Landschaftsbilder zu schildern, und so lange wir uns noch auf Hopi
Point befinden, will ich die Gelegenheit benutzen, den Blick auf die
hervorstechenderen Merkmale zu richten, wie sie sich uns von diesem
Punkt aus darbieten, von Osten nach Westen, d.❁h. in der Richtung,
in der der Colorado diesen Teil von Nordarizona durchströmt. Als
topographische Unterlage benutze ich die Karten, die ich in El
Tovar erhielt und nach denen die meinem Buch beigefügte Sonderkarte
gearbeitet ist; was den geologischen Aufbau betrifft, den ich in diesem
Zusammenhang nur flüchtig berühre, folge ich der ausgezeichneten
Darstellung, die N. H. Darton in seinem Werk „~Story of the Grand
Canyon of Arizona~“ gegeben hat.
Ganz hinten im Osten ahnen wir dank der Form des ganzen gewaltigen
Tals den scharfen Bogen, in dem der Colorado von seiner Südrichtung
nach Westen abbiegt; ahnen, denn von dem Fluß selbst erblicken wir
dort keinen Schimmer. Er hat sich zu tief in seinen engen Korridor
eingemeißelt. Wir sehen die großartig gezeichnete Felswand, die
vom Rand der Hochebene erst senkrecht, dann steil und in Absätzen
zum linken Ufer des Flusses abfällt, gerade in dieser fabelhaft
romantischen Gegend, wo der Rio Colorado seinen Bogen beschreibt. Die
Gesteine, die das ganze vom Fluß durchschnittene Tafelland bilden,
sind mit einigen Ausnahmen horizontal geschichtet. Zu oberst finden
wir den Kalkstein, der, wie die drei darunterliegenden Formationen,
der Steinkohlenperiode angehört und Kaibab heißt. Auf der Oberfläche
dieses Kalksteins laufen alle Wege auf dem Süd- und Nordrand, wachsen
die Wälder, steht das Gasthaus El Tovar und liegen all die berühmten
Aussichtspunkte, die die Touristen besuchen, und deren einer Hopi
Point ist. Der Kaibabkalkstein hat eine Mächtigkeit von 210 Meter
und bildet die senkrechten Abstürze, die wir überall zu oberst am
Süd- und Nordrand wie auch auf dem Gipfel vieler Tempel und Pyramiden
sehen. Unter dieser Formation liegt der 90 Meter mächtige, ebenfalls
der Steinkohlenzeit angehörende Coconinosandstein. Diese beiden Namen
finden sich auch in den Namen der Landschaft wieder; denn das ebene
bewaldete Land nördlich des Flusses heißt Kaibabplateau und das 300
Meter niedrigere, gleichfalls bewaldete Land südlich des Colorado
Coconinoplateau. Wenn der Fluß nicht gewesen wäre, wüßte man von
nichts anderm als dem Kaibabkalkstein. Aber dank den geologischen
Erscheinungen im Verein mit der Erosionskraft des Stroms sind all die
darunterliegenden Schichten -- mit Ausnahme derer, die von der „großen
Denudation“ hinweggespült worden sind -- bis zum Urgestein, zum Granit,
hinab bloßgelegt worden. Daher liegt die Geschichte der Erde hier offen
vor dem Forscher da wie ein aufgeschlagenes Buch und gewährt uns einen
Einblick in den Aufbau der Erdrinde wie in keiner andern Gegend der
Oberfläche unseres Planeten. Der Gran Cañon bietet daher nicht nur
den Menschen eine Welt unvergleichlicher Schönheit, sondern auch der
geologischen Wissenschaft Aufschlüsse von unschätzbarem Wert.
Die unter dem Kaibabkalkstein und dem Coconinosandstein liegenden
Schichten werden wir gleich kennenlernen. Jetzt will ich nur erwähnen,
daß sich östlich der senkrechten Felswand der Palisaden, die sich
auf der linken Seite der Flußbiegung erhebt, das flache, öde Land
ausbreitet, das unter dem Namen „Painted Desert“ bekannt und wegen
seiner Farbenpracht berühmt ist. Von Plätzen, die wir später besuchen
werden, sieht man die Hügel und Anhöhen, die im Osten und Nordosten die
„Bunte Wüste“ begrenzen. Dort, inmitten der sagenhaften Erinnerungen
aus der glücklichen Freiheitszeit der Indianer, wohnen noch die letzten
zusammenschmelzenden Scharen des Hopistammes in ihren einfachen
Lehmhütten.
