Über die Wärme brauchte man sich nicht zu beschweren, obwohl wir Mitte

Juni hatten. Um 12 Uhr nachts waren 20 Grad, um 6 Uhr morgens am 17.

Juni 16,7 Grad, so daß es einem sogar kühl vorkam, um 12 Uhr mittags

25,5, um ½3 Uhr 29 und um 4 Uhr 32,5 Grad Celsius. Ich benutzte diesen

Tag dazu, um einige kürzere Streifzüge zu unternehmen, Skizzen zu

zeichnen und zwei Bücher über den Gran Cañon zu lesen, die ich bei mir

hatte. Meine Reisegefährten Birchfield, Bryn und Kemp kehrten nach El

Tovar zurück; an ihrer Stelle kam ein deutscher Professor, Leede, aus

Seattle mit zwei Damen an.

Siebentes Kapitel.

Der Rio Colorado.

Am nächsten Tag unternahm ich eine Fußwanderung durch das enge,

gewundene, unbeschreiblich romantische Tal des Hermit Creek hinab

an das Westufer des Coloradoflusses. Die Wärme hatte schon etwas

zugenommen; um 11 Uhr hatten wir 27,3 Grad, aber unten im Hohlweg um

½1 Uhr waren es 34,2 Grad. Der Himmel war strahlend klar, und heftige

Windstöße wirbelten zwischen den Felsen. Der Pfad führte an dem

Schauplatz des nächtlichen Tanzes vorüber und kreuzte dann wiederholt

den kleinen klaren Quellbach, der in seinem steinigen Bett dahinrieselt

und dessen Ufer hier und da mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen ist.

Auf der ganzen, 2½ Kilometer langen Strecke steigt man 275 Meter hinab,

also fast einen Eiffelturm. Der Weg ist sehr bequem und an einzelnen

Stellen mit Geländer versehen. Senkrechte oder steil abstürzende

Felswände schließen die Schlucht Hermit Gorge ein. Eidechsen huschen

zwischen Geröll und Felsblöcken umher. Sonst ist das Tierleben arm. Nur

hin und wieder fliegt summend eine Bremse vorbei.

Der Bach ist oft nur so breit, daß man mit einem Satz hinüberspringen

kann. Wo er etwas anschwillt, sind Steine gelegt, auf denen man

hinübergeht. Fünfzehnmal muß man den Wasserlauf überschreiten. Bei

jedem Übergang bellte mein einziger Begleiter, der Rattler Rock, und

ich kam bald dahinter, was er wünschte. Er wollte, daß ich einen Stein

ins Wasser warf, den er dann blitzschnell holte und mir brachte.

Nachdem man den Bach zum letztenmal gekreuzt hat, befindet man sich

plötzlich an dem Punkt, wo der Hermit Creek in den breitern und doch

so engen und scharf eingeschnittenen Korridor mündet, in dem der

Colorado seine ungeheueren Wassermassen dahinwälzt. In dem Mündungstor

des Nebentals, dessen Breite 25 Meter nicht übersteigen dürfte,

hat sich ein kleines Feld Sanddünen gebildet, die zum Teil durch

Pflanzenwuchs gebunden sind. Im übrigen ist der Fleck trocknen Bodens,

der sich zwischen der Talmündung und dem Flußufer ausbreitet, voller

Blöcke und Kies. Das Flußwasser hat graubraune Farbe und ist dick wie

Erbsensuppe. Man glaubt zu fühlen, wie der Boden unter den schweren

Wassermassen erzittert, und ein dumpfes massiges Dröhnen erfüllt die

mächtige Granitrinne, die vom Hochrand aus wie ein ganz schmaler

Streifen aussieht. Die Landschaft, die sich rings um mich entrollt, ist

großartig, aber nicht merkwürdiger als die Uferlandschaft irgendeines

Flusses im Himalaja. Man ist zwischen hohen Granitfelsen eingeschlossen

und sieht nur in den Verlängerungen der beiden Täler, d.❁h. auf drei

Seiten, einen Schimmer ferner Höhen. Oben auf dem Rand bei El Tovar

oder andern Aussichtspunkten befindet man sich so hoch, wie man nur

kommen kann, und muß bei der Betrachtung der eigenartigen Landschaften

in horizontaler Richtung oder nach unten schauen. An der Stelle jedoch,

wo ich jetzt stand, war ich so tief unten im Gran Cañon, wie man

überhaupt hinabsteigen kann, und richtete den Blick geradeaus und nach

oben, als ich die wilden Formen betrachte, die die Erosion erzeugt hat.

