eine Geschichte vor, die glaubhaft scheinen konnte. Dabei beging er
jedoch die eine und andere Unvorsichtigkeit, die Uncle Jim und seine
Leute Verdacht schöpfen ließen, daß nicht alles richtig sei und daß ein
Mann fehle.
Am Abend trat plötzlich der Gefährte ein, und als er den Dieb
erblickte, der ihn so verräterisch im Stich gelassen hatte, zog er das
Messer und stürzte sich auf ihn; er hätte ihn getötet, wenn ihn die
Anwesenden nicht daran gehindert hätten.
Während der Nacht wurden die beiden in getrennten Räumen untergebracht
und bewacht. Am Morgen wollte der Dieb durch den Schnee nach der Stadt
Hurricane weiter. Er ließ sich von den andern nicht abschrecken, die
ihn vor dem 120 Kilometer langen Weg warnten und ihm rieten, lieber
nach Fredonia zu gehen, das nur 22 Kilometer entfernt sei. Er machte
sich also auf den Weg nach Hurricane, erreichte aber nie sein Ziel.
Obwohl ein Jahr seitdem verflossen ist, hat niemand etwas von ihm
vernommen. Wahrscheinlich ist er in der Kälte umgekommen und dann von
Heulwölfen aufgefressen worden.
Der andere wurde in das Krankenhaus St. George in der Südwestecke von
Utah gebracht, dem nächsten Ort, wo er richtige Hilfe erhalten konnte.
Die Füße mußten ihm abgenommen werden, und freundliche Menschen nahmen
sich seiner an.
Wir saßen am prasselnden Feuer und plauderten und sahen zu, wie die
sprühenden Funken zum mondhellen Himmel emporwirbelten. Mit Herrn
Jensen besprach ich den Plan eines zweitägigen Ausfluges nach Cape
Royal.
Den ganzen folgenden Tag, 30. Juni, benutzte ich dazu, einige Skizzen
und flüchtige Aquarelle hinzuwerfen, von denen ich zwei wiedergebe (S.
128 und S. 144). Auf dem einen sieht man den Deva- und Brahmatempel
und einen Schimmer des Zoroastertempels, während das Kap Obi Point,
von dem ihr Sockelrücken ausgeht, von Bäumen verdeckt wird. Das
zweite Bild zeigt die Aussicht nach Norden und Nordnordosten auf das
kleine Seitental und im Hintergrund einen Teil der innersten Regionen
des Bright Angel Cañon. Die ganze Landschaft schimmert hier in Grün
und Rot. Das Grün der Vegetation herrscht auf den Höhen vor, das
Rot breitet sich nach der Tiefe zu aus. Der Kaibabkalkstein bildet
senkrechte, ins Violette spielende Wälle. Es ist eine farbensatte,
seltsame Landschaft, die recht unwahrscheinlich aussieht.
Am folgenden Morgen weckten mich Autogeratter und Stimmen; es war
ungewöhnlich lebhaft am Wylie Way Camp. In dem einen Auto kamen
Touristen angefahren, die auf das Kap hinausgingen und die Aussicht
bewunderten, um auf dem gleichen Wege zurückzukehren. Die Insassen des
zweiten waren drei Männer aus dem Volk, unter ihnen ein älterer Mann,
voller Scherze und heiterer Einfälle. Ohne weiteres begann er von der
bevorstehenden Präsidentenwahl zu sprechen und war der Überzeugung,
daß Ford vom Volk gewählt werden würde. Er selbst wolle ihm gern seine
Stimme geben, wenn Ford ihm als Gegengabe ein Auto schenke. „Manche
Leute benutzen solche Methoden bei der Präsidentenwahl,“ sagte er,
„aber vielleicht ist Ford doch nicht aus +dem+ Holz.“
[Illustration: Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal.]
