Anderer Art war die Entdeckung Szedeskys. Bei einer chirurgischen

Einrichtung hatte er in Frankfurt Hilfe geleistet und kehrte mit

der Meldung zurück, daß er dort eine Landsmännin kennen gelernt

habe. »Feurige Künstlerin vom Zirkus, unheimlich schönes Weib, eine

Tierbändigerin, und sie selbst hat Augen wie Tiger und Teufel!

Am Sonntag sehe ich sie wieder.« Er lud Junghans ein, ihn zu dem

Stelldichein mit der Artistin und nachher in die Vorstellung des

Zirkus zu begleiten. Ulrich war sofort dabei. In seinem Leben hatte

er noch keine große Kunstreiterei gesehen, und was der Freund halb

in Bewunderung, halb in Ablehnung von der Landsmännin erzählte,

reizte seine Einbildungskraft. Der Sonntag erschien, auf der Fahrt

in die Nachbarstadt sprach Janos noch einmal von Werra Barensky,

diesmal unmißverständlich warnend: »Wenn das schöne Weib schon meine

Landsmännin ist, so ist sie doch nichts Gutes. Sie ist wie ein

Raubtier: prächtig für die Augen, aber nachher -- gehen und vergessen!«

Vor einem der vornehmsten Gasthöfe Frankfurts sagte er: »Da wohnt sie!«

»Donnerwetter, so vornehm!« entfuhr es Junghans. »Ich habe geglaubt,

die fahrenden Leute wohnen in ihren Wanderwagen.« Szedesky lächelte ein

wenig und drehte die langen Spitzen des Schnurrbartes. »Hervorragende

Artistinnen sind bezahlt wie erste Sängerinnen, leben wie Fürstinnen

und finden alles noch zu schlecht. Ihre Bildung aber ist der volle

Gegensatz zu ihren Ansprüchen.«

Sie traten in das Hotel, ließen sich anmelden, und die Ungarin

erschien in der Begleitung eines noch sehr jungen Mädchens. In einem

Sonderzimmer machten die Freunde bei einem Abendbrot, das sich Janos

ein hübsches Geld kosten ließ, mit den Damen nähere Bekanntschaft.

Offenbar freute sich Werra Barensky, daß sie sich mit ihrem Landsmann

wieder einmal in der Heimatsprache ergehen konnte, während Ulrich, der

von ihrem Gespräche nichts verstand, sich als ziemlich überflüssiger

Gast erschien. Aber was war die Barensky für ein wundervolles Weib!

Das wie aus Libellenflügeln gewobene Kleid umspannte einen nur

mittelgroßen, aber herrlich ebenmäßigen Körper, das Gesicht war von

offenen, angenehmen Linien, durch Leib wie Antlitz ging ein verhaltenes

Spiel von Leben bis hinaus in die Fingerspitzen, und jedes Glied, jede

Faser atmete geschmeidige Kraft. Dieser Ausdruck ließ sie zunächst

älter erscheinen, als sie war; erst als Ulrich schärfer hinsah,

entdeckte er die Jugendlichkeit ihrer Züge, spürte aber vor allem

das Fremde an ihr, am stärksten, wenn sie bei ihrem warmem Lachen

die prächtigen Zähne im blutroten, üppigen Munde blitzen ließ. Dann

erschien das Raubtier, das Tigerhafte, von dem Szedesky erzählt hatte.

Er nahm zunächst mit der Gesellschaft des jungen Mädchens vorlieb,

eines nicht weniger sonderbaren Geschöpfes: schmal, farblos, nächtlich,

die gelben Augen manchmal wie blind, im nächsten Augenblick aber von

einer Leuchtkraft wie goldene Sterne, von denen ein Wolkenschleier

hinweggeglitten ist; und die Nixen des Rheins tauchten plötzlich in

seiner Vorstellung auf.

Sie erzählte ihm in schlechtem Deutsch, daß sie Bulgarin sei, aber

den englischen Künstlernamen Mab führe und bei der Barensky die

Stelle einer Gesellschafterin und Schülerin einnehme. Mit drolliger

Lebhaftigkeit sprach sie von jungen Wölfen und Löwen, die sie aufziehe.

