Selbstverständlich bleibt die Fernsicht über die ganze Talniederung

unverändert, und das Bild des Labyrinths der jetzt bei Sonnenuntergang

kupferroten Tempel und Pagoden mit ihren hellen Zinnen aus Kalkstein

wird von so geringen Änderungen des Gesichtswinkels nicht merklich

beeinflußt. Der Vordergrund dagegen, der Rand mit seinen Vorsprüngen,

Kaps und bisweilen freistehenden Pfeilern wandelt sich und gibt dem

roten Hintergrund in der Talschlucht einen ständig wechselnden Rahmen.

Immer wieder bleibt man stehen voll Staunen, Entzücken und Bewunderung.

Ich mache auch hier und da Rast, um eine Skizze zu zeichnen. Mich in

Farben zu versuchen, dazu reicht die Abendstunde nicht. +Wie+

ich das Bild haben möchte, sehe ich genau, aber ich kann nicht, und

die Zeit reicht nicht. Jetzt, da der Purpurglanz verblaßt ist, würde

ich die Pyramiden und Tempel mit der Farbe einer frischgeputzten

Kupferkanne decken, aber nicht blank und glänzend wie diese, sondern

matt. Ich wünschte, ich könnte die Aussicht auf Osiris-, Schiva-,

Isis- und Buddha-Tempel in einer Reihe von Bildern darstellen mit dem

sterbenden Licht der Abendröte auf den Steilhängen. Während der zwei

Stunden vor dem Sonnenuntergang müßte in jeder Viertelstunde ein Bild

gemalt werden. Das würde eine Reihe geben, in der jedes Bild von den

übrigen verschieden wäre. Man würde dann sehen, wie die prächtige rote

Beleuchtung anfangs beträchtliche Felder der Hänge und Abstürze färbt,

wie diese Lichtfelder dann allmählich an Umfang und Glanz abnehmen und

wie sie unmittelbar nach dem Sonnenuntergang völlig erlöschen. So würde

man finden, daß um 7 Uhr nachmittags sieben Zehntel des Tales unter

Schatten verborgen sind. Und wo die Schattenfelder sich ausbreiten,

verschwinden die Einzelheiten. Aber je mächtiger die Schatten werden,

desto schärfer zeichnen sich die noch von der Sonne beleuchteten Teile

ab. Wie dunkel die Schatten auch sind, so spielt ihr Farbton doch stets

ins Bläuliche. Über dem Ganzen wölbt sich ein merkwürdig hellblauer

Himmel, und im Vordergrund unter meinen Füßen erhebt das „Kriegsschiff“

seinen dunklen Rumpf wie ein für immer verankertes Gespensterschiff.

Sechs Stunden lang streifte ich einsam am Rand entlang. Als die

Dämmerung ihre Fittiche über den Gran Cañon breitete, schlug ich den

sichern Waldweg ein, auf dem sich jetzt kein Lebewesen blicken ließ,

und kehrte nach El Tovar zurück, um den Abend in der Gesellschaft des

Herrn Harvey, des Obersten Crosby, des Herrn Clarkson und des jungen

Architekten Shaw zu verbringen. Auch heute sprachen wir über die

brennende Frage, die uns schon mehrmals beschäftigt hatte, über das

neue Hotel. Ich äußerte meine persönliche Meinung unumwunden -- die

Amerikaner haben die ungewöhnliche, sehr sympathische Eigenschaft, mit

Vergnügen und Aufmerksamkeit die Ansichten anderer Menschen anzuhören,

auch wenn diese ihrer eignen Auffassung gerade entgegengesetzt sind.

Ich erzählte, daß ich in Chicago im Bureau der Santa-Fé-Gesellschaft

eines Tags die bescheidene Bitte aussprach, im Hotel in El Tovar ein

Zimmer zu erhalten, von dessen Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon

hätte. Ich würde dann zu jeder beliebigen Tageszeit eine schnelle

Skizze zeichnen oder einen flüchtigen Beleuchtungseffekt festhalten

können und meine Zeichen- und Malutensilien stets bei der Hand haben;

ich könnte im Schlafrock den Sonnenaufgang bewundern und könnte mitten

in der Nacht das zauberhafte Spiel des Mondscheins auf den Zinnen der

Tempel schauen. Doch als ich nach El Tovar kam, fand ich, daß es ein

solches Zimmer nicht gab. Ein halbes Jahr vorher hatte ich in San

Remo im Grand Hotel gewohnt, wo wenigstens jede Wohnung ihren eignen

kleinen Balkon mit Aussicht aufs Meer hatte. Denn gerade das Meer will

man vor Augen haben, wenn man San Remo aufsucht, um sich zu erholen.

