Wir fahren auf der nördlichen Linie durch Kansas, da die südliche unter

Wasser steht und unterbrochen ist. Aber auch auf unserer Linie saust

der Zug Stunde um Stunde zwischen überschwemmten Feldern hin, und der

Himmel ist ebenso grau wie bisher. Bei Peabody sehen wir einen Wald

von Bohrtürmen, ganz wie in Balachany am Kaspischen Meer oder südlich

von Los Angeles in Kalifornien, und schon von weitem riecht es nach

Rohnaphtha. Dann werden die menschlichen Spuren seltener; wir fahren

lange Strecken, ohne eine Menschenseele oder ein Haus zu erblicken.

In Newton, durch das wir am Nachmittag kommen, besitzt Harvey eine

Molkerei und einen Viehhof mit 270 Kühen. Obgleich ihm noch viele

derartige Besitzungen in Texas, Neumexiko, Colorado, Arizona und

Kalifornien gehören, reicht deren Ertrag an Milch, Butter und Käse

nur dazu, ein Zwanzigstel des Bedarfs der Eisenbahnwirtschaften zu

decken, und die Hauptmenge muß anderweitig beschafft werden. Harveys

Milchwirtschaften haben im Grunde nur die Aufgabe, den Markt zu

regulieren und zu kontrollieren.

In frischem, feuchtem Sommergrün breitet sich das flache Land zu

beiden Seiten endlos wie ein Meer aus. Die überschwemmten Gebiete

werden kleiner und immer seltener. Eine gute Weile nach Einbruch der

Dunkelheit hält der Zug in Hutchinson, damit wir unser Essen einnehmen

können. Die Mahlzeit, die in einem prächtigen Saal aufgetischt wird,

ist reichlicher als ein gewöhnlicher Mensch vertilgen kann, alles

ist trefflich zubereitet und von wahren Fluten von Eiswasser mit

kristallklaren Eisstücken begleitet. Dem Arkansas River folgend,

passieren wir am Abend Dodge City und überschreiten im Dunkel der

Nacht, nachdem wir unsere Uhren um eine Stunde zurückgestellt haben,

die Grenze von Kansas und Colorado. Ein freundlicher alter Herr aus

Texas schenkt mir einen mexikanischen Miniatur-Haarhut, dessen Band

den berühmten Namen „El Paso“ trägt. Im Wasch- und Rauchabteil erzählt

er seine Lebensgeschichte. Als ich dann in den Mittelgang des Wagens

komme, sind die schweren Vorhänge zugezogen, und mein Schlafplatz vom

Neger für die Nacht zurechtgemacht. Wenn man „~lower berth~“

mitten im Wagen hat, ist die Bewegung sanft und angenehm. Die Bahn ist

gut gebaut und sorgfältig unterhalten. In den überschwemmten Gebieten

sah man jedoch, daß das Wasser an steinigen Stellen nur noch 60

Zentimeter hätte zu steigen brauchen, um die Schienen zu erreichen.

Als mich der Neger am 12. Juni um ½7 Uhr mit der Erklärung weckte, wir

hätten nur noch 35 Minuten bis Trinidad, hatten wir schon La Junta

hinter uns und sausten schnurgerade nach Südwesten auf die Grenze von

Neumexiko zu. Der Tag war strahlend klar und das Land flach und öde;

Rinderherden weiden auf den riesigen Ebenen, und als wir in Trinidad

halten, glauben wir eine wirkliche Oase mitten in der Wildnis erreicht

zu haben. Das Bahnhofsgebäude ist wie die meisten andern in Colorado

und Neumexiko im spanisch-mexikanischen Klosterstil erbaut mit Arkaden,

Gängen und Höfen, sattgrünen Rasenteppichen und dichtbelaubten Bäumen.

Über dem Portal ist der Name des spanischen Konquistadors Cardenas

zu lesen, des ersten bahnbrechenden Pioniers in diesen Gegenden. Der

kleine Ort hat ein schmuckes Schulhaus und mehrere andere neue Gebäude.

