seine Predigten ließ sich nicht urteilen. Der Stubenhocker sprach mit
einer Flüsterstimme, die niemand verstand. Die Kirchenpflege trug aber
doch Bedenken, ihn so einfach wegzuschicken wie Ferdinand Bürsteler.
Sein Lebenswandel war einwandfrei, und sie wollte das Städtchen vor
den Nachbargemeinden nicht in den Ruf bringen, daß es unverträglich
gegen die Geistlichen sei. Wie weit ein Pfarrstreit führen konnte,
dafür gab es ein Beispiel nicht fern vom Rhein. In jenem Ort hatten
sich die Bürger wegen der Wahl eines Geistlichen so entzweit, daß sie
ihrer Meinung über ihn auch sichtbaren Ausdruck gaben. Diejenigen,
die sich seiner freuten, steckten rotangestrichene Pfähle zu ihren
Reben, die Gegner aber, zum Zeichen der Trauer, schwarze. Von ferne
sah man aus den Farben des Weinbergs, wie sich jeder einzelne Bürger
zum Geistlichen stellte. Ein solches Kalenderstücklein durfte sich in
Eglisau nicht ereignen, und man fand sich mit Glorian ab.
Es kam aber drei Sonntage nacheinander vor, daß niemand seiner
unverständlichen Stimme lauschte als Frau Tappoli, Monika, der
Vorsänger und der Küster. Da betrübte er sich selber, und nachdem er
ein halbes Jahr lang die Leute aus der Kirche gepredigt hatte, nahm er
freiwilligen Abschied von dem Städtchen. Nick tat es schier leid um den
Sonderling.
Und wiederum erschien ein Verweser. Der sang aber so laut und falsch,
daß sich der Vorsänger beleidigt von den Gottesdiensten zurückzog. Nick
rettete den Gemeindegesang, indem sie den jungen Geistlichen bat, sich
auf das Predigen zu beschränken, und führte mit ihrer hellen Stimme
selber die Kirchenlieder an.
Im Verkehr mit den mancherlei Verwesern erweiterte sie ihre jugendliche
Menschenkenntnis, und in der Bemutterung der Käuze, deren jeder an
einer anderen menschlichen Unvollkommenheit litt, überwand sie die
herbe Trauer um den zu früh verstorbenen Vater.
7
Mehr als ein Jahr war seit dem Tode Tappolis vergangen. Schon roch es
in der Luft wieder nach Frühling. Der Rhein wälzte die mächtigen Fluten
der Schneeschmelze daher, entwurzeltes Strauchwerk und gebrochene Bäume.
Da kam Marie wieder einmal ins Vaterhaus. Streng an ihre Stelle
gebunden, war sie ein seltener Gast; aber jedesmal, wenn sie erschien,
schaute ihr Lenzsonne aus den Augen, sah man ihr an, daß es ihr auf
dem Zunfthause gut ging. Sie brachte dem Vater Erspartes: »Die paar
Goldstücke stammen von Hochzeiten und anderen Gesellschaften.« Er nahm
das Geld befriedigt hin, sagte aber: »Wenn du einmal heiratest, Marie,
so gebe ich es dir wieder. Ich führe über jeden Franken Buch, und
keines soll zu kurz kommen.« »Wie magst du vom Heiraten reden!« lachte
sie auf. »Mir ist wohl genug!«
Ulrich weidete sich an dem frischen Bild der Schwester, und als sie
wieder gegangen war, fehlte sie ihm an allen Ecken und Enden.
Nachdem er seine Spaziergänge durch die Welt lange nur auf der
Landkarte gemacht hatte, rückte nun seine Wanderzeit heran. Da ergriff
auch der Vater das Wort zu seinen Plänen. »Ich meine halt, zuerst
solltest du dich nach Deutschland wenden. Als junger Guckindiewelt
bist du dort wenigstens unter einem ehrlichen Volk, und tüchtige
Feinschmiede gibt es fast in jeder Stadt. Ich will dir nur einen
nennen, Melchior Finkler in Nürnberg, neben dem ich auf meiner eigenen
Wanderschaft in Köln über ein Jahr gearbeitet habe. Er ist ein
goldlauterer Mann und sein Atelier, wie ich genügend weiß, berühmt.
