Gefühl des Schwindels verschwindet -- man sieht jetzt ja nicht, wie
tief es bis zur Talsohle ist. Ich sitze immer noch da und lausche und
habe die Empfindung, als erwartete ich, daß etwas geschehen werde.
Aber kein Laut stört die Stille. Doch was ist das? Ach, nur eine
Schleiereule. Vergebens warte ich darauf, zu hören, daß ein Stein sich
löst und den Steilhang hinunterstürzt. Aber in dieser Nacht stehen die
Mauern des Cañon fest, nichts fällt hinab. Ich meinte sicher zu sein,
daß die Heulwölfe, die Cojote der Painted Desert, an den Waldrand
kommen und klagen und heulen würden. Aber vergebens warte ich auch
auf sie. Vielleicht wittern sie, daß sich ein Mensch in der Wildnis
niedergelassen hat, und halten sich daher fern.
[Illustration: Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei
Bright Angel Point.]
Es ist ein recht ungewöhnliches und eigenartiges Gefühl, ganz allein
zu sein, nicht einmal einen Hund als Gesellschaft zu haben und zu
wissen, daß es bis zum nächsten Menschen vierzig, fünfzig Kilometer
sind. Nachdem ich jetzt beobachtet hatte, wie die Nacht den Gran Cañon
in ihre Obhut nahm, hatte ich nichts weiter zu tun, als im Küchenherd
Feuer zu machen, Teewasser aufzusetzen und in meiner Hütte die
schönen Sachen aufzutischen, die Herr Petrosa in meinen Korb gepackt
hatte, belegte Brote, Brot, Butter und Käse, Huhn und Eier, eine
Flasche Rotwein und eine Flasche Sahne, Apfelsinen, Pfirsiche und
Pflaumen. Das Schweigen des Waldes und des Abgrundes umgab mich. Ich
vermißte nicht die Signale der Lokomotive, das Ächzen des Motors
oder das Brausen menschlicher Stimmen. Mein Zimmer hatte fünf
Fenster mit Glasscheiben, und ich zog die Vorhänge auf, um den Mond
hereinscheinen zu lassen. Die Tür zwischen Stube und Veranda durfte
offenbleiben, die Außentür der Veranda dagegen war geschlossen, und
die unternehmungslustigen Katzen hätten wohl vergeblich versucht, das
Drahtnetz zu zerreißen. Das Dach ist doppelt; es besteht aus Schindeln
und Sackleinwand und flattert und klatscht wie ein gewöhnliches
Zelttuch, wenn ein nächtlicher Windstoß über die Gegend zieht.
Über die Wärme brauche ich mich nicht zu beklagen: es war ziemlich
frisch, um 8 Uhr abends 12,2 Grad und um 11 Uhr 7,8. Nachdem ich mir
mein Lager zurechtgemacht und aus der Küche Waschwasser geholt hatte,
ging ich wieder auf das Kap hinaus, um einen Abschiedsblick auf die
rätselhafte Urwelt zu werfen, die offen in der Nacht dalag. Dann legte
ich mich hin, löschte die Lampe und lag im Mondschein noch eine Weile
wach; nach wie vor lauschte ich vergeblich auf das Abendlied der Cojote.
Am andern Morgen um ½6 Uhr war ich schon wieder draußen auf dem Kap.
Gerade war die Sonne aufgegangen. Aber der rote Schein fehlte ganz,
der am Abend vorher die Mauer der Palisaden gefärbt hatte; er wird
wahrscheinlich von den in der Luft herumfliegenden feinen Staub- und
Wasserdampfteilchen hervorgerufen. Jetzt war der Himmel vollkommen
klar und blau, die roten Töne verschwunden. Im Westen war der Cañon
herrlich beleuchtet, doch nicht in den warmen Tönen des Abends. Die
Palisadenwand und der von Norden nach Süden strömende Teil des Colorado
lagen in tiefem Schatten. Die Landschaft hatte ihr Aussehen völlig
verändert. Aber die großen Linien waren stets dieselben, die vom
Nordrand und Südrand vorspringenden Kaps, Hügelketten und Tempel waren
vom Licht des Morgens übergossen. Das Thermometer zeigte 8,4 Grad; um
½10 Uhr war die Temperatur auf 14 Grad gestiegen.
