den Färbern zu, die aus schweren Kähnen vorgebeugt ihre Tücher darin
wuschen. Sie kam zu dem wie ein italienischer Palast über den Fluß
hinausgebauten Rathause, und bald flog ihr Blick hinüber zum Zunfthaus
der Meise. Da gelüstete es sie, die Freundin Marie Junghans zu begrüßen
und sie zu fragen, wie es denn ihrem Bruder Ulrich gehe. Sie wagte es
nicht, ohne weiteres in die Wirtsstube hinaufzusteigen. Unschlüssig
stand sie auf der Brücke, schaute bald hinab in die Wasser, auf denen
sich eine Schar Möwen schaukelte, bald hinauf zum schweren Turm des
Sankt Peter, an dessen Ziffernblatt die riesigen Uhrzeiger wanderten.
Da kam der Dreiuhrschlag vom Turm. Ein unerwartetes Schauspiel begab
sich. Die Möwen hoben sich schreiend über das Wasser empor, zogen mit
scharfem Flügelschlag über Nicks Kopf nach den hellen, großen Fenstern
der Meise und haschten durch die Luft geworfene Brotbrocken. Die sie
fütterte, war Marie in ihrer Rafzerfeldertracht.
»Nick, Nick!« rief sie, kam auf die Straße heruntergeeilt und holte
die Freundin hinauf in die große, eichengetäfelte Zunftstube. »Gerade
zur rechten Zeit kommst du. Von drei bis fünf Uhr ist es bei uns
immer still, nur der alte Literaturprofessor sitzt noch über seinen
Kollegienheften in einer Ecke, geht aber auch bald.«
In der Tat erhob sich dort alsbald ein borstenhaariges Männchen,
das die eine Schulter höher als die andere trug. Marie stellte ihm
die Freundin vor. »Tappoli!« versetzte er und ließ hinter großen
Brillengläsern die Augen sprühen. »Wie viel schöne Stunden habe ich mit
Ihrem Vater verbracht!« Seine Blicke glitten wohlgefällig über Nick,
dann aber lachte er väterlich Marie zu: »Ja, unser Rotbrüstchen haben
wir lieb.« Ein herzliches Einverständnis schien zwischen dem Alten und
Marie zu bestehen.
Nun war er gegangen. »Sind alle deine Gäste so lieb zu dir?« fragte
Nick.
»Ich erlebe manches Schöne,« erwiderte Marie, »gerade mit dem
Professor. Seine Vorträge hält er meist erst mir und nachher den
Studenten. Ich habe aber auch sonst unter den Gästen gute Freunde, sie
sorgen sich um mich wie um ein eigenes Kind.«
»Und bist du in einen verliebt?« forschte Nick.
»Wo denkst du hin? -- Es ist mir wohl genug so.«
Ja, man sah ihr das gute Ergehen an. Gesicht und Gestalt waren fein
erblüht, die ländliche Tracht ihrer Heimat, die roten Querstreifen im
Mieder, die silbernen Röschen darumher und die blühweißen, gestreiften
Ärmel stimmten wunderhübsch zu ihrer schlichten Erscheinung, die an die
stillen Landschaften draußen erinnerte, an die Frische des Waldes, den
Duft der Scholle, den Sonnenschein über den Hügeln. Kein Wunder, daß
sie jedermann gefiel und daß die Gäste sie verwöhnten. Kaum eine andere
Gestalt hätte in das Zunfthaus besser gepaßt als sie, wie ein Bild
fügte sie sich darein und half mit, der Meise das ehrenfeste Wesen zu
geben, in dem sich viele gebildete Zürcher wohlfühlten.