Wenn ich mich deinetwegen an ihn wendete?«
Dem Zwanzigjährigen wollte es nicht gefallen, daß ihn der Vater auch
noch in der Fremde zu gängeln versuchte; doch war ja Nürnberg eine
altschöne Stadt und kein Winkel, aus dem er, wenn er wollte, nicht
rasch wieder in die Welt hinaus gelangte. Um dem Vater die gute Laune
nicht zu verderben, ließ er ihn an Meister Finkler schreiben.
Die achtungsvolle Antwort des Nürnberger Schmiedes lautete, daß ihm der
Sohn seines lieben früheren Freundes jederzeit willkommen sei, daß er
ihm schöne Arbeit zuweisen und ihn nach Vermögen im Handwerk fördern
werde. Damit war die Stadt an der Pegnitz sein nächstes Ziel geworden,
und mit dem Vater kam er überein, daß der erste Mai der Aufbruchtag
sein solle.
Als die jugendfrohe Gesellschaft des Rhein-Fahrvereins, der seine
Übungen auf dem Strom schon wieder aufgenommen hatte, von dem
bevorstehenden Auszug Ulrichs in die Fremde vernahm, wollte sie ihren
Obmann und zweiten Oberfahrer nicht aus der Heimat wandern lassen,
ohne ihm ein Abschiedsfest zu bereiten. Sie verabredeten zu seinen
Ehren auf den letzten Sonntag im April eine Stromfahrt mit bekränzten
Schiffen, die vom Rheinfall bis zum Städtchen Kaiserstuhl ging. Jeder
sollte dazu seine Herzallerliebste einladen oder sonst ein Mädchen, das
ihm wohlgefiel. Führte man die Kähne in der Nacht zum Rheinfall, so
konnte man sie bald nach Sonnenaufgang in den Strom lassen, erreichte
Kaiserstuhl gegen Mittag und hielt dort in der Krone gemeinsame
Mahlzeit; nachher tanzte man ein paar Stunden mit den Mädchen, und die
Bauernburschen kamen und holten Leute wie Boote, die wegen der starken
Strömung nicht auf dem Fluß selber zurückgeschafft werden konnten,
wieder nach Eglisau zurück.
Das war der Plan des ländlichen Festes. Ulrich tat es wohl, daß ihn
sein lieber Verein mit einer so schönen Ehrung bedachte. Was aber das
Mädchen betraf, das er einladen wollte, gab's keine Wahl. Nick Tappoli!
Sie sah dann doch, wie geachtet er unter der Jungmannschaft war.
Sie hatten sich schon lange nicht mehr begegnet, und wenn er sich
ihr Bild vorstellen wollte, so sah er sie stets in dunkelm, langem
Trauerkleid, das Gesicht umwallt von einem schwarzen Schleier wie am
Beerdigungstag ihres Vaters, blaß und versteinert im Schmerz, fremd
und heilig. Die Erinnerung beklemmte ihn. Er hatte das Gefühl, es
richte sich eine unsichtbare Schranke zwischen ihm und ihr empor. Er
fühlte aber die Notwendigkeit, über die Wünsche seines Herzens mit ihr
zu sprechen, bevor er auf die Wanderschaft ging. Doch erschien es ihm
leichter, durch einen feurigen Ring zu laufen, als sie aufzusuchen und
von der Leber weg mit ihr zu reden. Nun gab ihm die Fahrt den Vorwand,
er besiegte das zaghafte Herz und warf sich am Abend in das neue,
teure Kleid, das ihm in Nürnberg als Sonntagsstaat dienen sollte.
»Wohin, Gehasi?« fragte die Mutter mit einer biblischen Wendung.