Nachdem ich in der Küche mein Frühstück eingenommen hatte, begab ich
mich mit Zeichenblock, Wasserfarben und Wasser wieder auf das Kap
hinaus und stellte meinen Stuhl in den Schatten einer Kiefer. Der
Tag war strahlend klar, aber es wehte ziemlich frisch, und der Wind
heulte in Schroffen und Vorsprüngen und in den Kronen der Bäume. Eine
Schwalbe schießt an mir vorüber, knapp über der Erde; aber eine Sekunde
später, nachdem sie den Felsrand hinter sich gelassen und über den
Cañon hinausgesegelt ist, befindet sie sich plötzlich 1400 Meter über
dem Erdboden. Sonst ist das Vogelleben wenigstens hier draußen auf dem
Kap recht arm; auch die Insekten sind spärlich vertreten. Ein paar
Fliegen summen in der Luft, und eine Libelle blitzt über dem Abgrund
auf, kehrt aber um und fliegt in den Wald hinein. Die Schwalben wurden
gegen Abend recht zahlreich und schienen Vergnügen daran zu finden,
einander über die gähnende Tiefe hinauszujagen. Im übrigen stört mich
nichts; keine Laute sind zu vernehmen, keine Stimmen zu hören, tiefster
Sonntagsfrieden herrscht überall. Einsam sitze ich am Hochrand, vor
mir und unter mir das großartigste Schauspiel, das es auf Erden gibt.
Ich schaue nur und bewundere und kann mich nicht dazu bringen, mit
Zeichnen zu beginnen. Man ertrinkt ja in diesem ungeheuren Reichtum
an Einzelheiten, man kommt sich ungeschickt, lächerlich und verzagt
vor und findet, daß die Aufgabe völlig unlösbar ist. Und nimmt man
seine Zuflucht zu einer Kamera mit großen Platten und scharfen Linsen,
dann erhält man zwar ein treues Bild dieser Hunderttausende dunkler
senkrechter Furchen, die durch die Erosionskraft des Regens und die
Verwitterung entstanden sind, und dieser wagerechten Schichten,
Leisten, Stockwerke und von steilen Stufen unterbrochenen Mauern, die
die Ablagerungen der geologischen Zeitalter erkennen lassen, aber die
Farben fehlen und die Luft; die Perspektive, die Entfernungen und die
ungeheuren Tiefen kommen auf einer Photographie nicht zur Geltung.
[Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West.]
Mit Todesverachtung beginne ich endlich ein Aquarell. Der ganze Cañon
ist von Sonne überflutet. Die Schatten machen sich wenig geltend. Sie
sind sonst eine Hilfe, denn sie verbergen die Einzelheiten gewisser
Felder. Ich versuche, alle Nebensächlichkeiten auszuschließen und mich
an die großen Linien zu halten, aber bald finde ich, daß ich mich
trotzdem in allzu viele Kleinigkeiten verliere und daß die Zeit nur
zu schnell entflieht. Und ohne Einzelzüge fehlt dem Cañonbild doch
viel von seinem eigenartigen Reiz. Diese zahllosen hervortretenden,
sonnenbeleuchteten Säulen zwischen den senkrechten Erosionsrinnen
gleichen riesigen, in verschiedenen Stockwerken übereinanderliegenden
Galerien einer Kathedrale von übermenschlichen, phantastischen Maßen,
ihrer unermeßlichen Anzahl gegenüber fühlt man sich machtlos. Dennoch
arbeite ich drauflos; aber das Ergebnis ist jämmerlich. Gestern abend,
als die letzten Minuten einander jagten und die ganze Landschaft rot
war oder in Schatten lag, gelang mir die unbeschreibliche Stimmung
besser.
