Der Aussichtspunkt selbst, an dem wir uns geraume Zeit aufhielten, ist

eine weiße Kalksteinplatte, die in den Raum hinausragt und auf allen

Seiten von senkrechten Abstürzen umgeben ist. Wir hatten nur ein paar

Meter bis zum Rand des Abgrundes. Auch wenn man an die schwindelnden

Pfade in Hochasien gewöhnt ist, ist einem doch etwas eigen zumute,

wenn man auf die äußerste Spitze des Kaps hinaustritt. Man schlendert

nicht darauflos und plaudert und schaut sich um, sondern heftet den

Blick unverwandt auf den Pfad und achtet sehr genau auf seine Schritte.

Man hütet sich wohl, zu stolpern oder auf einem rollenden Stein

auszugleiten. Ein Selbstmörder, der über den Rand des Suicide Rock,

der Selbstmordklippe, springt, kann ganz sicher sein, daß er sein Ziel

erreicht. Das bißchen, das dort unten in der Tiefe möglicherweise von

ihm noch übrig wäre, ließe sich ohne Hunde nicht aufspüren.

Im großen ganzen bietet sich hier dem Blick dieselbe Landschaft wie von

Hopi Point. Aber bei Grand View Point befinden wir uns 72 Meter höher

als dort, 2258 Meter über dem Meeresspiegel. Uns gerade gegenüber,

unterhalb des Nordrandes in der Richtung auf das Cape Royal, das 13

Kilometer von uns entfernt ist, schimmern die Bergwände in roten,

rotgelben und grauvioletten Farbtönen; vor der zusammenhängenden Front

erheben sich die malerischen Pyramiden, Tempel und Pagoden, die den

Ruinen einer von großen Architekten erbauten Zauberstadt gleichen.

Hinter uns hält, dunkel und majestätisch, der Wald Wache. Der einzige

Laut, der die Stille stört, ist das Rauschen des Windes in den Kronen

der Bäume. Wenn man bedenkt, daß diese ungeheure Ausnagung durch

ununterbrochene Zerstörung verursacht worden ist, erwartet man den

Widerhall eines Einsturzes zu hören, wenn eine dieser Kalksteinsäulen,

die von verhältnismäßig kleiner Basis zu schwindelnder Höhe

emporsteigen, endlich die Grenze der Möglichkeit, das Gleichgewicht

zu halten, erreicht hat und zusammenstürzt wie einst der Kampanile in

Venedig. Aber alles ist still. Wir vernehmen nicht einmal das Klappern

eines Steines, der sich gelöst hat und, dem unerbittlichen Gebot

des Gesetzes der Schwere folgend, hinabstürzt. Als ich selbst einen

faustgroßen Stein nehme und über den Rand schleudre, höre ich ihn nicht

fallen; ein bodenloser Abgrund scheint ihn zu verschlucken. Und doch

dauert die Abtragung ständig an. Man bekommt Achtung vor dem Zeitraum,

der erforderlich war, um den Bau zu erzielen, den wir jetzt bewundern.

Nicht nur in der Tiefe, wo der Colorado strömt, auch hier oben am Rand

ist es vor allem das fließende Wasser, das arbeitet; diese Arbeit

findet nur statt, wenn es regnet oder wenn der Winterschnee schmilzt.

Heftige Regengüsse lassen tobende, wilde Gießbäche entstehen, deren

außerordentliche Gewalt durch die Blöcke und das Geröll gesteigert

wird, die sie mit sich führen. Diese Sturzbäche unterminieren

vorspringende Felspartien, die schließlich infolge ihres eigenen

Gewichts und der sie durchsetzenden Sprünge abbrechen und in die Tiefe

stürzen, in tausend Stücke und Millionen Scherben zersplittern, zu

Pulver zermahlen und von Wind und Wasser in die Taltiefe hinabgeführt

werden, um endlich mit ihrem feinen Staub dem Fluß die trübe Farbe zu

verleihen, der er den Namen Rio Colorado verdankt. Da der Kalkstein

die Fähigkeit hat, sich im Wasser etwas zu lösen, entstehen in den

senkrechten Wänden Grotten, halbkugelförmige Nischen und Alkoven;

auch diese leisten eine Unterminierungsarbeit, die in hohem Grad dazu

beiträgt, daß die Cañonwände in den höchsten Regionen unterhalb des

Randes senkrecht abfallen.