Am Bahnhof warten ein Dutzend Fordautos. Aber die Reisenden haben nur

einige Schritte bis zur Wirtschaft, wo das Frühstück unserer harrt. Wir

befinden uns 1827 Meter über dem Meer, und die Morgenluft ist kühl und

frisch. Im Laufe des Tages steigen wir noch einige hundert Meter. Ich

merke die Luftverdünnung nicht -- ich habe in dieser Hinsicht ja schon

Schlimmeres erlebt. Aber Clarkson gesteht, daß er sie als Atemnot spüre

und daß es ihm schwer werde, bergauf zu gehen.

Dicht neben dem Bahnhof erhebt sich der erste kleine Hügel, und als

wir Trinidad verlassen haben, kommen wir sofort in hügelige Landschaft

aus anstehendem Gestein, Geröll und lockeren Erdschichten. Auf

vielen Abhängen wachsen mächtige Wacholder, und auf grauen Hügeln

und Höhenzügen heben sich Büsche als grüne Flecke ab; einige Höhen

sind ganz mit Gras überzogen und leuchten in frischem Grün. Die

Steigung ist schon recht merkbar, und unsere Lokomotive hat Hilfe

von einer zweiten erhalten, die von hinten schiebt. Später, als die

Steigung noch mehr zunimmt, wird eine dritte Lokomotive vor die erste

gekuppelt. Sie ächzen und arbeiten, um den schweren Zug auf die

Hochebene hinaufzuschleppen, und die Bewegungen werden ruckartig und

ungleichmäßig, jedoch nicht unangenehm. In starken Kurven steigen wir

das Tal hinan, das zum Ratonpaß hinaufführt. Auf den Hängen stehen

vereinzelte Kiefern. Wir kommen an einem Dorf vorbei, dessen spanische

Kirche auf einem Hügel thront, und an einer Kohlengrube, kurz darauf an

einer zweiten.

Wir befinden uns in den südlichsten Regionen des Felsengebirges und

haben nach Norden an einigen Punkten eine unbeschreiblich schöne

Aussicht auf schneebedeckte Gipfel. Südlich des Ratontunnels haben wir

die Wasserscheide zwischen dem Mississippi und dem Rio Grande del Norte

überschritten, und die Vorspann-Lokomotive wird abgekuppelt. Wir haben

hier den höchsten Punkt unserer heutigen Fahrt erreicht, 2323 Meter,

und sind also von Chicago aus, das 180 Meter über dem Meeresspiegel

liegt, mehr als 2000 Meter gestiegen. Nun fahren wir in nicht allzu

scharf sich dahinschlängelnden Tälern bergab und sehen von Zeit zu Zeit

eine Biegung der vorzüglichen alten Landstraße nach Santa Fé und der

Küste.

Auf einem kleinern Bahnhof überschwemmt die Tagesnummer der „Denver

Post“ unsern Zug, und alle verschlingen die großen fettgedruckten

Überschriften und Nachrichten von der immer noch zunehmenden

Überschwemmung und den Unglücksfällen und Verlusten. „Zwölf Menschen

sind in den Fluten umgekommen, die drei Staaten überschwemmen. 5000

obdachlos, Dutzende von Städten stehen unter Wasser. Ungeheuer große

Ackerflächen zerstört. Im Gebiet des Kansasflusses ist das Standrecht

erklärt“ und ähnlich lauten die sensationellen Überschriften lebhafter

Schilderungen. In kleinem Druck stehen weit hinten einige kurze

Nachrichten aus dem Ruhrgebiet und von Curzons Vermittlungsversuch. Ein

Telegramm meldet Pierre Lotis vor zwei Tagen erfolgten Tod.