[Illustration: Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten.

Die Mauer der Palisaden mit Comanche Point in der Mitte; links im

Schatten Marble Cañon und der Colorado; auf der Höhe der Palisaden

rechts die Bunte Wüste.]

Der Colorado kommt hier unmittelbar von Osten und ist von dunklen,

steilen Granitfelsen eingerahmt. Längs des linken Ufers stromauf zu

gehen, ist unmöglich; die Bergwände fallen senkrecht zum Wasser ab. Von

meinem Beobachtungspunkt aus macht der Fluß einen langgestreckten Bogen

nach Nordwesten, den auf dem linken Ufer senkrechte, oft überhängende

Felswände einfassen, während die Berge des rechten Ufers steile Hänge

bilden. Und wenn ich nach Südwesten blicke, das Tal des Hermit Creek

hinauf, gewahre ich eine mächtige Bergpartie, die abwechselnd aus

Terrassen und Stufen besteht und in der Gegend von Hermit Basin vom

Südrand vorspringt.

Unmittelbar unterhalb der Einmündung des Nebentals in das Haupttal

fesseln unsere Aufmerksamkeit die Hermit Falls. Hier kocht und siedet

der Fluß, und die Wassermassen scheinen miteinander zu ringen; sie

zwängen sich zwischen Blöcken hindurch, die ins Bett herabgestürzt

und über Wasser nicht zu sehen sind. In Wirklichkeit sind es keine

Fälle, sondern nur Stromschnellen. Oberhalb, d.❁h. östlich von ihnen,

ist der Colorado breiter, ruhiger und stiller. Aber dann beginnt der

Sog der Stromschnelle. Das Wasser baucht und wölbt sich in schön

geformten blanken Wogen, die bei dieser Wassermenge ständig die gleiche

Lage und Gestalt behalten. Die erste große Woge krümmt sich zu einem

überhängenden Kamm, der keine Schaumkrone trägt, aber einen dunklen

Schatten unter sich hat. Die nächste bricht sich in zischendem,

schäumendem Gischt. Aus diesem Hexenkessel steigt das Dröhnen auf, das

das Tal erfüllt.

[Illustration: Brahma- und Zoroaster-Tempel, von Wylie Way Camp aus.]

Ich blieb hier mehrere Stunden und machte einige Zeichnungen. Um 3

Uhr war die Temperatur auf 36,1 Grad gestiegen, aber ich befand mich

ja auch in dem eingeschlossenen Tal zwischen Felsplatten, auf die die

Sonne brannte. Die Luft war meist ruhig, nur hin und wieder kam eine

frische Ostbrise, die den Flugsand in tanzenden Wolken aufwirbelte.

Von Zeit zu Zeit eilten kleine schwarze Stämme und Äste Treibholz auf

der Oberfläche des Flusses vorüber. Sie verrieten deutlicher als das

Wasser selbst, wie kräftig der Sog der Strömung war. In den Strudeln

der Stromschnellen verschwanden sie spurlos.

Meinem Freund Rock muß ich einige Zeilen widmen. Einen angenehmern

Gesellschafter hätte ich am Ufer des Colorado kaum haben können. Er

war prächtig. Ich saß auf einem runden Block, der halb vom Wasser

umspült wurde, und zeichnete. Gleich davor ragte ein zweiter Block

aus den graubraunen Wogen; zwischen beiden wurde das Wasser vom Sog

zusammengedrängt, so daß es ununterbrochen aufspritzte und plätscherte.