Einige Worte noch über die Aussicht und die bemerkenswerten Punkte im

Gran Cañon, die man von Grand View Point aus erblickt. Im Nordosten

in einer Entfernung von 25 Kilometer springt ein Kap, Cape Solitude,

von der Kaibabkalksteinplatte der Painted Desert scharf vor und steigt

gerade über dem linken, dem Ostufer des Colorado auf. Der ungeheuer

steile Absturz, der hier die Painted Desert begrenzt, wird bis zum Cape

Solitude als Palisades of the Desert bezeichnet, nördlich des Kaps,

im Marble Cañon, heißt er Desert Facade. Diese Mauer, die horizontal

gemessen wenig mehr als 800 Meter vom Fluß entfernt und im Gegensatz

zu andern Teilen des Randes wenig eingeschnitten ist, wird unmittelbar

nördlich des Cape Solitude von dem von Osten kommenden Nebenfluß, dem

Kleinen Colorado, durchbrochen, dessen gähnendes Cañontor ich später

von Westen aus erblicken sollte. In seinem Korridor, dem Marble Cañon,

ist der Colorado zwischen der Desert Facade im Osten und einer Reihe

kleinerer Massive im Westen eingeschlossen. Weiter südlich bemerkt man

auf der Westseite die Basalt Cliffs.

Nordöstlich von Grand View Point sehen wir in dem tiefsten Teil des

Gran Cañon den Punkt, wo der enge Granitkorridor an die Gesteine

der Unkargruppe grenzt. Im Nordwesten dagegen tragen die dunklen

Mauern des Granits auf beiden Seiten des Flusses die verhältnismäßig

weniger steilen Hänge der Tontogruppe. Zwischen den Ablagerungen der

Unkargruppe ist das jetzige Flußtal offner als im Granit, und Felsen

aus Quarzit, rotem Schiefer und grauem Kalkstein erheben sich auf

seinen Ufern. Hier und da sind Basaltmassen in flüssigem Zustand

emporgedrungen und erstarrt. An einer solchen Stelle hat sich infolge

der Hitze Asbest gebildet, und unterhalb von Grand View Point sehen

wir an der Nordseite des Flusses ein kleines Nebental, das den Namen

Asbestos Canyon trägt.

Grand View Point ist ohne Zweifel das berühmteste und am meisten

besuchte Kap, das vom Coconinoplateau und vom Südrand des Gran Cañon

nach Norden vorspringt. Westlich davon gibt es eine ganze Reihe anderer

Kaps; alle sind zu Pferd oder zu Fuß zugänglich. Zwischen allen diesen

Kaps, die den Coconinosandstein und den Kaibabkalkstein vermissen

lassen und aus den älteren Supai- und Redwallformationen bestehen,

liegen kurze, steile Cañontäler. Jedes von ihnen hat einen „Creek“,

eine Abflußrinne des Regenwassers, und das eine und andere führt ein

aus Quellen entspringendes ständig fließendes Bächlein.

Vor Grand View Point gewahren wir im Norden ganz in unserer Nähe die

eigenartig gebaute Horseshoe Mesa, den Hufeisenberg. Sie gleicht einem

Hufeisen, dessen Bogen nach Süden liegt, und gehört dem Kalkstein der

Redwallformation an. Von meinen Führern darauf aufmerksam gemacht,

erkenne ich durchs Fernglas den kurzen, in zahllosen Windungen

laufenden Pfad Berry Trail oder Grand View Trail; nach Nordosten

und Norden führt er zum Hufeisenberg und von dort in schwindelnden

Absätzen zu dem Pfad, der auf dem Südufer am Fluß entlang, auf den

Sandsteinhängen der Tontoformation nach Westen geht, nach Indian Garden

und Hermit Cabins, zwei bekannten Stellen, die wir bald besuchen

werden. An der Horseshoe Mesa ist Kupfer zu finden.

