Winslow fertig. Der Speisesaal ist hell und freundlich, da hier die
Arkadengalerie fehlt, die sonst gewöhnlich dem Innenraum das Licht
nimmt. An heißen Orten, wie Albuquerque, tut diese ihre guten Dienste,
indem sie die Wärme und die Sonnenbestrahlung dämpft. In Winslow tischt
uns auch „The Los Angeles Examiner“ seine Neuigkeiten auf -- Morde,
Gerichtsverhandlungen, Ehescheidungen, Skandale, Boxen und Sport, die
beliebtesten Gerichte für den amerikanischen Bildungshunger.
Dann fahren wir wieder hinaus in dieses entsetzlich öde Land, wo kein
Lebewesen, keine Hütte, kein Zelt zu sehen ist und wo man vergebens
nach einem lebenspendenden Wasserlauf sucht. Nur endlose leicht
gewellte Einöde, so weit der Blick reicht. Sobald sich die Sonne ein
Stück über den Horizont erhoben hat, wird die Wärme fühlbar, ohne
jedoch irgendwie unangenehm zu sein. Hier und da weiden Rinder und
Pferde zwischen spärlichen Rasenhöckern. Wir sind im Staat Arizona und
nähern uns dem Hochland des Colorado. Im Norden sind niedrige Berge
zu sehen. Wir kreuzen einen ersten Miniaturcañon, bald darauf einen
zweiten tieferen. Über dem Horizont im Nordwesten schwebt ein mattrosa
Schein, vermutlich ein Widerschein der Morgenröte im Gran Cañon, wie
der „Eisblink“ im Eismeer die Nähe der Eisfelder verrät. Dunkelgrüne
Gürtel dichter Buschvegetation bringen eine Abwechslung in das Bild. An
einigen Stellen sind sie von flachen, mit Beifuß bewachsenen Furchen
unterbrochen. Der Cañon Diablo ist tief, eng und dunkel wie ein Abgrund.
Ein paar Stunden vor Williams setzt lichter Wald von Kiefern und
Wacholder ein, und je weiter wir nach Westen kommen, desto höher sind
die Bäume. Der Boden zwischen ihnen schimmert grünlich von Gras. In
dem durchschnittenen Gelände läuft die Eisenbahn zwischen Hügeln. Auf
einem von ihnen ist ein Beobachtungsturm errichtet, von dem aus man
ständig Ausschau hält über den Wald und im Falle eines Waldbrandes
Warnungssignale aussendet. Im Norden taucht ein Berg auf, der alle
andern der Gegend überragt, mit weißen Schneestreifen auf den Hängen.
Flagstaff ist der Name einer größeren Station, die im Wald zwischen
den Hügeln ganz prächtig liegt. Hier rasten einige Autos, beladen mit
Kisten, Koffern, Zelten und anderm Gepäck. Es sind transkontinentale
Touristen auf dem Weg nach Kalifornien, die es sich nicht entgehen
lassen wollen, einen flüchtigen Blick auf den Gran Cañon zu werfen.
Nicht weit vom Bahnhof wird Holz gefällt. Der Wald gehört dem Staat.
In der Nähe vom Bahnhof Flagstaff erhebt sich auf einem Hügel die
Lowell-Sternwarte, deren Astronomen das Studium des Mars zu ihrer
Spezialität gemacht haben. In der Gegend der kleinen Stadt Flagstaff
mit etwa 5000 Einwohnern sind mehrere rote Häuschen mit weißen Ecken
und Fensterrahmen zu sehen, und ich fragte mich, ob ihre Bewohner nicht
etwa schwedische Auswanderer sind. In einiger Entfernung im Norden
sollen sich die Ruinen einer 1500 oder 2000 Jahre alten aztekischen
Stadt befinden, mit gut erhaltenen Häusern, Befestigungen und einem
Sonnentempel.
