Jetzt geht es im Zickzack die ungemein steilen Hänge der rechten

Talseite hinan, nach links und nach rechts, bergauf und bergab, in

unzähligen Windungen. Bisweilen ist der Pfad nur handbreit und läuft am

Rande des Abgrunds entlang. Das Maultier braucht nur einen Fehltritt zu

tun! Am schlimmsten ist es da, wo der schmale Pfad sich nach dem Tal zu

neigt und die äußere Kante weich ist. Einmal gab der Boden unter der

Last meines Maultiers nach; es glitt mit dem äußern rechten Vorderfuß

aus, parierte aber gut, indem es sich auf das Knie des innern Beines

fallen ließ und sich wieder erheben konnte, ehe es das Gleichgewicht

verlor. Aber „Sparkplug“, wie es heißt, ist auch ein erstklassiges

Reittier, und ich fühle mich auf seinem Rücken ganz sicher. Hier und

da liegen runde Blöcke und hohe Steinstufen mitten auf dem Pfad; die

Zickzackwindungen sind nur ein paar Meter lang, das Maultier klettert

und springt den Pfad hinauf, und man macht sich so geschmeidig wie

möglich, um seinen Bewegungen zu folgen und sie zu erleichtern. Wenn

es bergauf geht, läßt man es sich noch gefallen, aber wenn es solche

Treppen Hals über Kopf hinabgeht, ist einem nicht ganz wohl zumute. In

der Tiefe breitet sich das üppige Grün wie ein orientalischer Teppich

zwischen den roten Bergwänden aus, man sieht den dunkel malachitgrünen

Bach und seinen schneeweißen Schaum und lauscht seinem Brausen.

Wieder kommen wir lange Strecken durch herrlichsten Nadel- und Laubwald

und durch dichte Gebüsche. Wenn man unter überhängenden Felsmauern

reitet und vorstehende Blöcke über sich hat, fragt man sich, ob man

vorbeikommen wird, ehe der Block sich löst und niederstürzt, um sich

in donnernden rollenden Sprüngen zu seinen Vorgängern an den Ufern und

im Bett des Baches zu gesellen. Zu den geringeren Unannehmlichkeiten,

die man nicht weiter beachtet, gehören die Erfahrungen, die man

macht, wenn dornige Zweige des Dickichts, durch die der Pfad sich

hindurchschlängelt, einem die Beinkleider zerreißen.

So reiten wir bergauf und bergab, aber im großen ganzen nähern wir uns

dem Plateaurand. Der Pfad ist rot, die Wacholderstämme schwarz; ihre

Nadelkronen dunkelgrün. Auch dadurch unterscheidet sich der Nordrand

des Gran Cañon vom Südrand, daß er viel reicher an Vegetation ist. An

manchen Stellen ist der Wald im Bright Angel Cañon geradezu üppig.

[Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten

(1. Juli).]

Am Ufer eines kleinen Bachs, der von der rechten Talseite kommt,

steht ein einsames Zelt. Hier hausen Arbeiter, die die schlimmsten

Schäden des Weges auszubessern haben. An manchen Stellen ist der Pfad

recht lebensgefährlich, an andern leidlich. Aber wunderbar ist stets

die Landschaft, und zwischen den Stämmen der Bäume öffnen sich die

herrlichsten Ausblicke. Man reitet wie durch natürliche Säulengänge

und man weiß nicht recht, soll man lieber dem Selbsterhaltungstrieb

folgen oder den mit jeder Minute wechselnden Landschaftsbildern seine

Aufmerksamkeit schenken.

Gleich nach Mittag rasten wir eine Weile am Rande der kleinen Quelle

Trough Spring, wo die Lufttemperatur auf 33,6 Grad gesunken ist. Man

beginnt zu merken, daß man sich weiteren Horizonten nähert und nicht

mehr in enge Hohlwege eingesperrt ist. Von Roaring Springs an folgen

wir ständig den Hängen der rechten Talseite, gewöhnlich in bedeutender

Höhe über dem Talboden, doch nicht höher, als daß wir stets das Brausen

des Baches hören können.