Auch östlich von Grand View Point springt eine Reihe von Kaps nach

Norden vor. Von unserm Standort aus erblicken wir Three Castles und

Coronado Butte. Die letztere zeigt alle Formationen vom Tonto bis zum

Kaibab. In ihren Redwallmauern sehen wir die infolge der Zersetzung

des Kalksteins durch das Wasser entstandenen Aushöhlungen, die schon

erwähnten Nischen und Grotten. Was auf der Coronado Butte noch vom

Kalkstein übrig ist, gleicht seiner Form nach einem liegenden Kamel,

ein großartiges Monument auf einem Sockel von überwältigenden Maßen.

Weiter nach Osten reihen sich daran Moran, Zuni, Papago und Pinal

Point; alle stürzen in ungeheuer steilen, von Absätzen und Terrassen

unterbrochenen Hängen zum Fluß ab, der fast 1500 Meter unter ihnen

liegt. Dann folgt Lipan Point und schließlich Navaho Point oder

Desert View, das letzte Kap, ehe die Palisades of the Desert ihre

Linienführung nach Norden beginnen. In der gewaltigen Reihe der

Palisaden bemerken wir bis zum Cape Solitude hinauf nur ein Kap,

Comanche Point. Dieses ist leicht zu erkennen an seiner Gestalt

-- es gleicht dem Vordersteven eines Schiffes -- und an seinen an

der Palisadenmauer vorspringenden Abhängen, die an einen riesigen

versteinerten Wasserfall erinnern, schließlich an seiner Lage in der

Längsrichtung des Gran Cañon und seiner von keinem Pflanzenwuchs

verhüllten Nacktheit. Von den Palisaden habe ich mehrere Zeichnungen

gemacht; auf allen ist Comanche Point sehr deutlich zu sehen.

[Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten.]

Was jedoch den Besucher von Grand View Point in erster Linie fesselt,

ist die geradezu phantastische und an wilder, großartiger Schönheit

unübertroffene Landschaft, die er im Norden erblickt. Dort sehen wir

im Hintergrund den gewaltigen Block des nördlichen Tafellandes, der

durch die tief eingeschnittene Talschlucht des Bright Angel Cañon

vom Kaibabplateau getrennt wird und Walhallaplateau heißt. Mit dem

Kaibabplateau hängt es durch einen verhältnismäßig schmalen Sattel

zusammen, eine Landenge mit Abgründen zu beiden Seiten. Auf seiner

Südfront ist das Walhallaplateau selbst tief gespalten durch das Tal

des Clear Creek. Nach dem östlich dieses Tals liegenden Teil des

Plateaus unternahm ich später einen meiner lohnendsten Ausflüge. Sein

südlichstes Kap ist das berühmte Cape Royal, das wir im Nordosten, uns

gerade gegenüber, erblicken. Rechts davon liegt Cape Final, das am

weitesten nach Osten vorspringende Kap des Walhallaplateaus.

Vom Cape Royal erstrecken sich nach Süden zwei Ausläufer von

seltsamster Form; sie gleichen gespaltenen Drachenzungen oder den

launenhaften malerischen Flammenzungen, mit denen die Chinesen in

ihrer Bildhauerei, Malerei und Textilkunst ihre Drachen zu umgeben

pflegen. Auf dem östlichen dieser Ausläufer erheben sich Freya Castle

und der schön pyramidenförmige Vishnu Temple, dessen Aufbau deutlich

erkennbar ist: zu unterst die Tontoabhänge, auf diesen die senkrechten

Redwallwände, darüber die Absätze und Terrassen der Supaigruppe und

zu oberst der Coconinosandstein mit seiner Haube aus Kaibabkalkstein;

dem Vishnu Temple vorgelagert ist im Südwesten der Krishna Shrine

und im Südosten der Rama Shrine, dem Kaibab und Coconino fehlen. Der

südwestliche Ausläufer des Cape Royal trägt das stattliche Massiv

Wotans Throne, das westnordwestlich von Vishnu Temple liegt. Dieses

Massiv ist weithin sichtbar. Südwestlich von Wotans Throne sehen wir

die wilden steilen Felsen, die den poetischen Namen „Engelpforte“,

Angel Gate, tragen.

Die große Einsenkung westlich des Clear Creek heißt Ottoman

Amphitheater; sie wird im Norden vom Walhallaplateau mit dem Kap Obi

Point und im Westen von den schon genannten stattlichen Pyramiden

begrenzt, die von ihm ausgehen und Devas, Brahmas und Zoroasters Namen

tragen. Westlich von ihnen haben wir wieder den Bright Angel Creek.

