Regensonntag gelangweilt in der Stube saß, fragte sie: »Warum langst
du denn nie mehr zu deinen Gymnasialbüchern? Du könntest doch für dich
selber manches daraus lernen!« »Ich habe sie auf der Esse verbrannt,«
erwiderte er finster. Da wußte sie, wie es um ihn stand. Sie lächelte
ihm aber zu: »So furchtbar traurig solltest du nun doch nicht sein.
Wie sind der Vater und ich deiner Hilfe froh! Wenn wir schon fast
nicht wissen, woher das Geld nehmen, haben wir doch den Plan, daß er
zur Heilung seines Hustens etliche Wochen in die Berge gehen soll. Das
dürfen wir nur wagen, weil du dich so tapfer in die Stränge stellst!«
Und als der Vater dann verreiste, lief das Geschäft auch ohne ihn. --
Im Hochsommer überraschte Gerold von Jaberg den Schmied mit seinem
Besuch. »Jung Siegfried war ein stolzer Knab'!« rief er dem Freunde
zu, der vom Feuer der Esse umsprüht, von Qualm und Dampf umwirbelt
vor einem Steinbecken stand, in dem er ein paar weißglühende Eisen
kühlte. »Ich kann dir die Hand nicht reichen,« erwiderte Ulrich, »aber
in einer Viertelstunde bin ich zu deiner Verfügung.« Er warf sich in
den Sonntagsstaat und versäumte Gerold zu Ehren ein paar Stunden der
Arbeit. Sie schwärmten hinaus nach den drei einsamen Föhren der Grenze
und dem Heidenbühl und blickten von dort miteinander ins Hochgebirge,
das Gipfel an Gipfel, Haupt an Haupt, ein geheimnisvoll leuchtender
Silberkranz im fernen Süden stand.
Gerold erzählte ihm, daß sein Vater nun tatsächlich nach Dänemark und
er selber in die Gegend von Lübeck übersiedeln werde und sie schon
morgen abzureisen gedächten. In einem ländlichen Gasthaus hielten die
Freunde Einkehr, und so lieb nun dieser letzte Besuch Gerolds gedacht
war, merkte Ulrich doch, wie die Augen des jungen, schönheitssinnigen
Edelmannes verlegen und mißbilligend auf seinen Werkhänden ruhten,
auf den vom Feuer und kalten Wasser herrührenden Rissen, aus denen
sich der Ruß auch mit Seife und Bürste nicht entfernen ließ. Er
war zu stolz, sich zu entschuldigen, wurde aber über den Blicken
Gerolds selber verlegen und fühlte, wie ihre Wege nicht nur nach den
äußeren Schicksalen, sondern auch nach der seelischen Entwicklung
auseinanderliefen: der seine hinein in die derbe Arbeit, derjenige
Gerolds in die geistige Verfeinerung. Fast still legten sie den Weg ins
Städtchen zurück.
So kam, von keinem gewollt, das Ende der schönen Knabenfreundschaft,
und ein paar Briefe, die sie später noch wechselten, waren nur der
Ausklang der gemeinsamen Jahre.
4
Ulrich vergaß nie, daß er Gymnasiast gewesen war, und die
Mitgesellen, gegen die er allmählich freundlicher wurde, achteten
seine Bildung, Thomas namentlich. Der nun zu einem alten Männchen
verschrumpfte Hagestolz hatte in jungen Jahren so viel von deutschen
und österreichischen Landen gesehen, daß er eine Menge Mundarten
durcheinander sprach. Sogar hinüber nach England in die Fabrikstädte
Manchester und Birmingham war er gekommen und zwei Jahre in Paris in
einer Werkstatt für chirurgische Instrumente tätig gewesen. Wie wenn
er dem Meisterssohn Trost bringen sollte, erzählte er ihm oft von den
Aufenthalten in der weiten Welt und ließ dabei den halbverlorenen Blick
in wiedererwachtem jugendlichem Glanz aufleuchten. Ulrich merkte aus
den Reden des Alten wohl, daß es etwas ganz besonders Schönes um die
Wanderjahre eines Handwerksburschen sein müsse. Auf die Zeit, da er
selber Länder und Völker sehen würde, freute er sich tiefinnerlich, und
der Gedanke daran leuchtete über dem Beruf, den er hatte unfreiwillig
ergreifen müssen, wie ein Stern, der einen nächtlichen Wanderer hinein
ins Morgenrot führt.