Auf der linken Seite eines kleinen Seitentals reiten wir immer höher

hinauf durch Wald von Eichen und Birken mit pechschwarzen Stämmen,

durch Dickichte von Sträuchern und Disteln und weiter oben durch

herrlichen Wald von Gelbkiefern und Fichten. Von Zeit zu Zeit machen

wir im tiefsten Schatten kurze Rastpausen, damit die Maultiere

verschnaufen können. Wenn wir unsere Blicke durch den Bright Angel

Cañon hinabschweifen lassen, sehen wir zur Linken seines offenen

Mündungstores den Brahma- und den Zoroastertempel, die sich als hohe

imposante Pyramiden gegen den hellern Hintergrund des Südrandes

abheben. Dagegen erscheint der nördliche Cañonrand, zu dessen Zinnen

wir hinaufstreben, nicht mehr so gewaltig wie unten von der Taltiefe

aus.

Als der Pfad gerade schmal und tückisch ist, kommt uns eine

Maultierkarawane entgegen. Zum Glück haben ihre Führer uns rechtzeitig

gesehen und warten an einer breitern Stelle, wo wir an ihnen vorbei

können, ohne in die Tiefe hinuntergestoßen zu werden. Fichten, Kiefern

und Wacholder bilden auf den Hängen ganze Armeen. Jenseits des Tales,

im Osten, ungefähr in der gleichen Höhe, die wir erreicht haben, tritt

die Grenze zwischen dem roten Coconino und dem weißgrauen Kaibab

außerordentlich scharf hervor. Ein paar aufgescheuchte Rehe flüchten in

leichten Sprüngen durch den Wald. Am Rande eines Abgrunds bleiben sie

stehen und betrachten uns eine Zeitlang, mit aufgerichteten Lauschern,

unbeweglich wie Bildsäulen, um schließlich wie Schatten zu verschwinden.

Kurz nach 2 Uhr nehmen wir die letzte Schwelle und kommen schließlich

auf die fast ebene Fläche des Kaibabplateaus hinauf. In einem

Nadelwald, zwischen dessen Bäumen auch die eine oder andere

Zitterpappel ihre Laubkrone erhebt, machen wir zum Frühstück Rast, am

Rande eines jener ausgeschachteten, mit Dämmen umgebenen „Tanks“, die

den Zweck haben, Regenwasser für das Vieh zu sammeln. Die Temperatur

ist angenehm, 29,5 Grad.

Bis zur North Rim Rancher Station und Vaughan Jensens Camp hatten wir

noch einige Kilometer durch den herrlichsten Tannenwald zu reiten.

Jensen war daheim, und sein Auto stand bereit. Er war ein großer

starker Mann, der Sohn dänischer Auswanderer, deren Muttersprache er

jedoch nie gelernt hatte. Nun hatte Sandy mich guten Händen anvertraut.

Nachdem ich ihm gedankt und die Hand geschüttelt hatte, kehrte er

um; er wollte heute noch den langen Weg nach Phantom Ranch hinunter

zurücklegen. Jensen und ich stiegen ins Auto, fuhren an Bright Angel

Spring (wo das Wasser nur 10 Grad maß) vorüber und hatten dann nur noch

kaum 5 Kilometer nach Wylie Way Camp, der einzigen Touristenstation am

Nordrand.