Wie ich bereits erwähnte, werden diese drei Tempel von der höchsten

Schichtlage gekrönt, dem Kaibabkalkstein, der auf dem mittleren Tempel

noch in einer Mächtigkeit von 122 Meter liegt.

Wie vorgeschobene Forts um eine Festung erheben sich also rings um

das Walhallaplateau in großartiger Sprachverwirrung und imposanter

Religionsvermischung das Walhall der nordischen und die Tempel der

indischen Götter und des Zoroaster brüderlich nebeneinander. Wir

dürfen uns damit trösten, daß wenigstens Thor Temple, westlich des

Cape Royal, und Wotans Throne, südwestlich davon, wirklich besser in

diese Nachbarschaft gehören. Aber einem Nordländer, der schon in seinen

frühen Schuljahren mit der Götterlehre seiner Väter ziemlich vertraut

war, und einem Asienreisenden, der das heilige Feuer in Zoroasters

Tempel hat brennen sehen, wochenlang an dem See, der Brahmas Seele

genannt wird, geweilt und Schiwas Paradies auf dem Gipfel des Kailas

umwandert hat, klingt diese, nur dem Klange der Namen nach pomphafte,

im übrigen aber willkürliche Nomenklatur alles andre als echt. Man

fragt sich, warum Götternamen der ältesten Religionen grade hier, auf

amerikanischem Boden, kunterbunt durcheinandergeworfen worden sind. Auf

ein und demselben Massiv finden wir Wotan, Thor und Freia im Verein

mit Wischnu, Krischna und Rama. Die ägyptischen Gottheiten sind die

nächsten Nachbarn der großen Religionslehrer Chinas. In keiner andern

Gegend der Erde ist ein geographischer Taufakt mit so wenig Pietät

vorgenommen worden. Namen wie Tovar, Powell, Navaho, Hopi, Kaibab,

Coconino sind hier ganz an ihrem Platz. Newton, Lyell, Huxley und

andere große Naturforscher mögen ruhig ihre Denkmäler in Stein an den

Ufern des Colorado erhalten. Namen, die bezeichnend sind für Form und

Gestalt, wie z.❁B. Scorpion Ridge, Three Castles, Horseshoe Mesa, für

Farben wie Red Canyon, für Minerale wie Asbestos Canyon, für Gesteine

wie Basalt Cliff, sind die besten; sie haben Sinn und Seele. Aber

diejenigen, die aus dem religiösen Leben fremder Völker und Erdteile

geholt worden sind, müßten ebenso rücksichtslos ausgerottet werden, wie

sie -- weiß Gott, von welchem Genie -- hierhergesetzt worden sind. Wo

sie durch echte, charakteristische und bezeichnende indianische Namen

ersetzt werden können, sollten solche statt der jetzigen eingeführt

werden. Und wo dies nicht möglich ist, mögen die natürlichen Tempel in

einsamer Majestät ihre Zinnen zu den ewigen Sternen erheben -- ohne

alle irdischen oder himmlischen Namen.❁--

Es ist 6 Uhr nachmittags; das Gemälde, das sich von El Tovar

aus vor uns ausbreitet, wird mit jeder Minute fesselnder und

prächtiger. Die Stunde der roten Farbtöne, der Abendröte und des

Sonnenuntergangs hat geschlagen. Die senkrechten Riesenmauern

treten in grellen, hellrubinroten Tönungen hervor, sie heben sich

scharf ab von dem dunkleren Graugrün der Halden und Steilhänge,

die von den Sonnenstrahlen nicht direkt getroffen werden. Von der

geraden Umrißlinie des Nordrandes strecken die Abendschatten ihre

scharfkantigen Keile zwischen Tempeln und Pagoden hinab und vereinigen

sich in der Tiefe des Tals mit dem Dunkel über dem Korridor des

Colorado. Ich sitze auf einer der Bänke auf der Terrasse vor dem Hotel

und bin nur durch eine niedrige zementierte Brüstung vom Abgrund

getrennt. Meine Aussicht umfaßt nur den Viertelkreis zwischen Nordosten

und Nordwesten, das übrige wird durch die beiden Vorsprünge Maricopa

Point und Grandeur Point verdeckt. Tief unter mir, im Nordnordwesten,

erhebt sich ein eigenartig geformter Fels, der den bezeichnenden Namen

The Battleship, das Kriegsschiff, trägt und eine Fortsetzung des

Maricopa Point ist. Er wirft seine Schatten auf die meisten Abhänge

südlich des Flusses.

