Nach weiteren zehn Minuten reiten wir an Last Chance Spring vorbei und

haben eine Weile später eine über hundert Meter hohe senkrechte, zum

Teil überhängende Felswand zur Rechten und den senkrecht abstürzenden

Abgrund, den Kalkstein des Redwall, zur Linken. Wir sind 640 Meter

hinabgestiegen und müssen noch 460 Meter tiefer hinunter.

Hermit Camp tritt jetzt zur Linken deutlich hervor und bleibt, von

ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen, die ganze Zeit sichtbar.

Es leuchtet wie eine Oase, wie ein frischer grüner Fleck in der

graugelben Landschaft dort unten, wo die weniger steilen Geländewogen

der Tontogruppe ihre glockenförmigen Rücken wölben und zu den dunklen

Regionen des Granits abfallen. Scharf und klar sind die kleinen weißen

Hütten mit ihren grünen Dächern zu sehen und der helle gewundene Pfad,

der zu ihnen hinabführt.

Wir steigen noch etwa 30 Meter zum Breezy Point hinunter und sind

jetzt an dem 150 Meter mächtigen, senkrechten Redwall, der ein völlig

unübersteigbares Hindernis auf unserm Weg wäre, wenn seine Mauer

nicht in dem innersten Winkel seines Einschnitts durch den schroffen

Fall eines Schuttkegels unterbrochen wäre. Auf seiner Oberfläche

läuft der Pfad in zahllosen kurzen, abschüssigen, spitzwinkligen

Zickzackbiegungen, den sogenannten Cathedral Stairs, obgleich man nach

einer Kathedrale mit so unbequemen Stufen suchen könnte. Wenn man den

Anfang dieses schwindelnden Steilhangs erreicht, glaubt man, der Weg

höre auf und der Blick verliere sich in unerreichbaren Tiefen. Wenn man

sich an einer dieser Krümmungen befindet, sieht man bisweilen nicht

einmal die nächsten unter sich. Trotz des Vertrauens, das man in die

Sicherheit des Maultiers setzt, zieht man es hier vor, zu Fuß zu gehen.

Leider ging der Wind so heftig, daß wir nur ein paar Aufnahmen machen

konnten. Sonst -- es war so gedacht gewesen -- hätte ich nur auf

eine Aussicht oder eine Bergpartie zu zeigen brauchen, damit sie zur

Erinnerung an meine Wanderung im Bild festgehalten wurde. Aber ich

erhielt später ganze Stöße von Photographien vom Gran Cañon, wenn auch

nicht alle auf meine Wege und meine Erlebnisse Bezug hatten. Ein paar

Aufnahmen machten wir jedoch auf den „Kathedralstufen“ und an ihrem Fuß.

Nachdem wir Cope Butte, einen nach Norden gerichteten schmalen, scharf

gezeichneten Ausläufer aus Redwallkalkstein, hinter uns gelassen und

die steilen Hänge hinabgeklettert sind, beginnt „The Long Drag“, wo

wir auf den Geländewellen des Tontoschiefers langsam absteigen. Ein

gewundener Teil des Wegs heißt „The Serpent“; an seinem Fuß sind wir

schon 945 Meter unter der Hochfläche und steigen in den nächsten sieben

Minuten weitere 90 Meter hinunter. Hier wachsen Kakteen zwischen

herabgestürzten Blöcken. Einige Minuten später öffnet sich vor uns die

prächtige Aussicht nach Süden durch den wilden, engen, dunklen Cañon

des Hermit Creek, und schließlich, kurz vor 3 Uhr, sind wir am Ziel.

Wir waren also während des 3½ Stunden langen Rittes 1097 Meter

tief gekommen und befanden uns bei Hermit Camp 975 Meter über dem

Meeresspiegel.

Hermit Camp oder Hermit Cabins ist ein kleines Dorf in der öden

Tiefe des Gran Cañon. Das Zepter in diesem „Dorf“ führen Herr Poquett

und seine Frau, eine geborene Jonsson, die von schwedischen Eltern

abstammt, aber nie die Sprache ihres elterlichen Heimatlandes gelernt

hat. Ihr Vater ist ein vierundsechzigjähriger Farmer in Wisconsin. Frau

Poquett war nach einer schweren Krankheit und Operation so herunter

gewesen, daß sie fast dem Tode verfallen schien; aber nachdem sie jetzt

zwei Jahre in Hermit Camp zugebracht hat, hat sie ihre Gesundheit

wiedergewonnen, was sie dem Klima zuschreibt.