Im Norden sind die ganze Zeit hindurch die San-Francisco-Gipfel
sichtbar, und gegen 10 Uhr kreuzen wir Arizona Divide, die
Wasserscheide zwischen Ost- und Westarizona. Der Himmel ist ganz klar,
aber im Wald ist die Wärme nicht schlimm. Die Landstraße schimmert
rötlich; es ist dieselbe Straße, die wir schon so oft gesehen haben und
die New York mit Los Angeles und San Francisco verbindet. Eine Reihe
Lastautos befördern Baumstämme aus dem Flagstaffwald. Die Arbeiter,
die mit dem Abholzen beschäftigt sind, wohnen in kleinen hübschen
Holzhäusern, die sie sich selbst gebaut haben.
Der Wald wird lichter, und die Hügel aus vulkanischer Asche treten
zurück, als wir uns Williams nähern. Um 12 Uhr erreichen wir den
kleinen Ort mit 400 Einwohnern, einigen kleinen Straßen und niedrigen
Häusern. Unser Zug hält zehn Minuten und verschwindet dann im Westen
auf seiner langen Fahrt nach Los Angeles. Aber wir, die wir nach dem
Gran Cañon wollen, bleiben zurück und vertreiben uns die Zeit damit, in
dem typisch westamerikanischen Ort umherzuwandern, der mit der Zeit zu
einer Stadt heranwachsen wird. Die bergumkränzte Ebene bietet ja Platz
genug. Ford Harveys Haus am Bahnhof hat eine große, gemütliche Halle
mit offenem Kamin, in dem im Winter ein tüchtiges Feuer brennt. Der
Fußboden ist mit indianischen Matten bedeckt, die nicht gerade schön,
aber mit ihren einfachen symbolischen geometrischen Mustern originell
und hier wenn irgendwo am Platze sind.
Obwohl der Zug von Williams nach dem Gran Cañon schon wartet, dauert es
noch zwei Stunden, bis er abgeht. Er besteht nur aus zwei Wagen, von
denen der zweite ein „Parlour Car“ ist mit offener Aussichtsplattform.
Die Zahl der Reisenden ist nicht groß; die beiden Wagen reichen
vollkommen aus, auch nachdem um 3 Uhr Zug Nr. 9 von Chicago nach Los
Angeles angekommen ist und noch einige Touristen mitgebracht hat, die
nach dem Gran Cañon wollen. Wir steigen ein und fahren nach Norden. Die
Luft ist herrlich und dank der Seehöhe von 2226 Meter, in der wir uns
befinden, sogar kühl. Williams verschwindet hinter uns. Die Bahn läuft
zwischen Hügeln und vereinzelten Bäumen in Kurven vorwärts. Nichts in
der ganzen Umgebung läßt auf die Nähe des Gran Cañon schließen, und
doch sind es bis dorthin nur noch ein paar Stunden Bahnfahrt. Aber
nach zehn Minuten kommen wir am Anfang des Havasupai Cañon vorüber,
der 88 Kilometer lang ist und in den Gran Cañon ausläuft. Doch wer
könnte den Raum, die Lücke in der Erdkruste ahnen, in die dieses kleine
unansehnliche Tal mündet? Nach allem, was man von andern gehört und
in Abbildungen gesehen hat, ist man jedoch von feierlicher Spannung
erfüllt und fragt sich, ob die Wirklichkeit den Erwartungen entsprechen
wird, die man sich gemacht hat. Nach Norden Ausschau zu halten, in der
Hoffnung, den ersten Anblick nicht zu verpassen, hat keinen Zweck,
denn nur ein paar Sekunden lang erblickt man in unmittelbarer Nähe
von El Tovar ganz flüchtig den Gran Cañon. Einer der merkwürdigen
Charakterzüge dieses größten Erosionstales der Erde ist, daß man von
seinem Dasein keine Ahnung hat, bis man nur wenige Schritt vor seinem
Rande steht.