Die beiden Freundinnen sprachen ungestört über die kleinen Ereignisse
der Heimat. Nach einiger Zögerung aber fragte Nick unsicher: »Wie geht
es denn Uli?«
Ein Schatten flog über das Gesicht Maries. »Er steht immer noch in
Nürnberg und befindet sich dort gut. Doch wundere ich mich über deine
Frage. Du darfst es mir nicht übel nehmen: es schmerzt auch mich, daß
er deinetwegen so unglücklich auf die Wanderschaft gegangen ist. Aber
du konntest nicht anders, da du dein Herz schon vergeben hast, und
deswegen bin ich dir über die Abweisung doch nicht böse. Er fragt in
jedem Brief, wer wohl der Bevorzugte sei. Die Mutter meinte Wildholz,
und so habe ich es ihm geschrieben; aber nun ist ja der Verweser auch
wieder gegangen.«
Nick wußte nicht, wohin blicken vor Verlegenheit. Sie nahm Maries
Hand. »Dir will ich die Wahrheit bekennen. Mein Herz ist so frei wie
je. Was ich Uli auf seine Werbung erwiderte, war die größte Lüge meines
Lebens. Warum ich sie begangen habe, weiß ich selber nicht. Seine
Erklärung kam mir wie ein Überfall. Daß ich aber noch frei bin, kannst
du ihm schreiben.«
»Nein, Nick,« erwiderte Marie nachdenklich. »Wenn dir daran gelegen
ist, tue du es selbst. Doch wozu? -- Es sei denn, du schriebest ihm, du
habest dich eines Bessern besonnen.«
Nick schwieg, seufzte und starrte vor sich hin. Da kam ein Gast, und
sie verabschiedete sich.
»Wenn du Zeit hast,« bat Marie, »komm wieder zu mir.«
Die frühe Dämmerung fiel in die Stadt. Nick machte noch Besuche bei
Verwandten und wurde gut aufgenommen, aber die Menschen, die so oft die
Gastfreundschaft des Pfarrhofes in Eglisau genossen hatten, kümmerten
sich nicht eigentlich um die Not ihres Lebens, um ihre Zukunft, sie
sagten nur: »Wer wüßte dir bessern Rat als der Vetter Tierarzt?« Der
ältere Onkel gab ihr ein Goldstück. Nun brannte sie das Geschenk.
Wie billig ist es, sich mit etwas Geld von einer Herzenspflicht
loszukaufen! Mit schweren Gedanken schritt sie wieder hinaus in das
öde Quartier der Schuppen und Magazine. Sie dachte fast sehnsüchtig an
Ulrich Junghans. Sonderbar! Der bescheidenen Messerschmiedsfamilie ging
das Leben so blühend auf, das ihre aber verengte und verdunkelte sich
mehr und mehr. Fröstelnd wandelte sie im raschelnden Nordwind. Kein
sicheres Dach, kein sicheres Ziel. Sie, Nick Tappoli, die, solange der
Vater gelebt, nichts von Sorgen gewußt hatte!
Am folgenden Tage gab sie dem Onkel Bernhard auf einem Geschäftsgange
nach einem Bauerngehöft außerhalb der Stadt das Geleite. Sie merkte,
daß sich in seiner Brust etwas wand, das er nicht gern zur Sprache
brachte. Erst als sie ein gut Stück gegangen waren, begann er: »Ja,
Nick, das Leben ist hart, und man kann nicht immer wie man will. Sonst
würde ich dich herzlich gern im Haus behalten, schon aus Dankbarkeit
für die vielen schönen Tage am Rhein. Du hast aber wohl bemerkt: das
Babettlein hat Launen. Und ich kann den Frieden des Hauses nicht aufs
Spiel setzen. Was nun anfangen? Du mußt selbständig werden. Mit deinen
guten Umgangsformen taugst du wohl am besten als Verkäuferin. Nun
habe ich deinetwegen mit meinem Freund, dem Spielwarenhändler Jean
Groß an der Strehlgasse gesprochen. Er ist bereit, dich während des
Weihnachtsmarktes als Aushilfe anzustellen. Es ist wenigstens eine
leichte und saubere Arbeit.«
Er schwieg und wartete, was sie antworten werde. Sie ließ schweigend
den Kopf sinken und ging etwas langsamer.
Da nahm er wieder das Wort: »Selbstverständlich lasse ich dich nicht
im Stich. Du kannst mir, wenn du in Verlegenheit bist, stets um Geld
schreiben, und ich werde es dir besorgen. Bloß dürfen Frau und Tochter
nichts davon merken. Damit dich deine Schrift nicht verrät, gebe ich
dir Briefumschläge mit, auf denen mein Name gedruckt ist. Dann glauben
sie, es handle sich um eine geschäftliche Sache, und forschen nicht
weiter nach dem Inhalt.«
»Ein so unfreier Mann bist du?« hätte Nick gerne gefragt, sie
sagte aber nur: »Behüt' dich Gott, Onkel, ich gehe gleich in den
Spielwarenladen.« Sie würgte das Weh der Verlassenheit, das in ihr
aufsteigen wollte, hinunter, mietete sich kurz entschlossen bei einer
Frau Gugolz ein und stellte sich mutig hinter den Ladentisch.