Wer Herrn und Frau Poquett in die Hände fällt, leidet keine Not. Ich

verbrachte in ihrer kleinen Oase zwei unvergeßlich herrliche Tage. Des

Reitens entwöhnt, zumal schwindlige Steilhänge Hals über Kopf hinab,

war ich anfangs ziemlich steifbeinig, erholte mich aber bald wieder.

Den Mittelpunkt des kleinen Dorfes bildet Poquetts Häuschen mit der

Küche und das Speisehaus, in dem die Gäste ihre Mahlzeiten gemeinsam

einnehmen. Daneben stehen die Vorratshäuser; sie sind mit allem

Nötigen stets gut versehen und werden von Zeit zu Zeit von kleinen

Karawanen aufgefüllt, die von El Tovar hinabgeschickt werden. Hühner,

Konserven, Brot, Früchte, erfrischende Getränke und anderes mehr sind

die wichtigsten Lebensmittel. Hühner gibt es am Ort selbst; gegenwärtig

werden 400 Hühnchen gemästet, damit sie in einem Monat für die Tafel

reif sind. Ein Gemüsegarten wird sorgfältig gepflegt, ein lichter

Pappelhain spendet dem Dutzend kleiner Häuser etwas Schatten. Der

kalkhaltige Boden ist unfruchtbar und muß gedüngt werden, damit die

Saat wächst. Es ist das Berieselungswasser aus dem Hermit Creek, das

die kleine Oase aus dem sonst fast wüstenartigen Boden hervorgezaubert

hat.

[Illustration: Hopi-Indianer.]

Mit El Tovar steht man in Telephonverbindung und kann daher neue

Vorräte rechtzeitig bestellen. Jede Gruppe von Reisenden, die nach

Hermit Camp hinabkommt, hat ihren Führer; dieser bringt auf einem

Maultier frisches Fleisch und Eis mit. Als man Anfang des Jahres zwölf

Tonnen Kohlen hinunterschaffte, hatten täglich zwanzig Maultiere einen

ganzen Monat zu schleppen. Die Wäsche -- Bettzeug, Tischtücher und

dergleichen -- wird mit zurückkehrenden Gesellschaften nach El Tovar

hinaufgeschickt.

Unmittelbar unterhalb des Speisehauses liegen die Unterkunftshütten,

„Cabins“, in einer Reihe mit einer gemeinsamen Veranda. Hier steht eine

Tonne, die stets mit frischem Trinkwasser gefüllt ist. In dem Duschraum

kann man, wann es einem beliebt, seinen Körper äußerlich abkühlen. Der

Ausruheraum vor den Hütten hat eine Veranda, die nach der schönsten

Aussicht im Tal hinausgeht. Man stemmt die Füße gegen die Brustwehr

und verträumt hier in bequemen Liegestühlen gern eine Stunde, wenn die

Sonne untergeht.

Eine Reisegesellschaft, zwei junge Herren und zwei junge Damen aus Los

Angeles, hatte es sich schon bequem gemacht. Während diese zum Colorado

hinabritten, nahm ich meine Behausung in Augenschein. Ich hatte mich

entschlossen, ein paar Tage hier zu bleiben, um die neuen wunderbaren

Bilder, die sich auf allen Seiten darboten, in aller Ruhe genießen zu

können und nicht wie andere Besucher nur einen Gewaltritt zum Fluß zu

machen.

Meine Hütte enthält ein Zimmer mit Bett, Waschtisch, Kommode, Tisch und

ein paar Stühlen sowie einem eisernen Ofen -- denn selbst im Winter

wird der Gran Cañon besucht, wenn auch nur von wenigen Reisenden.