Bald sausen wir zwischen lichtstehenden Bäumen dahin, bald zwischen
mäßig abgerundeten, mit Grashöckern bedeckten Hügeln. Die Gipfel des
San-Francisco-Gebirges tauchen wieder auf, jetzt im Osten. Aber nach
und nach verblassen und verschwimmen sie ebenso wie andere Berge in
ihrer Nähe. Es weht Südwind. Infolge der Zuggeschwindigkeit spüren wir
ihn nur während der kurzen Aufenthalte an den kleinen Stationen. Einmal
mußten wir jedoch eine Viertelstunde warten, um zwei vom Gran Cañon
kommende Züge vorüberzulassen. Auf dieser Bahn werden auch die Unmengen
von Lebensmitteln befördert, die im Hotel El Tovar verzehrt werden; ja
sogar das Wasser, nicht nur das Trink- und Kochwasser, sondern auch das
Badewasser, wird in Zisternenwagen auf diesem Weg an den Rand des Cañon
gebracht.
Bisweilen geht die Bahn durch dichtes Gebüsch. Die Hügel werden immer
flacher, und wir eilen über öde Flächen. Bäume und Sträucher hören
auf, nur Grashöcker wachsen da und dort auf der Prärie. Kleine kurze
Brücken führen über trockenliegende Geländefurchen. Die Bahn stellt
beinahe eine gerade Linie dar. Anita ist ein kleiner Ort mit Schulhaus
für die Kinder der Gegend. Dann setzt wieder Wald aus Kiefern und
Wacholder sowie „Buckhorn“, einer Kreuzdornart, ein. Zwischen den
Bäumen schimmert der Boden gelbrot wie bisher. Schließlich wird das
Gelände wieder hügelig, und die Bahn läuft in Bogen. Die Lokomotive
heult in jeder Kurve, um zu warnen, aber selten ist in dieser öden
Landschaft ein Lebewesen zu sehen. Nur manchmal erblickt man weidende
Pferde und Rinder. Streckenweise zeigt der Wald fast nordische
Schönheit.
Wir nähern uns dem Ziel! Nur noch zehn Minuten! Durch eine Lichtung
im Wald erhaschen wir einen Schimmer der hellroten Bergwand jenseits
des Abgrundes. Man findet kaum Zeit, Herzklopfen zu bekommen und in
Erstaunen zu geraten, dann ist dieses erste Traumbild schon vorüber.
Einige Minuten später hält der Zug bei El Tovar, und Autos bringen
uns zum Hotel hinauf. Man hat nur ein paar Minuten zu fahren, einige
Zickzackbiegungen, und ehe man sich dessen versieht, fährt das Auto
vor der nach Süden liegenden Veranda eines ziemlich großen braunen
Holzhauses vor, das im ländlichen Stil erbaut ist, zwei Stockwerke hat
und an ein Touristenhotel erinnert. Auf dem Platz vor dem Hotel spielt
sich der ganze Verkehr ab. Vom Gran Cañon ahnt man hier nichts, das
Hotelgebäude nimmt einem die freie Aussicht.
Bereits in Chicago hatte ich darum gebeten, ein Zimmer zu erhalten, von
dessen Balkon oder Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte und
wo ich während einiger Ruhetage zeichnen und malen und die wechselnden
Lichteffekte im Laufe des Tages beobachten könnte. Aber im Hotel
El Tovar gab es keine solchen Zimmer und keine Balkone. Vermutlich
ist diese Anordnung absichtlich, sonst wäre sie nicht begreiflich.
Vielleicht bezweckt man damit, daß die Touristen nicht gleich bei der
Ankunft abgelenkt werden, sondern sich in Ruhe und Muße einrichten, ehe
sie ihre Schritte zum Rande des Abgrundes lenken.
El Tovar wimmelt von Gästen. Im Durchschnitt treffen täglich 500 ein,
davon viele in eigenen Autos, wahrscheinlich die meisten, denn die Zahl
der Autos beträgt täglich durchschnittlich 100 (die Mindestzahl ist 75,
die Höchstzahl 120). Die meisten Touristen kommen früh am Morgen an und
reisen am späten Abend wieder ab. Die 130 Zimmer des Hotels reichen
daher gewöhnlich aus. Im Notfall werden auch die einfacheren Zimmer
benutzt, die in kleinen provisorischen Hütten untergebracht sind und 1
oder 1½ Dollar kosten.
Bei unserer Ankunft in El Tovar empfing uns Herr Carleton J.
