Aus dem Grund der tiefblauen Flut tönte ein siedendes Geräusch, das

Wandern des Kieses, da und dort glitten die Boote über silberne

Wirbel, die mannigfaltig gekrümmt in die Tiefe hinabstiegen, in

mächtigen Schwällen drängten die Wasser wieder empor, brodelten und

schlugen weiße Wellen. Geheimnisvoll war das Tierleben mit leisen und

lauten Tönen lebendig. Aus den hellen Buchenschlägen am Ufer riefen

die Sänger des Waldes, in lichten Gruppen alter Eichen hatten die

geselligen Reiher ihre Nester gebaut, und mißbilligend schauten sie

auf den Einbruch der Menschen in ihr stilles Reich. Am Rande fischte

der Storch, Schwärme von Wildenten ließen die Weidlinge dicht an sich

herankommen, stoben mit erschrecktem Schnattern empor und flüchteten

in Zickzackreihen stromabwärts. Am Himmel kreiste der Weih und warf

seine Stimme in die Stille der Landschaft, als riefe er: »Ich bin der

König.« Eisvögel schwirrten wie blaue Lichter in der Sonne, weiß-

oder gelbbäuchige Bachstelzen wippten auf den Ufersteinen. Da und

dort sprangen kleine Fische aus der Flut: hinter ihnen jagte der

Hecht, glänzte weiß auf und schnappte die ermüdete Beute, ein Bild

des ewigen Kampfes im Strom. Still aber im Frühlingsfrieden lagen die

Uferlandschaften und atmeten den Hauch der Menschenferne. Bald links,

bald rechts stellte sich ein einsames Gehöft auf die Halde, und wo

der Uferrand flach war, sah man die Umrisse und Giebel altertümlicher

Bauerndörfer. Aus ihren Kaminen stieg der blaue Rauch in die Luft, und

von fernher zitterten Glockentöne. Dann nahmen hohe Stromhalden den

Blick wieder gefangen, in Einsamkeit wallte der Fluß.

Ein Freudenruf ging von Boot zu Boot, wie von selber begann die

Gesellschaft das Lied zu singen: »Unsere Berge lugen ins Land!«

Der Rhein hatte sich unbemerkt nach Süden gewandt, den herrlichen

Schneebergen entgegen, von denen er kam. In überirdischer, leuchtender

Schönheit schwebten sie mit ihren Silberschildern herein in den

Rahmen der grünen Ufer, über dem Strom standen sie, als würde

er in sie hineinfließen. Sie zogen sich in leiser Bewegung bald

rechts-, bald linkshin wieder hinter die Ufer zurück und gaben im

Flußausschnitt andern glänzenden Schneegestalten Raum, bald den

Häuptern des Glarner Hochgebirgs, bald den Alpen des Vierwaldstätter

Sees und dem Urirotstock mit seiner fern herüberstrahlenden Firnwanne.

Wieder waren es die Glarner Alpen, wieder die Berge des Gotthards.

Nun aber leuchteten die Spitzen des Berner Oberlandes, Wetter- und

Finsteraarhorn, Jungfrau, Mönch und Eiger zwischen die Waldborde

herein, je nur eine Spitze auf einmal, jede aber wie ein Traum der

schönheitsdurstigen Weltseele. Und selber ein Wunder der Schöpfung

wallte der Rhein in die unendliche Pracht.

Nick war hingerissen. Wenn jetzt nur niemand spricht, nur niemand

mich stört, daß ich die Bilder für mein ganzes Leben erfassen kann!

Lange ließ Ulrich die Träumerin gewähren und hielt stumm Ausschau

über die Schiffe. Als er ihr aber wieder die blauen Augen zuwandte,

brach sie selber das Schweigen. Sie sagte begeistert: »Wie kann ich

Ihnen danken, Herr Junghans, daß ich durch Ihre freundliche Einladung

so viel Unvergeßliches sehen darf.« Er überlegte einen Augenblick,

ein mutiges Lächeln spielte um seinen Mund. »Ich bin ja so glücklich,

daß Sie meiner Bitte gefolgt sind. Aber Nick, wir wollen doch zum Du

unserer Jugend zurückkehren. Alle Burschen und Mädchen hier sind unter

sich Freunde und brauchen gegeneinander das Du. Nur wir nicht!« Ja, das

hatte sie auch schon bemerkt. Sie wurde rot und streckte ihm die Hand

hin: »Also -- Uli!« Auf dem Gesicht stand ihm die Freude.