Hier stehen fünfzehn viereckige Zelte mit Holzgerippe und

Bretterfußboden; sie sind mit Bett, Tisch, Stuhl und Waschgestell

ausgestattet. Der Leiter des Lagers, Herr McKee, wohnt mit Frau und

Sohn in einem größern Zelt, neben dem die Küche und das Speisezelt

aufgeschlagen sind. Da ich mir den Sonnenuntergang dieses ersten Abends

am Nordrande nicht entgehen lassen wollte, begaben wir uns, Herr

Jensen und ich, auf den Bright Angel Point hinaus, den ich im Laufe

des Tages von unten gesehen hatte. Man muß ein gutes Stück auf dem

Grat des schmalen, senkrecht aufragenden Ausläufers gehen, vor dessen

äußerstem Kap sich ein Pfeiler aus Kaibabkalkstein erhebt. Dieser

Pfeiler, der zum Teil freisteht und mit dem festen Felsen durch eine

kleine, über schwindelnder Tiefe schwebende Holzbrücke verbunden ist,

trägt den Namen Bright Angel Point. Seine Zinne mißt nur wenige Meter

im Durchmesser und besteht aus zwei Absätzen, deren oberer eine einem

Rundsofa ähnliche natürliche Bank bildet. Hier liest man die Höhenzahl

der Geologischen Landesuntersuchung 8153 Fuß (2485 Meter). Es darf

einem nicht schwindlig werden, wenn man sich auf dieser winzigen Fläche

aufhält, die wie eine kleine Insel, eine Schäre, aus dem Luftmeer

emporragt und von deren Rand die Seiten der Kalkpfeiler Hunderte von

Metern senkrecht in die Tiefe abfallen. Es ist, als stünde man auf

dem Kapitell einer riesigen Säule. Ich hielt mich an die Steinbank

und war froh, daß ich nicht zu stehen brauchte; denn man hat überall

nur ein oder zwei Meter bis zum Rand des Abgrunds. Doch Jensen schien

dies nicht im geringsten zu stören. Denn als er mir die Landschaft

erklärte, stellte er sich in des Wortes wahrster Bedeutung auf den

äußersten Rand, so daß die Zehenspitzen überragten. Ich fuhr zusammen

und fühlte, wie kalte Schauer mich überliefen, sagte aber nichts.

Gerade, ruhig und gelassen stand er da, als stünde er mitten in einem

Saal; er zeigte auf die verschiedenen Tempel und Täler, ließ seine

Blicke am Horizont entlang schweifen und schien die ungeheuere Tiefe

nicht einmal zu merken, die er gerade unter sich hatte. Wer Lust dazu

hat, kann es ja versuchen, sich auf den äußersten Rand eines Gesimses

zu stellen, das von dem Dach eines vier- oder fünfstöckigen Hauses

vorspringt, unbeweglich da zu stehen und über benachbarte Hausdächer

hin zu blicken, unbekümmert um die Straße, die unter ihm gähnt. Der

Unterschied ist nur der, daß die Höhe der senkrechten Wand des Bright

Angel Point zehnmal größer ist.

[Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost

(Wischnutempel).]

Wenn wir auf den Grund des Bright Angel Cañon in der Gegend der Altar

Falls schauen, die in der Luftlinie keine 4 Kilometer entfernt sind,

dann beträgt der Höhenunterschied 1326 Meter. So viel, viereinhalb

Eiffeltürme übereinander, waren wir auf unserm heutigen Ritt gestiegen.

Den ganzen Weg, den wir von Altar Falls an zurückgelegt hatten, kann

man mit dem Blick in die Tiefe verfolgen, selbst wenn der Pfad im

Gelände verschwindet oder unter Grün verborgen ist.

Der vorspringende Teil des Kaibabplateaus, auf dessen äußerstem Kap wir

stehen, wird im Nordosten von dem Seitental, an dessen Mündung wir bei

Roaring Springs vorbeigekommen waren, im Südwesten von dem Seitental

The Transept begrenzt. Im Süden thronen Deva- und Brahmatempel mit

ihren hellen sonnenbeleuchteten Zinnen, die sich scharf von dem in

leichteren Tönen hervortretenden Südrand abzeichnen, mit ihren scharfen

Schatten und ihren ziegelroten Steilhängen.

Eine Abendstunde auf der Plattform dieser Säule bietet fürwahr

seelische Erschütterungen, die man nie vergißt. Ganz abgesehen von

meiner Angst, zu sehen, wie Herr Jensen im nächsten Augenblick das

Gleichgewicht verlor und über den Kalksteinrand verschwand, rang ich

nach Atem beim Anblick dieser Landschaft, die aller Worte und aller

unbeholfenen Versuche mit Feder und Pinsel spottet. Man fühlt sich

überwältigt und verstummt. Was hat es für einen Zweck, zu reden, wenn

der Sprache die Mittel fehlen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die man

empfindet. Es ist am besten, demütig einzugestehen, daß man, gemessen

mit den Maßen dieser märchenhaften Landschaft, nicht viel mehr ist als

ein Sandkorn, das die Strömung des Colorado zum Meer hinabführt.