Und was ist das Meer im Vergleich zum Gran Cañon! Das Meer mit seiner

Unendlichkeit ist stets fesselnd, und man wird nicht müde, es zu sehen.

Aber es nimmt sich doch in allen Küstenstädten ziemlich gleich aus.

Der Gran Cañon dagegen ist einzigartig, und wenn man wie die meisten

Touristen nur für einen oder zwei Tage hierherkommt, will man sich

seine Schönheit möglichst nachhaltig einprägen. Wir waren, glaube ich,

in diesem Punkt ziemlich einig, und ich gebe mich der frohen Hoffnung

hin, wenn ich das nächste Mal den Gran Cañon besuche -- falls daraus

jemals etwas wird --, in einem Zimmer wohnen zu können, wie ich es mir

gedacht habe.

Wir saßen noch eine Zeitlang im Vortragssaal und hörten im Rundfunk

Gesang und Musik von Los Angeles und Kansas City. Es kam mir etwas

banal vor, war aber doch merkwürdig, hier mitten in der erhabenen

Stille der Wildnis.

Mein nächster Ausflug galt dem Teil des Südrandes, der westlich von El

Tovar liegt. Im großen ganzen geht der Weg erst nach Westsüdwesten,

dann nach Nordwesten und Norden und schließlich nach Osten. Den Rand

selbst berührt man erst, wenn man das Ziel, Havasupai Point, fast

erreicht hat. Die ganze Reihe von Kaps, die auf dieser Strecke in den

Cañon hinausragen, bleibt in beträchtlicher Entfernung zur Rechten und

ist von unserm Weg aus nicht sichtbar.

In diesen westlichen Regionen beschreibt der Fluß in seiner

Granitschlucht (Granite Gorge) gewaltige Krümmungen. Auf dem

Havasupai-Kap hat man den Colorado im Osten, Norden und Westen.

Man befindet sich auf einer Halbinsel, deren Nordrand die

jahrmillionenlange Erosion bis aufs äußerste zerfressen und zernagt

hat. Westlich dieser Halbinsel macht der Fluß einen plötzlichen

scharfen Bogen nach Süden um den Rücken, der Marcos Terrace, herum, die

auf dem Nordufer vom Powellplateau vorspringt. Südlich davon schneidet

eine mächtige, Aztec Amphitheater genannte Einbuchtung tief in den

Südrand ein. Noch weiter im Westen fließt der Colorado eine Strecke

nach Nordosten, ehe er in gewaltigen Krümmungen nach Westen und Süden

biegt, um erst die Grenze zwischen Arizona und Nevada und dann zwischen

Arizona und Kalifornien zu bilden und schließlich auf mexikanischem

Gebiet in den Golf von Kalifornien zu münden. Im Imperial Valley,

nahe der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko, hatte ich später

Gelegenheit, den Fluß wiederzusehen, einen der merkwürdigsten auf Erden.

[Illustration: Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten,

Colorado aufwärts.]

Besser hätte ich den Mittsommertag nicht feiern können als durch

diesen unvergeßlichen Ausflug nach Havasupai Point. Herr West, einer

der prächtigen Führer von der Verwaltung des Nationalparks, fuhr mich

in einem kleinen Fordauto die 45 Kilometer, die uns von unserm Ziel

trennten. Wir hatten einen entzückenden Tag. Ich segnete unsern kleinen

Fordwagen und seinen großen Vater Henry; denn daß das Auto dieses

Stückchen überstand, war ein Wunder. Mit Recht sagt N. H. Darton in

seinem obengenannten Buch: „Leider ..... sind diese Punkte (Havasupai

und seine Umgebung) von Straßen und Pfaden ziemlich entfernt und

deshalb nicht bequem zu besuchen.“

Anfangs geht es noch, aber später ist der Weg schrecklich, ein

Waldpfad, auf dem das Auto schlingernd und schleudernd über Wurzeln und

Reisig rollt und in tiefen, unangenehmen Radspuren stößt und schüttert.