Von den fernen Schneebergen überleuchtet entfaltete sich eine neue

Landschaft. Auf schmaler Landzunge erhob sich ein altersgraues,

hölzernes Kirchlein, um das sich die Wellen sänftigten wie Tiere, die

sich zu Füßen ihres Herrn legen. Dahinter ragten aus Baumkronen eine

alte Abtei und die Doppeltürme eines Münsters. Es war ein Bild, als sei

hier ein Jahrtausend stillgestanden. In mancherlei Windungen, wie wenn

er den alten Mönchstraum liebkosen wollte, wand sich der Rhein um die

Stätte, rechtshin, linkshin, und seine Wellen sangen ein Lied wie das

Gebet jenes irischen Glaubensboten, der im Schilf kniend die Weisung

des Engels empfing, hier dem Evangelium einen Acker zu bereiten. --

Doch was war das? Aus einem der vergitterten Fenster der Abtei reckte

ein altes Weib, die grauen Haare aufgelöst, erregt die Hände und rief

unverständliche, häßlich klingende Worte auf das junge Volk in den

Kähnen hinab.

»Die Abtei ist jetzt ein Irrenhaus,« erklärte Ulrich gedämpft. Sie

sahen noch mehr der unglücklichen Gestalten, die das Schicksal

zerbrochen hatte, und fuhren still und stiller vorüber und verbargen

die Scheu des Frohen vor dem Gram stumm in der Seele. Erst nach einer

Weile versetzte Monika aus tiefem Nachdenken: »Vielleicht waren sie

einst so glücklich wie wir!« Ein Schatten lag über ihrem Gesicht.

Nun aber glitten die Boote von der Stätte des Grauens hinweg, ein

langgestreckter Bergrücken verschlang die Bilder der Alpen, ein

niedriges Fischerdorf, umsponnen von Netzen, kam und ging. Wolken von

Schwalben schwirrten über dem Strom und verdunkelten ihn fast, durch

grüne Auen trippelte von der Linken ein Fluß daher und begrub seine

eigenen kleinen Wasser in den großen des Rheins.

Frohes Leben waltete in den Schiffen. Da und dort wurde von den Paaren

Zwischenimbiß gehalten, und jedes tauschte, was es besaß, freudig

mit den Nachbarn. Nick und Uli ließen sich ein paar Äpfel aus dem

Pfarrgarten munden. »Findest du nicht auch, daß unsere Leute sehr artig

und lieb zusammen sind?« plauderte er. »Nie habe ich unsere Jugend so

wohlgetan beisammen gesehen,« bestätigte sie; »es soll ein wenig dein

Verdienst sein.«

Er tat, als überhörte er ihr Wort, und spähte nach vorn. Die Weidlinge

wogten in eine Waldschlucht hinein. Linkshin verrieten weiße Wellen

verborgene Felsen im Strom. Nun war er ganz Fahrer. »Anziehen!« rief

er den Leuten seines Bootes zu. Unter ihren kräftigen Ruderschlägen

überholte er eilig das mittlere, erreichte mit dem Schnabel des seinen

das vorderste, und mit kühnem Sprung setzte er vom einen ins andere

hinüber.