Auch in topographischer Hinsicht ist diese Aussicht belehrend und

orientierend. Wenn man von El Tovar oder von andern Punkten des

Südrandes aus alle diese pyramidenförmigen Tempel sieht, schaut man

sie in der Verkürzung; sie verdecken sich und bilden ein einziges

unentwirrbares Durcheinander, ein Labyrinth senkrechter oder steiler,

höchst phantastisch herausgemeißelter Berge. Aber hier vom Nordrand

aus sieht man deutlich, wie die Tempel sich auf dem Rücken ein und

desselben nach Süden vorspringenden Ausläufers des Kaibabplateaus

erheben. Auf meinem jetzigen Aussichtspunkt befand ich mich weit

nördlich vom Deva-, Brahma- und Zoroastertempel und sah sie etwas von

der Seite, aber auch in Verkürzung, in einer ganz andern Anordnung als

von Süden. Die Begriffe klären sich, und den Hauptbahnen der Erosion

zu folgen wird leichter. Man hat unmittelbar unter sich Täler zweiter

Ordnung wie den Bright Angel Cañon und noch näher Täler dritter Ordnung

wie The Transept. Man kann verfolgen, wie das Nagen und Fressen der

Erosion aus den festen Gesteinsmassen Schritt für Schritt Gebilde in

immer geringeren Größenordnungen schafft, bis zu den allerkleinsten

Einschnitten hinunter, die das Regenwasser seit unermeßlichen Zeiten

gegraben hat. Steter Tropfen höhlt den Stein!

Der Ausläufer des Kaibabplateaus, zu dem die eben genannten Tempel

gehören, ragt also wie eine ungeheure Trennungsmauer zwischen dem

Gran Cañon und seinem Seitental, dem Bright Angel Cañon, auf. Dieser

beherrschende Zug tritt auch sehr deutlich auf meinem Aquarell (siehe

Titelbild) hervor. Die Beleuchtung war überaus günstig. Es ging auf

den Abend zu. Der Südrand und seine ganze Mauer lagen zum größten

Teil im Schatten. Aber infolge der Entfernung von etwa 16 Kilometer

und unzähliger Lichtblinke aus den tieferen Teilen des Cañon zeigten

sich selbst die geschlossenen Schattenfelder in zarten grauvioletten

Tönungen, während die Schatten auf den Westseiten der Tempel und in den

Spalten der Abhänge dunkel, fast schwarz aussahen. Hier und da wurden

vorspringende Teile des südlichen Cañonrandes von den Sonnenstrahlen

getroffen und bildeten senkrechte Lichtfelder von prächtigster Wirkung.

Am schönsten von allem war jedoch der Rücken mit den Tempeln. Ihre

hohen zerklüfteten Kuppeln aus Kaibabkalkstein leuchteten hell gelbgrau

mit einem Schimmer von Rosa, die Coconino- und Supaischichten

unter ihnen dagegen waren intensiv ziegelrot. In der Tiefe unter uns

lagen bereits dunkle Schatten auf dem gewundenen Weg, den wir im

Lauf des Tages zurückgelegt hatten, aber auf meinem Bild werden die

schwindelnden Abgründe von dem dichten Grün meiner nächsten Umgebung

verdeckt.

[Illustration: Blick von Cape Royal in den Gran Cañon.

In Süd 65° Ost eine Krümmung des Colorado.]

Herr Jensen weckte mich aus den Träumen und Gedanken, denen ich

nachhing. In El Tovar hatte man mir erzählt, auf den Weiden und in

den Wäldern des Nordrandes ästen 40000 Rehe, und als ich mich bei

Herrn Jensen auf dem Wege von seinem Kamp danach erkundigte, hatte

er mir erwidert, diese Zahl komme der Wahrheit allerdings nahe und

ich könne mich an Rehen satt sehen, wenn ich gegen Sonnenuntergang

achtgäbe. Daran anknüpfend, machte er den Vorschlag, wir könnten noch

eine Spazierfahrt machen und die schönen Tiere aufsuchen. Die Rehe

bringen jetzt im Sommer den ganzen Tag in den Verstecken des Waldes zu

und treten gerade bei Sonnenuntergang auf das offene Gelände hinaus,

um dort die ganze Nacht hindurch zu äsen -- sei es, weil der Wald am

Tage kühler und nicht so voller blutsaugender Insekten ist, oder weil

sie sich bei Tageslicht leichter hüten können vor ihren auf den Bäumen

lauernden Feinden aus dem Katzengeschlecht als in der Nacht, wo sie

sich auf freiem, offenem Gelände sicherer fühlen.