Wenn wir von Hopi Point den Blick in die Taltiefe hinab und nach
Ostsüdosten richten, gewahren wir den ungeheuern, energisch
eingeschnittenen Granitkorridor, in dem der Colorado fließt, und wir
sehen ihn, so weit er reicht, d.❁h. bis zu dem Punkt, wo der Granit
verschwindet und von den uralten, nach Norden steil abfallenden
Gesteinen der Unkargruppe bedeckt wird. Hier und da sind auch die
Schieferhänge der 300 Meter mächtigen kambrischen Tontoformation zu
sehen; auf ihr erhebt sich wie eine senkrechte Mauer die 150 Meter
hohe Kalksteinschicht, die Redwall heißt und die älteste der hier
vertretenen Formationen der Steinkohlenzeit ist.
Im Ostnordosten von Hopi Point haben wir das Cape Royal, ein nach
Süden vorspringendes, selten besuchtes Kap des Kaibabplateaus im
Norden, einen der wunderbarsten Aussichtspunkte im ganzen Gran Cañon,
zu dessen schwindelnden Sturzhängen ich den Leser später führen
werde. Südlich dieses Vorsprungs, gleichsam eine Fortsetzung seiner
Halbinsel bildend, ragt Wotans Thron empor, eine fast freistehende
Partie mit einem tafelförmigen Dach aus Kaibabkalkstein, unter dem der
Reihe nach die übrigen Formationen liegen, der Coconinosandstein, der
330 Meter mächtige rote Sandstein und Schiefer der Supaigruppe, die
Kalksteinmauer des Redwall, die grünlichen Abhänge der Tontogruppe und
schließlich der dunkle Granit.
Östlich von Wotans Thron steht Vishnu Temple mit seiner Kuppel aus
Kaibabkalkstein und seinen zwei Ausläufern, dem Rama Shrine nach
Südosten und dem Krishna Shrine nach Südwesten, die sich also beide
auf dem nördlichen oder rechten Ufer des Flusses befinden. Der
Wischnutempel ist einer der monumentalen Kolosse im Gran Cañon, die von
fast jedem Punkt am Südrand aus wie von vielen Stellen am Nordrand und
in der Taltiefe sichtbar sind.
Richten wir den Blick nach Nordosten, so erblicken wir eine besonders
schöne Pyramide, die vorgeschobene Fortsetzung eines vom Kaibabplateau
im Norden ausgehenden halbinselförmigen Ausläufers, gleich diesem mit
Kaibabkalkstein bedeckt. Diese Pyramide trägt den Namen Buddha Temple.
Der Manutempel, dem der Kaibabkalkstein fehlt und dessen Dach aus
Coconinosandstein besteht, bildet gleichsam eine Brücke zwischen dem
Buddhatempel und dem Hochland nördlich davon.
[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach
Nordwesten.]
Ungefähr in der Mitte der Linie Hopi Point-Buddha Temple erhebt
sich die eigenartige tafelförmige Cheopspyramide. Sie besteht aus
Redwallkalkstein, ist aber isoliert und infolge der Verwitterung von
den Ausläufern des nördlichen Plateaulandes getrennt. Ihre 150 Meter
hohen Seiten sind senkrecht und ruhen auf den grünen Schieferhängen
der Tontogruppe. Die unteren Teile dieser Hänge gehen in dunkle
Quarzite, roten Schiefer und Sandstein der Unkargruppe über, der
unterbrochenen, wechsellagernden Schicht, die in dieser Gegend
häufig vorkommt zwischen dem Trinity Creek und dem Phantom Creek,
den beiden durch den Isistempel und die Cheopspyramide voneinander
getrennten kleinen Cañontälern. Auch hier fallen die Schichten der
Unkargruppe steil nach Norden ab, während alle übrigen Formationen so
gut wie wagerecht gelagert sind. Wo die Unkargruppe fehlt, sind es
die Hänge der Tontogruppe, die bis zum obern Rand des engen dunklen
Korridors hinabreichen, den der Colorado bis zu 300 Meter tief in den
Granit eingeschnitten hat. Die Entfernung zwischen Hopi Point und
Cheopspyramide beträgt nur knapp 5 Kilometer. Zwischen beiden strömt
der Colorado in seiner Granitrinne. An ein paar Punkten sehen wir das
feine graue Band des Flusses, dessen Breite hier doch bis 80 Meter
beträgt. Wir glauben, ihn fast gerade unter unsern Füßen zu haben. Der
Höhenunterschied ist 1400 Meter. Man darf also nicht schwindlig sein!
