doch nüchterner als er in die Welt blickte, waren für ihn stets ein
schönes Erlebnis, ebenso der Mittagstisch, den die stille Mutter zu
Ehren der tapfern Söhne merkbar reichlicher als früher deckte. Am
Nachmittag liebte es Meister Martin, mit ihnen unter die Leute zu gehen
und in einer Gartenwirtschaft Einkehr zu halten. Friedrich wußte,
daß er die bescheidene Zeche zu bezahlen hatte; nicht etwa, weil der
Vater geizig gewesen wäre, sondern weil es ihm wie eine freundliche
Lebensquittung erschien, daß er sich schon von einem seiner Söhne
konnte bewirten lassen. Am Abend setzten sich Vater und Mutter unter
die achtköpfige blühende Kinderschar, die blonden und schwarzen, sie
stimmte Lied um Lied an, und wenn die hellen Gesänge verklungen waren,
legte Meister Martin den Arm über die Schulter der kleinen Frau mit den
glücklichen, schweigsamen Augen und sagte: »Man kann weit laufen, bis
man eine so zufriedene und einträchtige Familie findet. Wir haben es
uns aber auch sauer werden lassen.«
Die Eltern rühmten ihr Glück nie vor anderen, sie hätten befürchtet,
es damit zu verscherzen; aber im stillen flüsterten sie heimlich von
Wohlfahrt und Gedeihen.
Da brachte der Herbst eine unerwartete Veränderung in die Familie.
Durch das Städtchen schwälte der Duft des jungen Weines, Fuhrwerk
um Fuhrwerk kam von Schaffhausen, Hallau und dem Rafzerfeld her und
führte in grünbemalten Fässern, aus deren Spundloch Georginen- und
Asternsträuße ragten, den Sauser durch die Brücke. Tag und Nacht
hörte das Pferdegeklingel nicht auf, und auch das Städtchen wimmelte
von Käufern, meist Gastwirten aus Zürich, die seine wohlgeratene
Traubenernte begehrten.
Die Geldkatze aus Otterfell über den Leib, trat einer auch zu Meister
Martin herein. »Ich bin Jakob Weriker, der Meisenwirt von Zürich, und
hätte mit Euch, wenn Ihr wollt, zwei Geschäfte. Das eine betrifft
die paar Saum[1] Wein, die Ihr zu verkaufen habt, sie würden mir
zur Vervollständigung einer Ladung dienen, das andere Euere älteste
Tochter.« Meister Martin zog das Käppchen und machte ein bedenkliches
Gesicht, nicht wegen des Weines, den zu veräußern er bereit war,
sondern wegen Marie. »Ja, was soll's denn mit dem Kind?« fragte er.
»Darf ich die Tochter sehen?« erwiderte Weriker. »Ihr werdet vom
Zunfthaus zur Meise in Zürich noch nie etwas Nachteiliges gehört haben.«
[1] Altes Maß, anderthalb Hektoliter.
»Nein, gewiß nicht,« versetzte Junghans, »ich weiß, daß es die Einkehr
der Ratsherren und der vornehmen Leute in der Stadt ist.«
»Also,« lächelte der Wirt.
Sein Auftreten gefiel Meister Martin, es spiegelte sich darin
Wohlhabenheit, Selbstbewußtsein, aber auch ehrbare Zuverlässigkeit.
Neugierig, was nun folgen würde, rief Junghans Marie herbei.
Sie kam, grüßte den Wirt anstandsvoll und so bescheiden, als hätte sie
noch nie in einem Spiegel gesehen, wie ihr das Gesicht hübsch aus den
glatten, schlichtgescheitelten Haaren hervorleuchtete. Die braunen
Rehaugen fragten ängstlich und neugierig, was denn wohl der Fremde
von ihr wolle. Er fragte sie manches aus ihrem jungen Leben, und sie
gab kurze, klare Antworten. Weriker fand ein wachsendes Gefallen an
ihrer ebenso gescheiten wie treuherzigen Art. Auf seinen Wunsch trat
auch die Mutter herzu, und in großer Spannung saß das Ehepaar dem
stattlichen Zunftwirt gegenüber.
