»Ja, liebe Marie, was es in Nürnberg Herrliches zu sehen gibt! Da

ist die Lorenzokirche. Am Portal geraten die kunstvollen Steinbilder

fast ins Handgemenge, und im Innern steht der ›gegossene Stein‹, ein

zierliches, schlankes Sakramentshäuschen, so wunderbar, daß die Sage

entstanden ist, die alten Meister hätten die Steine nicht gemeißelt,

sondern die geheimnisvolle Kraft besessen, sie weich zu machen und in

Formen zu gießen. In der Nähe der Kirche ist der Jugendbrunnen. Für

mich sind die sieben nackten Mädchengestalten, aus deren Brüsten die

Wasserstrahlen springen, lustig anzusehen; meine Begleiterinnen aber

wenden jedesmal schamvoll den Kopf hinweg, sprechen von etwas anderem

und drängen gegen die Pegnitz hinunter. Da gewähren das Flüßchen,

die hölzernen Stege, die gemauerten Brücken, die Gerbereien und

sonngebräunten Holzhäuser mit den vielen sich in der Luft schneidenden

Giebeln ein sehr schönes Bild, und mehr noch, was jenseits der Brücken

liegt: der Markt, das Rathaus, die Sebalduskirche, die Burg.

»Doch nein, ich kann dir nicht alles schildern. Häufig muß ich auf

meinen Wanderungen an einen Mann aus unserer Jugend denken, an Doktor

von Jaberg. Wie hat er mir auf seinen Forschungen am Rhein für so

vieles am Weg die Augen geöffnet! Das merke ich hier und glaube den

Schwestern Finkler kein schlechter Führer durch ihre Heimatstadt zu

sein.

»Ich stieg mit ihnen auf die Burg, die uralt und gewaltig auf die Stadt

hinschaut, und wir traten in das düstere Gefängnis, in dem die eiserne

Jungfrau aufgestellt ist. Ich studierte lange an einer lateinischen

Inschrift herum: ~Atris patratis sunt atra theatra parata.~ Mit meinem

Latein aus Konstanz brachte ich unter einigem Zögern den Sinn heraus:

›Für dunkle Taten sind dunkle Bühnen bereit.‹ Seit dieser kleinen

Übersetzung halten mich Margret und Emmeline für den gescheitesten

Menschen, der in Nürnberg herumläuft.

»Wir haben auch schon einen Ausflug über die Stadt hinaus gemacht,

hinaus ins Knoblauchland. Da liegt der Dutzendteich, ein großer,

dunkler Weiher mit ärmlichen Schwarzföhren im Hintergrund. An den

Wassern fanden wir einen Mietkahn. Den Schrecken hättest du sehen

sollen, als ich sie einsteigen ließ, die Seligkeit, als das Boot unter

meinen Ruderschlägen dahinglitt und ich für sie Seerosen pflückte.

Sie bekamen vor Freude purpurne Wangen, Emmeline, die mir überhaupt

näher steht, war fast schön. Einmal über das andere rief sie: ›Gott,

wie herrlich ist das Leben! Warum haben wir es so lange verträumt und

verschlafen!‹ Am Montag fand ich einen Strauß Rosen in der Dachkammer.

Es war ihr Dank.

»Und nun, liebe Marie, hast du vielleicht schon etwas gemerkt. Gott

sei's geklagt: beide Schwestern Finkler sind mir gewogener, als ich

wünsche, schmücken sich heimlich ein wenig für mich und geben mir

jede auf ihre Art ihre Verliebtheit zu verstehen -- Emmeline durch

schüchterne Begegnungen in der Stadt, Margret, indem sie mir im stillen

stets etwas von den Leckerbissen zusteckt, welche die Meistersfamilie

hinter dem Rücken der Gesellen verzehrt.