Wir hatten 26 Kilometer bis zu dem sogenannten V. T. Park

(„Viti“-Park)[4] zu fahren, wo der Weg aus dem Walde tritt, um sich

durch langgestreckte Gürtel Wiesenland zu schlängeln. Die Sonne war

untergegangen, und die Dämmerung breitete sich allmählich über die

Erde. Aber der Himmel war klar, und es war noch hell genug, um deutlich

zu sehen. Wir fuhren auf die Wiese hinaus. Ein paar Rehe sprangen in

anmutigen elastischen Sätzen über das Gras dahin. „Warten Sie nur,“

sagte Herr Jensen, „es werden bald mehr!“

Kurz darauf zählte ich eine Anzahl von 85 Stück, und wohl sechs ebenso

große Bestände waren gleichzeitig in Sehweite, außerdem viele einzelne

Rehe oder Paare. Sie waren nicht gerade sehr scheu. Als das Auto an

ihren Weideplätzen vorüberratterte, schauten sie auf, betrachteten uns

genau und folgten mit dem Kopf unsern Bewegungen; erst als wir ganz

nahe waren, wandten sie sich und traten in den Schatten des Waldes.

Dieses schöne entzückende Schauspiel wiederholte sich mehrere Male. Die

meisten Rehe waren links vom Weg in der Nähe des Waldrandes. Einmal

hatten wir ein Rudel von 20 Stück rechts vom Weg, wo der Wiesengürtel

ganz schmal und der Wald sehr nahe war. Statt in diesen zu trollen,

beschlossen sie, nach dem Wald im Westen zu flüchten; um dorthin zu

kommen, mußten sie den Weg vor uns kreuzen. Sie zogen nicht paarweise,

sondern fast im Gänsemarsch. Die letzten, die sich nicht sonderlich

beeilten, veranlaßten mich, Herrn Jensen am Ärmel zu fassen, denn sie

waren keine fünf Meter vor uns, und wir fuhren ziemlich schnell. Aber

ihr Wagnis glückte, und sie gesellten sich mit heiler Haut zu ihren

Gefährten.

Als die Dämmerung allzu dicht wurde, kehrten wir nach Wylie Way Camp

zurück. Inzwischen war es dunkel geworden, aber auf einem offenen Platz

vor den Zelten hatte man ein gewaltiges Feuer angezündet und Stühle

ringsherum gestellt.

Von Salt Lake City waren einige Touristen in eigenen Autos angekommen,

und Thomas McKee, der Wirt des Lagers, war gerade dabei, ihnen vom Gran

Cañon zu erzählen. Mit seiner Frau, seinem Sohn und einigen Dienern

verbringt er im Wylie Way Camp jedes Jahr die vier Monate der Saison,

Anfang Juni bis Anfang Oktober, und hat dabei sein gutes Auskommen. Die

fünfzehn Zelte nebst vier neuen eben aufgeschlagenen werden im Oktober

zusammengepackt und den Winter über gut aufbewahrt. Während der kalten

Jahreszeit wohnt die Familie McKee in Pasadena in Kalifornien, sie

sehnt sich aber stets nach dem Gran Cañon zurück.

McKee erzählte, der Panamakanal habe den Eisenbahnlinien dieser Gegend

Abbruch getan. Die Seefracht ist nämlich 25-30 vom Hundert billiger.

Die Dampfschiffe ziehen Güter und auch Reisende vom Landweg ab. Das

kalifornische Obst z.❁B. wird jetzt im Kühlraum durch den Panamakanal

nach New York und Europa verfrachtet, während es früher stets auf dem

Schienenweg quer durch den Erdteil versandt wurde. Die Eisenbahnen tun

daher, was sie können, um durch Entfaltung der vorhandenen Lockmittel

den Strom der Reisenden an ihre Linien zu ziehen. Die vorzüglichste

Lockspeise ist natürlich der Gran Cañon.

[Illustration: Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron.]