Meine Veranda ist auf den drei Außenseiten von Moskitonetzen aus

feinstem Draht umgeben und gleicht einem Geflügelkäfig. Man ist also

sicher vor Fliegen, Mücken, Nachtfaltern, Klapperschlangen und andern

Tieren, die sich in der Oase heimisch gemacht haben. Herr Poquett hat

in seinem Reich schon drei Klapperschlangen getötet. Auch Skorpione

sollen vorkommen, obgleich sie sich, merkwürdig genug, erst während

der Regenzeit Ende Juli und August zeigen. Auf der Veranda stehen zwei

Betten; es ist selbstverständlich, daß man in der warmen Jahreszeit

hier die Nacht verbringt.

Bei herrlichem Sommerwetter (25,2 Grad um ½4 Uhr und 24 Grad um 6 Uhr),

unter einem merkwürdig klaren, türkisblauen Himmel und beim Brausen und

Sausen kräftiger, aber lauer Windstöße verfloß mein erster Nachmittag

in Hermit Cabins. Zuerst zeigte mir Herr Poquett seine Menagerie, deren

Tierbestand recht bescheiden, aber höchst ungewöhnlich war: einige

große weiße Mäuse, Albinos, mit rubinroten Augen, zwei rabenschwarze

Katzen und ein gelber Rattenpinscher namens Rock. Sie lebten in bestem

Einvernehmen miteinander, die Katzen spazierten mit den Mäusen auf

dem Rücken vorsichtig umher, und Rock fühlte sich nicht im geringsten

versucht, von seiner starken Übermacht Gebrauch zu machen. Die

Katzen schienen ihm jedoch nicht zu trauen, denn als er kam und sie

beschnupperte, wollten sie beißen.

Darauf nahm ich auf der Veranda Platz und betrachtete die prächtige

Gebirgslandschaft. Jetzt, da die sonst in immer dichteren Schatten

verschmelzenden Hänge, Kämme und Zacken von den Strahlen der

untergehenden Sonne getroffen wurden, leuchtete sie in leichten, roten

Farbtönen. Im Nordwesten hatte ich die mächtigen Ausläufer vor mir,

die von Mesa Eremita, einem Teil des Südrandes, ausgehen, und deren

Schuttkegel zum Granitkorridor des Flusses abfallen. In Nordnordwesten,

jenseits der Coloradoschlucht, erhebt sich ein schön gezeichnetes,

dem Nordrand, und zwar der Gegend um den Mencius Temple, angehörendes

Massiv. Im Norden ist ein Gipfel zu sehen, der Cathedral Spire heißt

und wirklich der Ruine einer Kirche mit Turm und Schiff gleicht. Hinter

mir hatte ich die herrlich beleuchteten Felsen, deren höchster Punkt

Pima Point ist. Dort traten jetzt in stark goldgelben Tönungen zwei

ungeheuere Kalksteinstufen hervor, unter denen drei weitere Stufen

aus ziegelrotem Sandstein liegen. Die Stufen selbst sind senkrecht,

aber die Zwischenräume zwischen ihnen sind schräge steile Hänge, die

Vegetation tragen und recht stark ins Grüne spielen. Auf dem untersten

von meinem Standort aus sichtbaren Abhang läuft unser Weg unterhalb der

„Kathedralstufen“.

Das Schönste von allem, was man von Hermit Camp aus erblickt, ist

jedoch die durch die Erosion in kräftigen und architektonisch

vollkommenen Linien und Formen herausgemeißelte Bergspitze des Hermit

Peak, als deren Wurzel im Südrand man die Gegend um den Head of Hermit

Trail bezeichnen kann. Sieht man sie von der Seite, von Osten oder

Westen, so nimmt sie sich wie ein langgestreckter Wandschirm aus. Von

Hermit Camp dagegen stellt sie sich in der Verkürzung dar und gleicht

einer wunderbar malerischen Turmspitze, die sich auf einer Pyramide

mit gewaltigen Stufen erhebt. Am frühen Morgen ist der schmale Giebel

grell von der Sonne beleuchtet, während die ganze westliche Langseite

zu einem kompakten Schatten zusammenschmilzt, in dem die feinen

Einzelheiten verschwinden. Nicht weniger fesselnd zeichnet sich

das großartige Bergmassiv am Nachmittag ab, wenn die ganze westliche

Langseite sich im Purpurglanz der sinkenden Sonne badet und der nach

Norden gerichtete Giebel im Schatten liegt. Dann wird die feine

senkrechte Skulptur der Stufen vom Dunkel verschluckt. Nur wenn die

Sonne zur Rüste gegangen und die Nacht gekommen ist, verschwindet

das ganze erhabene Gebilde. Sonst nimmt der Hermit Peak zu allen

Tageszeiten und bei allen Beleuchtungen einen der ersten Plätze unter

den Erosionserscheinungen ein, an denen der Gran Cañon so reich ist.