»Und die Eltern? Sie schauen dem veränderten Wesen ihrer Töchter mit

großer Überraschung zu. Aus den freundlichen Worten, mit denen Meister

Finkler oft von unserm Vater spricht, und aus der feinen Arbeit, die

er mir zuweist, schließe ich, daß ich ihm als Schwiegersohn willkommen

wäre. Er denkt wohl, daß das vortrefflich eingerichtete Atelier

einen genügenden Ausgleich gegen den Altersunterschied von fünf bis

sieben Jahren bildete, der zwischen den Töchtern und mir besteht. Die

Zurückhaltung aber, die ich sowohl gegen Margret wie Emmeline übe,

legt er sich vielleicht dahin aus, daß ich selber noch unsicher sei,

welche von beiden mir besser gefalle. Daß ich aber von keiner etwas

wissen will, das ahnt er in seinem ebenso großen wie verhaltenen

Handwerkerstolz nicht.

»In der Tat kümmere ich mich, seit ich von Monika Tappoli den

Nasenstüber erhalten habe, um die Weiblichkeit nicht mehr, sondern

lasse es mir an der Freundschaft mit Janos Szedesky, meinem

Nebenarbeiter, genügen. Doch über den lieben, guten Menschen später

einmal. Mein Brief ist ja wahrhaftig schon recht lang geworden!« --

Bewegt legte Nick den Brief zur Seite, und ehe sie es sich versah,

hatte sie schon das zweite Schreiben Ulrichs in der Hand:

»Die beiden Fräulein Finkler sind stets gleich lieb und gütig zu

mir. Ich aber habe gegen sie ein schlechtes Gewissen, denn ich werde

niemals eine von ihnen beglücken. Ich will einmal etwas Junges, -- alt

wird man von selber. Auf den Gedanken geriet ich durch ein Mädchen,

das mir kürzlich auf dem Henkersteg begegnet ist. Ich merkte gleich,

daß Nick Tappoli doch nicht alles in meiner Seele totgeschlagen hat,

was das Weibliche betrifft. Das Mädchen ist hübsch schlank, hat

ungemein weiches, blondrotes Haar, ein Gesicht wie Pfirsichblust und

braune, strahlende Augen, dazu etwas so Einfaches und Anheimelndes,

als käme sie aus unserer Heimat. Indessen ist Kätchen Dormann eine

Lehrerstochter aus einem Nachbardorf von Nürnberg. Sonst weiß ich von

ihr bloß, daß sie jeden Mittwoch und Samstag in die Stadt kommt, um

Einkäufe zu besorgen. Gesprochen habe ich sie noch nie; aber es ist

meine Erholung, daß ich ihr an diesen Tagen über den Weg laufe und

den Hut vor ihr lüfte. Ich habe den Eindruck, sie mag es leiden; sie

sieht mich jedesmal neugierig an und nickt ein bißchen. Gerade dieses

stille Sichverstehen gefällt mir, ich werde noch lange warten, bis ich

ein Wort an sie richte. Wenn aber die Fräulein Finkler um dieses Spiel

wüßten, wie wären sie totunglücklich!

»Wie ich dir schon früher schrieb, hab' ich hier nur einen Vertrauten

unter den auf meine Arbeit neidischen Gesellen Janos Szedesky, und

wir sind so gute Freunde, daß einer vom andern alles weiß, auch die

kleinen Liebesangelegenheiten. Er ist ein wenig älter als ich, hat auch

schon mehr Welt gesehen, und ich lasse mich von ihm in vielen Dingen

beraten. Du solltest mal den Mann sehen, seine vornehme Beweglichkeit,

die sprühenden Augen, das edle Gesicht, den schwarzglänzenden, in

nadelfeine Spitzen gezogenen Schnurrbart. Er ist um den halben Kopf

kleiner als ich, von fast zierlicher Gestalt und voll ungarischen

Heimatstolzes. Am Sonntag kleidet er sich wie in seinem Land, den Rock

über die Brust mit Kordeln verschnürt, statt der Knöpfe schimmernde

Maria-Theresia-Taler. Er sieht dann aus wie ein Baron, und alle Mädchen

schielen nach ihm. Nun, er darf auftreten. Er kommt aus einem guten

Haus, sein Vater besitzt eine kleine, gutgehende mechanische Werkstatt

in Debreczin, und er selber arbeitet in Deutschland nur, damit er

später die väterliche Unternehmung erweitern und in die Höhe bringen

kann. Schon im nächsten Frühling will er sich wieder heimwärts wenden.

