm herüber, der in der gleichen Kammer
schlief: »Uli, bist du auch wach?« Sie schlugen Licht, und der Jüngere
sah, wie der Bruder aufrecht und mit fieberglänzenden Wangen auf dem
Bett saß.
»Uli,« stieß Friedrich hervor, »ich bringe den Sonntag und die Lotte
Römer nicht mehr aus dem Sinn! Tag und Nacht muß ich an sie denken.«
Der Stoßseufzer des Bruders lenkte Ulrich von den eigenen Schmerzen
ab. Es mußte schon schlimm um Friedrich stehen, daß der Gesunde,
Bedächtige, der wohl noch nie von einem Mädchen geträumt hatte, in
fiebriger Verliebtheit den Schlaf nicht mehr fand. »Da gibt es nichts,
als du fragst sie um ihre Hand,« versetzte er. -- »Bist du verrückt?«
gab der Ältere zurück. »Ich die Lotte! Nein, so hoch darf ich die
Gedanken gar nicht erheben. Aber einen schönen Tag möchte ich noch
mit ihr verleben, dann von meiner Stelle scheiden und weit von Mainz
suchen, wie ich mit ihrem Bild fertig werde.« -- »Das kannst du noch,
wenn sie wirklich Nein gesagt hat!« -- »Da hast du eigentlich Recht,«
seufzte Friedrich. »Aber das Fragen, das Fragen! Geht es dir nicht auch
so mit der Lutz?«
»Fast,« erwiderte Ulrich. »Ehe ich sie aber um ihre Hand bitten kann,
müßte ich noch einmal Nick Tappoli sprechen. Über die Nick geht mir
doch keine!«
Da war Friedrich enttäuscht. Er warf sich auf das Bett zurück, und bald
hörte Ulrich die regelmäßigen Atemzüge des Eingeschlafenen.
In der folgenden Nacht wiederholte sich ihr Gespräch. »Ich habe mich
besonnen,« sagte Friedrich. »Als Dank für den schönen Sonntag im Garten
sollten wir Lotte und Lutz zu einer Rheinfahrt einladen!« -- »Das geht
natürlich nicht, ohne daß wir den Vater Römer um Erlaubnis bitten!«
warf Ulrich ein. -- »Freilich,« seufzte Friedrich, und nun standen sie
am Berg des Anstoßes. Durften sie es wagen, dem Alten ihr Anliegen
vorzubringen? Darüber berieten sie nun den folgenden Tag, die folgende
Nacht. Friedrich war sehr zaghaft; hinter der Jovialität des Vaters
Römer, das wußte er, stak doch auch viel Stolz und Strenge.
»Ich will einmal mit Lutz sprechen,« löste Ulrich den Knoten, »und sie
offen fragen.«
Die Gelegenheit gab sich. Lutz spitzte gelüstend den Mund. »O ja,
eine Rheinfahrt! Wie herrlich! Wir dürfen dann zwar den Zirkus nicht
besuchen, aber eine Rheinfahrt mit Ihnen ist viel schöner. Der Vater
hat von Appelius sehr Erfreuliches über Sie gehört, jeder von Ihnen
wäre imstand, selbständig eine Fabrik zu leiten. Da wird er nicht Nein
sagen. Er darf es nicht!« setzte sie schelmisch hinzu.
Das wohlwollende Urteil des Herrn Appelius stärkte den Mut der Brüder.
Wie zu einem hohen Fest angetan, standen sie vor der Römerschen Tür.
Als sie aufging, warteten dahinter übermütig die Mädchen, und in das
Zimmer Römers hinein erhielt jeder einen heimlichen Ermunterungspuff,
Friedrich von Lotte und Ulrich von Lutz. Dieser machte den Sprecher.
Römer erwiderte trocken: »Sie haben so gute Advokatinnen angestellt,
daß ich zu dem Sonntagsausflug bloß Ja und Amen sagen kann. Also machen
Sie mit den Töchtern die Fahrt und bringen Sie dieselben wieder gesund
zurück. Es ist das erste Mal, daß sie mit jungen Männern ausfliegen
dürfen!«
Als die Mechaniker in ihr Quartier hinaufstiegen, wischte sich
Friedrich den Schweiß von der Stirne, und ein Freudenruf von Lutz kam
wie ein Glockenton leise die Treppe empor. Heimlicher Jubel der Jugend
herrschte oben und unten im Haus.
Am Vorabend der Fahrt aber erlebte Ulrich noch etwas recht Ärgerliches,
einen Brief der Werra Barensky, in dem sie ihm in ihrem falschen
Deutsch schwere Vorwürfe machte, daß er Mab vorgelogen habe, er
verreise, und daß er sie nie besuche; er solle nun aber kommen, sobald
als möglich!
Ulrich fand gerade noch Zeit, den Brief einzustecken, ehe Friedrich
dazukam. Seine schlechte Laune verschlimmerte sich, als ihm die
Hauswirtin mitteilte, ein merkwürdiges junges Wesen, wahrscheinlich
vom Zirkus, habe den Brief gebracht. Wenn sich das nun über den Flur
treppauf, treppab flüsterte!
Spät abends noch verließ er entgegen seiner Gewohnheit das Haus,
ohne Ziel lief er durch die Stadt. Seine Gedanken waren nur bei dem
Brief. Was sollte er mit einem Weib, dessen Bild auf riesigen gelben
Papierbogen an allen Straßenecken klebte? Pfui Teufel! Wie eine Drohung
aus der Hölle kam ihm der Brief vor. Welche Widerwärtigkeiten mußte
er noch von der Artistin befürchten! Erst um Mitternacht kam er heim.
Friedrich lag in tiefem Schlaf, eine frohe Stimmung auf dem Gesicht:
vielleicht träumte er von Lotte Römer, vielleicht war es auch nur die
Vorfreude auf die morgige Fahrt. »Könnte ich mit so gutem Gewissen
schlafen wie du!« seufzte der Jüngere.
15
Das Doppelpaar trat den Ausflug an. Als das Schiff die Räder zu drehen
begann, deckten leichte Schwaden von Nebel noch Strom und Ufer.
Lotte und Lutz aber lachten schon frohmütig in den Tag. Bald goß
aus wolkenlosem Himmel die Sonne ihre Strahlen über den Rhein. Sie
schlüpften aus ihren Mänteln und waren in ihren duftigen Sommerkleidern
wunderschön anzusehen: die kräftige Lotte im Braungold der Zöpfe wie
die schlanke Lutz in ihrem hellen Blond, beide frisch wie der Morgen,
die Augen voll jugendlicher Klarheit, die Herzen und Lippen bereit,
sich zu freuen.