»Zu Nick Tappoli!« »Ei tausend, Uli, du nimmst aber das Ziel hoch!«
Sie betrachtete ihren großen, stattlichen Jungen mit herzinnigem
Wohlgefallen; es schien ihr kein schlechtes Zeichen für seine Zukunft
zu sein, daß er als Gesponsin für die Fahrt gleich das angesehenste
Mädchen begehrte. Über seine Keckheit verwundert, rief sie ihm unter
der Türe nach: »Mit Glück, Uli!«
Vor dem im Dämmerlicht stehenden Pfarrhause fiel Ulrich aber der Mut
doch fast in die Schuhe, seine feste Hand zitterte ein wenig, als er
die Glocke zog. Aus dem Oberstock steckte Nick selber den Krauskopf
heraus. »Sie sind es, Herr Junghans!« Er fühlte sich etwas befremdet
von der Anrede. Warum hatte sie nicht gesprochen: »Du bist es, Uli?«
Nun aber kam sie mit leuchtenden Augen die Treppe herunter und streckte
ihm freimütig die Hand entgegen. »Sie bringen mir gewiß Neuigkeiten von
Marie. Wie geht es ihr?« damit führte sie ihn in die gemütliche Stube
hinauf, um deren Fenster sich eine Asklepia mit dunkelgrünen Blättern
und großen, roten Blumenglocken rankte.
»Von Marie weiß ich nichts Neues,« stotterte er. »Ich komme in eigener
Angelegenheit zu Ihnen, Fräulein Tappoli. Der Fahrverein ...« »Ja, der
soll zu Ihren Ehren eine schöne Frühlingsfahrt planen --« nahm sie ihm
lebhaft das Wort aus dem Munde.
Da trat gerade die Pfarrerin herein, die wie die Tochter in einfachem
Schwarz ging, und ihre Gegenwart kam Ulrich eben recht. Er brachte sein
Anliegen vor.
Die überraschte Nick wechselte mit der Mutter einen Blick; der
Wunsch, an der Fahrt teilzunehmen, stand ihr im Gesicht. Unbedenklich
antwortete die Pfarrerin: »Wie bald müssen wir vielleicht das Städtchen
verlassen, und es ist kaum zu denken, wie wir an einem Ort leben, an
dem wir den Rhein nicht mehr sehen. Nimm also die freundliche Einladung
des Herrn Junghans nur an, so wirst du eine schöne Erinnerung an den
Strom deiner Jugend mehr haben.«
Da freuten sich Ulrich und Nick, die Frau Pfarrer aber ging und ließ
sie allein.
»Ich habe eben das Zimmer für einen Verweser gerichtet,« plauderte
Nick. »Was ist unser Haus für ein Taubenschlag geworden! Jetzt hat
aber die Kirchenpflege beim Antistes Vorstellung erhoben, wie das
religiöse Leben der Gemeinde gelitten habe. Der würdige Vorsteher der
Landeskirche hat der Behörde nun schon auf nächsten Sonntag einen
Geistlichen in Aussicht gestellt, von dem er des Lobes voll ist. Der
Verweser heißt John Wildholz, es ist ein in Indien geborener Schweizer.«
»Wenn der unsere leere Kirche sieht!« versetzte Ulrich. »Und am
nächsten Sonntag wird sie wegen unseres Ausfluges noch leerer sein als
sonst.«
»Gott, wie freue ich mich auf die Fahrt!« jubelte Nick. Sie zerlegte
ihm mit leichter Hand einen Lederapfel. »Nicht wahr, die Früchte haben
sich wundervoll erhalten?« Ihr Gespräch trug nun doch das Gepräge
schöner Kameradschaftlichkeit. Auch von ihm war das Gefühl der Enge
gewichen. Nach einer Weile kam ihm aber zu Sinn, sein Besuch habe lang
genug gedauert, und er wollte aufbrechen. Sie jedoch hielt ihn zurück
und fragte ihn mancherlei wegen seiner Wanderpläne. »Was hat es ein
junger Mann so schön,« rief sie, »und ich Ärmste muß einen schrulligen
Verweser nach dem andern hüten!« Als er ging, leuchtete sie ihm mit
einer Kerze bis unter die Haustüre und drückte ihm mit einem lieblichen
Lächeln die Hand. Da zuckte die seine in der ihren.