In Herrn McKee lernte ich einen ungewöhnlich tüchtigen, kenntnisreichen

und liebenswürdigen Mann kennen, und die Tage, die ich in seiner

Gesellschaft verbrachte, gehören zu meinen besten Erinnerungen an

Amerika. Er ist Naturforscher und Schriftsteller und schreibt in

verschiedenen Zeitschriften über Menschen und Tiere, besonders über

den Puma, den Berglöwen, und über die Hunderasse, die man abgerichtet

hat, dieses Katzentier aufzuspüren. Auch mir erzählte er allerlei

von ihm. Die Pumas, die ihre Jagdgründe am Nordrande des Gran Cañon

haben, sind fett und plump und strengen sich nicht übermäßig an. Aber

gleichwohl sind sie blutdürstig, und wenn sie in großer Anzahl getötet

werden, merkt man binnen kurzem, wie der Rehbestand zunimmt. Hier in

der Gegend heißen sie Kuguare. Ihre Höhlen haben sie auf den Nordhängen

des Gran Cañon; des Nachts kommen sie in den Wald hinauf. Sie lauern

auf den Bäumen und springen auf vorüberziehende Rehe hinunter. Vor

einigen Tagen hatte ein Puma nur ein paar hundert Meter von Wylie Way

Camp ein Reh erbeutet, wie Haut und Knochen verrieten, die man eines

Morgens fand. Wenn der Puma ein Reh erlegt hat, frißt er sich satt und

deckt den Rest mit Laub und Zweigen zu oder gräbt ihn ein, um nach

zwei Tagen zurückzukommen. Ist das Fleisch inzwischen verdorben, dann

rührt er es nicht an; er lauert lieber einem neuen Opfer auf. Glückt

ihm dies nicht, dann nimmt er auch mit Fleisch vorlieb, das schon einen

kleinen Stich hat. Heulwölfe, Wildkatzen und Luchse folgen seiner Spur,

um sich an dem, was er von seiner Beute übriggelassen hat, gütlich zu

tun; sie selbst wagen sich nur an junge Tiere. In Gegenden, wo es viele

Rehe gibt, tötet der Puma jeden zweiten Tag ein Tier; er frißt nur die

besten Stücke und säuft das Blut.

Uncle Jim, ein großer berühmter „Löwentöter“, wurde seinerzeit von der

Regierung angestellt und erhielt den Auftrag, zum Schutze der Rehe

möglichst viele Raubtiere zu vernichten. Fünfundzwanzig Jahre lang

verfolgte er den Puma und erlegte in den Wäldern des Walhallaplateaus

1500 Stück, davon etwa 1100 in der Gegend von Wylie Way Camp. Dabei zog

er eine besondere Hunderasse auf, die eigens auf den Puma abgerichtet

war, dessen Wegen auf den Felsenhängen und in den Wäldern folgte und

ihn auf Bäume hinaufjagte, wo er leicht geschossen werden konnte. Der

Hund, der der Stammvater dieses Geschlechts von Pumatötern war, hatte

allein 607 Pumas aufgespürt, aber als er der Fährte des 608. folgte,

wagte er sich zu weit auf einen vereisten Felsabhang hinaus, verlor den

Halt und stürzte in die Tiefe. Doch der Puma, der den Jagdeifer seines

Verfolgers zu so verhängnisvoller Unvorsichtigkeit entflammt hatte,

mußte auch sein Leben lassen. Einmal kam Präsident Theodor Roosevelt

nach dem Walhallaplateau, um unter Uncle Jims Leitung Pumas zu jagen.

Der Präsident war von der erfolgreichen Jagd so entzückt, daß er zur

Erinnerung daran Uncle Jim ein Jagdgewehr mit goldenem Namensschild

schenkte. Der Alte bezog ein Gehalt von der Regierung und erhielt auch

von Farmern und Viehbesitzern Bezahlung für seinen Ausrottungskrieg

gegen die raubgierigen Katzen.

Ja, McKee konnte Geschichten von Tieren und Menschen erzählen! Eine von

ihnen hatte eine Hütte zum Schauplatz, an der ich später auf dem Weg

nach Salt Lake City vorüberkam, den V. T. Ranch im V. T. Park. Hier

hatte sich achtzehn Monate vor meinem Besuch folgende dramatische Szene

abgespielt.

In einer Stadt im südlichen Arizona hatte ein Mann einige Wertpapiere

gestohlen und war nach Norden geflohen, um den Gran Cañon zu

überschreiten und sich nach Utah zu begeben, wo er allen Spähern und

Polizisten entgehen zu können glaubte. Auf dem Weg durch den Cañon

gelang es ihm, einen verwilderten Esel zu fangen, der wieder so gut wie

zahm geworden war. Auf diesem ritt er zum Nordrand hinauf, wo hoher

Schnee lag. Schließlich erreichte er die Hütte des V. T. Ranch und ging

mit seinem Esel hinein. Keine Menschenseele war in der Gegend, aber die

Farmer hatten bei ihrem Aufbruch einen erheblichen Vorrat an Kartoffeln

zurückgelassen.