»Rechts -- rechts -- rechts!« ertönte sein rascher, ruhiger Befehl,

und nun war er selber mit stämmigen Armen an einem der Ruder. Wohl

tanzten und klatschten die Schiffe in dem Gewild, aber sie vermieden

die gefährlichste Strecke der weißen Schäume, und nach etlichen

Augenblicken des Herzklopfens sahen die Mädchen die gefährlichen Riffe

und sausenden Strudel hinter den Kähnen liegen. Sanfter fuhren die

Boote auf den sich glättenden Wellen und ordneten sich wieder in der

gewohnten Reihenfolge. Ulrich wischte sich den Schweiß von der Stirne

und kehrte zu Monika zurück. »Wir haben die Jüngsten ins erste Schiff

gestellt,« erklärte er, »es sind schon tapfere Burschen, aber in den

Gliedern doch noch nicht zäh genug, um durchzuhalten. Darum bin ich

vorgefahren.«

Nick schaute ihn groß und freundlich an. Was war er für ein mutiger,

besonnener Mensch, selber noch jung und doch in seinem Obmannamt der

Überlegene, dem die Ältern wie die Jüngern gehorchten, -- ein Schmied

und Schiffer, der nicht nur daheim in der Werkstatt den Mann stellte,

sondern gewiß auch im Leben sein eigenes Schicksal und das seiner

Nächsten kräftig und glücklich durch die Wogen führte!

Noch sann sie. Da wogten die Weidlinge aus dem engen Waldtal hinaus,

heimatlich wurde die Gegend, aus dem sonnigen Rebgelände winkte das

Städtchen, und die gesamte Gesellschaft sang das Lied: »Wenn weit

in den Landen wir zogen umher!« Im Nu schossen die Schiffe an den

ersten Häusern vorüber und der Brücke entgegen, aus deren Öffnungen

so viele Köpfe und Hände grüßten, als die Räume zu fassen vermochten.

Weiße Tüchlein wehten, Päckchen, die an ausgeworfenen Schnüren bereit

gehalten waren, fielen in die Kähne und schütteten einen Segen von

Bretzeln und anderm Gebäck unter das junge Volk. Wie Pfeile schossen

die Kähne zwischen den Jochen der Brücke hindurch, und es wiederholten

sich von der andern Seite der mächtigen Bretterröhre die Grüße und

Gaben.

Am Ende des Städtchens, aus dessen Stockwerken überall sonntagsfreudige

Menschen winkten, wehte am Ufer eine Fahne: das Zeichen, daß man

anlegen möge. Neugierig fuhren die Schiffer herzu. Große Überraschung!

Der Gemeinderat hatte an die Gesellschaft gedacht und ließ ihr eine

Spende Wein reichen, jedem Paar eine von Spinnweb bedeckte Flasche. Das

Geschenk hob die Stimmung.

Die Schiffe tanzten wieder in den Strom hinaus. Hinter einer Krümmung

des Flusses entschwand das Giebelgewirre. Da hörte Nick das Wort:

»Dort geht ja unser neuer Verweser!« Eine Blutwelle stieg ihr ins

Gesicht, sie sah ihn. Er kam wohl eben vom Gottesdienst und schritt

hochhäuptig und gelassen den gleichen Feldweg, den sie gestern abend

miteinander gegangen waren. Nun bemerkte er die Fahrenden, hörte ihre

Zurufe, stellte sich ans Ufer und erwiderte ihre Grüße mit leutseliger

Höflichkeit. Schon hatten die Weidlinge den einsamen Spaziergänger

überholt, aber um Nick hatte seine Erscheinung wieder den gleichen

Gedankenzauber wie gestern gewoben. Sie sah die Frühlingswälder

nicht, an denen die Kähne vorüberschwebten, auch nicht die alte

malerische Mühle am Uferwinkel, neben der ein Flüßchen in den Rhein

hineinplauderte, und als Ulrich das Wort an sie richtete, schrak sie

zusammen.

Er merkte, daß er sie aus einer andern Welt gerissen hatte, sie jedoch

faßte sich rasch und lächelte ihn an: »Gelt, ich bin ein zerfahrenes

Ding, im wogenden Kahn träumt sich's so schön!« Da war er schon wieder

zufrieden.