»Ja, lieber Meister und Frau,« hob er an, »Eure Marie hätte ich gern
als Aufwärterin in die Meise.«
»Niemals!« fuhr Meister Martin empor. »Niemals!« wiederholte Frau
Elisabeth wie ein Echo. »Nein, wir geben kein Kind in ein Gasthaus.
Bemüht Euch nicht weiter.« In ihren Gesichtern stand die Entrüstung
über das Ansinnen.
»Ich war auf diese Ablehnung gefaßt,« erwiderte Weriker unbeirrt.
»Herr Pfarrer Tappoli, der nie nach Zürich kommt, ohne in die Meise zu
schauen, hat mir zuerst den Namen Eurer Tochter genannt, aber mich auch
auf Euren Widerstand vorbereitet. Doch wollte ich das Mädchen einmal
sehen. Nun hat ihr Eindruck meine Erwartung übertroffen. Eure Marie ist
gerade das, was ich bedarf: ein gesundes, rechtschaffenes Wesen, rasch
von Verständnis, anmutig, doch nicht auffallend von Gesicht. Das brave,
einsichtige Landmädchen, das in ein Zunfthaus taugt.«
»Wenn wir aber nicht wollen!« grollte Meister Martin. »Zu jedem Handel
müssen doch zwei sein.« »Darüber jetzt ein Wort,« versetzte Weriker
ruhig und zäh. »Es gibt genug reiche Bauern und Müller, die mir noch
ein stattliches Geld zahlen würden, wenn ich ihre Töchter nur in meine
Stuben aufnähme, aber daraus habe ich mir nie ein Geschäft gemacht,
sondern stets die Mädchen gewählt, wie sie sich für mein Haus eignen.
Warum würden Bauern und Müller noch gerne Geld bezahlen? Meine Frau
und ich halten unsere Aufwärterinnen wie eigene Töchter. Im Umgang mit
unsern Gästen erlernen sie Lebensart, erwerben sich gute Formen und
hören auch manches Ernste, was sie bildet. Liebeleien gestatten wir
aber nur, wenn wir überzeugt sind, das Mädchen finde dabei sein Glück.
Das ist der alte Ruf der Meise. In den vielen Jahren, da ich auf der
Zunft sitze, ist noch jede zu einer guten Heirat gelangt und hat, wenn
sie aus dem Haus trat, bereits eine schöne Aussteuer besessen. Die
besorgen unsere Stammgäste, die grundsätzlich kein Trinkgeld geben,
statt dessen aber für die aufwartende Tochter ein Sparkassenheft
führen. Und so sage ich bloß: Stellt Euch der Marie nicht in den Weg
für ihr künftiges Glück, denkt an die reichen Bauern.«
Junghans und seine Frau blickten sich fragend an. Der Vorschlag
Werikers ließ sich doch hören.
»Also überlegt's Euch, Meister und Frau,« versetzte er selbstsicher.
»Ich fahre jetzt nach Schaffhausen und Hallau, dann komme ich wieder
und bitte um Eure Antwort. Die Angelegenheit drängt etwas, die Tochter,
die durch Marie ersetzt werden soll, will heim, sie ist mit einem
angesehenen Handelsmann verlobt.« Als er gegangen war, setzte sich das
Ehepaar ratlos an den Tisch, Meister Martin das Kinn in der Hand. Marie
aber glänzten die Augen auf und blühten die Wangen. »Ja, Vater, ja,
Mutter, ich will! Mir schien es schon lange ein Unrecht, daß ich Euch
nicht verdienen helfe. Quält Euch nicht mit Befürchtungen. Ich weiß,
was ich Euch schuldig bin.« Und mehr als ihr Mund sprach ihr braunes,
lieblich ernstes Gesicht, das leichtsinniger Gedanken nicht fähig war.
Meister Martin besprach sich mit Pfarrer Tappoli und nahm den Weg nach
der Stadt unter die Füße. Als er am Abend todmüde heimkam, erzählte er:
»Für Marie und uns ist wirklich das Glück zum Dach hereingefallen, daß
sie auf dem Zunfthaus dienen darf.«
Sie fand dort ihr Brot.