[Illustration: Abendstimmung bei Navaho Point.]

Die prächtige Beleuchtung hält nicht lange an. Man würde nie dazu

kommen, sie zu malen, denn sie nimmt mit jeder Minute, die verstreicht,

neue, tiefere Farbtöne an. Das Karmesin wandelt sich in Hagebuttenrot,

dieses geht in Braun und schließlich in eine unsichere Farblosigkeit

über. Die Sonne ist untergegangen, und die Nacht tritt wieder ihre

Herrschaft über Arizona an.

Das Essen nahm ich mit meinen Freunden ein, die nicht müde werden, mir

neue Aufschlüsse über die Natur und das Leben um El Tovar zu geben.

Sie erzählen, daß man mit den Kühlmaschinen des Ortes 10 Tonnen Eis

am Tag herstellen kann und daß ganze Züge mit Wasser täglich 270

Kilometer weit zum Hotel gebracht werden. Dieses Wasser dient nicht nur

zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Tränken von 130 Maultieren

und einer beträchtlichen Zahl von Pferden, zum Waschen, Baden, zur

Bewässerung und vielem andern. Ein recht großer Apparat ist nötig, um

die menschlichen Zugvögel zu bedienen, die bei El Tovar einfallen. Im

Jahre 1921 betrug die Zahl der Besucher 57000, im Jahre 1922 schon

85000, und in dem laufenden Jahre war sie noch im Steigen.

Jeden Abend um 8 Uhr wird zur Belehrung der Gäste in dem Musikzimmer

von El Tovar ein durch Diagramme, Tabellen und Photographien

erläuterter Vortrag gehalten. Ein solcher Vorbereitungskurs ist sehr

nützlich und wertvoll. Im großen ganzen ist das Thema stets das

gleiche; das tut jedoch nichts, da die Zuhörer ständig wechseln. Auch

andere Vorträge und Unterhaltungen werden von Zeit zu Zeit denen

geboten, die ohne Kino oder Musik nicht leben können und denen das

prächtige Schauspiel nicht genügt, das sich in der Tiefe unter ihnen

entrollt.

Sechstes Kapitel.

Nach Hermit Cabins.

Am Morgen des 16. Juni war es um 8 Uhr ordentlich kalt, und noch um

½10 Uhr hatten wir nur 12,2 Grad Celsius. Die Touristen waren sämtlich

schon auf; sie saßen an ihren Frühstückstischen, packten ihren Proviant

und machten sich für ihre verschiedenen Ausflüge im Auto oder zu Pferd

fertig. Der Himmel war fast ganz mit Wolken überzogen, und es war sehr

windig. Mit den Herren Birchfield, Kemp und Bryn und unserm Führer,

dem Cowboy Sandy MacLean, nahm ich in einem Auto Platz und fuhr auf

dem Weg, den ich bereits kannte, dem Hermit Rim Road zu, an Pima Point

vorüber durch den Wald zu den zwei kleinen Holzhäuschen von Hermit

Rest und weiter an den Punkt, der Head of Hermit Trail heißt. Von

hier geht der eine der beiden gewöhnlich benutzten Wege aus, die zur

Tiefe des Gran Cañon und zum linken oder Südufer des Coloradoflusses

hinabführen. Unser nächstes Ziel, Hermit Camp, liegt in gerader Linie

kaum 2,5 Kilometer nördlich des Ausgangspunktes. Wenn man jedoch

erfährt, daß der Weg 12 Kilometer lang ist und 3½ Stunden im Sattel

erfordert, kann man verstehen, daß er gewaltige Krümmungen macht und

nach allen Himmelsrichtungen läuft. Man reitet auch zunächst nach Süden

und Südwesten, um dann nach Norden und Nordosten und schließlich nach

Westen und Süden abzuschwenken. Der Pfad führt uns der Reihe nach durch

die fünf gewöhnlichen Formationen, Kaibabkalkstein, Coconinosandstein,

roten Sandstein und Schiefer der Supaiformation, Redwallkalkstein,

und endet auf den sanfteren Hängen der Tontogruppe. Man hat also

Gelegenheit, die verschiedenen Gesteine, die man bisher nur vom Rand

aus gesehen hat, aus der Nähe kennenzulernen.