Der Rhein verbreiterte sich, mit den Rudern half die Mannschaft den

Schiffen durch die schwache Strömung nach. Aber nun sammelte sich der

Fluß wieder zu lebhaftem Gewoge, es winkte der altersgraue, mächtige

Turm von Kaiserstuhl, eine Brücke warf sich über den Strom. Geruhsame

Zollwächter, links schweizerische mit roten, rechts deutsche mit grünen

Aufschlägen, genossen das seltene Schauspiel, daß wieder einmal Boote

mit fröhlichem Volk auf dem Rhein fuhren, und das an der Uferhalde

klebende Städtchen eilte zu Haufen herbei, um die fröhlich landende

Gesellschaft zu begrüßen.

Ein Zug ordnete sich. Bald saß die Jugend im Saal des altstattlichen

Gasthauses zur Krone an den im Hufeisen angeordneten Tischen und

ließ sich als Vorspeise ein mit grüner Petersilie überstreutes,

knusperiges Fischgericht schmecken. Auf einer kleinen Empore stimmten

ein paar Geiger ihre Instrumente und weckten in den Herzen der Mädchen

die Vorfreude am Tanz, der ihnen doch am gesamten Feste als das

Wesentlichste erschien.

Nick saß zwischen Ulrich und Heller, dem jungen Manne, der bei ihr

wegen des Ringes vorgesprochen hatte und als der kommende Obmann galt.

»Wie die Präsidentin!« lachte sie übermütig. »Aber so kommt's, wenn man

die Eingeladene des Obmanns ist.«

Schon war die erste Eßlust gestillt. Die bedienenden Mädchen brachten

den edlen Wein, den der Gemeinderat von Eglisau dem Verein hatte

überreichen lassen. Er perlte in den Gläsern und warf den blinkenden

Stern.

Da erhob sich Rudolf Heller, gebot Ruhe und sprach: »Lieber Obmann,

werte Fahrer und Eingeladene! Ich weiß am besten selber, daß ich ein

schlechter Redner bin, und Ihr wißt ja ohne meine Worte, wem das

heutige Festchen gilt. Unserm scheidenden Obmann Ulrich Junghans. Seit

drei Jahren gehörte er als treues und eifriges Mitglied unserm Verein

an, im letzten als Oberfahrer und Obmann. Seit der Verein besteht,

blühte er nie wie unter seiner Führung. Ihr Jungen, nehmt Euch an ihm

für die Zukunft ein Vorbild! Dann steht es um unsere Gesellschaft immer

gut. -- Was wir aber bei deinem Abschied empfinden, lieber Freund, das

will nicht ich mit meiner kleinen Rednergabe dir sagen, sondern das hat

auf meine Bitte deine Nachbarin zur Rechten, Fräulein Monika Tappoli,

übernommen. Zuerst aber stoßen wir auf dein Wohl an und wünschen dir

glückliche Wanderschaft!«

Nein, Rudolf Heller war kein Redner, stoßweise kamen ihm die Gedanken

vom Mund, aber seine schlichten Worte wurden so redlich aufgenommen,

wie sie gemeint waren.

Die Gläser klangen zusammen, am hellsten um Ulrich. Als sich aber die

Gesellschaft beruhigt hatte, saß er mit rotglühenden Wangen. Ihn

freute die Liebe und Treue, mit der seine Freunde an ihm hingen, und

durch seine Seele jubelte der Gedanke: Was hast du für eine schöne

Heimat! Sein Herz aber zitterte den Worten Monikas entgegen, die ihm

mit keiner Silbe verraten hatte, daß eine Verabredung hinter seinem

Rücken getroffen worden war. Heimlich tat er vor ihr Abbitte, daß ihn

im Kahn ihre Zerstreutheit gekränkt hatte. Er wußte ja jetzt, was ihr

durch den Kopf gegangen war: der Auftrag des Vorstandes.

Da rief Rudolf Heller: »Ich erteile das Wort Fräulein Monika Tappoli!«

Im Saal wurde es mäuschenstill. Denn von ihr erwartete jedermann etwas

besonders Schönes.