Der Wald besteht zum größten Teil aus Kiefern; majestätische Stille

herrscht zwischen den hohen dunklen Stämmen. Dann lichtet sich der

Wald und hört auf, und es folgt Prärie mit Büschen und Rasenhöckern.

Hier muß man sich bisweilen festhalten, um nicht hinauszupurzeln! Und

dabei fuhr Herr West ebenso vorsichtig wie geschickt. Am schlimmsten

war es, als wir über Felsen fuhren, die aus den lockern Erdschichten

emporragten und wo man jeden Augenblick befürchten mußte, daß einem im

scharfkantigen Schutt ein Reifen zerschnitten wurde.

Ein Reh setzte in leichten Sprüngen über das Gelände, und an

einigen Büschen faulenzte eine Herde von sieben verwilderten Eseln.

Sie spitzten die Ohren, betrachteten uns unverwandt und standen

unbeweglich, solange wir fuhren. Aber als wir einmal hielten, stoben

sie in wilder Flucht davon, um an einem entferntern Ort wieder

haltzumachen und uns von neuem zu beobachten -- ganz wie die Wildesel

in Tibet, wenn eine Karawane daherzieht.

Wir fuhren an einer Hütte vorüber, wo ein Pferdebesitzer sein

Hauptquartier hat, schaukelten zwischen Black Bush und Sage Brush[3]

vorwärts und erreichten schließlich einen sehr schönen Wacholderwald.

Die Wacholder waren so groß wie Bäume, und wirkungsvoll hoben sich ihre

schwarzen Stämme von dem frischen tiefen Grün der Nadelkronen ab, ein

prächtiges Bild, zumal der Boden ziegelrot war. Nach zweieinviertel

Stunden waren wir glücklich bei Baß Camp, wo ein paar Hütten stehen

und einige Männer im Dienste des Nationalparks beschäftigt waren. Von

diesem Punkt hatten wir nur noch zwanzig Minuten bis Havasupai Point.

In der Nähe des Kaps war der Boden ziemlich hart und eben. Wir fuhren

bis auf die Spitze hinaus. Wenn man hier in voller Fahrt ankommt und

am Motor oder Steuerrad etwas nicht in Ordnung ist, hat man alle

Aussicht, über den Rand in den Luftraum hinauszurollen, um einige

Sekunden zwischen Himmel und Erde zu schweben und 1000 Meter tiefer

in einen Scherbenhaufen verwandelt zu werden. Aber Herr West stoppte

im rechten Augenblick und stellte den Fordwagen in den Schatten eines

Wacholders. Er nahm eins der Autopolster und legte es auf die äußerste

Spitze des Kaps, und ich ließ mich hier mitten in der Sonnenglut

nieder. Die Steine waren so warm, daß man sie nicht berühren konnte,

und das Kissen roch fast wie angesengt.

Havasupai Point liegt 2028 Meter über dem Meeresspiegel; die Aussicht

ist überwältigend, so ungeheuer sind die Maße und so kühn und

wunderlich bizarr die Linien.

Es war fast ¾1 Uhr, als wir unser Ziel erreichten. Ich hatte also

knapp viereinhalb Stunden zur Verfügung, denn spätestens um 5 Uhr

mußten wir die Rückfahrt antreten. Im Dunkeln ist es ganz unmöglich,

den Weg zu finden, ja selbst bei Tageslicht fährt man auf einzelnen

Strecken nach dem Gefühl, wo einem das Gelände gerade fahrbar zu sein

scheint. Ich wußte ja nicht, ob ich jemals in meinem Leben an diesen

Platz zurückkommen würde, und die fliehenden Stunden mußten darum

ausgenutzt werden. Die erste halbe Stunde kommt man nicht aus dem

Staunen. Man ist benommen von diesem Anblick und schaut und schaut. Es

ist zu viel auf einmal. Nach allen Richtungen, außer nach Südwesten,

ist die Aussicht überwältigend. Man wird still und stellt keine Fragen.

Für den Augenblick interessiert es mich nicht im geringsten, wie alle

diese Pyramiden, Rücken und Abgründe auf der Karte heißen. Mir ist,

als stünde ich vor dem Hochaltar der heiligsten Kirche der Erde. Ich

vergesse fast zu atmen und ringe nach Luft. Ich brauche Zeit, mich

zu sammeln und meine Eindrücke und Begriffe von Raum und Entfernungen,

von Maßen und Neigungswinkeln, von Farben und Formen zu ordnen. Ich

erblicke den Fluß unten in der Granitschlucht und habe eine Stütze für

die Orientierung.