Scheinbar immer fröhlich, hat er im Untergrund doch einen schönen

Lebensernst, und wie gerne er mit Mädchen scherzt, vergißt er nie, daß

daheim eine Jugendfreundin auf ihn wartet.

»Seit meiner Knabenfreundschaft mit Gerold von Jaberg habe ich nie

wieder einen Kameraden so geliebt wie Janos Szedesky. Wir mögen in den

freien Stunden nicht ohne einander sein. Er ist musikalisch, spielt

die Laute wie ein Künstler, und am Abend lerne ich es von ihm. An den

Sonntagen aber wandern wir hinaus in die Dörfer, ja bis in die hübschen

Täler der fränkischen Schweiz, sind überall wohlgelittene Gäste und

verleben miteinander eine wunderschöne Sommerszeit. Die Schwestern

Finkler aber hassen ihn, weil ich jetzt häufiger mit ihm als mit

ihnen ausgehe, sie würden ihn am liebsten aus Haus und Werkstatt

vertreiben; doch ist der Meister zu klug, sich einen so guten Gesellen

zu verscherzen. Wie komme ich nun wohl weiter mit den beiden zurecht?

Und mit Kätchen Dormann?« --

Familienangelegenheiten, die noch in dem Brief standen, überschlug Nick

und suchte mit etwas hastenden Fingern die Antwort auf diese Fragen in

seinem letzten, knapp vor der Weihnacht geschriebenen Brief.

»Das Scheiden von Nürnberg liegt leider in der Luft,« schrieb er. »Je

mehr ich mit Janos ging, desto mehr hoffte ich, die Meisterstöchterlein

würden von ihrer Verliebtheit geheilt. Umsonst! Sie haben miteinander

das Dach meiner Kammer so ausgestopft und ausgefüttert, daß ich auch

im Winter darin nicht friere. Halb bemitleidete ich die närrischen,

gütigen Geschöpfe, halb lächerte mich ihr Wettkampf. Die Eltern gaben

mir durch stumme Blicke den Wink, es sei jetzt Zeit, daß ich mich

für eine von ihnen entscheide. Margret verlor die Geduld, sie wurde

gegen mich wortkarg und ausfällig, Emmeline, die noch hoffte, stets

zuvorkommender. Schon stand die Stadt im ersten Schnee, und beim

›Schönen Brunnen‹ verkauften die Marktweiber allerlei Wintergrün. Sie

hängte mir als Überraschung für den Sankt Nikolaustag Tannreiser,

Tannzapfen, Mistelbüsche mit weißen Beeren und rotbackige Äpfel an die

Decke der Kammer. Nun stieß aber Margret dazu; unter den Schwestern,

die sich sonst in Gehorsam, Sanftmut und Ergebenheit überboten, kam es

zu heftigem Auftritt, wohl dem ersten in ihrem Leben. Margret schrie:

›Du hast ihn mir abspenstig gemacht!‹ Sie ging auf Emmeline los, als

wolle sie mit ihr handgemein werden, und hochatmend standen die beiden

in einer Ecke, als die Meistersleute und ich dem Lärm nacheilten. Die

Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ›Das müssen wir an

unsern Töchtern erleben!‹ Finkler verlor die Würde und fluchte und

tobte gegen mich: ›An allem sind Sie schuld, Ulrich! Bekennen Sie

endlich, welche gilt, Margret oder Emmeline?‹

»Ich fiel schier an die Wand. ›Drunten in der Stube wollen wir den

Streit austragen, Herr Finkler,‹ stotterte ich. So geschah's. Ich

sprach von den vielen Wohltaten, die ich in seiner Familie genossen

habe, von der hohen Achtung, die ich für die Herzensgüte und die

häuslichen Tugenden der Töchter hege, -- ›aber‹, fügte ich an Monika

Tappoli denkend hinzu, ›mein Herz ist bereits vergeben, ich habe

eine Liebe in der Heimat zurückgelassen.‹ Melchior Finkler wurde

kreidebleich. ›Und meine Töchter?‹ fragte er. ›Sie, Ulrich, würden doch

einmal Haus und Atelier erben.‹ Er merkte aber, daß ich damit nicht zu

bestechen war, zitternd vor Zorn kündigte er mir schon auf den Morgen

die Stelle und sagte mir noch einiges Derbe über die Hinterhältigkeit,

mit der ich in seine Familie getreten sei.