Der Vater war aus den Bergen zurückgekehrt, braungesengt von der Sonne
und in guter Gesundheit. Am Abend umjubelte ihn die Kinderschar, und
am Morgen ging er kräftig ans Werk. In die Wiedersehensfreude aber
mischten sich bald die sorgenvollen Gespräche der Eltern, wie das Geld,
das der Genesungsaufenthalt gekostet hatte, ersetzt und auf Martini der
Zins für eine Schuld bezahlt werden solle, die von altersher auf dem
Haus lastete.
In großer Verlegenheit richtete der Vater einen Brief an Hans Bütschi,
einen durch eine Fuhrhalterei reich gewordenen Verwandten in Zürich,
und betraute den Sohn mit der Aufgabe, ihm das Darlehensgesuch zu
überbringen.
Für Ulrich ein saurer Gang durch den trüben Vorwintermorgen! Doch
nahm ihn der derbe Fuhrhalter freundlich auf, gab ihm, nachdem er den
Brief durchgelesen hatte, ohne Zögern den gewünschten Betrag, sagte
ihm einiges Artige über seinen Wuchs und seine Erscheinung, zeigte ihm
den Stall voll starker Zugpferde und hielt ihn zum Mittagessen fest.
Ulrich wurde um ihn heimisch und freute sich schon, seines heiklen
Auftrages so leicht ledig geworden zu sein. Bei Tisch aber machte die
sonst ansprechende Frau, die von dem Darlehen erfahren haben mochte,
ein böses Gesicht. Vielleicht glaubte der Mann ihr ein Zugeständnis
schuldig zu sein, denn er wandte nun das Blatt und führte anzügliche
Redensarten über den Meister Martin. Im Grund sei es doch bedenklich,
wenn ein Handwerker in den Vierzigen wegen eines Zinses noch das
Entgegenkommen anderer bedürfe. Wiewohl er ihn als geschickten und
fleißigen Mann gelten lasse, trage Vetter Martin doch Scheuleder neben
den Augen. Wäre Ulrichs Vater wirklich klug, hätte er sein Geschäft
schon vor zwanzig Jahren von Eglisau nach Zürich verlegt. Da gediehen
jetzt in Martins Beruf Leute von jenseits der Grenze prächtig und
schlügen ihn mit minderer, aber auf den Schein geschaffener Ware auf
allen Märkten.
Ulrich saß wie auf glühenden Kohlen. Trotz seinem Hunger würgte er die
guten Bissen hinunter, und am liebsten hätte er dem Verwandten das Geld
zurückgegeben; aber er dachte an die Not der Eltern und schwieg in
tiefer Beklemmung.
»Dein Vater hat halt auch schon bei seiner Heirat einen Fehler
gemacht,« fuhr Bütschi fort. »Ein Geschäftsmann kann nicht einfach
sagen: Die gefällt mir! Er muß auf ein Weib sehen, das einen Einsatz in
den Betrieb bringt. Was hat aber deine Mutter beigestoßen? -- Sei du
einmal gescheiter, Uli!«
Da stürzten dem starken Jungen plötzlich die Tränen hervor. Das
Eßgeschirr von sich abstoßend, erwiderte er mit leidenschaftlicher
Glut: »Nein, auf meine Mutter lasse ich nichts kommen. Auch der Vater
nicht. Wißt ihr, was er von der Mutter spricht? Wenn von Eglisau den
Rhein hinunter bis nach Basel ein schönes Mädchen neben dem andern
stände und er könnte sich aus ihnen sein Weib wählen, so würde er doch
nicht rasten und nicht ruhen, bis er aus den Tausenden heraus wieder
sein schwarzhaariges treues Bethli gefunden hätte. So hat mein Vater
die Mutter lieb, und er hat Recht: er hätte auf Erden kein besseres
Weib finden können!«
Die Frau des Fuhrhalters sah ihren Gast, der seine Eltern so
männiglich verteidigte, groß an. Er senkte aber den Kopf nicht.