[Illustration: Altarfall.]

Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf die nächste Umgebung. Ich

stehe auf einem Kap, das wie ein Bugspriet nach Nordosten vorspringt

und das auf allen Seiten, im Westen, Norden, Osten und Süden, von

bodenlosen Abgründen umgeben ist, nur in Südwesten hängt es mit

der breiten, vom Colorado umflossenen Halbinsel zusammen. Auch auf

Havasupai Point befindet man sich wie auf einem Sprungbrett, das in

den leeren Raum hinausragt. Von dem Fluß selbst sind beträchtliche

Strecken zu sehen, die sich als schmales graues Band abheben, und hier

und da erkennt man deutlich die Stromschnellen. Nach Osten, d.❁h. in

die Gegenden, die ich schon kannte, reicht der Blick bis zu der wohl 50

Kilometer entfernten Mauer der Palisaden. Dieser prächtige Hintergrund

ist in schwachen leichten Tönungen wie durch ein offnes Tor zu sehen,

dessen Pfeiler von scharf gezeichneten, jäh abstürzenden Kaps des Nord-

und des Südrandes gebildet werden. In mein Tagebuch schrieb ich zum

fünftenmal: Dieser Punkt bietet doch die schönste Aussicht im Gran

Cañon! Sie übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. In der Zeit,

die ich am Rio Colorado schon zugebracht hatte, hatten sich meine

Eindrücke von diesem märchenhaft herausgemeißelten Teil der Erdrinde im

Crescendo gesteigert, und ich nahm als feststehend an, daß Havasupai

Point ein Höhepunkt sein werde, der nicht mehr überboten werden konnte.

Nachdem ich mich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, nahm ich

Zeichenblock und Bleistifte hervor. Zu irgendwelchen farbigen Versuchen

reichten die armseligen vier Stunden nicht. Ich begann eine Skizze der

Landschaft im Westen. Sie zeigt einen nahen Ausläufer des Südrandes,

der in Westnordwesten in den Fossil Mountain übergeht. Dieses Bild gibt

eine recht klare Vorstellung von dem bei allen Tempeln und Pagoden

wiederkehrenden Wechsel zwischen steilen Absätzen und senkrechten

Wänden und von den vorspringenden Leisten, die deutlich die horizontale

Lagerung der Schichten verraten. Man läßt den Blick an diesen

Steilhängen hinuntergleiten und sieht, wie sie bis in schwindelnde

Tiefen unmittelbar unter unsern Füßen hinabreichen. Hinter diesen

pyramidenförmigen Gipfeln sieht man den überall im Gran Cañon gleichen

Hintergrund mit seiner Schichtenfolge in verschiedenen Farbtönen.

Nachdem ich mich mit meiner ersten Zeichnung fast zwei Stunden lang

abgemüht habe, beginne ich die nächste, indem ich mich weiter nach

rechts wende und die Richtung Nord 20° West in die Mitte des Blockes

nehme. Im Vordergrund der Skizze (S. 147) ist die Spitze eines

Ausläufers zu sehen, der wohl zum Fossil Mountain gehört und auf seiner

Ostseite eine Reihe von vier einander recht ähnlichen senkrechten

Partien zeigt. Da sie aus der in dichtem Schatten liegenden Mauer

vorspringen, von der sie ein Teil sind, werden sie scharf von der Sonne

beleuchtet und heben sich von dem schwarzen Hintergrund grell ab. Sie

gleichen den Pfeilern eines riesigen Bauwerks. Ein übermenschlicher

Baumeister hat die Zeichnung dazu entworfen. In ihrer dekorativen

Schönheit und Größe sind sie grenzenlos phantastisch, und man fragt

sich, ob man vor einem archäologischen Rätsel steht. Ist es möglich,

daß die Natur selbst diese regelmäßigen wandfesten Säulen hat formen

und modellieren können? Wie ich mit dem Bleistift ihren Umrißlinien

folge und die Schatten einzeichne, so wie ich sie sehe, kann ich

mich nicht des Gedankens erwehren, daß dieses Detail auf der Skizze

höchst unwahrscheinlich aussieht. Wenn jemand an der Richtigkeit der

Darstellung zweifelt, kann er ja hinfahren und nachsehen. Die Reise

ist äußerst bequem, und bis man den Gran Cañon erreicht hat, wird

der schlechte Weg, den ich beschrieben habe, ohne Zweifel durch eine

Zementstraße ersetzt worden sein.