»Ich ging, meine Werkzeuge zusammenzulegen, und erzählte Szedesky,

daß ich wandern werde. Da antwortete er: ›Teremtete! Wir wollen

zusammenbleiben, Freund Schweizer, ich kündige die Stelle auch.

Schreibe mir ein Wort, und in vierzehn Tagen bin ich, wo du bist!‹

Seine Kündigung brachte Meister Finkler außer Rand und Band. ›Seid Ihr

alle verrückt?‹ schrie er. Als ich mich am Morgen verabschieden wollte,

versetzte er bedrückt: ›Gehen Sie in Ihre Kammer und ziehen Sie wieder

den Werktag an. Ich kann weder Sie noch Szedesky entlassen und will den

Reißausteufel in meiner Werkstatt nicht. Von jetzt an sind Sie in Ihrer

Abteilung Vorarbeiter!‹

»Ich könnte also mit der Abklärung, die mein Verhältnis zu den

Meistersleuten gefunden hat, zufrieden sein, aber am Tisch sitz' ich

wie in einen Schraubstock gezwängt. In den Augen der Frau stehen die

stummen Vorwürfe, und die Töchter benehmen sich wieder so einträchtig,

so dienstfertig, so hoffnungslos und gottergeben wie damals, als ich

ins Haus trat, -- arme Blumen, die das Blühen verlernt haben, weil doch

nie ein liebendes Auge auf sie blickt. Gegen mich sind sie vollkommen

scheu. Sie tun mir leid, ohne daß ich ihnen helfen kann. Deswegen

stehen meine Sinne stets auf Wanderschaft, nur nicht gerade jetzt. Der

Sturm umzuckert manchmal vom Abend zum Morgen die Stadt mit Schnee, daß

ich nicht mehr weiß, ist es Nürnberg oder ein Märchen.

»Auch von Kätchen Dormann, von der ich dir einmal geschrieben habe,

kann ich ruhig scheiden, ja sogar mit einer schönen Erinnerung. Sie

trug eines Abends an ihren Einkäufen recht schwer. Ich anerbot mich,

ihr den Korb abzunehmen. Etwas zögernd erlaubte sie es. ›Nur über

die Stadt hinaus,‹ sagte sie, ›dann kommt mir aus meinem Heimatdorf

ein junger Mann entgegen.‹ Ihr Erröten verriet das weitere, aber auf

dem Wege verwickelten wir uns in ein Gespräch, als ob wir uns seit

Jahren kennten. Sie erzählte von ihrem Freund. ›Ich habe ihm von Ihnen

gesprochen. Weit davon, eifersüchtig zu werden, freute er sich, daß ich

auch noch einem andern gefalle als ihm, und äußerte den Wunsch, Sie

einmal zu sehen. Nun können Sie sich ja guten Abend sagen!‹

»Ich lernte in ihm einen jungen Bauern kennen, der mir achtungsvoll

begegnete und mich vieles aus unserer Heimat fragte. Er und Kätchen

sind wie für einander geschaffen, und es wäre ein großes Unrecht,

da auch nur mit einem Gedanken stören zu wollen. Nun ist das Paar

öffentlich verlobt, und wenn ich Kätchen in der Stadt sehe, so lacht

mir selber das Herz über dem innigen Glück, das ihr in den Augen steht.

Auch ihren Bräutigam habe ich schon ein paarmal wieder begegnet, mit

ihm und Szedesky schöne Stunden verbracht, und wir haben dem Paar

versprochen, daß wir, ehe wir scheiden, es einmal mit unsern Lauten

auf seinem Dorf besuchen und ihm Schweizer und ungarische Volkslieder

vorsingen werden.