Unter dem üppigen, dunkeln Kraushaar blühten ihr die Wangen, ihre

dünnen Nasenflügel bebten, und einen Augenblick erschrak sie über

ihre eigene Stimme. Nun aber hatte sie sich in der Gewalt. Schön

ausgeschliffen fielen ihr die Strophen vom frischroten Mund:

»Leb wohl, du kleine Stadt am Rhein! --

Du wanderst nun hinaus,

Du fragst den goldnen Sonnenschein:

»Wo ist das Glück zu Haus?«

Und sieh, du bist sein guter Gast,

Er hat sich dir gesellt.

Doch wenn du es verloren hast,

Das Glück der fremden Welt,

So klopft bei dir in jeder Nacht

Die Heimat sorgend an

Und hält bei dir getreue Wacht,

Wie es die Mutter einst getan.

Sie flüstert: »Du mein junges Blut,

Wie ist's um dich bestellt?

Wo blieb dein froher Jugendmut

Im Spiel der weiten Welt?«

Des Städtchens traute Giebel stehn

Verträumt am Rebenhang,

Du siehst im Rhein die Wellen gehn,

Hörst ihren Nachtgesang.

Am Strom hörst du vor Tau und Tag

Ein helles Arbeitslied,

Der eignen Werkstatt Hammerschlag,

Was fehlt dir, junger Schmied?

Du fährst empor: Im Morgenrot

Wie steht die Fremde leer!

Dein Herz schreit auf nach Mutterbrot,

Es schlägt dir heiß und schwer.

Was träumst du armer Junge noch,

Wenn fremdes Glück zerbricht?

Die Heimat hält die Treue doch,

Nein, sie vergißt dich nicht.

Wir geben dir das Unterpfand,

Wir Jugendvolk vom Rhein:

Du wirst daheim im Vaterland

Der stets Willkommne sein!«

Nick hatte das Gedicht mit steigender Wärme gesprochen und während

der letzten Strophe die kleine Kapsel geöffnet. Nun nahm sie daraus

den Ring und las mit fester, klarer Stimme: »Ulrich Junghans, unserm

verdienten Obmann und Oberfahrer, der Rheinfahrverein Eglisau.« Unter

der lautlosen Stille der andern steckte sie ihm den Reifen an den

Finger, und nun brach der zustimmende Ruf der Gesellschaft los.

Die Freude strömte in das Gesicht des überraschten Ulrich. Er sollte

nun selber eine Rede halten, aber er brachte nur hervor: »Ich danke

Euch allen!« Wenn er weiter gesprochen hätte, wären ihm die Tränen

gekommen. Nur an Nick wandte er sich noch: »Dir danke ich besonders.

Das Gedicht wird mir in der Fremde ein schöner Anhalt bleiben. Wie

konntest du auch so etwas aussinnen?« Seine Augen glänzten, den Ring

am Finger ging er, halbtrunken vor Glück, unter den Freunden umher und

drückte jedem die Hand.

Die Verse hatten aber auch den andern gefallen. Viele verwunderten

sich, daß man nicht nur aus der Ferne, sondern auch aus dem

bescheidenen Heimatstädtchen etwas Liedhaftes sagen könne. »Woher hat's

nur die Nick?« »Von ihrem Vater! Für seine Sechseläutenzunft in Zürich,

den ›Kämbel‹, hat er oft Verse gedichtet,« sagte Rudolf Heller. »Sie

müssen ins Protokoll!« Ein paar Mädchen kamen und schrieben sie ab. --

Nach bescheidenem Widerspruche ließ es Nick geschehen.

Nun aber wurden Stühle und Tische aus dem Saal geräumt. Die Geigen und

eine Trompete setzten ein, die Paare walzten, und Nick wie Ulrich waren

froh, der allgemeinen Aufmerksamkeit entronnen zu sein, und machten ein

paar Runden miteinander. Nachher kam für ihn die Höflichkeitspflicht,

es auch mit den übrigen Mädchen zu tun. Nick setzte sich auf eine Bank

an der Wand und schaute in das lebhafte Treiben. Stets aber kamen

wieder Burschen und baten sie um einen Tanz.