Die Cheopspyramide, der Buddhatempel und der Manutempel liegen also auf
einer von Hopi Point nach Nordosten gezogenen Linie. Gleichlaufend
mit dieser Linie, östlich von ihr, finden wir den mit ungeheurer
Kraft in die Ablagerungen der geologischen Zeitalter eingeschnittenen
Seitencañon, der von rechts oder Nordosten kommt und den Namen Bright
Angel Creek trägt. Von Hopi Point aus bietet dieses in einer merkwürdig
geraden Linie verlaufende Tal einen großartigen Anblick, eingeklemmt
wie es ist zwischen prächtigen Kulissen von Tempeln und Pyramiden mit
ihren in senkrechte Abstürze und steile Hänge abgestuften Seiten von
staunenerregender Wildheit und Größe. Sein oberes Ende im Innern des
Kaibabplateaus ist fast 18 Kilometer vom Colorado entfernt. Wir werden
später Gelegenheit erhalten, auch diesen Creek kennenzulernen.
So wie dieser Seitencañon im Westen vom Manutempel, Buddhatempel und
Cheopspyramide begrenzt wird, wird er im Osten von einer ähnlichen
Reihe wilder Erosionsreste von der gewöhnlichen Pyramiden- oder
Tempelform eingezwängt. Sie sind aus einem einst zusammenhängenden,
nach Südwesten vorspringenden Ausläufer des Kaibabplateaus im Norden
herausgemeißelt und heißen Deva Temple, Brahma Temple und Zoroaster
Temple. Alle drei haben ein Dach aus Kaibabkalkstein, der infolge
seiner Härte den darunterliegenden weichern Coconinosandstein vor
Verwitterung schützt. Auch hier finden wir die charakteristische 150
Meter hohe senkrechte Felswand des Redwallkalksteins, die stets gleich
leicht wiederzuerkennen und von den roten Steilhängen der Supaigruppe
überlagert ist, während an ihrem Grunde die Abhänge der Tontogruppe
einsetzen und mit einer Mächtigkeit von 300 Meter bis zum Sandstein aus
dem Kambrium hinabreichen, der auf der Granitbettung aufsitzt. Überall
herrscht dasselbe Gesetz; dieselben Stufen, Wände, Hänge, Terrassen,
Maße und Farben kehren wieder bis in die Seitencañons hinauf.
Genau im Norden unseres Aussichtspunktes erhebt sich in einer
Entfernung von etwas mehr als 8 Kilometer der herrliche Shiva Temple,
gleichfalls eine der berühmtesten Riesenbauten in der phantastischen
Märchenstadt des Gran Cañon. Hier sehen wir deutlicher als je die ganze
geologische Schichtenfolge in all ihrer Pracht bloßgelegt. Obwohl ich
die verschiedenen Formationen bereits genannt habe, wiederhole ich sie
noch einmal, damit wir sie uns besser einprägen. Wir erblicken also als
Dach des Schivatempels eine wagerechte Plattform aus Kaibabkalkstein
(210 Meter), darunter den Coconinosandstein (90 Meter), der überall im
Gran Cañon als wagerechtes Band von zarter hellgrauer Farbe sichtbar
ist; dann folgen die Schiefer und der Sandstein der Supaiformation,
teils anstehend als Felsvorsprünge, teils in Form steiler roter
Schuttkegel (330 Meter), die bis zum obern Rand des Redwallkalksteins
(150 Meter) hinabreichen, der auch am Schivatempel senkrechte Wände
bildet. Unterhalb des Redwall liegen auch die grünlichen Schiefer der
Tontogruppe in weniger steilen Hängen (300 Meter) und erstrecken sich
bis zu den Unkarschichten und dem Granit hinab.