Während auf seinen Wangen zwei klare Tropfen perlten, hielten seine
treuherzigen blauen Augen den ihrigen Stand, sie wandte den Blick
ihrem Manne zu und sagte mit hochrotem Gesicht: »Der Uli gefällt mir!«
Bütschi lenkte nun auch ein. Was er gesprochen habe, sei nicht bös
gemeint, sondern nur eine Lebensbetrachtung, die ihm unglücklicherweise
von selber gekommen sei, als er von der Not des ihm sonst lieben
Vetters gehört habe.
Umsonst aber versuchte das Ehepaar, Ulrich wieder in eine gute Stimmung
zu bringen; den weiten Weg vorschützend, drängte er zum Aufbruch. Die
Fuhrhaltersfrau, die jetzt eine große Zuneigung für ihn bekundete,
zwang ihm noch ein mit viel Fleisch besetztes Schinkenbein und einen
gewaltigen Bissen Brot als Zehrung auf. Als ihn aber die Verwandten
unter der Haustür mit vielen Grüßen an die Eltern verabschiedet hatten,
warf er Bein und Brot dem großen Hofhunde hin, der vor dem Pferdestall
im Stroh lag. So wütete die Empörung über die den Eltern zugefügte
Schmach in seiner jungen Seele.
Er schlug nicht gleich den Heimweg ein, sondern besah sich die Stadt,
in der er schon als ganz kleiner Bub einmal gewesen war und seither
nicht wieder. Ihre lebensvollen Bilder beruhigten ihn, mit bereitem
Herzen nahm er ihre Eindrücke in sich auf. Unter den Bögen beim Rathaus
fand er sich vor einem schönen Messer- und Instrumentenladen. Da suchte
er zu erfahren, ob die Waren besser seien als die seines Vaters. Auf
Ehre, sie waren schlechter gearbeitet! Aber vielleicht hatte der
Fuhrhalter doch Recht, es einen Fehler des Vaters zu nennen, daß er
aus lauter Heimatliebe mit seinem Geschäft in dem kleinen Städtchen am
Rhein geblieben sei. Der Gedanke kam ihm zwar wie eine Versündigung am
Elternhaus vor, aber er verließ ihn nicht wieder.
Zürcher Kantonsschüler mit bunten Kappen gingen an ihm vorbei. Nein,
nicht nach ihnen spähen! Wozu das Leid um die Schule neu erwachen
lassen? Sie mußte ja ein begrabener Traum bleiben.
Die Stadt regte ihn so an, daß er an den Heimweg erst dachte, als ihn
die einfallende Abendkälte und die rötlich aufflammenden Lichter dazu
vermahnten.
Schon war er über den nächsten Hügel gelaufen. Da pustete aus
dem Tunnel hervor ein Eisenbahnzug, die Lokomotive mit glühenden
Augen, die Wagen mit hellerleuchteten Fenstern. Er begann sich den
wunderbaren Bau einer Lokomotive zu überlegen. Was war Stephenson
für ein Genie gewesen! Er kam sich selber lächerlich vor, daß er
sich an die unendlich schwerere Erfinderaufgabe einer Flugmaschine
herangewagt hatte, an die geheimnisvollen Flügel, nach denen sich die
Menschheit seit Jahrtausenden umsonst sehnte. Mit Recht lag noch der
stille Spott der Heimat auf ihm. Und doch! Nachdem sich ihm der Weg
eines Altertumsforschers verschlossen hatte, winkten ihm, dem jungen
Mechaniker, vielleicht in der Linie des Erfindertalentes Erfolg, Ehren
und Geld.
Geld! -- Unter dem Eindruck der Rede Bütschis, der über den Vater
geringschätzig herfahren zu dürfen geglaubt hatte, schrie sein Herz
zum erstenmal nach dem harten, klingenden Metall. Das Geld besaß ja
die unheimliche Macht, seinen Besitzer vor den Ungerechtigkeiten und
Bosheiten der Welt zu schützen, ihm vor ihr Ansehen und Ehre zu geben,
selbst wenn er sie wesenshalber nicht verdiente.