Es sah aus, als würden unaufhörlich Steine ins Wasser geworfen; dieser

Scherz reizte Rock. Er stellte sich auf die äußerste Spitze meines

Blocks und bellte sich heiser. Von Zeit zu Zeit wandte er sich an

mich, um sich über diese rücksichtslose Verhöhnung zu beklagen. Mir

blieb nichts anderes übrig, als einen Stein in den Fluß zu werfen. Der

Hund sprang mit wirklich großartiger Kühnheit ins Wasser, tauchte,

fischte den richtigen Stein unter tausend andern heraus, kam triefend

naß wieder ans Ufer und legte ihn neben mich, gab mir eine Dusche, die

mein Skizzenbuch in Gefahr brachte, spitzte die Ohren, sah mich an und

wartete auf den nächsten Stein. Er hütete sich wohl, in allzu tiefes

Wasser zu geraten, und war stets darauf bedacht, daß er festen Grund

unter den Füßen hatte. Zwar störte er mich beim Zeichnen, aber keiner

von uns wurde des Spiels müde, und ich weiß nicht, wer von uns den

größten Spaß daran hatte, Rock oder ich.

Um ½6 Uhr zeigte das Thermometer 18 Grad im Fluß und 29 Grad in der

Luft. Als ich eben im Begriff stand aufzubrechen, um nach Hermit Camp

zurückzukehren, erschien Herr Poquett mit zwei Maultieren; ich brauchte

daher die 275 Meter nicht zu Fuß zu erklimmen. Wir kamen grade zum

Essen zurecht. Außer ~Dr.~ Leede und seinen beiden Damen war noch

eine Gesellschaft von El Tovar angelangt. Es waren junge Mädchen,

Lehrerinnen an irgendeiner Schule, die ihre Ferien dazu benutzten,

ihren Bildungshunger zu stillen und ihr großes Land kennenzulernen. Nur

10,2 vom Hundert aller Touristen, die El Tovar besuchen, gehen auch in

den Cañon hinunter, und von diesen sind 60 vom Hundert Damen, meist

Lehrerinnen und Kinderfräulein.

Am Abend goß eine schmale Mondsichel ihren bleichen, gespenstischen

Schein über das wunderbare Tal, und an ein paar Stellen ertönten die

Schreie der wilden Esel. Wie ein mächtiges Denkmal, eine rätselhafte

Sphinx der Sagenzeit hob der Hermit Peak seine dunkle Spitze zum

Nachthimmel empor; über ihm funkelte wie ein Diadem ein Stern.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die

Tempel in Nord 12° West.]

Da ~Dr.~ Leede und seine Frau am Nachmittag des 19. Juni nach

El Tovar zurückkehrten, beschloß ich, mich ihnen anzuschließen. Die

Versuchung, am Fluß entlang nach Indian Garden zu gehen und von dort

nach El Tovar hinaufzusteigen, war nicht groß; einerseits hatte ich

einen Ausflug über Indian Garden und den Colorado nach dem Nordrand

des Gran Cañon bereits geplant, anderseits ist der mehr als 32

Kilometer lange Weg längs des Flusses ziemlich eintönig. Übrigens hält

er sich auf ein und derselben Höhe, ungefähr der gleichen wie Hermit

Camp, und da er einen Tag fast ganz in Anspruch nimmt und so gut wie

ohne Wasser ist, bekommt man keine Gelegenheit, zu zeichnen. Er heißt

Tonto Trail, weil er die ganze Zeit auf den Hängen der Tontoformation

läuft. Gleich unterhalb Hermit Camp trennt er sich von dem Pfad, auf

dem wir vom Südrand herabgekommen waren. In scharfen zeitraubenden

Biegungen nach Süden muß er tief eingeschnittenen Nebencañons

ausweichen, dem Monument Creek und dem Horn Creek, um schließlich in

den Indian Garden Creek zu münden. Dann muß er in ebenso scharfen

Krümmungen nach Norden die vorspringenden Kaps des Südrandes umgehen,

Cope Butte, die Fortsetzung von Pima Point, auf dessen Rücken die

steilen Cathedral Stairs liegen, und The Alligator mit seinen beiden

nach Nordwesten und Norden vorspringenden Felsenzungen.