»Gern, aber erst später,« erwiderte sie jedem.

Die Enttäuschten zogen sich zurück. Ulrich kam wieder.

»Sonderbar, das Tanzen liegt mir nicht,« gestand sie. »Ich muß dabei an

so viele Abendstunden mit meinem Vater denken, der es mich gelehrt hat.

Ebenso mag ich den Burschen nicht immer Abschläge erteilen. Wenn wir

ein Viertelstündchen ins Freie gingen?«

Ulrichs Herz pochte hoch, er bot ihr den Arm und führte sie aus dem

Saal, durch die von einem uralten Wachtturm beherrschte Gasse das

Städtchen hinab und hinaus auf die Rheinbrücke, an deren Enden die

Zöllner Posten standen. Nick dachte, er wolle nur nach den Weidlingen

sehen, und in der Tat stand er eine Weile und schaute in den Strom, aus

dem die wasserfeuchte Luft kühl und erfrischend emporstieg, und in die

dahinterragenden, von einem zarten Duft umwobenen Schwarzwaldberge.

Dann aber zog er sie leise mit sich gegen das deutsche Ufer, an dem auf

klippigem Hügel das Dorf Hohenthengen die grauen Giebel reckt.

Sie fragte: »Wird man uns nicht vermissen?«

»Wo denkst du hin?« erwiderte er. »Dafür sind sie zu eifrig im Tanzen

drin.«

Er dachte in diesem Augenblick überhaupt nicht mehr an den Verein,

sondern die Seele erbebte ihm in dem Vorsatz, Nick seine Liebe zu

erklären. Es wäre die Krönung des wunderschönen Tags, und was für ein

Glück trüge er auf der Wanderschaft im Herzen, wenn sie ihn ihrer

Zuneigung vergewisserte!

Der Zollwächter am deutschen Ufer, ein Graubart, der mit gelangweiltem

Blick vor dem Schloß Röthelen saß, erwiderte freundlich ihren Gruß, und

die Augen wurden ihm hell. Was für ein schönes, frisches Paar!

Ulrich schwenkte mit Nick von der Straße ab und bog links in einen

Feldweg dem Ufer entlang.

Sie fragte: »Wohin gehen wir denn?«

»Ich will dir die Ruine Weißwasserstelz am Strom zeigen,« antwortete

er, »sie liegt nicht weit von hier. Ich war einmal mit Doktor von

Jaberg und Gerold dort; die Gegend hat viele merkwürdige Altertümer.«

Eine Weile sprachen sie von Gerold, dem seit etlichen Jahren

entschwundenen gemeinsamen Freund; aber Nick spürte, daß die Gedanken

Ulrichs nicht bei der Sache waren. Der Atem ging ihm schwer.

Das stille Sprießen des Frühlings umgab sie, Millionen weißer Sterne

standen und beteten zur Sonne: »Wir danken dir, Urheilige, daß wir

blühen und scheinen dürfen.« Aus der Schweiz herüber rief der Kuckuck

mit durchdringend hellem Klang, und wenn er schwieg, so antwortete der

aus dem Schwarzwald. Die Waldpfade, durch die Ulrich seine Begleiterin

führte, waren so verwachsen, als ob hier nur alle hundert Jahre eine

leichtfüßige Fee durchstreife, um nachzusehen, ob die Welt noch

stehe. Doch nein, so menschenleer war die Wildnis nicht. Sie kamen

in einem Tälchen an die Guggimühle: graues Gemäuer wie ein Stück

Frühmittelalter, doch bewohnt.

»Und hier muß auch Weißwasserstelz sein,« unterbrach Ulrich das

Schweigen. »Dort auf dem Waldhügel am Rhein liegt die Burg, nur sieht

man sie vor den Tannen nicht, bis man mit der Stirn daranstößt.« -- Sie

schritten empor.