Es nimmt also nicht viel Zeit in Anspruch, den Rahm aus der „Denver

Post“ abzuschöpfen, und nachdem Clarkson und ich dies getan haben,

nehmen wir unser Gespräch wieder auf und unterhalten uns über

die endlosen Weiten der Erdoberfläche, die sich zu beiden Seiten

der Bahnlinie ausbreiten und zum Staat Neumexiko gehören. Mein

Reisegefährte steigert auch meine Spannung auf das nächste Ziel der

Fahrt, den Gran Cañon, und ist selbst neugierig, welchen Eindruck er

auf mich machen wird. Clarkson betrachtet den Gran Cañon mit fast

religiöser Ehrfurcht und erklärt es für unmöglich, mit Farben, Worten

oder Tönen diese Landschaft zu beschreiben. Alle, die es versucht

haben, sind gescheitert. Zahllose Maler sind dorthin gekommen mit

ganzen Rollen gewaltiger Leinwand und allen Farben des Regenbogens in

ihren Tuben. Aber sie haben bald gefunden, daß sie vor einer unlösbaren

Aufgabe standen, und sind ohne Gemälde abgezogen, hoffnungslos und

mißmutig. Clarkson ermuntert mich auch mit der Aussicht, daß man den

Gran Cañon in einigen Tagen gar nicht in sich aufnehmen +kann+

und daß man wochenlang dort leben muß, ehe man zu begreifen beginnt,

daß das, was man sieht, Wirklichkeit ist und kein Traum. Die ersten

Tage verbringt man in stummem Staunen und atemloser Bewunderung.

Man sitzt nur da und schaut und merkt nicht, wie die Zeit im Fluge

vergeht. Man kommt sich wie eine kleine armselige Mücke vor, wie ein

Staubkorn, das vom Winde fortgeweht wird. Alles, was sich in der Welt

ereignet und zuträgt, der Menschen Fleiß und Anstrengung und rastlose

Jagd nach Geld, die politischen Fehden und der Kampf um vergängliche

Ehrenstellen -- alles erscheint einem lächerlich und klein, selbst

so etwas wie der Weltkrieg schrumpft zu einer kleinen unbedeutenden

Episode zusammen, die einem zu gleichgültig ist, als daß man sich ihrer

erinnerte, und an die man nicht einmal einen Gedanken verschwendet. Was

spielt es angesichts dieser gigantischen Wunderwerke der unaufhaltsamen

Arbeit der Naturkräfte für eine Rolle, daß einige Millionen Menschlein

einander totgeschlagen haben, und was bedeutet es angesichts der

aufgeschlagenen Chronikbücher der geologischen Zeitalter, auf welcher

Seite man während einer flüchtigen Sekunde der Ewigkeit gestanden

hat? Am Gran Cañon wird man Philosoph, man wird ein neuer Mensch, man

wird geläutert und bekommt eine wohltuende heilsame Gewißheit seiner

eigenen Kleinheit. Nach einer solchen Vorbereitung ist es wohl nicht

verwunderlich, daß ich mit steigender Spannung auf das warte, was da

kommen soll.

In einem offenen, flachen, von niedrigen Hügeln umrahmten Kesseltal

liegt die kleine Stadt Raton mit ihrem dunklen Bahnhofsgebäude in dem

üblichen spanischen Stil. Dann sausen wir auf weichem, graugelbem

Boden, der hier und da grünlich schimmert, ohne daß jedoch Wasser zu

sehen wäre, über das öde Hochland im nördlichen Teil von Neumexiko.

Die Bahn geht nach Südsüdwesten. Im Nordwesten läuft die ganze Zeit in

einer Entfernung von ungefähr 24 Kilometer ein langer Gebirgszug, über

seinem Kamm ist in der Ferne eine kleinere Schneekette zu sehen. Das

schnaubende Dampfroß durchquert nun das Gebiet, wo die Indianer einst

Büffel jagten. Noch vor 50 Jahren weideten hier riesige Herden dieser

königlichen Tiere. Jetzt ist kein einziger Bison mehr da. In Montana

wird eine Herde von 300, in Colorado eine solche von 5000 gehegt.

Nicht anders ist es den andern wilden Tieren ergangen oder wird es

bald ergehen. Der Puma, das schöne Katzentier, der hier ~mountain

lion~, Berglöwe, heißt, ist nunmehr sehr selten. In den Bergen nimmt

die Zahl der braunen, schwarzen Grisly- und Cenomanbären immer mehr

ab. Der Cojote dagegen, der Heul- oder Präriewolf, ein Verwandter des

Schakals, kommt überall auf den Prärien vor.