Wir brachen also nach dem Lunch auf, kamen an einem Platz mit dem

bezeichnenden Namen Four Echo Rock vorüber und waren nach zwei Stunden

wieder bei Santa Maria Spring, wo wir Wasser tranken und Apfelsinen

aßen. Unten bei Hermit Camp war die Temperatur 33,5 Grad gewesen, jetzt

war sie auf 26 gefallen.

Der Ritt die steilen Hänge hinan ist für einen ungeübten Reiter viel

leichter als der Ritt bergab. Im erstern Fall sitzt man wie in einem

Stuhl, der Schritt für Schritt ruckweise in die Höhe gehoben wird, im

andern Fall muß man die Füße fest gegen die Steigbügel stemmen, um

nicht kopfüber über das Maultier zu rutschen. Wie man mir erzählte,

ist in den siebzehn Jahren, seitdem El Tovar gebaut war, nicht ein

einziger Unglücksfall vorgekommen.

Am obersten Rand ist eine gemütliche Unterkunftshütte, Hermit Rest,

errichtet. Hier brennt an kalten Tagen ein Feuer in einem offnen

Herd, und jetzt im Sommer erhält man für wenig Geld erfrischende

Getränke, Gebäck und Ansichtskarten. Ein telephonisch bestelltes Auto

brachte uns im Nu nach El Tovar zurück, das voller hübscher Misses und

Vergnügungsreisender aller Art war.

Der ganze Himmel war den Tag über bewölkt und sah drohend aus. Die

eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst einen Monat später. Man

fand aber das Jahr 1923 kälter als gewöhnlich und argwöhnte, der

Regen werde früher als sonst einsetzen. Ich gab mich der Hoffnung

hin, das Wetter werde sich halten, bis ich alles gesehen hatte, was

ich sehen wollte; denn bei Regen verliert der Gran Cañon seinen Reiz,

die charakteristische Skulptur kommt nicht zu ihrem Recht, und die

herrlichen Farben verschwinden. Dagegen rufen die Nebel, die von Zeit

zu Zeit die gewaltige Talfurche füllen, überaus eigenartige Wirkungen

und höchst überraschende Landschaftsbilder hervor. Tempel, Pagoden und

Felsenkaps ragen dann aus dem Nebel empor wie Riffe und Schären in

einem aufgeregten Meer.

Einen Ruhetag benutzte ich dazu, am Rand entlang spazieren zu

gehen und von malerischen Punkten aus Skizzen zu zeichnen. Auch

verbrachte ich geraume Zeit bei dem liebenswürdigen Oberst Crosby, dem

Regierungsvertreter. Er wohnt nicht weit vom Bahnhof im Wald in einem

ungewöhnlich hübschen Landhaus. Er schenkte mir Karten, Broschüren

und Photographien, und wir schmiedeten Pläne zu ein paar neuen

Autoausflügen am Südrand entlang, so weit man überhaupt kommen kann.

Am Nachmittag hörte ich einen sehr spannenden, lehrreichen Vortrag

des Herrn Ellsworth L. Kolb, der eine verwegene Bootfahrt auf dem

Coloradofluß durch den Gran Cañon unternommen hatte, wie seinerzeit

Major Powell. Dann besuchte ich Joo Secakuku in seinem Haus, nachdem

er seine gewohnten Tanzvorführungen beendet hatte. Er zeigte mir

indianische Matten mit eigenartigen Mustern, und ich kaufte zehn davon.

Schließlich traf ich auch mit Herrn Ford Harvey und dem Vizepräsidenten

seines Konzerns, Herrn Wells, zusammen, zwei liebenswürdigen,

sympathischen und gastfreien Herren. Sie waren nach El Tovar gekommen,

um mit ihrem Architekten und andern Sachverständigen an Ort und Stelle

über die Erbauung eines neuen großartigen Hotels zu beraten, da das

alte, das mehr als eine Million Reichsmark gekostet hat, jetzt nicht

mehr ausreichte und in wenigen Jahren viel zu klein sein würde. Wie

ich schon erwähnte, ist die Zahl der jährlichen Besucher ständig im

Steigen. Am heutigen Tag waren achthundert Gäste eingetroffen, und

wenn auch die meisten Automobilisten sind, die in oder neben ihren

Kraftwagen übernachten, so ist das Hotel doch stets vollbesetzt.

