Dienstag früh geht's in die weite Welt. Also lebt wohl!«
»Nein,« erwiderten die andern, »am Dienstag früh um fünf Uhr wollen
wir uns hier beim Brückeneingang sammeln. Wir singen dir noch ein paar
Lieder, damit das Städtchen merkt, daß ein Rechter von dannen geht, und
nachher geben wir dir das Geleit -- jeder, soweit er kann und mag.«
Er hätte gern darauf verzichtet.
Als er heimwärts schritt, war er froh, daß in der Stube der Eltern kein
Licht mehr brannte. Am liebsten hätte er den Ring der Jungmannschaft
vom Finger gezogen und in den Rhein geworfen, damit ihn kein Andenken
an den heutigen Tag erinnere. Er erschrak aber über den treulosen
Gedanken.
Wie kam ihm nun das Wandern recht! Draußen in der Fremde würde er sich
die Liebe zu Nick von selber aus dem Kopf schlagen und die Schmach
vergessen, die sie ihm durch ihre Weigerung angetan hatte.
9
Nick erwachte am Morgen nach der Rheinfahrt mit einem trüben Gefühl.
Sie mochte die Frühlingssonne nicht sehen und den Schlag der Vögel
nicht hören. Am liebsten hätte sie sich in eine dunkle Ecke verkrochen.
Sie dachte an die Liebesnot Ulrichs, an ihre Weigerung, an sein tiefes
Leid. Warum hatte sie ihn abgewiesen? Doch nur wegen John Wildholz und
seiner blaudunkeln Augen! Vielleicht fand er aber gar keinen Gefallen
an ihr?
Noch saß sie beim Morgenbrot und sann vor sich hin. Da trat die Mutter
in die Stube. »Ich glaube, der Verweser ist verlobt,« sagte sie. »Auf
seinem Schreibtisch steht das Bild eines jungen Mädchens, und er legt
davor jeden Morgen eine frische Blume, gestern und heute.« Nick spürte,
wie das Luftschloß in ihr zusammenstürzte. Die Mutter fuhr fort: »Nun
aber erzähle du. Du hast mehr erlebt als ich. Wie war die Fahrt?«
»Oh, der Rhein!« begann Nick mit tapferer Selbstverleugnung.
»Wunderschön!«
»Deinem Gesicht sieht man nichts davon an. Man könnte eher glauben, du
seiest bei einer Beerdigung gewesen!«
Vor dem scharfen Mutterauge brach die künstliche Fassung der Tochter
zusammen. »Mutter,« rief sie beklommen, »ich habe gestern die größte
Torheit meines Lebens begangen! Ulrich Junghans hat mir seine Liebe
gestanden -- und ich habe ihn von mir gestoßen.« Sie neigte sich auf
den Tisch hernieder und verbarg ihr Gesicht im Arm. Sie schluchzte.
Der Pfarrerin fiel es nicht ein, ihr Kind zu trösten. »Allerdings
war's eine große Dummheit, Nick! Wie konntest du? -- Schon für den
Vater war Ulrich stets eine Herzfreude, und wie er dich einladen kam,
habe ich selber gedacht, er sei ein ausnehmend gewinnender Junge. Dem
sieht man ja von weitem das gute Vorwärtskommen an, und bei den Mädchen
wird er nicht lange betteln müssen. Nein, wo der hingelangt, betteln
sie ihn an. Bist du blind, Nick? -- Du denkst nie daran, wie armselig
eine Pfarrerstochter dasteht, wenn der Vater gestorben ist und die
Besoldung ausbleibt. In Wahrheit bist du eine arme Maus, und wenn der
neue Pfarrer sich selber hier einen Haushalt gründet, so hast du hier
weniger Rechte als eine Maus.«
Da hob Nick den Kopf: »Willst du mich denn ganz zerschmettern, Mutter?«
Die Pfarrerin erwiderte etwas besänftigt: »Nein, Kind, aber wenn eine
wie du das Glück mit Füßen tritt, darf man ihr schon die Augen öffnen.
Mit dem einzigen Menschen, der dir helfen könnte, deinem Schwager, bist
du überworfen, und die Verwandten in der Stadt, auf die du heimlich
zählst, haben sich von uns zurückgezogen, seit die guten Weine im
Keller ausgegangen sind.«
»Nun ist's genug, Mutter,« versetzte Nick. Sie erhob sich.
