Gesteine, an denen man auf diesem Weg vorüberkommt, und führt auch
die Mächtigkeit der verschiedenen Ablagerungen an. Die oberste, der
Kaibabkalkstein, auf dem 2093 Meter über dem Meer El Tovar erbaut
ist, ist hier 206 Meter mächtig, und gewisse Lagen seiner weißen
feinkörnigen Schichten, auf denen der Bright Angel Trail gebaut ist,
sind reich an Abdrücken fossiler Muscheln und an Bruchstücken harten
gelben Feuersteins.
Gerade da, wo dieser Kalkstein aufhört und man den 95 Meter mächtigen
grauen Coconinosandstein betritt, ist ein kleiner kurzer Tunnel
gesprengt. Die Grenze der beiden Formationen ist sehr deutlich. Am
Tunnel kommt man auch an einer gewaltigen Verwerfung vorüber. Der Teil
der Cañonmauer, der westlich der Verwerfungslinie liegt, ist durch
eine Hebung der Erdrinde 43 Meter über den östlichen emporgehoben
worden. Der Tunnel selbst verläuft daher ganz im Coconinosandstein.
Übrigens liegt der Bright Angel Trail zum größten Teil östlich der
Verwerfungslinie; erst weiter unten, wo der Pfad die Ablagerungen der
Tontogruppe betritt, führt er westlich davon. Unmittelbar ehe man
die östliche Mündung des Tunnels erreicht, sieht man sehr deutlich
die Schichtung des Kalksteins und Sandsteins in ihrem gegenseitigen
Verhältnis und zur genannten mächtigen Spalte, in der die Bruchflächen
der Erdrinde aneinander abgeglitten sind. Lockeres Material des
Verwerfungsgebietes ist hinuntergestürzt und hat einen Schuttkegel
gebildet, ohne den es unmöglich gewesen wäre, einen Pfad anzulegen
und an dem sonst unübersteigbaren Hindernis vorüberzukommen, das die
senkrechte Coconinomauer im Gran Cañon überall bietet.
Auf der ganzen Strecke von El Tovar bis hinunter zur Brücke und über
den Colorado bewegt man sich im großen und ganzen nach Nordosten,
während der Pfad zahllose kleine scharfe Krümmungen macht.
Der Übergang vom Coconino zu der roten Supaiformation, die hier eine
Mächtigkeit von 340 Meter hat, ist sehr schroff. Die amerikanischen
Geologen haben gefunden, daß Schichten von hartem Sandstein mit solchen
von weichem Schiefer abwechseln; das hat zur Folge gehabt, daß die
Kräfte des Luftmeers Terrassen und Tische herausgemeißelt haben, die
immer rot und oft von prächtiger architektonischer Wirkung sind. Diese
Struktur tritt an dem „Kriegsschiff“, das unmittelbar westlich unseres
Weges seinen Rumpf erhebt, und an mehreren andern Steilhängen in
unserer Nähe besonders schön hervor.
[Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon.
Südwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.]
Dann folgen die Felsen des Redwall mit einer Mächtigkeit von 170
Meter. Darton weist auf eine allgemein vorkommende Erscheinung hin,
die man vor allem bemerkt, wenn man die Riesenmauern des Gran Cañon in
Farben wiederzugeben sucht. Die senkrechten Abstürze des Redwall sind
nämlich von dem Schlamm, den das Regenwasser von den darüberliegenden
roten Schiefern mit sich führt, in verschiedenen Schattierungen rot
gefärbt, während der Kalkstein selbst im Bruch hellgrau ist. Die rote
Farbe ist also eine Folgeerscheinung, die aber zu dem Namen Redwall
Anlaß gegeben hat.
Auf Metallschildern, die die Geologische Landesuntersuchung hat
anbringen lassen, sind die absoluten Höhen angegeben. Auch hier
erfährt man also von Zeit zu Zeit, wie tief man unter den Hochrand
hinabgestiegen ist. Bei der Höhenzahl 3876 Fuß (1181 Meter) über dem
Meer soll Platin gefunden werden, wie mir Sandy erzählt. Der Weg
dorthin trägt den bezeichnenden Namen „Jakobsleiter“; er ist in der Tat
halsbrecherisch.