Mit dem jungen Robert McKee wanderte ich durch den Wald nach
dem anderthalb Kilometer entfernten nordöstlichen Rand des tief
eingeschnittenen kleinen Seitencañons The Transept. Vom Rand aus
kletterten wir eine steile Steinrinne zwischen zwei Kalksteinfelsen
hinab und balancierten dann vorsichtig auf einem sehr schmalen Gesims
vorwärts, wo wir den Abgrund zur Rechten und die Felswand zur Linken
hatten. Zum Glück war dieser schwindlige Steg über die jähe Tiefe
nicht lang, und ehe ich mich dessen versah, standen wir am Eingang
einer Grotte, in der Höhlenbewohner, „Cliffdweller“, gehaust hatten.
Wir traten in die kühle Dämmerung ein. Der Boden stieg recht steil
zum innersten, höchsten Teil der Grotte an, der vom äußern Teil durch
eine Mauer aus Steinen, Holzstücken und Mörtel abgetrennt war. Es sah
aus, als sei der äußere Raum die eigentliche Wohnstätte, der innere
vielleicht eine Vorratskammer gewesen. Als der junge McKee vor einiger
Zeit diese Höhlenwohnung entdeckte, fand er Scherben von Tongefäßen,
die er auflas. Deutlich konnte man noch sehen, wo die Feuerstätte
gewesen war; nach den Spuren zu urteilen, kann es nicht besonders lange
hergewesen sein, daß die Grotte bewohnt wurde. Von der Plattform vor
der Höhle aus zeichnete ich eine Skizze des Ausläufers, der im Süden
den Cañon The Transept begrenzt und dessen innerer höchster Teil Oza
Butte heißt, während der äußere, eine kegelförmige Höhe, den Namen
McClellan Point hat (S. 197). Zwischen Ausläufer und Grotte gähnt der
schwindelnde Abgrund.
Im Laufe des Tags segelten weiße Wolken über Arizona hin. Es konnten
die ersten Herolde der Regenzeit sein, obwohl diese gewöhnlich erst um
den 20. Juli beginnt. Sie bringt einen oder zwei heftige Regenschauer
am Tag. Die Luft wird dadurch abgekühlt, und der Regen ist besonders
für das Vieh willkommen, das in den dürren Wäldern weidet. Alle
Zisternen füllen sich mit Wasser, auf längere Zeit hinaus braucht man
nicht zu fürchten, daß die Herden durch Durst gelichtet werden.
Über die Wärme konnte man sich in Wylie Way Camp nicht beklagen. Um
Mitternacht sank die Temperatur auf 19,2 Grad. Aber Wylie Way Camp
liegt auch bedeutend höher als der Südrand, nämlich 2515 Meter über dem
Meer.
[4] Auf meine Frage, was die beiden Buchstaben bedeuteten, erhielt
ich die Antwort, sie seien ursprünglich nur ein Brandzeichen
gewesen, durch das ein Viehbesitzer seine Tiere von denen seiner
Nachbarn unterscheiden wollte; man habe diese beiden Buchstaben
gewählt, weil sie leicht einzubrennen seien.
Zwölftes Kapitel.
Ausflug nach Cape Royal.
Der 2. Juli war ein herrlicher Tag. Als wir um ½11 Uhr aufbrachen,
stand kein Wölkchen am Himmel, und die Temperatur betrug nur 25
Grad. Es galt, den obersten Teil des Bright Angel Cañon zu umgehen
und das ganze Walhallaplateau zu queren, den südöstlichen Block des
Kaibabplateaus, mit dem es durch einen schmalen Hals zusammenhängt. Wir
mußten also nach Norden, Osten, Südosten und Süden steuern, um unser
Ziel zu erreichen, Cape Royal, das südlichste Kap des Walhallaplateaus,
nordwestlich von Navaho Point.
Zuerst fuhren wir im Auto. Kurz hinter Jensens Station bestiegen wir
einen Herrn Jensen gehörenden „Tallihoe“, einen hohen Holzwagen mit
großen Rädern, der von zwei prächtigen Maultieren gezogen wurde. Der
Kutscher Ernest Apling und ein Cowboy, Fuller, kutschierten dieses
abenteuerliche Gefährt. Beide waren „Breakers“, Bereiter, und gehörten
zu jenem frischen Schlag Freiluftmenschen, deren ganzes Leben darin
besteht, sich in Wald und Wildnis herumzutummeln. Jetzt sollte auch ich
die Waldluft in tiefen Zügen einatmen und dabei dem Gran Cañon neue
Bilder abgewinnen.