[Illustration: Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang.]

Bei El Tovar gibt es ein sogenanntes Hopi-Haus, ein aus ungebrannten

Lehmziegeln im reinen Indianerstil erbautes Haus. Es soll den

Touristen ein Bild davon geben, wie die Hopi-Indianer heute wohnen

und wie ihre Väter vorzeiten gewohnt haben. Im Erdgeschoß hausen ein

paar Hopifamilien; sie bereiten ihr Essen, wiegen ihre Kinder und

verfertigen allerlei indianische Handarbeiten. Auf dem Hof vor dem

Hause führen die Indianer jeden Nachmittag ihre alten Tänze auf, in

jener kriegerisch malerischen Ausstattung, deren wir uns aus Coopers

Indianergeschichten erinnern. Die Touristen stehen im Kreis herum oder

schauen vom Dach des Hopi-Hauses zu. Wenn die Indianer ihr Programm

erledigt haben, gehen sie herum und kassieren ihr Entgelt ein; sie

haben aus dieser täglichen Vorführung offenbar ganz gute Einnahmen.

Meine gastfreien Freunde waren auf den Einfall gekommen, mir eine

gelungene Überraschung zu bereiten, die schon an diesem ersten Abend

von Stapel gehen sollte. Der Hopihäuptling von El Tovar, Joo Secakuku,

„Die gelben Füße“, hatte den Auftrag erhalten, sich nach der gewohnten

Nachmittagsvorstellung mit dreien seiner Stammesgenossen nach Hermit

Camp herabzubemühen, um mir etwas vorzutanzen und vorzusingen. Sie

kamen auch. Dieselbe Strecke, die wir in 3½ Stunden hinabgeritten

waren, hatten sie in 1½ Stunden im Laufschritt zurückgelegt. Es wäre

keine Kunst, Zeit zu gewinnen, wenn man Richtwege benutzen dürfte,

die die wilden Krümmungen abschnitten. Aber das ist streng verboten,

da Steine sich lösen und herabrollen und andere Wanderer verletzen

könnten. Joo Secakuku und seine Gefährten mußten daher dem Weg in allen

seinen Windungen folgen. Ihre Kleidung war ihnen bei ihren Bewegungen

nicht hinderlich, denn sie trugen nur eine Stirnbinde, ein dünnes

Gewand, das lebhaft an Badehosen erinnerte, und Mokassins. Sie liefen

in gleichmäßigem, sicherem Zotteltrab, atmeten, ohne sich anzustrengen,

und kamen auch in bester Verfassung in Hermit Camp an.

Zuerst erhielten sie ein recht ausgiebiges Essen, das sie zwei volle

Stunden beschäftigte. Sie aßen und tranken, plauderten, lachten und

sangen und machten einen schrecklichen Lärm. Beim Schein einer Laterne,

die uns den Weg zeigte, stiegen wir um 10 Uhr abends in den Grund des

Hermit Creek, des hohlwegartig engen Seitentals, hinab. Dabei kamen

wir an der Höhenmarke vorüber, deren Zahl verrät, daß wir uns 1250

Meter unterhalb des Hochrandes befanden. Von hier hatten wir nur noch

20 Meter bis zu der kiesigen Sohle der Schlucht, in der schon ein

riesiges Feuer flammte und seinen roten Schein auf die senkrechte oder

überhängende Sandsteinwand warf: ein wirkungsvoller Hintergrund zu dem

Schauspiel, dem wir beiwohnten.

[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado

aufwärts.]