Die Krämerei, für die sie nie Neigung besessen, ging ihr leichter, als
sie erwartet hatte, sie entdeckte dafür ein Talent in sich. Unter dem
Besitzer aber litt sie, sowohl unter seiner Erscheinung wie seiner Art.
Er wußte seine Vorteile gut zu wahren. Mit scharfem Auge überblickte
er den Gang seines Geschäftes, aber es war an dem breitbrüstigen
Mann etwas abstoßend Weibisches, namentlich an der zu hohen, sich
oft überschlagenden Stimme. Dazu besaß er die üble Gewohnheit, die
Angestellten mit »Du« anzusprechen und aus dem Namen irgendeinen
Schnack zu machen. Nick hatte das Gefühl, er möge sie wohl leiden,
jedesmal aber ging ihr ein Stich durch die Brust, wenn er ihr zupiepte:
»Pfarrerstöchterlein, da bediene du!« Wozu das schmerzvolle Hervorheben
ihrer Abkunft? Ihre Bitten waren umsonst. Er protzte mit ihr gerade
vor den vornehmern Kunden. Zum Glück blieb er jeden Nachmittag bis
gegen vier Uhr aus. In einer Gesellschaft, der auch Onkel Bernhard
angehörte, spielte er um hohe Einsätze Karten und handelte um Häuser
und Grundstücke. Sie hörte manches darüber flüstern.
Die Stunden seiner Abwesenheit waren für sie stets die Schönsten. Ihr
rascher, höflicher Verkehr gefiel den Käufern und Käuferinnen, für
die Kinder, die kamen, fand sie das rechte Wort und setzte ihnen den
Gebrauch der Spielzeuge auseinander, der Puppen klein und groß, der
gesamten Tierwelt, der Kirchen und Häuser, der Wägelchen und Boote,
der grünen Pappeln und der Heere von Bleisoldaten. Dabei wurde sie für
einen Augenblick selber wieder Kind, erregte Gefallen und machte für
Jean Groß ein gutes Geschäft. Gegen Weihnacht wuchs der Andrang der
Kaufenden, der Ladenschluß schob sich immer weiter hinaus, und dann war
noch wieder Ordnung in die wirr aufgehäuften Waren zu bringen; aber
wenn sie endlich mit müden Füßen durch die dunkeln Gassen heimwärts
huschte, beherrschte sie doch ein schönes Gefühl. Wie manche frohe
Mutter hatte sie tagsüber gesehen, wie viele strahlende Kinderaugen!
Je näher das Fest herankam, desto weniger ließ die Überanstrengung
sie zum Denken kommen, und in ihrer Abspannung schmerzte es sie auch
nicht so tief, daß die verschiedenen Glieder der Familie Tappoli ihren
Dienst mißbilligten und sich von ihr zurückzogen. Wenn die Verwandten
ihr die Möglichkeit nicht schufen, nach dem Ansehen ihres Namens zu
leben, so sollte man sie doch selber ihr Brot verdienen lassen! Sie tat
es ja in Ehren. Mit dem Onkel Tierarzt hatte sie auch keine Verbindung
mehr. Die gedruckten Briefumschläge, von denen er gesprochen, hatte sie
absichtlich vergessen, und vielleicht auch er. Selbst mit ihrem Bruder,
dem blaubemützten, hübschen Studenten, lockerte sich das Verhältnis.
Jedesmal, wenn er gekommen war, hatte er sie um Taschengeld gebeten,
bis sie ihm die eigene Armut gestand. Nun sprach er kaum mehr bei ihr
vor.