Er mochte noch nicht auf seine Kammer gehen. Glückselig stand er am
Rhein. Leis sang der Strom sein Lied, und über den dunkeln Giebeln
wandelten die Frühlingssterne. Er trat auf die Brücke und lehnte sich
in ein Fenster der Holzverschalung. Was sein erregtes Blut wünschte,
rauschten die Wellen: »Sie liebt dich! Sie wird dir kein Nein geben,
wenn du sie um ihre Hand fragst. Und wenn sie ihr Ja spricht, so wirst
du nicht drei Jahre in der Fremde bleiben. Nur zwei! Nein, auch das
wäre noch zu lang. Nur eines!« -- »Nick -- Nick,« rauschten und sangen
die Wellen. »Monika Tappoli -- Monika Tappoli!« Er hatte diesen Abend
mit ihr einen guten Anfang gemacht, und ein ebenso gutes Ende dazu
würde sich finden. In seliger Spannung brachte er die Woche hin.
Auch Nick lebte in der Vorfreude der Fahrt und rüstete dafür ein weißes
Wollkleid. Durch ihre Freude zuckte aber eine kleine Unruhe, die Frage,
ob wohl Ulrich Junghans sie liebe. Seine suchenden Augen, das Zucken
seiner Hand beim Abschiede ließen es vermuten. Wenn ja, -- wie sich
dann zu ihm stellen? In der Freundschaft mit der treuherzigen Marie war
allerdings stets eine Neigung für den Bruder einhergelaufen, aber von
einer Neigung zu einer Lebensliebe war doch noch ein weiter Schritt.
Ihr hatte für die Zukunft stets etwas Studiertes vorgeschwebt, oder
etwas Stadtzürcherisches wie der Sohn eines Seidenindustriellen, der
ihr bei der schönen Hochzeit gegenübergesessen. Auch hatte sie ihrem
Vater ja versprochen, daß sie den Namen Tappoli hoch in Ehren halten
und nicht billig hingeben werde.
Sie wurde aus sich selber nicht klug, sie sagte sich: »Um mich
ernstlich zu verlieben, bin ich noch zu jung; hoffentlich ist Uli auch
nur aus Freundschaft zu mir gekommen und denkt selber nicht daran, sich
über die Wanderjahre hinaus an eine Liebe in der Heimat zu binden.«
Damit wollte sie ihre Sorge hinter sich werfen.
Da kam aber der junge Bauer Rudolf Heller, der zweite Obmann des
Vereins, zu ihr ins Pfarrhaus und teilte ihr mit, die Gesellschaft habe
beschlossen, dem um den Verein recht verdienten Ulrich Junghans zum
Abschied einen Gedenkring zu stiften. »Wir freuen uns so sehr, Fräulein
Tappoli,« fuhr Heller fort, »daß Sie bei der Fahrt sind. Wir möchten
Sie bitten, Uli den Ring in unserm Namen zu überreichen. Es sieht
vornehmer und feierlicher aus, wenn es statt unsereinem ein junges
Fräulein tut; und ich bin kein Sprecher.«
Das Blut stieg ihr in die Wangen, der Anreiz des Erlebens ging ihr
durch die Seele, und nachdem Heller genug den Hut vor ihr gedreht und
um den Dienst gebettelt hatte, übernahm sie das kleine Amt.
Nun mußte sie aber erst recht wieder an Ulrich denken. Noch nie hatte
die Gesellschaft einem Mitgliede einen Ring oder sonst ein Andenken
geschenkt. Es mußte doch etwas Besonderes an dem jungen Schmied sein.
Nun ja! Seit der Verein bestand, war kein so guter Geist, so viel
schöner Wille und Eintracht unter den Mitgliedern gewesen wie während
des ganzen Jahres, in dem er die Obmannschaft geführt hatte. Darum die
Fahrt, dafür der Ring! Wenn er doch nicht nur ein Schmied wäre! Dann
wäre ihr gewiß keiner als Freier willkommener als er. --
Der Samstag vor der Fahrt war gekommen, ein herrlicher Frühlingstag.
Weiche Lüfte hatten an den Halden des Rheins die Obstblüte geweckt, und
die Natur bot bereits ein maienhaftes Bild. Die Mädchen suchten in Feld
und Wald Blumen, flochten sie im Schulhaus zu Kränzen und waren eben im
Begriff, sie um die drei langen Kähne zu winden, die ein Stück oberhalb
der Brücke am Ufer lagen.