Auf einem kleinen offenen Fleck am Ufer des Quellbaches, auf allen

Seiten von dem undurchdringlichen nächtlichen Dunkel umgeben, tanzten

die Indianer ihre alten Tänze. Phantastisch wild und echt sahen sie

beim Feuerschein aus, und ihre Tänze wirkten bezaubernd. Man konnte

sich in die Zeit versetzt denken, ehe Amerika von den Weißen entdeckt

worden war, als die Rothäute in Arizona und an den Ufern des Rio

Colorado noch in Freiheit lebten und keine andern Feinde hatten als die

umwohnenden Stämme. Unbezwingbare Wehmut lag über diesem wunderbaren

Bild, und mich beschlich ein beklemmendes Gefühl von Sympathie für

diese letzten Trümmer eines stolzen herrlichen Volkes, das verdrängt

und erstickt wird und ausstirbt. Ihren Gesang begleiteten sie mit einer

Trommel und ein paar Klappern. Joo Secakuku erklärte die Bedeutung der

Lieder und Tänze in tadellosem Englisch. Alles ging jedoch so schnell,

daß ich mit meinen Aufzeichnungen nicht recht nachkommen konnte.

Ich muß mich hier mit einigen Andeutungen begnügen, die Kenner der

sterbenden indianischen Kultur mehr als mager finden dürften.

Der erste Tanz, den Joo „Kachina“ nannte, war den Naturkräften

gewidmet. Aus allen Erklärungen Joos ging hervor, wie tief die

Ehrfurcht vor der Natur und ihren geheimen Kräften noch heute in dem

Bewußtsein der Indianer wurzelt, obwohl die Berührung mit der weißen

Christenheit zersetzend eingewirkt hat auf das Vertrauen vieler,

wahrscheinlich der meisten von ihnen, zu den religiösen Anschauungen

ihrer Väter. Doch soll es nach wie vor Stammeslieder geben, die nach

dem, was Joo erzählte, nicht vor Fremden, sondern nur innerhalb des

Stammes gesungen werden dürfen. Was den Häuptling selbst betrifft, so

bekam ich den Eindruck, daß er noch an dem alten Glauben festhielt;

daß er es jeden Nachmittag bei El Tovar und heute nacht im Hermit

Creek über sich gewann, vor Fremden aufzutreten und zu tanzen und zu

singen, geschah einzig und allein des Verdienstes wegen. Es wäre ja

nicht zu verwundern, wenn sich die letzten Trümmer der schwächeren

Rasse widerstandslos von dem Strom hinwegführen ließen, der „die Jagd

nach dem Dollar“ heißt und an dessen Ufer die weiße Christenheit ihrer

höchsten Gottheit, dem Mammon, Tempel erbaut hat.

Im Schein der roten Flammen, während rote Farbenfelder über die

Felswände zogen, vollführten die Indianer den „Frühlingstanz“, eine

Huldigung an die vier Himmelsgegenden und an die gelben Wolken aus

dem Norden, an die grünen Wolken aus dem Westen, an die roten aus

dem Süden und die weißen aus dem Osten, die Regen bringen und den

Menschen Getreide und Früchte schenken zum Lebensunterhalt. Gutgebaut,

abgehärtet und wettergestählt waren die Tänzer, kupferbraun ihre Haut,

aber jetzt trugen sie ihre charakteristischen Trachten in bunten

Farben, ihre Schmucksachen und Halsbänder, ihre federgeschmückten

Stirnbinden und ihre schönen Waffen, deren Ahnen in einer Zeit zu

suchen sind, die im Dunkel der Sage verschwindet.

Die Niederschläge spielen wie bei den Völkern des Morgenlandes

so auch bei den Indianern eine wichtige Rolle. Gewisse Tänze und

Lieder scheinen eine fromme Beschwörung zu enthalten, um den

Regen herbeizulocken, eine inständige Anrufung und Bitte an die

Geistermächte, die darüber zu bestimmen haben. Das „Schmetterlingslied“

singt und sagt von regenschweren Wolken mit Blitz und Donner, von

befruchtenden Schauern, die alles keimen und die Wassermelonen

schwellen machen. Dann tanzen Knaben und Mädchen und stimmen ihre

Danklieder an für den Wohlstand und das Glück, die den Menschenkindern

durch die Niederschläge geschenkt worden sind. Joo erzählt, daß der

„Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen“ der Freude

Ausdruck gab, die die Jungen wie Alten darüber empfanden, daß die

gelben, grünen, roten und weißen Wolken wohlwollend und segenspendend

waren.