Von Zeit zu Zeit fliegt ein Städtchen oder Dörfchen an uns vorüber

und dann und wann eine Farm mit Ackerfeldern und Weideland, auf dem

Pferde, Rinder und Schafe grasen. Hier wohnt ein Ansiedler, der der

ausgeruhten Erde seinen Lebensunterhalt abgewinnt. Der Boden des

Tafellandes ist eben oder schwach gewellt. Auf lange Strecken wird die

Öde nur durch den einen und andern Trupp Bahnarbeiter unterbrochen. Die

Telegraphenstangen haben zwei Querbalken, sechzehn Drähte und grüne

Isolatoren. Wenn man ganze Tage lang auf demselben Pullmansofa sitzt

und zum Fenster hinaussieht, bemerkt man auch die unbedeutendsten Dinge

und beachtet alles. Man macht auch negative Beobachtungen, z.❁B. daß

nur selten ein Auto auf der uralten Landstraße dahinjagt, die vor der

Erbauung der Eisenbahnlinie der wichtigste Verkehrsweg zwischen Kansas

City und Santa Fé war und die älteste in den Vereinigten Staaten sein

soll. Vermutlich ist sie vor Zeiten ein einfacher Pfad gewesen, der von

den Indianern benutzt wurde.

Ohne zu halten, sausen wir an einem kleinen Ort vorüber, der Springer

heißt und von einem wasserarmen Bach durchflossen wird. Derartige

kleine Ortschaften tauchen von Zeit zu Zeit wie Oasen in der Wüste auf;

sobald wir sie hinter uns gelassen haben, umschließt uns wieder die

Wildmark mit ihrer bezaubernden Einförmigkeit und Unendlichkeit. Wasser

ist die erste Lebensbedingung dieser Städte oder Dörfer, und wo das

Wasser fehlt, späht man vergebens nach menschlichen Gemeinwesen. Die

Farmen sind auch nicht sehr zahlreich. Aber Schafe, Rinder und Pferde

sieht man oft in Herden auf der Weide. Eigentlich ist es ein Land für

Schafzucht, durch das wir fahren. Die Bodenwellen sind gewöhnlich dem

Auge kaum erkennbar. Aber man merkt sie an der Geschwindigkeit und

dem Geräusch. Wir befinden uns in einer Höhe von ungefähr 1525 Meter.

Der Abstand zwischen uns und dem Gebirge wird allmählich größer.

Schneeschutzwände aus senkrecht stehenden oder wagerecht liegenden

Planken verraten, daß Schneestürme hier oben auf der Hochebene rasen

können.

Hier und da erhebt sich auf dem flachen Land ein Hügel, eine Mesa, bald

kegel- oder pyramidenförmig, bald breiter und tafelförmig abgeplattet.

Diese Landschaftsform ist typisch für Neumexiko. Die Ingenieure haben

leichte Arbeit gehabt, als sie die Eisenbahn legten. Lange Strecken

waren kein Bahndamm und keine Einschnitte nötig, nur selten eine kleine

Brücke.

Im Valmoratal wird das Gelände steinig; anstehendes Gestein und

Blöcke auf beiden Seiten, Kiefern und Gras auf den Hängen, Wasser

in einem kleinen Rinnsal. Manchmal schneidet die Bahn durch gelbe

Sandsteinplatten. Die Linie ist hier einspurig, aber 8 Kilometer weiter

südlich läuft noch eine zweite Spur. Auf beiden verkehren Züge in

beiden Richtungen. Die Landstraße ist ganz in der Nähe; ein Auto, das

es eilig hat, überholt uns gerade in einer Wolke von Staub. Ein paar

eigentümliche Fuhrwerke erinnern an Rußland, da die drei Pferde wie bei

der Troika nebeneinander gespannt sind. Neben dem Wege sehen wir ein

Zigeunerlager, das sich um seine großen, mit tunnelförmigen Dächern

überspannten Packwagen häuslich niedergelassen hat.

Über dem Gebirge im Nordwesten haben sich Wolken zusammengezogen,

und prächtige Blitze flammen zwischen ihnen auf, aber unser Zug eilt

in glühender Sonne dahin, und es ist warm in den Abteilen. Im Westen

erheben sich herrlich blauende Berge, sie gehören zum Sangre de

Cristo. Die Wolken haben eine drohend blauviolette Gewitterfärbung,

aber im Südwesten ist es klar. Vielleicht entgehen wir dem kleinen

Unwetterzentrum, das über das Hochland von Neumexiko dahinzieht. Aber

die Blitze kreuzen einander immer noch zwischen den Wolken und leuchten

wie Degen kämpfender Riesen.

In Las Vegas haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt für den Lunch.