Jean Groß lud sie ein, in seiner Familie Christbotin zu sein, die den
Gästen den lichtergeschmückten Baum übergebe. Am Festtag schwirrte
und surrte ihr der Kopf noch vom stürmischen Dienst am Vorabend, aber
nachdem sie am Morgen den Gottesdienst in irgendeiner der großen
Kirchen besucht und sich am Nachmittag mit Hilfe des Brautschleiers
ihrer Mutter ein Festkleid gerichtet hatte, machte sie sich, in ihren
Kapuzenmantel eingeschlagen, durch den Winterabend auf den Weg nach dem
Hause außerhalb der Stadt. Der Schnee lag hoch, weich und rein, und an
den dunkeln Wassern der Limmat standen die alten, mächtigen Platanen
wie verzaubert in Weiß. Die Glocken klangen feierlich durch den Abend,
und die einherhuschenden Menschen blickten heiter und geheimnisvoll.
Irgend etwas Schönes mußte wohl auch sie erleben, sie wußte nur nicht
was. Sie schritt über einen Steg, hinauf zwischen alten, halbländlichen
Gebäuden, Gärten, Rebbergen und erreichte das Haus des Kaufmanns.
»Ah, da ist ja unser Pfarrerstöchterlein!« begrüßte sie Jean Groß
mit seiner unangenehmen Stimme, ließ sie lange in einem Warteraum
sitzen und rief sie erst, als ihr die frohe Stimmung fast vergangen
war, zu dem Lichterbaum in ein gut bürgerliches Gemach, in dem alte
Möbel und steifleinene Ölporträts von fünfzig oder hundert Jahren
her den überkommenen Wohlstand verkündeten. Was sollte sie? -- Keine
Kinder, denen sie die von ihr vorbereitete Ansprache hätte halten
können; lauter jüngere und ältere Erwachsene, denen mehr die Gier nach
Geschenken im Gesicht stand als eine feierliche Bewegung der Seelen, in
der Mitte der dicke Kaufmann mit seiner kleinen, üppigen Frau -- er mit
schimmernden Edelsteinen auf der Hemdenbrust, sie mit vielen goldenen
Ringen an der Hand. Irgendeine alte Tante stimmte im Nachbarzimmer am
Klavier ein Weihnachtslied an, die Gesellschaft versuchte zu singen,
fand aber nach der ersten Strophe schon die Worte nicht mehr, und das
Lied drohte wie ein mißratener Kuchen auseinanderzugehen. Da erinnerte
sich Nick, wie oft sie, wenn der Vorsänger heiser war, daheim den
Kirchengesang gerettet hatte, erhob ihren hellen Alt, etwas voreilend
gab sie den andern den Text in den Mund, und das Lied konnte zu Ende
gesungen werden. Ermutigt wollte sie nun doch ihre Worte sprechen,
aber der Hausherr unterbrach sie: »Das Nötige sage ich selber,« und
begann fistelnd: »Dank meiner geschäftlichen Erfolge bin ich in der
Lage, meiner Gattin und weitern Angehörigen auch dieses Jahr wieder
eine schöne Weihnacht zu bereiten. Sie brauchen sich nicht mit Reimen
und Gesang zu behelfen, sondern ich habe, wie die Geschenke beweisen
werden, allen Beteiligten Sachen von Wert zu bieten.« Die Rede, die
humoristisch sein sollte, wurde ein sterbenslangweiliges Selbstlob,
verhaltene Ungeduld stieg auf die Gesichter. Und dann kam endlich die
Bescherung.
Nick wußte kaum, was mit sich selber anfangen, sie erschien sich
unsäglich töricht und überflüssig. Zuletzt wandte sich Jean Groß
an sie: »Hier ist auch ein Geschenk für dich, Christkind und
Pfarrerstöchterlein. Und hier der Lohn. Wenn du dich auf den nächsten
Weihnachtsmarkt meldest, so stelle ich dich wieder als Gehilfin an.