Plötzlich spürte Ulrich, daß die Augen der Barensky sanft und sinnend

auf seinem Gesicht ruhten. Sie nickte ihm leise zu, und in ihre Züge

trat etwas Mädchenhaftes, eine Zartheit, von der er sich betroffen

fühlte. Sie begann sich mit ihm in fremdklingendem Deutsch zu

unterhalten. »Als Freund von Landsmann meiniges sein Sie auch mein

Freund! Sehr schön, daß Sie heute abend unsere Vorstellung besüchen.«

Er erzählte ihr, daß er noch nie einen Zirkus gesehen habe. Darüber

lachte sie kindlich auf. »Was für ein merkwürdiger Mann! -- Woher

kommen Sie?« »Aus Mainz, aber eigentlich aus der Schweiz.« Sie schwieg,

und er merkte, daß ihr sein Vaterland ein böhmisches Dorf war, mehr

und mehr aber auch, daß die unheimliche Person kein Hehl aus ihrem

Wohlgefallen an ihm machte und es darauf anlegte, ihn in ihre Netze zu

ziehen.

Als sich die Freunde endlich verabschiedet hatten und durch das

abendliche Frankfurt nach dem Zirkus hinausschlenderten, schob Janos

seinen Arm unter den des in stummer Verwirrung neben ihm Schreitenden.

»Hättest ihr nicht verraten sollen, wo du wohnst, Ulrich! Wenn sie

nun nach Mainz kommt, dich suchen?« Jetzt erkannte auch Ulrich seine

Unvorsichtigkeit und erschrak. Szedesky aber tröstete ihn lachend:

»Nun, das Satansweib kennt viele Männer, hat dich wohl morgen schon

wieder vergessen.«

Der Zirkus Tempelmann war zu jener Zeit gewiß eines der größten und

schönsten Unternehmen seiner Art, aber Ulrich wohnte der Vorstellung

ohne sonderliche Teilnahme bei, der Besuch eines Volksstückes im

Stadttheater von Nürnberg hatte ihn tiefer angeregt. Die bemalten

Gesichter und die Späße der Clowns widerten ihn an, auch die

Vorführungen der Raubtiere durch Werra Barensky in einem inmitten der

Arena aufgebauten runden Zwinger stießen ihn ab. »Wie viel sind die

königlichen Geschöpfe wohl gequält worden,« dachte er, »bis sie sich

unter die Peitsche der Herrin fügten!« Als sie die Löwen, die Tiger

und Leoparden durch- und übereinanderspringen und endlich zu ihren

Füßen kauern ließ, sah er in den diamantenen Augen und dem siegreichen

Lächeln nur die Pose der Artistin. Ein anmutiger Drahtseilakt der

kleinen Mab aber, die jetzt mit ihren goldglänzenden Augen von fast

märchenhafter Schönheit war, hatte seinen vollen Beifall, und nachher

gefiel ihm die Barensky als Begleitdame der ersten Reiterin weit besser

als in der Rolle der Bändigerin. Herrlich spielten ihr in einem grünen

Jagdkleid die Glieder. Dann und wann warf sie einen grüßenden Blick zu

ihm und Szedesky empor, und sie erwiderten ihn gemessen.

Nach der Vorstellung traten ihnen am Ausgange die beiden Künstlerinnen,

die im letzten Teile nicht beschäftigt waren, wie zufällig entgegen,

und sogleich wandte sich Werra Barensky an Mab mit dem Vorschlage,

die Herren noch an den Bahnhof zu begleiten. Das kam nun Szedesky

und Ulrich nicht gelegen, aber sie konnten den Vorschlag unmöglich

ablehnen. Wie von selber fügte es sich, daß Szedesky mit Mab vorausging

und sich mit ihr in eine lebhafte Unterhaltung verwickelte. Junghans

folgte ihnen mit Werra Barensky auf dem Fuß.