Im Lunch Room des Bahnhofs speist man nach der Karte, im Dinner Room

nach festem Menü. Fünf Züge am Tage passieren die Station. Dazu kommen

verschiedene Beamte, die ihre Mahlzeiten hier einnehmen, und, wie ich

schon erwähnte, die Reisenden, die in ihren eigenen Autos vorbeifahren.

Im Durchschnitt betragen diese bis zu vierhundert am Tag. Es sind

meistens Touristen, die den Erdteil von Küste zu Küste durchqueren, ein

ebenso angenehmes wie lehrreiches Sommervergnügen in den Vereinigten

Staaten.

In Las Vegas sind wir in 1946 Meter Höhe über dem Meer. Gleich vor

der Stadt entrollt der gelbgrau und rot schimmernde Boden wieder

seine Unendlichkeit. Und doch ist dies scheinbar so öde Land „The Big

Cattle Country“, das große Viehland. Bald wird das Gelände wieder

bewegter, und wir fahren zwischen kleinen rotbraunen, oft von Büschen

dunkelgrün gefleckten Hügeln dahin. Das Unwetter scheint uns zu folgen.

Ein kleiner Regenschauer prasselt gegen die Fensterscheiben und

Fliegengitter. In einiger Entfernung zur Rechten sind einige „Pueblos“

zu sehen, Dörfer, die vor 3000 Jahren von Azteken erbaut und jetzt von

den Archäologen ausgegraben worden sind. Wir kommen durch eine „Lumber

Region“, wo die Abholzung anscheinend recht planlos unter Gelbkiefern

und Wacholder haust.

In 2262 Meter Höhe fahren wir über den Glorietapaß, eine Wasserscheide

zweiter Ordnung mit dem Dörfchen gleichen Namens. Dann geht es bergab,

dem Rio Grande zu. Die Geschwindigkeit nimmt zu; eine Motordräsine, die

uns dicht auf den Fersen folgte, kann nicht mehr mit. Nachdem die Bahn

225 Kilometer eingleisig gewesen ist, wird sie wieder doppelgleisig,

und wir begegnen einem Zug, dessen große eiserne Wagen mit Früchten

gefüllt sind. Der Boden hat hier denselben roten Farbton, der für den

Gran Cañon so charakteristisch ist. Wir durcheilen in engen Durchgängen

gewundene rote Täler, die oft zwischen senkrechten Bergwänden

eingeschlossen sind. Kalköfen ragen wie riesige weiße Bienenkörbe empor.

Bei dem kleinen Dorf Lamy zweigt nach rechts, nach Norden, eine

Nebenbahn nach dem 40 Kilometer entfernten Santa Fé ab, der berühmten

alten Stadt, die der Eisenbahngesellschaft ihren Namen gegeben hat.

Leider mußte ich darauf verzichten, die Adobehütten, charakteristische

spanische, aus ungebrannten Ziegeln errichtete Häuser, zu besichtigen,

und mußte mich mit einem flüchtigen Blick begnügen. Der nächste Ort

ist Los Cerrillos. Große Ziegenherden weiden auf der Prärie. Man sitzt

den ganzen Tag und betrachtet die entfliehende Landschaft, man wird

schläfrig und schlummert für eine Weile ein. An einem Pueblo erreichen

wir den Rio Grande del Norte, dessen Tal wir nun folgen. Wir befinden

uns jetzt in einem „Horsebreeding Country“, einem Pferdezuchtland, mit

üppigem Grün, saftigem Wiesenland und parkartigem Wald. Um ¾6 Uhr sind

wir in Albuquerque am linken oder Ostufer des Rio Grande.

Drittes Kapitel.

Durch Neumexiko und Arizona.

Es gehörte zu Clarksons Dienstgeschäften, in Albuquerque haltzumachen

und das vor zwei Monaten fertiggewordene Hotel Harveys zu besichtigen.

Diese Unterbrechung paßte mir vortrefflich, denn nach einer Bahnfahrt

von 2000 Kilometer ist man etwas steif in den Beinen. Das Hotel, das

in dem gewöhnlichen spanisch-mexikanischen Stil erbaut ist, hat nicht

weniger als 750000 Dollar gekostet, während das Gasthaus El Tovar am

Gran Cañon, das aus Holz ist, 250000 Dollar erfordert hat. Diese beiden

sind die größten von Harveys fünfundzwanzig Hotels, deren östlichstes

in Emporia liegt.