Sagen wir also auf Wiedersehen!«
Erst jetzt merkte sie, daß sie vom Feste entlassen war. Wozu hatte
man sie gerufen? Und sie wäre den Abend so gern in Licht und Glanz
fröhlich mit den Fröhlichen gewesen. Vielleicht aber hatte Groß an
Lohn und Geschenk noch ein Besonderes für sie in das Päckchen gelegt,
was er seinen Gästen nicht verraten wollte. Als sie wieder auf dem
menschenleeren Wege unter den Platanen dahinschritt, nestelte sie das
Röllchen, das ihren Lohn enthielt, im Schein einer Straßenlaterne
auseinander. Es enthielt gerade so viel Einfrankenstücke, als sie
Tage bei den Spielwaren beschäftigt gewesen, keines mehr, keines
weniger, nichts dafür, daß sie beim Aufräumen oft bis Mitternacht an
der Arbeit geblieben war. Den schönen Schleier der Mutter hatte sie
umsonst zerschnitten. Aber das andere Päckchen? Es kam daraus eine
Sammlung jener Wasserdirggel zum Vorschein, die mit ihren aufgedruckten
Modellen von Männlein und Fräulein, Haustieren und Wild, Vögeln und
Fischen anspruchslosen Kindern ein Bilderbuch ersetzen, aber kaum des
Essens wert sind. »Der Geizhals, der elende!« entfuhr es ihr. »Ach
Uli, Uli, wie war ich verblendet!« Da wurde sie von nahenden Schritten
aufgeschreckt, lief zitternd vor Kälte in ihre Kammer, und vor dem Bild
des Vaters begrub sie ihr Gesicht in beide Hände. »So mitleidslos also
spielt die Welt! Und das ist Weihnachten, das Fest der Liebe!«
11
Nick hatte es bei der Witwe Gugolz gut getroffen. Ihre Vermieterin
war eine herbe und wortkarge Frau in ordentlichen Verhältnissen, sie
hatte das junge, alleinstehende Wesen nur bei sich aufgenommen, damit
sie noch jemand neben sich in der Wohnung habe. Mit unaufdringlicher
Mütterlichkeit sah sie zum Wohl des jungen Fräuleins. Das durch die
Geräte und Bilder aus dem Elternhaus heimelig gewordene Zimmer unter
dem Dach war luftig und hell und blickte auf einen alten, etwas
vernachlässigten Garten, der wie ein Inselchen zwischen Häusern und
Häuschen eingeklemmt lag. Da huschten die Amseln unermüdlich durch
das verschneite Gesträuch, und die Spatzen pudelten sich auf den
versilberten Ästen der Bäume.
Nick saß am Fenster und überlegte. Wie nun weiter das Brot verdienen?
Gab es für sie nichts Besseres als die Krämerei? Ihr Sinn stand auf
irgendeiner Beschäftigung, bei der sie ihre geistigen Werte hätte zur
Geltung bringen können. Dabei überschlich sie aber eine Unsicherheit.
Wohl war ihr der Vater ein anregender Lehrer gewesen, aber ihr Wissen
war doch nicht derart, daß es sich in einen Verdienst hätte umprägen
lassen. Sie konnte sich nicht verhehlen: es war zu wenig eigentlicher
Schulsack dabei, man hatte es damit im frohsinnigen Pfarrhaus nie
streng genommen, überhaupt vergessen, sie für den Kampf ums Brot
auszurüsten. Wie angeflogen kam ihr ein sonderbarer Gedanke. Wenn sie
einmal jene Frau Doktor Livia Hartmann besuchte, die geborene polnische
Gräfin, deren Trauung die letzte Amtshandlung ihres Vaters gewesen war!
Vielleicht wüßte ihr die vornehme Frau guten Rat. Doch nein, die stand
ja hoch über den Kleinigkeiten des Lebens, und es war so bitter, die
Notlage zu bekennen. Sie ging zu Herrn Groß, erbat sich ein Zeugnis,
wandte sich damit an den Besitzer eines angesehenen Weißwarengeschäfts,
der eine Verkäuferin suchte, und kam bei ihm unter.
Sie war wieder in ihrem hübschen Dachstübchen. Da stieg der Postbote
mit schwerem Tritt die steilen, ausgelaufenen Treppen empor. Er
brachte ihr ein verspätetes Weihnachtspaket von der Mutter. Darin
lag als Geschenk Ferdinand Bürstelers ein Zwanzigfrankenstück. Die
Gabe rührte sie. Das Geld überhob sie einer großen Sorge; es wäre ihr
bitter gewesen, Frau Gugolz mit einem Teil der Monatsrechnung warten
zu lassen, und ein Mädchen, das auf sich hält, hat doch stets noch
besondere Ausgaben.