Ulrich aber sah in der Ferne schon die Zeit seiner Wanderschaft
vor sich und freute sich darauf, ohne recht zu wissen warum. Er
durchstreifte, allerdings nur auf der Karte, die Länder Europas, Osten
und Westen, Norden und Süden, fuhr bald den Rhein oder die Donau
hinab, oder zog über den Gotthard nach Italien, oder über den Jura
nach Frankreich hinein. Oft sprach der Vater mit ihm andeutungsweise,
dann offener und klarer über die sittlichen Gefahren der Wanderschaft,
über Weggefährten, Herbergen, Gesellenleben und die Versuchungen durch
junges Weibsvolk. Obgleich sich Ulrich für einen gescheiten jungen Mann
hielt, gestand er sich, daß er doch eigentlich von den verführerischen
und schlechten Dingen draußen in der Welt noch wenig wisse.
Das bekräftigte ihm auch Thomas, der alle deutschen Mundarten
durcheinander sprach. »Das Schlechtest aber, was Gott erschaffen
hat, das soan's schon d'Weibsleut. Himmi Sakrament, Donnerwetter!
Läus' haben ist nichts, aber so' nen weibischen Anhang, den man nimmi
losbringt. Schön und liab soans z'erst, aber nahi? -- Wenn du der
Simson wärst, du kimmst net dagegen an. Die luderige Delila hat dir
halt's Haar abg'schnitten, wie's schon in der Bibel steht, die Katz hat
si an dei Buckel krallt, und du kannst kratzen und schreien, es hilft
dir nichts. Und du bist grad einer, Uli, auf den's Weibsvolk losgeht
wie d'Schnackenmucken auf das frische Blut.«
Den jungen künftigen Wandersmann überlief eine Gänsehaut. Wenn er sich
aber ruhiger Überlegung hingab, war ihm, er brauche nicht vor den
Künsten der Weibsbilder zu bangen. Versuchte ihn eine, so würde er an
Nick Tappoli denken, und die andere könnte mit ihrem Zauber gehen.
6
Im Pfarrhaus aber war tiefe Sorge eingekehrt.
Im Vorfrühling hatte Tappoli seinen Amtsbruder in Rafz, der einer
auswärtigen Beerdigung beiwohnte, vertreten müssen. Regen, Schnee,
Graupeln und jagender Sturm überraschten ihn auf dem Weg nach
dem entlegenen Dorf, in durchnäßten Kleidern predigte er und kam
schlotternd und fiebernd wieder heim. Lungenentzündung! Nach einigen
Wochen gab sie sich. Da fuhr der kaum Genesene trotz der Bitten der
Seinen zum Sechseläuten nach Zürich, das ihm von jeher am Herzen
gelegen hatte. Dort tafelte er, die rote türkische Mütze auf dem Kopf,
mit seiner lieben Kämbelzunft[2] bis in den Morgen hinein und hielt
ihr eine ausgezeichnet schöne Rede, kam aber wieder schwer erkrankt in
das Städtchen zurück. Als er der Familie Junghans einen Gruß von Marie
ausrichten wollte, der es gut gehe, hatte er einen Ohnmachtsanfall.
Wohl erholte er sich davon, mußte aber einen Vikar bestellen.
[2] Zunft zum Kamel, ursprünglich Handelszunft.
Nur bei einer Hochzeit im Maien waltete er noch einmal selber des
Amtes. Der Bräutigam war Doktor Felix Hartmann von Eglisau, der es in
Magdeburg als Arzt zu großem Ansehen gebracht hatte, die Braut eine
geborene polnische Gräfin Livia Schimanoska.
Da es sich um so vornehme Gäste handelte, die zudem im Pfarrhaus
einen Imbiß einnehmen sollten, war auch Nick mit heißer Seele bei der
Begebenheit. Schon festlich geschmückt drängten sie und Julie die
Gesichter an die Fenster, um die Wagen aus der Brücke anfahren und
das Paar die mit Teppichen belegte Treppe hinauf in die reich mit
Blumen geschmückte Kirche gehen zu sehen. Besonders auf die junge Frau
setzten sie große Erwartungen, auf die Gräfin, die einen Fürsten hätte
heiraten sollen, aber mit dem Arzt entflohen war und nun in der Fremde,
verlassen von den Ihrigen, den großen Schritt des Lebens unternahm.