Die Ablagerungen der Tontogruppe, auf denen wir uns jetzt befinden,
sind 245 Meter mächtig. Der Indian Garden, wohin es von der Höhenmarke
3876 nur noch einige Minuten sind, liegt also im Tonto. Der
Seitencañon, dem wir die ganze Zeit gefolgt sind, heißt Garden Creek.
Unser heutiger Ritt maß fast 20 Kilometer, und wir waren fünf Stunden
unterwegs. Aber wir rasteten auch mehrere Male, um zu zeichnen, und
gönnten uns im Indian Garden eine herrliche Ruhestunde. Die Temperatur
betrug hier um 1 Uhr 35 und in der Sonne 46 Grad. Der Indian Garden ist
eine kleine prächtige Oase in dieser sonnendurchglühten Steinwüste.
Hier treten lebenspendende Quellen zutage und bilden einen munter
plätschernden Bach mit klarem, lauwarmem Wasser von 23,6 Grad.
Wie Darton berichtet, benutzten die Indianer es zur Bewässerung
ihrer Getreidefelder, mehrere hundert Jahre vor der Ankunft des
weißen Mannes. Mit Weinranken überwachsene Weiden und ein üppiger
Pflanzenwuchs bilden ein kühle, feuchte Laube, durch die der Quellbach
fließt. Ungern verläßt man den angenehmen Schatten, um sich wieder der
Sonnenglut auszusetzen. Die zu El Tovar gehörenden Häuser am Anfang des
Bright Angel Trail sehen von hier unten wie kleine Punkte aus.
Auf dem harten Sandsteingrund der Tontoplattform führt unser Weg
entlang, nachdem wir den Indian Garden und seinen Creek verlassen
haben. Wir reiten eine Strecke nach Osten und haben Isis und Buddha
Temple zu unserer Linken und Brahma und Zoroaster Temple halb links
vor uns. Den Tonto Trail, dessen Anfang wir bei Hermit Camp sahen,
lassen wir links liegen. Hoch oben auf den Hängen unterhalb des
Südrandes erblicken wir eine Reiterschar. Infolge der Entfernung sieht
es aus, als bewege sie sich nicht von der Stelle. Yavapai und Yaki
Point schweben hoch über uns als scharf gezeichnete Vorsprünge. Wir
kommen an zwei Grotten vorüber, die in einer senkrechten Felswand
etwas über dem Boden liegen; in ihnen haben vor Zeiten Höhlenbewohner
gehaust. Eine kleine Herde verwilderter Esel (Burros) kreuzt kaum
100 Meter vor uns den Pfad und verschwindet zwischen den Hügeln in
einer hellgrauen Staubwolke. In der Ferne ist eine zweite Herde zu
sehen. Ich betrachtete sie nicht mit derselben Aufmerksamkeit und
Bewunderung wie ihre wilden Stammesgenossen in Tibet. Sie sind wie wir
selbst Fremdlinge in dieser erhabenen Natur; nur ein Zufall hat sie
hierhergeführt. Büsche, die in Erosionsfurchen und Schluchten wachsen,
und die vertrockneten Grashöcker auf den Hängen geben ihnen Nahrung.
Wir betreten nun den Pipe Creek, mit dem sich weiter unten der Garden
Creek vereinigt. Hier steht noch eine grün angestrichene Hütte aus der
Zeit, als Phantom Ranch, unser nächstes Ziel, erbaut wurde. Nach kurzer
Frühstücksrast kommen wir an Burro Spring und seinem kleinen Rinnsal
vorüber, und eine halbe Stunde später hebt sich in der Tiefe unter
uns jenseits des Flusses Phantom Ranch ab. Eine Tafel gibt an, daß
wir bis zur Brücke über den Colorado noch zwei Meilen (3,2 Kilometer)
haben. Kurz darauf treten alle die Felsen und Vorsprünge zurück,
die bisher die Aussicht auf den Fluß verdeckten. Die Landschaft in
ihrer dunklen engen Wildheit wird jetzt wieder überwältigend, und auf
halsbrecherischen Abhängen steigen wir in die Granitschlucht hinab,
die hier 421 Meter tief ist. Schon von der Tontoplattform hatten wir
eine prächtige Aussicht auf die Rinne, aber jetzt stehen wir an ihrem
Rand, und alle Einzelheiten treten hervor. Je tiefer wir hinabkommen,
desto stärker wird das Tosen der Stromschnellen. Die Hängebrücke über
den Fluß erscheint schmal wie ein Streichholz, und ihr ebenso schmaler
Schatten liegt als schwarzer Strich auf dem grauen Wasser.