Je tiefer er in die Nebel und in die Stille der Winternacht
hineinschritt, desto stärker erhitzte sich die Einbildungskraft des
einsamen Wanderers. In der Überspannung seiner Seele sah er nicht
einmal, wie in den ländlichen Wohnungen allmählich die Lichter
erloschen. Im Schweiße des Angesichts lief er. Seine Gedanken waren
bei dem Wort des Fuhrhalters: »Sei du einmal gescheiter, Uli!« Zum
erstenmal in seinem Leben dachte er mit bewegter Seele über die Liebe,
das Heiraten und die Ehe nach. Je mehr er darüber grübelte, desto
geheimnisvoller, wunderbarer und heiliger erschien ihm die von der
Natur gesetzte Bestimmung des Menschen, daß er in zarter Sehnsucht
sich eine Gesellin suchen muß und nicht Ruhe und Frieden findet, bis
er mit derjenigen herzeinig ist, nach der seine Sinne wund und selig
trachten. Nein, das war gewiß nicht der Zweck der Liebe, daß der Mann
durch das Weib ein Betriebskapital in das Geschäft erhalte; der Zweck
lag unendlich tiefer, so tief verborgen, daß kein menschliches Denken
hinabzudringen vermochte in den Willen der Natur. Sie hatte wohl die
Liebe geschaffen, damit immer diejenigen Menschen zusammenkommen, die
miteinander schöne, edle und begabte Kinder erschaffen können, und
damit sich das Menschengeschlecht vervollkommne, bis auf Erden nur
noch herrliche Geschöpfe wandeln, jedes verschieden vom andern, jedes
aber auch Gottes Ebenbild. Der Gedanke gefiel ihm, und wie eine lichte
Wahrheit umstrahlte es seine Seele: Die Liebe steht höher als Geld und
kann mit ihm nicht gemessen werden; und wer sie dennoch mit Geld messen
will, wie der Fuhrhalter, der ist wie ein Gottesleugner und tritt das
Heiligste des Lebens mit Füßen.
Nein, gescheiter als sein Vater wollte er in Liebesdingen nicht sein,
sondern sich ein Weib wählen, daß auch er einmal freudig bekennen
könne: »Und wenn die schönsten Jungfrauen von Eglisau bis Basel in
einer Reihe ständen, so rastete und ruhte ich nicht, bis ich aus den
Tausenden wieder mein Bethli fände.« Eine weite Sehnsucht erfüllte
seine Brust, und prüfend dachte er an alle Mädchen, die er kannte. An
der stets stolzer werdenden Monika Tappoli wollte er in seinen Gedanken
vorübergehen. Sie stand aber wie lebendig vor seinen Augen: mit fast
überschlankem Leib, erdbeerfrischen Lippen, zwei Nasenflügeln, denen
man immer ansah, was sie dachte, und lachenden, dunklen Augen. In ihre
krausen Locken brauchte sie nur eine Mohnblume zu stecken, dann war sie
hold wie das Märchen aus dem Wald.
Als er sich einmal den Schweiß aus der Stirne wischte, fiel es ihm ein,
daß er nach den Stunden, die er gegangen war, daheim sein mußte, und
merkte, daß er vor lauter Lebensüberlegung durch den Nebel in die Irre
gegangen war. Er lief bis in das nächste Dorf. So weit er die Umrisse
zu erkennen vermochte, kam es ihm bekannt vor: vielleicht hatte er
es einmal auf einem seiner Knabenstreifzüge gesehen; er wußte aber
doch nicht, wo er war. Sich verschnaufend spähte er die Straße auf und
nieder, aber niemand schritt daher. Schweren Herzens entschloß er sich,
durch Rufe die Leute in einem der Häuser zu wecken.
»Was steht denn zu nachtschlafender Zeit noch für ein Maulaffe unten?«
rief der Bauer, von dem er nur die weiße Zipfelmütze sah, ärgerlich
aus dem obern Stockwerk hinab. »Ich bin verirrt und möchte bloß gerne
wissen, wie das Dorf heißt,« gab Ulrich zurück. »Glattfelden, du Narr,
schon mehr als tausend Jahre!« rief der Bauer hinab und schlug das
Fenster zu.