Anfangs war der Weg leidlich, aber wir hatten von unsern 22 Kilometern
erst wenige zurückgelegt, als es auf einem Weg, der aus Erde, Sand und
Kalkstein bestand, Hals über Kopf einen greulichen Abhang hinunterging,
in tiefen Radspuren, mit schrecklichen Stößen und Sprüngen und jähen
Wendungen. Man wurde hin- und hergeschleudert, streifte an Baumstämme,
man glaubte, man bleibe in Hohlwegen stecken, und bewunderte die
Maultiere, die ihre ganze Kraft aufbieten mußten, damit der schwere,
hohe Wagen nicht in die Tiefe rollte. Und dabei bremste Ernest, was
er konnte. Doch wir kamen glücklich in eine Bodensenke hinunter und
fuhren durch schönen Wald zur Neal-Pferdeweide mit ihrem Wiesenland.
Viele Bäume, die von Insekten heimgesucht worden waren, waren ganz
abgestorben oder nahe daran. Ein gewaltiger Nadelbaum war umgestürzt
und hatte sich quer über den Weg gelegt; als wir ihn umgingen, mußte
mancher junge Baum sich unter unserm Wagen beugen. Eine wunderbare
Stimmung herrschte in diesem Wald, der der Zerstörungssucht des
Menschen trotzt, aber doch wohl einmal seine Kronen wird senken müssen,
wenn die Eisenbahn von Norden bis an den Nordrand des Gran Cañon
geführt wird. Der Weg, den wir benutzten, war nicht alt. Er war erst im
Jahr 1922 angelegt worden. Und weshalb? Der Präsident der Union Pacific
Railway Co., Herr Adams, besuchte damals Wylie Way Camp und unternahm
einen Ausflug nach Cape Royal, um zu untersuchen, was hier in der Art
wie in El Tovar ausgeführt werden könne. Sein Plan war vermutlich, eine
Bahn bis an den Nordrand zu legen und in der Nähe des Cape Royal ein
Touristenhotel zu errichten. Herr Adams hatte zum Reiten keine Lust.
Daher mußte in aller Eile ein Weg gebaut werden; er wurde auch danach.
Jetzt hatten auch wir Nutzen davon und konnten bequem Mundvorräte,
Wasser und Betten mitnehmen.
[Illustration: Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final.
In der Mitte (Nord 74° Ost) die Mündung des Kleinen Colorado; links
davon Chuar Butte, rechts Cape Solitude.]
Wir sind oben auf dem Kamm des schmalen Halses, der das Walhallaplateau
mit dem nördlichen Hochland verbindet. Eine großartige Aussicht öffnet
sich nach Osten auf den Teil des Gran Cañon, wo der Colorado im Marble
Cañon von Norden nach Süden fließt. Jenseits des Marble Cañon breiten
sich die flachen Bodenwellen der Painted Desert bis in die fernste
Ferne aus; dort liegt auch das Schutzgebiet der Navaho-Indianer.
Ich war ganz erstaunt, als uns mitten in diesem wilden Wald aus
Fichten, Kiefern und vereinzelten Espen ein Zaun mit geschlossenem
Gatter aufhielt. Er hat den Zweck, die Pferde am Ausreißen zu hindern.
Ein Stück weiter erreichten wir den Greenland Lake, einen kleinen
Tümpel in dem eingezäunten Wald. Hier steht eine Hütte, in der Salz für
die Pferde aufbewahrt wird. Auch für die Rehe richtet man im Freien
Salzlecken ein. Ein Reh stand gerade da und äugte uns neugierig an, ehe
es pfeilschnell zwischen den Bäumen flüchtig wurde.
Bei Broad Hollow befanden wir uns in der Nähe des Randes. Wir
rasteten im Schatten, um die Aussicht auf den Gran Cañon und Point
Harris in Nordnordwesten zu genießen, den höchsten Punkt des ganzen
Randes. Wieder fesseln unsere Aufmerksamkeit die zarten leuchtenden
Farbtöne der „Bunten Wüste“. Herr McKee, der diese unvergleichlichen
Bilder schon so oft gesehen hat, wird ihrer nicht satt; er sagt, sie
zeigten sich fast stets in neuen Farben; jedesmal entdecke man neue
Einzelheiten und gewinne sie immer von neuem lieb.