Birchfield, den ich schon in Chicago kennengelernt hatte. Er ist
Assistant General Advertising Agent bei The Atchison Topeka and Santa
Fé Railway System und untersteht Herrn William H. Simpson, der, wie ich
schon erwähnte, Assistant General Passenger Agent ist. Herr Birchfield
ist stets von seinem Photographen Herrn Edw. H. Kemp begleitet; die
beiden bringen jeden Sommer eine neue Ernte prächtiger Aufnahmen vom
Gran Cañon heim.
Mit noch zwei andern maßgebenden Persönlichkeiten des Ortes machte
ich sogleich Bekanntschaft, dem Obersten Crosby, Superintendent des
Grand Canyon National Park, und Herrn Victor Petrosa, dem Manager des
El Tovar Hotel. Beide waren mir während meines Aufenthalts in der
liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise behilflich. Oberst Crosby
orientierte mich in dem ausgedehnten Gebiet und versah mich mit allen
notwendigen Karten und Begleitern, und Herr Petrosa sorgte für meine
Verpflegung auf den Ausflügen.
Mit meinen neuen Freunden verständigte ich mich dahin, alles ruhig und
überlegt zu nehmen. Man muß diese überwältigenden Landschaftsbilder
stückweise genießen, in kleinen Bissen, sonst erstickt man. In meiner
Schilderung des Gran Cañon werde ich den gleichen Grundsatz befolgen.
Viertes Kapitel.
Der erste Eindruck.
Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal
gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine
Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi
Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen
benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“,
dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder
Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine
gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen
bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen
Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem
Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10
Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg
geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point
und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point
und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point.
Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man
die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde
ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur
sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter
bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen
Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker
Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht
erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche
von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem
fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus
dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das
wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes
hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt
einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial
steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von
1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden.
[Illustration: Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West.
Ungefähr in der Mitte das „Kriegsschiff“.]
Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im
Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier
tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man
sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich
befindet -- es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den
Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten
läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen
Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine
verlassen kann. Denn es +kann+ vorkommen, daß man schwindlig wird
und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem
freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem
Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche
Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der
der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den
Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in
einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch
unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front
erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt
von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde
nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die
mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und
aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die
sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von
Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben,
wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im
gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl
denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern
Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren
müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt
und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der
Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in
seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite
Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des
Cañons wird davon nicht berührt.
Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“
genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen
gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht
und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im
allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab,
und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander
ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen
Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten
und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden,
und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch
befinden mag.
Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes
zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des
Colorado.
Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen,
ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und
zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die
Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in
entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat
man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden
schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und
all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang,
dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des
Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher
befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar.
[Illustration: Blick von Navaho Point auf die Palisaden.]
Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote
Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend,
ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde
später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle
Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn
man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand,
Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine
Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs
haben.
Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen,
braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand.
Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten
dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser
wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor.
Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen
Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen
immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen
Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und
Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an
die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens
sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man
erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado
1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und
Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des
Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste
müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf
Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte
Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt.
Noch ein anderer Umstand ist geeignet, den Besucher zu verwirren.
Während sein Auge sonst stets gewohnt ist, vom Fuß der Berge aus zu
ihren Hängen, Kämmen und Gipfeln emporzublicken, befindet er sich hier
selbst so hoch, wie man überhaupt kommen kann, und sieht auf diese
phantastisch herausgemeißelte Welt rotschimmernder Alpen hinunter.
So lange er bei El Tovar und an all den andern Aussichtspunkten am
Südrand weilt, befindet er sich immer in derselben Höhe. Die Winkel
der Ausblicke verändern sich daher nur in horizontaler Richtung, und
das Farbenspiel wechselt mit jeder Stunde des Tages -- wenn Stürme,
Wolkenmassen und Nebel dahinjagen, oft von Minute zu Minute. Wer sich
nicht der Mühe unterzieht, zum Fluß hinunterzusteigen, wird den Gran
Cañon mit unklaren Begriffen von seinen Ausmaßen und Formen verlassen.