»Was willst du tun?« fragte die Pfarrerin.
»Ich will versuchen, Ulrich Junghans einen Brief zu schreiben, damit
er weniger böse auf mich ist.« Sie empfand die scharfen Worte der
Mutter wie eine wohlverdiente Züchtigung. Wie war sie gestern gegen
den wohlmeinenden Uli verblendet gewesen! Sie begriff sich schon heute
nicht mehr.
Zuerst trat sie in das Zimmer des Verwesers, der im Unterricht weilte,
besah sich das Mädchenbild, das auf einer kleinen Staffelei stand, und
war davon enttäuscht. Es zeigte ein landläufiges, ziemlich breites
Gesicht, nicht hübsch, nicht häßlich, umrahmt von glattgestrichenem
Haar. Sein Reiz lag in den großen, frommen Augen. Was man von ihrem
Kleid, einer Art religiöser Tracht, sah, deutete auf eine Missionarin.
Wie die Marke des Photographen sagte, war das Bild in Kalkutta
aufgenommen worden, und als Nick es wendete, las sie: »Ihrem im Herrn
innigstgeliebten John Wildholz seine treue Christine Eberhard.«
Sie war also die Tochter des Missionars, bei dem er einige Jahre
zugebracht hatte.
Nick neigte ernüchtert den Kopf. Sie begriff den Geschmack des
Verwesers nicht, er kam ihr selber weniger verehrungswürdig vor. Ihre
Schwärmerei für ihn war dahin. Welche Grausamkeit des Lebens! Wenn sie
das Bild vor der Fahrt gesehen hätte, dann --
Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, sie stieg in ein Kämmerchen
empor, in dem sie als Kind ihre Schulaufgaben gelöst hatte und das noch
immer ihr Zufluchtsort war, wenn sie ungestört sein wollte. Schwalben
flogen durch das geöffnete Fenster aus und ein. Der geplante Brief
aber geriet ihr nicht. Die erste Fassung fand sie zu zerknirscht, die
folgende gequält, sie stolperte stets wieder darüber, daß sie Ulrich
erklärt hatte, ihr Herz sei bereits vergeben, -- und war zu stolz, sich
selber der Lüge zu zeihen. Bogen um Bogen schrieb sie, doch gegen Abend
gab sie es verwirrt und traurig auf.
»Dann geh doch selber zu Uli,« riet ihr die Mutter.
»Er ist in Zürich, und ich weiß nicht, wann er heimkommt,« versetzte
Nick. »So tief demütige ich mich auch nicht.« --
Ein stiller Zwist lag nun zwischen der Pfarrerin und ihrer stolzen
Tochter. Das Abendbrot, zu dem John Wildholz erschien, wurde Nick, die
von der Fahrt erzählen sollte, zur Qual. Sie zog sich früh zurück. Im
Tagesgrauen erwachte sie aus schweren Träumen durch ein Volkslied,
das, von einem Dutzend Männerstimmen gesungen, aus der Brücke zu ihr
heraufklang.
»Hier in weiter, weiter Ferne,
Wie's mich nach der Heimat zieht;
Lustig singen die Gesellen,
Doch es ist ein falsches Lied,
Doch es ist ein falsches Lied.«
Jetzt geht er, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie sprang ans Fenster,
durch den Laden rief sie: »Uli -- Uli!«
Sie horchte umsonst! Die Schritte der Jungmannschaft, deren Gestalten
sie in der Dämmerung eben zu erkennen vermochte, entfernten sich, Sang
und Klang verging in den Worten:
»Andre Städtchen, andre Mädchen
Kommen freilich zu Gesicht;
Ach, wohl sind es andre Mädchen,
Doch die eine ist es nicht,
Doch die eine ist es nicht!«
Nick warf sich hin. Sie hätte gestern abend Ulrich doch noch aufsuchen
sollen. Nun gaben ihm ihre Gedanken das Geleit. Sie sah ihn, wie er,
einen halben Kopf größer als seine Freunde, frisch, stark, sehnig, am
hohen, glänzenden Hut den Levkoien- und Rosmarinstrauß, aus der Heimat
schritt. Im nächsten Dorf verabschiedeten sich wohl schon etliche
seiner Begleiter, im übernächsten die meisten, und nur die letzten
Getreuen gingen mit ihm bis nach Schaffhausen. Dort ein Imbiß, ein
Klingen mit den Gläsern, ein Händeschütteln. Das war das Ausschenken.