Die hohe Partie, die auf meiner Zeichnung über und hinter den Pfeilern

zu sehen ist, ist Grand Scenic Divide, und die Taltiefe diesseits

seines Rückens ist der Serpentine Cañon. Noch weiter hinten erblickt

man andere Teile der Einrahmung des Gran Cañon. Es ist jedoch nicht

immer leicht herauszufinden, wie das, was man sieht, zusammenhängt,

da bei gewissen Beleuchtungen die stets in gleicher Höhe liegenden

Schichten zu scheinbar fortlaufenden Linien verschmelzen, während sie

in Wirklichkeit verschiedenen Teilen angehören. Aus demselben Grund ist

es nicht leicht zu bestimmen, wo der Colorado die Landschaft, die wir

sehen, verläßt.

Jenseits des Flusses, im Nordwesten, hebt sich das mächtige

Powellplateau ab mit einer Menge von Ausläufern nach Süden, Südwesten

und Westen, im Osten begrenzt von dem tief eingeschnittenen Muav Cañon.

[Illustration: Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost.]

Schließlich hatte ich nur noch eine halbe Stunde zur Verfügung; sie

wurde zum größten Teil zu einer Skizze der Aussicht nach Nord 30° Ost

(S. 151) benutzt. In ihrem Vordergrund ist die Rinne des Flusses zu

sehen, dahinter das Gewirr der Felsrücken und Seitencañons, die zum

Shinumo Amphitheater gehören. Dieser ganze Teil des Gran Cañon lag

jetzt in der Glut der Nachmittagssonne, und die Schatten hatten sich

noch nicht der Hänge der Berge bemächtigt. Ohne diesen harmonischen

Wechsel von Licht und Schatten tritt die rücksichtslos kühne Skulptur

nicht hervor. Die Entfernung bis zu dem ganz hinten im Nordosten

liegenden Nordrand, der auf meiner Skizze angedeutet ist, beträgt fast

17 Kilometer.

Da noch acht Minuten bis 5 Uhr fehlten, nahm ich ein neues Blatt vor

und warf in aller Eile eine Umrißzeichnung der Landschaft im Osten

(S. 155) aufs Papier. Es konnten freilich nur die großen Züge gegeben

werden, ein flüchtiger Eindruck, eine Stütze fürs Gedächtnis.

Zum Schluß will ich einige Zeilen Dartons über die Geologie dieser

Gegend anführen. Er sagt über das Powellplateau: „An dessen

südöstlichem Ende liegt Dutton Point mit großen Steilhängen aus

Kaibabkalkstein und grauem Coconinosandstein und darunter mit

gewaltigen Stufen aus rotem Supaisandstein. Am Südrande des

Powellplateaus liegt Wheeler und weiter nach Westen Ives Point,

die überall dieselbe Schichtenfolge zeigen wie Dutton Point. Die

Granitschlucht läuft jenseits dieser Kaps nach Westen weiter, hört

aber auf, wenn der harte Granit schließlich an der großen Flußkrümmung

südlich des Powellplateaus untertaucht und verschwindet. In der Tiefe

des Shinumo Creeks und längs der Abhänge des Gran Cañon rechts und

links der Mündung des genannten Creeks sieht man große Massen von

dunklem Sandstein, Kalkstein und rotem Schiefer der Unkargruppe,

die über dem Granit liegen. Die Unkarschichten sind infolge vieler

Verwerfungen stark gefaltet und gebrochen.“

Während ich zeichnete, hatte Herr West Feuer gemacht, Kaffee gekocht

und den Inhalt unseres Proviantbeutels aufgetischt. Im Schatten eines

üppigen Wacholders nahmen wir unsern späten Lunch ein, mit Gebäck und

Apfelsinen als Nachtisch. Schnell waren wir fertig, dann packten wir

unsere Siebensachen wieder ins Auto und traten die Rückfahrt an --

durch einsamen Wald und Prärien.

[3] Professor Skottsberg teilt mir mit, daß Black Bush und Sage

Brush die zwei wichtigsten charakteristischen Sträucher auf dem

Coloradoplateau und den Cañonhängen sind: Black Bush, ~Coelogyne

ramosissima~, ist eine Rosazee; Sage Brush, ~Artemisia

tridentata~, ist eine Beifußart.