Waldumsponnen stand die Ruine in Lenzduft, Sonne und Einsamkeit, und

von den grünen Wogen umspielt erhob sich im Rhein noch ein zweites

Schlößchen: Schwarzwasserstelz, hoch und schlank wie eine gotische

Kapelle.

»Wie wunderschön ist die Stätte,« rief Nick, »wie märchenhaft die

Stimmung, die Wald und Efeu um die gebrochenen Mauern und Portale

verbreiten und die Reste der viereckigen und runden Türme!«

Den Hut in der Hand setzte sie sich auf eines der gestürzten

Trümmerstücke, ruhte mit schlanker, biegsamer Gestalt und atmete

den Traum des alten Burgmärchens in sich ein. An den dunkeln Kanten

des Gemäuers brach sich das Blau des Himmels, aus jäher Tiefe

flimmerten die Wellen des Stroms, auf dem Gestein sonnten sich mit

listigen Äuglein und geöffneten Mäulchen die Eidechsen, und durch die

geschwärzten Bogen herein flatterten kleine blaue Schmetterlinge, wie

dem Grab entstiegene Seelchen, die sich noch einmal an der warmen Luft

freuen wollen. Einige Föhren, die zuhöchst auf die Mauern gestiegen

waren, breiteten ihre Schirme wie Fahnen der Vergessenheit aus. Das

gesamte Bild bat: Stört mich nicht! Nach Sturm und Kampf bin ich

der selige Todesfriede derer, von denen man nicht mehr spricht; zu

unruhvoll sind mir eure Herzen, ich mag nur Sonne, Wind, Wetter und das

Schlummerlied des Stromes. -- So empfand Monika die Stimmung.

Ulrich aber sah nur sie, den Sonnenflimmer auf ihrem Haar, ihren

tiefroten Mund und die junge, leisbebende Brust. Er setzte sich stumm

zu ihr hin. Jetzt oder nie!

Vor seinem Blick erbangend löste sie selber das Wort aus: »Uli, du bist

so verändert. Ist dir nicht gut?«

»Gib mir die Hand, Nick,« bat er. »Ich kann nicht fortgehn ohne deine

Liebe.« Das Wort stockte ihm, seine starke Gestalt erzitterte.

»Gott, das ist's!« stöhnte sie. Ihr Gesicht deckte sich mit

Todesblässe, dann stieg ihr eine Flamme in die Wangen. Statt ihm die

Hand zu reichen, hob sie den Arm vor die Augen, wie wenn sie ohne

seinen Anblick überlegen wollte. Sie dachte an ihren Vater, wie sie den

von ihm übernommenen Namen in Ehren halten müsse, irgend woher aus dem

Hintergrund ihrer Seele raunte eine Stimme: »Ulrich ist doch nur ein

Schmied!« Und plötzlich sah sie vor sich das vergeistigte Gesicht des

Verwesers Wildholz.

Ulrich aber nahm ihre Hand. »Nick,« keuchte er krampfhaft, »Nick, laß

mich nicht ohne dein Ja in die Fremde gehn! -- Um Gottes willen, du

schweigst?«

»Ich kann dir das Ja nicht geben,« erwiderte sie hilflos, die Augen von

ihm gewandt. »Laß uns zurückgehen, Uli!«

Schmerzliche Stille waltete zwischen ihnen. Sie saß gesenkten Hauptes

wie in Martern. Zuerst kam in sein Gesicht wieder Leben.

»Dann will ich wissen,« rief er, »warum du mich nicht magst, obwohl du

mich's heute noch glauben ließest!«

»Ich habe dich stets gemocht, Uli,« antwortete sie zitternd, »und mich

dir heute mit gutem Sinne anvertraut. Schreib mir einen Brief von

deiner Wanderschaft, und ich will dir antworten.«

»Ein Mädchen weiß doch gewiß im ersten Herzschlag, ob es Ja oder Nein

sprechen will,« trotzte er halb wehvoll, halb höhnisch.

»Nun denn -- Nein!« versetzte sie leise und fest.