Ich erlaube mir dem jungen Architekten als meine Ansicht zu sagen,

ein Hotel bei El Tovar müsse so liegen und so gebaut werden, daß

man von möglichst vielen Zimmern freie Aussicht auf den Gran Cañon

hat. Ich würde es auch nicht in eine eingeschnittene Bucht legen,

wie es jetzt in El Tovar der Fall ist, wo die im Osten und Westen

vorspringenden Felsenkaps nur eine Aussicht gestatten, die nicht einmal

die Breite eines Quadranten erreicht. Nein, ich würde es auf Hopi

Point errichten, von wo aus man durch die Fassadenfenster zwei volle

Quadranten oder den halben Gesichtskreis und von den Eckzimmern drei

Quadranten beherrschen könne. Das jetzige Hotel bei El Tovar ist, was

die Aussicht anlangt, so mißraten wie nur möglich.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord

60° Ost.

Rechts Yavapai Point.]

So plaudernd, saßen wir in der großen Halle, die gleichzeitig als

Gesellschaftszimmer dient, und die Feuer prasselten in den Kaminen.

Auch heute war das Wetter trüb, windig und kalt gewesen, und um 2

Uhr nachmittags hatte das Thermometer nur 9,2 Grad gezeigt. Der

beträchtlichen Höhe über dem Meer ist es zuzuschreiben, daß hier mitten

im Sommer und in 36 Grad nördlicher Breite eine so niedrige Temperatur

herrscht.

Achtes Kapitel.

Navaho Point.

Nach einem Besuch bei dem Maler Dawson Watson, der mir seine

verzweifelten Versuche zeigte, die Pracht des Gran Cañon in Öl

wiederzugeben, und nachdem ich im Museumsgebäude Aykens großes

Gemälde über das gleiche hoffnungslose Thema betrachtet hatte, ein

Gemälde, das in künstlerischer Hinsicht recht gelungen ist, fuhr ich

im Auto ostwärts nach dem gegen 48 Kilometer (30 englische Meilen[1])

entfernten Desert View oder Navaho[2] Point. Es war 3 Uhr, und die

Temperatur angenehm (20 Grad), als ich aufbrach, um das Ziel meiner

Fahrt zu erreichen, ehe die Sonne unterging.

Herr Petrosa hatte mich mit Mundvorrat für den Abend und den

ganzen nächsten Tag versehen; denn ich wollte in einer der drei

Unterkunftshütten übernachten, die sich bei Navaho Point befinden,

jedoch unbewohnt waren. Man gab mir daher auch Petroleum für die Lampe

mit und Bettzeug, Laken und Decken, sowie vor allem den Schlüssel zum

Küchenhäuschen, das mit einem Herd ausgestattet war und wo ich Tee oder

Kaffee kochen und vielleicht in den Schränken etwas Eßbares, Marmelade

oder ähnliches, finden konnte. Kurz vor dem Aufbruch fragte einer der

Herren im Hotel, ob ich nicht eine Feuerwaffe mitnehmen müsse, da man

vor Pumas, Luchsen, Wildkatzen und Heulwölfen nicht sicher sei, aber

ich faßte seine Warnung als Scherz auf und wurde auch von wilden Tieren

nicht gestört.