Zehntes Kapitel.

Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado.

Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, von El Tovar geradeswegs

nach Los Angeles zu reisen. Allgemein sagte man mir, ich könnte

mir den Nordrand des Gran Cañon recht gut schenken, da er sich an

Naturschönheit mit dem Südrand nicht zu messen vermöge. Als Beweis

führte man an, daß der Nordrand mit seiner höchst phantastisch

eingeschnittenen und zernagten Umrißlinie und seinen ungemein

malerischen Pyramiden und Tempel einen unvergleichlich schönern Anblick

vom Süden aus gewähre als die Südseite; dieser fehlten von Norden

gesehen die scharfen Einbuchtungen und freistehenden Türme und Tempel.

Man wies auch darauf hin, welche Bedeutung die Beleuchtung habe. Da

die Sonne im Süden steht, muß man vom Südrand aus seine Beobachtungen

machen, wenn man die Wirkungen des Sonnenlichts auf die im Norden

gelegenen riesenhaften Skulpturen sehen will. Von Norden aus zeigt die

Mauer des Südrandes dagegen eigentlich einen fortlaufenden Schatten

ohne Einzelheiten und ohne hervortretende Formen. Schließlich hob man

auch hervor, der Nordrand sei im allgemeinen 300 Meter höher, so daß

sich der Südrand, von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen,

weniger imposant ausnehme als umgekehrt.

[Illustration: Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus.]

Eines Tags lernte ich jedoch einen Herrn kennen, der selbst auf dem

Nordrand gewesen war und der erklärte, die Aussichten, die man von

dort aus genieße, seien das Großartigste, was der Gran Cañon an

überwältigender Naturschönheit biete. Seiner Ansicht nach ist die

Entscheidung über die Vorzüge der beiden Ränder nur eine Frage der

Konkurrenz. Die Union Pacific Railway Co. soll nämlich die Absicht

haben, eine Bahnlinie an den Nordrand des Gran Cañon zu bauen und

dort ein prächtiges Hotel zu errichten, das nach Fertigstellung den

Wettbewerb mit der Santa-Fé-Bahn und El Tovar aufnehmen werde. Ich

für meinen Teil glaube freilich, daß, selbst wenn dieser Plan ins

Werk gesetzt wird, die Santa-Fé-Gesellschaft und Ford Harvey ganz

beruhigt sein können. Denn welche Vorzüge der Nordrand auch haben mag

-- Vergleiche sind hier übrigens unmöglich --, so hat man den Gran

Cañon gar nicht gesehen, wenn man nicht den Südrand in der Gegend von

El Tovar und vor allem bei Navaho Point (Desert View) besucht hat.

Nur von Süden aus sind die Tempel in Verkürzung und in der feuerroten

Abendbeleuchtung zu sehen. Im Norden hat man zwar ihre ungeheuren

Felsmassen viel näher, aber man beherrscht sie nicht alle auf einmal,

und es entgeht einem die gleichmäßige tiefe Glut der Abendsonne auf

ihren Hängen. Ich glaube daher nicht, daß ein Konkurrent im Norden eine

Gefahr für die Entwicklung von El Tovar bedeuten könnte -- eher einen

Vorteil.

Denkt man sich auf jeder Seite des Gran Cañon ein prächtiges Hotel,

die beide mit magnetischer Kraft Massen von Touristen an sich ziehen

würden, so entsteht die Frage, wie zwischen ihnen eine Verbindung quer

über die Taltiefe herzustellen wäre. Eine Bahnlinie ist unmöglich. Aber

eine Autostraße mit Tunneln und malerischen Galerien!

Eine solche würde es jedem, auch älteren Leuten, ermöglichen, den Gran

Cañon gründlich zu sehen. Doch Automobile im Gran Cañon wären eine

Geschmacklosigkeit, die den Zauber der Wildnis vernichten würde, eine

Entheiligung, die den Tempelfrieden des Tales stören würde. In dieser

Hinsicht teile ich die Auffassung Clarksons und, wie ich glaube, auch

der andern Herren in El Tovar: meinetwegen mag man in und über dem

Gran Cañon in Flugzeugen kreisen, die keine Wege brauchen und keine

Spuren hinterlassen, aber nur keine Automobile! Wer sich nicht der Mühe

unterziehen will, auf dem Rücken eines Maultiers die schmalen, steilen

Pfade hinabzureiten, muß darauf verzichten, am Ufer des Flusses zu

rasten.