Nun wanderte er allein, nun warf er den letzten langen Blick über die
Grenze ins Vaterland zurück. Und er gedachte noch einmal aller seiner
Freunde, die ihn mit soviel Ehren aus der Heimat entlassen hatten.
Sie aber hatte ihm den Abschied verbittert, ihrer gedachte er mit
zornvoller Seele ...
Leere Tage kamen in ihr Leben. Sie wären ihr noch schattenhafter
dahingegangen ohne die Gegenwart des Verwesers. Seit sie wußte, daß
er verlobt war, versuchte sie ihm knapp und kühl zu begegnen, er aber
bewies ihr stets eine große, mit feiner Herzlichkeit gepaarte Achtung,
der sie nicht zu widerstehen vermochte. Aus jedem seiner Worte spürte
sie, wie ihm daran gelegen war, ihr seelisch näher zu kommen. Er lud
sie zu seinem täglichen Spaziergang ein, und es schien ihm einen Genuß
zu bereiten, mit ihr durch die stillen Felder und Wälder am Rhein zu
gehen.
»Fräulein Tappoli, damit wir gegenseitig klar sehen,« begann er
eines Tages, »will ich Ihnen bekennen, daß ich in Indien ein Mädchen
zurückgelassen habe, mit dem ich still verlobt bin. Diese Liebe ist mir
heilig. Sie ist mir aber kein Hemmnis, Ihnen in ehrlicher Freundschaft
meine Teilnahme entgegenzubringen. Ich freue mich, Ihre frische
Tätigkeit zu beobachten, und wie Ihnen stets ein Sonntag von Gedanken
dabei mitläuft.« Leuchtende Güte stand in seinen Augen.
Das freimütige Wort gefiel Nick.
Er aber fuhr fort: »Der Zufall hat mir ein Blatt in die Hand gespielt,
in dem der junge Lehrer Hans Weber die prächtige Rheinfahrt vom Sonntag
schildert. Da las ich auch das Gedicht, das Sie dem scheidenden jungen
Schmied Ulrich Junghans widmeten. Er muß ein tüchtiger Mensch sein!«
»Die Strophen sind ohne mein Vorwissen in die Zeitung gekommen,«
erwiderte Nick mit verhaltener Heftigkeit. »Es tut mir sehr leid!«
»Nun, möge nichts Schlimmeres geschehen,« begütigte sie Wildholz. »Aus
den Versen schaut ein helles, liebes Menschenkind. Das ist genug. Sie
haben mich aber auf die Frage geführt, ob der junge Mann, dem sie
gelten, Ihrem Herzen nahe steht?«
Das Blut stieg ihr ins Gesicht. »Herr Verweser, lassen Sie mir mit der
Antwort Zeit,« -- mehr vermochte sie nicht zu erwidern.
Er drang nicht weiter in sie. Sie aber lernte ihn von Tag zu Tag höher
schätzen.
Der bald leis schwermütige, bald feurig schwungvolle Mann brachte sich
sowohl als Prediger wie als Lehrer zu Ansehen. Sie selber spürte: ihr
Vater hatte den vollwertigen Nachfolger gefunden, sogar einen, der
ihn an hinreißender Kraft des Wortes übertraf. Doch war ein großer
Unterschied zwischen den religiösen Auffassungen der beiden Männer. Der
Vater hatte, von einem fast künstlerischen Humanismus durchdrungen, das
Sonnige des Lebens so gut wie seine Schatten gesehen; Wildholz aber,
der aus der Mission hervorgegangene strenggläubige Christ, legte den
Nachdruck auf die Schwäche und Sünde der Menschheit und ihr tiefes
Erlösungsbedürfnis. Dafür fand er aus mystischer Kraft heraus glühend
düstere, für Nick fast unheimliche Töne, die aber die Leute mächtig ins
Gotteshaus rissen.