Als sie ein Stück gegangen waren, drängte sich ein Bettler an sie

heran. Sie standen still, Ulrich wie sie zogen die Börse, sie schenkte

dem alten, kränklichen Mann sogar ein Goldstück. Durch den kurzen

Aufenthalt bildete sich ein ziemlicher Abstand zwischen ihnen und

dem vordern Paar. Da spürte Ulrich plötzlich, wie die Begleiterin

leise seine Hand ergriff. »Ich Sie sehr liebe,« flüsterte sie, den

Mund nahe an seinem Ohr, und er erzitterte unter dem Hauch ihres

Atems. Sie blickte sich rings um, die Straße war bis auf die beiden

Voranschreitenden menschenleer. »Schenken Sie mich ein Kuß!« bettelte

sie, und durstig riß sie ihn an sich. »Wir müssen uns wiedersehen,«

hauchte sie in glühender Sinnlichkeit. »Wann Sie wiederkommen zu mir?«

»Ich weiß nicht, wann ich mich wieder frei machen kann,« stotterte

er, und das waren die letzten Worte ihres kurzen Zwiegespräches. Denn

das andere Paar trat ihnen wieder entgegen, und zuviert schritten sie

nun in das helle Licht des Bahnhofs. Die Artistinnen blieben bis zum

Abgange des Zuges. Eine wilde Erregung hatte sich Ulrichs bemächtigt,

und wenn er Werra Barensky ins Gesicht blickte, sah er darin nichts

mehr vom Raubtier, nur das zärtlich liebende Weib, ein wunderschönes,

durstiges Weib.

Im Zug beichtete er Janos sein Erlebnis. Der Freund war darüber

bestürzt und bat ihn dringend, mit ihm fortzufahren in seine ungarische

Heimat. Ulrich aber erwiderte bedrückt: »Ich kann doch meinen Bruder

Friedrich, der herkommt, nicht im Stich lassen, auch Appelius nicht.«

Das Abenteuer in Frankfurt wurde eine schwere Sorge für sie beide

und warf seine Schatten noch in die folgenden Tage. Daß Ulrich die

Erinnerung daran etwas abschütteln konnte, dazu half ihm am meisten

der Anblick der lieblichen Schwestern Römer. Nachdem sich der Verkehr

mit ihnen eine Weile nur auf den Gruß beschränkt hatte, der freundlich

gegeben und freundlich erwidert wurde, kam er mit ihnen dann und wann

in ein kleines Gespräch. Er erfuhr daraus, daß sie mit großer Liebe

einen Garten draußen vor der Stadt pflegten, den sie jeden Morgen und

oft am Nachmittag aufsuchten. Gerade der ländliche Zug an den jungen

Städterinnen gefiel ihm ungemein. --

Nun stand der Tag bevor, da Friedrich in Mainz einrücken, Janos aber

scheiden mußte; doch war die Vereinbarung getroffen, daß die beiden

sich kennen lernen und einen Tag miteinander verbringen sollten.

Schon war Szedesky aus dem Geschäft Appelius ausgetreten und besorgte

in der Stadt einige Einkäufe, Nötiges für die Reise und Geschenke

für die ferne Freundin und die Eltern. Da hatte Ulrich ein höchst

unangenehmes Erlebnis. Als er zum Mittagessen gehen wollte, trat ihm

Mab entgegen. In ihrem alten Filz, in schlecht sitzendem, verschossenem

Mantel und den roten Juchtenstiefeln sah sie aus wie ein Junge aus dem

Wagen fahrender Leute, ihr Gesicht gelbäugig und nächtlich. Mit einem

erstickten Aufschrei trat sie auf ihn zu und stammelte irgend ein Wort

der Erlösung, das auf deutsch bedeuten mochte: »Endlich gefunden!«

Erschrocken blickte er sich um, ob ihn etwa ein Bekannter in der

Gesellschaft des sonderbaren Geschöpfes sehe. In gebrochenem, doch

schnellem Deutsch, das zwitscherte und zischte und von dem er nicht

alles verstand, erzählte sie ihm, daß Fräulein Barensky immer noch

ungeduldig des versprochenen Besuches harre, daß die Herrin sie eigens

von Wiesbaden, wo jetzt der Zirkus stehe, herübergeschickt habe, um ihn

in Mainz auszukundschaften, und ihm ihre dringende Bitte nach einem

Wiedersehen ausrichten lasse. Sie überreichte ihm die gedruckte Karte

der Herrin sowie ein paar Eintrittskarten und bettelte ihn flehentlich

an, daß er nun allein oder mit dem ungarischen Freund ja recht bald

komme. »Werra Barensky sonst sehr gut zu mir, aber jetzt wegen Herr

sehr böse.«

In furchtbarer Beklemmung hörte ihr Ulrich zu und erwiderte wenig.