Doch der verspätete Wanderer wußte jetzt Bescheid. Quer über den Berg,
und in einer Stunde war er daheim. Als seine erschöpften Schritte
durch die hohle Brücke hallten, schlug es auf der Kirche Mitternacht.
Ihm aber war, er habe auf seinem einsamen Heimweg im Nebel ein Jahr
durchlebt, sehe klarer in sein Schicksal und fasse mit seinen Füßen
erst recht festen Grund in der Erde, über die er nun doch bald fünfzehn
Jahre gewandelt war.
In der Stube der Eltern brannte noch Licht. Sehnsüchtig erwarteten
sie ihn und hatten keine Ahnung, was für wunderschöne, hohe und tiefe
Gedanken ihm Weggesellschaft geleistet hatten. Von den abschätzigen
Äußerungen des Verwandten über sie beide verriet er ihnen kein Wort,
sondern überließ sie der reinen Freude, daß sie für kurze Zeit einer
drückenden Sorge freigeworden waren.
Im Winter konnten die Eltern Hans Bütschi das Geld zurückbezahlen. Der
Vater brachte es ihm selber in die Stadt. In der Meinung, Ulrich habe
daheim seine anzüglichen Redensarten verraten, entschuldigte sich der
Fuhrhalter bei Meister Martin wegen seiner damaligen üblen Laune. So
kam der Vater hinter das Geheimnis, das Ulrich für sich hatte behalten
wollen. Als er zurückgekehrt war, sprach er mit ihm darüber. »Vor allem
bin ich froh, daß du der Mutter nichts von der Beleidigung verraten
hast.« Und von der Stunde an schenkte er dem Jungen sein volles
Vertrauen, behandelte ihn wie einen Erwachsenen, und wenn er in Stube
oder Werkstatt etwas zu beraten hatte, duldete er es, daß der Sohn sein
bescheidenes Wort in das der Eltern hineinwarf.
5
Schon war wieder ein Jahr vorübergegangen. An der Rheinhalde weinten
die Schosse der frischgeschnittenen Reben und schwellten die
Weidenkätzchen.
Da gehörte Ulrich Junghans zu den Armbrustschützen des Städtchens,
einer Gesellschaft halbwüchsiger Jugend, die in der Sonntagsfrühe auf
einer Wiese am Stromufer mit Bogen und Pfeil in eine Lehmscheibe schoß.
Als das »Absenden« kam, das Preisschießen, wurde ihm die beste Gabe
zuteil, das von Pfarrer Tappoli gestiftete, schön eingebundene Buch
»Lienhard und Gertrud«. Die es ihm vom Gabentisch reichte, war Nick,
und ein leises, wohlgefälliges Lächeln spielte ihr dabei um den Mund.
Auch wurde er von der Gesellschaft, unter Übergehung einiger reicher
Bauernburschen, zum Säckelmeister gewählt. Das Amt war eine jugendliche
Ehre, an der sich nicht am wenigsten die Eltern erfreuten. Sie bewies,
daß ihm das Städtchen den törichten Flug in die Brombeerstauden
verziehen hatte und Zutrauen in seine Redlichkeit setzte.
Noch schöner fügte es sich im Winter, am Bächtoldstag, dem zweiten
Januar, an dessen Abend sich die Jungen und Mädchen je nach Neigung
und Freundschaft zusammenfinden und einander bei allerlei Spielen
die ersten Zeichen der Neigung geben. In der alten geräumigen Stube
des Kirchenpflegers und Ehegaumers Jakob Angst waren er und Nick mit
einem Dutzend anderer jungen Leute zusammen und saßen eben bei dem
Pfänderspiel »Fischlein in den Teich«. Ob es nun aus Zerstreutheit,
Übermut oder Absicht geschah, -- die sonst hurtige Monika ließ sich von
allen am häufigsten fangen und wurde Ulrich, der den Schlingenkünsten
des Fischers entging, einen Kuß schuldig. Rot und verlegen wandte sie
sich zu ihm hin: »Wenn es wenigstens nicht in der Stube sein müßte!«
»Dann gehen wir in den Flur hinaus,« erwiderte er; »aber den Kuß will
ich.«
Sie seufzte, folgte ihm unter dem Lachen der andern, und kaum war die
Türe hinter ihr zu, küßte sie ihn voll lieblicher Verwirrung, doch mit
zusammengepreßten Lippen und flüchtig. Vor Enttäuschung zog er das
Gesicht finster. Da stotterte sie: »Uli, ich will ehrlich sein, aber
mach die Augen zu.« Er gehorchte, und sie gab ihm mit warmem Mund einen
treuherzigen, süßen Kuß. Nun wußte er nicht, wie es kam, er erwiderte
ihn und spürte, wie ihre Lippen dabei einen Herzschlag lang leisdurstig
an den seinen hingen. »Komm,« drängte sie und mit hochroten Gesichtern
traten sie wieder in die Stube. Dann und wann aber glitten ihre Augen
noch mit vergnügtem Blinzeln zu ihm hinüber.