Durch die Predigten wie durch die gemeinsamen Spaziergänge von seiner
alles begreifenden Güte überzeugt, faßte Nick Zutrauen zu Wildholz, kam
aus eigenem Drang einmal auf seine Frage zurück und gestand ihm die
Aussprache mit Ulrich Junghans in den Ruinen von Weißwasserstelz. Dabei
verschwieg sie ihm freilich, daß es gerade sein, des neuen Verwesers,
Erscheinen im Städtchen gewesen sei, das einen Zwiespalt in ihre Seele
getragen habe, und schob alle Schuld, daß sie die treue Hand des jungen
Schmiedes ausgeschlagen, auf die Verwirrung des Augenblicks und einen
ihr hinterher selbst nicht mehr verständlichen Mädchentrotz.
John Wildholz sah ihr mit warmer Freundschaft tief in die Augen. »Ich
merkte, daß Sie leiden, Fräulein Nick. Fehler aber, die man einsieht,
soll man nicht alt werden lassen. Wenn Sie die herzliche Überzeugung
haben, daß der junge Mann Ihrer wert ist, so schreiben Sie ihm einen
aufrichtigen Brief, wie es um Sie steht. Um seinet- wie Ihretwillen!
Was geschieht sonst? -- Sie beide begraben die erste, heilige Liebe;
mit hungerndem Herzen geht er, gehen Sie andere Lebensverpflichtungen
ein und vermehren in der Welt nur die große Zahl der Unglücklichen,
die am Tag mit leerer Seele lachen und in der Nacht um ein verlorenes
Glück weinen.« Sein Blick ruhte teilnahmstief und doch mit schwerer
Mahnung in ihrem Gesicht. »Sie dürfen nicht den Pakt mit dem staubigen
Alltag schließen, Fräulein Nick, Sie sind dafür ein zu wertvolles
Menschenkind.«
Seine Nachdrücklichkeit brachte sie in Verlegenheit. Sie wußte schon,
daß sie den Brief nie schreiben werde, nicht sowohl wegen ihres
eigensinnigen Stolzes, den sie manchmal selber beklagte, als aus dem
Gefühl, sie habe sich durch ihre erregten Worte auf Wasserstelz jede
gute Rückkehr zu Ulrich Junghans abgeschnitten.
Schweigend ließ der Verweser sie gewähren, er tat, als spüre er ihren
inneren Kampf nicht. Sie wurden immer bessere Freunde. Im Städtchen
liefen die Anspielungen, sie sei mit ihm verlobt, ja es gab Neugierige,
die sie unmittelbar fragten: »Darf man bald Glück wünschen?« So war
für sie viel Bittersüßes an dem schönen Verkehr mit Wildholz, und
vielleicht litt auch er unter heimlichen Schmerzen.
Da kam die Wendung. Die Bewohner des Städtchens drängten, daß der die
Herzen ergreifende Redner als Geistlicher berufen werde, bevor eine
andere Gemeinde ihn mit ihren Versprechungen hinweglockte, und die
Kirchenpflege trug ihm schon gegen den Herbst das Amt des Pfarrers
an. Er bat um ein paar Tage Bedenkzeit -- und lehnte die Berufung ab.
Niemand begriff es, am wenigsten Nick.
Die Weinlese jauchzte an den Ufern des Rheins. Da gingen sie
miteinander durch den buntprangenden Wald und ruhten unter mächtigen,
alten Buchen, durch deren Kronen der letzte Sonnenschein spielte.
Nick merkte, wie es im Innern des Verwesers kämpfte. Plötzlich fragte
er abgerissen: »Haben Sie eigentlich den Brief an Ulrich Junghans
geschrieben?«
Sie erschrak und schüttelte stumm den Kopf. Er sagte: »Ich gehe nicht
gern von Ihnen ohne den Gedanken, daß Ihnen eine schöne Zukunft winkt.
Warum versäumen Sie Ihr Glück?« Er sah sie warm besorgt an. Seine
Stimme zitterte leise. »Wie froh wäre ich, wenn ich Ihnen selber etwas
sein könnte, aber unsere Wege trennen sich. Sie wissen, schweren
Herzens habe ich den Antrag der Kirchenpflege abgelehnt. Ich habe
mich entschlossen, eine Studienfahrt ins heilige Land zu unternehmen.