Während des ganzen Abstiegs hatten wir, ebenso wie von El Tovar aus,
vorzügliche Aussicht auf das Tal, das von Nordosten kommend in den
Gran Cañon mündet und Bright Angel Creek heißt. Dies Tal wollten wir
am nächsten Tag hinaufreiten. Seine untern Teile schneiden in Granit
und Gneis ein, während die mittlern Regionen durch die Gesteine der
Unkargruppe führen. Im Nordwesten, nördlich des Colorado, wie im Osten,
südlich des Flusses, tritt die Unkarformation an mehreren Stellen
zutage.
[Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon.
Nordwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.]
Der Rio Colorado ist hier 90 Meter breit und 7½ bis 10½ Meter tief. Am
südlichen Brückenkopf rasten wir im Felsschatten, und ich zeichne eine
Skizze (S. 161), während Sandy die Maultiere hinüberführt. Die Brücke
ist 128 Meter lang, 1½ Meter breit und mit Bohlen belegt. An den Seiten
ist sie mit Drahtnetz geschützt, so daß man ganz beruhigt sein kann,
selbst wenn die Maultiere scheuen. Dagegen kann es gefährlich sein, sie
bei starkem Wind zu überschreiten. Wie Sandy erzählt, geriet einmal
die Brücke bei einem schrecklichen Sturm in so heftige Schwingung, daß
sie sich überschlug. Seitdem ist sie mit Hilfe von eisernen, an den
Seiten angebrachten Kabeln besser verankert worden. Wir befinden uns
hier 762 Meter über dem Meer und sind somit von El Tovar 1331 Meter
hinabgestiegen.
Nach Überschreiten der Brücke reitet man ein Stück auf einem Gesims
am rechten, nördlichen Ufer, unmittelbar über den sich dahinwälzenden
Wassermassen. Dann verläßt man den schwindelerregenden Pfad, kreuzt
einen Flugsandgürtel, auf dem Büsche wachsen, und erreicht schließlich
den Punkt, wo der Bright Angel Creek in die Rinne des Colorado, die
Granite Gorge, mündet. In dem Seitental fließt ein Bach, an dessen
Westufer der Pfad zu der gemütlichen Unterkunftsstation Phantom Ranch
hinaufführt. Hier sind hübsche Steinhütten erbaut; jede hat zwei kleine
Veranden, zum Schutze gegen Insekten mit feinen Drahtnetzen versehen.
Ebenso wie in Hermit Camp sind Küche und Speiseraum in einer besondern
Hütte untergebracht, in der sich die Gäste zu bestimmten Zeiten
versammeln.
Vom Sonnenuntergang sah ich heute abend nicht viel. Phantom Ranch
liegt auf dem Grunde dieser tief eingeschnittenen Talschlucht, und man
ist wie in einem Korridor eingeschlossen. Nur die Zinne des südlichen
Cañonrandes rings um Yavapai Point wird von der sinkenden Sonne
vergoldet, und auf den höchsten Kämmen, die den Bright Angel Creek
umrahmen, blitzt hier und da ein goldner Streifen. Bald erlöschen sie,
und schnell bricht dann die Dämmerung herein, hier unten in der Tiefe
viel früher als auf den offnen Weiten von El Tovar.