Um ½2 Uhr zeigt mein Thermometer 29,4 Grad. Nördlich von Point Harris
werden in einem Tal 85 Bisons gehegt. In der Wildnis gen Westen leben
an tausend wilde Pferde, die Nachkommen verwilderter Ausreißer aus
der spanischen Zeit. Sie sind sehr scheu und können nur mit Hilfe
umfassender Korrale oder Einzäunungen eingefangen werden; man jagt sie
in diese hinein, um sie mit dem Lasso zu fesseln. Wie McKee erzählt,
sind sie nicht schwer zu zähmen, und wenn man sie gut behandelt, sind
sie sehr zutunlich und lenksam. Sie scheinen fast dankbar dafür zu
sein, daß man sich ihrer annimmt, und führen jede Arbeit aus, die man
von ihnen verlangt.
Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir das Ziel, eine von Cape
Royal ein gutes Kilometer entfernte Quelle. Hier schlugen wir ganz
in der Nähe des Randes das Lager auf, ließen die Maultiere auf die
Weide und machten ein herrliches Feuer an. Die Tiere bekamen Glocken
umgehängt, damit wir sie immer hören konnten. Während ich in der Gegend
umherstreifte, bereiteten die andern das Essen und machten unsere
einfachen Freiluftbetten zurecht -- denn das Zelt, das wir mitgenommen
hatten, verschmähten wir; man schläft besser unter freiem Himmel.
Drei Stunden lang saß ich auf einem Kap und malte. Das Farbenspiel war
hier anders, als ich es von Süden gesehen hatte. Die Sonne beleuchtete
das linke, östliche Ufer des Colorado, und die Bergwände und Böschungen
schimmerten in Graugelb, Violett, Lila, Ziegelrot, Rubinrot und
wieder Violett, alles in leichten, zarten, traumhaften Farbtönen,
nicht sattleuchtend wie vom Südrand aus. Auch hier überwältigt die
Landschaft durch ihre Schönheit und ihre unbeschreibliche Erhabenheit,
und mein Bild -- wenn ich meinen Versuch so nennen darf -- gibt nur
einen flüchtigen Begriff von der Wirklichkeit. Nachdem die Sonne
untergegangen ist, verblassen die reinen Farben; senkrechte Felswände
und abschüssige Hänge treten in dunkelvioletten, verschwommenen
Tönungen hervor, die Einzelheiten verschmelzen, alles liegt im
Schatten, und hellviolett steigt die Nacht über den Horizont der Wüste
empor.
Als ich in unser Lager zwischen hochstämmigen Kiefern zurückkehrte,
brannte das Feuer hellodernd; bei seinem Schein aßen wir und tranken
Tee. Bis der Mond um 11 Uhr aufging, waren wir auf und plauderten. Im
Geist sah ich wieder einen ganzen Aufzug von Pumas, die sich von den
Bäumen auf die Rücken wilder Pferde stürzen und ihnen mit ihren Zähnen
die Hälse aufreißen, von Luchsen, Wildkatzen und Rehen, Heulwölfen,
Klapperschlangen, Taranteln und Skorpionen. Ernest hatte einen
unerschöpflichen Vorrat an Jagdgeschichten. Schließlich hatten wir aber
genug, und jeder kroch in sein Nest. Noch lange lag ich wach und sah
das Feuer verblassen und den Mond zwischen den Kronen der Nadelbäume
dahinsegeln. Das einzige, was die Stille unterbrach, war das Rauschen
des Südwestwindes in den Bäumen und das Klingen der Glocken der
Maultiere.
Nachdem wir am 3. Juli zeitig gefrühstückt hatten, gingen wir zum
nächsten Kap und rollten einige Kalksteinblöcke die Abhänge hinab. Das
war knabenhaft und unnötig, aber sehr lustig. Der Block drehte sich
ein paarmal und sprang über den Rand, senkrecht fiel er die Felswand
hinunter und schlug auf dem nächsten Hangabsatz auf, und aus der Tiefe
erklang ein Dröhnen wie von entferntem Donner. Die Pumas in ihren
Höhlen dort unten in den unzugänglichen Schluchten wunderten sich wohl,
was los sein mochte.