In acht Tagen werde ich schon in Italien sein, und bin ich zurück,
hoffentlich in meinem religiösen Glauben bestärkt, vertieft und gereift
durch den Wandel auf den Spuren des Herrn, so kommt wohl auch meine
Braut Christine Eberhard in die Heimat und wir finden die Pfarre, auf
der wir unsern Hausstand gründen können.«
Nie vorher hatte Wildholz von dem Reiseplan gesprochen, Nick war davon
völlig überrascht.
Und wieder begann er: »Ich wollte, ich wüßte um Ihren Weg, Fräulein
Nick, und daß es Ihnen gut ginge. Ich sorge mich um so mehr um Sie, da
Sie ja doch nicht mehr lange im alten, lieben Pfarrhaus bleiben können.
Die Kirchenpflege hat nach meiner Ablehnung die Berufung eines Pfarrers
beschlossen und bereits einen Kandidaten in Aussicht, der Weib und Kind
besitzt.«
Nick schrak zusammen. Sie schritten beschwerten Gemütes aus dem
abendgoldenen Wald. Da sagte sie plötzlich, wie aus einem Traume
heraus: »Sie haben nach meinem Weg gefragt, Herr Wildholz. Er liegt für
mich klar. In die Welt hinaus, das Brot verdienen, warten und sehen,
ob nach zwei oder drei Jahren jener wieder kommt, dessen Hand ich
verworfen habe, und ob er mich noch will. Es ist seltsam, schreiben
kann ich ihm nicht.«
Schon hatte er eine Entgegnung auf den Lippen, aber sie waren an die
Rheinhalde gekommen, an der die Winzer ihren Segen einbrachten. Im
blauen Dunst des Abends führten die Bauern mit ihren Ochsengespannen
die Kufen nach den Keltern, da und dort stand noch eine fleißige
Schar an die Weinstöcke hingebückt, Volkslieder erklangen, Jauchzer
gingen über den Strom, und freudige Hände streckten dem Paar die
duftigen blauen und goldgelben Früchte entgegen. Wildholz und Nick
nahmen dankend an. Sie aber spürte mehr die Wehmut als die Freude des
Herbstabends, ihr Herz antwortete nicht auf die Gesänge, sie dachte
nur an den Abschied von ihrem Freunde. --
Als er für die weite Reise ins Morgenland von ihr Abschied nahm, bebte
seine Hand, mit brechender Stimme sagte er: »Behüt' Sie Gott, liebe
Nick!« Ihr war im Augenblick, da er gehe, müsse sich etwas Besonderes
ereignen; aber als sein Fuhrwerk hinein in die Brücke rollte, geschah
nichts weiter, als daß eine wunderbare Klarheit in ihre Seele kam: Er
hat dich geliebt! Darum drängte er so stark auf den Brief an Uli, darum
schlug er die Berufung aus! Die Reise, von der er früher nie gesprochen
hatte, tritt er an, um dich vergessen und jener Christine Eberhard treu
bleiben zu können. Was ist er für ein starker Mann!
Mit gefalteten Händen ließ Nick die Tränen über das Gesicht
hinunterlaufen, ihre Seele wurde wund um ihn. In ihre Wehmut und
Zerknirschung mengte sich aber auch ein Gefühl des Stolzes, daß sie
dem ernsten, tiefreligiösen Mann etwas hatte sein können, daß er sie
geschätzt, ja im stillen geliebt hatte, der Arme, Unfreie, der sein
Herz an die bescheidene Missionarin wohl nur hingegeben hatte, weil ihm
auf der fernen Station eine andere Liebe nicht möglich gewesen war.
Wildholz litt darunter, war jedoch zu vornehm, um untreu zu sein.
Unter Gewissensbissen aber dachte sie an Ulrich Junghans und sich
selbst. Wie flatterhaft war ihr Herz! Erst wies es Uli schroff zurück,
dann blutete es um ihn, darauf schwärmte es für Wildholz. Wenn es so
um die Festigkeit ihrer Liebe stand, war es schon klüger, nicht an
Uli zu schreiben. In aufdämmernder Selbsterkenntnis sah sie in der
Unsicherheit ihrer Gefühle einen verhängnisvollen Charakterfehler, und
sie ahnte, daß sie einen schweren Weg gehen werde.