Meine Hütte hat nur ein einziges Zimmer, das Schlafgemach mit
indianischen Matten auf dem Fußboden, und ein Kämmerchen, in dem man
sich durch eine herrliche Dusche erfrischen kann. Da es um ½10 Uhr
auf der Veranda, wo mein Bett stand, noch 34,6 Grad hatte, besprengte
ich Fußboden, Dach und Gitter mit Wasser und erreichte dadurch, daß
die Temperatur auf 28,6 Grad sank. Langsam steigt der Mond am Himmel
empor. Während die Bergwand der rechten Talseite fast bis zum Fuß hinab
beleuchtet ist, liegt die linke in dichtem Schatten. Es dauerte noch
eine Weile, ehe der Mond sich über ihrem Kamm blicken ließ. Der Gesang
der Grillen und das Murmeln des Baches sind die einzigen Laute, die die
Stille der Nacht stören. Ich hatte erwartet, daß des Nachts ein kühler
Bergwind ins Tal wehen würde, aber der herrschende Luftzug vermochte
kaum die Blätter zum Rascheln zu bringen. Die Hitze des Tages bleibt
im Tal drückend liegen, und die von der Sonne erhitzten Berghänge
strahlen während der Nacht ihre Wärme aus. Trotz der eigenartigen
Schönheit der Gegend und der Gemütlichkeit und Behaglichkeit in Phantom
Ranch kann man sich nicht des Gefühls erwehren, als säße man in einem
geschlossenen Wagen, und man sehnt sich nach weiten Horizonten. Ich
beschloß daher, die nächste Nacht an einem höhern Punkte des Tals
zuzubringen.
Am 28. Juni waren es um 5 Uhr morgens 25, um 10 Uhr 30,1 und um 11 Uhr
31,2 Grad.
Ganz in der Nähe der Stelle, wo der Bright Angel Creek in den Colorado
mündet, ist auf einem Hügel eine kleine Hütte errichtet. Hier wohnt
das ganze Jahr hindurch, einsam wie ein Eremit, ein Mann, der täglich
den Wasserstand des Flusses und jeden zweiten Tag die Wassermenge
mißt und telegraphisch nach Imperial Valley und Denver meldet. Seine
einfache Wohnung erhält ihr Wasser durch eine Rohrleitung, die von
einem Punkt oberhalb Phantom Ranch ausgeht, aber seine Mahlzeiten nimmt
der Beobachter im Speisezimmer zusammen mit den Touristen ein. Er
heißt J. W. Johnson und sein Titel lautet U. S. T. S. Recorder Grand
Canyon, Chief Hydraulic Engineer U. S. Geological Survey, Washington,
D. C. (Beobachter am Gran Cañon im Telegraphischen Staatsdienst,
Wasserschutz-Oberingenieur der Geologischen Landesuntersuchung).
Ich lernte also Herrn Johnson kennen und erhielt von ihm folgende
Aufschlüsse.
[Illustration: Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright
Angel Cañon.
Aussicht nach Nord 25° Ost (29. Juni).]
Die Messungen werden von einem Korb aus vorgenommen, der auf einem
neben der Brücke gespannten Kabel auf Rollen läuft. Das Kabel ist in
zwanzig Abschnitte mit 15 Fuß (4,6 Meter) Zwischenraum eingeteilt;
denn der Fluß hat hier eine Breite von 300 Fuß (91,5 Meter). Die
Stromgeschwindigkeit in zwei verschiedenen Tiefen und die Flußtiefe
werden also an neunzehn Punkten gemessen. Die mittlere Tiefe betrug
jetzt etwas mehr als 9 Meter. Im Winterhalbjahr (September bis März)
erreicht die Wassermenge ihren Tiefpunkt mit 153 Kubikmeter in der
Sekunde, die bei dem Gefälle etwa 5400 Pferdestärken entsprechen.