[Illustration: Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost.]
Dann gingen wir auf das lange schmale Vorgebirge hinaus, das wie ein
Finger nach Süden zeigt. Seine äußerste Spitze, Cape Royal, ist sicher
einer der berühmtesten und großartigsten Punkte des Gran Cañon. Um das
Kap zu erreichen, muß man eine ziemlich tiefe Einsenkung überschreiten,
einen Graben, der allmählich die mächtige Säule des Cape Royal in eine
vom Walhallaplateau abgesonderte Insel verwandelt. Zwischen lichten
Bäumen und Büschen steigt man auf Geröll und Gras etwa 200 Meter
steil hinab, um dann aus dem tiefsten Teil der Rinne ebenso steil
hinaufzuklimmen zu der Zinne dieses kleinen inselartigen Plateaus,
das mit harten, hinderlichen Sträuchern und Nußkiefern bewachsen ist.
Nach halbstündigem Klettern machten wir ungefähr auf halbem Weg ein
Weilchen halt an der Wurzel eines höchst eigenartigen, vom Rand nach
Nordnordosten vorspringenden Ausläufers. Er bildete einen Wandschirm
aus sehr dünnem Kalkstein, dessen Nordende senkrecht abgeschnitten
und dessen oberer Teil mit einem rechteckigen Fenster versehen war
(S. 220). Auf dem Steilhang unter dem Fenster wuchsen lichtstehende
Nadelbäume von der schönen Pyramidenform der Fichte. Die Mauer war so
regelmäßig geformt, daß man glauben konnte, sie sei von Menschenhänden
errichtet. Aber sie war zu mächtig, ihre Maße waren ungeheuer. McKee
machte den Vorschlag, auf ihren Kamm hinauszugehen, doch ich widerstand
hartnäckig seinen Lockungen. Denn an einer Stelle nahe der Wurzel war
die ebene Fläche dieses Fußsteigs wenig mehr als ein Meter breit, und
zu beiden Seiten gähnten 200 und 250 Meter tiefe, senkrechte Abgründe.
Wenn man seiner nicht ganz sicher ist, tut man klug daran, auf einen
solchen Spaziergang zu verzichten.
Auf dem äußersten Vorsprung des Cape Royal richteten wir uns so bequem
wie möglich ein und blieben dort fast den ganzen Tag. Auch hier
erfüllt einen ein Gefühl der Beklemmung angesichts der großartigen
Schönheit der Landschaft, und ohne weiteres gesteht man sein Unvermögen
ein, diese staunenerregenden Bilder, diese in allen Schattierungen
schillernden Farben und diese großartige Architektur im Bild
wiederzugeben. Nach Westen ist der Cañon bis Havasupai Point und noch
weiter hinaus von der Sonne beleuchtet; die hohe Wand des Südrandes
dagegen liegt im Schatten. El Tovar ist leicht zu erkennen an einer
Rauchsäule, die von einer Lokomotive aufsteigt. Desert View im Südosten
kann man ungefähr bestimmen, und im Osten sieht man wieder in äußerst
starker Verkürzung die „Bunte Wüste“, deren berühmtes Farbenspiel zwar
entzückend, aber kaum so eigenartig ist, wie das Gerücht behauptet hat.
In der Ferne löst sich alles in Dunst und Nebel auf.
Ich nehme meinen Zeichenblock vor und beginne eine Skizze der Aussicht
nach Westen, die der Zoroaster- und Brahmatempel beherrschen. Links
von ihnen ahnt man die tiefe Riesenfurche des Colorado, während das
Felsenkap rechts im Vordergrund unser nächster Nachbar unter den nach
Süden vorspringenden Kaps des Walhallaplateaus ist. Wie ganz anders
nehmen sich die Tempel von hier, von der Seite gesehen, aus! Aber,
ich wiederhole es, in Linien wie in Farben bieten sie einen schönern
Anblick, wenn man sie bei Abendbeleuchtung von El Tovar aus betrachtet.