Zu ihrem Leidwesen dauerte der Hochzeitsbesuch im Pfarrhaus nur eine
Stunde. Dann erhoben sich die Gäste und warfen sich in Reisekleider.
Nick aber war es, an diesem Tag habe sie die Romantik, das Märchen des
Lebens berührt, und lange noch sannen und spannen ihre Gedanken um die
schöne Begebenheit. Ein paar Jährchen noch, dann würde auch sie den
Myrtenkranz und den zarten Schleier tragen und dem größten Geheimnis
des Lebens entgegengehen. Sie durchmusterte die Reihe der jungen
Männer, die ihr gefielen, und stieß auf die Gestalt des Messerschmiedes
Ulrich Junghans; ihre Sinne aber standen auf einem Mann, der geachtet
in der breiten Öffentlichkeit wirkte, und ihre Hoffnungen auf das Glück
der Welt waren nicht klein.
Zunächst jedoch hauste im Pfarrhof die Sorge. Der Vater wurde stets
kränker und brachte den Vikar nicht mehr los, der ihm viel Verdruß
bereitete.
Ferdinand Bürsteler war ein sonderbarer und unfertiger Heiliger,
seine fleischige Gestalt erinnerte jedermann daran, daß er der Sohn
eines reichen Metzgermeisters vom Lande war, und wie sehr er sich
bestrebte, geistliche Würde zu zeigen, blieb etwas Unstimmiges in
seiner Kleidung und seinem Benehmen gegen die Menschen. Er suchte sich
durch einen freundlichen Verkehr mit der Jungmannschaft des Städtchens
beliebt zu machen und gab sich so volkstümlich wie sie. Sie aber verlor
dadurch den wünschbaren Abstand gegen ihn, ja die Frechern stellten
sich mit ihm ohne weiteres auf das vertrauliche Du. Er spürte zwar
das Ungehörige darin, war aber in seiner bodenlosen Gutmütigkeit
nicht wehrhaft genug, sie von sich abzuschütteln. Besser als unter
dem richtigen Namen kannte man ihn im Städtchen unter dem Spottwort
»Ferdi Wiederum«, denn er pflegte in seinen Predigten die Pausen des
Gedächtnisses mit der Wendung »Wiederum sage ich euch« auszufüllen, im
nämlichen Gottesdienst ein dutzendmal. Überhaupt die Predigten! Mit
einförmiger, dröhnender Stimme trug er sie vor, legte das Pathos dahin,
wo es nicht hingehörte, und schlug mit der Faust dann und wann auf das
Kanzelbrett. Jedermann im Städtchen lachte über den derben »Ferdi«. Aus
dem Gelächter wurde aber eine schlecht versteckte Feindseligkeit, und
würdige Männer sagten es ihm ins Gesicht, daß er gescheiter hinter die
Fleischerbank seines Vaters als auf die Kanzel treten würde.
Die Not wegen des Vikars war im Pfarrhause groß, plötzlich wuchs sie
zur Verzweiflung an.
Die Pfarrerin trat an das Lager ihres Mannes und meldete ihm unsicher:
»Draußen steht ein junges Paar und will deinen Segen erbitten -- der
Vikar und Julia!«
»Was sagst du?« fuhr der Abgezehrte empor, und seine Augen loderten mit
letzter Kraft.
Sie erbleichte über seinen Zorn, nahm seine Hand und flüsterte: »Leider
Gott, du Lieber, es _muß_ sein. Sie lieben sich, -- ich fürchte, ein
Einspruch käme schon zu spät.«
»Das ist ja ein Nagel zu meinem Sarg!« ächzte er und sank trostlos auf
das Lager zurück. »Zu spät!«
Tage vergingen. Ehe er das Paar zu sich herantreten ließ, mußte
Bürsteler seinen Vater zu Hilfe rufen. Der dicke, gutmütige
Metzgermeister kam mit reichen Geschenken für die Braut und die
Schwiegermutter. Indem er die Bewegung des Geldzählens machte, sagte
er, wenn Ferdinand sich nicht für das geistliche Amt eigne, so ständen
ihm, dem einzigen Sohne, noch genug andere Wege offen, durch die
Welt zu kommen. Er brachte zuerst die Pfarrerin auf seine Seite, und
in einem Gefühl grenzenloser Demütigung gab der durch die Krankheit
widerstandsunfähig gewordene Tappoli die öffentliche Verlobung zu.