Da kam ein Fremder vom Städtchen her, eine hohe Gestalt in schwarzem
Kleid, ließ die blaudunkeln Augen forschend durch die Gesellschaft
gehen und trat auf Nick zu: »Ich irre mich wohl nicht, daß ich Fräulein
Tappoli vor mir habe. Darf ich mich vorstellen? Ich bin John Wildholz,
der neue Verweser, und habe von der Frau Pfarrer gehört, daß Sie hier
mit den Vorbereitungen für ein Fest beschäftigt sind.« Dunkle Locken
umgaben das wuchtige Haupt, sein Blicken und Lächeln hatte etwas
ungemein Reines und Hohes.
In die Gestalt Monikas, die sich sonst nicht überraschen ließ, kam
etwas Linkisches, und sie mußte die passende Antwort suchen.
Der Mann mit dem leisen skeptischen Zug im Gesicht und den glänzenden,
geheimnisvoll tiefen Augen erschien ihr wie ein höheres Wesen. Den
andern Mädchen ging es ebenso, die Arbeit stand ihnen zwischen den
Fingern still, und von der einen zur nächsten flüsterte sich's: »Der
neue Verweser! Was für eine vornehme Gestalt!«
Er bat Monika, ihm ihre Gespielen vorzustellen, die ja seine künftigen
Pfarrkinder seien, und hatte für jede ein wohlabgewogenes Wort. »Nun
aber lassen Sie sich von mir nicht weiter stören! Ich mache jetzt gern
einen Spaziergang den Rhein entlang.«
»Wir sind fertig,« erklärte ihm Nick. »Wenn es Ihnen angenehm ist,
begleite ich Sie.«
Dankbar nahm er an. »Der Oberrhein ist mir doch von den vielen
Naturbildern, die ich kenne, eines der liebsten,« plauderte er. »Seine
Klarheit und Durchsichtigkeit und der gewaltige Wogendrang haben mir
schon, als ich noch ein Knabe war, einen unvergeßlichen Eindruck
gemacht. Was wird Ihnen morgen für eine prachtvolle Fahrt beschieden
sein!«
»Sie aber werden, fürchte ich, gerade wegen des Festes vor einer
ziemlich leeren Kirche predigen müssen,« versetzte Nick.
»Ich bin nicht so ehrgeizig, daß ich gleich am ersten Sonntag ein
volles Gotteshaus erwarte,« antwortete er schlicht. »Ich will
zufrieden sein, wenn ich mir nach und nach das Vertrauen der Gemeinde
erwerbe.«
Sie gab ihm einen bewundernden Seitenblick. »Also schon in Ihren
Knabenjahren waren Sie an unserm Rhein? Ich vermutete, Sie seien erst
vor kurzer Zeit aus Indien in die Schweiz zurückgekehrt.«
»Nein, doch nicht,« erwiderte er. »Ich habe in Zürich und Basel
studiert. Und vorher war ich schon mit zwölf und mit siebzehn Jahren
in der Heimat, beide Male etliche Monate, und kam schon damals mit der
Mutter an den Oberrhein. Sie liebte ihn, wie ihr Geburtsland überhaupt.
Auf der letzten Rückfahrt nach Indien sprachen meine Eltern davon,
sich nach einiger Zeit endgültig in die Schweiz zurückzuziehen und uns
Söhnen die Leitung des blühenden Kaufmannsgeschäftes in Kalkutta zu
überlassen. Gott hat es anders gefügt. Zwei Tagreisen vor unserm Ziel
geriet unser Dampfer in einen Wirbelsturm, bei rabenschwarzer Nacht
ging er unter. Als am Morgen ein anderes Schiff die Unglücksstätte
absuchte und die Überlebenden sammelte, waren die Eltern und ein
sechsjähriges Schwesterchen Opfer des Unglücks geworden. Wir drei
Brüder fanden uns an schwimmenden Schiffsteilen klebend wieder und
erreichten Kalkutta. Meine seelische Erschütterung über den Verlust
der Eltern aber war so groß, daß man mich gesundheitshalber bei einem
Missionar, einem Schweizer namens Eberhard, unterbrachte. Im Verkehr
mit ihm beschloß ich, selbst Geistlicher zu werden, und zwar im
Dienst der armen, ungebildeten Hindus. Als blutjunger Prediger zog
ich durch die weiten Landschaften, fiel aber in den Reisdörfern der
Malaria anheim. Da gab es nur eine Rettung: die Schweiz! So bin ich im
Vaterland Pfarrer geworden.«
Still ging Nick neben dem Erzähler und lauschte seiner warmen Rede.