Mit der mütterlichen Sendung war ein Brief von John Wildholz
eingetroffen; er schrieb ihr von Zeit zu Zeit über die Erlebnisse
seiner Reise, nicht gerade ausführlich, aber teilnehmend um ihr Ergehen
besorgt. Bei sich selber war sie ja sicher, daß er nur ihretwegen
in die Ferne gegangen war, einer unausgesprochenen Liebe wegen, die
nicht sein durfte. Was halfen ihr aber die Briefe des mit einer Andern
Verlobten? Freudiger hätte sie von Ulrich Junghans ein paar Zeilen
empfangen. Sie machte sich auf den Weg zu Marie. Sie mußte, bevor das
Jahr zu Ende ging, noch etwas von ihm hören.
Die Freundin hatte wohl recht gesegnete Weihnacht hinter sich. Sie
sprach nicht davon, aber Leuchten und Lachen stand in ihren Augen. Nick
wagte deshalb die Bitte, daß sie ihr einmal einen Brief von Ulrich
zeige. Marie schaute sie verwundert an, zögerte einen Augenblick und
sagte: »Gut denn! Ich gebe dir alle, es steht nichts drin, was du
nicht wissen dürftest. Sie mögen dir meine Unterhaltung ersetzen.
Wir erwarten diesen Abend große Gesellschaft, da habe ich viel mit
den Vorbereitungen zu tun.« Sie holte das Bündel Briefe. »Mögen
sie dir helfen, daß du den Weg zurück zu ihm findest. Das ist mein
Neujahrswunsch für dich!«
Monika verbrachte den Abend daheim über den Briefen, und je länger
desto stärker war ihr, sie wandere mit Ulrich durch das altprächtige
Nürnberg.
»Bis Ulm kam ich also ohne Abenteuer,« erzählte er. »Dort auf der
Herberge aber geriet ich in die Gesellschaft eines österreichischen
Tischlers und eines bayerischen Zinngießers. Sie waren leichtes Blut,
ihre Beutel noch leichter. Schon im Tal der Brenz verlegten sie sich
aufs Fechten. Um jeden Verdacht einer Barschaft von mir abzulenken, tat
ich mit. Ich spielte bald den Aufpasser gegen den Büttel, bald pochte
ich selber an die Türen und sagte mit gezogenem Hut den Spruch: ›Es
bittet ein armer Handwerksbursche um einen Zehrpfennig‹. Kannst du dir
deinen Bruder Uli bettelnd vorstellen? Nun, ich bin dann doch als ein
anständiger Mensch in Nürnberg eingewandert.
»In der Herberge fegte ich den Staub aus Haar und Kleid. Am Abend
suchte ich Meister Melchior Finkler auf, der nahe am Wall in einer
alten Gasse wohnt. Durch ein halboffenes Portal sah ich in einen
kleinen, wohlgepflegten Garten. Im Hintergrund stand er selber ruhsam
unter der Tür, in weißem, lockigem Haar und Vollbart, das Pfeifchen
im Mundwinkel, das buntbestickte Sammetkäppchen über die hohe Stirn
zurückgeschoben, die Daumen zu beiden Seiten des Schurzfelles
eingesteckt. Je näher ich kam, desto besser gefiel mir der breite,
stattliche Mann. Als ich ihm den Brief des Vaters überreichte, empfing
er mich mit großem Wohlwollen, ebenso die Frau Meisterin und die
beiden Töchter. Nur von dem Kämmerlein, das man mir anwies, war ich
enttäuscht. Es ist ein Gelaß unter dem Dach, durch dessen Luken ich die
Sterne wandern sehe. Doch geht es ja dem Sommer entgegen.
»Bereits bin ich an unsern Werktag gewöhnt. Und meine Arbeit freut
mich. Melchior Finkler ist in Nürnberg der angesehenste Messerschmied,
besonders bekannt für chirurgische Instrumente. Zum Neid einiger
älteren Gesellen bin ich in dieser Abteilung beschäftigt und freue
mich darüber, obgleich die Werkzeuge, die mir während des Entstehens
durch die Hände gehen, genug an menschliche Not und Krankheit erinnern.