Vor dem Essen besuchten wir Harveys „Indian Shop“, der ein wahres

Museum ist. Hier werden moderne von Indianern angefertigte Gegenstände

verkauft, wie Körbe, irdene Gefäße, Puppen, silberne Ringe, Arm- und

Halsbänder und mit Türkisen aus Arizona besetzte Dosen. In einem

Schaukasten sind all die Arten von Halbedelsteinen ausgestellt, die im

Staate Arizona vorkommen. In einem großen Raum breitete man auf dem

Boden eine ganze Sammlung indianischer Teppiche aus in eigenartigen,

originellen Mustern, in denen Blitz und Hakenkreuz eine große Rolle

spielen, und man zeigte uns hübsche „Rugs“, ein Mittelding zwischen

Schal und Mantel, in Rot und Gelb, die die Indianer vor ein, zwei

Jahrhunderten getragen haben; die Sonne und die malerischen Wirkungen

des Sonnenlichts haben sicher Farbe und Muster beeinflußt. Die einfach

schwarzweißgestreiften sind seinerzeit von Häuptlingen getragen worden.

Auch allerlei Gegenstände alter spanisch-mexikanischer kirchlicher

Kunst stehen hier zum Verkauf, die teils aus Europa eingeführt,

teils im Lande von spanischen Missionaren angefertigt worden sind,

Heiligenbilder, Altargemälde, Kruzifixe, Bischofskreuze an silbernen

Ketten, Kandelaber und anderes mehr. Auf dem Bahnsteig, wo die

Reisenden während der Zeit des stundenlangen Aufenthalts, die nicht

durch das Essen in Anspruch genommen ist, lustwandelten, saßen eine

Reihe wirklich malerischer Indianerinnen vom Navahostamm in bunten

Gewändern mit roten Kopftüchern und Schals, geschmückt mit baumelnden

silbernen Schmucksachen; sie verkauften Tonwaren, irdene Gefäße und

andern Kram. Ich hätte am liebsten hierbleiben mögen, um zu zeichnen

und zu malen, doch meine Zeit gestattete es nicht.

Albuquerque ist nach dem berühmten Konquistador Alfonso d’Albuquerque

benannt, der um 1540 die Gegend verheerte und plünderte. Es ist eine

recht langweilige, alles andere als schöne Stadt. Aber in der Umgebung

soll es bemerkenswerte Überreste aus früheren Zeiten geben. Die

Bevölkerung besteht aus Mexikanern, Indianern und Ansiedlern.

Nachdem ich in einem entzückenden, kühlen Hotelzimmer mit den

unentbehrlichen feinen Drahtgittern vor den Fenstern eine angenehme

Nacht verbracht und mich richtig ausgeruht hatte, nahmen wir ein

„Yellow Taxy“ und fuhren in fünfunddreißig Minuten nach Isleta. Der

13 Kilometer lange Weg ist zementiert, ein Luxus, der hier auf

etwa zehn Dollar für das Meter zu stehen kommt. Den Rio Grande del

Norte überquert man auf einer schmalen eisernen Brücke mit hölzerner

Fahrbahn. Der Fluß ist gewaltig, aber seicht, wie dies hier im Westen

oft der Fall ist; sein Wasser ist dick wie Erbsenbrei.

Isleta ist in den letzten Jahren ansehnlich gewachsen und soll eine

Bevölkerung von 25000 Menschen haben. Die meisten sind Mexikaner. Die

Häuser sind im Adobestil erbaut, d.❁h. aus ungebrannten Lehmziegeln.

Die ansässigen Indianer, die Puebloindianer, sind katholisch. Mehrere

vornehme Indianer liegen unter den Steinplatten der mit billigen

Farbendrucken geschmückten, dreihundert Jahre alten Kirche begraben,

einer der ältesten in dieser Gegend. Der Pater, ein Franzose, der

dreißig Jahre an diesem schrecklichen Ort zugebracht hat, war nicht zu

Hause.

Die mexikanische Missionskirche San Felipe besuchten wir nicht. Während

die mexikanische Altstadt sonnige, staubige und langweilige Straßen

und graue Lehmmauern hat, ist die Neustadt rein amerikanisch und

besitzt Banken und Geschäftshäuser, Villenviertel mit schönen Häusern

und Gärten, Alleen und einen „Public Garden“. Tamarisken und Pappeln

sind überall zu sehen. Man tut alles, was man kann, um Vegetation und

kühlende schattige Bäume aus dem dürren gelben Boden hervorzuzaubern.