Mit guten Augen oder mit Hilfe des Fernglases erblickt man von Head

of Hermit Trail das Ziel des heutigen Rittes, Hermit Camp, 1097 Meter

unter seinen Füßen. Es scheint ganz nahe. Im Gleitflug könnte man es

im Flugzeug in ein paar Minuten erreichen. Beschwerlicher ist es, die

jäh abfallenden Steilhänge auf einem Maultier hinabzureiten, über

dessen Kopf man bisweilen an den abschüssigsten Stellen einen Salto

mortale machen kann, wenn man nicht sicher in den Knien ist. Doch die

Maultiere sind merkwürdig zuverlässig und straucheln nie. Nur haben

sie die unangenehme Neigung ihres Geschlechts, am äußersten Rand des

Abgrundes zu gehen. Wenn ein Maultier nicht „broken“, d.❁h. gezähmt,

und an den Weg und dessen Überraschungen gewöhnt ist, kann schon ein

Steinblock, ein Busch oder ein entgegenkommender Wanderer es dazu

bringen, daß es scheut und sich mit der Schnelligkeit einer Sprungfeder

nach der Seite wirft. Bei dem heftigen Wind, der an den Felsenecken wie

Peitschenschläge klatschte und knallte, riet Sandy uns aufzupassen, daß

uns nicht die Hüte wegflögen; denn in diesem Falle würden die Maultiere

etwas wild werden, versicherte er. Ich selbst hatte keinen Grund, zu

klagen, aber Sandys eigenes Maultier war recht aufgeräumt und scheute

beim geringsten Anlaß.

[Illustration: Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden.

Die Sonne steht im Westen.]

Unsere Reittiere standen bei Head of Hermit Trail schon bereit; wir

saßen auf und begannen den Abstieg. Es war 11¼ Uhr, die Temperatur

war auf 13,5 Grad Celsius gestiegen. Der Pfad läuft auf der rechten,

der Ostseite des Hermit Basin genannten Einschnitts entlang, eines

kleinen Seitencañons des Colorado, und fällt gleich von Anfang

an recht beträchtlich. Nach einer halben Stunde befinden wir uns

bereits 250 Meter unterhalb des Randes, haben The White Zigzags und

den Kaibabkalkstein hinter uns und sind in die Sandsteinschicht der

Coconinoformation eingetreten.

Nach weiteren zehn Minuten sind wir 335 Meter tief gekommen und reiten

zwischen lichtstehenden Wacholdern und Kiefern. Eidechsen huschen

über die Steine, und hier und da ist eine Jukka oder Palmlilie auf

hohem Stengel zu sehen. Bei jeder Biegung des Pfades verändert sich

die Aussicht. Man ist daher ständig in gespannter Aufmerksamkeit, man

staunt beim Anblick dieser malerisch wilden roten Mauern, die neben

unserm Weg aufragen, und es schwindelt einem bisweilen, wenn man nur

einen Schritt bis zum Rand hat, von dem es steil oder senkrecht zur

Tiefe des Hermit Basin hinabgeht.

Neben dem Pfad stehen zwei kleine Hütten, die den Wegarbeitern, den

„Hermit Basin Trailkeepers“, als Unterschlupf dienen. In zahllosen

Zickzacklinien, die oft nicht mehr als doppelt so lang wie das Maultier

sind, steigen wir in die roten Geheimnisse der Sandsteinschichten der

Supaiformation hinab, die die rastlose Erosion des Colorado und des

Hermit Creek enthüllt hat. Der Hermit Creek, dessen Sohle wir uns

nähern, hat in seinem tiefsten Teil eine Abflußrinne, Hermit Gorge, die

jetzt zur Linken zu sehen ist.