Schon in den nächsten Tagen trat der neue Pfarrer mit Frau und
halbwüchsiger Tochter ins Haus, und obgleich sie es nicht an
Höflichkeit fehlen ließen, merkten Frau Tappoli und Nick, die sie durch
die Räume und den Garten geleiteten, aus den behaglichen Gebärden und
Gesprächen, wie stark sich die Neulinge schon als die Herrenleute des
Besitzes fühlten. Welch trauriger Abend nachher! Und was nun? --
Die Mutter beschäftigte sich mit dem Gedanken, in der Stadt eine
Pension für Studenten einzurichten, und der Plan gefiel auch Nick.
Indessen gelangte er nicht zur Ausführung. Ferdinand Bürsteler,
der seit einem Jahr den Rock des Pfarrers ausgezogen und in der
Heimat eine Baumwollspinnerei gekauft hatte, kam eigens zu Besuch,
um der Schwiegermutter und der Schwägerin den Plan auszureden. Der
gutmütig-stolze Industrielle wollte die nächsten Verwandten seiner Frau
nicht in erwerbender Stellung sehen. Als besten Gegengrund schob er die
schwache Gesundheit der Mutter vor und war bereit, sie sowohl wie Nick
in sein Haus aufzunehmen.
Nick mochte nun einmal die fleischige Gestalt Ferdinands nicht, und
ehe sie sich's versah, hatten sie schon wieder Händel miteinander. Er
gab den Versuch, sie zu versöhnen, nicht gleich auf, begleitete sie
nach dem Einbruch der Nacht noch zu einer Besorgung ins Städtchen und
versuchte dabei, seinen Arm in den ihren zu schieben. Sie aber lachte
ihn spöttisch aus: »Ich werde schon für den sorgen, der mich führt,«
und machte sich frei. Bürsteler mußte es selber einsehen: es gab kein
Auskommen zwischen ihnen. Die Mutter entschloß sich, in die Familie des
Schwiegersohnes einzutreten, in der ihr bereits ein Enkelkind blühte;
Nick aber wollte mit Verwandten in Zürich beraten, vor allem mit ihrem
Vormund, dem Tierarzt Tappoli, einem jüngern Bruder ihres Vaters, der
sich freilich bis jetzt wenig um sie gekümmert hatte.
Den Bewohnern des Städtchens tat es leid, die letzten Glieder der
Pfarrersfamilie zu verlieren, die mit ihnen ein Vierteljahrhundert
Freude und Sorge geteilt hatte. Manche der Bürgersleute kamen noch
ins Pfarrhaus, um sich von Mutter und Tochter zu verabschieden, und
sie kamen nicht mit leeren Händen. »Was fangen wir nur mit all den
Geschenken an,« rief Nick, »den Töpfen voll Honig, den Säcken voll
gedörrter Zwetschgen, Äpfel- und Birnschnitzen, den Würsten und
Schweinskinnbacken?« Dabei standen ihr aber die Augen voll Tränen.
Sie verbrachte eine wehe Abendstunde am Grabe ihres Vaters.
Nachbarn besorgten unter wehmütigen Betrachtungen das Ausräumen des
Hausrates. Ein herzzerreißendes Bild, die trauten Möbel auf der
Straße, die letzte Rast im verödeten alten Heim. In die Brücke hinein
schwankten zwei Wagen, ein größerer und ein kleinerer. Jener führte
die Witwenausstattung der Mutter ins Oberland, dieser die für Nick
ausgeschiedenen Stücke nach Zürich. Als die Sonne durch den Nebel
brach, folgten ihnen in einem Chaislein die beiden schwarzgekleideten
Frauen. Aus vielen Fenstern und Türen winkten letzte Grüße, seine
Abschiedslieder rauschte zwischen den hohen Borden herauf der
Rhein, noch einmal grüßte das Städtchen mit den steilen Firsten und
blumengeschmückten Lauben. Als es hinter der Uferhöhe den Blicken
entschwand, hüllte sich Nick trotz der wärmenden Sonne tiefer in ihren
dunkeln Schal.
Der Neunzehnjährigen war, die Jugend sei für sie abgetan.