Nein, nur nicht die Bekanntschaft mit dem wilden Weib erneuern! Er war

kein Meister der Verstellung, aber die Not zwang ihn zur Lüge. »Wie

gern würde ich Fräulein Barensky wiedersehen,« erwiderte er, »gewiß

auch mein Freund; aber wir stehen beide vor der Abreise, schon morgen

geht es aus den Toren von Mainz. Mir selber handelt es sich um wichtige

Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub erleiden. Und mein Freund

will ohne mich auch nicht mehr bleiben. Also richten Sie Fräulein

Barensky mein lebhaftes Bedauern aus, meine Grüße und die Versicherung,

daß ich mich stets mit Dank an den schönen Abend in Frankfurt erinnern

werde.«

»Aber vielleicht heute abend, Herr!« Die schlanke Mab sah ihn trostlos

an, um ihren schmalen Mund zuckte das Weinen. Fast ließ er sich davon

rühren, aber rechtzeitig kam ihm ein rettender Gedanke. Er stand in

einer alten Gasse still und deutete auf ein Haus, das er selber nicht

kannte. »Ich wohne hier,« sagte er schnell, »und leider kann ich Ihnen

keine andere Auskunft geben.« Damit bot er ihr in wilder Aufregung die

Hand und schlüpfte aufs Geratewohl in die Tür. Wie ein Dieb, dachte er.

Doch geriet das Unterfangen. Durch einen langen, halbdunkeln Gang kam

er auf einen Hof und durch einen folgenden Flur wieder auf eine Straße.

So entwich er der Versucherin.

Szedesky erwartete den ungewohnt lange Ausbleibenden neugierig. Als ihm

Ulrich das Erlebnis erzählte, tat er in seiner Sprache einen bestürzten

Fluch: »Was du der gottlosen Fledermaus gesagt hast, ist recht. Aber

nun auch wirklich abreisen, sobald es geht! Du kennst noch nicht das

Weib, das Halbtier. Wenn sie merkt, du bist noch in Mainz, dann ...« Er

machte eine Bewegung, wie wenn er nach jemand mit einem Revolver oder

einer Pistole zielte. Auf dem Gesicht stand ihm die Sorge um den Freund.

Unendlich hatte sich Uli auf die Ankunft Friedrichs gefreut. Nun lag

eine Wolke über dem Wiedersehen. Und was dächten wohl die Seinen oder

Nick, wenn sie ihn in eine so abenteuerliche Geschichte verstrickt

wüßten?

13

Nick stand hinter dem Ladentisch und erlebte die Einförmigkeit und die

Verdrießlichkeiten eines fast nur von Damen besuchten Geschäfts. Welche

Geduld braucht es oft den Käuferinnen gegenüber! Ja, die jungen, die

schlanken, die hübschen hatten bald herausgefunden, was ihnen stand;

umso schwerer trafen die von der Natur Verkürzten, Häßlichen die Wahl.

Es lag nicht an ihren schiefen Schultern und verzwängten Gestalten,

wenn ihnen die Stoffe nicht saßen, sondern an der Verkäuferin, die

ihre Wünsche nicht besser begriff. Manchmal mußte Nick die Zähne

zusammenbeißen, um gegen die Eitelkeiten, Launen, Quälereien und die

kleinliche Gesinnung der Kundinnen standhalten zu können.