»Möchte jeder Liebestraum, der keine Wahrheit werden kann, so schön

zerrinnen wie der meine von Kätchen Dormann! Ich spüre, es ist mehr

Glück als Schmerz dabei. Frei werde ich im Frühling mit Janos von

Nürnberg scheiden. Frei? -- Nein, liebe Schwester. Ich muß noch so

häufig an die Nick denken. Oft meine ich, ich hätte die Liebe zu ihr

überwunden und begraben, aber plötzlich wallt das Weh um sie wieder in

mir auf, brennt wie Feuer, und ich kann es so wenig fassen wie bei

meinem Abschied von daheim, daß sie mir verloren sein soll!« --

Nick drängten sich die Tränen in die Augen, die klare Schrift Ulis

verschwamm ihr vor den Blicken. Mühsam las sie weiter: »Im übrigen alle

Achtung vor Nick! Es gefällt mir, daß sie sich nicht von ihrem Schwager

Bürsteler durchfüttern läßt, sondern den Kampf mit dem Leben aufnimmt.

Das ist tapfer und bezeugt, daß sie den Stolz nicht nur im Kopf,

sondern auch in der Seele hat. Doch wozu so viel von ihr schreiben?

-- Da ziehen ja in meinen Träumen nur die Jugendtage am Rhein wieder

herauf, und ich muß fast heulen vor Heimweh. Manchmal kommt es mir

wie ein Trost vor, daß sie zu dir von einer Notlüge gesprochen hat,

es ist mir dann, ich müßte, wenn ich einmal heimkehre, doch noch ein

ernstes Wort mit ihr reden. Ich habe aber auch meinen Stolz, und in

manchen Stunden denke ich: Nein, ein zweites Mal will ich von ihr nicht

abgewiesen werden; es ist wohl klüger, ich frage sie nicht wieder.«

Nick ließ den Brief sinken und sprang empor. »Uli, wie kannst du so

denken!« rief sie. »Ich habe dich ja lieb und immer lieber!«

Seine Briefe hatten sein liebes Bild neu in ihr erwachen lassen. Es

schien ihr urgesund, wie er über Menschen und Dinge urteilte. Er war

ein Mann, der mit hellen Augen vorwärts kam, und plötzlich sah sie

ihn wie leibhaftig vor sich: groß, frisch, straff und in den Kleidern

wohlgetan. Was Wunder, wenn sich die Mädchen in seine forschenden

Kinderaugen verschauten! Gottlob, in Nürnberg waren seine weiblichen

Erlebnisse harmlos abgelaufen. Konnte das aber nicht von einem Tag zum

folgenden anders werden?

Da kamen von den Türmen der Stadt mächtig und feierlich die Klänge der

Neujahrsglocken und rissen sie aus ihren Gedanken empor. Von der Straße

tönten jubelnde Stimmen zu ihr herauf, Frau Gugolz pochte an ihre

Tür und reichte ihr die Hand: »Ein gesegnetes 1867, Fräulein!« Nick

erwiderte ihre Glückwünsche. Als die Hauswirtin gegangen war, öffnete

sie in starker Bewegung das Fenster, schaute hinauf zum Sternenhimmel

und hielt in sich selber Andacht. »Lieber Gott,« betete sie, »erhalte

mir meinen Uli. Gib mir die Kraft, daß ich meinen törichten Stolz

besiege und mein Herz dem seinen in einem Brief offenbaren kann.«

Freudige Raketen stiegen aus den Gassen in die dunkle Nacht, frohe

Lieder tönten von fernher, und jede Seele hoffte, daß ihr das Jahr ein

besonderes Glück bringe.

Bald aber herrschte wieder der Alltag. Nick stand am Ladentisch

des Weißwarengeschäftes Wasmer in altertümlicher Gasse, und in die

Einförmigkeit ihres Lebens fiel als einzige Abwechslung, daß ihr Marie

um die Fastnachtszeit wieder einen Brief Ulrichs zeigte, diesmal aus

Heidelberg.

Er meldete seinen Auszug aus Nürnberg und von fröhlicher Kreuz- und

Querfahrt mit Janos Szedesky durch die deutschen Lande. Dörfer,

Schlösser, Städte schilderte er und das Treiben der Menschen. Nach dem

Lied »Andre Städtchen, andre Mädchen« lebte er mit dem Ungarn. Doch

das gehörte wohl zu frischen, jungen Männern von Ulrichs Schlag, und

solange einer über die kurzweiligen Abenteuer so frei und froh wie er

an die Schwester schrieb, war wohl für die tiefere Herzensliebe keine

Gefahr.