Dann und wann suchte ihr Blick seine von einer herrlichen Stirne
überragten Augen, die, wenn er in sich versonnen ging, einen leis
schwermütigen Ausdruck annahmen, sich aber, wenn er das Wort ergriff,
in helles Feuer verwandelten. Nein, er war kein Fremder, nach Art und
Seele stand er fest auf dem heimatlichen Boden; aber das ferne, fremde
Land hatte ihm doch etwas Besonderes gegeben, einen geheimen Zauber des
Wesens, der ihn hoch über all die bisherigen Verweser des Städtchens
stellte.
Auf einem weiten Umweg durch Felder und Wälder erreichten sie das
Pfarrhaus wieder.
Aus den Fenstern schaute schon Frau Tappoli nach ihnen aus. »Nick,
nun rasch zu Nacht gegessen und zur Ruh gegangen!« ermahnte sie die
Tochter. »Um zwei Uhr mußt du schon wieder aus den Federn sein, und es
wäre zu töricht, wenn du dir den morgigen Tag im vorhinein durch zu
wenig Schlaf verdürbest.«
Die Hand Nicks ruhte zum Gutenachtgruß in derjenigen des neuen Gastes,
er wünschte ihr herzlich Glück zu der Fahrt, und ein Strahl seiner
dunkeln Augen traf sie.
Schlafen! -- Ja, die Mutter hatte schon Recht! Aber Nick sah stets das
zwingende Leuchten in den Augen des neuen Verwesers, stets hörte sie
seine weiche, biegsame Stimme. Bis an den Morgen hätte sie am liebsten
seiner Erzählung gelauscht, sogar die Rheinfahrt leicht dahingegeben,
wenn sie dafür ihn hätte predigen hören, -- als ob nicht noch genug
Sonntage kämen, wo ihr dieser Genuß beschieden sein würde.
Stunde um Stunde hörte sie schlagen, sie dachte nur an ihn und nicht
mehr an Junghans. Ihr war, sie sei erst am Einschlafen. Da kam die
Mutter an die Türe und rief gedämpft: »Nick, aufstehen! Es ist höchste
Zeit!«
Eine Weile später schlüpfte Nick aus dem Pfarrhause. Da stand draußen
schon Ulrich, erwartete sie und erkundigte sich, ob sie einen genügend
dicken Mantel und ein warmes Kopftuch für den kühlen Morgen bei sich
habe.
Seine Stimme klang ausgeruht, frisch und unternehmungsfroh.
8
Etliche mit je zwei Pferden bespannte Leiterwagen führten die
Gesellschaft und die Kähne durch die Nacht. Ulrich versuchte ein
harmloses Geplauder mit der neben ihm sitzenden Nick. Sie blieb
aber einsilbig. Er schob es auf den zu kurzen Schlaf und schwieg
rücksichtsvoll. Ihr war es eine Wohltat. Fröstelnd wand sie sich tiefer
in ihren warmen Mantel und spann an ihrem nächtlichen Traum weiter. Wie
ist das Menschenherz sonderbar! Wir leben Jahre mit andern, wir glauben
sie zu lieben. Da tritt ein bisher Unbekannter hervor und ist uns in
einer Stunde so viel, daß die bisherigen wie Schatten versinken. Ist es
nicht ein schlechtes Herz, das dieser Umwandlung fähig ist? --
Aus ihrem Halbschlummer weckte sie ein Lied.
»Wie herrlich strahlt der Morgenstern!
O, welch ein Glanz geht auf vom Herrn,
Wer wollte sein nicht achten!«
sangen Burschen und Mädchen.
Nick schaute in ein überwältigend schönes Bild. In funkelndem Glanze
hob sich der Tagstern über eine dunkle Waldwand empor. Sieghaft
schwebte er durch das Morgenrot, in dessen Widerschein die Erde wie
ein blühendes, glühendes Mohnfeld von unendlicher Weite erschien.