Nun aber war er ein völlig gebrochener Mann. Umsonst suchte ihm die
Gattin die Vorteile der Verbindung auseinanderzusetzen. »Nicht einmal
eine Aussteuer beansprucht Vater Bürsteler, er schafft sie der Julia
selber an. Das ist in unsern Verhältnissen eine große Wohltat.« Es war
ein Wesenszug der stillen Frau, um deren Gesundheit es selber nicht
am besten stand, daß sie nichts so sehr wie den Frieden des Hauses
schätzte. Seinetwillen wollte sie manchmal Dinge unter einen Hut
bringen, die sich stets so fremd blieben wie der feine Pfarrer und der
derbe Vikar. Sie suchte auch Nick mit der Verlobung zu versöhnen, aber
das heftige Mädchen bebte vor Empörung. Die Geschenke des künftigen
Schwagers wies sie mit verletzendem Stolz zurück und lebte nur noch
ihrem sterbenden Vater.
»Jetzt halte du, Monika, den Namen der Tappoli höher in Ehren als deine
Schwester, sonst wüßte ich selbst im Jenseits meines Leides kein Ende,«
flüsterte er in einem seiner lichten Augenblicke.
»Ja, Vater -- ja -- ja -- ja!« stammelte sie inbrünstig und umklammerte
seine hager gewordenen Hände mit leidenschaftlicher Kraft.
Nach ein paar Tagen kam der Todeskampf über ihn.
Es war ein Sturm- und Schneetag, als man Pfarrer Tappoli beerdigte. Der
unwillkommene Schwiegersohn hielt eine leidliche Rede auf ihn, dann
stieg ein alter weißbärtiger Dekan auf die Kanzel und sprach besser.
Unter der Menge Leidtragender, der gesamten Gemeinde, die im
Schneegestöber auf dem Kirchhof stand, befand sich auch Ulrich, der
tief um seinen Religionslehrer trauerte. Seine Augen waren auf Monika
gerichtet. Im langen, schwarzen Trauergewand erschien sie ihm noch
schlanker als sonst, in ihrem Gesicht, das keine Farbe mehr hatte,
stand ein tränenloser, wie zu Marmor erstarrter Schmerz, der neben
dem heftigen Weinen und Schluchzen der übrigen Familienangehörigen
erschütternd wirkte. Ulrich durfte in dieser leidvollen Stunde nicht
daran denken, daß er sie liebe, nur weinen hätte er mögen vor Mitleid
mit ihr.
Ferdinand Bürsteler, der durch den Tod des Pfarrers vom Vikar zum
Verweser vorgerückt war, namentlich aber seine Braut und die verwitwete
Pfarrerin hofften, daß er zum ständigen Geistlichen des Städtchens
ernannt werde und sie ungestört im lieben Haus bleiben dürften, durch
das noch der feine Geist des Verstorbenen ging. Damit sich der Ruf
Ferdinands im Städtchen bessere und die Bürger etwas Achtung vor
ihm bekämen, nahmen ihn Braut und Mutter in eine strenge Erziehung.
Sie kamen aber mit ihren wohlmeinenden Bestrebungen zu spät. Die
Kirchenpflege richtete eine Zuschrift an ihn, sein Entlassungsgesuch,
das er in Wahrheit gar nicht eingereicht hatte, sei genehmigt, und
legte dazu ein Zeugnis über seine Tätigkeit im Städtchen, das nach dem
Grundsatz gehalten war, man solle dem fliehenden Feind goldene Brücken
bauen. Mochte eine andere Gemeinde sehen, wie sie mit ihm fertig würde.
Als er sich vom ersten Staunen darüber erholt hatte, nahm er es nicht
mehr schwer und begriff nicht, daß Julia und die Mutter heiße Tränen
über das höhnische Benehmen der Pflege vergossen, merkte aber, daß die
blasse Nick über diese Wendung hochaufatmete. Am liebsten hätte er
die junge, feine Schwägerin auf den Händen getragen, aber da gab es
nichts zu drehen und zu deuten, sie war, wenn auch verhalten, seine
unversöhnliche Feindin.