Im Osten fallen die senkrechten Mauern meines Kaps in eine
kleinere Einbuchtung ab, einen Seitencañon ohne Namen, an dessen
gegenüberliegendem Rand die Mauer der Palisaden einschwenkt und in die
eingekerbte Linie des Südrandes übergeht. Auf der Hochfläche östlich
der Palisaden schimmern schwach gewellte grüne Felder, die Wiesen
gleichen; wahrscheinlich sind es Sträucher, Präriepflanzen, vielleicht
Unterholz, das sich infolge der Entfernung nur durch sein Grün geltend
macht. Ein tafelförmiger Berg ist auch in dieser Richtung zu sehen. Im
Osten und Nordosten breitet sich Painted Desert, die Bunte Wüste, aus,
auf deren „Mesas“ die Hopi-Indianer ihre Dörfer erbaut haben. Diese
Wüste nimmt die ganze Nordostecke des Staates Arizona ein und erstreckt
sich auch in die Nachbarstaaten Utah, Colorado und Neumexiko hinein.
Ihre Westgrenze ist der Cañon des Colorado; von hier zieht sie sich,
so will es dem Auge scheinen, ins Unendliche; sie schillert in den
leichtesten, entzückendsten Farbtönen und Übergängen, in Gelbgrau und
Rot, in Rosa und Hellgrün, in Blau und Violett. Flache Bodenwellen und
einige platte, tafelförmige Anhöhen sind in immer helleren Tönungen
bis in eine verschwindende Ferne zu sehen; man kann nicht immer
entscheiden, ob ihre Umrißlinien der Erde angehören oder nur Dunstbänke
sind oder dünne Wolkenschleier am Horizont. Diese Wüste, so ungleich
den asiatischen Mustern mit ihrem eintönigen Graugelb und ihren ewigen
Flugsandfeldern, übt wie diese einen geheimnisvollen Zauber aus, und
ich muß meine Sehnsucht bekämpfen, ein, zwei Wochen in ihrem Innern
zuzubringen.
Ein sehr charakteristischer, scharf hervortretender Zug in dem mir
am nächsten liegenden Teil der Painted Desert ist die dunkle Linie,
die den Cañon des Kleinen Colorado bezeichnet. Dieser linke Nebenfluß
des Colorado entspringt auf dem Coloradohochland und fließt in fast
gerader Linie nach Nordosten, um sich mit dem Hauptstrom zu vereinigen,
kurz bevor dieser sein scharfes Knie nach Westen macht. Da sich der
Beschauer auf Navaho Point fast in derselben Höhe befindet wie die
allgemeine Oberfläche der Painted Desert, ist es klar, daß die ganze
Tiefe des Korridors des Kleinen Colorado seinen Blicken verborgen
bleiben muß. Das einzige, was er sieht, ist der oberste Rand des
rechten Ufers, der ebenso senkrecht und scharf gezeichnet ist wie der
„Rim“ an den Seiten des Großen Cañon. Daß man überhaupt etwas von
diesem rechten Rand erblickt, beruht darauf, daß er höher ist als der
linke.
[Illustration: Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran
Cañon. (Nord 30° Ost.)]