Ein Männergesicht -- und die Damen waren höflich. Sobald der Inhaber

des Geschäfts, Georg Wasmer, im Laden anwesend war, bezähmten sich auch

die Unleidlichen. Er verstand sich bewunderungswürdig auf den Verkehr

mit Frauen aller Kreise und Stufen, für jede hatte er ein gewinnendes

Lächeln und ein angemessenes Wort. Nick mochte den frischen Vierziger

wohl, nicht nur seiner angenehmen, aufgeräumten Erscheinung wegen,

sondern weil er im Gegensatz zu dem dicken Spielwarenhändler Jean Groß

auch den Ladentöchtern höflich begegnete und jeder nach ihrem Können

seine Wertschätzung bewies. Auch ihr. Ja, ohne es die andern merken zu

lassen, bevorzugte er sie und lud sie bald in seine Familie ein, die in

bürgerlich gemütlichen Räumen über dem Geschäft wohnte. Zunächst jeden

Sonntag zum Mittagessen. Die Frau war so lungenkrank, daß es schien,

sie werde den Frühling nicht überleben. Auf ihrem feinen Gesicht stand

schon ein Glanz aus einer andern Welt, und ihre Augen leuchteten

engelhaft. Daneben war nur ein einziger Junge, Hiob, zu dessen

lebhaftem Wesen der vom Großvater überkommene, geduldige Name wenig

paßte. Nick mochte beide, Mutter und Sohn. Die zarte Kranke schloß sich

wie ein Efeu, der seinen Stamm sucht, an sie. Die Gesellschaft der

jungen Ladentochter tat ihr sehr wohl, schon deswegen, weil der Gatte

sich nicht sonderlich um die Familie kümmerte und als ein geselliger

Mensch die Abende häufiger auswärts als daheim verbrachte. Es war

deshalb für Nick nur eine halbe Überraschung, als die Frau sie nach ein

paar Wochen einlud, das Zimmer bei Frau Gugolz aufzugeben und völlig zu

ihr überzusiedeln. Georg Wasmer unterstützte den Plan, und mit einigen

Bedenken ging Nick darauf ein. Aber das Gefühl, in der Welt nicht mehr

ein einsamer Flattervogel zu sein, verband sich ihr wohltätig mit dem,

daß sie durch manche Handreichung, Vorlesen und Geplauder das Los der

Kranken erleichtere, die sich ihre Dienste lächelnd gefallen ließ.

Hiob, der Knabe, schloß sich mit seinem lebhaften Wesen an sie an, und

zum großen Trost der Leidenden blieb der Hausherr jetzt öfter als sonst

am Abend daheim, spielte mit Nick Schach, sang mit ihr ein Lied oder

besah sich mit ihr die Nachbildungen von Stichen alter Meister, deren

großer Freund er war. Manchmal waltete in dem Familienkreis eine so

frohe Stimmung, daß selbst die stets schwächer werdende Frau darüber

ihr Elend vergaß.

Bei seiner Neigung zum Künstlerischen gehörte Wasmer einer kleinen

dramatischen Gesellschaft an, die unter der Leitung des ehemaligen

Komikers Lackelmann vom Stadttheater auf einer der Stuben des

Zunfthauses zur Meise ein Spiel einstudierte. Nick mußte ihn in die

Übungen begleiten, und da es ihr nicht an Talent fehlte, war sie

in jugendlichen Rollen bald ein geschätzte Mitglied der kleinen

Liebhaberbühne.

Dabei sah sie gewöhnlich auch Marie und begegnete in ihren Augen einem

fragenden Blick: »Hast du jetzt Uli geschrieben?«

Nein, das hatte sie immer noch nicht getan. So oft sie die Freundin

erblickte, empfand sie Gewissensbisse. Über Nichtigkeiten versäumte sie

das Größte, das ihr oblag.

Auf dem Heimweg plauderte ihr Wasmer einmal von Marie. »Ihre

Heimatgenossin hat ein merkwürdiges Glück. Durch ihre Einfachheit tut

sie es allen an. Unter einer Menge junger, tüchtiger Männer kann sie

nur wählen, und daß sie dabei keinen Fehlgriff tut, dafür sorgt ihr

besonderer Beschützer, der alte Literaturprofessor, der sie wie ein

Vater überwacht.«

Nick fand nicht gleich eine passende Erwiderung, sie dachte nur: Gewiß

ist daher die milde Heiterkeit in das früher herbe Gesicht Maries

gekommen und die Würde, mit der sie jedem Gast sicher begegnet; sie

hat nun einmal die gefällige Art ihrer Familie.

Wasmer mißverstand ihr Schweigen. »Wenn Sie nur wollen, Fräulein

Tappoli,« versetzte er geheimnisvoll, »so sind Sie bei mir nicht lange

Ladentochter, sondern finden auch Ihr Glück, ein größeres noch als

Ihre Freundin!« Im Schein einer Straßenlaterne ließ er den Blick mit

selbstsicherem, wohlgefälligem Lächeln über ihre Gestalt gleiten. Ihr

aber war der Ton, mit dem er gesprochen hatte, aufgefallen, irgendeine

warnende Stimme gegen ihn erhob sich in ihr.