Von den mittelsten Gehängen des Felsstocks des Schivatempels,
somit bedeutend niedriger als dieser, gehen höchst unregelmäßig
geformte Ausläufer aus, die dem Redwallkalkstein angehören und mit
Supaischiefern gekrönt sind. Auf dem westlichen von ihnen erhebt sich
der Osiristempel; er trägt sogar eine Haube aus Coconinosandstein, die
von Hopi Point aus in Nordnordwesten zu sehen ist. Der Osiristempel
seinerseits sendet nach Südwesten den „Tower of Ra“ aus, mit
malerischen roten Sandsteinmassen der Supaiformation. Derselben Gruppe
gehören zwei Erhebungen auf einem zweiten vom Osiristempel nach Süden
gehenden Ausläufer an, der Horustempel und der Set-Turm.
[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord
16° West.
Ein Wirrwarr von Tempeln mit scharfen Nachmittagsschatten.]
Der von Hopi Point aus in Nordnordosten sichtbare östliche Ausläufer
des Massivs des Schivatempels heißt Isistempel und besteht aus
Redwallkalkstein, der Supaigestein und auf dem Gipfel einen
kleinen Rest Coconinosandstein trägt. Auf dem Osiristempel und auf
dem Isistempel fehlt also der Kaibabkalkstein. Er ist durch die
Verwitterung abgetragen worden; der weiche Sandstein ist daher den
Einwirkungen von Wasser, Wetter und Wind mehr ausgesetzt und dazu
verurteilt, einer, geologisch gemessen, schnelleren Zerstörung
entgegenzugehen.
Wenn wir schließlich den Blick nach Nordwesten richten, d.❁h. den Gran
Cañon abwärts, gewahren wir eine ganze Reihe romantischer bewaldeter
Kalksteinkaps, die gleich Hopi Point vom Coconinoplateau nach Norden
vorspringen. Das entfernteste, das wir erblicken, heißt Havasupai
Point; es bietet ein unvergeßlich großartiges Bild, das wir später
kennenlernen werden. Zwischen all diesen Kaps liegen steil abfallende
Einschnitte oder Buchten; sie sind verhältnismäßig kurz im Vergleich
mit denen, die den Nordrand kerben. Ganz hinten im Nordwesten wird die
Linie des Horizonts vom Powellplateau gebildet, das als unerbittliche
Grenzwand die Aussicht auf die Fortsetzung des Gran Cañon sperrt. Auch
dort sieht man Kaps, Pyramiden und Seitentäler, von denen viele Namen
haben.
Der Überblick, den mir Hopi Point gab, war also sehr wertvoll und
umfaßte viele der charakteristischsten Punkte der großen Talschlucht.
Ich erhielt eine Ahnung von der Lage von Navaho Point im Osten,
Havasupai Point im Westen und Cape Royal im Nordosten, Hermit Cabins in
der Tiefe und der Hängebrücke über den Colorado, Stellen, die ich in
den folgenden Tagen besuchen wollte.
Aber der Abend schreitet langsam vorwärts. Wir steigen wieder ins Auto
und fahren auf dem Hopi Wall im Bogen am Rand des Abgrundes entlang,
der den Namen Inferno trägt. Von Mohave Point, wo wir eine kurze Rast
machen, erblicken wir dieselbe Landschaft vor uns; nur die nächsten
Umgebungen wechseln. Von hier aus folgen wir dem Great Mohave Wall auf
dem Hermit Rim Road genannten Weg. Unmittelbar zur Rechten haben wir
einen gähnenden Abgrund, der Abyß heißt. Nach 11 Kilometer sind wir am
Ziel unserer heutigen Fahrt, Pima Point. An die Brustwehr am äußersten
Rand gelehnt, sehen wir den Colorado als ganz schmales, schwach
gewundenes Band in der Tiefe. Der Fluß soll hier eine Breite von etwa
120 Meter und eine Geschwindigkeit von 29 bis 30 Stundenkilometer
haben. An mehreren Stellen bildet er Stromschnellen. Nur wenn der Wind
für einen Augenblick nicht in den Kiefern rauschte, konnte ich schwach
das Brausen der tosenden Wassermassen vernehmen. Später sollte ich es
stärker hören!