Unser Weg führt an vorspringenden Dächern und Leisten roten Sandsteins

vorüber, ja bisweilen auch darunter durch, und an jeder neuen

Felsenecke, an der wir vorbeikommen, öffnet sich ein neues Bild von

berückender architektonischer Schönheit. Wie oft möchte man nicht

stehenbleiben, um eine Skizze zu zeichnen oder mit dem Pinsel diese

farbensatten Gemächer im Innern der Erde wiederzugeben, die sich nur

nach dem unendlichen Schlund des Cañon öffnen.

Stachlige Sträucher und andere Pflanzen gedeihen hier und da zwischen

den Steinen, aber die Bäume lichten sich und werden nach der Taltiefe

zu immer seltener. Der Wind springt an den Felsenecken um und heult;

mitunter schwankt man im Sattel. Wir kommen an einer Gruppe Touristen

vorüber. Unter den Tritten der Maultiere wirbelt der Staub auf, und

graue Wolken umtanzen uns, solange wir durch den grauen Kalkstein

reiten; sie gehen in Rot über, als wir die Region des roten Sandsteins

betreten.

Um 12¼ Uhr rasten wir bei Santa Maria Spring. Hier steht eine kleine

hölzerne Schutzhütte mit grünem Dach, unter dem wir uns auf den Bänken

rings um einen Tisch niederlassen und unsere in den Satteltaschen

verwahrten Pappschachteln vornehmen, die belegte Brote, Eier, Gebäck,

Äpfel und Apfelsinen enthalten. Die Quelle, deren feiner lauer Strahl

zu allen Jahreszeiten die gleiche Stärke hat, tritt im Innern der Hütte

zutage; vom Quellbecken wird das Wasser in einen langen Blechtrog

weitergeleitet, an dem sich die Maultiere satt trinken können.

Bei Santa Maria Spring befinden wir uns 490 Meter unterhalb des Randes,

während die Temperatur auf 19,5 Grad Celsius gestiegen ist. Man fühlt,

daß man sich auf dem Weg in ein ganz anderes Klima befindet, als dort

oben herrscht; der Wind, der an den Felsvorsprüngen klagt und pfeift,

wird immer wärmer. Gerade hier trennt uns eine scharf gezeichnete

Kulisse vom Hermit Creek.

Nach einer halbstündigen herrlichen Rast steigen wir wieder in den

Sattel. Fast zwanzig Minuten lang halten wir uns auf ungefähr gleicher

Höhe, d.❁h. 518 Meter unter dem Rand, oder fallen nur 30 Meter. Wir

reiten auf den leicht vorstehenden Schichtenköpfen wie auf einem

Wandbrett. Bisweilen geht es sogar bergan. Dann umsegeln wir malerische

vorspringende Ecken und werden von dem gewundenen Pfad in keilförmige

Einschnitte zwischen hohen wilden Kulissen hineingeführt, um im

nächsten Augenblick wieder an ein scharf herausgemeißeltes Vorgebirge

zu kommen, das dem Strebepfeiler einer Kirchenwand gleicht. Und wie

vorhin ist es bei jeder Biegung, als würde ein Vorhang beiseitegezogen,

um uns eine neue Perspektive von staunenerregender Schönheit zu zeigen.

Das Bild vor uns im Norden ist nicht weniger großartig. Durch das

Mündungstor des Hermit Cañon sehen wir in blasseren Farben den großen

Cañon und in der Ferne seine senkrechte Nordwand in rötlichen und

graugrünen Tönungen mit dunklen wagerechten Schattenleisten.

Um ½2 Uhr sind wir genau 610 Meter tief gekommen und passieren den

Rücken des ungeheuren Vorsprungs, dessen äußerstes Kap unmittelbar

südlich von Hermit Cabins aufragt und dem Denkmal auf dem Grabe eines

Riesen gleicht. Eine Weile verdeckt das Vorgebirge wie ein Wandschirm

den Hermit Creek im Westen; nach Norden dagegen hat man vom Lookout

Point freie Aussicht. Ein kleiner Seitensteig zweigt hier nach links

ab und führt zu einer Wegarbeiterhütte. Von Zeit zu Zeit sind auf

kleinen Holztafeln oder auf flachen leicht sichtbaren Steinblöcken

die Höhenziffern angegeben, so daß man stets weiß, wie tief man schon

gekommen ist und wie tief man noch bis Hermit Cabins kommen wird.

[Illustration: Hopi-Indianer.]

Gran Cañon · 第 5 / 13 段