In der dramatischen Gesellschaft, in der es auch ein paar junge Herren

gab, regte er sich jedesmal heimlich auf, wenn sie mit einem von ihnen

in einer Liebesrolle zusammenspielte oder sich sonst von ihnen durch

ein harmloses Gespräch unterhalten ließ. Auf dem Heimweg wußte er stets

etwas Unvorteilhaftes über die Betreffenden, während es sonst nicht

in seiner verträglichen Art lag, über andere abzusprechen. Indessen

war sein Benehmen im übrigen tadellos. Für viele kleine Zeichen des

Wohlwollens mußte sie ihm still dankbar sein. Ein vornehmer Mensch war

er gewiß, dafür hielt ihn auch jedermann in der Stadt. --

Blauer Himmel und weiße Wolken über den Giebeln kündigten den

Frühling an. Nach Feierabend wäre Nick oft gern in die frische Luft

hinausgewandert; aber es war nun zur Gewohnheit geworden, daß sie diese

Stunden bei der Kranken verbrachte. Als Anerkennung dafür gab ihr

Wasmer am »Sechseläuten« den Nachmittag frei. Glückselig wanderte sie

durch die von freudigem Lenzvolk belebte Stadt und sah den festlichen

Umzug der Zünfte. Mit Bannern, Wappentieren und den Abzeichens ihres

Handwerks zogen sie fröhlich und würdig durch die Gassen. Unter den mit

roten Armbinden und hohen Zylinderhüten geschmückten Herren, die das

Fest leiteten, befand sich auch Wasmer. Das Gesicht jugendlich hell,

den rötlichen Schnurrbart keck gestrichen, sah er im Feierkleid wie

ein Weltmann aus, und das Amt bewies sein öffentliches Ansehen. Mehr

aber fesselte es Nick, als rotbemützt die Gesellschaft zum »Kämbel«

vorüberzog, die stattliche Zunft, der ihr Vater angehört hatte. Die

Erinnerungen an ihn flossen durch ihre Seele, wie er unter diesen

Männern freudig mitgetan und als feinsinniger Redner an ihrer Tafel den

Vogel abgeschossen hatte. Wenn er wüßte, wie bescheiden und abhängig

seine Nick nun das Brot in der Heimatstadt verdienen mußte!

Es blieb ihr aber nicht lange Zeit zu Betrachtungen. Halb noch in

Kindersinn, halb in gereiftem Lebensernst folgte sie im wonnigen

Frühlingsabend dem Strom der bunten Gruppen und dem festlichen

Volk an der Wasserkirche vorbei hinaus gegen den See, wo sich die

Menschen wie eine Landgemeinde sammelten, die Zünfte im Ring um einen

mächtigen Holzstoß. Vom See her winkten die eiligen Boote, von den

Ufern die friedlichen Dorfschaften, und in die träumende Bläue stieg

geheimnisvoll der Silberglanz des Hochgebirgs. Wie fröhlich die

Menschen, wie herrlich die Welt! Leib und Glieder Nicks federten sich,

sie spürte, wie jung sie noch war; das Wohlgefühl, die Kraft ihrer

neunzehn Jahre durchwallte sie, singen und jauchzen hätte sie mögen

vor Lebenslust.

Schon senkte sich leise die Dämmerung auf das Lenzbild. Da erklang

vom mächtigen Petersturm die Sechsuhrglocke. Aus dem Holzstoß lohten

Flammen und Rauch empor und umwirbelten den Winter, die weiße

Mannspuppe, die an hoher Stange hing. Er geriet in Brand, unter

mächtigem Geknatter fuhr er in Stücken und Fetzen auseinander. Die

Musikgesellschaften spielten, Zünfte und Volk, Jung und Alt sangen

Frühlings- und Heimatlieder. Auch sie sang tapfer mit.

»Fräulein Tappoli!« klang ihr plötzlich eine etwas näselnde, doch

freudige Stimme ans Ohr. Es war Glorian Rollenbuz, der frühere Verweser

in Eglisau, der Gelehrte, der seit mehr als zehn Jahren die Grundzüge

des Ökumenischen Konzils bearbeitete und noch lange nicht damit fertig

war. Selbst diesen unverbesserlichen Stubenhocker hatten der Lenz und

das Fest vom Ofen hinweggelockt, er war aber in dem vielen Volk an dem

linden Abend die einzige Gestalt, die den Hals mit einem schweren Tuch

umschlungen hielt. Rührende Freude sprach aus seinem pergamentenen

Gesicht, er blieb bei ihr, und sie sahen zu, wie das Feuer, das rote

Scheine auf die dunkel gewordenen Wasser warf, lohte und niederging.