Von Pima Point aus sehen wir in einer Entfernung von anderthalb
Kilometer im Nordwesten, 1100 Meter unter uns, den Rastplatz Hermit
Cabins. Der Weg dorthinunter ist 12 Kilometer lang. Steht man am Rand
der senkrechten Felsenwand, dann begreift man nicht, daß ein Reitweg
dorthin führen kann. An einigen Stellen ist er durchs Fernglas als
feine hellgelbe Linie zu erkennen. Der mag halsbrecherisch genug sein,
denkt man und fragt sich, ob man nicht alle Aussicht hat, über den
Kopf des Maultiers zu gleiten und über den Rand eines senkrechten
Absturzes zu rollen. Von den Unterkunftshütten von Hermit Cabins hat
man noch 2½ Kilometer bis zum Fluß bei Hermit Rapids und steigt dabei
noch 366 Meter tief.
Doch jetzt ist der Tag verstrichen, und die Sonne geht im Westen unter.
Die Abendröte, die alle Tempel und Pyramiden rot gefärbt hat, erlischt,
die eben noch so prächtigen Tönungen verblassen und gehen erst in
violette, dann in schwarze Schatten über. Die Dämmerung sinkt auf diese
Märchenwelt herab, die Nacht ist im Anzug. Nun ist es Zeit, zu der
gastlichen Stätte in der Einöde zurückzukehren, die den Namen Tovars,
des ersten Spaniers am Gran Cañon, trägt.
Nach dreitägiger Eisenbahnfahrt und einigen Stunden am Cañon wird man
etwas still und gedrückt. Es verlohnt sich nicht, zu versuchen, seine
Gefühle des Entzückens und Erstaunens zu schildern. Man nimmt sich vor,
sich zu bezähmen und demütig zu sein angesichts des Unmöglichen. Und
doch kann ich nicht umhin, zu verraten, daß ich in mancher Hinsicht
stärker war als die andern Touristen. Vor vierzig Jahren hatte ich,
wie schon Seite 15 erwähnt, für einen Vortrag in riesigem Format eine
Anzahl amerikanischer Abbildungen des Gran Cañon abgezeichnet; diese
Zeichnungen sind vermutlich noch in der Technischen Hochschule in
Stockholm vorhanden. Ich hatte auch wie kein zweiter das gewaltige
Tal zwischen dem Transhimalaja und dem Himalaja kennengelernt, durch
das der Tsangpo, der obere Brahmaputra, strömt. An Länge, Breite
und Tiefe ist der Colorado Cañon ein Zwerg im Vergleich zu der
tibetischen Niederung, die gleichfalls zum großen Teil der Erosion
ihre Entstehung verdankt. Ich hatte auch die meisten Cañontäler
des Satledsch überschritten, von denen einige zwar in ihren Maßen
großartig, aber mit dem Gran Cañon verglichen doch harmlos sind. So muß
man zum Beispiel, um den Ngari-tsangpo, einen Nebenfluß des Satledsch,
zu überqueren, von der ebenen Hochfläche steil zum Fluß hinabsteigen,
der 830 Meter tiefer liegt. Großartige Erosion zeigen auch die
Felsentäler des Jangtsekiang, des Mekong und des Salwen im Grenzland
zwischen Tibet und China.
[Illustration: Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus.]