Eine Kalesche führte Bürsteler mit seiner Braut aus dem Städtchen ins
liebliche Oberland, wo sein Vater wohnte, und hinter ihnen öffnete
Monika die Fenster des Hauses, um die Vorfrühlingswinde durch die Räume
strömen zu lassen.
»Du bist boshaft,« schalt die Mutter. »Alle Achtung vor Ferdi! Er hat
ganz im stillen die vielen alten Bücherrechnungen des Vaters bezahlt.
Woher hätten wir das Geld genommen?«
Die betroffene Nick spürte, wie die Armut ins Haus zog und sie durch
den vorzeitigen Tod des Vaters selber ein Vöglein auf dem Ast geworden
war. Die Unbesorgtheit des Vaters in Gelddingen, die kleine Besoldung,
der viele Besuch! Daran lag's! Ausgeträumt war der Plan eines
Bildungsjahres im Welschland; die kleine Vermögenshinterlassenschaft
reichte nur, um Dietrich durch die begonnenen Studien zu bringen. Sie
und die Mutter aber mußten froh sein, wenn sie als Kostgeberinnen eines
künftigen Verwesers im alten Heim bleiben durften. Nur dieses nicht
räumen müssen!
Im Städtchen wußte man, wie es um die verwaisten Pfarrersleute stand.
Die Kirchenpflege kam, zu Ehren des verstorbenen Tappoli, den stillen
Wünschen der Witwe entgegen und richtete wieder eine Verweserei ein.
Dabei dachte sie auch rücksichtsvoll an Nick. Obwohl sie noch etwas zu
jung war, hätte man sie im Städtchen gern als Pfarrersfrau gesehen; man
hoffte, einem kommenden Verweser werde es von selber einfallen, dem
schönen, gescheiten Mädchen die Hand zu reichen.
Leider wußte Nick der Behörde für die gute Absicht wenig Dank. Als
sie durch die Mutter Wind davon bekam, lächelte sie stolz: »Die
Kirchenpflege verheiratet mich nicht, das besorge ich schon selber.«
»Nick, Nick! Hochmut kommt vor dem Fall,« schmälte die niedergedrückte
Frau, die oft ihre Not mit dem siebzehnjährigen Trotzkopf hatte. --
Die Pfarrerin war zur Hochzeit Ferdinands und Julias in dessen Heimat
gefahren, Monika mit der Begründung zurückgeblieben, daß jemand zu
Hause sein müsse, wenn allenfalls ein neuer Verweser einrücke.
Und er kam -- Glorian Rollenbuz! In der brennenden Sonne des Mittags
trat er im Winterüberzieher, ein blaues, wollenes Tuch um den Hals,
fast ärmlich, ins Pfarrhaus. Der Unterton jedes seiner Worte flehte:
»Verzeihen Sie mir tausendmal, daß ich auch auf der Welt bin.« Das
nicht mehr junge Männchen mit dem ausgedorrten, pergamentenen Gesicht
mutete Nick sogleich komisch an. Als er den dunkeln Filz ablegte,
erschien darunter eine dicke, schwarze Mütze, ähnlich der Beulenkappe,
die man kleinen Kindern aufsetzt, damit sie sich im Fall nicht
verletzen. Er bat um Entschuldigung, daß er sie wegen seiner reizbaren
Kopfnerven nicht ablege, der größte Feind seiner Geistesarbeit sei
die Luft. Im Vorbeigehen zeigte sie ihm die schöne Bibliothek ihres
Vaters, aber er sagte, vor Bedauern zitternd, die Klassiker seien ihm
zu modern, er lese überhaupt nur Schriften, die vor der Erfindung der
Buchdruckerkunst entstanden seien. Allmählich merkte Nick, daß er im
Haupt- oder Nebenberuf Privatgelehrter war.
Als die Mutter von der Hochzeit ihrer Ältesten heimkehrte, war sie
überrascht, Monika so hellauf zu finden.