Vertieft man sich in die Aussicht von Navaho Point, dann ist man sich
klar: dies ist doch das Großartigste, was ich bisher vom Gran Cañon
gesehen. Allerdings: denselben Eindruck hatte ich vorher bei Grand
View gehabt. Man tut wohl am besten, gar keine Vergleiche anzustellen,
sondern einfach zu gestehen, daß jeder dieser Aussichtspunkte uns
eine Welt unvergleichlicher, ungeahnter Schönheit schenkt. Von El
Tovar aus beim satten Purpurglanz des Sonnenuntergangs gesehen, sind
die Pagoden und Türme am Nordrand vielleicht das prächtigste all der
Schauspiele, denen man hier beiwohnen darf. Aber Navaho Point beschert
uns nicht nur den Anblick der roten Pracht der Abendbeleuchtung auf den
Palisaden, sondern hat auch den Vorzug, daß wir das Tal des Colorado
sowohl nach Norden im Marble Cañon beherrschen wie nach Westen, wo er
seine Stromrinne in den Granit eingesägt hat. Denn Navaho Point liegt
gerade im Knie, wo der Fluß seinen Lauf ändert und nach Westen fließt,
nachdem er eben noch von Norden nach Süden strömte. Von Nordnordosten
kommend, wälzt er sich durch den Marble Cañon und beschreibt
unmittelbar oberhalb und unterhalb der Mündung des Kleinen Colorado
nur sehr unbedeutende Bogen. Gerade unter Comanche Point hat er sich
in Mäanderwindungen eingeschnitten, deren erste auf einigen Skizzen
von mir deutlich erkennbar ist. Mit Hilfe des Fernglases sehe ich, wie
sich die Wassermassen ungestüm vorwärts wälzen, aber kein Laut ihres
Tosens dringt an das Ohr. Das Wasser selbst und die Kiesbänke an den
Ufern haben die gleiche graue Färbung wie die Tontohänge. An ein paar
Stellen des Ufersaums sind schmale grüne Vegetationsbänder zu sehen. Im
Nordwesten und Westen wird der Fluß und der weiter stromab beginnende
Granitkorridor von einem mächtigen Ausläufer der Felswand des Südrandes
verdeckt. Links von der Pyramide dieses Ausläufers wird ein Stück
der Granitschlucht als ungeheurer, klaffender Spalt sichtbar, mit
Seitentälern, die gleich dunklen Keilen die Tontohänge durchschneiden.
Von hier aus gesehen, erscheinen diese Abhänge nicht besonders steil,
und bei der Beleuchtung, die um Mittag herrscht, schimmern sie grau
mit einem Stich ins Grüne. Über der Tontoformation erheben sich die
gewöhnlichen, leicht erkennbaren Schichten, der Redwall mit seinen
senkrechten Abstürzen, die steilen Hänge der Supaischichten und
die Coconino- und Kaibabablagerungen in etwas unbestimmten, trüben
Farbtönen, in denen jedoch das Rot überwiegt. Gerade unter mir in
Westsüdwest zieht sich ein kleiner Seitencañon hin, der Tanner Cañon.
Auf seiner Sohle schlängelt sich ein graues Band -- ich kann nicht
erkennen, ob es nur Geröll ist oder ob auch ein Bächlein in dieser
Furche hinabfließt.
Das gewaltige Tal streckt sich nach Westnordwesten und scheint ganz
hinten in der Ferne in Dunst und Nebel überzugehen. Aber es weht auch
eine recht frische Brise, und die Luft ist nicht klar.
Schaue ich nach Nordwesten, dann erblicke ich zuerst unmittelbar vor
mir den der Supaiformation angehörenden Ausläufer, der die beiden
Erhebungen Escalante Butte und Cardenas Butte trägt, die erstere
mit Resten von Coconinosandstein auf ihrem Gipfel. Dahinter liegt
der Colorado in der Tiefe und jenseits des Flusses mehrere der
obengenannten Tempel und Pyramiden, die sich auf Ausläufern des
Walhallaplateaus erheben. Diese herrliche Gegend sollte ich bald näher
kennenlernen.
Hinter der Reihe von „Tempeln“, die nach Apollo, Venus, Jupiter
und Juno benannt sind, zu einem sehr unregelmäßigen Ausläufer des
Walhallaplateaus gehören und ihre Wurzel in der Nähe des Cape Final
haben, erheben sich zwei Pyramiden, die Siegfried Pyre und Gunther
Castle heißen und auf einigen meiner Skizzen in verschiedenen
Beleuchtungen zu sehen sind.