Aber im Gran Cañon sind die Oberflächenformen anders als sonstwo
auf Erden. Was uns am meisten in Erstaunen setzt, sind die
senkrechten Sturzhänge des Süd- und des Nordrandes, die treppen- und
terrassenförmig herausgemeißelten Pyramiden, die tiefe Granitrinne,
in der der Colorado fließt, die wüstenartige Öde, das glänzende
Farbenspiel, der paradox klingende Umstand, daß man trotz der
ungeheuren Maße und Ausdehnungen dennoch die ganze Landschaft
unmittelbar vor sich hat und, wie von Hopi Point, mit einem Blick
beherrscht. Durch diesen Umstand lassen sich viele dazu verleiten, zu
glauben, es genüge, sich den Gran Cañon von El Tovar aus anzusehen. Das
ist ein großer Irrtum! Ehe man nicht das ganze Erosionstal durchquert
und, mit dem Zeichenstift und dem Pinsel in der Hand, manche Stunde
an all den wichtigsten Punkten zugebracht hat, hat man keinen klaren
Begriff von dieser an Schönheit und Größe so überreichen Gegend.
Welches Schauspiel ist imposanter: dieses hier, das sich vor und
unter uns entrollt, wenn wir auf Hopi Point stehen, oder jenes, das
der Reisende erblickt, wenn er sich auf dem 5800 Meter hohen Paß
Tschang-lung-jogma im Kara-korum befindet? Nachdem ich den Teil der
Erdrinde geschaut hatte, den man vom Tschang-lung-jogma aus beherrscht,
schrieb ich in mein Tagebuch (siehe „Transhimalaja“ I, S. 78, 79):
„Über und hinter den näher liegenden, teilweise rabenschwarzen Bergen
sieht man einen weißen Horizont, eine sägezähnige Linie mächtiger
Himalajagipfel. -- In der Tiefe unter uns lag das kleine Tal, durch
das wir uns so mühsam emporgearbeitet hatten. Von hier aus sah es
jämmerlich klein aus, eine unbedeutende Abflußrinne innerhalb einer
Welt gigantischer Berge. Der Horizont war klar; seine Konturen
außerordentlich scharf gezogen. Silberweiße, sonnenbeglänzte Gipfel
türmen sich übereinander und hintereinander empor; gewöhnlich schimmern
die ewigen Schneefelder in blauen Schattierungen von wechselnder
Intensität, bald matt, bald dunkel, je nach dem Winkel der Hänge im
Verhältnis zur Sonnenhöhe. Dieses ganze aufgeregte Meer der höchsten
Gebirgswogen der Erde sieht seltsam gleichmäßig und eben aus, wenn der
Blick ungehindert über seine Kämme hinschweift.“
Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen,
hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften
fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und
tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem
unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln
einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon
steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund
erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben,
die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer
in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten
Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese
Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer
Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden
waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer
horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche
des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem
Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren
Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die
verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne
Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt.
[Illustration: Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel
Cañon.]
Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen
Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen
zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen
Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen
Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten,
befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte,
Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago.
Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und
Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde
und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu
sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil
zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die
Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er
war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an
Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er
liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel
und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem
Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre
1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran
Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch
kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen
ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den
Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr
Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde.
Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken
des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen
konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle
und ihrem Frieden.
Fünftes Kapitel.
Die Aussicht von Grand View.
Der 15. Juni war ein windiger Tag; dichte Wolken schwebten über
Arizona. Ich wanderte zu Fuß an dem Rand entlang, um ein paar Skizzen
zu zeichnen. Dann fuhr ich mit den Herren Birchfield und Kemp im Auto
nach Grand View, einem der hervorragendsten Aussichtspunkte des ganzen
Gebiets.
Der Punkt liegt 18 Kilometer südöstlich von El Tovar, aber der Weg ist
24 Kilometer lang. Er entfernt sich nämlich vom Rand und schlängelt
sich durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, der die nördliche Zone
des Coconinoplateaus schmückt. Im Grunde der Einbuchtung, die vom Hance
Creek gebildet wird, liegt das kleine Gasthaus Grand View; 2½ Kilometer
nördlich davon springt der Kaibabkalkstein in dem scharf markierten
Kap vor, das Grand View Point heißt. Hier hat die Verwitterung die
wunderbarsten Säulen, Mauern und Türme ausgesägt; einige von ihnen
haben wenig anziehende Namen, wie Thors Hammer, Selbstmordklippe und
ähnliche.
[Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten.
Ganz rechts der Turm der Cathedral Spire.]