»Ach, wenn du unsere Heuschrecke siehst,« lachte die Tochter, »so
vergeht auch dir jede Traurigkeit! Ich glaube, Gott hat uns den
Verweser eigens ins Haus geschickt, damit ich wieder fröhlich sein
lerne.«
Das Herz der Pfarrerin war aber noch von der Hochzeit voll und mußte
sich selber zuerst entladen, ehe sie Anteil an Glorian Rollenbuz faßte:
»Und denke dir, Nick, jetzt ist das Paar auf seiner Hochzeitsreise
unterwegs nach Paris. Julia in Paris! So weit bringst du es mit deinem
Stolz im Leben nicht!«
»Lieber aufs Altjungfernried als mit Ferdinand nach Honolulu!« spottete
Nick.
Die Mutter wandte sich von ihr ab und warf durch die Türspalte einen
neugierigen Blick nach dem Verweser.
In dem Polsterstuhl, in dem schon ihr seliger Mann seine Predigten
studiert hatte, saß das Männchen und hatte das Tageslicht durch eine
über das Fenster gezogene Wolldecke abgeblendet. Auf seinem Kopf ruhte
die dicke Mütze, über die Stirn war ein großer grüner Lichtschirm, vor
die Augen eine mächtige Hornbrille gespannt -- dies eben gab ihm das
Heuschreckenhafte, von dem Nick gesprochen. Um den Hals hatte er das
blaue Wolltuch geschlungen, der Rest seiner Leiblichkeit steckte in
einem alten Schlafrock und Schlurfpantoffeln. Auf dem Boden lagen an
die hundert Kartonschachteln alphabetisch geordnet, in allen Fächern
staken etliche beschriebene Zettel.
Mit einem Seufzer schloß Frau Tappoli die Tür. Ihr war der luft-
und sonnenscheue Sonderling zuwider, Nick aber mußte etwas an dem
stillverrückten Menschen finden. Sie war geradezu seine Freundin.
Dankbar weihte er sie in seine gelehrte Tätigkeit ein, für die er
sich Pergamente und Folianten aus mancherlei Ländern kommen ließ.
Das Werk, an dem er arbeitete, trug die Überschrift »Die Grundzüge
des Ökumenischen Konzils«. Zehn Jahre schon beschäftigte es ihn
angestrengt, bereits war es auf fünf Bände angewachsen, er rechnete
aber auf noch zehn Jahre und noch fünf Bände, bis die »Grundlinien«,
seine Lebensarbeit, vollendet seien, und seufzte dazu: »Wenn es die
Kopfnerven nur aushalten!«
»Werden die Bände aber auch gekauft werden?« fragte Nick, seinen
Gelehrtenfleiß bewundernd und in leisem Mitleid. »Gekauft? -- Wohin
denken Sie?« erwiderte er, nicht ohne Selbstbewußtsein. »Ich bin keiner
jener armseligen Schriftsteller, die ihre Bücher gern in vielen Händen
wüßten. Die ›Grundlinien‹ sind nur für Bibliotheken bestimmt, und ihre
Veröffentlichung kostet ein Heidengeld. Dafür haben wir aber in Basel
unsere Familienstiftung Rollenbuz.«
Hatte Nick vermutet, daß Herr Glorian heimlich ein armer Schlucker sei,
so belehrten sie seine Mitteilungen über die Stiftung vom Gegenteil.
Schelmisch fragte sie: »Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen, ohne daß
Sie böse werden? Sie sind mit den Kleidern etwas schäbig dran. Wenn
wir aus der Stiftung neue kauften und Ihren gesamten alten Plunder ins
Armenhaus verschenkten!« »Liebes Fräulein,« erwiderte er, »diese Dinge
liegen tief unter meiner Art. Wenn aber Sie an die Stiftung schreiben
wollten?« »Das will ich!« rief sie; »aber werden Sie mir hinaus durch
die frische Luft zu einem Schneider oder Schuhmacher folgen?« »Nein,
das geht nicht,« stotterte er, »die Luft, die Kopfnerven!« und blickte
sie hilflos an wie ein Kind. »Dann könnte ich ja die Handwerker hieher
rufen,« meinte sie.
»Fräulein Tappoli, Wohltäterin!« rief er. »Gott hat Sie erleuchtet.«
Und Glorian Rollenbuz kam zu neuen Kleidern.