In einer wichtigen Hinsicht hat der Bogen des Colorado, oberhalb dessen
wir uns jetzt befinden, ein ganz anderes Aussehen als die übrigen
Teile des „Innern Cañons“, die wir von andern Aussichtspunkten und
von der Mündung des Hermit Creek aus gesehen haben. Hier im Osten ist
das Tal offener und breiter, im Westen dagegen ist es eingeengt wie
ein schmaler Korridor. Das beruht darauf, daß der Fluß beim Austritt
aus dem Marble Cañon durch die weicheren Schichten der Unkarformation
fließt, während er weiter stromab, ungefähr 10 Kilometer unterhalb
Navaho Point, seine Rinne in den Granit einzusägen beginnt. Die Hänge
der Unkargruppe, durch die sich der Strom hindurchgeschnitten hat,
bestehen aus rotem Schiefer und grauem und braunem Sandstein, spielen
aber meist ins Rote. Die schwarzen Felsbänder, die hier und da die
Unkarhügel unterbrechen, bestehen aus Diabas, der in flüssigem Zustand
aus dem Innern der Erde emporgepreßt worden ist und sich zwischen die
sedimentären Schichten hineingezwängt hat.
Auf meinen Skizzen von Navaho Point aus, die die prächtige Felsenmauer
der Palisaden darstellen, tritt Comanche Point hervor, besonders auf
der Bleistiftzeichnung (S. 127), wo dank der Abendbeleuchtung und der
scharfen Schatten das Relief kräftiger zur Geltung kommt.
Die Stunden schritten vorwärts, und die Schatten im Tal wurden nur
allzu schnell länger. Wie angewurzelt saß ich am Rand dieses riesigen
Grabes, in dessen Schoß unzählige Jahrtausende hinabgesunken und dann,
dank der Erosion des Colorado, wiederauferstanden waren von den Toten.
Und dieses Grab ist zugleich ein Monument des scheinbar so launischen
Spiels der Naturkräfte, eine Stadt von Denkmälern, Tempeln und Türmen,
eine Bibliothek von Urkunden der Geschichte der Erde. Einsam sitze ich
hier und hänge meinen Träumen nach und mache verzweifelte Versuche,
in Farben und Federstrichen das Wesentliche in meinem Skizzenbuch
festzuhalten.
[Illustration: Blick von Havasupai Point nach Osten.
In der Tiefe der Colorado.]
Plötzlich stört ein Lärm im Wald den Frieden. Es ist 3 Uhr. In schweren
Autoomnibussen kommen Menschen angerollt, Herren, Damen und Kinder,
Großkaufleute, Kontoristen, Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen,
junge Eheleute, mit einem Wort Touristen. Ihre Art und Weise, sich
zu benehmen, ist nicht sehr fein; sie stellen sich gerade hinter
meinen Stuhl und betrachten meine armseligen Skizzen mit größerer
Aufmerksamkeit und Neugier, als sie dem Cañon widmen, den sie gar nicht
verstehen. Es ist recht spaßhaft, unfreiwillig ihrem geistreichen
Gespräch zu lauschen. „Was ist das Graue dort unten? Ist das ein Weg?“
-- „Nein, das ist der Fluß.“ -- „Welcher Fluß?“ -- „Der Colorado.“
-- „Ach, das ist der Colorado. Wie interessant!“ Zum Glück blieben
sie nicht viel länger als eine Stunde, und ich war froh, als ich das
Rattern der Autoomnibusse verhallen hörte und Schweigen wieder den Wald
erfüllte.
Übrigens hörte ich auf meinen Streifzügen manche sonderbare Äußerungen
über den Gran Cañon. Eine, die mir gerade einfällt, lautete: „Dieses
Tal ist die Hölle ohne Feuer und Schwefel, von der man den Deckel
weggenommen hat.“ Ja, Dante hätte neue Gedanken erhalten, wenn er den
Gran Cañon gesehen hätte, obgleich das von einem Zeitgenossen Marco
Polos wohl etwas viel verlangt ist. Meister Doré hätte sich hier an
einer Architektur weiden können, die seine kühnsten Phantasien weit
übertraf.