Bei meinem Besuch belief sich die Wassermenge auf 1740 Kubikmeter,
und der Wasserstand war 4,9 Meter über Normal. Am 4. Juni hatte er
8,05 Meter und im Jahr 1921 9,75 Meter betragen. Am 4. Juni war die
Wassermenge fast doppelt so groß gewesen wie heute am 28. Juni, nämlich
3400 Kubikmeter in der Sekunde. Die Stromgeschwindigkeit hatte an
jenem Tag im Durchschnitt 2,13 Meter in der Sekunde erreicht. Die
höchste Geschwindigkeit ist 3,35 Meter, die geringste 0,46 Meter in
der Sekunde. Am Tage vor meiner Ankunft war die Wassermenge um 85
Kubikmeter geringer als am 28. Juni, und der Bright Angel Creek führte
nur 0,86 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Das Wasser des Bright Angel
Cañon stammt aus vier Quellen.
Im Jahr 1923 wollte E. L. Kolb zum drittenmal das Wagestück
unternehmen, im Boot den Colorado hinabzufahren. Er war der Leiter
einer Gruppe von zehn Topographen mit vier Booten. 1922 hatten sie
ihre Messungen und kartographischen Arbeiten am Green River in Utah
begonnen. Sie hatten zwei Monate gearbeitet und wollten jetzt in den
nächsten drei Monaten nach Needles in Kalifornien hinunterfahren. In El
Tovar hatte ich darüber einen interessanten, durch Karten und Bilder
besonders gut erläuterten Vortrag von Herrn Kolb selbst gehört. Der
erste, der sich durch eine solche Bootfahrt berühmt machte, war, wie
schon erwähnt, Powell im Jahr 1869. Bei einer so tollkühnen Fahrt,
auf der man ständig Gefahr läuft, in den Stromschnellen zermahlen zu
werden, braucht man noch nötiger als sonst die Kraft seiner beiden
Arme. Powell hatte nur einen Arm, aber er führte sein Wagnis trotzdem
glücklich durch.
Man berechnet, daß jährlich an 300 Millionen Tonnen Schlamm in den
Golf von Kalifornien geführt werden. In der Imperial Valley genannten
Gegend, die auf der Grenze von Arizona und Kalifornien nicht weit
von der Mündung des Colorado liegt, ist im Lauf von unübersehbaren
Zeiten durch die Anschwemmungen des Flusses ein überaus fruchtbarer
Boden entstanden. Aber da der Colorado in seiner Rinne durch sie
hindurchfließt, ist das Gebiet selbst ohne Wasser und daher ganz
wüst und öde. Später hat man sich den Fluß zunutze gemacht, Kanäle
gegraben und ein Bewässerungsnetz angelegt, durch das viele Tausende
Quadratkilometer der Wüste entrissen wurden. Vor einigen Jahren noch
war diese Wildnis wertlos. Seitdem aber der Boden unermeßlichen Ertrag
an Baumwolle und Früchten liefert, muß man bis zu zweitausend Dollar
für einen Acre (40,5 Ar) bezahlen.
Im Interesse dieser Bewässerung macht Herr Johnson seine Beobachtungen
und telegraphiert täglich nach Yuma, dem Hauptort im Imperial Valley.
Man weiß daher volle sieben Tage vorher, welche Wassermenge man zu
erwarten hat, und kann danach seine Vorkehrungen treffen. Später
hatte ich Gelegenheit, in Begleitung eines der größten kalifornischen
Grundbesitzer, der besonders im Imperial Valley begütert war, des Herrn
Harry Chandler, diese merkwürdige Gegend zu besuchen.
Elftes Kapitel.
Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf.
Ich hatte in Phantom Ranch zu bleiben gedacht, um zu sehen, wie Herr
Johnson seine Messungen machte, aber am Nachmittag erhielt Sandy den
telephonischen Bescheid, wir müßten uns beeilen, da die Maultiere in
El Tovar gebraucht würden. Obgleich es schon 2 Uhr war, machten wir
uns also zu einem kürzeren Ritt fertig, zehn Kilometer aufwärts zu den
Altar Falls, wo wir die Nacht verbringen wollten. Bei Phantom Ranch
betrug die Temperatur um diese Zeit 36,1 Grad, um 3 Uhr, ein Stück
weiter aufwärts im Bright Angel Cañon 39,6 und im Bach 22,8. Das Tal
war schmal wie ein Korridor. An einer Stelle schrumpft es zu einem
nur 6 Meter breiten Hohlweg zusammen. Hier und da wachsen Weiden und
Büsche. Der Pfad ist recht schlecht, aber den Maultieren ist jedes
Gelände recht. Das Tal ist von dem Brausen des tosenden Baches erfüllt,
und in weißschäumenden kleinen Fällen und Stromschnellen zwängt sich
das sonst klargrüne Wasser zwischen Steinen und Blöcken hindurch. Nicht
weniger als sechsundachtzigmal mußten wir das Bächlein überschreiten.