Herr Tillotson, einer der Herren des Stabes am Gran Cañon, fuhr mich

in einem kleinen Fordwagen durch den Wald. Bis Grand View war der Weg

ausgezeichnet. Wir kamen an Thors Hammer vorüber, ließen Grand View

zur Linken und mußten infolge einer Panne eine gute Stunde bei einem

Ranch halten, der einst als Gasthaus gedient hatte. Hier ist die Grenze

des Nationalparks. Das Gebiet ist vom Zeitungskönig W. R. Hearst

gekauft worden, der die Absicht haben soll, sich am Rande des Abgrundes

ein Haus zu bauen, um sich dadurch noch eine friedliche Wohnstätte

zu verschaffen zu den vielen, die er schon besitzt und in die er

sich für ein, zwei Wochen von seinem geräuschvollen Zeitungsgewerbe

zurückzuziehen pflegt. Von diesem Punkt hat man eine prächtige Aussicht

auf den Cañon und seinen Südrand, der nach Nordosten zu höher zu werden

scheint, wo sich drei bewaldete, durch senkrechte, nackte Felswände

voneinander getrennte Kaps hintereinander zeigen.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach

Ostnordosten.]

Der Weg wird schlechter, aber nirgends schwierig. An einzelnen Stellen

waren kleine Trupps von Navaho-Indianern damit beschäftigt, die

Fahrbahn auszubessern. Von einem hölzernen Aussichtsturm, der über

den Wald emporragt, wird ständig Ausguck gehalten, um die Viehhalter

und Farmer der Gegend zu warnen, wenn ein Waldbrand ausgebrochen

ist. Es muß ein schrecklich langweiliger Beruf sein, dort oben zu

sitzen und den Wald anzugucken. Wenn man dagegen so wie ich zum

erstenmal durch diese dunklen, kühlen Säulengänge dahinsaust, hat man

seine Freude daran. Hier ist es still und feierlich. Selten rauscht

ein Windhauch durch die Kronen der Bäume. Ein Reh, ein Murmeltier

und ein Präriehund waren die einzigen Bewohner des Waldes, die sich

erblicken ließen. Der graugelbe Präriehund, ein Nagetier, saß in einer

Lichtung und betrachtete uns gelassen. Auch Stachelschweine sollen

hier hausen und nicht selten in Sehweite kommen. Plötzlich hallte ein

schrecklicher Lärm durch den sonst so stillen Wald; eine ganze Karawane

von Autoomnibussen kam uns entgegen, nicht weniger als acht Wagen,

voll besetzt mit Touristen, die von ihrem Ausflug nach Navaho Point

zurückkehrten. Die Wagen donnerten und rasselten an uns vorüber, und

der Boden erzitterte unter ihnen. Es war recht angenehm, zu wissen, daß

wir also die Luft rein finden würden, wenn wir Navaho Point erreichten.

Herr Tillotson machte mich auf die in diesem Urwald vorherrschenden

Bäume aufmerksam. Es waren die Gelbkiefer (~Pinus ponderosa~), die

Douglastanne (~Pseudotsuga taxifolia~), der Utahwacholder (~Juniperus

utahiensis~) und die Färbereiche (~Quercus tinctoria~). Eine halbe

Stunde, ehe man am Ziel ist, hört die Gelbkiefer auf, und die Nußkiefer

(~Pinus edulis~) herrscht vor. Die Gelbkiefer zeigt sich jedoch wieder

in einer Senke, wo die lockere Erdschicht mächtiger ist; denn dieser

Baum beansprucht mehr Erde als die andern.

Der Weg läuft in so scharfen Biegungen, daß man bisweilen nach Westen

fährt. Hier und da sind „Tanks“ angelegt, Teiche zum Ansammeln des

Regenwassers für das im Wald weidende Vieh, das sonst verdursten würde.

Wir lassen Lipan Point zur Linken und sind um ¾6 Uhr am Ziel.

Zwischen den Bäumen auf dem nach Norden vorspringenden Kap Navaho Point

oder Desert View sind etwa hundert Schritt vom Rande des Abgrundes

entfernt drei Unterkunftshütten errichtet. Die östlichste von ihnen ist

an ihren beiden Schmalseiten mit Veranden versehen, die von Drahtnetzen

umschlossen werden, und enthält den Speiseraum und die Küche. In

der Küche befinden sich ein kleiner Herd und wandfeste Schränke mit

einigen Vorräten wie Tee, Zucker, Kaffee, Marmelade und Keks, eine

Wasserleitung, Eimer, Kannen, Schöpfkellen, Teller, Schüsseln, Tassen

usw. aus emailliertem Blech.