Mit kräftig klingender Stimme und einem breiten Lächeln um den Mund

hielt Joo vor jedem Tanz und Lied seine kleine Rede. Königlich gerade

und selbstbewußt, wie es einem Häuptling geziemt, stand er da und

sprach mit Kraft und Überzeugung, als wollte er, daß wir den tiefen

Sinn dieser Worte und Bewegungen verstünden und was sie ihm und seinem

Volk bedeuteten. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, seine

Zähne wie Schnee, sein Gesicht und seine Arme wie Kupfer. In seiner

Stimme glaubte ich jedoch einen Unterton von Wehmut zu hören. Er muß

eine atavistische Empfindung davon gehabt haben, daß diese Abendstunde

und die ganze Umwelt echt waren. In derartigen tief eingeschnittenen,

verborgenen Talschluchten hatten vielleicht seine Väter gewohnt. Die

gleichen Feuer hatten an den Lagerplätzen gebrannt, wo sie ihre Tänze

aufführten und ihre Gesänge widerhallen ließen. Der gleiche rote Schein

hatte in einer fernen Vergangenheit die Felsenspalten überzogen wie das

Erröten die Wangen eines Mädchens. Und der Bach, der jetzt den fremden

Namen Hermit Creek trägt, murmelte heute nacht noch ebenso melodisch

wie in jenen entschwundenen Zeiten, als die Rothäute in ungestörter

Freiheit Pumas in den Schluchten und Büffel oben auf den Prärien

jagten. Joo Secakuku freute sich der Welt von Erinnerungen, die wie

Gespenster aus dem nächtlichen Dunkel rings um das Feuer aufstiegen,

er sprach mit Begeisterung, er sang mit Wärme und tanzte, als wenn der

lange steinige Weg von El Tovar eine Kleinigkeit gewesen wäre.

[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach

Südsüdwesten.]

Bald zeichneten sich die Tänzer als schwarze Umrisse gegen die Flammen

ab, bald zeigten sie sich in scharfen Formen, zur Hälfte beleuchtet vom

Feuerschein, zur Hälfte verdunkelt vom Schatten, bald wieder hoben sich

ihre Gestalten hell und rot von dem dunklen Hintergrund ab, und ihre

Schatten tanzten wie riesige Gespenster auf der Felswand.

Anmutig, weich und elegant wie der Tanz der Frauen in Samarkand,

Dehli oder Kioto oder der Männer in Kaukasien ist dieser Tanz nicht.

Er ist vielmehr eckig, wild und hastig. Die Indianer schleichen,

ducken sich, kauern sich zusammen wie Katzen, schnellen empor,

werfen sich zum Sprung nach vorn, drehen sich herum und stoßen ein

durchdringendes Geheul aus. Während die orientalischen Tänze in

Träume wiegen, berauschen und in unbekannte Länder führen, fesselt

der Indianertanz in einer ganz andern Weise: man ist aufs äußerste

gespannt, läßt sich keine Bewegung entgehen und fragt sich stets, was

im nächsten Augenblick kommen soll. In Ladak und bei den Afridis und

andern nordindischen Völkern kann man Tänze sehen, die an die der Hopi

erinnern. Die Beschwörungstänze in tibetischen Klöstern sind jedoch

anderer Art; dabei stehen die Tänzer und hüpfen bald auf dem rechten,

bald auf dem linken Bein, drehen sich im Kreis herum, daß ihre Mäntel

Pilzen gleichen, und fuchteln mit Armen und Beinen herum.