Er wußte kaum mehr, was um ihn vorging. Nachdem Nick durch die Magd
des Pfarrhauses abgeholt worden war, ging auch er heim, schloß vor
Seligkeit kein Auge und spürte immer noch ihren Mund auf dem seinen.
Das wonnige Gefühl verließ ihn den ganzen Winter nicht wieder. Eltern
und Geschwister wunderten sich über die Güte und Verträglichkeit des
Jungen, der vorher oft ein schwer zu behandelnder Groller gewesen war.
Besonders lieb begegnete er der Schwester Marie. Vielleicht weil ihm
das Herz überfloß, vielleicht weil er hoffte, daß sie ihm eine Brücke
hinüber zu Nick schlage, vertraute er ihr sein Erlebnis und seine Liebe.
Sie aber antwortete ihm: »Uli, du tust mir leid. Ein Kuß aus einem
Pfänderspiel verpflichtet zu nichts, und ich verwundere mich deines
Mutes, die Gedanken zu Nick zu erheben. Wohl gebärden sich der Pfarrer
und seine Familie gegen uns, als gehörten sie völlig zum Städtchen,
heimlich sind sie aber doch stolze Zürcher Bürger, die sich für besser
halten als das Landvolk. So liegt es ihnen nun einmal im Blut. Noch ein
Jahr, dann kommt Monika in eine welsche Schule, nachher als Fräulein
zu Verwandten in Zürich, ins Theater und auf Bälle. Da wird sich der
Zünfter oder der junge Pfarrer, der sie heimführt, schon finden. Die
Gedanken von Nick weg, Uli, damit es dir nicht das Herz bricht, wenn es
kommt, wie ich dir darlege.«
So Marie, und keiner glaubte er mehr als ihr. Die Schwester war
selber ein feines, gescheites Mädchen und besaß die gleiche schlicht
überzeugende Art wie die Mutter. Er ließ den Kopf hängen.
Das Leben hatte aber für ihn stets wieder einen Trost. Und jetzt
war er schon Konfirmand. Ein strenggläubiger Pfarrer hätte wohl
keine Freude an ihm gehabt, denn wie von selber war er durch sein
religiöses Nachdenken in mancherlei Widersprüche hineingeraten. Zum
Glück für den Zweifler aber war Tappoli einer der milden Pfarrherrn,
die den Nachdruck weniger auf die dogmatischen Lehrsätze als auf
den dichterischen und sittlichen Feingehalt des Christentums legen.
Da vermochte ihm auch Ulrich zu folgen. Als Tappoli im Laufe des
Unterrichts auf seine Lieblingsgestalt in der Entwicklung der
christlichen Religion, den Apostel Paulus, zu sprechen kam und dem
verdorbenen, schlemmenden Rom die Märtyrerkraft des Urchristentums
gegenüberstellte, erlebte Ulrich bei ihm wahre Weihestunden innerer
Erhöhung. Es empörte ihn, daß es unter den Mitkonfirmanden einige
Lümmel gab, die während der Stunden Tappolis, der in der Zucht kein
Meister war, zotige Verse unter den Bänken umherboten. Mit der Kraft
des jungen Schmieds schuf er aus eigener Machtvollkommenheit Ruhe in
den Reihen, und Tappoli spürte seinen guten Einfluß auf die übrigen.