Die trüben Gedanken aber, die sich daran knüpfen könnten, verscheuche
ich am besten in den Plauderstunden mit meinem einzigen Freund, dem
Mitgesellen Janos Szedesky, einem Ungarn. Um sieben Uhr läutet die
Glocke zum Frühstück. Es besteht aus Haferbrei und einem großen Stück
Brot. Bis zum Mittagessen arbeiten wir durch. Da gibt es gut und genug.
Die Meistersleute sind würdige, gutmütige Menschen, doch verknöchert
und erstarrt in ihren Ansichten, die Töchter Margret und Emmeline,
von Stadt und Welt abgeschieden aufgewachsen, haben schon einen Stich
ins Altjüngferliche. Ohne je von einem jungen Manne beachtet worden
zu sein oder die Spur einer Liebe erlebt zu haben, müssen sie einmal
recht hübsch gewesen sein. Noch jetzt haben sie rote Wangen, glänzende
Augen, stattliche Zöpfe, Emmeline sogar ein Grübchen im Kinn, und wenn
beide auch ganz im Hauswesen aufgehen, so besitzen sie doch Vorzüge.
Vom Morgen bis zum Abend stillfroh tätig, sind sie rührend höflich und
dienstfertig gegen die Eltern, unter sich und gegen jedermann.
»Mit den Eltern, die mich gern wie einen Sohn im engern Kreise halten
möchten, bilden sie die Umgebung, in der ich meine Abende, Sonn- und
Feiertage verbringe, allerdings manchmal mit einem tiefen Heimweh nach
dem Rhein.
»Die Töchter sind dankbar, wenn ich ihnen aus der Heimat erzähle, und
irgendwoher wissen sie, daß auf den Alpen der Schweiz gejodelt wird.
Nun soll auch ich jodeln! Und zuweilen singe ich in meiner luftigen
Kammer ein Volkslied von daheim und einen Reigen dazu, freilich nicht
gerade aus voller Brust, denn ums Singen ist mir nicht, wenn ich an
Monika denke.«
Hier stutzte die einsame Leserin, und ein Seufzer ging über ihre
Lippen. Aber sie war gleich wieder bei dem Brief.
»Nun jodeln heimlich auch die Mädchen,« fuhr Uli fort, »sie tun es wie
Kanarienvögel, die nicht recht zu singen wagen. Den Eltern aber ist
es unheimlich, daß durch mich ein so leichtsinniger Geist ins Haus
gefahren ist. Auch sonst geht seit meiner Anwesenheit eine merkbare
Veränderung mit den Mädchen vor, sie werden lebhafter, sie besinnen
sich plötzlich, daß sie Augen haben zu sehen, Ohren zu hören. So wenn
wir am Sonntag gegen Abend den Spaziergang um das Tor machen, wie die
Nürnberger ihre gesamte Stadtumwallung mit Mauern und Türmen nennen.
Bisher ließ sich die Familie auf dem Spaziergang fast nur von der
hochwichtigen Frage des Grüßens bewegen: wen, wie stark und ob man
den Bekannten so und so die Ehre des Stillstehens erweisen wolle oder
nicht. Vor Grüßen, Gegrüßtwerden, Vor- und Nachbetrachtungen über die
Grüße haben die Leute gar keine Zeit, sich ein wenig an der Stadt zu
freuen. Ich aber finde meine Kurzweil in der Betrachtung der grauen
runden Türme, der Wehrgänge mit ihren Dächern, des vielen blühenden
Grüns und der hübschen Gärtchen in den Gräben. Meine Art gefällt den
Mädchen. Auch sie fangen nun an zu beobachten, haben Teilnahme für
vieles Schöne und genießen in der eigenen Heimat Entdeckerfreuden wie
Schulkinder. Am Samstag schmieden sie Pläne für den Sonntag, in aller
Schüchternheit vertreten sie ihre Wünsche vor den Eltern, und ich
erlebe nun mit ihnen die Freuden eines Forschers, bald in der Stadt
selber, bald draußen vor den Toren. Die Eltern aber fallen über unsere
Gänge von einer Verwunderung in die andere, ich komme ihnen unheimlich
wie ein Zauberer vor, daß ich die bisher wunschlosen Töchter in so
neugierige Menschenkinder habe umwandeln können.