Stunde um Stunde verrinnt, und bald ist der Tag verstrichen, wieder
eine Sekunde in der Ewigkeit. Um 6 Uhr esse ich in der Küche mein
Mittagbrot; in aller Eile, um nicht das Schönste des abendlichen
Schauspiels zu versäumen. Die Sonne sinkt, die Bergwände beginnen
wieder wie Rubine zu glühen. Es ist, als würde die Erdrinde durch das
flüssige Magma von innen erhitzt und als würden die hohen Felsenmauern
des Cañon bald weich werden, zusammensinken und schmelzen. Im Tal des
Colorado liegt es wie ein Nebelschleier. Ich unterscheide gerade noch
den vorher von schwarzen Schatten bedeckten Marble Cañon. Im Westen,
wo die Sonne den Horizont berührt, sind die Berge farblos; höchstens
kann man sagen, daß die entferntesten als leicht graublaue Wandschirme
in der Ferne hervortreten. Die Mauern und Ausläufer des Cañon
erscheinen in immer dunkleren Tönungen, je näher sie meinem Standort
liegen, und die Partie unter meinem Kap ist bereits pechschwarz.
Der Wind rauscht ununterbrochen. Die Dämmerung senkt sich herab. Ich
warte darauf, das Ächzen des Automobilmotors im Walde zu hören. Es war
verabredet, daß ich heute abend nach Sonnenuntergang abgeholt werden
sollte. Doch alles blieb still. Ich traf daher meine Vorbereitungen
für eine neue Nacht, holte Wasser in meinen Schlafraum und war gerade
damit beschäftigt, meine Petroleumlampe zu füllen, als ein gelles
Hupensignal das Schweigen durchschnitt und ein Whiteauto vorfuhr.
Meine Sachen wurden im Wagen verstaut, dann fuhren wir nach El Tovar
zurück. Die Scheinwerfer warfen ihre weißen Lichtkegel auf den Weg, und
der Mond beleuchtete die Landschaft. Am Wegrand tauchten einmal ein
paar Stachelschweine auf, und ein andermal hätten wir beinah eine Kuh
überfahren. In El Tovar leuchteten die elektrischen Lampen wie in einer
Stadt. Die Zivilisation, zu der ich zurückkehrte, erschien mir recht
armselig im Vergleich mit der Stimmung, die an meinem Wallfahrtsort
geherrscht hatte, am Rande der Wüste.
[1] Diese Zahl gab man mir in El Tovar, und der Kraftwagenführer
bestätigte sie. Nach Dartons Buch beträgt die Entfernung nur 20
engl. Meilen (32 Kilometer), aber nach der Karte ist sie
mindestens 25 engl. Meilen (40 Kilometer).
[2] Spanisch geschrieben Navajo.
Neuntes Kapitel.
Nach Havasupai Point.
Den 23. Juni benutzte ich dazu, kleinere Streifzüge am Rand entlang
zu unternehmen und Skizzen zu zeichnen. Als ich am Vormittag an dem
großen, im Freien errichteten Käfig der Luchse vorüberging, waren die
unglücklichen Gefangenen aus dem Wald nicht zu sehen; sie scheuten
das starke Sonnenlicht und hielten sich in ihrem künstlichen Bau
verborgen. Am Nachmittag sah ich mir wieder den Tanz der Indianer an
und verfolgte wehmütig Joo Secakukus gewohnte Sprünge vor den weißen
Zuschauern. Die Indianer waren bei diesen Gelegenheiten mit all ihrer
barbarisch malerischen Pracht geschmückt und trugen bunte Federn in
der Stirnbinde, Halsbänder und Armreifen, hagebuttenrote Mäntel ohne
Ärmel, Bogen und Pfeile. Aber sie sind Gefangene, wie die Luchse, und
das unsichtbare Gitter, das ihr Leben und Treiben umgibt, läßt sie
ebensowenig durch wie die Eisenstangen des großen Käfigs die Luchse.