Der Häuptling des Stammes und der Oberpriester bestimmen den Zeitpunkt

für die alljährlich wiederkehrenden Tänze, die von dem Stand der

Sonne und den Phasen des Mondes abhängen. Joo ahnte kaum, wie recht er

hatte, als er ausrief: „Unsere Tänze sind ernst, euere nur Spiel und

Zeitvertreib.“

Die Tänze der Indianer haben Inhalt, Absicht und Zweck. Sie sind

religiöse Handlung, Mittel, die Natur und ihre unbekannten Mächte zu

verehren und anzurufen. Der „Büffeltanz“ der Hopi-Indianer, den wir

jetzt sahen und der sonst in den Herbst gehört, bedeutet eine Bitte um

reiche Jagdbeute und viel Schnee im kommenden Winter; denn die Dörfer

und Farmen des Stammes liegen in der Painted Desert, und ihr Wohlstand

hängt von den Niederschlägen und dem Vorrat ab. Die Tänzer sind

hierbei als Büffel angeputzt mit Fell und Hörnern, und ihre Sprünge

und Bewegungen erinnern an die des Büffels. Nachdem die verschiedenen

Abteilungen des Tanzes erledigt sind, schreitet man zum Heiligtum, um

den Naturkräften Opfer und Verehrung darzubringen.

Dem „Adlertanz“ folgte ein „Kriegstanz“. Joo erklärte dazu, die

Hopi-Indianer seien friedlich gesinnt, aber in früheren Zeiten hätten

sie in der Notwehr tapfer gekämpft, wenn sie angegriffen worden seien.

Daher hätten sie auch ihre Kriegsgesänge. „Aber fragt die Navahos und

die Apachen,“ fügte er hinzu, „ob der Hopistamm nicht friedliebend ist.“

Er erzählte von religiösen Vorstellungen und Bräuchen, die uns dunkel

sind, von Geistern und ihrer Zaubermacht und von dem „Schlangentanz“,

den Fremde selten zu sehen bekommen und der außerhalb der Grenzen des

Indianerterritoriums nicht aufgeführt wird. Die Tänzer halten dabei

lebende Schlangen im Munde. Im Zusammenhang hiermit sprach Joo auch von

einer Art Brüderschaft, dem „Schlangenorden“, der in hohem Ansehen

steht und dem er selbst angehört. Zuletzt sang er das „Erntelied“, das

erotischen Inhalts zu sein scheint. Burschen und Mädchen sind auf den

Feldern, um das Getreide zu mähen. Da sehen sie regenschwere Wolken

aufsteigen; ein Gewitter ist im Begriff loszubrechen. Alle eilen

hinweg, um in einer nahen Grotte Schutz zu suchen, in deren Mündung sie

ein großes prasselndes Feuer anzünden. In der „Rauchgrotte“ vertreiben

sie sich die Zeit mit Liebesspielen und fühlen sich sehr glücklich.

Joo und seine Gefährten tanzten und sangen eine Stunde und noch eine

zweite Stunde, bis sie um Mitternacht erklärten, sie hätten ihr

Programm erledigt. Irgendwelche Müdigkeit war ihnen nicht anzumerken;

wie Gemsen kletterten sie den Hang hinauf und verschwanden im Dunkel.

Am nächsten Morgen sollten sie um 6 Uhr nach El Tovar zurückkehren und

dabei unsere Maultiere benutzen dürfen, die Sandy zurückbringen sollte.

Wir selbst verließen die verglimmende Glut und folgten den Indianern

nach Hermit Camp hinauf. Den Anstieg von 175 Meter fühlte ich in meinen

nach dem Ritt steifen Knien, und ich war recht froh, als ich endlich

zur Ruhe ging, um in meinem Gitterkäfig die erste Nacht in der Tiefe

des Gran Cañon zu verbringen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte

dem Geschrei der verwilderten Esel, der „Burros“. Sie wurden einst vor

etwa fünfzig Jahren von Bergleuten zurückgelassen, schlugen sich allein

durch, tranken aus Fluß, Bächen und Quellen und hatten zur Genüge

Weide. Ihre Zahl wird jetzt auf ungefähr 3000 geschätzt. Sie streifen

in kleinen Herden umher, jedoch nur südlich des Flusses. Niemand tut

ihnen etwas zuleide, aber gleichwohl sind sie fast ebenso scheu wie

die Wildesel in Tibet. Sie einzufangen und zu zähmen, hält man nicht

der Mühe für wert, da sie durch die ständige Inzucht entartet und zur

Arbeit untauglich sind.

[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado

abwärts.]

Gran Cañon · 第 6 / 13 段