Nachdem der Flüchtling einige Tage hier zugebracht hatte, erhielt er

unerwarteten Besuch. Ein anderer Abenteurer war von Utah aufgebrochen

und eines Tages in dem weiter nördlich gelegenen Hof des Pumajägers

Uncle Jim aufgetaucht. Er erklärte, er habe die Absicht, nach Süden

über den Gran Cañon zu gehen, um in Arizona bessergelohnte Arbeit zu

suchen. Uncle Jim warnte ihn und sagte, bis zum nördlichen Cañonrand

liege hoher Schnee. Aber der Mann versicherte, er sei an Wald, Wildnis

und Schnee gewöhnt und werde auch hier schon durchzukommen wissen.

Er brach also auf und watete durch den Schnee nach Süden. Nachts hatte

er keinen Schutz und war dem Erfrieren nahe. Völlig erschöpft erreichte

er schließlich den V. T. Ranch und sah aus dem Schornstein der Hütte

Rauch aufsteigen. Er ging an die Tür und klopfte an. Der Dieb öffnete

die Tür ein wenig, hielt seine Axt drohend erhoben und erklärte, er

werde den Ankömmling töten, wenn er sich nicht entferne. „Hier ist nur

für einen Nahrung, nicht für zwei!“

Der andere bat und flehte um Einlaß; er war ganz entkräftet vor Kälte,

hatte sich mehrere Zehen erfroren, konnte keinen Schritt weiter und

hatte es nötig, sich in der warmen Hütte auszuruhen. Der Dieb blieb

unerbittlich, kein Mensch dürfe über die Schwelle, erklärte er, und

wieder hob er drohend die Axt. Da packte den Ankömmling die Wut,

er zog sein Messer, riß die Tür auf und zischte: „Gut, dann soll es

wenigstens einen Kampf auf Leben und Tod geben.“

[Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West.]

Nun wich der Dieb zurück und wurde kleinlaut. Es hing an einem Haar,

daß sie mit ihren Waffen aufeinander losgingen. Eine Zeitlang lebten

sie auf Kriegsfuß. Sie mißtrauten und fürchteten einander, beobachteten

sich und schielten sich gegenseitig verstohlen an, und keiner wagte,

dem andern den Rücken zu kehren. In der Nacht hatte der eine seine Axt,

der andere sein Messer zur Hand. Tag und Nacht fiel Schnee, immer höher

wurden die Schneewehen. Sie sahen ein, daß es unmöglich war, die Hütte

zu verlassen, solange das Schneewetter anhielt, daß die Wartezeit -- es

war noch nicht einmal Neujahr -- lang und hart werden konnte und daß

sie einander brauchen und helfen konnten; darum schlossen sie Frieden

und legten Axt und Messer beiseite.

Als der Kartoffelvorrat zu Ende war, schlachteten sie den Esel und

hatten nun für lange Zeit Fleisch. Mitte Dezember 1921 hatten sie sich

in der Hütte getroffen und vier Monate mußten sie dort bleiben. Es

schneite noch immer, und die Schneewehen türmten sich fast vier Meter

hoch.

Im März fertigten sie Schneeschuhe an, dann brachen sie mit ihrem

letzten Fleischvorrat nach Norden auf. Der Mann aus Utah, der sich

die Füße erfroren und seine Zehen verloren hatte, war schlimm daran,

er konnte sich ohne die Hilfe des Diebes nicht vorwärts bewegen. Sie

kamen daher durch die ungeheuren Schneewehen nur langsam vorwärts und

hatten bald nur noch ein kleines Stück Fleisch übrig. Als sie einmal

den losen Schnee weggeschaufelt und sich hingelegt hatten, um zu

schlafen, benutzte der Dieb die Gelegenheit, sobald der andere fest

eingeschlummert war, und machte sich mit dem Fleisch und den Stücken

einer Plane aus der Hütte davon. Er nahm als sicher an, daß sein

Gefährte in der Einsamkeit umkommen werde.

Gran Cañon · 第 11 / 13 段