Die Straßenbahn der kleinen Stadt hat auch heute noch Frauen als

Schaffner und Führer, die ihren Verdienst nicht aufgeben wollten, als

die Männer aus dem Krieg zurückkehrten. Im Indianerviertel von Isleta,

dessen gelbe Lehmhäuser den Wohnstätten im westlichen Asien gleichen,

besuchten wir einen prächtigen Alten, den achtundsiebzigjährigen

Manuele Antonio Carpio, einen ausgezeichneten Typ, kupferbraun mit

schneeweißem Haar. Das Innere seiner Hütte war einfach, aber sauber;

auf dem Boden lagen sogar indianische Teppiche. Der Alte erntete auf

seinen Wiesen sieben Tonnen „Alfalfa“ (Luzerne) und war mit dem Leben

zufrieden.

Wir fahren nach Albuquerque zurück. Unser Tag neigt sich seinem Ende

zu; wir nehmen an der dichtbesetzten Tafel unser Essen ein und wandern

dann gleich den andern auf dem Bahnsteig auf und ab, den Abgang des

Zuges erwartend. Die meisten Reisenden sind uninteressante, aber

interessierte Touristen, die sich ihr großes Land ansehen. Auf ihrem

Weg vom Atlantischen zum Stillen Ozean folgen sie der Sonne und

gewinnen vier Stunden, denn der Erdteil hat vier verschiedene Zeiten:

die Ostzeit, die Mittelwestzeit, die Bergzeit und die Pazifische Zeit.

In Neumexiko stößt der Amerikaner, der aus einem der Oststaaten kommt,

auf eine neue Welt. Hier bilden Spanien-Mexiko und die Indianer den

vorherrschenden Einschlag, hier breiten sich die unendlichen, öden

Flächen aus, mit ihren Rinder-, Pferde-, Schaf- und Ziegenherden, hier

erheben sich die Bergketten auf einer Grundlage, die selbst hoch über

dem Meer liegt, hier ist die Bevölkerung spärlich in einem Land, das

U.❁S.❁A. noch nicht völlig erobert hat.

Um ½9 Uhr abends verließen wir Albuquerque. Etwa zehn Züge berühren

täglich die Stadt. Vor der Abfahrt ist der Bahnsteig voller Menschen,

und als wir in die Nacht hinausrollen, ist alles besetzt. Clarkson

und ich nehmen in einem Pullmanwagen Platz, obgleich der Zug, der den

Namen „The Scout“ trägt, auch einen „Tourist Car“ mitführt, der zwar

15 vom Hundert billiger, aber im großen und ganzen ebensogut ist wie

ein Pullman. Der Raum wird sorgfältig ausgenutzt. Alles Handgepäck

wird unter die Sitze geschoben, die großen Hüte der Damen steckt der

Neger in Papierbeutel, die er an die Decke hängt, dann schlagen der

schwarze Mann und sein ebenso schwarzer Gehilfe mit bewundernswerter

Geschicklichkeit die oberen Schlafsofas herunter und verstauen die

kleineren Sachen der Reisenden, Überkleider, Bücher, Zeitungen,

Zeitschriften und Handtaschen mit den Toilettensachen am Fußende der

Betten. Währenddessen sitzen wir im Rauchabteil und studieren die Karte

oder lesen die kleine Zeitung „The Albuquerque Herald“. Draußen sind

ungefähr 25 Grad, aber im Wagen ist es erstickend warm. Wir haben daher

das Fenster offen und begnügen uns mit dem Drahtgitter. Aber in der

Nacht erwacht man infolge der Kälte, die einen überschleicht, und läßt

das Fenster herab. Was die Landschaft betrifft, die wir in den nächsten

sechs, sieben Stunden durchfahren, so soll es kein großer Verlust

sein, daß Schlaf und Dunkelheit uns ihres Anblicks berauben. Den Rio

Grande del Norte haben wir schon bei Tageslicht erblickt, aber es

wäre interessant gewesen, den westlichen Teil von Neumexiko zu sehen,

den die kontinentale Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und dem

Stillen Ozean durchzieht.

Gran Cañon · 第 2 / 13 段