Ab und zu ist der Nordrand zu sehen, die Zinne des Plateaus, in das der
Fluß sich eingesägt hat. Dann weitet sich das Tal mehr und mehr. An
einigen Stellen wachsen Pappeln; sie stehen meistens einzeln und tragen
oft üppige Laubkronen. In einer kleinen Talweitung, wo mehrere Bäume
einen Hain bildeten, machten wir auf einem schattigen Sandhügel kurze
Rast. Die Temperatur war auf 37,8 Grad gefallen. Wir stiegen ja auch
bergauf, im ganzen etwa 370 Meter.
Schließlich bogen wir in ein kleines Seitental zur Linken ein und
erreichten bald die Altar Falls, wo wir uns 1160 Meter über dem Meer
befanden. Das Seitental ähnelt einer Nische oder Tasche in dem roten,
zur Unkargruppe gehörenden Gestein. Im innersten Teil dieser Nische hat
der Quellbach in ihre senkrechte Hinterwand eine Kerbe eingeschnitten,
und über deren Kante stürzt das Wasser in einem frei fallenden Strahl
hinunter. Rauschend und spritzend schlägt es an einen sehr steilen,
24 Meter hohen Kegel aus Kalksinter, der an einen Altar erinnert, und
fließt an seinen üppig bemoosten Seiten hinunter. Zischend peitscht das
Wasser das Moos, und schießt dann in das kleine Becken hinab, das am
Fuße des Kegels entstanden ist. Auch zu beiden Seiten sickern kleine
Rinnsale hervor und bahnen sich einen Weg durch Kies und Moos, wo graue
nasse dunkelbraune Tausendfüßler umhereilen. Unmittelbar unter dem Fall
hatte das Wasser um 6 Uhr nachmittags eine Temperatur von 18 Grad. Von
den 860 Sekundenlitern des Bright Angel Creek stammt nur ein geringer
Teil von den Altar Falls. Die Höhe des Wasserfalls beträgt 35 Meter.
Für ein Freiluftlager kann man sich keinen angenehmern Platz wünschen.
Nur dreißig oder vierzig Schritt unterhalb des Falls bestand der Boden
aus rotem Sand. Hier wuchsen vereinzelte Pappeln und einige Sträucher.
Unmittelbar am Fuß der senkrechten, zum Teil überhängenden Felswand
grub mein braver Cowboy eine Vertiefung in den Sand für mein Bett.
Er hatte nämlich Decken, Laken und Kissen mitgenommen. Die Maultiere
wurden angebunden. Wasser hatten wir ganz in der Nähe, und Brennstoff
gab es im Überfluß. Bald kochte es in den Töpfen, und die Eßvorräte,
die wir von Phantom Ranch mitgenommen hatten, wurden auf dem Sande
aufgetischt. Um 8 Uhr waren es 27 Grad in der Luft. Der Abend war
herrlich, still und klar. Die Dämmerung wurde dichter. Am flammenden
Lagerfeuer nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Kaffee und Pfeifen erhöhten
die Gemütlichkeit, und dann gingen wir zeitig zur Ruhe. Ich lag noch
bis Mitternacht wach, genoß die wunderbare Stimmung und lauschte dem
Rauschen des Falles und dem Murmeln des Baches, das von einem ganzen
Konzert von Fröschen und Grillen begleitet war. Mit den Augen folgte
ich der Bahn der Sterne über den schmalen Streifen Himmel, der zwischen
den Felsgraten zu sehen war. Das kleine Seitental der Altar Falls läuft
von Nordwesten nach Südosten. Die Sterne verschwanden nacheinander
hinter der hohen Bergwand südwestlich des Lagers, die der Mondschein
mit seinem Silber übergoß. Schließlich stieg der Vollmond über den
Rand der Felsenmauer im Nordosten empor. Ich schlief eine Weile, und
als ich wieder für einen Augenblick erwachte, hatte auch der Mond den
dunkelblauen Raum zwischen den Felsenzinnen überschritten.
[Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1.
Juli).
Die waldbewachsene Erhebung links ist McClellan Point.]
Am 29. Juni betrug die Temperatur um 7 Uhr 22,2 Grad in der Luft und
16,7 im Bach. Wir frühstückten, packten unsere Sachen und setzten
unsern Ritt den Bright Angel Creek hinauf fort, indem wir wie gestern
wiederholt den Bach kreuzten. Der Weg ist schlecht, aber die
Touristen verirren sich ja auch selten zum Nordrand; in diesem Jahr war
es nur ein paarmal vorgekommen. Bei einer kleinen von links kommenden
Schlucht mit einem verschwindend kleinen Bächlein, das mein Begleiter
Wall Creek nennt, befinden wir uns 1190 Meter über dem Meer. Von
hier sieht man mit Hilfe des Fernglases El Tovar und den Rauch einer
Lokomotive. Kurz vor 10 Uhr sind es 39,6 Grad, die größte Wärme, die
ich im Gran Cañon ablas; offenbar war diese Zahl durch die Ausstrahlung
der Bergwände beeinflußt, denn oben in freierem Gelände stieg die
Temperatur nicht so hoch.
Man verläßt nun den Talboden und steigt sehr steil eine Bergschulter
hinan, nach Manzanita empor. Der Name ist nach Sandy mexikanisch und
bedeutet „kleine Orange“; dieser Strauch kommt nämlich hier vor. Auf
den Hängen der andern Talseite wachsen Kiefern und Wacholder. Der
Weg führt meistens durch dickichtartige Gebüsche mit harten Zweigen.
Nachdem wir die Höhe erreicht haben, geht es wieder Hals über Kopf zum
Bach hinab. Von links kommt ein kleiner Bach und bildet schöne Fälle
auf den Felsenplatten. Jetzt steht Wacholder- und Kiefernwald auch auf
unserer Seite.
Bei Roaring Springs sind wir kaum 1200 Meter von Bright Angel Point
entfernt, dessen gewaltige Mauern im Westsüdwesten fast senkrecht
über uns emporragen. Trotzdem haben wir noch 5½ Stunden bis dorthin,
denn wir müssen mehrere Kilometer den Bright Angel Cañon hinauf nach
Nordosten reiten, ehe wir an eine Stelle kommen, wo das Gelände auf
das Hochland hinaufzusteigen erlaubt; dann müssen wir ebensoweit nach
Südwesten reiten, um das Lager am Bright Angel Point zu erreichen.
Von rechts kommt ein kleiner Nebenfluß, der sich in schäumenden Fällen
über bewachsene Abhänge hinabstürzt. Wir befinden uns in 1420 Meter
Höhe. Das Wasser in unserm brausenden Gießbach hat eine Temperatur von
12,3 Grad und fühlt sich eiskalt an. Die Vegetation ist üppig; rote
Felsrücken und Mauern ragen aus dem Grün empor und rufen mit ihren
frischen lebendigen Farben prächtige Wirkungen hervor.
Um ½11 Uhr gönnen wir den Maultieren und uns selbst eine halbstündige
Rast; ich benutze sie dazu, ein paar flüchtige Skizzen zu zeichnen. Die
Landschaft ist berückend schön. Hier ist es warm und herrlich -- wie
gern wäre ich auch hier länger geblieben; aber wir mußten uns beeilen,
denn die Maultiere wurden in El Tovar gebraucht. Wir haben den Bach
überschritten und befinden uns auf seinem rechten Ufer, nachdem wir
bisher den ganzen Tag auf dem linken geritten waren.