Als sie sich einmal unter der Kirchentür begegneten, gab er ihm einen
dankbaren Blick. »Es ist doch jammerschad', daß du nicht deinen
Gymnasialstudien hast leben können, ich hätt's dir so sehr gegönnt.« Da
schlug das Herz Ulis in Feuer und Flammen für den Pfarrer, und seine
Gedanken spielten aufs neue um Nick.
Nun war er feierlich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen.
Er trat aus der Bogenschützengesellschaft aus und wurde Mitglied des
Rhein-Fahrvereins, der unter der Führung militärisch ausgebildeter
Pontoniere die Lust und Freude an der Rheinschiffahrt pflegte. Jeden
Abend probte er mit den andern, meist gesundkräftigem Bauernblut, in
den langen, schmalen Kähnen die Fahrt über die Klippen, Sturzwellen
und Wirbel des Stromes, der gerade ober- und unterhalb der Brücke
aufgeregt über etliche nur beim kleinsten Wasserstand im Winter dem
Auge sichtbare Querriffe dahinfloß. Es war eine Unterhaltung des
Städtchens, fast die einzige, daß Jung und Alt, namentlich aber die
weibliche Jugend, aus den Fenstern der Brücke oder den grünumrankten
Lauben der Häuser den Spielen der braunen Gesellen in lebhafter Neugier
zuschauten. Leise oder laute Ausrufe der Angst, des Beifalls und der
Bewunderung begleiteten ihre Geschicklichkeit und Kühnheit. Denn
ungefährlich waren die Übungen nicht, und in traurigem Gedenken stand,
daß die »krumme Röhre«, ein starker Wirbel unterhalb der Brücke, einmal
drei Jünglinge verschlungen hatte, einen Gekenterten und zwei, die ihm
zur Rettung in die Tiefe nachsprangen. Seither waren die Wasserratten
etwas vorsichtiger, aber im Übermut der Jugend kam es doch hie und da
vor, daß sich einer über die Kante des Bootes schleudern ließ und in
den Fluten versank. Atemlose Spannung! Dann tauchte er ein gut Stück
weiter unten im Strom wieder auf, schüttelte sich und schwamm ans Ufer.
So auch Ulrich. Aus einem Wirbel emporschnellend landete er unmittelbar
vor Monika, die mit ein paar Gespielinnen aus den Fenstern des
Pfarrhauses auf die Übenden schaute. Ihre dunkeln Sterne blitzten ihn
an, und ihr kleiner, roter Mund schalt: »Das tust du nicht wieder, Uli!
Herrgott, kannst du einen in Schrecken jagen.« Er lachte: »Und wenn
mich jetzt der Rhein behalten hätte? Was dann?« Da rief sie unwillig:
»Geh, du Häßlicher!«
Nun war er selig überzeugt, daß sie ihn liebe. Mit den andern trieb
er die Schiffe zum Ufer, im weichen Mondlicht der Sommernacht ruhten
die Burschen, in den angebundenen Weidlingen sitzend, von der Arbeit
aus, und mit doppelter Lust warf er seine metallene, bildsame Stimme
in ihre Heimatlieder und ließ sie über den beglänzten Strom und die
dunkelragenden Umrisse des Städtchens klingen.
Stets hatte er bei seiner Arbeit etwas Schönes zu denken, jeden Tag
war er seines Lebens froh. Um so mehr, da es auch den Eltern gut ging.
Friedrich, der Älteste, hatte die Lehrjahre bei Meister Benninger in
Winterthur hinter sich und stand als gutbezahlter, geachteter Arbeiter
in einem Atelier in Zürich. Alle vierzehn Tage kam er, ein hoch- und
straffgewachsener junger Mann mit blauen Augen und blondem Schnurrbart,
zu Fuß aus der Stadt ins Elternhaus auf Besuch und blieb vom Samstag
spät bis zum Montag im Morgengrauen daheim. Jedesmal brachte er
dem Vater den Rest des Zahltages, der ihm über das Kostgeld hinaus
geblieben war, wie eine selbstverständliche Schuld. So faßte auch
Meister Martin die Beiträge Friedrichs zu den Kosten des Haushaltes
auf, aber nicht knauserig schob er ihm jedesmal ein hübsches Sackgeld
zurück und gab auch Uli das übliche Zweifrankenstück.