Zu dieser Klasse gehören die meisten Touristen, solche, die diesem
wunderbarsten aller Schauspiele nicht mehr als einen flüchtigen Tag
opfern. Dazu gehört die vornehme Dame aus den Salons von New York, die
gemächlich die hundert Schritt vom Hotel bis zur Brustwehr am Hochrand
stolzierte, ihre Lorgnette vors Auge nahm, einen Blick über den Cañon
warf und mit blasiertem Dünkel sagte: „~Is that all?~“ (Ist das
alles?) Dazu gehört auch die Miß, das Jazzmädel der Ballsäle, die
das große Rätsel zu der flüchtigen Bemerkung vereinfachte: „~Is’nt
it cute?~“ (Ist das aber nett!) Oder der protzige Millionär, der
an Gummischuhen oder Kaugummi reich geworden war und sich von nichts
anderm imponieren ließ als von angehäuftem Kapital, und der ausrief:
„~What a hell of a gash!~“ (Was für eine verteufelte Schramme!)
Zu einer ganz andern Klasse naiver Philosophen gehörte dagegen das
Kind, das am Rande des Abgrundes seinen Vater fragte: „~What
happened?~“ In der Frage: „Was ist hier vor sich gegangen?“ ist in
der Tat alles enthalten, was die Geologen in jahrzehntelangen Mühen,
Entbehrungen und Nachdenken zu beantworten suchten.
[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach
Nordwesten.
Die Abendschatten nehmen zu.]
Wenn man von Ausmaßen und Formen des Gran Cañon einen einigermaßen
klaren Begriff erhalten will, darf man sich daher nicht mit den
Ausblicken begnügen, die in der Horizontalebene liegen. Man muß zum
Rio Colorado hinuntersteigen und von dort zum Nordrand hinaufklettern.
Auf einem solchen Ausflug hat man Gelegenheit zu beobachten, wie sich
auch die vertikalen Perspektiven verändern. Man erblickt die „Tempel“
von ihren Fundamenten aus und muß wie bei gewöhnlichen Bergen den Blick
zum Gipfel emporrichten. Und man sieht auch, wie die Felswände des
Südrandes und des Nordrandes senkrecht emporstreben.
Der Abstand zwischen der Sonne und dem Horizont wird immer kleiner.
Alle nach Westen liegenden vorspringenden Partien werden grell
beleuchtet und in großartigen roten Tönungen gefärbt, als wenn sie
aus Rubin wären und in ihrem Innern glühende Schmelzöfen brennten.
Die unbeleuchteten Teile sind fast schwarz, und in den dichten
Schatten sind die Einzelheiten schwer zu unterscheiden. Das Relief
tritt mit größter Schärfe und Deutlichkeit hervor, wenn die Sonne
tief steht. Die einzelnen, von den Kräften des Luftmeers, Wind, Regen
usw., herausgemeißelten Pyramiden und die durch Stufen und steile
Terrassenhänge in verschiedene Höhenschichten eingeteilten Felsrücken
heben sich dann mit einer Klarheit voneinander ab, die niemals erreicht
werden kann, wenn die Sonne auf ihrer Mittagshöhe im Süden steht und
die ganze Landschaft im Norden zu einem einheitlichen Hintergrund
verschmilzt, in dem die einzelnen, freistehenden Teile ihre eigenen
Schatten verdecken.
Für einen ersten orientierenden Blick über den Gran Cañon kann man
sich keinen bessern Aussichtspunkt denken als Hopi Point. Denn dieses
mittelste der drei Kaps Maricopa, Hopi und Mohave, die wie sehr spitze
Zacken von der westlich von El Tovar vorspringenden fast quadratischen
Halbinsel nach Norden schauen, ragt weiter in den Gran Cañon hinein als
irgendein anderer Punkt des Südrandes in der Nähe des Gasthauses. Man
steht hier gleichsam auf der Spitze einer sehr schmalen Halbinsel, die
auf allen Seiten außer im Süden von einem Meer umgeben ist, das nicht
mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt ist. Man beherrscht daher so gut
wie den ganzen interessantesten Teil des Gran Cañon von der riesigen
senkrechten Felsenmauer der Painted Desert, der Bunten Wüste, den 32
Kilometer entfernten Palisaden im Osten, bis zu Gegenden stromab, die
ebensoweit im Nordwesten liegen.