Für mich war es freilich ein leichtes, meinen Entschluß zu fassen. Ich

hatte mich in den Gran Cañon eingelebt und hinreichend viel von ihm

gesehen, um mir klar zu sein, daß ich diese Gegend nicht verlassen

+konnte+, ohne auch am Nordrand gewesen zu sein. Meine Freunde

Crosby, Clarkson und Petrosa billigten meinen Plan und erleichterten

seine Ausführung in jeder Weise. Ich wollte den Bright Angel Trail

hinabreiten, über den Fluß und zum Camp des Nordrandes hinauf und

einige Tage im „Lager“ bleiben, um dann mit dem Auto nach Salt Lake

City zu fahren. Nach dieser Stadt wurde also mein ganzes schwereres

Gepäck mit der Bahn geschickt, und ich nahm nur das unbedingt

Notwendige in einer kleinen Tasche mit, vor allem Zeichen- und

Malgerät. Meine ganzen Habseligkeiten hatten in einer Satteltasche

meines Maultiers Platz. Man telephonierte an die Stationen im Norden

und willfahrte gern meinem Wunsch, Sandy MacLean, den ich schon kannte,

als Führer zu erhalten. Oberst Crosby gab mir alle Aufschlüsse, die ich

brauchen konnte, und ein paar neue Kartenblätter.

[Illustration: Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost

(29. Juni).]

An den beiden letzten Abenden in El Tovar war ich draußen am Hochrand,

um die wunderbare Stimmung zu genießen, die der Mondschein hervorrief.

Eine ungestörte, fast unheimliche Stille lag über der Gegend. Nur

hin und wieder hörte man das Rufen eines Nachtvogels. Die Kiefern

ganz draußen am Rand werfen dunkle Schatten auf den Boden. Bisweilen

ist hier oben nur der Schatten des Stammes zu sehen, während der

Schatten der Krone über tausend Meter tiefer im Grunde des Tales

den Boden trifft. Nur die nächsten Kaps und Vorsprünge heben sich

in bleichem, bläulichem Licht ab. Aber vor ihnen gähnt der dunkle

unbekannte Abgrund, in dem alle Einzelheiten wie unter einem Schleier

verschwinden. Die herrschende feierliche Stimmung läßt sich mit

Worten nicht beschreiben. Wie angewurzelt steht man am Rand. Es ist

Nacht. Die Erde schläft. Unter mir öffnet sich das unermeßliche Grab,

dessen Schlund vom Silberschein des Mondes erfüllt ist und doch in

geheimnisvollem Dunst verschwindet.

Ich wollte in der Frühe des 27. Juni mit Sandy aufbrechen. Aber ehe die

letzten Vorbereitungen getroffen und Mundvorrat und Gepäck auf unsere

beiden Maultiere geladen waren, war ein großer Teil des Vormittags

verstrichen. Zum Schluß wurde ich noch photographiert. Man wünschte

durchaus, ich sollte mich dazu an den äußersten Rand eines Absturzes

setzen, der fast 300 Meter maß; das Bild, das nach Haus geschickt

wurde, zeigt auch, daß ich mich nicht unbedingt auf mein eigenes

Gleichgewicht verließ, sondern mich mit beiden Händen aufstützte.

Nachdem ich meinen Freunden Lebewohl gesagt hatte, brach ich endlich

um 11 Uhr auf. Oberst Crosby begleitete mich zu Fuß bis zu dem Punkt

am Rand, wo der Pfad in unzähligen Zickzackbiegungen steil hinabführt.

Er beginnt unmittelbar westlich des Hotels. Im allgemeinen gilt er als

steiler als der westlichere, nach Hermit Camp führende Pfad. Sicher

ist, daß man in noch höherm Grade die Bewegungen des Maultiers zu

parieren sucht, indem man sich nach hinten lehnt und auf den Rücken

seines Reittiers zu liegen kommt. Auf den Hängen wachsen Laubbäume, vor

allem Eichen, und Sträucher. Wir befinden uns noch im Schatten der fast

senkrechten Kaibabmauer. Die Luft ist herrlich. Oben hatten wir um 10

Uhr 23,5 Grad gehabt.

Gran Cañon · 第 9 / 13 段