Als die Menge der Menschen auseinanderströmte, gab er ihr das Geleit

bis zur Türe des Hauses Wasmer und hielt sie dort noch mit seinen

Gesprächen fest. »Aber die frische Luft!« scherzte sie. Er seufzte nur,

und als er merkte, daß sie gern ins Haus träte, stammelte er: »Darf ich

wieder nach Ihnen sehen?«

»Gott, der Mensch ist verliebt in mich! Würde er sich sonst so der

frischen Luft aussetzen?« Lachend und ärgerlich ließ sie diese

Erkenntnis über sich ergehen. Was sollte sie mit Glorian anfangen?

Als Nick die Wohnung betrat, wurden ihre Gedanken rasch von diesem

Wiedersehen abgedrängt. Frau Wasmer befand sich schlechter als sonst,

sie hustete fast unaufhörlich. Nick mußte immer wieder in das Zimmer

hinübereilen, um der nach Atem Ringenden den Kopf zu stützen.

Vielleicht war auch der Lärm des Sechseläutens an der ungünstigen

Veränderung schuld. Er dauerte noch in der Nacht an. Von da- und

dorther kamen die schmetternden Klänge der Musikgesellschaften, durch

die Gassen hallten die Schritte der einander besuchenden Zünfte, und

die Windlaternen, die ihnen dazu auf hohen Stangen leuchteten, warfen

ihre phantastischen Scheine bis in das Krankenzimmer empor. Nick wagte

es wegen der aufgeregten Leidenden nicht, zur Ruhe zu gehen. Gegen

Morgen aber, als die Gassen stiller wurden, schlief die erschöpfte Frau

tief ein. Nick wachte noch über einem Buch.

Da kam Wasmer von seiner Zunft heim, mit lustigen Augen und geröteten

Wangen. Sie merkte gleich, daß er angetrunken war. Er setzte sich zu

ihr, erzählte von den Herrlichkeiten des Zunftmahles und begann aus

der »Zauberflöte« zu singen. »Ja, so ein Weibchen, ein allerliebstes

Täubchen wünscht Papageno sich.«

Er versuchte Nick zu umarmen und zu küssen, sie wich ihm aber gewandt

aus. »Herr Wasmer,« rief sie mit gedämpfter Stimme, »sehen Sie doch

lieber nach Ihrer kranken Frau!« Er versuchte sie einzufangen, doch

vergeblich. Das Ende war, daß sie auf ihr Zimmer floh und ihn sich

selber überließ.

Sie ärgerte sich lebhaft über den Vorfall und wollte Wasmer am andern

Tag zur Rede stellen; aber erst am folgenden fand sich eine Gelegenheit

dazu. »Da Sie vergessen haben, wer ich bin, gestatte ich mir, Ihnen

meine Kündigung einzureichen,« erklärte sie blitzenden Auges. »Ach,

Weinlaune!« antwortete er erblassend. »Was fällt Ihnen ein, Fräulein

Tappoli! Machen Sie meine kranke Frau nicht todunglücklich, Sie sind

ihr letzter Halt und Trost. -- Und auch mich nicht. Auf der gesamten

Welt meint es kein Mensch so gut mit Ihnen wie ich.« Das letzte kam ihm

gepreßt und keuchend von den Lippen.

Nick ließ sich zum Frieden bereden, sie konnte es um so leichter, als

die Kranke von den Gelüsten ihres Mannes nichts gemerkt hatte. Wasmer

war nun auch wirklich gegen sie wieder der in Ehren liebenswürdige

Geschäftsherr; aber sie vermied es, mit ihm allein zusammenzusein, und

war vor ihm auf der Hut.

Sie hatte genug Sorgen mit dem verliebten Glorian. Jeden Abend stand

die fröstelnde Gestalt im blauen Halstuch wie eine Schildwache vor dem

Geschäft, wartete auf sie und wurde der Spott der Ladentöchter, der

Kundinnen und der große Ärger des Inhabers. »Was soll die Vogelscheuche

vor meiner Tür? -- Haben Sie keinen besseren Geschmack, Fräulein?«

höhnte er, und eines Abends trat er hinaus, vergaß seine sonstige

Höflichkeit und fuhr Glorian so an, daß der Erschrockene wie ein Hase

davonlief und nie wieder als Eckensteher kam.

Nick Tappoli · 第 9 / 18 段