»Nick, wozu dann das Gedicht und das falsche Spiel von heute?« fragte

er zornig.

Da wich das Blut aus ihren roten Lippen, sie warf den Kopf zurück und

versetzte stolz: »Auf diese Beleidigung erst recht Nein. Daß du's nur

weißt, Ulrich, ich habe mein Herz schon vergeben!« Härter, als sie

wollte, fiel das Wort.

Er taumelte ein paar Schritte, schlug die Arme über die Brust

ineinander und schaute todesfinster vor sich hin. Sie setzte sich auf

einen Baumstamm und weinte in die Hände hinein. Nach einer Weile der

Stille fragte er sanft und traurig: »Nick, ist es dein letztes Wort?«

»Ja,« stöhnte sie.

Sie stand auf und schlug aus eigenem Antrieb den Rückweg ein,

zitternden Fußes, Tränen auf den Wangen, das Herz voll Leid. Er folgte

ihr in einiger Entfernung. Vor der Brücke wartete sie auf ihn. Der alte

Zollwächter sah ihnen kopfschüttelnd nach.

Die Gesellschaft in der Krone tanzte noch. Nick und Ulrich gaben sich

große Mühe, den Riß, der zwischen ihnen entstanden war, zu verdecken,

aber die Worte, die sie miteinander wechselten, klangen kalt und

erzwungen. Beim Abendbrot hielt Ulrich sogar eine Rede. Er war sonst

ein guter Sprecher, doch jetzt waren ihm alle die schönen Gedanken, die

er gefaßt hatte, entschwunden; seelenlos und stockend sprach er über

dies und das, schloß mit einer plötzlichen Wendung und setzte sich.

Kopfschüttelnd machten die Burschen ihre Bemerkungen. Er aber wußte am

besten, daß er die Gesellschaft enttäuscht hatte. Einige gerieten auf

den guten Einfall, das Lied anzustimmen: »Wohlauf noch getrunken, den

feurigen Wein!« Er sang es trotzig mit.

So kam der Aufbruch, die nicht allzulange Wagenfahrt nach dem

Heimatstädtchen. Das entzweite Paar war froh, daß die Gesellschaft Sang

um Sang in die blaue Frühlingsdämmerung steigen ließ. Nick hüllte sich

in ihren Mantel, nicht nur vor dem kühlen Wind, sondern ebensosehr aus

dem Wunsche, möglichst wenigen Blicken zu begegnen.

Die meisten der jungen Leute hatten für sich zu tun. Die vom Tanz

ermüdeten Mädchen lehnten sich an die Schulter oder Brust ihrer

Partner, viel Liebesgeflüster erwachte unter den Sternen der klaren

Nacht. Nick aber blieb stumm, und Ulrich atmete erleichtert auf, als

das Städtchen seine schüchternen Lichtstrahlen im Rhein spiegelte, die

Fuhrwerke die steile Straße gegen die Brücke hinunterfuhren und der

Verein der Heimat zum Gruße das letzte Lied sang. Drüben hielten die

Wagen, und er begleitete Nick bis zur Türe des Pfarrhauses. Da kam der

Abschied. Die Hand des einen zitterte in der des andern.

»Ich will nicht fragen, wer dein Auserwählter ist,« stieß er bitter

hervor. »Aber gewiß ist keiner auf der Welt, der es mit dir so gut

meint wie ich.«

Sie wollte ihm trotzig antworten. Statt dessen versetzte sie demütig:

»Sei mir nicht bös, Uli, ich wünsche dir ja doch für deine Wanderschaft

und dein gesamtes Leben das allerschönste Glück!« Fast wären ihr die

Tränen wieder hervorgebrochen. Sie entzog ihm die zuckende Hand und

schlüpfte in die Türe.

Er ging langsam zu den andern Burschen am Rhein zurück und half ihnen

beim Laternenschein die Boote von den Wagen laden. Nun war die letzte

Arbeit des Tages getan, und er wollte für die Reise Abschied von den

Freunden nehmen.

Nick Tappoli · 第 5 / 18 段