Die westlichste Hütte besteht aus einem einzigen Raum mit Veranda.

Das Zimmer ist mit Bett, Kommode, Waschgestell, einigen Rohrstühlen

und einem eisernen Ofen ausgestattet. Von der gleichen Art ist die

mittlere Hütte. Ein paar kleinere Reisegesellschaften können also an

dem Ort übernachten. Doch jetzt war keine Menschenseele in Navaho

Point, kein Wächter oder Diener, nicht einmal ein Indianer oder ein

Neger. Den letzten Besuchern waren wir unterwegs begegnet; keiner

von ihnen hatte Lust gehabt, hier über Nacht zu bleiben. Ich würde

also mutterseelenallein in der Wildnis sein, fern von El Tovar, dem

äußersten Vorposten der Zivilisation.

Tillotson öffnete die beiden Hütten, die ich benutzen wollte, und

zeigte mir, wo ich alles finden konnte. Nachdem wir Gepäck und Proviant

abgeladen und in meine Schlafhütte gebracht hatten, sagte er mir

Lebewohl und verschwand mit seinem Auto im Wald. Ich trug ein paar

Stühle an den Rand des Kaps und begann einige Umrißskizzen zu zeichnen

und zu kolorieren. Es muß schnell gehen, denn die Schatten werden mit

jeder Minute länger, und das Farbenspiel wechselt ständig. Die ganze

von Norden nach Süden laufende Felswand der Palisaden, die die denkbar

schärfste Grenze gegen die Painted Desert im Osten bildet -- eine

viel gewaltigere Grenze als die Chinesische Mauer in den Tagen ihres

Glanzes -- und an deren Westfuß der Colorado fließt, ist jetzt bei

Sonnenuntergang in leuchtend rotes Licht getaucht. Fast alles andere

liegt im Schatten. Im Talgrund ist noch das sich schlängelnde silberne

Band des Flusses zu unterscheiden.

Die Sonne steht am Horizont in der westlichen Verlängerung des Gran

Cañon und geht in Feuergluten unter. Da verblaßt die rote Beleuchtung

auf den „Palisaden der Wüste“, und alle Farben schmelzen zu einem

ziemlich tonlosen Violett und Grau zusammen. Auch diese Beleuchtung

versuchte ich in einer schnellen Skizze festzuhalten, wobei ich mehr

die Stimmung als die Einzelheiten der Topographie berücksichtigte. Nach

einer Weile verwischen sich die Einzelheiten mehr und mehr, die bei

Tageslicht so scharf hervortretenden Formen verschwimmen, und nur die

großen Züge machen sich in verschiedenen kräftig beschatteten Feldern

geltend. Über dem westlichen Horizont lag noch eine Zeitlang ein

starker Widerschein der sinkenden Sonne, und über der Erde schwebte wie

eine lange gerade Brücke eine Wolke.

[Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Westen.]

Nur ein Meter von meinem Aussichtspunkt entfernt gähnte die

schwindelnde Tiefe. Ein undurchdringlicher Nebel scheint dort unten

zu herrschen. Nur der Nordrand des Cañon ist noch scharf gezeichnet,

und das Flußbett hebt sich als hellerer Streifen von seiner Umgebung

ab. Aber die Dämmerung wird dichter, und der Vorhang der Nacht senkt

sich vor die großartige Skulptur. Hinter mir rings um die Hütten wird

der Wald dunkel, der Mond steht hoch am Himmel, und die Fichten ragen

wie Spukgestalten mit ausgestreckten Armen in die Höhe, sie werfen

rabenschwarze Schatten auf die hellen Kalksteinflächen. Die leichte,

ungleichmäßige Abendbrise, die in den Baumkronen gerauscht und das Kap

umbraust hat, ist eingeschlafen; es ist grabesstill am Rand des Gran

Cañon.

Gran Cañon · 第 7 / 13 段