Von seltsamer Schönheit und überwältigender Mächtigkeit ist auch das
isolierte massige Felseneiland Wotans Thron. Seine Kaibab-, Coconino-
und Supaischichten folgen aufeinander in senkrechten Wällen und
steilen Hängen. Hinter dem gewaltigen Block zeigt sich in leichten
Farbtönen die Mauer des Südrandes. Wotans Thron gleicht einem Sarkophag
auf seinem Katafalk.
In Süd 15° Ost sehen wir den Wischnutempel und einen Teil des Rückens,
dessen höchster Punkt er ist (S. 205). Auf der Südseite des Tals
zeichnet sich die Grenzmauer zwischen Zuni und Papago Point ab. Über
dem Südrand in einer Entfernung von 100 Kilometer ragt der 3887 Meter
hohe, gewölbte Gipfel des San-Francisco-Gebirges empor.
Die nächste Skizze zeigt die Landschaft im Südosten mit dem Seitental
Unkar Creek im Vordergrund und in der Tiefe eine Biegung des Rio
Colorado (S. 209). Die Steilhänge zur Linken sind die letzten
Abdachungen des Apollo-, Venus- und Jupitertempels. Dem Beschauer
gerade gegenüber, jenseits des Flusses, liegt Navaho Point oder Desert
View, wo ich übernachtet hatte.
Cape Royal liegt in gerader Linie nur 13 Kilometer im Südosten von
Wylie Way Camp, aber unser Weg war fast 23 Kilometer lang. An dem
gewaltigen Bogen, den man machen muß, sind vor allem der Bright Angel
Cañon und der Clear Creek schuld, die in Gestalt zweier tiefer,
nach Nordosten gerichteter Kerben in den Block des Walhallaplateaus
einschneiden.
Ein Tag am Cape Royal gehört zu den herrlichsten Erinnerungen, die man
vom Gran Cañon mitnehmen kann. Beim Licht des Morgens sieht man die
Mauer der Palisaden im Schatten und die westlichen Regionen scharf
beleuchtet; grell heben sie sich ab von der infolge der Entfernung
leicht in Dunst gehüllten Welt des Hintergrunds. Im Laufe der Stunden
verändern die Schatten ihre Umrisse, die Vorsprünge und Erker der
Palisaden werden immer mehr von der Sonne getroffen, und ihre dunklen
Spalten schrumpfen zu immer schmaleren Linien zusammen, um schließlich
ganz zu verschwinden. Gleichzeitig werden die Schattenfelder unter
dem Südrand größer. Das Schönste ist die Nachmittagsbeleuchtung über
dem Land im Osten, nicht so sehr der Formen und Umrißlinien wegen als
der Farben. Die Schatten, die sonst stets wichtig sind, damit die
Formen sich kräftig herausheben, machen sich dann nur wenig geltend,
da sie auf der Rückseite der Tempel liegen und die Sonnenstrahlen in
die Spalten der Palisaden eindringen. Fast alles, was man im Osten
erblickt, ist von Sonne überflutet und prangt in hellen, bunten,
feinen, vornehmen Farben, unter denen Rot, Violett, Grün und Gelb
vorherrschten.
Mein letztes Bild vom Cape Royal ist ein matter Versuch, der Phantasie
wenigstens eine schwache Stütze zu geben. Denn der Versuch, nur mit
Worten einen Begriff vom Gran Cañon zu geben, ist völlig hoffnungslos,
das habe ich schon mehrere Male betont. Ganz links erblicken wir die
Spitze des Cape Final und die Südhänge des Walhallaplateaus zwischen
den beiden berühmten Kaps. In der Ferne sieht man Jupiter-, Venus- und
Apollotempel, hinter ihnen die Palisaden. Über ihrer Mauerkrone ist
in der gewohnten starken Verkürzung ein Schimmer der Bunten Wüste zu
sehen. Den Vordergrund beherrscht der Unkar Creek, der im Süden vom
Wischnutempel begrenzt wird.