Nun aber wandten sich die Freunde von Heidelberg nach dem Rhein. Von

den Rheinländerinnen jedoch hatte Nick schon genug gehört: wie schön

sie seien mit ihren blonden Zöpfen und blauen Augen, wie lieb und

zutunlich, wenn ihnen ein Bursche gefiel, -- so lieb, daß mancher sein

Lebtag den Heimweg nicht wieder gefunden habe. Wenn nun auch Uli sein

Herz am grünen Strom verlor?

Zu manchen Stunden überfiel sie eine gewaltige Angst um ihn. Sie

_mußte_ ihm schreiben.

12

Auf ihrer Frühligsfahrt waren Ulrich und Janos nach Mainz gelangt,

und schon bei der ersten Umschau hatten sie Stellung gefunden. Es

war in der altbekannten Instrumentenfabrik Appelius Vater und Sohn,

die damals etwa dreißig Arbeiter beschäftigte und sich durch die

Tatkraft des jüngeren Herrn in schönem Aufschwung befand. Nicht nur

von deutschen, sondern auch von ausländischen Ärzten, Kliniken und

Hospitälern liefen die Bestellungen ein. Die eben zugewanderten

Mechaniker erhielten feine, fast künstlerische Arbeit, wie sie ihren

Fähigkeiten entsprach, gute Löhne und sogar hohe für die Überstunden,

die sie Abend um Abend leisteten. Vom Montag früh bis am Samstag

spät standen sie am Schraubstock, am Sonntag aber verwandelten sich

die bescheidenen Schmiede vom Werktag in wohlausgerüstete junge

Herren. Wo das Paar hinkam, durfte es sich blicken lassen: Szedesky

in seiner geschmeidigen Tracht, Ulrich im gut bürgerlichen Kleid,

den Gedenkring des Rheinfahrvereins von Eglisau am Finger. In ihrer

Lebensführung weder knauserig noch verschwenderisch, machten sie ihre

Entdeckungsfahrten durch die Stadt oder noch lieber hinaus auf das

Land, hinauf und hinunter am Rhein. Sie lebten wie die Vögel im grünen

Wald, und allerlei harmlose Eroberungen fielen ihnen leicht. Schon

die Gegensätzlichkeit ihrer Erscheinung lenkte die Aufmerksamkeit

der Mädchen auf sie: den blonden, hochgewachsenen Schweizer mit dem

urdeutschen Gesicht und den zierlichen, dunkeln Ungarn, den sie

meistens für einen Franzosen hielten. Wie gern sich aber die beiden

Freunde am Sonntag mit ein paar lachenden Rheinländerinnen im Tanze

drehten und wieviel junge Freude ihnen blühen mochte, -- am Montag früh

waren sie mit klaren Köpfen an der Arbeit.

Schon im Mai erkannte Appelius die Tüchtigkeit Ulrichs dadurch an, daß

er ihn als ersten Vorarbeiter in eine neugeschaffene Abteilung des

Geschäftshauses stellte, und für Szedesky hatte er einen ähnlichen

Plan. Als er ihm aber davon sprach, erwiderte der Ungar, daß er

höchstens noch einige Wochen in Mainz bleiben könne. Sein Vater, der

selbst eine aufblühende kleine Fabrik besitze, rufe ihn dringlich in

die Heimat zurück. »Das tut mir aber leid,« versetzte der betriebsame

Geschäftsherr und beriet sich nun mit Junghans. »Wir haben auf der

Weltausstellung in Paris eine Sammlung unserer Werkzeuge dargelegt und

rechnen darauf, daß sie uns rasch neue große Bestellungen einträgt.