Eine Wegbiegung! Unter den Blicken lag der Rhein, wie ein Strom
rotbrennender Rosen.
Jetzt waren sie am Rheinfall angekommen. Im Frühlicht bot er ein
eigenartig sanftes Schauspiel. Es war, wie wenn Scharen weißer
Schwestern in sanften Flügen nieder- und aufwärts reigten, eine leis
die andre ziehend, alle geheimnisvoll verkettet und verbunden. Nur
das Knattern, Brausen und Donnern verriet die ungeheure Wucht der
Wogen. Der erste Sonnenstrahl fiel auf den Sturz und spannte einen
Regenbogenschimmer darüber hin.
Beim Inselschlößchen Wörth wurden die Weidlinge von den Wagen ins
Wasser gesetzt. Die Burschen steckten ihre Fahnen darauf, und die
Mädchen ordneten die Blumengewinde. Etwas steif stand Nick daneben, sie
hätte nicht zugreifen können, und in der scharfen Kühle bebten ihr die
Zähne. Wo blieb Junghans? -- Da holte er sie in das Schlößchen zu einem
Frühstück, dampfendem Kaffee und heißer Milch. »Er hat doch stets die
besten Einfälle!« riefen die andern Mädchen. In der Wirtschaft entstand
ein Sturm um den Morgenimbiß. Er aber bemühte sich weiter um Nick, ließ
sich von einem Knecht Decke und Wärmflasche reichen, schenkte ihm für
den kleinen Dienst freigebig ein neues Frankenstück und hüllte sie auf
ihrem Sitz im Kahn vom Scheitel bis zu den Füßen in das linde, dicke
Tuch, daß ihr nur das Gesicht aus dem Rahmen schaute wie einer Nonne.
Dankbar stieg in ihr ein Gefühl molligen Umsorgt- und Geborgenseins
auf. Von all den Burschen war der frische, treuherzige Ulrich
derjenige, der am aufmerksamsten und umsichtigsten zu seiner
Begleiterin sah. Und sie hatte die ganze Nacht, den ganzen Morgen nur
an John Wildholz gedacht! Was war der ihr aber gerade noch über den Weg
gekommen vor der Fahrt, auf die sie sich so sehr gefreut hatte? Ohne
seine Dazwischenkunft wäre sie mit sich selber herzeinig geworden und
mit Ulrich, über dessen Liebe in ihr kein Zweifel mehr obwaltete. Wie
wäre sie für immer geschützt und geborgen bei dem treuen starken Manne,
sie, die fast mittellose Waise, die vielleicht bald vom Rhein ziehen
mußte und nicht wußte wohin.
Starke Arme trieben die wogenden Kähne hinaus in den Strom. Nick saß
zuhinterst, im dritten, neben ihr stand Ulrich und überwachte und
leitete die Ausfahrt.
Nun hatten die Boote die Mitte erreicht, tanzten flußab, und wie
ein weißes Donnerwetter verschwand hinter ihnen der Rheinfall. Um
die Wasser flimmerte das junge Buchenlaub der Stromhalden. Ein
Heimatlied ertönte aus frischen Kehlen. Wohltätig breitete die höher
steigende Sonne ihre Strahlen über die Flut, Kopftücher fielen, Mäntel
verschwanden, helle Sommerkleider wurden sichtbar, Strohhüte mit
breiten Rändern wiegten sich auf den blonden und braunen Scheiteln
der Mädchen, fröhlicher wurden die Gesichter, heller das Gespräch und
Lachen. Auch Nick schlüpfte aus Decke und Mantel wie der Schmetterling
aus der Puppe. Sie trug einen schöngeschwungenen Strohhut und ein Kleid
mit einem schmiegsamen Mousseline-Einsatz, der ihren schlanken Hals
und Nacken auf das zarteste umgab. Sieghaft hatte sie die Beklemmungen
des Frühmorgens überwunden, und wenn Ulrich sie auf ein Naturbild
aufmerksam machte, hatte sie dafür ein dankbares, zustimmendes Lächeln.