Sie sind ein sterbendes Volk mit einer Vergangenheit voller Freiheit
und Wildmarkpoesie; das ganze Leben ist für sie ein Sonnenuntergang
ohne Hoffnung auf einen neuen Morgen.
[Illustration: Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden,
von Point Royal aus.]
Als es dämmerte, ging ich wieder zu den Luchsen. Jetzt, in der Stunde
der Schatten, waren sie erwacht, jetzt weiteten sich ihre Pupillen,
und von den nackten Ästen des Baumes, der in der Mitte des Gefängnisses
stand, konnten sie ihre Blicke nach Süden in die dunklen Verstecke
des Waldes schweifen lassen, wo sie einst Rehe, Kälber, Schafe und
Hasen gejagt hatten. Nun mußten sie von Fleisch leben, aus dem schon
die Wärme geflohen war, die aus den pulsierenden Schlägen des Lebens
und des Blutes stammte. Eins der Tiere mit Backenbart und langen
Pinselhaaren an den Ohrenspitzen, mit Mienen voll unauslöschlichen
Hasses und unbezähmbarer Wildheit und Grausamkeit, saß am Gitter,
unbeweglich wie eine Bildsäule, als lauere es auf ein Opfer und
sei fertig zum Sprung. Als ich näher trat, um den Gefangenen zu
betrachten, fuhr er wie von einer Schlange gestochen auf, schlug die
Tatzen um ein paar Gitterstäbe, zog die Oberlippe hoch, sperrte den
Rachen auf und fauchte mit unheilkündender Kraft, als wollte er am
liebsten seine Hauzähne in meine Kehle senken. Ich fuhr zusammen und
trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Meine Rache beschränkte sich
darauf, daß ich oberhalb des Kopfes der kleinen wütenden Bestien mit
dem Stock an die Eisenstange schlug. Pfeilschnell sprang das Tier zu
einem der obersten Äste des Baumes hinauf, und seine Augen glühten wie
feurige Kohlen, als wollte es mich mit seinen haßerfüllten Blicken
durchbohren. Es ist verwunderlich, daß ein Tier von so viel Haß erfüllt
sein kann. Aber vielleicht ist es auch nicht einmal so wunderlich --
der Luchs kennt seine gefährlichsten Feinde und wahrt sein Recht zu
leben.
Etwas östlich von El Tovar auf dem Weg nach Grandeur und Yavapai
Point teilt sich der Fußweg längs des Randes in zwei Steige, die
in zwei verschiedenen Stockwerken laufen. Der obere führt zwischen
Bäumen hin; auf ihm kann man getrost und sicher lustwandeln. Der
untere folgt einem Absatz, einer schmalen, unregelmäßigen Stufe, und
geht am äußersten Rande des Abgrundes bergauf und bergab. Hier muß
man bei jedem Schritt achtgeben und wissen, wohin man den Fuß setzt,
sonst kann der Spaziergang recht kurz werden, oder wenn man lieber
will, sehr lang, denn wenn man ungeschickt ist und ausgleitet, geht
es in die Ewigkeit. Selbst hier wachsen Bäume, Kiefern, Wacholder und
Eichen; bisweilen haben sie ein paar Meter unterhalb des Pfades in
Spalten und Rissen festen Fuß gefaßt. Dann ragen nur ihre Kronen über
die weiße Kalksteinkante empor, und man wandelt wie in einer schmalen
Galerie mit der senkrechten nackten Felswand auf der Innenseite und
einer unregelmäßigen Reihe von Säulen auf der Außenseite. Von diesem
Säulengang aus hat man eine großartige Aussicht auf die wunderbare
Welt des Gran Cañon in den bloßgelegten Eingeweiden der Erde. Alle
zehn Schritt wechselt das Bild, und immer wieder macht man bei neuen
staunenerregenden Ausblicken halt.
[Illustration: Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch.]