10
Am Frühnachmittag erreichten Mutter und Tochter Zürich. Den Hausrat
Nicks stapelten sie bei einem Verwandten, einem ehrsamen Schuhmacher,
auf den Dachboden. Nachher machten sie sich auf den Weg zu ihrem
Vormund Bernhard Tappoli. Sie hatte ihn von ihren Kinderjahren her
in angenehmer Erinnerung, den lebensfrohen Tierarzneischüler, der
stets mit einem Vorrat von Feuerwerk in die Weinlese kam und es
unter dem Jubel der Jugend über dem Rhein abbrannte. Doch auch ein
anspruchsvoller Gast war er gewesen. Aus den Körben voll Trauben,
welche die Bauern ins Pfarrhaus schenkten, hatte er die schönsten
herausgenascht, den Apfelküchlein der Mutter unbescheiden zugesprochen,
den Weg ins Speckkämmerlein genommen, so oft es ihm gefiel, und zum
stillen Verdruß der Eltern heimlich manche verkorkte Flasche im Keller
erbrochen. Ihr aber war er stets ein fröhlicher und gefälliger Kamerad
gewesen. Wenn er nun an jene häufigen Besuche dachte, an so manches
Geldstück, das der Vater Nicks ihm zugesteckt hatte, so mußte er sie
liebreich aufnehmen, und es fiel ihm umso leichter, als er in den
dazwischenliegenden Jahren durch einen Handel mit Bauland, den er
neben seinem Berufe betrieb, ziemlich reich geworden war. Er wohnte
in der Nähe der Eisenbahn, in einem Anwesen, in dem sich Einst und
Jetzt stießen. Das schöne, alte Haus, das er sich erheiratet hatte, war
umgeben von häßlichen Schuppen und Baracken.
Die Pfarrerin brachte der Familie zwei von den Honigtöpfen, die ihr
gute Nachbarn zum Abschiede geschenkt hatten, und erregte damit bei
Schwägerin und Tochter Freude. Das Einvernehmen dauerte bis nach dem
Vieruhrkaffee, bei dem die Süßigkeit reichlich herhalten mußte. Dann
kam Onkel Bernhard von einer Überlandfahrt nach Hause. »Herrgott, bist
du groß und schön geworden!« rief er Nick entgegen. Er hatte aber nicht
an die Empfindlichkeit seiner Tochter Babette gedacht, die, ein paar
Jahre jünger als Nick, durch ein sonderbar ältliches Gesicht entstellt
war. Die Eifersüchtige lief mit einem wütenden Blick auf den Vater aus
der Tür, und ihre Mutter strafte ihn mit stummem Vorwurf. Er plauderte
indessen unbefangen weiter und lud Nick zum Bleiben ein. Sie fühlte
aber doch schon, daß sie in dieser Familie auf keinen Anhalt rechnen
durfte.
Sie begleitete die Mutter, die noch an diesem Abend ins Oberland
fahren wollte, auf den Bahnhof. Dort wurden sie von Dietrich, dem
Studenten, erwartet. Er bat um einen Zuschuß zu seinem Taschengelde,
das nach des Vaters Tode noch schmäler geworden war als zuvor. Die
Pfarrerin gab ihm das letzte Entbehrliche. Was er vom Vormund sprach,
war wenig ermunternd. Onkel Bernhard stecke so in Berufs- und andern
Geschäften drin, daß er für die Anliegen der Verwandten keine Zeit
finde; ein Geld- und Glücksjäger, besitze er von den Tappoli nur noch
die liebenswürdigen äußeren Formen. Im Augenblick der Trennung wandte
sich die Mutter aufschluchzend an Nick: Ȁrmste! Wenn du dich nur mit
deinem Schwager Ferdinand vertrügest! Er ist doch der einzige, der auch
für dich ein Herz hat. Was wirst du in der Stadt Bitteres erleben! Ich
darf nicht daran denken.«
Als Nick allein in die Familie Bernhards zurückkehrte, war ihr, sie
trüge in sich die Schwere der ganzen Welt.
Am andern Morgen machte sie mit dem häßlichen Babettlein Einkäufe in
der Altstadt. Da war sie mit dem Vater als Kind etliche Male gegangen,
viele Erinnerungen erwachten, sie fühlte sich in den Gassen, Straßen
und Plätzen nicht fremd, und der Blick in das Leben und Treiben hob
ihren Mut. Nur die Empfindung, daß die junge Verwandte sie nicht möge,
verdarb ihr die Stimmung. Sie wollte sich lieber einmal ein paar
Stunden ungestört in der Stadt ergehen.