Könnten wir wohl aus der Schweiz noch ein paar Arbeiter beziehen, die

durch eine ebenso vorzügliche Lehre gegangen sind wie Sie? Auch möchte

ich mich jetzt schon nach einer reifen Kraft umsehen, die mir einmal

Szedesky ersetzt.«

Ulrich sprach von seinem Bruder Friedrich. »Indessen ist er der ältere

und wird nur in eine Stelle eintreten wollen, die wenigstens so gut wie

die meine ist.«

Appelius strich sich den Spitzbart, sann und sagte: »Schreiben Sie

Ihrem Bruder doch, daß er komme. Ich werde ihn gut unterbringen!«

Ulrich wandte sich mit dem Anliegen zuerst an den Vater, fügte

dem Briefe eine Wertsendung bei, die aus seinen Ersparnissen in

Mainz bestand, und bat die Eltern, nach Belieben über das Geld zu

verfügen; er werde den Abgang für sich selber bald wieder ersetzt

haben. Nach mehr als einer Woche kam die Antwort des Vaters, daß

er sich mit Friedrich besprochen habe und beide mit dem Vorschlag

einverstanden seien. Durch den Brief klang ein verhaltener Stolz auf

seine lebenstüchtigen Söhne, auch von Marie schrieb er freudig, wie

sie von ihren Gästen geachtet sei und sich eine hübsche Aussteuer

verdiene; so liege auf der Familie offenbar der Segen der Arbeit und

treuen Zusammenhaltens, und er dürfe mit der Mutter in ein schönes

Alter hineinblicken. Der Brief ergriff Ulrich. Ja, daß den Eltern ein

sorgenloses, lichtes Alter beschieden sei, dazu wollte er nach Kräften

helfen!

Es dauerte aber noch drei Wochen, bis Friedrich seine Kündigung

ausgedient hatte und hergereist war. In dieser Zeit wußte Ulrich nicht:

war seine Freude größer, daß der Bruder kam, oder der Schmerz darüber,

daß er seinen Freund Janos verlieren sollte. Er mochte aber nicht in

den Getreuen dringen, daß er bleibe. Wenn der Freund die Laute schlug,

so spürte er aus den sehnsüchtigen Melodien der Zigeunermusik, wie sehr

sich Szedesky heim in seine Pußten sehnte. Niemand konnte vom Vaterland

so schön und feurig sprechen wie er. Am liebsten hätte er Ulrich

dorthin mitgenommen, um ihm die Reize der Donaulandschaften zu zeigen,

von denen er behauptete, sie seien noch herrlicher als die Ufer des

Rheins. Indessen war es ja schon Friedrichs wegen undenkbar, daß Ulrich

jetzt Mainz verließ, aber das Versprechen mußte er Janos geben, daß

auch er im Laufe der nächsten Jahre einmal nach Ungarn kommen und dort

sein Gast sein werde. »Noch lieber mein Mitleiter in der väterlichen

Fabrik!« rief Szedesky. Und je näher der Scheidetag kam, desto mehr

spürten sie die Stärke ihrer Freundschaft.

Da machten sie, zunächst jeder für sich, in Dingen der Weiblichkeit

Entdeckungen, Ulrich nämlich diejenige, daß in dem Haus, in dem

sie Quartier hatten, zwei der lieblichsten Mädchen der Stadt Mainz

wohnten. Es waren die Töchter des Hausbesitzers Alwin Römer, der den

ersten Stock innehatte, während die Mechaniker im dritten hausten. Die

Schwestern hießen Lotte und Lutz und waren im Gegensatz zu Margret

und Emmeline Finkler in Nürnberg noch sehr jung: die ältere höchstens

einundzwanzig, mit braungoldigem Haar, die jüngere wohl noch nicht

neunzehn und sonnblond, -- Rheinländerinnen, wie von ihnen das Lied

singt, heiter, ungezwungen, doch von einem feinen Stolz, und ihre

lebhaften Gesichter so rein, als wäre noch nie ein Schatten darüber

geflogen.

Die Freunde hatten die Hausgenossinnen nicht früher entdeckt, weil sie

selber ihre Wohnung schon morgens vor sechs Uhr verließen und erst

am späten Abend wieder heimkamen. Die Mädchen aber sah man meistens

um die Mittagszeit. Nur um ihren erfrischenden Anblick genießen zu

können, ließen sich die Freunde, die bisher auswärts gegessen hatten,

das Mittagbrot von der Hauswirtin verabreichen. Jeden Tag hatten sie

nun die Augenweide der reizenden Nachbarinnen, die ihre achtungsvollen

Grüße freundlich erwiderten. Zu einem Gespräch kam es indessen zunächst

nicht, der Verkehr beschränkte sich auf das stille Wohlgefallen der

Jugend an der Jugend.

Nick Tappoli · 第 8 / 18 段