Im Vorhergehenden habe ich schon die große Ungleichheit hervorgehoben,
die zwischen der Gestalt und dem Verlauf des Süd- und Nordrandes
herrscht und die darin besteht, daß der Südrand wenig eingeschnitten,
der Nordrand dagegen von der Erosion in der phantastischsten
Weise angegriffen ist. Eine Reihe von Seitentälern von der Art des
Bright Angel Cañon haben ihre Rinnen tief ins nördliche Tafelland
eingeschnitten. Wir haben gesehen, wie dem Walhallaplateau in einer,
geologisch gesprochen, sehr nahen Zukunft das Schicksal bevorsteht,
völlig abgeschnitten und in einen freistehenden Block verwandelt zu
werden, der infolge der von allen Seiten arbeitenden Erosion mit der
Zeit die Form der jetzigen Tempel annehmen wird. Der Staatsgeologe
N. H. Darton hat in seinem Buch eine sehr einfache Erklärung der
Ursachen dieser Ungleichheit des südlichen und nördlichen Cañonrandes
gegeben. Der erstere liegt über 300 Meter höher als der letztere, da
der Kaibabkalkstein allmählich nach Süden abfällt. Als der Fluß seine
Rinne durch die Schichten schnitt, lag der Nordrand notwendigerweise
höher als der Südrand. In den höheren Regionen sind die Niederschläge
reichlicher. Die Regenfluten strömen nach Süden und stürzen die
Hänge des nördlichen Cañonrandes hinab, um sich mit dem Colorado zu
vereinigen; es liegt auf der Hand, daß ihre den Boden angreifende Kraft
hier unvergleichlich größer sein mußte als im Süden, wo die Regenbäche
ihre Quellen im Randgebiet haben und dann nach Süden fließen, vom Cañon
weg.
Eine kurze Lunchpause unterbrach meine Arbeit. McKee hatte, während
ich zeichnete, Tee gekocht und unsere Vorräte unter einer knorrigen
Kiefer auf dem äußersten Vorsprung aufgetischt; in ihrem Schatten
nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Dann zeichnete ich weiter und hörte
erst bei Sonnenuntergang auf. Als der Tag verstrichen war, die rote
Pracht erlosch und die Farben verblichen, traten wir eiligst den
Rückweg in unser Lager unter den Fichten an. Beim prasselnden Feuer
aßen wir unser Abendbrot; dann wurden wieder haarsträubende Geschichten
von Klapperschlangen und andern ungemütlichen Tieren erzählt, und
schließlich krochen wir in unsere Freiluftbetten.
[Illustration: Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain.]
Am 4. Juli standen wir früh auf, aber es dauerte stundenlang, bis
die Maultiere wiedergefunden wurden. Erst gegen Mittag konnten wir
aufbrechen.
Wir wollten zunächst in die Nähe des Cape Final; aber dorthin führte
nicht die Spur eines Weges. Ernest saß auf der vordern Querbank und
kutschierte, und ich saß auf der hintern Bank. Auf dem Rand, kaum zwei
Meter vom Abgrund, war der Boden am ebensten. Man hatte die gähnende
Tiefe unmittelbar unter sich zur Rechten. Ich war auf alles gefaßt
und gab gespannt acht, um mich im Fall einer Katastrophe durch einen
Sprung retten zu können; ich fühlte mich erst dann wieder beruhigt, als
Ernest vom Rand abbog. Aber jetzt mußten wir einen schrecklich steilen
Hang hinab in eine vom Wasser ausgearbeitete Rinne hinunterfahren,
die quer vor unserm Weg lag. Das Bremsen half nicht viel, und die
Maultiere konnten den Wagen nicht halten, wie sehr der Kutscher
auch die Zügel anzog. Sie gaben nach, der Wagen kam ins Rollen und
sprang und schwankte über die Unebenheiten des Bodens. Zwischen den
Bäumen hindurch zu fahren war nichts weniger als leicht. Ehe wir uns
dessen versahen, fuhren wir schnurstracks auf einen jungen Baum los,
der im Wege stand. Ich nahm als selbstverständlich an, wir würden
umkippen, und sprang ab, um nicht durch einen Beinbruch in der Wildnis
festgehalten zu werden. Aber der Wagen stürzte nicht um, und nun
standen wir da, ein Maultier rechts und eins links vom Baum.